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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Wer kann am Gesellenwandern leilnehmen?

NSG. Die Deutsche Arbeitsfront schickt auch im kommenden Jahr wieder Handwerksgesellen auf Wanderschaft nach einem Austauscharbeitsplatz. Mit der Durchführung dieser Aufgabe sind die Abteilun­gen Gesellenwandern und Austausch im Deutschen Handwerk und das Amt Reisen, Wandern und Ur­laub der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" beauftragt.

Zum Gesellenwandern und Austausch sind fol­gende Handwerksberufe zugelassen: Schmiede, Tisch­ler, Stellmacher, Böttcher, Küfer, Schäffler, Bäcker, Fleischer, Konditoren Müller, Friseure, Schneider, Schuhmacher, Graveure, Bandagisten, Orthopädie- und Chirurgie-Mechaniker, Buchdrucker und Buch­binder. Für Bauhandwerker gelten besondere Richt­linien.

Da es sich um einen Arbeitsplatzaustausch han­delt, ist die Voraussetzung für die Zulassung, daß der Handwerksgeselle, der wandern will, im Besitz eines festen Arbeitsplatzes ist und die Zustimmung seines Meisters hat.

Zur Wanderschaft werden nur charakterlich und

politisch einwandfreie und fachlich tüchtige Gesellen zugelassen. Sie müssen Mitglied der Deutschen Ar­beitsfront sein und die Gesellenprüfung mindestens mitgut" bestanden haben, für Notfälle im Besitze eines Betrages von 20 RM. fein. Eine weitere Voraussetzung ist, daß sie ledig sind.

Bei Einreichung des Antrags zur Wanderschaft sind folgende Unterlagen beizubringen: Politisches Führungszeugnis des zuständigen Ortsgruppenlei­ters der NSDAP., polizeiliches Führungszeugnis, Zeugnis über abgelegte Gesellenprüfung, Zeugnis des letzten Betriebsführers, eine eidesstattliche Er­klärung, daß der Antragsteller gesund ist, und zwei Paßbilder.

Zur Antragstellung füllt der Geselle den Frage­bogen in zweifacher Ausfertigung aus, läßt ihn von seinem Meister unterzeichnen und reicht diesen Fragebogen zusammen mit den oben bezeichneten Unterlagen an die nächste Gau- oder Kreisdienst­stelle des Deutschen Handwerks ein. Von der Zu­lassung zur Wanderschaft erhält der Geselle recht­zeitig Mitteilung.

Wer darf am Aleisterweilbewerb teilnehmen?

Gemäß den vor einigen Tagen verkündeten An­ordnungen desDeutschen Handwerks" werden im Februar und März 1937 erstmalig M e i st e r - Wettbewerbe für folgende Handwerke durchge­führt: Bauhandwerk, Metallhandwerk, Beklei­dungshandwerk, Spezialhandwerk, Holzhandwerk und Nahrungsmittelhandwerk.

Der Wettbewerbsteilnehmer muß

1. die Meisterprüfung abgelegt und die Berech­tigung zur Führung des Meistertitels haben;

2. er muß entweder Betriebsführer eines in der Handwerksrolle eingetragenen Betriebes, oder als Gefolgfchafter in einem solchen Betriebe tätig sein;

3. er darf wegen einer unehrenhaften Handlung nicht vorbestraft sein;

4. er muß die auf einem besonderen Fragebogen geforderten Angaben genauestens und wahr­heitsgemäß beantworten und diesen in einem verschlossenen Briefumschlag, der auf der Vor­derseite lediglich ein Kennwort trägt, mit der Wettbewerbsarbeit einsenden;

5. diesen Fragebogen erhält der Wettbewerbsteil­nehmer von dem Bezirksbeauftragten zuge­stellt, bei dem er sich bis zum 15. Januar 1 9 3 7 schriftlich zu melden hat. Anschrift:Das Deutsche Handwerk", Gaudienststelle Hessen- Nassau, Frankfurt a. M., Bürgerstraße 69/77, . (unter Angabe des Berufes melden).

