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Samstag, 2O.August 1036
Hr. 202 viertes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)
Bauer in der Landschaft. — Idyll über dem Buseckertal.
vermochte. Leider, so sagte sie.
Reicher Aepselsegen füllt viele Körbe.
Grummeternte im Buseckertal. Im Hintergrund Alten-Buseck.
Gießener Arbeitsdienftmänner heljen im Buseckertal.
Bei der Grummeternte auf de» Höhen bet Königsberg.
würzig riechenden Körben zu bergen
Um große und kleine Garben ging die Rede, um kurzes und langes Zuforken auf den Wagen sprach man hin und her, bis schließlich dazu übergegangen wurde, einige der Arbeitskameraden, die sich besonders verdient gemacht hatten, zu ehren, indem sie von den handfesten Burschen auf die Schultern
nach schweren Tagen der Arbeit — diese festlichen Stunden in kleinem Kreise. Manches schöne Volkslied wurde gesungen und die Weisen einer Ziehharmonika klangen durch den friedlichen Abend. Eine große Freude war es allen, als sich gar einer der Helfer, jener, der auch die Ziehharmonika meisterhaft handhabte, als Sänger mit einem schönen Bariton erwies und mit Liedern aus deutschen Opern aufwartete. Auch gab es manches ernste, besinnliche Wort hin und her — ein Deutschösterreicher, der auf dem Gute arbeitet, sprach von seiner Heimat an der Donau und brüderlicher Verbundenheit mit allen Deutschen: der Ortsbauernführer Hennecken lenkte die Gedanken auf den großen und tiefen Sinn wahrer Volksgemeinschaft.
Der Mond stand am Himmel und lugte durch die Bäume des Gartens auf die kleine Runde, die hier beschaulich im Bannkreis des Lichtes einer Laterne faß und einen Tag würdig beschloß, der den Abschluß einer Arbeit brachte, die unseren Bauern den Höhepunkt des Jahres bedeutet.
Bei der Obsternte.
(Aufnahmen s8s: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Maschinen.
Die gemeinsamen Stunden am Abend gestalteten sich zu einer Feier, so stimmungsvoll und so sehr im Sinne unserer Zeit daß es angebracht erscheint, hier noch einige Worte darüber zu sagen.
Unmittelbar an Haus und Garten waren Tische aufgestellt und während im Westen die Sonne sank, saß man nach einem kräftigen Abendbrot kameradschaftlich zusammen. Noch einmal sprach Herr Hen- I necken herzliche Worte des Dankes an seine Mit
saftigen Zwetschenkuchen. Frühe Zwetschen und Pflaumen treten schon den Weg in die Einmach-
Je nach den alten Ueberlieferungen werden die Erntefeste verschieden gefeiert in den einzelnen deutschen Gauen. Aber der große Rahmen bleibt immer derselbe. Bei Sang und Klang werden die Erntekränze auf der Diele eines der Bauern gewunden, in vielen Gegenden in dem Hause, in dem Knecht und Magd die Ehre haben, den Erntekranz in den Saal des Dorfkruges zu tragen Und die kleinen Erntesträuße, überall stehen sie in diesen Tagen in den Häusern des deutschen Bauern, goldene Haferhalme, gemischt mit denen des Roggens und den leuchtend vollen Aehren des Weizens. Singend und fröhlich geht es zum Hofe, wo der Erntekranz gewunden wird. Erntebraut und Erntebräutigam haben den Zug schon erwartet, sie sagen beide ein kurzes Erntegebet her, und alsdann kommt der Bauer und gibt der Dorfjugend einen kleinen Willkommensschluck. Nun setzt sich der Zug zum Dorfkruge in Bewegung, das Erntebrautpaar geht mit dem Erntekranz voran, hinterher schreiten die Dorfschönen und jungen Burschen. Im Kruge macht der Zug halt, und dann werden sinnige Erntegedichte vorgetragen, bis zum Schluß der Vorträge die Fiedel und der Brummbaß ihre Melodie leise beginnen und der Tanz mit dem Erntekranz von dem Brautpaar begonnen wird, rings umstanden von der Jugend des Dorfes. Abends aber ist der eigentliche Ernteball. Ernte. Landauf, landab werden die Erntefeste in diesen Wochen gefeiert, bis das große Erntedankfest das deutsche Volk, die Stämme und Landsmannschaften brüderlich zum Erntedankfeste auf dem Lückeberg vereint.
