Nr. 123 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger fürHberheffen)
Donnerstag, 28. Mai 1936
Aus aller Welt.
„Zeppelin-Hoffmann^ f.
Än Nothweiler (Pfalz) ist der frühere Polizeidiener Jakob Hoffmann, genannt „Zeppelin-Hoffmann", im Alter von 98 Jahren gestorben. Am 12. April d. I. hatte er, auch oom Führer beglückwünscht, Geburtstag feiern können. Hoffmann war der alte st e Bewohner der Südpfalz und besonders dadurch bekannt geworden, daß er 1870 den Grafen Zeppelin nach seinem Erkundungsritt vor den Franzosen in Sicherheit brachte.
».Queen Mary“ zur Jungfernfahrt ausgelaufen.
Im vollen Flaggenschmuck und unter größter Anteilnahme der gesamten englischen Oeffentlichkeit trat der neue 80 O0O-Tonnen-Dampfer der Cunardlinie „Queen Mary“ am Mittwochnachmittag von Southampton aus seine Jungfernfahrt nach Neuyork an. An Bord befinden sich rund 2100 Fahrgäste und eine Besatzung von etwa 100 Köpfen. Als das Riefenschiff langsam die Ausfahrt antrat, brach die gewaltige Züschauermenge, die sich zur Abfahrt eingefunden hatte, unter den Klängen des Liedes „Rule Britannia" in einen Sturm der Begeisterung aus. An Bord der „Queen Mary“ waren mehr als 5000 Glückwunschtelegramme eingelaufen. Die Schiffsleitung wird die Entscheidung darüber, ob versucht werden soll, bereits auf der ersten Fahrt den Rekord des französischen Dampfers „Normandie" zu brechen und damit das Blaue Band für England zurückzugewinnen, von den W e t t e r v e r h a l t n i s - s e n abhängig machen. Der Kapitän des Schiffes glaubte jedoch vor der Abreise, vor einer übermäßigen Beanspruchung der neuen Maschinen auf der Jungfernfahrt warnen zu müssen.
Eine Zlurmkataslrophe in der Tschechoslowakei.
Die Oeffentlichkeit steht noch ganz unter dem Eindruck des Fährunglücks auf dem Thaya-Fluß, wo 31 Schulkinder ertranken, und schon treffen neue beunruhigende Nachrichten aus den nördlichen und nordöstlichen Gebieten Böhmens ein, wo die Gebiete von A l t - P a k a und N e u - P a k a durch ein schweres Unwetter heimgesucht wurden. Ein über Neu-Paka niedergegangener heftiger Wolkenbruch, der von einem starken Gewitter mit Hagelschlag begleitet war, verwandelte die Bäche der Gegend in reißende Ströme. Ungeheurer Schaden wurde angerichtet, der in die Millionen gehen dürfte. Bei der Katastrophe sind eine 70jährige Greisin, zwei achtjährige Mädchen und ein Knabe um 5 fieben gekommen. Auch in dem Bezirk von P u ch o v an der Waag (Slowakei) herrschte ein schwerer Sturm mit Wolkenbruch und Hagelschlag. Ein Bauer, der mit seiner elfjährigen Enkelin Vieh auf die Weide trieb, wurde beim lieber® schreiten des angeschwollenen Flusses oom Sturm in das Wasser geschleudert. Das Mädchen rettete sich, der Bauer ertrank. Das Unwetter hat auch hier riesigen Schaden angerichtet. Don den Opfern des Fährunglücks auf der Thaya sind bis jetzt diefieichen von sieben Schulkindern und die Leiche des Kutschers geborgen worden.
Unwetter in Italien.
Ganz Norditalien wurde von schweren Unwettern heimgesucht. Ein Wolkenbruch von außergewöhnlicher Stärke ging über Ferrara (Emilia) nieder. Jeder Verkehr in der Stadt war fast zwei Stunden vollständig lahmgelegt. Die Straßen und Plätze glichen Seen. Vor dem Dom war ein See entstanden, der die Kirchenbesucher mehrere Stunden festhielt. In Florenz wurden zahlreiche Häuser beschädigt. Der Abendschnellzug aus Rom kam in Mailand mit einer Verspätung von 87 Minuten an. Ein Blitz hatte bei Monte Rotondo die Starkstromleitung zerstört. Bei A l l e r o n a in Umbrien wurde der Zug ein zweites Mal längere Zeit aufgehalten, da auch hier der Blitz in die elektrische Leitung eingeschlagen hatte.
