Oberyeffen.
Eröffnung des L©M.-Lagers in Laubach.
□ Laubach, 27. April. Gestern nachmittag wurde das im Mai vorigen Jahres eingeweihte Sommerlager des BDM., nachdem es über den Winter leergestanden hatte, in feierlicher Weise wieder eröffnet. Um 15 Uhr hatten die einzelnen Mädchengruppen im geräumigen Hofe vor dem Heim im Viereck Aufstellung genommen und eröffneten den feierlichen Akt mit dem Lied: „Ein junges Volk steht auf". Die Untergauführerin Käthe Pfeffer begrüßte sodann die Vertreter der Parteigliederungen und der Behörden und sprach über Zweck und Ziel der Gemeinschaftslager. Ihr besonderer Dank galt der NSV., dem Jugendherbergsverband sowie der Stadt Laubach für die gewährte Unterstützung. Anschließend hieß Bürgermeister H ö g y die Mädel im Namen der Stadt willkommen und wünschte ihnen für die Dauer ihres Aufenthaltes gute Erholung. Für die Kreisamtsleitung des Kreises Schotten und die Ortsgruppe Laubach sprach Amtsleiter Pg. M o e n- n i g. Nach der Flaggenhissung und dem folgenden Sieg-Heil auf den Führer wurde die feierliche Eröffnung des Lagers mit dem Gesang des HJ-Lie- des beschloßen. Die anwesenden Gäste hatten bei dem anschließenden Rundgang durch die Lagerräume Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, daß sämtliche Räumlichkeiten, die ihrer Größe und Einrichtung einer Höchstbelegschaft von 60 Jugendlichen entsprechen, praktisch und vorbildlich sind und daß den hier untergebrachten Mädeln in jeder Hinsicht ein angenehmer Erholungsaufenthalt zuteil wird. Das unmittelbar am Schloßpark gelegene Heim gehört zu den schönsten des Gaues.
Brand auf dem Schloßgut Büdesheim.
Die Kriminalpolizeistelle Gießen teilt mit: Am Sonntag gegen 15.30 Uhr brach in dem Schloß- gut Büdesheim (Pächter Alfred K o h l h a g e) in einer Scheune Feuer aus. Der Brand wurde von zwei landwirtschaftlichen Arbeiterinnen des Gutes bemerkt. Die Scheune mit etwa 700 Zentner Weizenstroh brannte vollständig nieder. Eine angrenzende Halle mtt landwirtschaftlichen Maschinen und Saatkartoffeln konnte gerettet werden. Die Ermittlungen Über die Brandursache wurden sofort durch die Kriminalpolizeistelle Gießen im Auftrage des Oberstaatsanwalts ausgenommen.
Vereinsbank fürButzbach u. Umgegend.
pb. Butzbach, 26. April. Heute nachmittag fand im kleinen Saal des „Hessischen Hof" die ordentliche Generalversammlung der Vereins» bank für Butzbach u. Umgegend e G. m. b. H. statt. Dem Bericht des Vorstandes ist zu entnehmen, daß der Gesamtjahresumsatz sich von RM. 41598 000 im Jahre 1934 auf RM. 49 892 000 in 1935 gesteigert hat. Die Bilanzsumme erhöhte sich von 1 595 000 auf 1 890 000 RM., die Spareinlagen von 1 079 000 auf 1253 000 RM., die Einlagen in laufender Rechnung von 236 700 auf 397 700 RM. Die Ausleihungen in laufender Rechnung und auf Hypothekenkonto erhöhten sich um 216 200 RM. Das Anwachsen der Spareinlagen ermöglichte es, durch Gewährung von Krediten'zur Arbeitsbefchaf- fung beizuttagen, es konnten insgesamt 41 neue Kredite im Betrage von 92 060 RM. gewährt werden. Im Laufe des Berichtsjahres wurde die D e r - fchmelzung der Vorschuß- und Kreditkasse Oberkleen, sowie des Ebersgönser Spar- und D a r l e h n s k a s s e n v e r e i n s beschloßen. Die Abwickelung dieser Kassen wurde 1935 begonnen und dürfte bis Ende 1936 erledigt fein. Die Bilanz schließt am 31. Dezember 1935 mit 1 890 184,47 RM. in Aktiva und Passiva ab. Der Mitgliederbestand betrug Ende 1935 = 613 mit 667 Geschäftsanteilen. Die Umsatzbilanz weist in Soll und Haben 24 946 489,94 RM. nach. Die Gewinn- und Verlustrechnung weist den Betrag von 115121,71 RM. nach. Der Gewinn soll verteilt werden: 7189,67 RM. 5 v. H. Dividende, 87165 Reichsmark an Reservefonds, 475,47 RM. an Be- triebsrücklage, 131,31 RM. Vortrag auf neue Rech-
Einsame Reise.
