Ausgabe 
28.8.1936
 
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Hr. 201 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Zreitag, 28. August 1936

planvoller Arbeitseinsatz!

Von Dr. Erich Schmidt

Der Mensch ist außerordentlich anpassungsfähig. Besonders an Fortschritte gewöhnt er sich erstaun­lich rasch. Das konnte man auch bei den wachsen­den Erfolgen des Kampfes gegen die Ar­beitslosigkeit deutlich beobachten. Etwa bis Ende 1934 sahen alle immer mit Spannung den neuesten Ziffern über die Ergebnisse des Arbeits­einsatzes entgegen. Dann aber fing man an, es alsselbstverständlich" hinzunehmen, was wenige Jahre zuvor noch wie ein Wunder erschienen wäre. Heute sind wir an den ständigen Rückgang der Arbeitslosenziffern bereits so sehr gewöhnt, daß wohl nur die Wenigsten sich weitere Gedan­ken darüber machen.

Und doch sollten wir das tun. Denn Erfolge fallen auf keinem Gebiet dem einzelnen wie dem Volksganzen mühelos in den Schoß. Sie wollen erkämpft sein. Sind sie erzielt, so gibt es auch noch kein Ausruhen. Dann geht der Kampf darum, den gewonnenen Stand zu halten und möglichst noch zu verbessern.

In diesem Stadium stehen wir gegenwärtig tn unserer Arbeitsschlacht. Die Arbeitsbeschaffungs­maßnahmen haben die in sie gesetzten Erwartun­gen noch übertroffen. Die Ziffer der beschäftig­ten Arbeiter und Angestellten war am 30. Juni d. I. um 6 188 272 höher als am Tief­stand vom 31. Januar 1933. Da im Durchschnitt der letzten 12 Monate, für die die endgültigen Er­gebnisse der Statistik der reichsgesetzlichen Kran­kenkassen und der Arbeitsämter vorliegen, die Ge­samtzahl der in Deutschland überhaupt vorhan­denen Arbeiter und Angestellten mit 18 844 000 -ermittelt wurde, bedeutet eine Beschäftigungsziffer von 17 675 483 Stand am 30. Juni eine Beschäftigung von rund 95 v. H. aller 'Arbeiter und Ange st eilten.

Jetzt geht es also darum, diesen hohen Beschäfti- igungsstand zu halten und auch noch die letzten 'einsatzfähigen Erwerbslosen in Arbeit und Brot -zu bringenIst denn das so schwer?", so wird wielleicht jetzt mancher Leser sagen. In der Tab fsieht für das ungeschulte Auge die Aufgabe oer- lhältnismäßig einfach aus. Weit über 6 Millionen -Erwerbslose sind seit dem 31. Januar 1933 in den ^Produktionsprozeß eingereiht worden. Gegenüber Lieser Tatsache müßte es dann doch leicht sein, «noch 1 Million Menschen mehr eine Arbeitsmög­lichkeit zu geben.

Und doch ist es nicht leicht. Es wird sogar mit fiebern weiteren Erfolg der Arbeitsschlacht immer schwieriger, Arbeitsgesuche und offene Stellen in Ilebereinstimmung zu bringen. Schon die Haus­ffrau kann ja zu diesem Kapitel etwas sagen. Denn Wie oft wird sie davon gesprochen haben, daß ihre Hausangestellte sich vorzüglich für einen anders gearteten Haushalt, aber eben nicht für den h r i g en eignet. Ist es schon im Kleinen so, wie- ruel mehr dann im Leben der Wirtschaft mit «einen fortgesetzten Aenderungen, mit den Kon - lunktur- und Saisonschwankungen.

Was heißt das für die Praxis? Doch nichts anderes, als daß gerade nach den Erfolgen der Ärbeitsschlacht die planvolle Leitung des Arbeitseinsatzes immer wichtiger wird. Sie wird aber auch immer schwieriger. Bei einer großen Zahl von Erwerbslosen ist es reicht für einen gemeldeten offenen Arbeitsplatz oen geeigneten Bewerber auszusuchen. Schwieriger ist es, wenn eben nur wenige Bewerber zur Verfügung stehen. Da müssen oann die berechtigten Wünsche des Arbeitsuchenden mit den Notwendigkeiten der Besetzung der Ar­beitsplätze in Uebereinstimmung gebracht werden. Das Allgemeininteresse erfordert die Ausfüllung deber Arbeitsmöglichkeit. Die persönlichen Wünsche »es Erwerbslosen gehen oft in eine andere Rich­tung. Da gilt es dann abzuwägen. Da gilt es, die Grenze zu finden zwischen Einzelschicksal und Notwendiakeiten für das Volksganze

