Ausgabe 
29.5.1936
 
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Weg gegangen, wie seinerzeit der Oel-Dieselmotor. Ferner konnte der Verschleiß durch Verwendung eines besonderen, abnutzungsfesten Werkstoffes auf ein Maß vermindert werden, das wirtschaftlich trag­bar zu werden verspricht.

Der von Schichau .gebaute Einzylinder-Staub­motor hat 550 nyn Zylinderdurchmesser und 650 mm Kolbenhub und leistet im Dauerbetrieb 200 PS bei 180 Umläufen fe Minute. Die bis jetzt damit aus­geführten Probeläufe, deren Dauer von 24 und 14

Stunden einem vorher aufgestellten Plan entsprach und nicht etwa durch Störungen begrenzt wurden, lassen hoffen, daß wir in nicht allzu ferner Zukunft mit dem Staubmotor als mit einer wichtigen, mit heimischen Brennstoffen gespeisten Kraftquelle rech­nen dürfen.

Mit dem Bau eines zweiten Kohlenstaubmotors unter Verwertung der Entwürfe von Rudolf Paw- l i k o w s k i ist zur Zeit der Bochumer Verein in Gemeinschaft mit der Firma Hanomag beschäftigt.

Aus der proviuzialhaupistadt.

Hinterm Gartenzaun.

Ich liege langgestreckt auf dem Rasenstück des Hausgartens. Welch eine Himmelsgabe, dieser Gar­ten. Blumenbeete prunken in leuchtenden Farben. Obstbäume steigen in der Mitte auf, in deren Zwei­gen die Vögel zwitschern. Ueppige Büsche wiegen ihre Strauchkronen, kühler Farn ringelt sich an schattigen Stellen und in dem frischen Grase ge­deihen Hirtentäschel, Gänseblümchen und Löwenzahn. Und eben in diesem Grase liege ich sonnenselig und atme köstliche Friedlichkeit.

Da tönen plötzlich streitbare Stimmen. Das Ra­senstück grenzt an den Gartenzaun, hinter dem ein Weg vorbeiführt. Gegen die Sicht der Vorüber­gehenden schützen mich hohe Büsche, aber der Schall schickt seine Wellen ungebrochen hinüber und herüber. Soll ich zuhören oder mich bemerkbar machen?Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schänd." Gewiß, aber bin ich ein Horcher? Eigentlich nicht, denn die Stimmen kommen un­gerufen, während ich doch nur an Ruhe und Fried­lichkeit dachte.

Und ich sage dir, kommt die Sache heraus, dann sind wir geschiedene Leute. Darauf kannst du dich verlassen." Aha! Also ein Geheimnis wird erörtert. Vielleicht ein Kriminalfall, eine Diebesgeschichte, eine Unterschlagungsaffäre? Wer weiß? Aber es ist nur ein harmloser Streich gegen einen Dritten, wie die weitere Rede ergibt. Nur daß dieser Dritte eben der Vorgesetzte ist. Immerhin, es ist unvorsichtig, am Gartenzaun solche Besprechungen zu führen, meine Herrschaften.

Offengestanden: Nun reizt es mich schon, aufzu­passen, was sich die nächsten Vorübergehenden mit­zuteilen haben. Schließlich kann ich ja auch mein bequemes Lager nicht aus allzu großem Zartgefühl räumen, beruhige ich mein besseres Ich. Neue Stimmen bringen art mein Ohr. Offenbar kommen sie von jungen Mädchen, denn es ist von Kleidern die R^de. Ob man besser resedagrün oder dunkel­grün nehmen soll. Oder ob ganz und gar blau vor­teilhafter sei.

Dann kommen ein paar Schüler, die eindeutige Ansichten über ihre Lehrer austauschen. Wie gut, daß ich kein Lehrer bin. Kaum sind sie fort, werde ich Ohrenzeuge eines Gesprächs über die Zweck­mäßigkeit geregelter Gartenbewirtschaftung. Zwei Hausfrauen reden über Salatsorten und hundert andere Dinge. Dabei werfen sie, ohne mich zu sehen, auch einen Blick in den Garten, in dem ich liege. Ihre Kritik ist klar und keineswegs schmeichel­haft.

