Ur. 202 Zweiter Blatt
SÄ
iV
nmg.
ul
ip
tzü«'.
ttitv
«I , eebrudm
Ä
tt,
19. ck.
lstei9ei‘n Q1
Msnd hinter Wolken.
Von Manfred Hausmann
M>bs Uhr, die einzige, über die wir verfügen, rt 3uw Teufel gegangen. Da halten wir es heute ^acht in unserer schwarzen Lappenkote (Zelt) mit irr Feuerwache so, daß der jeweilige Wachter an tee fünfzig Seiten in dem Buch „Brasilianische LLenteuer^ liest und dann den nächsten weckt. Funf- m Seiten dauern ungefähr zwei Stunden. Es ist em englisches Buch, und wir mögen es alle wahn-
sinnig aern. — ,., . f
Unsere Kote steht über einem Torfstich
tiDor nicht weit von Neu Sankt Jüraen. Ich habe dse vorletzte Wache. Es mag ungefähr halb Drei ftim. Oben über der Oeffnung Zwischen den Koten- siangen dämmert das ungewisse Nachtgrau oes desigen Oktoberhimmels. Irgendwo hinter Dem Liolkendunst steht der Mond. Darum ist es so dam- n-erig da oben. In einer halben Stunde werde ich bin Meester wecken und dann fortgehen. Ich mutz > ^ute Nacht fort. Kurz nach fünf fahrt der Zug a-.s Worpswede ab, und von hier bis zum ^ayn- frif Worpswede sind es zwei Stunden. Wenn ich bnan denke, daß ich mich heute Nacht von den fcimeraben trennen soll, muß ich mein Gesicht Ligen das Knie drücken und mich mit den Zahnen lr die Haut beißen, die da über den Knochen s tz. Sy habe meine Kameraden so g^n wie niemanden Imst auf der Welt, Friedolin, den Meester, Stachel, E'immig und Bob.
Das Torffeuer mitten in der Kote brennt still mir sich hin. Meist ist keine Flamme zu sehen Die Eoben glühen nur. Von Zelt zu Zeit schwebt n ° zchen Rauch mit der heißen Luft empor, wirbelt in das Stangenkreuz und verliert sich draußen in k- Nacht. Ich habe keine Lust zu lesen.Wasgeht nch in dieser Stunde Brasilien an? Ich muß an itxms anderes denken, ich muß denken, daß itf dreiundzwanzig Jahre alt bin. Nach ein gen Monaten bin ich vierundzwanzig und dann un- I iiozwanzig. Ein Vierteljahrhundert. Ich bin sozu- '- -.en ein Mann. Jetzt kommt etwas anderes an - li Reihe. Eine verdammte Sache!
' Die Torfstücke sind übrigens seltsam lebendig. I H Glut weht und atmet und flimmert Bald fliegt || h rötlicher Schatten innen in der Tiefe hin, bald
' spart
loero-
IS®»«« L°bl geno>
-vtanfturt o* rlnidtitraße' <eleöbon72i' . '/oröem Sj? . ynlofe, uk " bmbl. Vor
\Ä; ysseniiet^, triSt erhalten rie ,oforti9er &
■VlDnatetQto von Mr.
•Ute Molch '
und neu« lateaiife
Bült#
für jede Brw
SchreibtM.li
ichruL ai. Friß Sein Frankfurt in lü
Kr:g»rmMt'!'
OieKuüur muß wachsen
Von Alfred püllmann
Der Sieg der nationalsozialistischen Weltanschauung hat das gesamte Leben unseres Volkes um- gLformt. Gerade in den kulturellen Dokumenten spiegelt sich am sichtbarsten die Kraft und die Stärke einer Nation wider, ebenso wie eine Revolution erst dann ihre Berechtigung erweist, wenn sie nicht im Niederreißen des Alten stecken bleibt, sondern wenn sie auch dem seelischen und geistigen, kulturellen und sittlichen Leben dieses Volkes neue Inhalte zu vermitteln vermag.