Von Peter Bauer.
Fünfundzwanzig Jahre war Klaus Arrabin Diener und Kutscher beim Grafen von Friedewald, als dessen jung verheirateter Sohn das väterliche Schloß übernahm, das wie eine mittelalterliche Burg mit dicken Mauern und ragenden Türmen über alle Täler und Höhen horizontweit ins Land schaute. Der seitherige Schloßherr, der sich auf ein anderes Besitztum zurückzog, erfreute den Jubilar an seinem Ehrentage mit einem ansehnlichen Geldgeschenk und wünschte ihm noch weitere fünfundzwanzig gesunde und rüstige Jahre bei seinem Sohn. Und Klaus Arrabin, dessen einzige Tochter Hausmädchen und dessen Frau ständige Aushelferin im Schlosse war, schaltete und waltete mit ungeschmälerten Befugnissen in seinem Bereich fort, als ob alles beim Alten wäre. Daß der junge Graf beim gemeinsamen Ausritt ein strammeres Tempo hielt, als der Vater es geliebt hatte, machte ihm nichts aus, und wenn er das junge Paar mit den beiden feurigen Füchsen vor der Kutsche eine Stunde weit jur Bahnstatton fuhr oder von dort abholte, geschah es auf denselben Wegen und dieselbe Weise wie seit Jahr und Tag. Ebenso blieb Arrabins Tätigkeit bei Besuchen und Festlichkeiten im Schloß unverändert: er bediente die Gäste mit gewohnter Aufmerksamkeit und trug zu den Essen Speisen und Getränke mit so viel Geschick und Takt auf, daß weder die Besucher noch er selbst wegen des empfangenen Trinkgeldes sich je zu beklagen hatten.
Nur im eigenen Familienleben Arrabins trat eine Wandlung ein, als die Tochter heiratete und weit hinter Berlin zu wohnen kam. Das machte eine große Reise notwendig vom wesllichen Deutschland bis fast an die Ostgrenze. Einmal unternahm Arrabin mit seiner Frau diese Fahrt, aber er war fein Freund von langen Reisen und meinte beim Abschied, das wäre wohl sein erster und letzter Besuch gewesen: die jungen Leute hätten gerade so weit zu ihm.
So kam die Tochter mit ihrem Manne in jedem Urlaub zu den Eltern, und es waren für Arrabin und seine Frau immer die schönsten Tage, die ihnen ein Jahr nach dem andern schenkte. Erst recht, als der Enkel dabei war, dem Großvater Arrabin stolz die Pferde zeigte, auf denen er ihn einmal reiten lehren würde. Den Fünfjährigen, der ihm, wenn es zu den Pferden ging, auf Schritt und Tritt folgte, ließ er bereits kleine Stückchen Wegs vor sich im Sattel sitzen.
Eines Sommerabends, da der Park mtt betau»
nung, insgesamt 8668,10 RM. Es wurde weiterhin beschloßen, daß der Vorstand nur aus drei Mitgliedern besteht, demzufolge scheiden die Mitglieder Kunz und Werner, aus. Beim Aufsichtsrat scheidet Postassistent Reitz aus, an dessen Stelle tritt Oberpostmeister Maykämper. Nach der Versammlung sprach Verbandsoberrevisor H o l z - h a y über wichtige genossenschaftliche Fragen.
©er Ochse im Vogelsberg.
Seine Verfolger an der Rase herumgeführt.