Romantische heirat einer irakischen Prinzessin.
Die 30jährige Prinzessin A s s a, die älteste Schwester Königs Chasi I. von Irak, hat durch eine romantische Heirat die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gelenkt. Die Prinzessin hatte sichln einen armen Griechen namens Haralambis, der Pförtner in einem Hotel auf der Insel Rhodos war, verliebt. Nun erschien sie mit Haralambis in Athen und verheiratete sich heimlich mit ihm, nachdem sie sich vorher nach ortho-
Die „Große Gilde", Riga.
MH
Wie verlautet, hat die Lettische Wirtschaftskammer die Absicht, das Haus der Großen Gilde niederreißen zu lassen. Dieses Gebäude, dessen ältester Teil aus dem 13. Jahrhundert stammt, ist ein überaus wertvolles Kulturdenkmal. Es wäre unvorstellbar, wenn irgendeine Organisation die Spitzhacke daran legen wollte. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
doxem Ritus hatte taufen lassen und den Namen Anastasia angenommen hatte. Die jüngere Schwester der Prinzessin, R a d j i h a , die sich ebenfalls in Athen aufhält, hat sich durch Vermittlung der türkischen Gesandtschaft an die griechischen Sicherheitsbehörden gewandt und die Ungültigkeitserklärung der Ehe verlangt. Das jungverheiratete Paar hat Athen mit unbekanntem Ziel verlassen.
Schwere Vanditenüberfcille auf mandschurische Bahnen.
Am Dienstagabend wurden mehrere schwere Banditenüberfälle auf die Eisenbahnlinien östlich von Hsingking und Charbin verübt. Bei Santacho an der nordmandschurischen Bahn, etwa 500 Kilometer östlich von Eharbin, zerstörten die angreifenden Banditen die Geleise und beschossen dann einen entgleisten Zug. Dabei wurden zehn Passagiere, darunter ein Japaner, getötet und elf schwer verwundet. Bei einem Gegenangriff fielen zwei japanische Hauptleute und ein Soldat. Nach Einsatz japanischer Hilfstruppen wurden den Banditen schwere Verluste beigebracht. Kurze Zeit später griffen die Banditen den Bahnhof Laosung- l in g östlich Kirin an und zerstörten d i e Station durch Bomben. Ein dritter Angriff erfolgte bei Mulan 150 Kilometer östlich von Charbin auf ein mit 15 Beamten, darunter vier japanische
Offiziere, besetztes Polizeiauto. Der Kraftwagen wird samt seinen Insassen vermißt. Es ist eine Strafexpedition ausgesandt worden.
Zeitschriften.
— Carl Oskar Iatho: Sterne über kleinen Flüssen. (Verlag Alb. Langen-Georg Müller in München, „Die kleine Bücherei", Preis geb. 0,80 Mark.) — (114) — In diesem neuen Bändchen, das sich mit dem früher erschienenen Rheinbuch „Wanderer auf Gottes Strom" in reizvoller Weise ergänzt, erfahren wir von einigen Paddelbootfahrten auf drei der schönsten Flüsse unseres Vaterlandes. Mag es nun die Frühlingsfahrt auf der Mosel sein, die pfingstliche Wanderung auf der Lahn, ober die von sommerlicher Schönheit verklärte Mainreise durchs Frankenland: immer wird aus diesem anmutigen Reisebüchlein die Freude vernehmbar über den bunten Reichtum der Landschaft, den Zauber ihrer alten, ehrwürdigen Kunstwerke und die fröhliche, herzhafte Lebensart ihrer Menschen, die im Schutze und Segen der Götter des Weines feit Jahrhunderten an den Ufern dieser Flüsse zuhause sind.