Daß eine solche kulturelle Neuwerdung und tiefgreifende Umwälzung sich nicht in einigen Jahren vollziehen lann, üatz sie noch viel weniger dem politischen Diktat gehorcht, entspricht nur dem Wesen aller Kultur, die schließlich ja nichts anderes ist als der seelisch-geistige Ausdruck unseres volk- lichen Lebens überhaupt. Wenn wir so die kulturelle Neugestaltung in Deutschland vom Volk, also vom Politischen her begreifen, wenn wir uns dessen bewußt werden, daß nur die politische, d. h. die von den tiefsten völkischen Kräften ausgehende Befruchtung auch dem kulturellen Schaffen die richtungweisenden Impulse geben kann, dann ist es klar) daß wir in einer Zeit des politischen Umbruchs nicht von der Kunst verlangen können, daß sie einem anderen, einem schnelleren Entwicklungs- lgesetz folgt. Man müßte unterscheiden zwischen dem kulturpolitischen Grundgesetz und den künstlerischen 'Stil- und Ausdrucksformen, ohne etwa der Gefahr m$u unterliegen, neuen Wein in alte Schläuche gie- jtzen zu wollen.
Wir sprachen von einem Grundgesetz und meinten damit — sowohl in staatspolitischer wie in kulturpolitischer Hinsicht — den weltanschaulichen Gewalt, die bluts- und rassenmäßig bedingte seelische Haltung — mit anderen Worten: die innere Ausrichtung. Damit ergeben sich auch zugleich Die Grenzen für die Haltung des Staates gegenüber Dem Kulturschaffen überhaupt, lieber Kunst- ober iStilform zu wachen, gegen bie. bildnerischen wie Ilie dichterischen, musikalischen wie architektonischen Lstil- und Formauffassungen einzuschreiten oder sie seinem starren Reglement zu unterwerfen, wird nie- -mals die Aufgabe des Staates auf künstlerischem Vebiet fein können: vielmehr geht es darum, den Künstler wieder einen weltanschaulichen Woden unter den Füßen gewinnen zu lassen.
Gerade der Nationalsozialismus hat in den Bereichen der Kulturpolitik eine Großzügigkeit obwal- cen lassen, die nur aus der inneren Stärke und Ueberlegenheit dieser Idee zu erklären ist, die aber zugleich auch den organischen Wachstumsbedingun- igen der Kultur einzig und allein gerecht zu wer- inen vermag. Wenn trotzdem heute noch stilgemäße Gegensätze oder Unausgeglichenheit in der Kunst- Anschauung ober besser in ber künstlerischen Darstellung vorhanden« finb, so wäre es verfehlt, baraus :auf bie weltanschauliche ober politische Tendenz solcher Kunst schließen zu wollen. Wohl aber wirb man von der Weltanschauung her eine Ueberwin- i'ung dieser äußeren Gegensätzlichkeit fordern und irwarten können, die sich aber ebenfalls weder er- iwingen läßt noch eine Angelegenheit weniger Jahre ist.
Es ist schlechterdings unmöglich, einen in absolut entgegengesetzten Begriffen befangenen Künstler da- >.urch zum Verkünder nationalsozialistischen Ideengutes zu machen, daß man ihm etwa Stilformen lufzwingt, wie sie vielleicht den kulturpolitischen An» ichauungen des Nationalsozialismus gerecht werden, rine solche Entwicklung wäre nicht nur verhänanis- . oll, sondern würde — vom Künstler selbst betrieben — eine Erscheinung zeitigen, die ja gerade wir iuf das allerschärfste bekämpfen und ablebnen: das kulturpolitische Konjunkturrittertum! Jede künsterische Leistung ist im lebten Grunde abhängig von Rareckter "nd ^rn-n b^s "Rz"sn»n. rrrnn oir den Kulturschaffenden selbst gewonnen haben, ürfen wir von ihm auch eine Leistung erwart n, ie den von uns gestellten Forderungen cm die reutsche Kultur entsvricht ob»r doch nah"kom-'ß j[nb das Kriterium für die Bewertung solcher ' . ung wirb immer die Entscheidung ber Frage sein, 7oie weit bie künstlerische Darstellung eines Ereignisses mit K"lf"f-rnill"n m^f-nnaslacknlss- mus selbst in Einklang zu bringen ist. Dabei ist es lrrade auf dem Gebiet der Kulturvolitik m't der
ck
iMl
\vxt\ W W 1
in*1
-bi- KemÄn'^'.