Und schließlich höre ich von einer Liebessache. Die alte und ewig neue Geschichte:... und wem sie just passiert, dem bricht das Herz entzwei". Mich drängt es, einige Trostworte zu spenden und auf die Ver­gänglichkeit jeglichen Tuns hinzuweifen. Aber leider darf ich das nicht wagen. Und eben deshalb ge­winnt mein besseres Ich wieder Oberwasser, wes­halb ich mich endlich erhebe und in ganzer Größe am Gartenzaun stehen bleibe. So kommt keiner in Versuchung, peinliche Dinge auf der Straße vor fremden Ohren zu erörtern. H. W. Sch.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Stadttheater:Ende gut, alles gut". Gloria- Palast, Seltersweg:Wenn der Hahn kräht". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Anna Karenina".

Lieber pfingstwanderer!

Wenn du in der schönsten Zeit des Jahres, an den lieblichen Pfingsttagen, frohen Mutes hinausziehst in Feld und Wald, um dich an dem ewig jungen Bronnen der Natur zu erfrischen, so denke daran, daß es deine Pflicht ist, diese Natur nicht zu schädi­gen. Bleibe auf Weg und Steg und lasse weder deine Kinder, noch deinen getreuen Haushund kreuz und quer durch Wald und Moos rennen, denn dort sind

jetzt die Wochenstuben unseres Wildes. Das scheue Reh führt sein junges Kitzlein, Fasanenhenne und Rebhuhn sitzen auf ihren Eiern, ganz junge Häslein liegen unterm Dornenstrauch, und sie alle werden erschreckt und gestört durch planloses Umherstöbern. Willst du dich am Anblick von Wild erfreuen, so lagere dich an einem versteckten Plätzchen und ver­halte dich ruhig, dann wird manches Stück Wild vertraut an dir vorüberziehen.

Bedenke, daß jegliches vernichtetes Jungleben eine Schädigung unseres Volksgutes bedeutet, und daß die Natur ohne diese ihre Geschöpfe nicht halb so schön wäre, wie sie dir an den herrlichen Sonnen­tagen erscheint.

Nationalsozialistische

Knegsopferversorgnng e. V.

Ortsgruppe Gießen.

Die Sprechstunden für Arbeitsbeschaf­fung für die Ortsgruppe Gießen und die ihr angeschlossenen Stützpunkte sind von jetzt ab nur noch Freitags von 15 bis 17 Uhr.

p. Die deutsche Arbeitsfront

t n.g.=6emeinf(haftfirah durch freuöc"

Großen-Linden.

Am 2. Pfingstfeiertag findet von der Ortsgruppe Großen-Linden eine Omnibus falftt durch den Vogels­berg statt. Die Fahrt geht in Großen-Linden ab morgens um 6 Uhr über GießenGrünberg UlrichsteinHoherodskopfHartmannshain, wo das Mittagessen eingenommen wird. Herchenhainer HöheSchotten und zurück nach GießenGroßen- Linden. Bei dieser Fahrt sind noch drei Plätze frei. Anmeldungen hierfür werden noch bei der Kreis­dienststelle Gießen, Schanzenstraße 18 oder bei dem Drtsroart ,Kraft durch Freude", Pg. Steinei, Gro­ßen-Linden entgegengenommen. Der Teilnehmer­preis mit Mittagessen beträgt 4 Mark.

Wanderung durch den Vogelsberg.

Für die beiden Pfingstfeiertage haben wir eine Wanderung durch den hohen Vogelsberg angesetzt. Die Wanderung geht von Schotten über den Hohe- rodskopsHerchenhainer HöheHerbsteinUlrich­stein. Die Hin- und Rückfahrt erfolgt auf Sonn- tagsfarte Schotten. Anmeldungen werden noch auf der Kreisdienststelle Gießen, Schanzenstraße 18, an­genommen.

