Nr. 124 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Zrettag, 29. Mai M6
3m Feuer der Skagerrakschlacht
Nach deutschen und englischen Erlebnisberichten.
Von Krih Otto Busch, Koroeiienkapitän a. O
IL
Zohn Travers Cornwall, der Held der „Kstllk ol lullaod“.
Einen besonderen Abschnitt der Schlacht bildet der Zusammenstoß des Geschwaders des englischen Kreuzerführers Kontreadmiral Hood, mit seinen schnellen Panzerkreuzern „Invincible“, „Indomi- table“, „Inflexible“ und den dazugehörigen Kleinen Kreuzern, unter denen sich die „Chester“ befand, mit den Kleinen Kreuzern unserer II. A G. und unseren schnellen Flottillen gegen 7 Uhr. Bei diesem Gefecht wurde „Chester“ ziemlich zerschossen und mußte sich hinter das HI. Schlachtkreuzergeschwader — eben die vorhin erwähnten Schiffe Hoods — zurückziehen. Es war der Beginn des Gefechtes, in dessen weiterem Verlauf das Flaggschiff des englischen Admirals „Invincible“ mit ihm und fast der gesamten Besatzung im Feuer von „Lützow" und „Derfflinaer" in die Tiefe ging.
John Travers Cornwall, Schiffsjunge an Bord des „Chester", wurde in diesem Gefecht tödlich verwundet. Der kleine, löjähriae Junge wurde in England der Held der „Battle of Jütland“. An
Der Führer der Grand Fleet Admiral Iellicoe. (Scherl-Biiderdienst-M.)
Backbord, beim Schutzschild des vorderen 12-cw- Geschützes, stand der Junge, das Kopftelephon umgeschnallt, als Befehlsübermittler Ob dieses Geschütz in dem kommenden Gefecht treffen würde, hing viel von seiner Schnelligkeit im Erfassen und Weitergeben der telephonischen Befehle ab.
Die „Chester“ war für 20 Minuten an der Schlacht beteiligt. Unerwartet stieß sie auf eine Uebermacht von drei Kreuzern, die ihr im Vorschiff sofort einige Treffer beibrachten. Jack Cornwall steht an seinem Geschütz, die Hand an der Entfernungsscheibe. Eine schwere Detonation wirft ihn fast um Neben ihm fällt ein Mann, zerfetzt von Granatsplittern Em zweiter wirft die Arme in die Luft und stürzt tödlich verwundet an Deck, dann wieder und wieder einer. Ein Splitter trifft auch den Jungen, er weiß in der Erregung des Augenblicks kaum wo, fühlt nur die stechenden Schmerzen. Die Geschützbedienung von feinem Geschütz fällt aus, einer nach dem andern. Nur noch drei sind am Leben von den neun Männern, die vor wenigen Minuten mit ihm zusammen ins Gefecht gingen
Dann explodiert eine Granate direkt über dem Geschütz, nur noch zwei sind übrig, aber unter dem Schutzschild Nur Cornwell steht nun ganz frei, schwer oerwunoet, ganz ausrecht Um ihn die Toten und Sterbenden. Allein steht er da, müde und erschöpft von seinen eigenen Schmerzen und umgeben von dem Schrecken und dem Lärm der Schlacht Seine
Aufgabe war erfüllt. Es war keiner mehr am Le- ben, das Geschütz au bedienen, keine Befehle kamen '!"£ l^n Telephon, keiner war da, sie auszu- fuhren. Nun kann er sich hinlegen wie die andern, vielleicht lassen dann diese Schmerzen ein wenig nad). Er könnte auch unter Deck kriechen, zum Verbandplatz, der Arzt würde ihn verbinden und ihm gewiß etwas geben, daß ihm nichts mehr weh tut. Er hat seine Pflicht getan: nun darf er an sich selbst denken. Das Denken fällt ihm schwer, er ist so müde.
Da steht ihm mit einem Male ein Befehl vor Augen:
„Ein Geschütz hat zu feuern, solange auch nur ein Mann sich rühren kann."
Dann ist doch noch Arbeit für ihn, dann ist es doch noch feine Pflicht, am Geschütz zu stehn, bis er abgelöst wird, bis eine neue Geschützbedienung an- tritt für die gefallene Vielleicht kommt doch noch ein Befehl.