4D lOOOOM
-T-'itüidNVS m I vochel. W
tll, HaNdno^i
iftl.
su. ä
9i31
ln;. Hoß 1 ®
-7 Keller. » fpj J. Wellh6|!'
w,
rcn' Mndlicd^ laI’c Bieesnun® * lagen. * unt- „irtrti' A eine»«*
. ine imwi
, jyugeb
v-. .'rv.wirv V
taultiM
H BJtuhnU.li
4*3iQ ,-unEF
- . |ame«S 1t «»>5 ,n, \ 4 SÄ'
e ,'U läckcht
ST kun'Ä- 1U ives^ k 1 ech-
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Zielsetzung allein noch keineswegs getan. Neben ihr wird immer die Forderung nach einem berechtigten Eingreifen des Staates überall dort erhoben werden müssen, wo zersetzende Tendenzen das gesunde Wachstum der Gesamtkultur gefährden oder wo allzu offensichtlich der Kitsch seine unerwünschten Blüten treibt und dadurch bie Geschmacksrichtung des Volkes in Bahnen lenkt, bie niemals nach oben, stets aber nach unten führen können und müssen. — An biefer Stelle sei ein Wort zur Kritik gesagt: Ihre Ausgabe ist es, die M i t t l e r r o l l e zwischen dem Volke und seinen kulturellen Werten zu übernehmen: ihre Pflicht ist es, die Spreu vom Weizen zu scheiden und nicht nur bie Kulturwerte an das Volk heranzutragen, sondern gleichzeitig im Volke selbst den Willen zu kultureller Gestaltung wieder zu wecken: nur so können wir diese lebendige Wechselwirkung fördern, die als befruchtendes Fluidum zwischen dem Volk auf der einen und seinen Künstlern auf der anderen Seite immer vorhanden sein muß.
Denn wir dürfen eines nicht vergessen: Wir würden dem Begriff der Kulturpolitik nicht gerecht werden, ja, ihn völlig verkennen, wollen wir mit ihm etwa ein Spezialgebiet unseres öffentlichen Lebens umreißen. Das gerade war ja das falsche Ideal, dem die Vergangenheit gehuldigt hat, wenn sie Kunst als etwas für sich allein Bestehendes betrachtet, wenn sie die schöpferischen Werte unserer deutschen Kultur glaubte aus dem Leben der Volksgesamtheit herauslösen zu können, wobei sie in ästhetisierender Ueberspitzung die Kunst schließlich an sich selbst zugrunde gehen ließ. Denn nur auf diese Weise ist es doch Oberhaupt möglich gewesen, daß Kunst schließlich ein Angelegenheit einiger weniger, meist nur noch der Kunstschaffenden selbst wurde, während ja in Wirklichkeit das gesamte Leben eines Volkes ebenso politisch bedingt wie in seinen Ausdruckslormen kulturpolitisch zu werten ist.
Ist aber Kunst der seelisch-geistige Ausdruck unseres nationalen Lebens, dann muß sie entweder in der Seele des Volkes einen tönenden Resonanzboden finden oder sie hat ein für allemal ihre Daseinsberechtigung verloren. Ja, mehr noch! In jedem schmiedeeisernen Gitter, in jedem handwerklichen Türgriff, in jedem, auch dem kleinsten Werk der Architektur offenbart sich ein Stück des kulturpolitischen Willens einer Nation: dann nämlich — und zwar nur dann, — wenn diese innere Gleichrichtung zwischen dem Politischen und Kulturellen besteht. Wächst beides auseinander, ist die Kultur nicht mehr ein Teil dieses Volkes, dann
wird sie ebenso an dem mangelnden Nährboden zu Grunde gehen, wie andererseits in den unendlich kleinen und vielfältigen Erscheinungen unseres täglichen Lebens bald auch nicht mehr der Hauch eines künstlerisch gestaltenden Willens zu verspüren sein wird.
Bedarf es dafür der Beweise? Sprechen nicht die Verirrungen unseres kulturellen Lebens für sich selbst? Müssen wir noch an die unmöglichen und in Form wie Inhalt jedes künstlerischen Momentes baren Auswüchse erinnern, wie sie noch vor wenigen Jahren in mancher Hausfassade oder in schauerlichen Produkten der handwerklichen Kunst — die im übrigen diesen Wettlauf um die größtmöglichen Verzerrungen alles Gesunden und Normalen nicht in dem gleichen Maße mitmachte — zum Ausdruck kam? Denn nicht allein danach kann der Wert oder Unwert einer Kulturpolitik bemessen werden, wie viele Denkmäler, Siegessäulen, Kunsthallen ober Bibliotheken sie erstehen läßt: entscheidend für ihre Beurteilung bleibt immer, wie weit sie imstande ist, dem gesamten Leben eines Volkes wieder zu künstlerischen Ausdrucksformen zu verhelfen. Erst aus diesen primitivsten Kulturerscheinungen wachsen auch die Höchstleistungen künstlerischen Gestaltungsvermögens, die dann auch in Wahrheit als Kultur- dokumente eben dieses Volkes zu bezeichnen sind.