überreichte. Herr Hennecken hielt bann der versammelten Gefolgschaft eine kleine Ansprache, in der er den treuen Helferinnen und Helfern herzlich für alle aufopfernde Arbeit dankte, von der guten und trotz aller Schwierigkeiten doch glücklichen Einbringung des Getreides sprach und dann alle für die Stunden nach Feierabend zu einem Faß Bier einlud — eine Kunde, die selbstverständlich mit großer Freude ausgenommen wurde. Nachdem dann zu Ehren der letzten Garbe noch eine Flasche eines kraftvollen alkoholischen Getränks die Runde gemacht hatte — auch die Frauen und Mädchen nippten einmal an den Gläsern — ging man wieder an die Dresch-
Erntekranz und letzte Garbe.
müsse sie die Aepfel jetzt schnell abnehmen, obwohl sie noch reifer, saft- und kraftvoller am Baume werden sollten. Aber, aber — es gibt leider immer noch Volksgenossen, die selbst einen halbreifen und leicht greifbaren Apfel nicht hängen sehen können. Und diese Tatsache zwingt den Bauern dazu, früher zu ernten, als er es gerne möchte. Es ist leider auch schon beobachtet worden, daß Kraftfahrer schnell einmal aus dem Auto steigen, an einem Bäumchen
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Im Biebertal: Frauen ziehen zur Grummeternte aus.
gläser an.
An der Straße nach Großen-Buseck sprachen wir mit einer Frau, die den Segen ihrer Bäume, die Gravensteiner kaum in ihren
Für denjenigen, der sich dem bäuerlichen Lebenskreis nahefuhlt, ist es sicherlich immer wieder eine große Freude, mit dem Bauern einmal über seine Arbeit, über das, was ihn bewegt und was ihm Freude macht, zu sprechen. Wie noch viel reizvoller ist es aber, einmal bei einem Feste dabei zu sein.
Der Gießener Ortsbauernführer Hennecken, der das Gut an der Marburger Straße bewirtschaftet, gab uns Gelegenheit, am Donnerstagmorgen und auch am Abend an einer kleinen Feier teilzunehmen, die aus Anlaß der Einbringung der letzten Garben im Kreise der Familie und der Gefolgschaft abgehalten wurde.
Morgens, als der letzte Wagen mit Hafer etn- gebracht wurde, unterbrach man für eine Viertelstunde die Arbeit an der Dreschmaschine. Mit großer Geschicklichkeit war ein Erntekranz gefertigt worden, aus Aehren und Blumen, geschmückt mit bunten . ,------.... < ■ -
Bändern, den der Hofmeister dem Gutspächter! gehoben wurden. In heller Freude vergingen —
Landvolk in heimischer Landschaft
Bei der Ernte. — Grummet, Getreide, Obst. — Die letzte Garbe.
arbeiterinnen und Mitarbeiter, gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß alles Getreide mahlfähig eingebracht werden konnte und zur Stunde zum großen Teil die Mühle bereits durchlaufen hatte. Er gab ferner humorig die Tatsache zur Kenntnis, daß es bei den vielen eingebrachten Wagen keinen „Umfchmiß" gab und dankte den Fuhrleuten für ihre Arbeit, lieber diese Worte des Betnebsfuh- rers gab es dann eine lebhafte und von vielem Gelächter unterbrochene Aussprache zwischen den Fuhrleuten und jenen, die so ausgezeichnet geladen hatten, daß „einfach gar 'nicht umzuschmeißen war .
Nun lag in diesen Tagen das Licht einer strahlenden Augu,tsonne über unserer Heimat. Wenn zu früher Morgenstunde in den Tälern und über den Waldern leichte Nebel lagen und die freie Sicht verwehrten — um die Mittagsstunde leuchtete aber immer in den herrlichen Tagen dieser Woche die Sonne über unserer schönen heimatlichen Landschaft und machte sie freundlicher, als wir sie zu vielen Tagen eines mißvergnügten Sommers sahen. Zu aller Schönheit, die die Sonne beschied, tat sie noch einen besonderen Dienst: sie trocknet jetzt mit aller Kraft die letzten Garben, die noch auf dem Felde stehen und verwandelt außerdem das durch die durchdringenden Regen üppig gewachsene Gras nach dem Schnitt in wenigen Stunden in Grummet, dessen Geruch jetzt überall durch die leichten Winde über das Land getragen wird.