* Aus dem Vogelsberg, 27. April. Im Vogelsberg wird die vor einigen Tagen von uns gemeldete Ochsenflucht immer noch besprochen. Bekanntlich waren in Schotten zwei junge Fahrochsen ihrem Lenker, nachdem sie durch die Geräusche eines Sägewerks scheu geworden waren, durchgegangen und hatten sich tagelang im Oberwald Herumgetrieben, bis schließlich eines der Tiere in Nösberts wieder Anschluß an Menschen suchte und fand. Das andere Ochsentier zog es aber vor, als Einzelgänger weiter durch die Waldungen des Vogelsbergs zu wandern. Um diesen Ausreißer drehte sich nun tagelang das besondere Interesse der Bevölkerung. Der Ochse wurde bald hier, bald dort gesehen, aber niemand gelang es, den wanderfrohen Burschen zu faßen. Sein Freiheitsdrang widerstand allen Lockungen. So gelang es ihm denn, etwa zwei Wochen lang ein ungebundenes Leben „frei nach Karl Moor" im Vogelsberg zu führen. Schließlich sahen ihn einige Verfolger im Steinbruch verschwin- den, und nun ging die Kunde von Mund zu Mund, der Ochse sei in den Steinbruch gestürzt und habe sich das Genick gebrochen. Das Brummen des Ochsen faßte man als den Todesschrei auf, während es tatsächlich aber wohl ein Triumphgeheul war.
Wie sich später ergab, hatte der bereits totgesagte Ochse- gar nicht daran gedacht, auf so unwürdige Weise aus dem Leben zu scheiden und einen gewöhnlichen Selbstmord durch Sprung in den Steinbruch zu begehen. Es war ihm nämlich gelungen, unbemerkt am anderen Ende den Steinbruch zu verlassen. Während man ihn überall totsagte, lebte er als freier, ungebundener Ochse wieder seine Tage. Aber im Vogelsberg wgr ihm die Sache doch anscheinend verleidet worden, denn er wandte sich nun über die herrlichen Wiesen des Vogelsbergvorgeländes hinab zur W e 11 e r a u in Richtung Büdingen, ja vielleicht wollte er noch weiter nach Hanau und Frankfurt zur Zeppelin- Besichtigung. Aber auf diesem Wege fand sein Freiheitsdrang nun wirklich eine Grenze. Gemütlich nach Ochsenart und im stolzen Bewußtsein seiner Ungebundenheit kam er des Weges dahergezogen und betrat dreist das Dorf Rohrbach im Kreise Büdingen. Ob er sich nichts dabei dachte, oder ob er die Bewohner herausfordern wollte, mag dahingestellt bleiben. Aber die Rohrbacher griffen beherzt zu, hielten ihn fest, und nun war es wirklich aus für ihn mit der goldenen Freiheit. Jetzt graft er wieder auf seiner vorgeschriebenen Viehweide bei Wenings und wird wohl mit Wehmut an seine schöne Flucht in die Freiheit denken.
Canöfreit (Biehen
ch Staufenberg, 27. April. Der hiesige S par - und Vorschuhverein hielt bei Gastwirt Wilhelm G r ö l z feine ordentliche General- Versammlung ab. Nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats wurde der verstorbenen Mitglieder gedacht. Direktor Stephan gab einen ausführlichen Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr. Die Spareinlagen erhöhten sich gegenüber dem Vorjahr um 15 974 Mark. Dem Vorstand und dem Außichtsrat wurde Entlastung erteilt. Sodann wurde der Revisionsbericht zur Kenntnis gegeben. Die 'satzungsgemäß ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Louis Henkelmann IIL, sowie Philipp Sommer und das Vorstandsmitglied Heinrich Stephan wurden einstimmig wiedergewählt.
ch M a i n z l a r, 27. April. Die am Samstag vom BDM. durchgeführte Pfundsamml-ung des Lebensmittelopfer rings erbrachte wiederum ein sehr gutes Ergebnis.