6. Diejenigen Meister, die Mitglieder eines Wett­bewerbsprüfungsausschusses sind, können sich dann an dem Wettbewerb beteiligen, wenn dies von dem zuständigen Reichsausschuß be­stimmt wird. Die Arbeiten dieser Wettbewerbs­teilnehmer werden von einem Sonderausschuß beurteilt und sind nur zur Reichsausscheidung zugelassen.

Für das Malerhandwerk besteht insofern eine Sonderregelung, als jeder, der an dem Wettbewerb des Malerhandwerks teilnehmen will, die Unter­lagen zu diesem Wettbewerb vom Reichsinnungs­verband des Malerhandwerks, Berlin W 35, Dikto- riastraße 30, anfordern muß. Mit gleicher Post muß der Wettbewerbsteilnehmer des Malerhandwerks dem zuständigen Bezirksbeauftragten seine Teil­nahme an dem Wettbewerb ayzeigen.

Auskunft im Kreise Wetterau geben für das Bauhandwerk: Kreisfachschaftswalter Pg. Stüh­le r, Gießen; Metallhandwerk: Kreisfachschaftswal­ter Pg. mann, Gießen; Bekleidungshandwerk: Kreisfachschaftswalter Pg. Hartmann, Gießen; Spezialhandwerk: Kreisfachschaftswalter Pg.

Trebbe, Gießen; Holzhandwerk: Kreisfachschafts­walter Pg. Rinn, Heuchelheim; Nahrungsmittel­handwerk: Kreisfachschaftswalter Pg. S ch o m b e r, Gießen.

Meister, auf zum friedlichen Wettkampf be­weise dein Können und sporne die Jugend durch dein Beispiel zum Leistungskampf an!

Ur. 502 Drittes Blatt

Aus der Provinzialhauptstadt.

Nach den Feiertagen.

Drei Ruhetage des diesjährigen Weihnachtsfestes sind am heutigen Montag durch den Wiederbeginn der Arbeit abgelöst worden. Wohl für uns alle wa­ren diese Feiertage dankbar begrüßte Gelegenheiten, von dem schweren Alltagswerk einmal gründlich auszuruhen und neue Kraft zu sammeln für wei­teres reges Schaffen. Diese Tage waren aber auch erfüllt von dem Zauber des Weihnachtsfeftes, der die Menschen erfreute, wenn auch das übliche und zu einem rechten Weihnachtfest eigentlich erforder­liche Winterwetter fehlte. Wer auf Schnee und Eis gehofft und vielleicht feine Skigeräte vorsorglich be­reitgemacht hatte, der erlebte eine Enttäuschung. Denn die Weihnacbsfeiertage brachten uns an den beiden ersten Ruhetagen reichlich unfreundliches, aber in keiner Weife weihnachtliches Wetter. Erst vom gestrigen Sonntag ab wurde uns klares und kaltes Winterwetter beschert, das wohl einige Grad Frost brachte, aber den Schnee uns schuldig blieb. Zwar sah es gestern gegen Abend einigermaßen nach Schnee aus, aber auch diesmal und bis heute vormittag ist die Hoffnung noch nicht in Erfüllung gegangen. So hoffen wir nun weiter auf Schnee, vielleicht als Silvester- und Neujahrsüberraschung.

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Die Weihnachtsstimmung machte sich am Heili­gen Abend nachmittags überall bemerkbar. Der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Leitung des Musikzugführers Herrmann erfreute auf dem Kreuzplatz zahlreiche Straßenpafsanten durch schöne und stimmungsvolle Weihnachtsmusik, die ein wür­diger Auftakt zu den Feiertagen war. Schon um diese Zeit begannen sich die Straßen immer mehr zu leeren, und nur gegen Abend, zur Stunde der Heiligabend-Gottesdienste, war der Verkehr noch einmal etwas lebhafter. Dann wurde es allenthalben still in den Straßen und Gaffen. Die Weihnachts­feiern in den Familien traten in ihr Recht und vereinigten Eltern und Kinder bei dem lichter­geschmückten Tannenbaum. Lediglich die Verkehrs­betriebe standen auch an diesem feierlichen Abend im Zeichen ihrer strengen und für die Allgemeinheit notwendigen Pflichterfüllung.