So ist es kein Wunder, daß überall die Bauern auf Feldern und Wiesen sind. Gerade auf den heimischen Wiesen rattern die Mähmaschinen. Ueberall leuchten die weißen Tücher der Frauen und Mädchen, die das Grummet wenden. Jetzt ist auch die Zeit, da sich die Getreideernte ihrem Ende nähert. Das Getreide stand durch das feuchte Wetter unverhältnismäßig lange Zeit auf Halm und Haufen. Nun geht es aber an die letzten Haferbestände.
Wer die glücklichen Tage eines Urlaubs gemeßen kann, und wer nicht in die Berge oder an die See fährt, sondern die Heimat für würdig hält, sie näher kennen zu lernen, wird gerade jetzt nicht versäumen, die Tage zu nutzen, denn man weiß nie, wie lange die Herrlichkeit dauert.
Ueberall prangen die Bäume und Wälder in ihrem kraftvollsten und dunkelsten Grün, und nur die Kastanien an den Straßen und auf Plätzen in den Dörfern mahnen an den Herbst Der Anblick der Obstbäume ist eine helle Freude. Im Busecker Tal, im Biebertal, in der Gegend um den Düns- berg und im Lahntal hängen die Bäume so voll, wie selten in Jahren vorher. Fast unter jedem -weiten Baume stehen mehrere Holzstangen als Stützen oder aber eine Stange überragt den Baum unb mit weichen Seilen sind die Aeste hochgebun- den. An der Straße Kinzenbach—Krofdorf sahen wir einen Birnbaum, der beinahe mehr Fruchte als Blätter trägt. Da kann in diesem Jahre viel Most bereitet werden, da gibt es guten Apfelwein — vom Zwetschenhonig gar nicht zu reden! Der Segen, der an den Zwetschenbäumen hangt, wird kaum unterzubringen sein. Die Kinder lecken sicher schon jetzt die Finger in der Erwartung auf die
rütteln und dann ernten, wo sie kein Recht dazu haben. Man müßte meinen, daß Apfelmus aus solchermaßen erworbenen Aepfeln doch nicht recht schmecken könnte. Man muß sich darüber klar sein, daß die zu frühe Ernte einen volkswirtschaftlichen Verlust bedeutet.
So reichlich wie die Obsternte, ist in diesem Jahre auch die Grummeternte ausgefallen. Kaum daß der zweite Schnitt weniger Heu gibt, wie der erste! Der Bauer kann es gut gebrauchen! Jedermann erinnert sich dessen, daß das Vieh nur mühsam über den Winter 1935/36 gebracht werden konnte. Diese Sorge hat der Bauer für die bevorstehenden Monate nicht. Zwar gibt es mit dem Futter viel Arbeit, aber man geht gerne auf die Wiesen, und wenn mehrere hinausziehen zum Grummetwenden, dann ist es ja auch zu schaffen. Männern und Frauen mit geschulterten Rechen kann man jetzt auf allen Wegen begegnen.
Im Busecker Tal haben die Bauern auch für die Grummeternte Hilfe erhalten. Seit Wochen sind Männer des Gießener Arbeitsdienstlagers „Justus von Liebig" bei den Bauern einquartiert, und sie ziehen jeden Tag mit auf Felder und Wiesen. Die Bauern haben die Hilfe auch für die Grummeternte behalten können. Diese Gastarbeit des Gießener Arbeitsdienstes hat übrigens einen besonderen Reiz: sind doch die Kameraden des Gießener Arbeitsdienstes zumeist aus dem äußersten deutschen Westen, aus der Trierer Gegend, aus Aachen und aus der Eifel! Es läßt sich leicht denken, daß es da auch wohl manches Mißverständnis gibt, das sich aus der Verschiedenartigkeit der Mundarten ergibt. Nun, nach Wochen, versteht man sich auf beiden Seiten doch schon recht gut, denn wir sprechen ja alle deutsch.
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