— Fritz Endres: Emil Strauß. Versuch einer Deutung seines dichterischen Gesamtwertes. Kartoniert 2 Mark. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München, 1936. — (16) — In dieser aufschlußreichen Schrift unternimmt Endres den Versuch, aus Leben und Werk die innere Entwicklung des Menschen und Künstlers Emil Strauß zu deuten. Er geht dem eigentlichen Sinn seines dichterischen Schaffens nach, ergründet die Gesetze seines
geistigen Wirkens und zeigt die Bedeutung, die seinem Werk im Leben unseres Volkes zukommt. Dabei gelangt er zu der Einsicht, daß allen feinen Büchern, den großen Romanen und Dramen, wie den von geradezu klassischer Reife zeuyenden Novellen eine sittliche Kraft innewohnt, eine erzieherisch wirkende Macht, deren sich nur wenige Dichtungen unserer Zeit rühmen dürfen.
Weiterbericht
des Reichswetterdienstes. Ausqabeort ^ranffurL
Die Ueberflutung des europäischen Festlandes mit kühlen, aus polaren Gebieten stammenden Luft- masten hat feit Mittwoch rasch weitere Fortschritte gemacht. Dabei kam es auch in unserem Gebiet vornehmlich an der Kammlinie Taunus-Spessart oielerort zu Gewittertätigkeit. Das mit feinem Kern am Ostatlantik liegende Hochdruckgebiet steuert Störungen weiter von Island nach Skandinavien südostwärts und wird gleichzeitig die Verfrachtung kühlerer ßuftmaffen nach Deutschland fortsetzen. Trotz gelegentlicher Aufheiterung bleibt daher die Witteruntz für die Folge unzuverlässig
Aussichten für Freitag: Veränderlich mit zeitweiliger Aufheiterung, aber auch einzelnen meist schauerartigen Niederschlägen, bei lebhaften Winden aus Nord-Südwest ziemlich frisch.
Lufttemperaturen am 27. Mai: mittags 20,8 Grad Celsius, abends 13,2 Grad; am 28. Mai: morgens 9,7 Grad. Maximum 24,1 Grad, Minimum heute nacht 9,1 Grad. Erdtemperaturen in 10 Zentimeter Tiefe am 27. Mai: abends 19,8 Grad, am 28. Mai: morgens 15,7 Grad Celsius. Niederschläge keine. Sonnenscheindauer etwa 8 Stunden.
Am die deutsche Sandballmeisterschast
Die Paarungen der Vorschlußrunde.
Das Fachamt Handball hat jetzt die Paarungen für die am 7. Juni stattfindende Vorschlußrunde zur Deutschen Handball-Meisterschaft festgelegt. Die vier Spiele werden in Leipzig und Minden (Westfalen) abgewickelt. An jedem der beiden Orte gibt es ein Männer- und ein Frauenspiel. In Leipzig spielen die Frauen von Eimsbüttel gegen den SCC. und anschließend MTSA. Leipzig gegen Oberalster, in Minden eröffnen die Frauen von Eintracht Frankfurt und VfR. Mannheim die Veranstaltung, anschließend treffen sich Hindenburg Minden und Rasensport Mülheim. Im einzelnen hat der Spielplan folgendes Ausfetzen.
3n Leipzig:
Frauen: Tvbd. Eimsbüttel — SC. Charlotten- burg (Sch. R. Conert-Magdeburg).
Männer: MTSA. Leipzig — Oberalster Hamburg (Sch. R Ackermann-Hannover).
In Minden.
Frauen: Eintracht Frankfurt — VfR. Mannheim (Sch. R. Heiser-Dortmund).
Männer: Hindenburg Minden — Rasensp. Mülheim (Sch. R. Müller-Wiesbaden).
TurnländerkamptDeutschland- Polen.
Für den Kunstturnländerkampf zwischen Deutschland und Polen am 6. Juni in Warschau hat das Fachamt Turnen auf Grund der Ergebnisse der Olympischen Prüfungskämpfe in Heidelberg feine Vertretung wie folgt namhaft gemacht:
Heinz Sandrock (Langenfeld), G. Schmelcher (München), G. Göbig (Mainz), H. Pludra (Forst), K. Weischedel (Stuttgart), A. Müller (Leuna), A. Kleine (Dürrenberg) und Friedrich (München). Die Mannschaft wird von Männerturnwart Schneider sowie den beiden Kampfrichtern Kopp (Villin- gen) und Strauch (Wünsdorf) nach der polnischen Hauptstadt begleitet.