Nein, er wird nicht umfallen, er ballt bte Fäuste und strafft sich, so gut er kann. Er ist ja noch ein halbes Kind Nun tut es nicht mehr so weh, er strengt sich an zu hören. Aber kein Wort kommt durch das Kopftelephon. Still bleibt alles. Er bleibt allein, horchend, wartend Und so stand er auf Posten bis das Gefecht zu Ende war und die „Chester“ wieder zu ihrem Geschwader stieß, schwer getroffen und beschädigt, aber doch wieder bereit in die Schlacht einzugreifen
Nach den eigenen Worten des Admirals I e l l i - c o e (des englischen Flottenchefs) fochten die Deutschen glänzend. Nach Beendigung der Schlacht wurden die Verwundeten unter Deck gebracht, mit ihnen Jack Cornwall. Sein Zustand war sehr ernst. Sobald als möglich wurde er in das Lazarett von Grimsby übergeführt. Die Schwester fragt ihn nach der Schlacht. Ruhig sehen sie ein paar ernste Augen an:
„Bei uns war alles in Ordnung, wir haben's geschafft!" sagt er zufrieden und männlich. Dann wird er still, er ist am Ende feiner Kräfte. Seine Mutter wurde durch ein Telegramm gerufen. Aber als sie kam, schlief ihr Junge schon den tiefen Schlaf derer, die ihr Leben für ihr Land gaben. Kurz ehe er starb, sagte er leise vor sich hin: „Mutter kommt. Ihr müßt sie grüßen." —
Als Admiral I e l l i c o e später seinen offiziellen Bericht über die Schlacht schrieb, fügte er folgende Worte hinzu.
„Ein Bericht des Kommandanten der „Chester“ gibt uns ein hervorragendes Beispiel von Pflichterfüllung. Der Schiffsjunge John Travers Cornwall, I6V2 Jahre alt, vom Kreuzer „Chester“ wurde zu Beginn des Gefechts tödlich verwundet. Ungeachtet dessen blieb er aufrecht allein aus seinem ungeschützten Posten stehen in Erwartung von Befehlen bis zum Schluß der Kampfhandlung. Um ihn lag die ganze Geschützbedienung schwer verwundet oder tot. Ich bebaure, daß er feinen Verletzungen erlegen ist und möchte diesen Fall besonders hervorheöen als Beispiel vorbildlicher Pflichterfüllung. Sein Andenken wird unvergessen bleiben."" —
Die Zigarette.
Schwer zu leiden hatte im weiteren Verlauf der Schlacht unser Schlachtkreuzer „L ü tz 0 w", der die Flagge des B. d. A. (Befehlshabers der Aufklärungstreitkräfte), Vizeadmiral Hipper, führte. Er nutzte in der Nacht von uns versenkt werden, da eine Verletzungen ein Einschleppen des gewaltigen Schiffes nicht mehr erlaubten. Oberbootsmannsmaat Reinhold Cäsar vom Steuerbord zweiten 15-cm- Kasemattgeschütz schildert einen der feindlichen Tref- er, die in großer Zahl auf das Schiff nieder- gingen:
„Gewaltig tobte der Kampf, der vordere Gefechtsverbandplatz ist ausgefallen, das gesamte Personal
ist tot, die erste I5-cm-Munitionskammer durch Wasserlinientreffer voll Wasser gelaufen. Es ist gegen 8.30 Uhr nachmittags. Ich war Geschützführer am Steuerbord zwoten 15 cm. Mein Beobachtungsmann, Matrose Hillmann, stand als Beobachtungsposten im Vorraum zu meiner Kasematte und hatte die Aufgabe, alles was sich am Geschütz ereignete, durch ein für diesen Zweck vorgesehenes Guckloch zu beobachten.
