Ausgabe 
27.5.1936
 
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aktuelle Presseprobleme in voller Uebereinstimmung erörtert wurden. Der Minister besuchte in Beglei­tung des Reichserziehungsministers Rust das Kai- le r - F r i e d r i ch - und Pergamon-Mu- f e u m, ferner das Anthropologische Insti - t u t in Dahlem. Die Führung hatten Professor Fischer und Professor Lenz. Im Institut für physikalische und Elektro-Chemie gab Professor Thyssen einen Ueberblick über die Arbeit des Instituts. Dor allen Dingen wurde die Tätig­keit des Nobelpreisträgers Professor R. Zsigmondy besprochen, der in Ungarn geboren ist und in Deutschland gearbeitet hat. Auf dem Rückweg in die Stadt stattete der Minister dem Grabe von Robert Grabber auf dem Friedhof Dahlem- Dorf einen Besuch ab und legte eine Blumenspende nieder als Ehrung für den großen Ungarn und Deutschenfreund, der in Berlin das Ungarische Institut und den ungarischen Lehrstuhl begrün­det hatte. Robert Grabber war ein alter Studien­freund des Ministers.

Wahlerfolg der Memeldeutschen.

Das Ergebnis

der Memeler Stadtverordnetenwahl.

M em e l, 26. Mai. (DNB.) Nach dem vorläufigen Ergebnis der Wahlen zur Memeler Stadtverord­netenversammlung haben von 27 229 Wahlberechtig­ten 23 515 ihre Stimme abgegeben, was einer Wahl­beteiligung von 86,3 v. S). entspricht. Davon waren 180 Stimmen ungültig. Die Memelländische Gemeinschaftsliste erhielt 14^04 Stimmen, die vier litauischen Listen erhielten zusam­men 6591 Stimmen, die drei S p l i t t e r l i st e n 2040 Stimmen. Es entfallen auf die Memelländische Gemeinschaftsliste 25 Sitze, auf die vier litauischen Listen 11 Sitze und auf die drei Splitterlisten drei Sitze. Ein weiters Mandat ist noch umstritten.

Bei der außerordentlich starken Zuwande­rung aus Großlitauen nach Memel, der lebhaften Wahlagitation der litauischen Parteien und der Behinderung der Wahlpropaganda der Memel­länder muß das Ergebnis als ein großer Erfolg des Memeldeutschtums gewertet werden, da es auch in der neuen Stadtverordnetenversammlung über eiye große Mehrheit verfügen wird. Auch bei den Wahlen zu den Gemeindevertretungen a u f dem Lande hat sich das Verhältnis, wie es sich bei den Wahlen von 1933 ergab, nicht geändert.

Lettische Kulturbarbaren.

Das Haus der Großen Gilde in Riga soll abgebrochen werden.

Riga, 26. Mai. (DNB.) Bereits am Montag waren in der lettischen Presse Andeutungen dar­über enthalten, daß in Kreisen der Handels- und Industriekammer Lettlands die Absicht bestehe, die auf Grund der bekannten Kammergesetzgebung in das Eigentum der Kammer übergegangenen Gilde- Häuser abzubrechen. Am Dienstag bringt nun das lettische halbamtliche BlattRits" eine ausführliche Meldung, durch die alle Zweifel dar­über beseitigt werden, daß bei der Leitung der lettischen Wirtschaftskammer in der Tat die Absicht besteht, das Haus der Großen Gilde in Riga niederzureißen. Zur Begründung wird er­klärt, daß das Haus der Großen Gilde wirt­schaftlich gesehen unrentabel sei und auch nur geringe künstlerische, architektonische und historische Werte besitze. Von historischer Bedeutung seien nur der sooenannte Münstersaal und Teile der Brautkammer. Daher werde der Oeffentlichkeit Lett­lands der Vorschlag unterbreitet, das Gebäude der Großen Gilde mit den Nebengebäuden abzubrechen und dafür ein Kongreßgebäude zu er­bauen. In diesem Kongreßgebäude sollen alle Wirt­schaftskammern Lettlands Platz finden. Es soll dar­in ein Sitzungssaal für 5000 Personen eingerichtet werden. Das Haus der Großen Gilde zu Riga stammt in seinen ältesten Teilen aus dem 13. Jahrhundert.

Gießener Stadttheater.

Shakespeare:Ende gut, alles gut".

Freundlicher Gedanke, die Spielzeit mit einem solchen Akkord ausklingen zu lassen, der gewisser­maßen den Segen spricht über alles, was zuvor ge­schah. Die Theaterleitung möchte aber die Wahl gerade dieses Stückes zum Schluß nicht nur als eine anmutige Geste verstanden wissen. Wir dürfen also, von uns aus und zunächst ganz allgemein, da­zu bemerken, daß mit diesem Lustspiel die aus­gehende Spielzeit zugleich auch sinnvoll zum An­fang und Auftakt zurückweist, indem der klassische Kern des Repertoires wie die besondere Vorliebe des Intendanten für Shakespeare darin zum Ausdruck gebracht wird.