Noch weitere Fragen tauchen bei der planvollen Leitung des Arbeitseinsatzes auf. Wir haben zum

Beispiel im Mai 1936 in der Landwirtschafti 83 652 Arbeitsgesuche und 133 921 offene Stellen gehabt. Trotzdem konnten die Arbeitsmänner nur bei 61 340 Einstellungen in der Berufsgruppe Land­wirtschaft im Monat Mai mitwirken. Es war also nicht möglich, alle Erwerbslosen dieser Berufs­gruppe unterzubringen. Warum? Die Zahl der offenen Stellen war doch größer. Weshalb wurden dann am 30. Juni noch 19 008 Erwerbslose in der Berufsgruppe Landwirtschaft, Gärtnerei und Tier­zucht gezählt?

Geht man der Frage nach, so lüftet sich das Ge­heimnis. Don den 19 008 Erwerbslosen der genann­ten Berufsgruppe waren 7294 verheiratete Landarbeiter. Mit ihnen konnten die offenen Stel­len nicht besetzt werden, weil es wohl in den mei­sten Fällen a n W o h n u n g e n für die Land­arbeiterfamilien fehlte. Weitere 6202 waren Gärt­ner und Gartenarbeiter. Die Bauern wollten aber im Mai keine Gärtner, sondern g e - schulte Landarbeiter. Da tritt dann die Frage auf, ob es richtig ist, die 6000 erwerbslosen Gärtner umzuschulen. Wird der Bedarf an Ar­beitskräften in der Landwirtschaft auch nach der Ernte in der Höhe anhalten, daß die Umschulung verantwortet werden kann. Jeder einzelne Fall muß da geprüft werden. Eine falsche Entscheidung kann das Lebensschicksal eines Volksgenossen auf das Schwerste belasten. Dabei hängt die Entscheidung von Faktoren ab, die mit absoluter Sicherheit nie­mand zu beurteilen vermag.

Der Ausgleich muß nicht nur innerhalb der ein­zelnen Berufsgruppen getroffen werden. Auch zwi­schen den Berufsgruppen selbst ist er notwendig. Wir haben für Mai die Zahl der Ar­beitsgesuche und die der offenen Stellen in der Be- rufsgruppe Landwirtschaft genannt. Die offenen Stellen übertrafen die Arbeitsgesuche. Schon i n der For st wirtschaft und Fischerei war es umgekehrt. Hier standen 17 478 Arbeitsgesuchen nur 7690 offene Stellen gegenüber. Noch mehr ver­schiebt sich das Verhältnis bei verschiedenen indu­striellen Berufsgruppen. Im Bergbau wurden von den Arbeitsämtern im Mai 94 355 Arbeits­gesuche, aber nur 3157 offene Stellen gezählt. Für die Eisen- und Metallerzeugung waren die Zahlen 228 150 und 47 925. In anderen in­dustriellen Berufsgruppen war das Verhältnis von Arbeitsgesuchen zu offenen Stellen wenigstens wie 2:1. Bei den Hausgehilfinnen was die Hausfrau besonders interessiert lagen im Mai 60 867 Arbeitsgesuche gegenüber 51 866 offenen Stellen vor.

Man muß bedenken, daß die Zahlenverhältnisse von Arbeitsgesuchen und offen Stellen nicht nur zwischen den einzelnen Berufsgruppen, sondern ebeso auch zeitlich und örtlich schwan­ken. Einige Ziffern mögen das belegen. Zunächst wollen wir die Zahlen für einige Berufsgruppen vom Mai 1936 denen vom Mai 1935 gegenüber­stellen. Das ergibt folgendes Bild:

Arbeitsgesuche.

Mai 1935 Mai 1936

Landwirtschaft 119 526 83 652

Forstwirtschaft 24 899 17 478

Saisonaußenberufe zusammen 730 822 527 165

Uebrige Arbeiterberufe 1 293 785 997 588

Ungelernte Arbeiter 982 654 834 158

Angestellte 361 559 304 312

Offene Stellen.