Als vor einiger Zeit in Berlin die organisatorische Zusammenfassung aller kulturell schaffenden deutschen Menschen mit der Ernennung des Reichskultursenats ihren krönenden Abschluß fand, da schloß Reichsminister Dr. Goebbels seine Ausführung mit dem Dank an den Führer, „der uns auch in unserer Arbeit lebendiges und greifbarstes Vorbild ist. Er hält seine Hand über alles, was am Wesen einer echten deutschen Kunst und Kultur tätig ist. Die deutschen Künstler fühlen sich stolz und glücklich in dem Gefühl: Er gehört zu uns! Er ist Geist von unserm Geist, Trieb von unserm Trieb. Er ist der Flügel unserer Phantasie, der Stern unserer Hoffnung!"
Wenn wir von dieser Warte aus die deutsche Kulturentwicklung betrachten, dann wollen wir eines nicht vergessen: Fünfzehn Jahre härtesten Kampfes hat der Nationalsozialismus gebraucht, um sich die Seele des deutschen Volkes zu erobern; sollten wir darum nicht auch geduldig warten, bis auf diesem in seinen letzten Teilen aufgepflügten. Boden der Nation auch die herrlichsten Früchte reifen, welche je nur ein Volk tragen kann? Dann aber ist eines nötig: Wachsen lassen, viel mehr wachsen lassen!
Sedan und Tannenberg.
Von Erhard Wegeli, Oberstleutnant a O.
Sehr selten sind in der Kriegsgeschichte aller Zeiten die Schlachten, die zur Vernichtung ganzer Armeen durch deren Einschließung geführt haben. Geniale Führung auf der Seite des Siegers, Fehler auf der des Besiegten, Ueberlegenheit des Siegers an Zahl, Güte ober Bewaffnung der Truppen, Ausnutzung einer günstigen Ausgangslage ober von Geländevorteilen find fast immer die Grundbedingungen von Vernichtungsschlachten gewesen.
Wenn, wie bei Sedan und Tannenberg, ein Volk in zwei aufeinanderfolgenden Kriegen zwei solche Vernichtungsschlachten schlagen konnte, so ist das in der Kriegsgeschichte ein Neues. Es' ist ein Zeugnis für die hohen soldatischen Eigenschaften des deutschen Volkes, die hervorragende Durchbildung seiner militärischen Führer und die geniale Veranlagung seiner Feldherren. Denn solche Schlachten kann nur ein gottbegnadeter und in der Kriegskunst durchgebildeter Feldherr schlagen, auch nur bann, wenn ihm ein Heer zur Verfügung steht, mit dem sich Höchleistungen erreichen lassen, das in sich die höchsten Tugenden des Soldaten vereinigt: Tapferkeit, Entschlossenheit, Manneszucht, Ausdauer, Ehr- und Vaterlandsliebe, Treue und Ka- radschaft. S"dan und Tannenberg sind wenige Wochen nach Kriegsbeginn geschlaa"n worden, also von Truppen, die nicht den Vorteil langer Kriegsgewöhnung besaßen, sondern nur das zeigen konnten, was sie in der Friedensausbildung gelernt hatten. Beide Schlachten waren also ein Beweis dafür, daß die deutsche Friedensans- bifbung in ihrem Kern richtig unb gut war, mochte
auch in den taktischen Einzelheiten manches falsch gewesen sein. Die Friedensausbildung im Felddienst erreicht ja leider nie das, was der Ernstfall fordert, da ihr die Hauptsache, die W a f f e n Wirkung, fehlt. Aber das Heer, das den voraussichtlichen Anforderungen des Krieges in seiner Ausbildung am nächsten kommt, hat vor seinen Gegnern, die darin weniger geleistet haben, einen gewaltigen Vorsprung. So war es mit den deutschen Heeren von 1870 und 1914.
