1foonnes Geheimnis
Vornan von Klothilde von Stegmann
Llrheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (Saale)
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Matzow überlegte einen Augenblick. Fragend sah er Seeburg an.
„Perlain hat doch seine Mißbilligung des Artikels erklärt. — Ich kenne das Telegramm. Es macht nicht den Eindruck, als ob sein Absender ein Riesenschweinehund wäre! Dann steckt also diese Filmschönheit hinter der Sache. Lieber Seeburg, ich warne Sie! Sie müssen diese verwöhnte Dame, wahrscheinlich unabsichtlich, tödlich gekränkt haben. Frauenrache ist ein böses Ding, Seeburg! Haben Sie eine Ahnung, womit Sie der Dame zu nahe getreten sein können? Geht es gutzumachen?"
Leise kam Seeburgs Antwort:
„Ich kann und will nichts gutmachen."
Matzow pfiff leise durch die Zähne.
„Dann wollen wir von was anderem reden, See- bürg. Möglich, daß ich auf einer ganz falschen Fährte bin. Also geben Sie mir die Akten Ostfront' und denken Sie nicht mehr an mein Gerede."
Die Herren schüttelten sich die Ho d. Seeburg blieb in wesentlich besserer Stimmung zurück.
15. Kapitel.
Als Irene nach Beendigung ihres Dienstes auf die Straße trat, begegnete ihr, wenige Schritte vom Bureau der Filmgesellschaft entfernt, ihr Vetter Franz von Malesius. Er begrüßte Irene erfreut und beantwortete ihre erstaunte Frage: „Wie kommst du denn um diese Zeit gerade hierher?", offen mit den Worten:
„Ich habe auf dich gewartet; ich wollte dich schon lange gern sprechen."
Kühl erwiderte Irene:
„Ich wüßte zwar nicht, Franz, was wir zu besprechen hätten. Aber warum sagst du dich da nicht einfach mal bei uns an?"
Sie war über die Begegnung mit Franz nicht sonderlich erfreut. Was sie gegen ihn hatte, war ihr nie ganz klar geworden. Vielleicht lag es daran, daß ihr Vater davon gesprochen hatte, wie wenig ihm die Lebensweise von Franz gefiele. Er hatte gehört, daß Malesius hoch spiele und über seine Verhältnisse lebe. Das war bei der strengen Beamtenauffassung des Vaters ein sehr schwerer Vorwurf. Außerdem mochte Irene die Glattheit nicht, mit der Franz auch jetzt, völlig unberührt durch ihr zurückhaltendes Benehmen, antwortete:
„Mir lag daran, dich einmal allein zu sprechen." Als ob er Gedanken lesen könnte fuhr er fort: „Ich weiß genau, daß du im Grunde genommen etwas gegen mich hast und mich so ein bißchen als schwarzes Schaf betrachtest. Onkel mochte mich auch nicht. Aber, Irene, ich mag dich um so mehr und —"
Hier fiel ihm Irene ins Wort:
„Ich möchte dir und mir peinliche Augenblicke ersparen. Deshalb bitte ich, wenn du mich durchaus weiter begleiten willst, ein anderes Gesprächsthema zu wählen. Laß mich dabei aus dem Spiel."
„Gerade das geht nicht, Irene. Einmal mußt du mich anhören. Diese Bitte darfst du mir nicht abschlagen. Ich weiß, du hast ein Vorurteil gegen mich. Vielleicht hast du auch in manchem recht. Ich wiederhole: recht gehabt! Aber ich habe mich geändert und will mich weiter ändern."
„Sehr schön und sehr gut für dich, Franz — aber wozu muß ich das alles wissen? Ich habe dir nie Vorwürfe gemacht, habe auch gar kein Recht dazu!"
Die beiden waren inzwischen in die wenig belebte Kurfürstenstraße eingebogen.