Mai 1935 Mai 1936

Landwirtschaft 140 767 133 921

Forstwirtschaft 2 720 7 690

Saisonaußenberufe zusammen 297 627 309 408

Uebrige Arbeiterberufe 281 211 325 212

Ungelernte Arbeiter 186 754 231 225

Angestellte 102 482 142 341

Die Dermittlungsziffern reichen an die Gesamtzahl der offenen Stellen niemals hundertprozentig heran. Zum Teil melden die Unternehmer eine offene Stelle dem Arbeitsamt und geben gleichzeitig ein Stellen­inserat auf. Hinzu kommt die gelegentliche Vermitt­lung aus Gefälligkeit, wie sie unter Bekannten üblich ist. Eine restlose Erfassung der offenen Stellen und

auch der Arbeitssuche findet also bei den Arbeits­ämtern der Reichsanftalt nicht statt.

Es bleibt noch hervorzuheben, daß der Um­schlag im Arbeitseinsatz mit den Erfolgen der Ärbeitsschlacht sich noch gesteigert hat. Er

hat sich rund um ein Drittel erhöht. Fügt man zu diesen Tatsachen noch die Bedeutung der Berufs­beratung und Lehrftellenverrnittlung, dann erkennt man die Richtigkeit unserer Forderung nach plan­vollem Arbeitseinsatz.

ünterzrichnunOesenalisch-äsMischenVerlrages

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Im Locarnosaal des Auswärtigen Amts in London wurde der englisch-ägyptische Vertrag, der Aegypten seine Souveränität zuerkennt, feierlich unterzeichnet. In der Mitte des Tisches sieht man den englischen Außenminister Eden während der Unterzeichnung. Links davon sitzt Ministerpräsident Nahas Pascha. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Ungebetene Kostgänger -er Wetterau.

Ein Iahreögang durch das Leben des deutschen Hamsters.

Von Dr. Karl Rudolf Fischer.

Schwer neigen sich die reifen Aehren unter der Last des reichen Körnerregens zur Erde, aber wie gewalzt liegt das fruchtbeladene Feld nach dem letzten Platzregen da. Die Bauern werden es schwer haben dies Jahr, den neine Mahd mit der Ma­schine, die ganze Felder nimmt, wird nicht mehr möglich sein, wenn die Frucht so liegt, und es gibt viel gebückte Rücken im Erntegang, viel sichelbe­wehrte Arme, und die Vorschnittsense wird dies­mal ohne Reff geführt werden müssen und viel­leicht durch-, aber nicht widerhauen können.

Das aber ist das ideale Feld für die Geißel der Wetterau, den ungebetenen Kostgänger und Neben­buhler im Nahrungskampf, den billigen Konkurren­ten im Korneinheimfen und unsteten Wühler, Na­ger und Griesgram, Ackerverderber und Tunichtgut. Denn Heuer braucht er nicht die Halme zu biegen, daß sich ihr Aehrensegen zur Erde neigt, um Halm für Halm unö Aehre für Aehre einzeln abzuernten, heute liegen sie alle da, wie er sie haben will, auf Abruf bereit für feine dicken Taschen und für sein ewig tätiges Mahlgerät. Das ist das Feld, wie der Hamster es haben will, wenn er bei dem Korn­bauern zu Gaste geht und keinen Acker verläßt, be­vor er ihn gezeichnet hat. Der Spuren hinterläßt, wie kein Mensch sie zu hinterlassen vermag und dessen Tätigkeit so sprichwörtlich ist wie kaum eine zweite, so daß der Vorgang sogar von der menschlichen

Ausdrucksweise übernommen wurde, und dessen Urheber trotz seines Einganges in den Dolksmund den Menschen doch so fern, so fremd und so un­erwünscht geblieben ist, so rätselhaft und so un­bekannt wie der deutsche Hamster.