Zigaretten sind wohl während der Schlacht in großen Mengen geraucht worden. Auch Hillmann wollte sich so einen Glimmstengel zu Gemüte ziehn. Da er kein Feuer hatte, kam er in meine Kasematte, verschloß vorschriftsmäßig, wie er es gelernt hatte, beide Kasemattüren hinter sich und ließ sich von meinem Befehlsübermittler Schebstadt Feuer geben. In diesem Augenblick erhielten wir einen ober zwei schwere Artillerietreffer. Der Kasemattpanzer zum Steuerborb oorberen Kasemattraum würbe burch- schlagen, bas Signalpersonal im Dorraum, ber als Gefechtssignalstand eingerichtet war, würbe burch Sprengstücke bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Ventilationsschächte zerrissen unb es entstaub ein großes Feuer.
Die Erschütterungen beim Abfeuern unserer schweren Artillerie waren so gewaltig, baß wir erhaltene Treffer nicht wahrnahmen. Eine Panzertür, bie auf die Back führte, lag zertrümmert im Vorraum, genau an ber Stelle, wo Hillmann vorher gestan- ben hatte. Erst als Hillmann auf seinen Poften zurückkehren wollte, bemerkte er, was geschehen war Schreckensbleich kam er in bie Kasematte gestürzt unb rief:
„Herr Obermaat, hier ift alles tot unb es brenn t."
Entsetzlich war ber Anblick, ber sich uns bot, aber es war nicht Zeit, lange zu überlegen, galt es boch vor allem, bas Feuer zu löschen. Wir bebecften unsere toten Kameraben mit Signalflaggen. Mit Gasmasken versehen, gelang es mir unb meiner Geschützbedienung nach unsäglicher Mühe bas Feuer zu löschen. Die Feuerlöschschläuche waren zum Teil wie ein Sieb durchlöchert unb baburch unbrauchbar. Aus anberen Abteilungen mußten neue Schläuche geholt werben.
So ist Hillmann wie burch ein Wunber bem Tobe entronnen, eine Zigarette hatte ihm bas Leben gerettet!" —
Seeschlacht im Scheinwerserlicht.
Die Nachtgefechte, bie ben Abschluß ber Schlacht brachten unb burch immer roieber neuvorgetragene unb abgewehrte Angriffe englischer Zerstörer ihr Gepräge erhielten, würben in ber Hauptsache von ben an ber Spitze ber Hochseeflotte sübliche Kurse fteuernben Linienschiffen bes I deutschen Geschwaders ausgetragen. Dem Dienst eines Artilleriemechanikerobergasten gibt ber Bericht bes Obergasten Hundertmark anschaulich roieber. Daß sein Bericht durchaus wahrheitsgetreu ist, kann ich bezeugen, ba ich in jener Nacht selbst Scheinwerferoffizier ber Steuerborbseite auf bem Linienschiff „D I b e n b u r g" war, bas als viertes Schiff in der Linie staub:
„Scheinwerferbebieuuugen sich klarmachen!"
Durch Sprachrohr unb Telephon kommt ber Befehl vom Kriegswachleiter an alle Gefechtsstationeu. In ber Artilleriezentrale melbe ich mich zum Ausbringen ber Telephone ab. Am Hellegat (Ausgabe- raum) im Vorschiff stehen schon bie Befehlsübermittler. Ruhig, wie gewohnt, ruft jeher seine Nummer unb erhält sein Telephon. Die Telephone für bie beiben Scheinwerferoffiziere bringe ich selbst auf ber Brücke aus. Kurzer Anruf an bie einzelnen Scheinwerfer, bie Bebienungeu melben klar. Mel- bung an ben III. AO. (Dritten Artillerieoffizier).
„Scheinwerfertelephone finb klar!"
Er bankt — ben nächsten Morgen sah er nicht mehr. —
Herrlich ist bie Lust hier oben, bie Lungen werben vollgepumpt. Gewaltig ist bas Bilb ber ab» flauenben Tagschlacht. Voraus im hiesigen Grau scheint ber Horizont ein einziges Feuerwerk zu fein. Die lange Linie bes Englänbers feuert noch Seine Abschüsse finb im Graubunkel ber hereinbrechenben
Nacht kaum noch zu erkennen. Kurz voraus schlägt eine Salve 38er ein. Wie Blumentöpfe stehen bie riesigen Wassersäulen fein säuberlich nebenein» anber ..."