Rorrvegenfahrt.

Für die Norwegenfahrt vom 9. bis 16. Juni sind noch einige Plätze frei, so daß noch umgehende An­meldungen angenommen werden können.

Besucht zu Pfingsten das Zeltlager des Bannes 116.

Alle Erzieher und Eltern sind vorn Bann 116 eingeladen, zu Pfingsten das Zeltlager des Bannes und Jungbannes 116 bei Grünberg zu besuchen. Jeder kann sich selbst davon überzeugen, wie herr­lich es dort oben ist und wie schön es die Jungen hier haben. Der Pfingstausflug geht diesmal also nach Grünberg zum Besuch des Zeltlagers. Kuchen, Butterbrote und andere Stärkungsmittel lasse man aber zu Hause, denn die Jungen werden gut ver­pflegt und haben keinen Hunger. Die ersten acht Tage sind herum, die erste Mannschaft rückt wie­der heim, braungebrannt und gestärkt an Leib und Geist. Wer einmal oben war im Zeltlager bei Grünberg, der nimmt ungern Abschied.

Bannsportfest am 29. und 30. August.

3000 Hitler-Jungen marschieren in Gießen.

Das Bannsportfest des Bannes 116 der HI. fin­det am 29. und 30. August statt. Ein großes Pro­gramm wird diesmal Zeugnis ablegen von der körperlichen Schulung unserer Jungen und von den Fortschritten, die erzielt worden sind. Am Vorabend findet eine große Kundgebung statt, über deren Ausgestaltung noch nähere Einzelheiten be­kanntgegeben werden. 3000 Hitler-Jungen werden in Gießen marschieren und dieser Tag soll der Aus­druck des Kampfwillens unserer Jugend werden.

Der Bann bittet Vereine und Organisationen, diesen Tag von Veranstaltungen freizuhalten. Der 29. und 30. August gehört der Hitler-Jugend. Ganz Gießen nimmt daran freudigen Anteil.

Großbetrieb

beim Standesamt in Gießen.

Arn Pfingstsarnstag finden bei dem Standesamt zu Gießen 19 Eheschließungen statt, am Freitag drei und am Mittwoch zwei, zusammen also 24 Pfingsttrauungen.

** Universitätspersonal ie. Von der Pressestelle der Universität Gießen wird uns mitge- teilt: Dr. med. vet. habil. Joh. Schaaf in Gie­ßen wurde durch Verfügung des Reichswissen­schaftsministers die Dozentur für Tierseuchenlehre, Veterinärhygiene und animalische Nahrungsmittel­kunde an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Gießen verliehen. '

** Industrie- und Handelskammer Gießen Pfingstsarnstag geschlossen. Die Diensträume der Industrie- und Handelskam­mer in Gießen sind am Pfingstsarnstag, 30. Mai, geschlossen.

** Abbruch des ehemaligen Bour- geoisschen Hauses Kirchenplatz 18. Das Gebäude, das schon jahrelang als baufällig be­

kannt war, wirb nunmehr abgebrochen, da der letzte dort wohnende Mieter anderweitig unter­gebracht ist. Etwa 1890 kam das Gebäude in den Besitz der Stadt Gießen, die es im Jahr 1893 durch einen nach dem Kirchenplatz gerichteten Anbau er. weitern ließ, dessen Erdgeschoß bis zum Jahr 1920 als Unterkunftsraum für die Laternenanzünder der damaligen, mit Gasbeleuchtung versehenen Stra­ßenlaternen diente. Später waren hier noch ver- schiedene städtische und private Betriebe unterge­bracht, während in den oberen Geschossen des An­baues und im alten Gebäude sieben Mietparteien wohnten. Mit dem Abbruch dieses Gebäudes ver­schwindet eines der ältesten hiesigen Wohnhäuser, das in lokalgeschichtlicher Hinsicht im Laufe feines mehreren hundertjährigen Bestehens vieles berichten könnte.