Leichtathletik-Bierklubkampf in Frankfurt
1860 München, Hessen-Preußen Kassel, Allianz Berlin und 3(0. SD. Frankfurt am Start.
An den Pfingsttagen führt der IG. SV. Frankfurt auf seiner Anlage am Grüneburgpark in Frankfurt a. M. einen Leichtathletik-Großklubkampf durch, an dem neben dem Veranstalter der Deutsche Der- einsmeister 1934, 1860 München, Allianz Berlin und Hessen-Preußen Kassel teilnehmen. Die Männer messen sich in 16 Wettbewerben, im 200-Meter-, 800-Meter-, 5000-Meter-, 400-Meter-Hürden-Lauf, Drei- und Stabhochsprung, Kugelstoßen und Speerwerfen am ersten Tag. Am Pfingstmontag kommen die 400 Meter, 1500 Meter, 110 Meter Hürden, der Weit- und Hochsprung, Diskus- und Hammerwerfen, sowie die 4X100-Meter-Staffel zum Austrag. Außerdem treten noch die Frauen des IG. SD. und von Hessen-Preußen gegeneinander an.
Die Münchener, die im Vorjahr nur durch ein Mißgeschick um die Deutsche Vereinsmeisterschaft kamen, haben die größten Aussichten in diesem Kampf. Aus ihren Reihen sind vor allem der ausgezeichnete Mittelstreckler Lang, der Diskuswerfer Würfelsdobler, sowie Kolibabe, ein stark nach vorne gekommener Hammerwerfer, her- vorzuheben. Die Berliner haben ihren überragenden Mann in dem deutschen 400-Meter-Meister Hamann. Ferner ist noch Altmeister Hähnchen zu erwähnen, der im Diskuswerfen für Würfelsdobler ein stark zu beachtender Gegner fein wird. Der Sprinter Wieden und der 1500-Meter» Mann Neu sind wohl Kassels stärkste Waffen, während der Gastgeber in den 400- und 800- Meter-Läufern Helmle und Tölle feine besten Athleten hat.
Schleussner mit Garantieschein mm
„Anna Karenina."
Lichtspielhaus
Vor atht Jahren haben wir den Film „Anna Karenina , damals noch stumm, zum ersten Male hier gesehen. Als wir seinerzeit an dieser Stelle darüber berichteten, glaubten wir feststellen zu können, daß seine Bedeutung über eine zeitbedingte Huldigung zum 100. Geburtstage Tolstois hinaus Bestand und Gültigkeit haben werde. Das darf heute wohl bestätigt werden. Es ist erstaunlich: der entscheidende Eindruck dieser zweiten Begegnung hastet nicht so sehr an der Ueberlegung, welche Entwicklung die Filmtechnik seit jener Zeit durchgemacht hat, als vielmehr an der Erkenntnis, daß diese acht Jahre an der Erscheinung der Garbo spurlos Dorübergegangen sind. Sie hat mit diesem Film, mit dieser Rolle recht eigentlich ihren Weltruhm begründet. Inzwischen hat sie sich, wenn man allerlei Gerüchten Glauben schenken darf, völlig ins Privatleben zurückgezogen: wie dem auch fei, die Bewunderung ihrer außerordentlichen Leistung, die sich seinerzeit mit einem auch für Filmver- hältnisfe erstaunlichen Erfolge verband, bleibt ungemindert. Es ist heute eigentlich nur zu wiederholen, was damals zuerst und nachher noch oft von ihr gesagt worden ist: sie ist schön, ohne daß sie auf den nicht selten in fataler Weise oberflächlichen und unpersönlichen Startypus von Hollywood festgelegt werden könnte. Ihre ausgeprägte Persönlichkeit gerade formt ihren individuellen und unnachahmlichen Ausdruck, ihren eigenen, unwiederholdaren Stil, der, wir müssen es abermals sagen, ganz von innen her gebildet wird, der eben aus dem Persönlichen, aus dem Menschlichen sich formt