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Wenn wirEnde gut, alles gut" soeben im Sinne eines allgemeinen und unmißverständlichen Gattungsbegriffes in die Reihe der Klassiker gestellt haben, so darf man bei genauerer Betrachtung hin­zufügen, daß es sich in diesem Falle um ein Stück handelt, das mit gleichem Recht romantisch und auch barock genannt werden kann: wir werden noch darauf zu sprechen kommen.Alls well that ends well" ist jedenfalls eines der schwierigsten und schwächsten Shakespeare-Stücke, soweit die uns heute geläufige Ueberlieferung überhaupt die eigentlich shakespearesche Form noch erkennen läßt: denn es ist wohl unbestritten, daß hier wie häufig in anderen Fällen die Bearbeitung eines älteren Textes vorliegt.

Ob dieser Text, wie manche annehmen, ursprüng­lich etwa die nicht erhalteneGewonnene Liebes­müh" (der Inhalt würde passen) also ein Gegen­stück zurVerlorenen Liebesmüh" war, vermögen wir nicht zu entscheiden. Zweifelhaft bleibt wohl auch die genaue Datierung: sicher scheint indessen, daß das Stück in Shakespeares Mittlere Zeit gehört und etwa um die Jahrhundertwende (1600) ent­standen ist.

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Die Vorlage lieferte, wie in vielen Fällen, eine Novelle des Boccaccio, und in der Tat ist das Hauptmotiv des Lustspiels, ziemlich gewagt in mehrfacher Hinsicht, wenn auch sonst in der Lite­raturgeschichte nicht ganz unbekannt, sehr charakte­ristisch für den Italiener: ein romantisches Motiv jedenfalls in der Fassung, wie es bei Shakespeare erscheint. Die Zentralgestalt des Lustspiels ist Helena, Pflegetochter der Gräfin von Roussillon; selbst von bescheidener Abkunft, liebt sie den Sohn der Gräsin, Bertram von Roussillon, der ihre Neigung indessen nicht erwidert. Helena, deren Vater Gerhard von Narbonne ein berühmter Arzt war, vermag mit Hilfe eines wunderbaren Mittels den schwerkranken König von Frankreich zu heilen und darf sich dafür

Lettland hat sich in den letzten Jahren dem Deutschtum gegenüber so unerhörte Uebergriffe ae- leistet, daß wir uns Gewalt antun müssen, dieser Nachricht vorerst feinen Glauben zu schenken. Würde man das kostbare Gebäude deutschen Ur- prungs abreißen, dann käme das einer Barbarei zleich, wie sie ihresgleichen so bald nicht wieder indet. Wir können uns nicht vorftellen, daß Lett­land ernsthaft dulden will, wie man ein Gebäude vernichtet, das für Riga bisher eine Zierde war und das selbst von den mord- und vernichtungs­wütigen bolschewistischen Horden 1919 nicht ange­tastet wurde.

Schwere Ausschreitungen gegen Minderheitsdeutsche in Ostoberschlesien.

Kattowitz, 26. Mai. (DNB.) In Ostober­schlesien kam es am Sonntag in dem Jndustrieort Rydustau zu unerhört schweren Ausschreitungen gegen Minderheitsdeutsche. Eine Deranstal - t u n gM utter und Kind" der Jungdeutschen Partei, die von 140 Minderheitsdeutschen besucht war, wurde von Angehörigen des Pol­nischen Aufständischenverbandes ge-

Die Lage in

Vaar-Varensels fordert zum Eintritt in die Front-Miliz auf.

Wien, 27. Mai. (DNB.) Die Amtliche Nach­richtenstelle verlautbart einen Aufruf des Vizekanz­lers Baar-Baren fels als Führer der Front- Miliz an alle Mitglieder der bisherigen Wehr­formationen, in die Front-Miliz einzutreten. Als feinen Stellvertreter in der Front-Miliz ernannte Baar-Barenfels den Generalmajor Puchmayer. Auch sonst werden die Beziehungen zwischen Bun­desheer und Frontmiliz sehr eng sein. In dem Aufruf wird an das Freiwilligen-Aufgebot vom Jahre 1809, an den Sieg von Aspern, an die Frei- willigen-Schützen-Formationen Tirols und Kärn­tens als Vorbilder der jetzigen Miliz^ erinnert. Als Zielsetzung für die Miliz wird der Kampf für das christlich-deutsche ständisch gegliederte Oesterreich be­zeichnet.