Es ist nicht meine Absicht, die beiden Vernichtungsschlachten von Sedan und Tannenberg in ihrem Verlauf zu vergleichen. Ein solcher Versuch müßte scheitern, denn zu groß sind die Unterschiede in der Kriegslage, in der Anlage und Durchführung der Schlachten, in der Waffenwirkung, in den Geländeverhältnissen. Es soll nur in großen Zügen angedeutet werden, was den beiden Schlachten gemeinsam ist und was sie andererseits grundlegend voneinander unterscheidet.
Die Ausgangslage für die Schlacht von Sedan war die " denkbar günstigste. In den Augustschlachten bei Weißenburg, Wörth, Spichern und um Metz war der größte Teil des französischen Feldheeres schwer geschlagen. Die Armee B a z a i - n e 5 war in Metz nach dem Siege bei Gravelotte eingeschlossen. Die in die Einschließung von Metz nicht verwickelten Heeresteile zusammen mit Formationen aus dem Inneren Frankreichs waren im Lager von ChZ.lons in Hast zu einer neuen Armee unter Marschall M a c M a h o n zusammengestellt worden. Ihr entgegen marschierten die Armeen der
spielt ein weißer Gluthauch über die Oberfläche, bald eine violette Dunkelheit, und bald wabert alles durcheinander. Dabei entsteht nicht der leiseste Laut. Das Feuer brennt vollständig lautlos. Aber der Wind, der von weither über die Oede des Moores kommt und sich stoßweise gegen das Koten- tuch wirft, sorgt schon dafür, daß noch einiges Geräusch in der Nacht stattfindet. Er läßt das Tuch beben und rascheln. Es hört sich an, als schlügen Regentropfen darauf. Ich achte genau auf die verschiedenen Laute. Mit einem Male kipvt ein Stück Torf um, Funken wirbeln hoch, das Tuch raschelt stärker, das Feuer sackt zusammen, der Wind verklingt, und dann ist es wieder totenstill. Aber nicht lange. —
Ich sitze da und hänge meinen Gedanken nach, und die Zeit vergeht.
Ein bißchen Birkenreisig, das noch vom Feuermachen her am Rande des Feuerloches liegen geblieben ist, flammt auf und läßt die Kote ganz hell werden. Ich erkenne die schlafverschwollenen Gesichter der Kameraden, die mit Schweißperlen bedeckt sind, die verwählten Haarschöpfe, die nackten Knie, schmutzig von Moorerde. Nur Bobs Gesicht, der mit seinen sechzehn Jahren der jüngste von uns ist, Bann ich nicht sehen. Er liegt mit dem Rücken zum Feuer. Der eine Arm hängt verdreht über den Rücken hinab. Ein merkwürdiges Gebilde, so eine gelöste, willenlose Jungenhand!
Bob ist derjenige von uns, der manchmal mit seinen Fingern auf einer Blockflöte aus hellgelbem Birnbaumholz spielt, aber nur manchmal, er kann es noch nicht besonders und schämt sich vor uns.
Nun bröckelten die verbrannten Aestchen ab, die Flamme vergeht, nun herrscht wieder Dunkelheit im Zelt, und in der Mitte glüht der Torf in dem runden Loch. Es riecht nach Leder, nach Wolldecken, Stroh, Schweiß, Rauch und Tee. Wir waren drei Wochen zusammen, von Emden aus am Deich entlang durch Ostsriesland, Jeverland und Butjadingen, dann über die Weser und durchs Land Wursten und dann ins Moor. Große Dinge haben wir weiter nicht vollbracht in unserer Faulheit und in unserem Glück, aber ich glaube, wir sind ordentliche Kameraden miteinander gewesen. Ich glaube auch, daß ich nie wieder in meinem Leben so glücklich sein werde wie in diesen drei Wochen in Salzluft, Wind, Weite und Einsamkeit. Und oben über uns fönen
am Tage die Möoen und bei Nacht die Kiebitze. Das ist nun vorbei. Ich bin jetzt dreiundzwanzig Jahre alt. Nachher gehe ich fort. —
Wie ich mich bewege, um neuen Torf aufs Feuer zu legen, wacht Friedolin auf.
„Hö?"
„Schlaf man", sage ich.