Die beiden Feiertage vereinigten zahlreiche Volks­genossen in den Kirchen zu den gottesdienstlichen Feiern, die den gewohnten stimmungsvollen und würdigen Verlauf nahmen. Feiertagsruhe herrschte auch bei der Polizei und bei der Sanitätswache, soweit es sich bei letzterer um die AbteilungUn­glücksfälle" handelte. Dagegen wurden unsere Sa­nitätsmannschaften mehrfach für Krankentransporte in Anspruch genommen. Der Verkehr war nament­lich am gestrigen dritten Feiertag bei dem schönen trockenen Frostwetter sehr rege, da viele Gießener die Gelegenheit zu Spaziergängen benutzten.

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Der Reiseverkehr auf der Bahn war anläßlich der Feiertage wiederum sehr rege. Näheres über diesen Teil der Feiertagsereignisse berichten wir auf der vierten Seite dieses dritten Blattes.

Dornotizen.

Tageskalender für Montag.

Gloria-Palast, Seltersweg:Truxa". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Unter heißem Himmel".

Spielplan des Stadtthealers Gießen

vom 29. Dezember 1936 bis 3. Januar 1937.

Dienstag, 29. Dezember, Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr:Der Kampf mit dem Tatzelwurm", Lust­spiel von Lenz und Roberts. Spielleitung: Wolf­gang Kühne. Dienstag-Miete. 14. Vorstellung. Mittwoch, 30. Dezember, Anfang 15 Uhr, Ende 17.15 Uhr, zum letztenmal:Prinzessin Allerliebst". Spielleitung: Karl Volck. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Außer Miete. Von 19.30 Uhr bis 22 Uhr:Seiner Gnaden Testament", Komödie von Hjalmar Bergman. Spielleitung: Hans Geißler. Mittwoch-Miete. 14. Vorstellung. Donnerstag, 31. Dezember, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr,

großer Silvester-Abend:Charleys Tante", Schwank von Brandon Thomas. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: der Intendant. Außer Miete. Freitag, 1. Januar 1937, Anfang 19 Uhr, Ende 21 Uhr, einmaliges Gastspiel desMeister-Sextetts", früherComedian Harmonists". Außer Miete. Samstag, 2. Januar, Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr, Theaterring der NS.-Kulturgemeinde, zum letzenmal:Seiner Gnaden Testament", Komödie von Hjalmar Bergman. Spielleitung: Hans Geiß­ler. Freier Kartenverkauf an der Abendkasse. Sonntag, 3. Januar, Anfang 11.30 Uhr, Ende 12.30 Uhr, 8. Morgenveranstaltung. Rilke-Feier zum 10. Todestag des Dichters. UraufführungDie weiße Fürstin" von Rainer Maria Rilke. "Spiel­leitung: der Intendant. Für Platzmieter ist der Eintritt frei. Von 19 bis 21.45 Uhr:Der Zare­witsch", Operette von Franz Lehär. Musikalische Leitung: Hans H. Hampel. Spielleitung: Paul Wrede. Außer Miete.

DieLomedian Harmonists" im Stadtheater Gießen.

Die Intendanz des Stadttheaters hat dieCome­dian Harmonists", jetztDas Meister-Sextett" ge­

nannt, zu einem einmaligen Gastspiel am 1. Jan. 1937 verpflichtet. DieComedian Harmonists" sind waschechte deutsche Jungens. Ihre bürgerlichen Namen spielen keine Rolle. Deshalb finden wir sie auch auf keinem Programm verzeichnet. Es ist die Harmonie der eigenwillig gefärbten Modulation, die den Reiz der Singekunst dieses Sextetts aus­macht.

Gememfckastliche Arbeit.

Abkommen zwischenKraft durch Freude" und Hitler-Jugend.