Wo er mit seinem Räuberhandwerk zu Gange ist, sein unglaubliches Verheerungswerk treibt, da gibt es halbe Ernten und mageren Drusch, und viel Schweiß, viel Mühe und Arbeit ist vergeblich ge­wesen. Geht der Hamster zu Häuf übers Feld, dann ist Notwehrzeit für den Bauern. Ein Glück, daß er sich nicht überall zu halten und anzusiedeln ver­mag, und daß er dort, wo gutgründiger Boden ihm das Graben gestattet, im großen Ganzen kurz zu halten ist und seine jährliche Vermehrungsstärke schwankt wie Erntereichtum und Klimagunst. Dabei sieht der Kerl gar nicht unsympathisch aus, im Ge­genteil, er stellt etwas vor in seinem kontrastreichen Ausgehanzug, der glatten, rötlichgelbbraunen Rückenseite und dem weichen Pelz seiner tiefschwar­zen Bauchhälfte, und die Weißtupfung von Schnau­ze, Backen und Pfoten geben ihm noch obendrein jene Liebhaberfärbung, auf die wir bei unseren Katzen und Hunden so stolz sind. Es ist eigentlich schade, daß dieses anmutige, gegen 30 Zentimeter große Tierchen ein so großer Verwüster unserer Kulturpflanzen und so empfindlicher Schädling ist. Alle Nutzfrucht, die der Mensch auf den Feldern

Hein ich Wolfqanq Gewel Zu seinem 60. Geburtstag am 28 August von Herbert Günther

Arn 28. August wurde ihm fein erster Sohn icboren", so erzählt Heinrich Wolfgang Seidel in nen(Erinnerungen an Heinrich Seidel". In die­sem unscheinbaren Satz liegt schon ein Wesentliches siner Persönlichkeit: Zurückhaltung. Heinrich Wols- -iang Seidel hat immer gerne das WortW Der-- -nieben. Nicht aus Hochmut ober falscher Beschei­denheit. Lautes Vorbrängen wäre gegen seine Na- iir gewesen.Als ob ein Künstler nicht vor allen oberen Anlaß hätte, ben Abstanb zu magren , □qt ber Maler Roßbors in seinem RomanD a s ergitterte Fen st er" unb meint bannt nicht Liletzt ben Abstanb zu ben eigenen Eitelkeiten. Seibel brauchte sich nicht vor ben Gefahren des Ziteratenhaften zu schützen. Es war ihm non \xv -,en her fremd mit seiner Betriebsamkeit, (Erfolgs^ mbetung und' dem Geschwätz.

Seit seinem 14. Lebensjahr ist ©eibel heimlich iewiß, daß auch er einmal Bücher schreiben werbe. Als ber früheste Novellenband erscheint, Zahlt.er ti)on 37, unb man steht im Dorkriegsiahr 1913. !rs istDer Vogel T o l i b a n , seiner Gattin Ina Seibel qeroibmet. Seibel hatte jung an fernem 58ater erfahren, was künstlerische Arbeit bebeutet, inb so wäre es ihm beschämend erschienen. als Präger seines Namens mit unreifen Erzeugnissen :ion sich reben machen zu möllern Unb hier erweist ,ch eine anbere seltene Eigenschaft:

heiligen Anspruch ber Kunst, ber nicht ^ch genug -in kann: Ehrfurcht vor ber Leistung derer, bie ix)n erfüllen. Wie konnte es anbers fein, als ba£ t zunächst ben Nachlaß seines Katers herausgab unb bann jeneErinnerungen mit Briefen iwn unb an Heinrich Seibel, fnb

weiteren Mitteilungen aus bem Nachlaß, ein !pre- cienb-lebendiges Bild bes Unvergeßlichen, bas aus innigster Kenntnis manche üblich geworbene 23 er- /üchnung berichtigt unb Zugleich em erlebtes Stuck liiteraturgeschichte jener Zeit. (Bei ^otta erschienen.) Kürzlich hat Seibel zum erstenmal 'n Buchform ein paar Seiten autobiographischer Betrachtung fiinerK i n b e r - unb L e hr I a h r e gegeben !n einem Schaffstein-AuswahlbanbchenDie Dam- i kvlzer"), unb es ist nicht zufällig, bah er auch ihnen f gleich roieber eine Darstellung stmes Vaters an» | igt. Trotzdem wäre nichts falscher, als in t^m «inen Epigonen zu sehen. Das Gegenteil ist ber all. Grabe weil er,, ber ohnehin anbers Geartete, ucht unselbstänbig hervortreten wollte, wartete er.