„Bist du denn noch da?"
„Habe noch Zeit. Schlaf man weiter."
Aber er stützt sich hoch, reibt sich mit dem Daumenballen über die dicken Augen und blinzelt ins Feuer.
„Wieviel Uhr ist es denn?" fragt er mit heiserem Krächzen.
„Weiß nicht. Viertelstunde habe ich wohl noch Zeit."
„Schade, daß du weggehst."
„Hm."
„War schön, nicht?"
„Senkrechte Sache, Frieda!"
„Wie die alle pennen, die Brüder!"
„Laß sie man." . „
„Du, ich bringe dich nachher noch em Stuck.
„Kommt gar nicht in Frage.", „Macht mir aber nichts aus." „Ne, du. Laß mich man allein gehen. Ist besser.
Mußt du verstehen."
„Ach so."
Er holt seine verschlissene und fettbekleckste Klampfe heran und fährt mit dem Zeigefinger vorsichtig über die Saiten: Bing, beng, böng, bang, bong, bum... Dann setzt er sich hin, nimmt die Klampfe richtig vor, schnüffelt und spielt ganz leise die Melodie von den verlorenen Reitern, die wir alle so lieben. Wir haben das Lied eigentlich nie bei Tage gesungen, immer nur des Nachts, immer nur bei ganz bestimmten Anlässen, wenn einer vielleicht etwas Nachdenkliches gesagt hatte und wir nun schweigend dasaßen, oder wenn wir einmal so ohne Grund niedergeschlagen waren, oder wenn das Feuer langsam zusammmfiel und wie durch Zauberei keiner die Hand rührte, um es wieder in Gang zu bringen, wenn es dann ganz dunkel in der Kote war, dann konnte es sein, daß nach einer Weile jemand anfing zu summen:
Es tropft von Helm und Säbel, die Erde ruht so bang.
Samstag. 29. August 1936
Kronprinzen von Preußen und Sach- s e n. Hätte Mac Mahon nach seinem Willen handeln und in Richtung Paris zurückgehen können, um in geeigneter Stellung eine neue Schlacht unter Zusammenfassung aller Kräfte anzunehmen, so wäre der Ausgang des Krieges keineswegs sicher gewesen. Mac Mahon ließ sich aber durch politischen Druck dazu verleiten, von Chälons aus über die Maas in Gegend von Sedan zu gehen, um bann entlang der belgischen Grenze der in Metz eingeschlossenen Armee Bazaines zu Hilfe zu kommen. Er wollte also die ihm folgenden deutschen Armeen nördlich umgehen, in der Hoffnung, daß sie auf Paris weitermarschieren und somit einen Luftstoß machen würden, der ihm die Zeit lassen würde, die Armee des Prinzen Friedrich Karl um Metz zu schlagen und dann mit der befreiten Armee Bazaines auf den rückwärtigen Verbindungen der Deutschen zu operieren.
Er hatte dabei nicht mit Moltkes Genie gerechnet, der die Möglichkeit eines solchen Versuchs der Franzosen erwogen und seine Aufklärung entsprechend angesetzt hatte. Die ersten noch vagen Meldungen über feindliche Truppenbewegungen aus der Gegend Chalons in nördlicher Richtung wertete Moltke in divinatorischer Sicherheit sofort richtig aus und warf die Armeen der Kronprinzen von Preußen und Sachsen nach rechts herum, um über die Maas oberhalb Sedan vorzugehen und Mac Mahon den Weg zu verlegen. Als er die Armee Mac Mahon's, bei der auch der Kaiser Napoleon III. sich befand, bei Sedan stellte, setzte er die Armeen in vollendeter strategischer Kunst zu beiderseits umfassendem Angriff so an, daß sich im Laufe der Schlacht eine Einkreisung der Franzosen ergeben mußte, der sich höchstens Teile durch Uebertritt in das neutrale Belgien entziehen konnten, wo ihre Entwaffnung und Internierung zu erwarten war. Moltkes Schlachtanlage erreichte fast vollständig ihren Zweck. Nur dem Korps V i n o i s war es während der einleitenden Bewegungen der deutschen Truppen gelungen, im letzten Augenblick an den zur Umfassung westlich Sedan vorgehenden deutschen Truppen vorbeizuschlüpfen und, nach Westen abmarschierend, zu entkommen. Im übrigen endete die sich am 1. September um Sedan ent» spinnende Schlacht mit der Einkesselung und Kapitulation der Armee Mac Mahons und der Gefangennahme des Kaisers Napoleon.