benben Jasmindüften atmete, brach überraschend ein heftiger Wind durch die offenen Fenster ein und zauste Gardinen und Tischdecke, als wären es Fahnen und Wimpel, während draußen die Wipfel schwer aufteufzend rauschten und flüsterten. Frau Arrabin prophezeite ein Wetter und bekam bereits beim Schließen der Fenster die ersten Regenwirbel ins Gesicht, die sich rasch verstärkten, so daß immer dichter winzige Bächlein die Scheiben herabrannen. Klaus Arrabin fielen plötzlich die Pferde ein, die noch draußen waren. Er eilte die Treppe hinunter, um die Tiere in den Stall zu gängeln. Aber die hatten, wie immer, ihre helle Freude an dem Regenschutt. Sie sprangen mit vorgestreckten Hälsen und ausschlagenden Hinterbeinen umher, schüttelten Mähne und Schweif, bäumten sich übermütig hoch, damit der Regen sie auch am Bauch traf, streiften die Nüstern durchs nasse Gras ober wälzten sich gar barin mit wollüstigem Gewieher. Klaus Arrabin hetzte keuchend hinter ihnen her. All seine Lockungen waren heute in den Wind gerufen. Die Pferde schienen der Meinung, er nehme teil an ihrem tollen Spiel und galoppierten ihm stets im letzten Augenblick davon. Endlich ließ sich aber doch ein Tier überreden und dann folgten auch die andern langsam. Nur die beiden Füchse hatten gar keine Sehnsucht nach dem Stall. Erst als sie sich ganz allein sahen, gaben auch sie das Toben auf.
Klaus Arrabin war völlig durchnäßt und dampfte dabei wie die Tierleiber. Er lehnte erschöpft an der Stallwand und wischte sich den unaufhörlich sickernden Schweiß von der Stirne.
„Wie hast du dich wieder abgehetzt!", tadelte seine Frau, der es oben keine Ruhe gelassen hatte. Er lächelte still, als er auch seine Tochter und den Schwiegersohn kommen sah, reckte aber plötzlich die Arme hoch wie ein Ertrinkender und drohte zusammenzusinken. Mit Aufbietung aller Kraft packte die schwächliche Frau den starken Mann und hielt ihn umklammert, bis der Schwiegersohn half, und die Tochter rasch ein paar Säcke Heu herbei- geschleift hatte, auf das sie ihn behutsam niedergleiten ließen. Klaus Arrabins letzter Blick ging strahlend von einem zum andern. Er dankte es ihnen stumm, daß sie alle bei ihm waren. Dann senkte sich sein Kopf auf die Seite, wie wenn er sich auch von seinen Pferden verabschieden wollte. Aber die sah er schon nicht mehr.
Frau Arrabin hatte immer für das Herz ihres Mannes gefürchtet, aber an ein so jähes Ende wie dieses hatte sie nie gedacht. Es war ihr, als hätte das erloschene Lebenslicht ihres Mannes auch ihrem eigenen Lichtstümpfchen seinen Schein genommen. Sie fühlte sich in einer Welt ohne Klaus im
* Steinbach, 27. April. Der 16jähr. Arbeiter Wilhelm Burger von hier, der in einepi Gießener Industriebetrieb beschäftigt ist, erlitt an einer Maschine einen Unfall. Mit einer schweren Armverletzung mußte er in die Chirurgische Klinik gebracht werden.
T Lich, 27. April. Wie im verflossenen Jahr, so hat sich auch jetzt wieder in den Anlagen des Fürstlichen Schloßgartens ein Nachtiaallenpär- chen eingefunden und erfreut mit seinem Gesang die Anwohner der Nachbarschaft. Am Samstag hörte man zum erstenmal wieder um Mitternachtsstunde die schöne Vogelstimme.
Kreis Irledberg.
pb. Butzbach, 27. April. Im Saale des „Deutschen Hauses" fand ein von der Ortsgruppe des Alice-Frauenvereins (Rotes Kreuz) veranstalteter Familien- und Werbeabend statt, der sehr stark besucht war. Die Begrüßung der Besucher erfolgte durch die Vorsitzende Frau Luise Patz. Dann entwickelte sich ein sinnig zusammengestelltes Programm, bei welchem sowohl der ernste Zweck des Roten Kreuzes als auch im zweiten Teil der Humor zu seinem Recht tarnen. Das Ganze wurde umrahmt durch Musikvorttäge einer Hauskapelle.
Kreis Bübingen.
O Nidda, 27. April. Die hiesige Krieger- k a m e r a d s ch a f t, die 15 Ehren- und 206 ordentliche Mitglieder zählt, hielt ihre Jahreshauptversammlung mit Kameradschaftsabend im Hotel „Zur Traube" ab. Kameradschaftsführer Helferich erstattete einen ausführlichen Jahres- und Geschäftsbericht. Die Rechnungsablage bei einer Einnahme
von rund 1595 Mark und einer Ausgabe von 1549 Mark gab zu keinen Beanstandungen Anlaß, so daß dem Vorstand Entlastung erteilt werden konnte. Ueber das Kleinkaliberschießen berichtete Kamerad Philipp Wenzel. Ihm wurde für feine eifrige Tätigkeit besonderer Dank gesagt. Mit dreifachem Sieg-Heil auf den Führer und Reichskanzler wurde die Versammlung geschlossen.