** Ein Treffen ehemaligerheffischer Leibdragoner Nr. 2 4. Die Offiziere, Unter­offiziere und Mannschaften des ehemaligen hessischen Leibdragoner-Regiments Nr. 24 treffen sich cm 21. Juni in Lauterbach zu einer kameradschaft­lichen Wiedersehensfeier, zu der insbesondere die alten hessischen Leibdragoner aus den Kreisen Gie­ßen, Lauterbach, Alsfeld und Ziegenhain erwartet werden. Die bisherigen Kameradfchaftstreffen der alten Leibdragoner waren stets von echtem deutschen Kavalleristengeist erfüllt. Dieser Geist wirb auch bet dem kommenden Treffen wieder die Grundlage des kameradschaftlichen Beisammenseins bilden, das zu­gleich ein erneutes Treugelöbnis zu Deutschlands Führer und zum deutschen Volke sein soll.

** Der Psingstfahrplan der Köln- DüsseldorferRheindampfschiffahrtist stark erweitert und weist z. B. von Mainz 16 ab­fahrende und ebensoviel ankommende Schisse auf. Damit glaubt die Gesellschaft, allen Ansprüchen der Pfingstteisenden gerecht zu werden, denen die bil­ligen Pfingstausslugs-Fahrscheine bei Benutzung der Frühschiffe weitgehende Fahrpreisermäßigungen ein- räumen. Die besonderen Psingstfahrpläne sind bei der Mainzer Vertretung G. L. Kayser (Fernspruch 319 59) erhältlich. Näheres in der heutigen Anzeige.

Rohstoffquelle:

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ald.

Waldbrand durch Fahrlässigkeit! Immer wieder, in jedem Jahr zur Frühlings- und Sommerszeit lesen wir es in den Zeitungen. Man fragt sich, wie es möglich ist, daß trotz aller Verbote, War­nungen und Strafen jährlich Hunderte von Hektar Wald in Brand geraten? In den weitaus meisten Fällen ist es unglaublicher Leichtsinn, der in Schutt und Wüstenei verwandelt, was wir alle eines un­serer höchsten Güter nennen.

Dieser Leichtsinn, der Wälder in Brand steckt, ist nicht ein Erziehungsmangel, den man mit einem Achselzucken abtun kann er ist eine der schwersten Versündigungen an der Volksge­meinschaft, die überhaupt denkbar sind. Denn der Wald ist, ganz abgesehen von seiner großen Bedeutung in volksgesundheitlicher und sittlicher Hinsicht, ein unerschöpflicher Quell wirtschaft­licher Werte.

Der Wald liefert uns Holz, den unersetzlichen Bau- und Werkstoff, von dem Deutschland jährlich ungefähr 40 Millionen Festmeter verbraucht. Die gute Hälfte dieses Nutzholzverbrauches das Brennholz ist noch gar nicht eingerechnet findet als Bauholz Verwendung, also mehr als 20 Mil- lioneh Festmeter, obwohl unsere neuzeitlichen Holz­bauweisen auf sparsamste Verwendung des Holzes abgestellt sind. Von den Ausstattungen un­serer Wohnungen ist das Holz nicht weg­zudenken: Türen, Fenster, Treppen, Fußboden, Decken, Wandbekleidungen, Möbel usw. sind aus Holz. Handwerk und Gewerbe bedienen sich des Holzes besonders gern, weil es leicht zu bearbei­ten, aber doch fest und haltbar ist. Wieviel G e - röte in Haus und Werkstatt, Schule und Kaserne, besonders auf dem landwirtschaftlichen Gehöft, ist aus Holz! Die Eisenbahngeleise liegen auf Schw e l- l e n aus Kiefern-, Buchen- oter Eichenholz. Im Bergbau hilft das Grubenholz den Bergmann vor den schweren Gefahren seines Berufes soweit wie möglich schützen. Lärmdämpfendes Straßen - pfl'aster, säurebständige Rohre und Grün­futtersilos aus Holz bezeugen die vorzüglichen Nutzeigenschaften des Holzes.