Es waren bie Schlachtkreuzer bes englischen Schlachtkreuzerführers Beatty, bie kurz vor Einbruch ber Dunkelheit noch einmal bie Fühlung mit ber beutschen Spitze aufnahmen
„Offiziere sehen hinüber unb machen ihre scherzhaften Bemerkungen. Vorn auf ber Brücke steht ber Gefechtsrubergänger, M i b w e r, ber sich wäh- renb ber ganzen Schlacht nicht ablöfen ließ, bis er nachts verwunbet würbe. Nichts kann ihn aus ber Ruhe bringen. Hinter ihm geht schlank unb hochge- wachsen ber Kommanbant, Kapitän z. S. Hopfner, auf unb ab. Voraus feuern unsere Spitzenschiffe jetzt schwere Salven. Die Luft stinkt nach Pech unb Schwefel. Ich gehe nach unten auf meine Station im Mittelgang.
Um 12 Uhr ist Kriegswachwechsel. Kurz barauf liege ich ungezogen auf meiner Hängematte in ber Nähe ber Artilleriezentrale. 211 a r r m 1 Die Glocken schrillen. Schnell auf unb nach oben in bie Artillerie-Werkstatt.
„Treffer a u f ber Brücke. Scheinwerfertelephone finb ausgefallen!"
Reservetelephone auf bem Rücken, Werkzeug in ber Tasche, flitze ich nach oben. Auf bem Nieber- gang zur Brücke begegne ich einem Schwerverwun- beten, ber Arm hängt ihm aus seinem Wachtman- tel: einer ber Scheinwerferbebienungsmannschasten. Mit ein paar Sätzen bin ich auf ber Brücke, gleite aus unb falle auf einen Körper. Es ist schleimig glatt hier oben, bazu schwarze Nacht und Totenstille. Die Taschenlampe raus. Ich liege auf dem Backbordscheinwerferofstzier, Leutnant z. S. Schwickerath. Er sieht mich mit großen Augen an, ein Lächeln ist auf seinem Gesicht. Blut rinnt von seiner Schläfe. Leise rufe ich ihn an — keine Antwort. Schnell und behutsam schnalle ich ihm den Kopfhörer ab unb rolle bas Kabel auf. Ein neues Telephon wirb angeschlossen Kurzer Anruf an ben Scheinwerfer, biese Seite ist roieber klar.
Jetzt leuchtet ber Vorbermann mit seinen Scheinwerfern auf, Himmel, wie sieht bie Brücke aus! Neben bem Scheinwerferoffizier liegt ber Abjutant — tot, ber Kriegswachleiter — tot. An ben Leit- ftanb gelehnt sitzt ber Kommanbant mit abgeschossenem Fuß. Dor ihm liegt verwunbet ber Rubergänger. Jetzt blendet bas Vorschiff roieber seine Scheinwerfer, tiefes Dunkel hüllt bie Szene ein, nur bas Rauschen ber Bugsee bringt herauf
Jetzt schnell auf bie anbere Brückenseite. Das Schiff schlingert schwer. Ein Griff an bie gewohnte Steckbose. Stecker raus und das Kabel aufgerollt. Da — es ist zu Ende, vom Telephon abgefchoffen. Wo ist der Leutnant?
Eine fast überirdisch laute Stimme ruft die Scheinwerfer an: Taschenlampe raus! Da steht vor mir der Steuerbordscheinwerferoffizier im gedämpften Licht. Er ruft seine Scheinwerfer an, ohne zu wissen, daß sein Telephonkabel vor ber Brust abgeschossen ist. Ein kurzer Anruf, er sieht ins Leere. Ich fasse ihn an beiben Schultern, rüttle ihn und rufe ihn laut an. Jetzt ist er roieber ba. Der um- stürzenbe Reserveantennenmast hatte ihn schwer am Kopf getroffen, baher bie kurze Betäubung. —
Ein kurzes „Danke", ich schlage bie Hacken zusammen unb hänge ihm ein neues Telephon um, es war ber Leutnant z. S. Busch. Er war einer ber wenigen, bie auf ber Brücke heil geblieben waren.