Sechs Jahre erst nach bem Tobe bes Vaters er­schien jene Schilberung. Ebenso langsam wuchs fein ganzes Werk. Seibel hat (nach einem Ausspruch seines Vaters) immer roieber bie Bassins vollaufen lassen, ehe er von neuem zu schöpfen begann

Vier Romane unb vier Novellen-Sammlungen finb seine bisherige bichterische Lebensernte. Darf man sie klein an Umfang nennen, wenn jebe Garbe so gereift ist? (Alles im Verlage Grote.) Seibel, Erbe einer lange kaum unterbrochenen unb hoppel­ten Ahnenreihe mecklenburgischer Pfarrer, ftanb selbst bis vor zwei Jahren im geistlichen Amt, unb zwar so sehr aus echter Neigung, baß er neben mancherlei Prebigten etwa auch einen Aussatz über Die Verpflichtung bes evangelischen Christen zur Auseinandersetzung mit bem geistigen Gesamtbilbe ber Zeit" veröffentlichen konnte. Diese DoppeltÄtig- feit, bie manchen vielleicht zersplittert hätte, schenkte seinem bichterischen Schaffen eine rounberfame Aus- geruhtheit Der Leser spürt sofort: hier gibt es nichts Erzwungenes, Fahriges, Zufälliges. Selbst­zucht unb Strenge bes Dichters gegen bie eigene Feber finb oberstes Gesetz. Man fühlt sich in siche­rer Hanb. ber man sich willig anvertraut unb bie man schließlich nicht mehr lassen kann: gebannt von echter Kraft. Das ist es, was für Seibels Bücher einnehmen muß: sie finb burch unb burch ge­formt, allein sie finb es nicht aus Lust am äußeren Glanz, fonbern weil sie verinnerlicht finb bis zur enbgültigen Gestalt. Sie finb verhalten, aber nie trocken, finb fpröbe unb babei phantasievoll-über- rafchenb Sprachliche Herrschaft ist es zunächst, bie uns nicht roieber losläßt: denn Seibel hat sich eine Fülle unb Weite bes Wortes erschlossen wie wenige heute. Balb aber merkt man: biese reiche, biegsame, gefügig unb ergiebig gemachte Sprache ist nur Ausdruck für eine Seele, ber Heiterkeit unb Ernst eins geworben sinb. Man kann bas (Ergebnis Hu­mor nennen unb bamit etwas höchst Rares prei­sen ober auch Lebensweisheit, wenn man nicht scheut, feierlich gescholten zu werben. Seibel ist tief ber Märchenhaftigkeit alles Lebens inne. So fuhrt er feine Sonberlinge nicht um bes Abseitigen willen vor unb begnügt sich nie mit bem Ausmalen ihrer behaglichen Kauzigkeit. Seibels Jbylle ist immer bämonifd) bebroht. Mehr als einmal bricht bas Geheimnis in bie georbnete Welt bes Genießers ober ber Herzensträg Gewordenen. Was anderes erlebt Rechtsanwalt Vamholzer als diese schmerz­hafte Heilung durch den Krieg, was anderes Herr Kammerherr Justus von Ahlim in der großarti­gen NovelleElk" durch das rätselhafte Antlitz einer Urweltlandschaft? Nicht um Wunderlichkeit geht es Seidel, jonbern um das Wunder.

George P a l m e r st o n e" ist ein Entwick- lungs- und Familienroman, der sich den Besten der deutschen Erziehungsromane anreiht. Be­glückungen, Aengste, Einbildungen des Kindes und seine Wandlungen machen ihn allein uverlierbar. Und ist noch mancher darin mehrFigur" als Mensch, wird Seidel später immer lockerer (K r ü- [eman n"). Nie aber erliegt er den Verführungen des Krausen (wie selbst Raabe manchmal) ober bes Skurrilen (wie mitunter sogar E. T. A. Hoff­mann). Seine Kavitelschlüfse etwa entzücken burch Fontanesche Feinheit. Was ihn vor jebem Aus­wuchs bewahrt, ist wohl ber englische Tropfen in seinem Blut, ber ihm auch Dickens zu einem seiner Hausgötter bestimmte. Seibel besitzt mehr als Ge­schmack, Vornehmheit, Haltung: Kultur. Unb wenn bas Wort .meisterhaft" nicht so verschleubert würbe, müßte es Seibel zuerkannt werben Nun wählen wir ein anberes: altmeisterlich

Es ist still um Seibel, ber in seinem Buch über ben Vater barauf hinweist, baß auch jenem ber Weg schwer gemacht worben fei,wie allen echten Künstlern" Seibel trägt bas Geschick ohne Bitter­nis. Schon in seinem ErstlingsromanDie Varn- Holzer" bekennt ber Anwalt, er habe nie finben können, baß in Goethes AeußerungMeine Sachen können nicht populär werben" ein Be­bauern liege. Dafür barf Seibel hoffen, baß fein Werk bleiben wirb, wenn bie Zukunft ihre natür­liche Auslese trifft.