Von großer und ständig zunehmender Bedeu­tung ist das Holz als Rohstoff der chemischen

Industrie. Sieben bis acht Millionen Festmeter Holz werden jährlich in Deutschland zu Zell- und Faserstoff verarbeitet und geben in wei­terer Veredelung Papier aller" Sorten, Kunstseide, Zellwolle, Cellophan usw. Zucker und Spiri­tus werden aus geringwertigem Holz gewonnen: sie sind Ausgangsstoffe für weitere wirtschaftlich wichtige Erzeugnisse, Eiweißfuttermittel, Motoren­treibstoffe usw. Durch Holzvergasung machen wir uns von der Einfuhr ausländischer Kraftstoffe unabhängiger. Die Holzverkohlung ist ein wichtiger Industriezweig geworden, dessen Neben­erzeugnisse außer der Holzkohle (z. B. Kunstharz) stark in den Vordergrund treten. In waldreichen Gegenden, namentlich in ländlichen Haushalten, spielt das Holz als Brennstoff noch eine große Rolle.

Außer dem Holz liefert der Wald noch eine Fülle anderer Rohstoffe, das für viele Industrien lebens­wichtige Harz, ferner Gerbrinden, dann er­staunlich große Mengen von Beeren, Pilzen, Wild­bret, Heilpflanzen usw.

Schier unendlich ist die Fülle der Gaben des Waldes; ihr wirtschaftlicher Wert ist kaum in Zahlen zu fassen. Jeder Volksgenosse hat Teil an diesem Reichtum, und jeder hat die Pflicht, den Wald schützen zu helfen, wozu ihn die neu­gebildeteArbeitsgemeinschaft für Schadenver­hütung", das Reichsforstamt und der Reichs­nährstand erneut aufrufen.

Landesfeuerwehrtag verschoben.

LPD. D a r rn st a d t, 28. Mai. Wegen des am 11. und 12. Juli in Frankfurt a. M. stattfindenden Gau­tages der NSDAP, wurde der Landesfeuer­wehrtag der hessischen Feuerwehren auf den 18. und 19. Juli verlegt. Tagungsort bleibt Nieder - 01 rn.

Gute Möbel bei Koos

Giessen Schulstr6

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Roman von Marlise Kölling.

Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.

27 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Benedikte sah ihn an mit überströmenden Augen, die sich langsam schlossen.

Da küßte Jens Petersen das geliebte Mädchen.

Es war ein Kuß, ganz anders wie der, den Hans-Hermann ihr geraubt. Es war ein verhalte­ner, ehrfürchtiger Kuß. Es offenbarte sich darin eine Zärtlichkeit, die das Herz frei machte, anstatt es zu verwirren.

Und nun bettete Jens Petersen den Kopf Bene- diktes zart in seine Arme. Er streichelte ihre Stirn, ihre Wangen, scheu andachtsvoll:

Liebe, du meine Liebste", sagte er. Immer wie­der diese kosenden Worte:Du meine Liebste--"

Benedikte hielt ganz still. Sie öffnete die Augen nicht. Sie wollte die Welt nicht sehen, nur fühlen, fühlen.

Willst du mich nicht einmal anschauen, Bene­dikte?" fragte Jens Petersen.

Sie schüttelte leise den Kopf wie im Traum:

Ich sehe dich ja mit meinen inwendigen Augen. So lange sehe ich dich schon neben mir. Warum hast du die ganze Zeit nicht gesprochen?"

Er schwieg einen Augenblick.

Ich bin ein schwerblütiger Mensch, Benedikte. Es dauert lange, bis ich mich zu einem wesentlichen Entschluß durchringe. Du warst für mich so etwas, was hoch über mir stand. So fein, so schön. Bene­dikte, weißt du, wie lange ich dich schon liebe?"