Ich eile nach unten unb mache Melbung beim Obermechaniker:
„Scheinwerfertelephone finb roieber klar!" „Wie sehen Sie benn aus?" war bie Antwort. Dom Ausgleiten auf ber Brücke war mein frisches weißes Päckchen (Uniform) stark in Mitleibenschast gezogen. Auf meinem Rücken baumelte zwischen ben zerschossenen Telephonen bie Mütze des gefallenen Scheinwerferoffiziers Der Obe'rmechaniker wickelt sie heraus und lieft vom Namenläppchen den Namen laut vor. Es wird still im Raum. —
Schieussner
mit Garantieschein
Gorch Fock
Zum 20 Todestag des Dichters am 3U)loi.
„Seefahrt ist not! Auch deine Seefahrt, du deutscher Seernannsdichter Gorch Fock!"
Generaladmiral Dr. e. h. R a e d e r
Im Feuer der englischen Geschütze endete am 31. Mai 1916 auf dem deutschen Kreuzer „Wiesbaden" der Dichter Gorch F 0 ck zu früh sein Leben. Erst em Jahr war an dissem Tage vergangen, daß ihm sein heißester Lebenswunsch, als Matrose auf einem deutschen Schiff zu fahren, erfüllt worden war. Wir kennen Gorch Fock als den Dichter der See, wir finden in seinem Werk kaum eine Erzählung, die ihren Ursprung nicht in dem Erlebnis der Jugendzeit in Finkenwärder hat. Wir spüren in diesen Büchern nur etwas von der heißen Liebe Gorch Focks zum Meer und seinen Menschen, zum Heimatdorf Finkenwärder und der Elbe, auf ber der braune Ewer bes Daters mit weißen Segeln dahinzog. Dem, ber nichts von Gorch Focks Leben weiß, mag dies alles selbstverstänblich sein, er wirb babei nicht baran benten, baß Gorch Fock einen harten inneren Kamps um biefes Erlebnis geführt hat unb baß er selbst viele Jahre feines Lebens fern ber Heimat in Mittelbeutschlanb lebte unb hort feinen Berus ausübte.
Er war eine Natur, bie sich leidenschaftlich an die Forderung des Tages hingab, und wohl nur daraus ist es zu erklären, daß er versucht hat, auch die Landschaft Mitteldeutschlands zu verstehen und in ihr eine Heimat zu finden Zwar machte er sich Vorwürfe, seiner wirklichen Heimat untreu geworden zu fein, aber immer wieder drängt er das Augenberlebnis, bie Erinnerung an Finkenwärber zurück, um hort Fuß zu fassen, wohin ihn ber Beruf geführt hat So kann er bann über ben mitteldeutschen Wald schreiben:
„Im Monbenschein grüßt mich bas Meer — ich hör's, boch bleib ich kalt.
Ich bin geroanbert nicht umsonst: ich sah ben beutschen Walb!"
Neben diesem Vers erinnern noch andere Gedichte an jene Zeit in Meiningen und Halle, und er glaubt selbst, doch noch mit der Landschaft zu verwachsen. Doch treibt es ihn schon dorthin, wo seine eigentlichen Wurzeln finb: zurück nach Finkenwärder ober Hamburg, zurück zu ben segelnden Schiffen.