A Bleichenbach, 27. April. Seinen 85. Gs» burtstag beging heute der hiesige Landwirt Theodor Kraft.
Kreis Schotten.
) Schotten, 27. April. Der hiesige Ob ft- und Gartenbauverein tagte mit einer Kommission, um zu der Durchführung eines Blumenschmuckwettbewerbs in der Stadt Stellung zu nehmen. Dbftbauinfpeftor Metternich aab den Ueberblick und die Anweisungen für einen solchen Wettbewerb. Die Mittel zur Prämiierung sind durch Beiträge des Vereins und der Stadt gesichert, so daß alsbald ans Werk gegangen wird. Alle Haushaltungen bekommen ein Rundschreiben über die Ausgestaltung mit der Aufforderung, sich freiwillig zu beteiligen. Ende Juli wird durch eine Kommission eine Besichtigung stattfinden, im Spätherbst wird der Abschlußabend mit Preisverteilung folgen. — Der alte Kirchenbrunnen war mit der Zeit sehr baufällig geworden. Der Sand- steinsockel war brüchig, die gußeiserne Verzierung verfiel immer mehr. Der Denkmalpfleger gab, da der Brunnen keinen besonderen künstlerischen Wert aufwies, seine Einwilligung zur Entfernung, die nunmehr erfolgt ist. Ein Stückchen alter Poesie verschwindet damit, denn viel Gemeinschaftsleben hat
GeheimerRegierungsralKarlTheobaldSchönseld
Eine heimatgeschichtliche Erinnerung aus Schotten.
Von Erwin Mengel, Schotten.
Am 29. April geziemt es sich wohl, eines Mannes zu gedenken, der vor 100 Jahren im Pfarrhaus M Wöllstein (Rheinhessen) als Sohn des Pfarrers Philipp Schönfeld und seiner Ehefrau Karoline, geb. Maier, das Licht der Welt erblickte: „Karl Theobald! Unser Geheime! Der Großherzog vom Vogelsberg!"
Wer von der älteren Generation hätte nicht mehr die patriarchalische Gestalt im freundlichen Gedächtnis, wer sähe nicht den Altehrwürdigen im silbergrauen Zylinder daherschreiten, ihn hoch zu Roß wie ein strammer Reitergeneral fest im Sattel sitzen? Wie flott fuhr er mit seinem Gespann und den feurigen Rappen, seinen treuen Diener Ulrich auf dem Rücksitz, täglich durch seinen Kreis, bald in diese oder jene Gemeinde, um sich von Freud und Leid feiner Kreiseingesessenen zu überzeugen, um an Ort und Stelle so manche private oder dienstliche Angelegenheit zu regeln. Keine Wirtschaft, in der nicht sein Bild hing, in die er nicht einkehrte, kein größeres Fest, keine Feier im Kreis, der er nicht beiwohnte und der er durch eine schwungvolle Festrede eine besondere Note gab. Parade der Feuerwehren, der Kriegervereine — wie flogen die Beine bei dem Vorbeimarsch an „unserem Geheimen", der ja ein begeisterter Freund unseres Militärs war. Der „Radetzki", von den schneidigen Ulanen gespielt, hatte es ihm besonders angetan.
Am Geburtstag und am Neujahrsmorgen trafen sich in den Empfangsräumen des Kreisamts, dem blauen, grünen und roten Salon, und im „Löwen- faal" die Deputationen aller Verwaltungen und Vereine, gute Freunde und Bekannte, Die alle „unserem Geheimen" herzliche Glückwünsche über- bringen wollten. Perlen edelsten Weines barg der reichhaltige Keller, der sich dann den Gästen weit öffnete. Inmitten dieser weinbeschwingten Gäste saß die ehrwürdige Gestalt und gab reizende Anekdoten, Erlebnisse aus seiner Jugend- und Amtszett zum besten und rezitierte mit seinem fabelhaften Gedächtnis viele Gedichte lateinischer, griechischer und deutscher Klassiker. O aura academia! Nie fehlte er morgens bei der frohen Tafelrunde in der „Alten Post , abends in der „Alten Traube", „Hessischen Haus", „Brauhaus" u. a. Welche Wärme und Behaglichkeit, welch sonniger Humor ging vom eigenartigen Zauder seiner Person aus.