Um die gleichgerichteten Kräfte zu gemeinsamen Einsatz zu bringen, haben die Hitler-Jugend und die iNS.-GemeinschaftKraft durch Freude" in Hes­sen-Nassau ein Abkommen geschlossen, das die Teil­nahme an den beiderseitigen Veranstaltungen und die Zusammenarbeit auf dem Gebiete der Volks­bildung und der Feierabendgestaltung regelt. Der Hitler-Jugend stehen die Lehrkräfte des Deutschen Volksbildungswerkes zur Verfügung. Innerhalb der Betriebe wünscht die Hitler-Jugend eine besonders enge Zusammenarbeit mit den Werkscharen bei den

Montag, 28. Dezember 1956

einzelnen Veranstaltungen. Innerhalb des Pro­gramms der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude" wird die Hitler-Jugend die Gestaltung von Dorf­gemeinschaftsabenden übernehmen; es ist selbstver­ständlich, daß sich die HI. als ein Teil der Be­wegung hierbei nicht mit irgendwelchen Vereinen ober sonstigen Organisationen in die Arbeit teilt, sondern unverfälscht ihr eigenes Wollen zum Aus­druck bringt.

Ehrungen für Professor Engel.

Dem langjährigen Mathematiker der Universität Gießen, dem jetzt hier im Ruhestand lebenden Pro­fessor Dr. Friedrich Engel, überbrachten zu sei­nem 75. Geburtstage am zweiten Weihnachtsfeier« tage, 26. Dezember, der Rektor, der Dekan und die Philosophische Fakultät, sowie der Vertreter der Studentenschaft der Universität Gießen die herz­lichen Glückwünsche unserer Universität. Der Kö­nig von Norwegen ehrte den verdienten Ge­lehrten in dankbarer Anerkennung seiner Verdienste um die Herausgabe der Arbeiten des norwegischen Mathematikers Professor Lie, mit dem er früher zusammen gearbeitet hatte, durch die Ernen­nung zum Kommandeur des Olas- Ordens. Die Norske Videnfkaps - Akademi in Oslo, deren auswärtiges Mitglied der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Klasse Professor Engel ist, ließ ihm gleichfalls herzliche Glückwünsche über­mitteln.

Mitarbeit beim Deutschen Noten Kreuz.

Der Reichsstatthalter in Hessen Landesregie­rung hat an alle unterstellten Behörden, Gemein« den, Gemeindeverbände und sonstige Körperschaften des öffentlichen Rechts die nachstehende Verfügung über die Mitarbeit beim Deutschen Roten Kreuz durch Beamte, Angestellte und Arbeiter des Staats­und Gemeindedienstes erlassen:

Das Deutsche Rote Kreuz hat von dem Führer, der persönlich die Schirmherrschaft über dasselbe übernommen hät, für den Krieg äußerst umfang­reiche und wichtige Aufgaben übertragen bekom­men, die schon im Frieden weitgehende Vorberei­tungen notwendig machen. Hierfür ist unerläßlich, daß der Mannschaftsbeftand des Roten Kreuzes nicht nur erhalten bleibt, sondern sogar verstärkt wird.

Das Rote Kreuz hat, abgesehen von seinen gro­ßen Aufgaben im Frieden Organisation des ge­samten öffentlichen Sanitätsdienstes, im Kriege so große Aufgaben zu erfüllen, daß feine Bedeutung im Rahmen der gesamten Landesverteidigung nicht genug hervorgehoben werden kann. Partei und Staat suchen deshalb den Ausbau und die Stärkung dieser Organisation mit allen Mitteln zu fördern. Daher ist es auch Pflicht jedes einzelnen im Staats­und Gemeindedienst Beschäftigten, sein Interesse dem Roten Kreuz insbesondere durch persönliche Mit­arbeit am Ausbau dieser Organisation zuzuwenden.

Das Rote Kreuz hat einen sehr erheblichen Man­gel an Männern aller Altersklassen, insbesondere aber auch an Männern, die sich zur Besetzung der verschiedenen Führerstellen eignen, so daß die Staats- und Gemeindebediensteten, deren Freizeit nicht oder nur wenig durch ihre Tätigkeit in der NSDAP, oder deren Gliederungen in Anspruch genommen wird, sich zur Mitarbeit im Roten Kreuz bereitfinden müssen.

Ich ersuche die Leiter der unterstellten Behörden und der Gemeinden um entsprechende Belehrung ihrer Bediensteten und erwarte, daß diese An- regung weitestgehend durch Beitritt zum Roten Kreuz gefördert wird.