„Irene, wenn ich dir sage, daß es sich für mich um alles, um mein ganzes zukünftiges Leben handelt, dann wirft du mich bis zu Ende anhören. Ich habe gespielt, ich habe die Vergnügungen der Großstadt vielleicht mehr ausgefoftet, als gut war. Aber weißt du, warum ich das getan habe? Weil ich bisher nicht hoffen konnte, dich zu erringen. Bitte, unterbrich mich jetzt nicht, Irene! Du hast in dieser Frage doch das letzte, das entscheidende Wort. So höre mich an. Seit meiner Knabenzeit liebe ich dich, Irene, ich habe dich immer geliebt! Gezeigt habe ich es dir nie. Auch nicht, als ich erwachsen war — bis heute nicht. Weil ich nichts war und nichts hatte und nicht mit leeren Händen vor dich hintreten wollte. Nein, laß mich weiterreden! Jetzt bin ich aus meinen Schulden heraus, habe etwas zurückgelegt, ich habe ..Franz von Malesius brachte die nächsten Worte zögernd heraus: „... eine glückliche Spekulation gemacht. Jetzt darf ich dir sagen, Irene, daß ich dich lieb habe und ..."
Wiederholt hatte Irene versucht, den Redestrom zu unterbrechen. Aber sobald sie einen Ansatz dazu machte, hatte Franz seine Stimme erhoben. Die Menschen, denen sie begegneten, hatten Bruchstücke der Unterhaltung hören müssen, und das war Irene so peinlich, daß sie schwieg. Aber nun ging es nicht mehr. Länger konnte und wollte sie Franz nicht anhören.
„Genug, Franz! Ich will jetzt kein Wort mehr hören! Sonst lasse ich dich einfach hier auf der Straße stehen. Ich will deine Liebe wie auch deine Bekenntnisse nicht. Und wenn du bis an den Hals im Golde säßest, an meinen Empfindungen würde das nichts ändern!"
Sie war stehengeblieben und sah ihren Vetter mit zornblitzenden Augen an.
„Also, entweder wechselst du das Thema —- oder wir trennen uns!"
Ein häßliches Lachen entstellte das glatte, blasse Gesicht vor ihr.
Wutschnaubend erwiderte er:
„Ist es der Seeburg, der dir im Kopfe steckt? Ha — nun wirst du verlegen! Denkst du, ich weiß nicht, daß du in ihn verschossen bist? Schlag dir den nur aus dem Kopfe, Kusinchen! Aus der Sache wird nichts. Der tanzt, wie Yvonne Dumont pfeift. Daß du auf der Welt bist, das weiß er überhaupt nicht! Damals, als du die unangenehme Geschichte in der Bayrischen Gesandtschaft hattest, habe ich gleich gewußt, wie es um dich steht. Aber lies nur die vorige Nummer der »Großen Glocke'. Da kannst du sehen, wie sich der Legationsrat mit seiner Verliebtheit schon in Schwierigkeiten gebracht hat. Jetzt soll es ja vertuscht werden — aber daß man ihm bereits einen Auftrag abgenommen hat, das steht fest. Und wenn wieder mal was passiert — und er hat mehr Feinde, dis er denkt, der hochnäsige Herr —, dann wird man ihm in irgendeiner Form den Stuhl vor die Tür setzen. Und das ist nur gerecht, denn wenn die Dumont winkt, nur so ganz leise mit dem kleinen Finger, dann begeht der Herr Baron ja doch jede neue Dummheit. Laß dich nicht mit Leuten ein, die schon halb erledigt sind, Kusinchen! Bei mir geht es aufwärts. Und bei dem Seeburg ist bald Schluß. Das pfeifen die Spatzen von den Dächern!"