2Us er bas erkannt hat, weiß er auch, in welcher Richtung fein dichterisches Schaffen liegen kann Nach der Rückkehr nach Hamburg entstehen bann in rascher Folge feine Geschichten und Erzählun
gen, seine Gedichte und der große Roman „Seefahrt ist not!" In Hamburg hat er, der niemand eine Bitte abschlagen kann, viel zu tun mit Vorträgen, Dichterabenden und ähnlichem. Trotzdem erwachsen ihm immer neue Pläne, neue Entwürfe entstehen die der Ausführung harren. Viele dieser Pläne sind nie fertig geworden. Als er sich von seinen inneren Kämpfen befreit sieht, entstehen in rascher Folge seine Geschichten- und Erzählungsbände: die deftige Hamburger Geschichte von ,,Hein Godenwind, de Admirol von M 0 s k i t 0 n i e n". bie ganz in Platt geschrieben ist. Das mag ben sübdeutschen Leser stören, wer sich aber bie Mühe nimmt, sich barein zu versenken, wirb bald erfaßt werben von ber frischen Sprache des Dichters und ben geschilberten Abenteuern Ein lustiges Buch find die „Hamburger Iamm 0 0 ten" Diesem und bem ersten genannten Banb find Worterklärungen beigegeben. Finkenwärber Geschichten erzählt er in bem Bänbchen „Schullengrieper unb Tungenknie - p e r", in bem neben einigen plattbeutfdjen Erzählungen eine größere Anzahl in hochbeutsch zu fin- ben finb Es ist viel Sonne unb Fröhlichkeit barin, baneben aber viel Lebensernst unb manch trauriges Schicksal Zu biefen Bänben gesellt sich ein vierter: „Fahrensleut e", barin bie Erzählung „Unser Ewer" in ber Gorch Fock von bem Schiff seines Vaters schreibt, an das er so viele Erinnerungen hat. In biesem Zusammenhang nennen wir auch einige Bücher, bie später aus bem Nachlaß herausgegeben worben finb bie Erzählungen „Schiff 0 0 r Anker" unb bie „N 0 r b s e e - E r Zählungen" Diesem Buch finb Abschnitte aus Gorch Focks Kriegsbriefen unb aus feinem Tag- unb Nachtbuch bes Kreuzers „Wiesbaden" vorangestellt. Ein dritter Band schließt sich beiben an: „Sterne überm Mee r", in bem Gebichte, Erzählungen unb Tagebuchblätter vereinigt finb. Der einzige große Roman, ben Gorch Fock schrieb, ist „Seefahrt ist not!" bie Geschichte bes kleinen Klaus Mewes, ber sich selbst unb ben sein Vater schon von Jugenb auf „Störtebecker" nennt. Der Kampf, ben bie Mutter um ben Sohn führt, ber wie ber Vater Fischer werben will, mag wohl eine Erinnerung an bie Jugenbzeit von Gorch Focks Vater gewesen fein unb auch an bie eigene. Die Mutter von Klaus Störtebecker trägt wohl auch bie Züge feiner Mutter
Aber auch nach ber Nieberschrift des Romanes „Seefahrt ist not!" findet der Dichter keine Ruhe, und fein Kriegstagebuch verrät viele Eintragungen von neuen Planen,) zu deren Ausführung er nicht mehr kommen sollte. Trotzdem war die dichterische
Ernte noch so reich, daß nach seinem Tode etliche andere Sammelbände herausgegeben werden konnten Eine Fülle inneren Erlebens spricht auch aus bem Bänbchen „Sterne überm Meer", das Tagebuchblätter unb Gebichte enthält.
In jüngster Zeit legte ber Bruber Gorch Focks, Jakob K i n a u, zwei neue Bänbe vor, bas bei Lehmann in München erschienene Tagebuchwerk „Ein Schiff! Ein Schwert! Ein Sege l!" unb ben „Versuch einer Lebens- unb Werkschilbe- rung" bes Brubers „Gorch Fock. Ein Leben im Banne ber See" Damit erhielten wir Kenntnis von bem reichen Leben bes Suchers unb Kämpfers. Wir stehen jetzt ftaunenb vor ber Fülle von Gebauten, Mahnungen unb Bekenntnissen, die sich in seinen Briefen an Kameraden, an bie Frau unb in ben Tagebuchaufzeichnungen offenbart. Wir brauchen nicht einzugehen auf bie Zeit, in ber er lebte, um zu ermessen, was diese Blätter damals bedeuteten; jeder, der ihnen nachgeht, wird selbst ermessen können, wie darin das Wort „Dichter sein heißt Seher fein" erfüllt wurde. Waren diese Gedanken in ber frühen Zeit bes Dichters erfühlt unb erahnt, so spüren wir, wie sie allmählich heraus- treten aus bem Unbewußten unb zu einem Bekenntnis zu einer klar gesehenen Zukunft unb ihren Aufgaben werben Sein Glaube an Deutschlanb lebt m seinen Werken weiter
Erich Langenbuche r.
Älona-palast:„Wenn der Habnkräht".