And der Heimatschuh?

Wien, 27. Mai. (DNB.) Eine Mitteilung der Pressestelle des Heimatschutzes nimmt mit keinem Worte Kenntnis von der Raffung der Frontmiliz und von dem Aufruf des Vizekanzlers Baar-Baren­fels an die Mitglieder der freiwilligen Wehrforma­tionen, in die Miliz einzutreten. Das Communiquö erwähnt überhaupt die Vaterländische Front nicht, sondern spricht von einer Umorganisation des Heimatschutzes in einer Weise, welche die grundsätzlichen Erklärungen des Bundeskanzlers Dr. Schuschnigg und das neue Gesetz über die Vater­ländische Front einfach übersieht. Eine neue Stabsleitung wird in Binz gebildet. Der Schwerpunkt des Heimatschutzes soll offenbar also wieder in die Provinz verlegt werden, wie dies schon einmal der Fall war. Nur der Sitz des Bundes­führers selbst soll in Wien verbleiben. Zum Chef der Stabsleitung wird der energische und als schar­fer Vorkämpfer des faschistischen Gedankens be­kannte Landesleiter des Heimatschutzes von Ober­österreich Wenninger ernannt. Die Mitteilung hat folgenden Wortlaut:

Unter dem Vorsitz des Bundesführers Star- Hemberg fand Dienstag die Besprechung der Landesführer im österreichischen Heimat­schutz statt. Der Bundesführer Starhemberg gab einen Ueberblick über die gegenwärtige politische Lage, worauf sich eine eingehende Besprechung an­schloß. Folgende organisatorische Maßnahmen wurden vom Bundeskanzler verfügt und von den

svrengt. Kurz nach Beginn drangen etwa 100 Aufständische, zum Teil in Uniform, in den Saal ein und begannen mit mitgebrachten Knüppeln und Ochsenziemern unbarm­herzig auf die Anwesenden einzuschlagen. Den sich ihnen entgegenfteUenben Vorstandsmitgliedern brachten die Eindringlinge Verletzungen durch Messerstiche bei. Die Anwesenden, die panikartig den Versammlungsraum verließen, wur­den im Freien von weiteren 50 Aufstän- di sch en empfangen und erneut auf das schwerste mißhandelt. Nach den bisherigen Feststellungen haben etwa 30 Minderheitsdeutsche Verletzungen erlitten; einige von ihnen sind b e - sinnungslos geschlagen worden. Zehn der Verletzten mußten sich in ärztliche Behandlung be­geben. Die Eindringlinge schreckten selbst davor nicht zurück, Frauen auf das schwerste zu ver­prügeln. Als die Polizei am Tatort erschien, waren die Aufständischen bereits entwichen. Bemerkenswerterweise nahm die Polizei über die­sen unglaublichen Vorfall kein Protokoll auf. Da eine Anzahl der Eindringlinge erkannt wurde, unter ihnen zwei bekannte Ortsführer der Ausstän- dischen-Verbandes, darf der Hoffnung Ausdruck ge­geben werden, daß sie der gerechten Strafe zuge- führt werden.

Oesterreich.

Anwesenden zur Kenntnis genommen: Der Sitz der Stabsleitung des österreichischen Heimatschutzes wird von Wien nach Linz verlegt. Da Minister a. D. Berger-Waldenegg demnächst seinen Posten als Gesandter in Rom antreten wird, wird er für die Dauer feiner Abwesenheit von seinen Funktionen als Bundesführer-Stellvertreter sowie auch als Landesführer des österreichischen Heimat­schutzes in Steiermark beurlaubt Die Stelle eines Landesführers des österreichischen Heimat- schutzes in Steiermark übernimmt der Landesstatt­halter Berthold S t ü r g k h. Landesstatthalter Wenninger, geschästeführender Landesfuhrer des österreichischen Heimatschutzes in Oberöster­reich, wird neben Bundesführer-Stellvertreter Vize­kanzler Baar-Barenfels als Bundesführer-Stell­vertreter mit der Leitung der Stabslei­tung betraut. Als Ergebnis der mehrere Stunden dauernden Besprechung kam der durch nichts er- schütterbare Wille der Führerschaft des gesamten österreichischen Heimatschutzes zum Ausdruck, nach wie vor für die Zielsetzung des öster­reichischen Heimatschutzes zu kämpfen und in geschlossener Einigkeit dem Bundesführer Starhemberg bedingungslose Gefolgschaftstreue zu halten. Der Sitz des Bundesführers Starhemberg bleibt nach wie vor in Wien.

Kundgebungen.