Sie lachte leise und glücklich:

Ich weiß es. Seitdem du mir damals den zuviel herausgegebenen Zwanzigmarkschein auf das Zahl­brett zurückgelegt hast. Du, damals hab' ich dich wegen deiner Ehrlichkeit maßlos bewundert."

Ich bin nur ehrlich gewesen, well ich einen Grund haben wollte, mich bei dir beliebt zu Machen", neckte er.

Sie sah ihn an:

Wer dir das glaubt! Du kannst nicht anders fein als ehrlich, Jens, das habe ich sofort gefühlt.

Siehst du, das liebe ich an dir, dies Goldklare. Ich weiß, du wirst mir niemals die Unwahrheit sagen. Ich werde immer alles wissen, was in dir vorgeht, jetzt und immer, nicht wahr?"

Sie sah ihn groß und ernst an. Er wich ihrem Blick nicht aus:

So soll es sein, Benehikte", antwortete er ernst. Dann schwiegen sie beide.

Hand in Hand sahen sie auf das vom Abend- glanz wundersam verklärte Meer hinaus. Die Sonne, im Untergehen, warf ihr letztes Licht auf das Land, auf das alte Kirchlein, und ließ die weißen Kreuze auf dem Kirchhof aufleuchten. Un­willkürlich folgte Benediktes Blick den letzten Son­nenstrahlen.

Sieh nur, wie die Kreuze dort leuchten, Jens", sagte sie, ganz dem schönen Anblick hingegeben, manchmal wenn ich in der großen Stadt so furcht­bar unglücklich war, dachte ich, wenn ich an einem Friedhof vorbeikam, es müßte doch schön sein, zu schlafen und nichts mehr zu wissen von dem ganzen Getriebe der törichten Welt. Aber jetzt jetzt tun mir alle Menschen leid, die nicht mehr leben und glücklich sind."

Jens Petersen zuckte zusammen. Es ging wie ein Erschrecken durch seine Seele.

Wieso kam Benedikte gerade jetzt auf diese Ge­danken? Es war ihm wie eine schlimme Vorbedeu­tung. Gab es doch etwas in seiner Seele, was er ihr nicht gesagt hatte, was er ihr niemals sagen konnte niemals!

Plötzlich schien ihm das Licht matter, er schauerte zusammen.

Es ist kalt, Benedikte. Ich glaube, wir müssen gehen."

Kalt? Sieh nur, wie ich glühe."

Sie nahm seine Hände und schmiegte ihr Gesicht hinein.

Mir ist ganz heiß vor Glück, Jens", flüsterte sie. 'c5cns' klaube, ich kann es nicht lange vor den Menschen hier verbergen, daß ich dich lieb habe."

Wir brauchen es ja auch nicht lange zu ver­schweigen, Liebste. Mein Schulmeisterhaus kann jederzeit eine Hausfrau empfangen. Mein Vor­gänger war ja auch verheiratet."

Dir hat man es sicher schon sehr verdacht, daß du fo einspännig durchs Leben gegangen bift",

lachte Benedikte.Du, ich begreife eigentlich nicht, wieso du dir nicht schon längst eine Frau geholt hast. Wie haben dich denn die Mädels solange in Ruh lassen können"

In ihrem Glück merkte sie gar nicht, wie Jens Petersens Gesicht sich verschüttete. Er zog sie hoch. Sie plauderte fröhlich weiter:

Weißt du, was ich finde? Daß die großen Fe­rien die beste Zeit zum Heiraten sind. Da hast du Ruhe vor deinen kleinen Gören und bist nicht mehr Schulmeister, sondern kannst einmal ganz für mich allein da sein. Oder ist es dir zu schnell? Eigent­lich unerhört, daß ich als Frau den Heiratstermin bestimme."

Alles, was du bestimmst, ist gut und schön, Bene­dikte. Nein, es ist mir nicht zu früh, es dauert mir beinah noch zu lange. Aber eher dürfte es kaum gehen. Was wird nur deine Mutter sagen? Das ist auch so eine kleine Sorge für mich. Ich bin ihr sicher nicht fein genug."