und die Gesamterscheinung, Gesicht, Hände und Körperhaltung in ihre Gestaltung einbezieht. Hinzu kommt nun als ein sehr wesentliches, seelenhaftes Element der Klang der Sprache. Man hat dieses Organ seither oft beschrieben, ohne seinen eigentümlichen Reiz oder das Geheimnis seiner Wirkung begründen zu können; denn es ist, wie bei manchen bedeutenden Schauspielern, keineswegs eine irgendwie einschmeichelnde oder besonders melodische Stimme: im Gegenteil, sie ist dunkel gefärbt, etwas spröde, manchmal sogar ein wenig hart, aber auch diese Stimme fügt sich harmonisch und bezwingend dem Gesamtbilde der Gestaltung ein. Die Anna Karenina nun ist überdies eine Rolle, die für die Garbo, wenn man ihr Rollenregister überblickt, in ganz besonderem Maße geschaffen scheint. Jedenfalls fällt es schwer, sich eine andere Schauspielerin vorzustellen, welche diese Figur mit der gleichen Intensität zu formen
vermöchte. Dabei kann man nirgends etwa eine besondere Nuance festhalten, man hat kaum das Gefühl, daß hier eine Rolle gespielt wird. Sondern das Schicksal der Karenina — in den Händen der Garbo — vollzieht sich mit einer großen Schlichtheit und einer ganz selbstverständlich anmutenöen Natürlichkeit: Schicksal der Frau, der die leidenschaftliche Neigung zu einem fremden Mann zum Verhäng
nis wird, weil sie vor die Wahl zwischen dem geliebten Mann und dem geliebten Kinde gestellt ist. Ein möglicher, ein vielleicht nicht einmal seltener, aber ein grausamer Konflikt; gefährlich auch immer, dergleichen mit irgendwelchen künstlerischen Mitteln zu gestalten. Man muß dem Regisseur Clarence Brown, den den Film für die Metro-Goldwyn- Mayer inszenierte, Dank wissen, daß er sich der Fabel mit taktvoller Zurückhaltung angenommen und sich in manchen Szenen, die recht sehr dazu an? getan waren, bemüht hat, weder sensationell noch sentimental zu wirken. Dabei gibt er Einzelheiten sehr anerkennenswert, wie zum Beispiel die gleichsam schrittweise, aber ganz unaufhaltsame Annäherung der beiden Liebenden — von der ersten oberflächlichen Begegnung bis zur entscheidenden, end
gültig scheinenden Vereinigung ihrer Lebenswege. Ungemein lebendig und spannend, um etwas anderes herauszugreifen, wirkt die Szene auf dem Rennplatz, Vie, wie fast der ganze Film, der ersten, stummen Fassung vollkommen entspricht. In der Rolle des Vronsky sah man damals John Gilbert; er ist jetzt ersetzt worden durch Fredric March: ein guter Tausch, obwohl Gilbert keineswegs ein schlechter Partner für die Garbo war; aber March ist besser, persönlicher und charaktervoller; dazu eine sehr gute Erscheinung, männlich, elegant, knapp und bestimmt, dennoch im Gefühlsmäßigen überzeugend und ohne psychologische Verzeichnung. Im Ensemble tun sich der kleine Freddie Bartholome w in der Kinderrolle des Sergei, Basil Rath- bone (Karenin) und Maureen O ' S u l l i v a n als Kitty hervor.
Der Film lief gestern im Lichtspielhaus an, läuft bis nach den Feiertagen und wird vermutlich eine ähnliche Anziehungskraft ausüben wie die frühere Fassung. Im Beiprogramm: Ufa-Wochen- fchau und interessante Bilder aus der „Weltstadt der Tropen" (Rio de Janeiro). -r-
NE> -Kulturgemeinde.
Dichterabend Heinrich Zillich.