Der Simulant.

Der Professor ber gerichtlichen Mebizin an ber Berliner Universität, Dr. C a \ p e r , ber vor siebzig Jahren in Berlin weilte, war überaus geschickt in ber Entlarvung von Simulanten. Ein junger Solbat, bem es beim Kommiß nicht besagte, stellte sich taub. Er würbe zur Beobachtung seines Leibens in bie Klinik Professor Caspers kommanbiert unb, wie ba- mals üblich, auf halbe Ration gesetzt. Eines Tages blieb ber Arzt bei seinem Runbgang vor bem Lager des Solbaten stehen unb sagte mit halblauter Stimme zu bem Krankenwärter:Hören Sie, bas geht aber nicht! Sie lassen ben Mann ja verhungern! Lassen Sie ihm heute ein großes Beefsteak unb eine gehörige Portion Bratkartoffeln reichen, verstauben? Und laut fragte er den Patienten:Nicht wahr, das essen Sie doch?"Jawohl, Herr Professor!", antwortete derTaube" in seiner freudigen Ueberraschung. In­dessen bekam er nun kein Beefsteak, sondern übte eine halbe Stunde späterlangsamen Schritt auf dem Kasernenhof...

Menschen im Hotel."

Im Lichtspielhaus Bahnhofstraße wird feit gestern ein Film gezeigt, der in eine Lebenssphäre führt, aus ber ber Film schon öfter bankbare Anregungen empfing: in bie Welt bes Hotels! Dort ist eine oerroirrenbe Vielfalt ber Er­scheinungen, ein ftänbiges Kommen unb Gehen, bort ist ber Sammelpunkt ber Großen, ber Starken unb ber Mächtigen ber Welt. War es in bem Film Hotel Savoy" ber Lebenskreis ber bienftbaren Geister, ber bie Filmschaffenben beschäftigte, so ist es biesmal bas Leben ber Gäste, bereu einige in Konflikt miteinanber geraten, Konflikte, bie sich ver­wirren, steigern unb zur Lösung brängen bie Lösung, bie biesmal einen Mvrb bebeutet.

Sv begegnen sich hier bie elegante berühmte russische Tänzerin, bie Kruszinskaja (einige Bilber erinnern lebhaft an bie Pawlowa), bann ber lebens­lustige Buchhalter Klingeleiu, tobkrank unb genuß­süchtig in seinen letzten Tagen, ba ist ber Baron von Geiger, feines Zeichens Hochstapler unb Hotel- bieb, unb bann noch ber Textiliubustrielle Freising, robust, rücksichtslos, ein Geschäftsmann vor bem Ruin, ber ben Hotelbieb ermorbet unb bamit ber Kruszinskaja größten Schmerz zufügt, sie hatte ben Baron lieben gelernt, als er ihr bie Perlen stehlen wollte. Ganz zu schweigen von ber kleinen Sekre­tärin, bie sich auch bie Augen nach bem Baron ausgesehen hatte.

Die Kruszinskaja ist Greta Garbo! Faszi- nierenb ist sie in jenen Silbern, in benen ber Film bas ganze Gesicht in aller Tiefe bes Ausbrucks unö in ber ganzen Skala ber (Empfinbungen, von tief­ster Trauer bis zur himmelftürmenbcn ßiebesfelig« feit zeigt. Beunruhigenb unb zur äußersten Auf­merksamkeit zwingend jebe ihrer Bewegungen, er­schütternd ihre Klage, hinreißenb der Ausbruck ihrer Lebenskraft in Regungen ber Freube. Immer roieber ist es reizvoll, ihre wenigen Worte Deutsch zu hören, bie sie, schwerfällig zwar, aber immer glaubhaft im Ausbruck zu sprechen weiß. Es ist kaum möglich, sich ber Kraft ihrer Kunst zu ent­ziehen. Neben ihr stehen mit sicherer Beherrschung ber schauspielerischen Mittel John Barry more, Joan Crawford, Wallace Beery unb anbere amerikanische Darsteller. Regie- unb phototechnisch ist ber Film von sehr geschlossener Wirkung. Der äußere Aufwanb in biefem Film amerikanischer Probuktion ist verhältnismäßig gering, so daß alle Aufmerksamkeit ber Handlung geschenkt werden kann. n.