August H i n r i ch s' überaus erfolgreiches unb witziges Bauernstück, bas vor einiger Zeit auch bei uns in Gießen über bie Bühne ging, hat in ber Filmfassung nichts von seiner heiteren Durchschlagskraft eingebüßt Das Drehbuch hält sich, von einigen unwesentlichen Einzelheiten abgesehen, wohlweislich an bie bewährte Szenenfolge bes Lustspiels, in besten brei Akten bie Vorgänge ebenso geschickt unb bühnenwirksam wie glaubwürdig und lustig ein» gefädelt find Der Film hat nur, von seiner räumlich ungehemmten Aktionsfähigkeit Gebrauch machend, auch die Vorgeschichte einbezogen, welche bie Stimmung vorbereitet, ben länblichen Schauplatz abgrenzt unb bie Personen samt ihren verwickelten Beziehungen untereinanber vorstellt. Der börsliche Feuerwehrball ist eine gebiegene Angelegenheit: auf bem Heimweg von biefer feuchtfröhlichen Festlichkeit ereignen sich bie geheimnisvollen unb auf« regenben Vorfälle, bie am nächsten Morgen bas ganze Dorf in Bewegung bringen. Wenn ber Hahn kräht auf bem Bauernhof bes Gemeinbevorstehers Kreienborg — ist alles schon passiert. Auf dem
Theater setzt bas Stück mit biesem Zeitpunkt erst ein unb rollt nun bie Geschichte ber nächtlichen Abenteuer Stück für Stück nach rückwärts auf. Es spricht für bie burchaus folibe Machart bes Stückes, baß im Film nichts von ber Wirkung unb Spannung verloren geht, obwohl ber Zuschauer bereits im Silbe ist. 2lber bie Geschichte ist so verwickelt unb amüsant eingefäbelt, baß man aus bem Schmunzeln nicht herauskommt. Das wirklich lustspielhafte Leitmotiv ist nämlich, baß ungefähr alle Personen in biesem Stück ein mehr ober minber schlechtes Gewissen haben unb eigentlich, abgesehen von bem bienstlich dazu verpflichteten Amtshauptmann, jeber irgenb- ein Interesse baran hat, bie restlose Klärung ber nächtlichen Vorgänge zu hintertreiben. Hinzu kommt, baß bas Stück unter ber Leitung von Carl Froelich auf ber ganzen Linie vorzüglich besetzt ist und außerorbentlich munter unb treffsicher gespielt wirb. Heinrich George macht ben AmtsoorsteherKreienborg: bas ist nicht bloß eine körperlich füllige, fon- bern auch sonst saftstrotzenbe, blutvolle unb humorige Gestalt, ein Mann m ben besten Jahren, voller Beweglichkeit unb Unternehmungslust, bem man seine erstaunlichen Erlebnisse ohne weiteres zutraut. Eine herrliche Figur gibt auch Fritz H 0 0 pts als ber Knecht Willem Tamerling ab, ber von allen noch bas beste Gewissen hat, im übrigen aber lange nicht so bumm ist, wie er sich anstellt. Sehr lustig auch Ernst W a l b 0 w als Amtshauptmann, ber mit bem seligen Wehrhahn aus bem „Biberpelz" eine fatale Ähnlichkeit hat. Dann finb ba Marianne Hoppe (sehr begabte Leistung), Carsta Löck, bie hier natürlich befonbers trefflich ihren Platz ausfüllt, Hilbegarb B a r k 0 , Claire R e i g b e r t und Brausewetter, ebenfalls erfreulich in ber Rolle bes Tierarztes Dr. Renken. Auch sonst steht alles, Mann unb Weib, richtig unb tüchtig auf feinem Posten. Unb auch ber Hahn, ber zu Anfang unb zu Ende auf bem Mist steht unb kräht, ist echt unb recht. — Wer sich also zwei Stunben lang luftig unterhalten will, wirb hier auf seine Kosten kommen. Im Beiprogramm sieht man neben ber Wochenschau einen interessanten Kulturfilm und einen Vorspann zum „Abenteurer von Paris": auf der Bühne gibt eine Wiener Chansonette eine Anzahl Gesangseinlagen. —r—
Hochschulnachrichten
Professor D. Helmuth L 0 ther, Dekan ber evangelisch-theologischen Fakultät ber Universität Breslau, erhielt einen Ruf auf ben Lehrstuhl für Kirckiengeschicht^ unb christliche Archäologie an der Universität Bonn.