Aus Einladung der NS.-Kulturgemeinde, Studentenring Gießen, las gestern abend der fiebern bürgische Dichter Heinrich Zill ich in der Neuen Aula der Universität aus eigenen Werken. Zillich, den wir im gestrigen Feuilleton mit einer fiebern bürgischen Landschaftsschilderung den Lesern vor- gestellt haben, ist 1898 in Kronstadt geboren, wo er nach einer auf dem Lande verlebten Jugend das deutsche Gymnasium besuchte. 1916 zog er mit den Tiroler Kaiserjägern ins Feld und stand bis zum Ende des Krieges, zuletzt als Offizier, an der Front im Süden. Später war er Offizier in der rumänischen Armee, machte auch den Feldzug gegen das rote Ungarn mit. 1920 begann er in Berlin zu studieren und promovierte dort zum Dr. phil. In seiner Krvnstädter Heimat begründete er die Zeitschrift „Klingsvr", ein deutsches kulturpolitisches Organ, das er jetzt noch leitet. Auch an andern fiebenbürger Blättern war Zillich als Schriftleiter tätig. Don feinen Büchern nennen wir den Roman „Attilas Ende", eine Monographie von Kronstadt, mehrere Gedicht- und Geschichtenbände, eine Novellensammlung „Der Sturz aus der Kindheit"; zuletzt erschienen die Kriegsnvvelle „Der Urlaub" und der
Lyrikband „Komme was will". Ein großer Roman aus der Geschichte des siebenbürgischen Volkes soll demnächst erscheinen.
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Der Dichter gab zu Beginn des Abends feiner Freude über den zahlreichen Besuch Ausdruck, der ein lebendiges Interesse für das Deutschtum im Auslande bekunde. Er las zunächst eine Novelle "Der baltische Graf", der er eine kurze geschichtliche Einführung vorausschickte. Die Erzählung spielt im siebenbürgischen Raum, in und um Kronstadt im Fahre 1848, als russische Truppen den Oesterreichern gegen die ungarischen Aufständischen zu Hilfe kamen. In diesen allgemeinen Zusammenhang ist im ruhigem, übersichtlichen, die Handlung stetig Dortreiben- den Erzählerstil ein Einzelschicksal verwoben, die merkwürdige und erregende Geschichte des baltischen Grasen, dem ein grausames Geschick Frau und Kind entriß, und der auf seinem Kriegszuge im fremden Lande in wunderlicher Verwirrung seines verdüsterten Gemütes ein fiebenbürger Kind als Ersatz für den verschollenen Erben gefunden zu haben meint. So wird aus der Kriegs- und Reiter- geschichte die Erzählung einer Entführung, die freilich am Ende scheitert und das Schicksal des einsamen baltischen Grasen tödlich besiegelt.
Nach kurzer Pause hörten wir einige Gedichte, „Der Abendstern" und „Der Sämann", die in kur- zen, liedhaften Strophen Heimat und Kindheit und den Jahreskreis des bäuerlichen Lebens besingen. Im „Vermächtnis" (dem Jahrgang 1898, geschrieben 1932) ist Erlebnis und Antlitz einer ganzen Generation in einer großen dichterischen, stellenweise hymnisch gesteigerten Vision beschworen. Dieses „Vermächtnis" gehörte für unser Empfinden zu den unmittelbarsten und stärksten Eindrücken des Abends.
Den Abschluß bildete ein Kapitel aus einem neuen Roman, das auf heitere Weife von der auslands- deutfchen Kriegsgeneration berichtet. Auch diese Geschichte spielt wiederum in Kronstadt und ist die fröhliche Schilderung einer gediegenen Bubenprüge- lei, einer Männerschlacht der deutschen wider die ungarischen Gymnasiasten, während die Rumänen in wohlwollender Neutralität zuschauen, die Erwachsenen teils schlichtend eingreifen, teils die mit blutigen Nasen Fechtenden begeistert anfeuern. Trotz des heiteren Charakters dieser Schilderung blieb doch der ernsthafte Unterton spürbar, der im Schicksalsraum des volksdeutschen Schauplatzes immer und überall, im Kleinen wie im Großen, spürbar und mahnend mitschwingt.
Dem Dichter dankte herzlicher Beifall einer stattlichen Hörergemeinde. —y —