Nach bestandenen glänzenden Examen war Schönfeld als Kreisassessor in Grünberg, Büdingen und Dieburg tätig und wurde 1882 zum Kreisrat des Kreises Lauterbach ernannt. Im Dezember 1887 übernahm er den Kreis Schotten. Von 1892 bis 1902 vertrat er als Landtagsabgeordneter den Wahlkreis Grünberg. Die Verdienste Schönfelds, der als sparsamer Hausvater vor allem die Finanzen seines Kreises und seiner Gemeinden in bester Ordnung zu halten bestrebt war, um feinen Kreis und die ihm anoertrauten Gemeinden sind sehr groß. Vielen notleidenden Gemeinden hat er durch Hergabe eigenen Geldes zu mäßigem Zins» satz zum Bau ihrer Schulhäuser oder üßaffedeihingen verhalfen. Die unter ihm erbaute Straße nach Rudingshain, ebenso wie den oberhalb gelegenen Brunnen hat man nach ihm benannt. Reich an Erfolgen und an Ehrungen ist sein Leben gewesen." 54 Jahre hat er dem hessischen Staat treueste Dienste geleistet, der Großherzog verlieh ihm das Komturkreuz Philipps des Großmütigen nut der Krone. Im Oktober 1911 trat er in den wohlverdienten Ruhestand.
Schotten war ihm feine zweite Heimat geworden, der Vogelsberg ließ ihn nicht mehr los. So blieb er bei uns in Schotten, kaufte sich das Dr. Büchnerfche Anwesen in der Gederner Straße und verbrachte dort bei seinem Wein, seinen beiden Rappen, hn Kreise lieber Schottener Freunde und Bekannten seinen Lebensabend. So große feine Liebe zu feinen Tieren und zu dem wirklich edlen Wein war, so groß war auch feine Abneigung gegen alle Ueberfuttur, Telephon, Löschpapier, Radio und dergleichen moderne Einrichtungsgegen- stände. Das an den Weinflaschen verbrauchte Staniol wurde zu den sog. Bleibergwerken umgegossen, und von so mancher Liebhaberei und kleinen Schwäche wäre noch zu sagen. Doch: „Er war ein Mann! Nehmt alles nur in allem!" — ,Hch will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!" — Diese Worte der heiligen Schrift waren der Text der Grabrede, wie auch der Kem und Inhalt seines ganzen Lebens.
In dankbarer Pietät wird die Stadt Schotten, deren Ehrenbürger Karl Theobald Schönfeld war, am 100. Geburtstag auf feinem Grab einen Kranz mit den Farben der Stadt nieberiegen. Ave pia animal
Dunkeln. Irgendwie mutzte sich doch noch etwas ereignen, das Schicksal konnte ihr unmöglich so erbarmungslos die Tür zu allem, was ihr Leben und Lebensglück bedeutet hatte, zuschlagen. Sie konnte sich darum nicht entschließen, mit den Kindern ab- jureifen: sondern blieb in ihrer Einsamkeit mit ihren Hoffnungen und ihren Träumen. Sie ging die Wege, auf denen Klaus ihr oft entgegengekommen war, erschien im Stall und sprach mit den Pferden, belächelt von dem jungen Nachfolger ihres Mannes und saß in der Dämmerung, wartend auf das Knarren der Treppenstufen unter den wohlbekannten Schritten. Manchmal stand sie auf, von ihren'Sinnen getäuscht, und streckte rasch die Hände aus, weil sie ihren Mann mit seinem letzten Lächeln leibhaftig vor sich sah. Aber je mehr sie ihren trügerischen Vorstellungen und Grübeleien nachhing, um so härter stieß sie sich überall an der veränderten Wirklichkeit. Ihre verhärmte Gestalt wäre auch ohne das schwarze Gewand der Trauer ein Bild des Leides und der Klage gewesen.
Die Gräfin sorgte sich sehr um Frau Arrabin und riet ihr wiederholt, wenigstens vorübergehend, ßuftoeränöerung an. Sie könnte ja immer wieder zurückkehren, da ihr der Aufenthalt im Schloß auf Lebenszeit freigestellt worden war. Schließlich mußte der Hausarzt mithelfen, Frau Arrabin durch den Winter zu bringen.