Da schlang Benedikte ihre Hände um den Hals des Liebsten:Heiratet meine Mutter dich? Oder heirate ich dich? Für mich bist du fein genug. Du bist der beste, allerbeste, liebste Junge."

Bis zum Waldrand gingen die beiden Liebenden eng umschlungen. Hier konnte sie niemand sehen. Aber bann, als sie den Weg hügelabwärts schrit­ten, gingen sie ehrbar nebeneinander, und keiner, der ihnen begegnete, hätte vermutet, daß sich hier zwei Menschen fürs Leben gefunden hatten.

Die Schritte Benediktes und Jens Petersens waren schon längst verklungen, da tauchte vorsichtig eine Männergestalt hinter dem Hügel auf.

Hella Steffens sah den beiden mit wutverzerrtem Gesicht nach. Jetzt also hatte er das Geheimnis des spröden Mädels entdeckt.

Da hatte er geglaubt, Hans-Hermann Zedlitz wäre der Bevorzugte und hatte alle Hebel in Bewegung gefetzt, um diesen aus der Nähe Benediktes fortzu­bringen. Und jetzt war fein Spiel ganz falsch an­gefangen. Dieser kleine Schulmeister, dem er ein paarmal im Dorf begegnet war, hatte Benedikte Zedlitz errungen?

Ein haßvoller Zug entstellte bas Gesicht Stef­fens'.

Aber noch hatte er nicht gewonnen, dieser Schul­

meister. Er sollte sich vorsehen. Der Kamps um Benedikte Zedlitz ging weiter.

14.

Hans-Hermann hatte sehr mit sich gekämpft, ob er Steffens' Vorschlag annehmen und Gras Lonne um seine Gastfreundschaft bitten sollte. Doch was blieb ihm schließlich übrig?

Ins Haus zu Benedikte zurückzukehren, wer völlig unmöglich. Er hätte nicht für sich gutsagen können, wenn er Jens Petersen dort begegnen würbe. Zu schmerzhaft brannte immer noch bis Liebe zu Benebikte in ihm, zu wild war feine Eifersucht auf diesen begünstigten Nebenbuhler.

Benedikte ganz aufgeben und nach Berlin zurück- kehren? Auch bas konnte nicht so schnell ge­schehen. Da war ja bas Testament Onkel Huberts. So leichtsinnig konnte man ben ausgesetzten Geld­betrag nicht aufs Spiel setzen.

Vielleicht fand sich doch noch irgendeine Möglich­keit. Vielleicht würde die Zeit helfen. Und übrigens, war es nicht denkbar, daß Benedikte und dieser Jens Petersen durch irgend etwas auseinander tarnen?

Er konnte es immer noch nicht fassen Bene­dikte, dieser feine, kultivierte Mensch und Jens Petersen! Schulmeistersfrau auf Oevenshöe ...! War das eine Zukunft für eine Benedikte Zedlitz?

3n feinem blinden Haß gegen Jens Petersen ver­suchte er, diesen vor sich selbst immer mehr zu ent­werten. Er wollte nicht sehen, wer Jens Petersen wirklich war. Er stellte seinen Wunschtraum gegen die unerbittliche Wahrheit.

So blieb ihm schließlich nichts anderes übrig, als den Vorschlag Steffens' anzunehmen.

Er machte sich auf den Weg zurBurg" und fragte nach Graf Lonne. Der Diener bat ihn, einen Augenblick in der großen Halle zu warten. Der Herr Graf wäre im Augenblick beschäftigt und hätte angeordnet, keinen Besuch anzunehmen.

Hans-Hermann wollte schon gehen, als der Diener meinte,:Vielleicht ist der Herr Gras zu sprechen, wenn ich melde, wer da ist. Gedulden Sie sich bitte einen Augenblick."

Nach ein paar Minuten kehrte er zurück und richtete avr

Herr Graf find sehr erfreut. Ich bitte, mir zu folgen."

(Fortsetzung folgt!)