Oer Postdienst am Neujahrstag.

Das Postamt Gießen teilt mit, daß am Neujahrstag der Schalterdienst, die Briefkasten­leerung und die Ortsbriefzustellung wie an Sonn­tagen gehandhabt werden. Vorgesehen ist ferner eine Zustellung von Post- und Zahlungsanweisun­gen, sowie von Wertbrieftendungen. Die Ortspaket­zustellung fällt aus. Auf das Land erfolgt eine Zustellung von Briefen und Zeitungen nach allen Orten.

Tauschkundm.

Von Helene Voigt-Oiedenchö.

Was wünschest du dir? Armselige Frage! Wünsche müssen erspäht werden. Lange vor dem Fest schon harrt die Ueberraschung für den Fünfzehnjährigen im Schrank.

Dann liegt sie weihnachtlich im Kerzenschein der Tanne: die braune Schreibmappe, geräumig, nach Juchten duftend. Der Peter hat Juchten gern. Außerdem, es ist nicht zu leugnen, die Papiere auf seinem Tisch leben reichlich unbehaust.

Die Freude ist echt. Es ist wirklich ein schönes, in seinen Maßen wie in der Gediegenheit des Le­ders ausgesprochen männliches Stück. Es bietet Unterschlupf für Karten, Umschläge, Marken. Tage­buchblätter und Briefe, noch ungeboren, beginnen sich einzunisten.

Neun warme runde Tage liegt besagte Mappe auf dem Weihnachtstisch. Sie hat teil am Klang der alten Lieder, an Glanz und Tannenweihrauch, an der so nur in dieser einzigen Zeit des Jahres vorhandenen Muße der Hausbewohner. Abendliches Plaudern, Erinnern, Gemeinsamkeit. Geistige Rauf­gelüste sind beurlaubt. Lächeln und Ausblick. Schwei­gen über neuen Büchern; dazwischen Anbieten, Knuspern. Nußschalen springen. Besuch kommt herein. Hat Zeit, steht behaglich an den Tischen herum.

Durch das offene Fenster streicht mitternächtig der Klang der Neujahrsglocken. Ein Arm, der em Glas trägt, stößt an den Baum. Die ersten Nadeln riefeln. Der Peter bringt die Mappe vor dem tropfenden Wachs in Sicherheit. Morgen: nun ja, man wird sie einweihen, diesen und jenen Dankes- brief schreiben müssen...

Als der Beschenkte am nächsten Morgen die Gabe auf der Verzauberung heraus in den tätigen Alltag überzuführen denkt, stellt sich eine Hemmung ein. Die Mappe wird befühlt, berochen; wunder­schön ist sie. Aber ...

Was für ein Aber? frage ich. Z u schön! kommt es heraus. So wie sie daliegt, müßte sie ledermäch­tig jahraus, jahrein, auf dem Tische prangen. Aber sie soll doch lieber im Faltboot oder Rucksack ver­staut werden. Sie könnte ein wenig anspruchsloser, rundherum ein bißchen handlicher sein ...

Der Stein ist ins Rollen geraten. Gaben der Liebe beflecken lassen durch Tauschgeschäft? Aber der Peter und ich, wir sind beide nicht sentimental. Anderntags, als der Wunderbaum abgeplündert ist, packe ich die Mappe ein und trotte in den Papier­laden.

Der seufzende Inhaber müht sich um gute Mie­nen, breitet eine Auswahl von kleineren, derberen, reisetüchtigeren Mappen auf den Tisch. Er läßt das weiße Löschblatt des Rückzüglings prüfend durch die Finger laufen, schnippt nach einem Fädchen Engelshaar und besteigt, da sich kein Makel aus- roeift, die Leiter.

Oben kramt er die Mappe ins breite Fach. Da liegt sie nun, verhaltenen Atems, paßt sich an, ein­gereiht unter ihresgleichen. Sie weiß nichts von grünem Lichterbaum und Sang der Glocken. Ver­steht keinerlei Deutsch von Herz zu Herzen, und hat sich, fabrikneu, beileibe nicht entwerten lassen durch unbefugten Ausriß ins Menfchenland.