Mit der Schlacht von Sedan war die Entscheidung des Krieges gefallen, da sie zur Vernichtung fast der gesamten noch im freien Felde kämpfenden französischen Truppen geführt hatte. Wenn es auch noch der Belagerung von Paris und mehr als fünf Monate währender Kämpfe bedurfte, um die französischen Neuformationen zu zerschlagen und Frankreich friedenswillig zu machen, so konnte doch nach Sedan der Enderfolg nicht in Frage gestellt werden.
So hatte Moltke in überragender Feldherrnkunst, sich die Initiative in jedem Abschnitt der Operationen wahrend, jeden Fehler des Gegners mit untrüglichem Scharfblick sofort bemerkend und darauf seine Pläne genial aufbauend, eine Ausgangslage geschaffen für eine Vernichtunasschlacht, wie sie in solchem Ausmaße die Weltgeschichte noch nicht gekannt hat. Er konnte aber feine genialen Operationen nur durchführen mit so ausgezeichneten Truppen, wie sie ihm das durch die allgemeine Wehrpflicht erzogene preußische Volk und die nach preußischem Muster ausgebildeten Kontingente der deutschen verbündeten Staaten zur Verfügung stellten.
Gänzlich anders war die Lage, die im Weltkriege zur Schlacht von Tannenberg führte. War die Ausgangslage für Sedan glücklich, so schien sie vor Tannenberg verzweifelt. Die schwache deutsche 8. Armee hatte am 20. August 1914 bei Gumbinnen gegen die russische Njemen- Armee gekämpft. Die Schlacht hatte an diesem Tage keine Entscheidung gebracht. Ein sich anbahnender Sieg auf dem linken Flügel schien durch eine kritische Lage in der Mitte aufgehoben. Auf dem rechten Flügel war die Lage noch ungeklärt. Ob die Schlacht am nächsten Tage zum Siege führen würde, schien zweifelhaft. Da traf die Meldung vom Vorgehen der russischen Narew-Armee gegen die Grenze
4^der neue hochempfindliche FEINKORN Film |
OLYMPAN
Schleussnerl
Und alsbald fielen wir andern mit halber Stimme ein:
Wir traben durch den Nebel mit Trommeln und Gesang.
Nun schlagt die Trommeln feste für alles Glück und Gut da plong, rabaplong, plongplong, und schlagt sie auch mal leise für unser junges Blut da plong ... plong ...
Es ist unser Lied. Ich glaube nicht, daß es viele Jungen gibt, die es kennen. Aber wir kennen es. Die Melodie ist unbeschreiblich wunderbar.
Dies Lied zupft Friedolin also. Ich kann nicht gut fingen, ich habe es mehr mit dem Pfeifen. Und so pfeife ich die Melodie denn mit, ganz leise auch ich, ohne rechten Ton eigentlich, nur mit etwas summender Luft aus meinem Munde heraus. Und ich denke an die Worte, die der Melodie zugunde liegen:
Sie haben uns verraten, die mit uns wollten fein. Ihr lieben Kameraden, wir sind nun ganz allein.
Nun schlagt die Trommeln feste...
Wir sehen uns nicht an, Friedolin und ich, mir starren ins Feuer und summen, Friedolin mit seiner Klampfe, ich mit meinen Lippen.
Und schlagt sie auch mal leise für unser junges Blut...
Der Meester hat sich stöhnend herumgewälzt. Nun legt er sich auf den Bauch und hebt den Kopf. Er herrscht über die tiefen Töne, mit denen er eine Melodie in Geheimnisse hüllen kann. Noch ist er nicht richtig wach, aber er läßt es schon dunkel in seiner Brust läuten:
Da plong ... plong .. plong.
Und dann singen noch zwei mit. Stachel bleibt lieaen, wie er ist, er macht nicht einmal die Augen auf, aber er singt. Es sieht aus, als fange er im Schlaf. Grimmig dagegen kriecht auf den Knien zum Ausgang, knöpft den Spalt auf und kriecht hinaus. Ich höre, wie er draußen mit seiner hohen Kopfstimme bei der Sache ist. Die letzte Strophe