Als Malesius angefangen hatte, von Seeburg zu sprechen, hatte Irene ihn einfach stehengelassen. Aber dann war der Name Yvonne gefallen. Da blieb Irene wie gelähmt stehen. Jede Erwähnung Seeburgs in Verbindung mit Avonne war wie ein erneutes Aufreißen der ewig schmerzenden Wunde. Aber sie mußte hören, was Franz über Seeburg sagte. Wer konnte wissen, was für eine neue Gefahr hinter seinen bösen Worten lauerte! Also stand es schon so, daß alle Welt über Seeburg und Uvonne sprach! Wie das schmerzte! Was sagte Franz da noch? Die „Große Glocke" sollte sie lesen? Das hatte man ihr im Bureau auch schon gesagt. Allerdings war dies eine Kollegin gewesen, die von der Bekanntschaft Irenes mit Seeburg nichts wußte. Es mußte doch eine aufsehenerregende Sache fein. Sofort mußte man sich das Blatt verschaffen. Aber Franz sollte nichts spüren von dem, was sie bewegte. Indem sie sich zum Gehen anschickte, sagte sie so ruhig wie möglich:
„Ich wäre froh, du hättest mir diese Unterhaltung erspart, Franz. Eins will ich dir aber noch sagen, damit du weißt, woran du bist: Wenn Seeburg, und sei es selbst durch eigene Schuld, ins tiefste Unglück käme — er wäre mir noch immer zehntausendmal lieber als du, wenn es dir noch so gut ginge!"
Damit ließ sie Malesius stehen.
Schmerz und Beschämung malten sich auf dessen Gesicht, als er ihr nachblickte. Er liebte Irene wirk
lich. In sein wüstes Leben hatte er sich Immer mehr verrannt, weil er wußte, daß sie für ihn unerreichbar war, solange ihn der Spielteufel immer mehr in Schulden gehetzt. Irene war für ihn die seelische Verbindung mit der Welt, aus der er selbst kam. Jetzt hatte er Ordnung in seine Verhältnisse Dringen können. Auf welche Weise er das Geld erworben hatte, das hätte er allerdings Irene nicht erklären dürfen.
Gespielt hatte er in der letzten Zeit nicht mehr. Solange er nichts besaß und beim Spiel nur der Gewinnende sein konnte, so lange war ihm kein Einsatz zu hoch, kein Spiel zu verwegen, kein Partner zu schlecht gewesen. Aber seitdem er mit den unverhofften Einnahmen sich von seinen gar nicht so bedeutenden Verpflichtungen hatte frei machen können, seitdem barg das Spiel für ihn die Gefahr, das Wenige, das er hatte, zu verlieren.
i Irene gegenüber hätte er sich als gewiegter ' Spieler nicht so hinreißen lassen dürfen, sagte sich Franz. Aber wenn er an Seeburg dachte, stieg der alte Haß wieder auf. Hatte doch dieser Mensch in einer Art mit ihm gesprochen, die Franz von Malesius noch in der Erinnerung erbleichen ließ. Diese verdammte kühl-liebenswürdiae Art, die in Wirklichkeit doch eine hochmütige Ablehnung war! Nun, man würde schon noch einmal Gelegenheit finden, sich zu rächen. Bei dem Staatssekretär Doktor Berg hatte man ja schon verstanden, sich einzuschmeicheln. Wenn Seeburg eines Tages wirklich strauchelte — und Franz von Malesius rechnete auf diesen Tag —> dann konnte man vielleicht doch noch hoffen, selbst sein Nachfolger zu werden. Die Personalakten konnten dann schnell gereinigt werden; man hatte nach dieser Richtung schon oorgearbeitet. Dann hieß es nur noch diesen Lasten, den jungen Walburg, der seine Nase in alles steckte, loswerden.
Ob er bann noch einmal sein Heil bei Irene versuchen konnte? Wenn sie es merken würde, daß er nicht bloß drauflos geschwatzt hatte, daß es ihm ernst war, das Spielen und Bummeln zu lassen, dann wurde er vielleicht doch ein annehmbarer Bewerber, wenn Seeburg wirklich erledigt war.
Ein Schupo war langsam nähergekommen. Der gut angezogene Herr, der da seit Minuten unbeweglich auf dem Bürgersteig stand und den — allerdings nur schwachen — Verkehr behinderte, war ihm ausgefallen. Er trat an Franz von Malesius heran:
„Ist Ihnen nicht gut, mein Herr? Kann ich Ihnen behilflich sein?"
„Danke, mein Freund!" erwiderte lachend Malesius. „Mir fehlt nichts. Ich habe wohl eine ganze Zeit auf einem Fleck gestanden?! Ich will die geheiligten Verkehrsvorschriften nicht verletzen. Ich gehe schon weiter."
(Fortsetzung folgt.)
Gießen (Hitlerwall 15), den 2. Januar 1934.
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