Am Anfang steht der Wald.

Von H. O von Bonm ponih.

Deutschland gehört mit den über zwölf Millio­nen Hektar Waldfläche, die etwa ein Drittel der Gefarntlandesfläche darstellen, zu den waldreiche­ren Staaten Europas. Dieser Wald ist nicht wie in vielen Ländern, auf einzelne große Gebiete be­schränkt, sondern verteilt sich in Deutschland ver­hältnismäßig gleichmäßig über das ganze Reich. Damit ist jedem Volksgenossen, auch wenn er in der Stadt wohnen muß, von Kindheit an Gelegenheit gegeben, Wald kennen zu lernen, im Walde zu be­obachten, aus dem Walde Kräfte zu gewinnen. Es ist daher erklärlich, daß der deutsche Mensch im Walde das Wirken und die Größe der Natur be­greift, sich in der Ferne in fremden, üppigen Län­dern nach dem deutschen Walde sehnt.

Diese Waldessehnsucht, dieses Verständnis für den Wald ist dem Deutschen anererbt, denn schon in der frühesten Jugend des deutschen Volkes gab der jungfräuliche Boden des Waldes nach 6er Rodung köstliche Erde für reiches Getreide, für zarte Alm­gräser. Im Walde standen dem Germanen uner­meßliche Vorräte an Holz zur Verfügung, das für ihn Werkstoff für den Bau seines Hauses, für Speer und Schild, Brennstoff zur Zubereitckig der Speisen und zum Wärmen der Behausung war und zugleich das lichtspendende Feuer für die Dunkelheit der Nacht gab. Im Walde jagte der Germane die Tiere, die ihm Wildpret zur Nahrung, Bälge und Felle zur Bekleidung, Knochen zur Herstellung von Speerspitzen und Beilen lieferten. Die Wildbienen, die in höhlen Bäumen wohnen, gaben ihm Honig. Im Walde konnte er fein Vieh weiden lassen. Im Walde waren die Haine, in denen er seine Götter verehrte. Im Schatten alter Bäume wurde Recht

gesprochen, das Thing abgehalten, Zweikämpfe aus­gefochten.

Es ist klar, daß der Wald im Kulturleben des deutschen Volkes einen starken Einfluß ausgeübt hat. Zahllose Künstler haben sich mit Griffel und Pinsel der Schönheit des Waldes gewidmet. Der Bildhauer wählt am liebsten Lindenholz als Werk­stoff. Der Handwerker,, der mit Holz arbeitet, der Tischler, der Zimmermann, der Drechsler, sie alle haben von ihrem Rohstoff her eine so liebevolle und innige Beziehung zu den geschaffenen Erzeug­nissen. wie es vielleicht nur noch der Schmied oder der Bearbeiter von Gold und Silber haben mag. Darüber hinaus gestalten Wald und Holz das Leben jedes Menschen, wenn auch oft unbemerkt und unerkannt. Jeder weiß, daß das Holz im Dc?ch- ftuhl seines Hauses, in den Möbeln seiner Zimmer, daß der Weihnachtsbaum, die Schwelle des Hauses, der Parkettfußboden, die Türen und Fensterrah­men dem deutschen Walde entnommen sind, daß der Mensch vieles entbehren müßte ohne diese ewig fließende Rohstoffquelle. Wer aber denkt daran, daß das Buch, das er lieft, das Papier, auf dem er schreibt, auch aus Holz hergestellt sind? Wer weiß, daß die Damenftrümpfe, viele Kleiderstoffe, Kra­watten und andere Bekleidungsstücke auf dem Umwege über Kunstseide und Zellulose ihren Ur­sprung im Holze haben? Wer hat davon gehört, daß man Zucker, Futterhefe und eiweißhaltige Futter­mittel für das Vieh aus deutschem Holz Herstellen kann? Auch gewinnt man heute aus dem Holz hoch­wertigen Spiritus und Benzin. Holz im Zustand der Vergasung ist ein Treibstoff für Automobile, Holz kann Flaschenkorken ersetzen. Dabei ist zu be­denken, daß alle diese Verwendungsmöglichkeiten des Holzes keinen Ersatz im schlimmen Sinne dar­stellen. sondern wirklich'beste und dauerhafte Aus­tauschstoffe sind.