Als sie im Frühjahr auch noch nicht aufzuleben begann, schrieb die Gräfin der Tochter einen ein- gehenden Bericht und bald traf von dieser ein Brief an Arrabin ein, in dem sie dringend gebeten wurde zu kommen. Sie abzuholen sei ihr unmöglich, da der kleine Klaus schwer krank liege.
Die Krankheit des Enkels war schließlich für Frau Arrabins Entschluß ausschlaggebend. Aber als sie im Zug saß, war ihr Herz voll Wehmut. Die einsame Reise schien ihr wie eine Wieder- holung jener Fahrt, die einst ihre Kinderjahre im Elternhaus abschloß. Sie fuhr auch damals allein, da die Mutter kränklich war und der Vater als Förster nicht nach Belieben fort konnte. Wie ein endloser Filmstreifen begann sich ihr Leben von da an vor ihrem inneren Schauen abzurollen. Da war auch ein Besuchstag, wo im Försterhof eine Menge Arbeiter eine schon ältere Linde umge- pflanzt hatten, weil sie an ihrem alten Platz im Wege gestanden war. Obschon man den Wurzeln so viel Erdreich wie möglich gelassen hatte, war der Baum doch eingegangen. „Es ist eben eine Torheit, einen alten Baum versetzen zu wollen", hatte damals der Vater gesagt.
Frau Arrabin nickte leise vor sich hin, als ob sie dem damaligen Wort des Vaters zustimmen wollte.
Sie war ein alter Baum, der es nun geschehen lassen mußte, wogegen sich seine Natur so lange gesträubt hatte ...
Es war gut, daß ein junges Mädchen, wie der leibhaftige Frühling selber, ins Abteil wehte, und Frau Arrabin bald in ein lustiges Geplauder zog.
Ehinesische Geburtstagsfeier.
Die Chinesen sind berühmt für ihre Gastlichkeit, und Familienfeste, bei denen sie diese Eigenschaft voll entfalten können, spielen im Reich der Mitte eine große Rolle. Den Weltrekord an Gastfreundschaft und Unterhaltung hat, wie aus Schanghai berichtet wird, der Bürgermeister von Tientsin, Hsiac Scheng-Ying, geleistet, der eben den sechsundsech- zigsten Geburtstag seines Vaters in einer Weise feierte, die noch Jahre lang ein beliebtes Gesprächsthema der chinesischen Gesellschaft bilden wird. Scheng-Ping hatte nicht weniger als 8000 Gäste eingeladen, die aus den entferntesten Gegenden in Extrazügen zu der Feier herbeiströmten. Man stelle sich diesen Glanz vor. 8000 Chinesen und Chinesinnen in ihrer bunten Festkleidung, mit Geschenken beladen und mit Schristrollen, auf denen sie mit spitzem Pinsel ihre guten Wünsche gemalt, unter dem Arm. Welch eine Prozession schwarzbezopfter Tanten, die mit trippelnden Schritten herbeikommen, um sich wieder und wieder vor dem glücklichen Geburtstagskind verneigen. Natürlich war für das Wohlbefinden der vielen Gäste auf das Großartigste gesorgt. Die drei ersten Restaurants Tientsins waren beauftragt, den Hunger dieser gelben Schar mit den beliebten chinesischen Leckerbissen zu sttllen. Das Festessen wurde nur durch Ausführungen der besten Schauspieler unterbrochen, die in einem besonders zu dem Zweck erbauten Thea- ter stattfanden. Das Geburtstagskind konnte sich an nicht weniger als 47 000 Geschenken erfreuen.
Zeitschristen.
— Das neue Heft der Sirene bringt Berichte über die Gestaltung der Mußestunden in der Reichsluftschutzschule und über die große Luftsport-Aus- stellung in Berlin. Vom ostafrikanischen Kriegsschauplatz erzählt ein Beitrag über „Militärische und politische Offensive". Das Werk des Führers Adolf Hitler wird in einem Aufsatz anläßlich feines Geburtstages gewürdigt. Einen historischen Rückblick auf die Zeit Friedrichs des Großen bringt ein reichbebilderter Auftatz „Von Wusterhausen bis Sanssouci".