Neben diesen praktischen Dingen des täglichen Lebens, die auch zu den Kulturgütern eines Men­schen und eines Volkes gehören, ist der Wald als Ganzes nicht wegzudenken aus dem Leben des deutschen Volkes. Ohne den Wald würde das deutsche Land solchen Naturkatastrophen, wie sie in Amerika herrschen, solchen Wassernöten, wie sie in dem entwaldeten Südeuropa Vorkommen, aus- geliefert fein. Diese Beispiele lehren, wie notwendig es ist, daß der Mensch nicht Raubbau am Walde treibe, daß die Beziehungen zur Natur und zum Tier nicht gestört ober abgebrochen werden. In Deutschland besteht diese Gefahr nicht. Jeder Deutsche ist mit einem Stücke seines Herzens Waldmenfch, er liebt und versteht den Wald, die Tiere, das Holz; er erzählt seinen Kindern die alten Märchen,

die meist im deutschen Walde spielen, er wandert mit ihnen in dem schattigen Waldesdom und lehrt sie, in Ehrfurcht zu schweigen, zu schauen, zu erleben.

Stammrollen des Schillschen Korps.

Zürn Zwecke der Sippenforschung werden jetzt vielfach auch alte Regimentslisten durchgesehen, die wertvolle Quellen darstellen, weil sie meist auch eine Personalbeschreibung der einzelnen Soldaten ent­halten. Es wird wenig bekannt sein, daß auch die Stammrollen des Schillschen Korps noch aufbewahrt werden. Das Heeresarchiv der alten preußischen Armee im Geheimen Staatsarchiv in Berlin besitzt einen Aktenbanddas von Schill- fche Korps betreffend", der auch Stammrollen des 2. Brandenburgischen Husaren-Regiments von Schill, das den Stamm des Freikorps" gebildet hat, und Liften der Mannschaften enthält, die nach dem Tode Schills vor dem Preußischen Generalgouver­neur der Provinz Pommern und Neumark kapitu­lierten. Dieser war niemand anders als derGe­neral von der Kavallerie" v. Blücher.

Schill hatte am 28. April 1809 mit feinem Re­giment Berlin verlassen und sich zunächst nach Wittenberg, dann ins Anhaitische gewandt. Nach derAffaire" bei Dodendorf, wo er ein westfälisches Regiment des Königs Jerome schlug, suchte er das Meer zu erreichen und fand in Stralsund im Kampf gegen die in französischen Diensten stehenden Hol­länder und Dänen am 31. Mai den Heldentod. Der Rest seiner Leute, soweit sie nicht im Lande umher- irrten, hatte sich auf 14 Schiffe auf der Reede von Swinemünde gerettet und unterhandelte von dort aus mit Blücher. Nach Weisung des Königs sollten die freiwillig zurückkehrenden Leute an der Grenze entwaffnet und in das 4. Ostpr. Jnf.-Regt. nach Graudenz ober das Westpr. Ulanen-Regt. nach Kö­nitz eingereiht werben. Pferbe unb Waffen sollten nach Berlin gebracht unb bei der Neuaufstellung eines Ulanen-Regiments verwendet werden. Alle geborenen Mecklenburger wurden mit Pässen in ihr Vaterland entlassen. Von denen aber, die wie­der preußische Dienste nehmen wollten, und deren waren nicht wenig finden sich in den auf­gestellten Listen die üblichen militärischen Persona­lien über Charge, Namen, Größe, Vaterland, Ge­burtsort, Religion, Beruf, Ehestand unb Kinder- zahl. Verheiratet waren bie wenigsten. Dreist waren es junge Leute, selten einer über 35 Jahre, viele erst 16 ober 17 Jahre alt. Auch bie Offiziere wer­ben genannt, allerdings nicht jene tapferen elf, bto in französische Gefangenschaft gerieten und in Wesel erschossen wurden.