Wien, 27. Mai. (DNB.) Am Sonntag kam es in Altenmarkt im südlichen Niederösterreich anläß­lich einer Kundgebung der Vaterländischen Front zu Zusammen st äßen zwischen Anhängern der Vaterländischen Front und uniformierten Heimatschutzl euten, die immer wieder in Miß­fallensäußerungen gegen Bundeskanzler Schusch­nigg ausbrachen. In Gosau (Oberösterreich) mußte sogar eine Vaterländische-Front-Versammlung von der Gendarmerie a u f g e I ö ft werden, weil nach der Rede eines dem Heimatschutz nahestehenden Forstmeisters die Versammlung in Rufe gegen d i e Regierung ausbrach. In Vorarlberg hat der Landesleiter der Heimwehren, Ulmer, einen Aufruf erlassen, in dem er erklärt, daß der Heimat­schutz sich niemals entwaffnen ließe, und keine Patronen und keine Gewehre und keine Maschinengewehre hergeben würde. Der Heimat­schutz würde geschlossen in die neue Front-Miliz eintrefen und dort wei­ter für feine Ideale kämpfen: Die Schaf­fung eines Heimatschutz-Oesterreich.

Mitgliedersperre für die Hitlerjugend.

Berlin, 27. Mai. (DNB.) Der Reichsjugend, führer hat folgende Verfügung erlasfen:

3m Jahre des Deutschen Jungvolk, sollte der Versuch unternommen werden, alle zehn- bis vierzehnjährigen Jugendlichen für die Jugendbewegung Adolf Hitlers zu gewinnen. Die deutsche Jugend hat dem Aufruf der Hitler- Jugend so schnell Folge geleistet, daß meine zu Be­ginn des Jahres erhobene Forderung heute be­reits erfüllt ist. Ich verfüge deshalb ab heute totale Mitgliedersperre für alle Glie­derungen der Hitler-Jugend (HI., DI.» BDM. und IM.). Der nächste Eintrittster- m i n in die nationalsozialistischen Jugendverbände ist d e r 2 0. A p r i l 19 3 7.

Berlin, 26. Mai 1936.

Gez.: Baldur von Schirach."

Besondere Ehrungen für tüchtige Meister und Gesellen

NSG. Der vom Handwerk heute mehr denn je vertretene Leistungsgrundsatz bringt es mit sich, daß die Handwerksführer ihr besonderes Augen­merk auf die fachliche Ertüchtigung des Nachwuchses und vor allem auf die Erstellung eines erstklas­sigen Meisterstandes legt. Jenen, die sich besonders durch ihre Arbeitsleistung Herausstellen, soll ein Zeichen der Anerkennung gegeben werden. Aus diesem Grunde hat der Reichshandwerksmeister angeordnet, daß alljährlich am Reichshand­werkertag in Frankfurt a. M. d i e besten Meister und Gesellen feierlich frei- gesprochen werden. Bei der diesjährigen Frei­sprechung in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. wird je ein Meister und ein Geselle aus den poli­tischen Gauen vom Reichshandwerksmeister durch Handschlag auf die Grundsätze der Standesehre, des Berufsstolzes und der Leistungssteigerunb ver­pflichtet werden. Die feierliche Freisprechung m der Paulskirche wird durch den Deutschlandsender ver­breitet, so daß zur gleichen Stunde im Reich in Gemeinschaftsveranstaltungen Meister, Gesellen und Lehrlinge des Handwerks Zeugen dieser Feier­stunde sein können. >

Oer dänische Minister A. p. Hanffen gestorben.

Im Alter von 74 Jahren ist der frühere Mini­ster A. P. H a n s s e n nach viertägigem Kranken­lager in seinem Landhaus an der Apenrader Förde gestorben. Bei dem Empfang des dänischen Königs­paares, am Samstag hatte sich Haussen eine Er­kältung zugezogen, die zu einer Lungentenzündung führte.

Haussen war Herausgeber des ApenraderHejm- dal", das sich durch gehässige Ausfälle gegen das neue Deutschland auszeichnete. Von 1896 bis 1908 war er Mitglied des preußischen Abgeordneten­hauses. Don 1906 bis 1918 gehörte er auch dem Deutschen Reichstag an. Nach dem Kriege ging er nach Dänemark und wurde 1919 in der demokra­tischen Regierung Zahle Minister für die nord- schleswigschen Angelegenheiten. Als solcher war er für die Lostrennung der ersten nordschleswigschen Zone von Deutschland tätig.

Kleine politische Nachrichten.

Der Stellvertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß, stattete dem Olym­pischen Dorf einen Besuch ab. Der Minister wurde vom Kommandanten des Olympischen Dor­fes, Hauptmann F ü r ft n e r, und dem Architekten March geleitet. Seine besondere Aufmerksamkeit wandte der Minister den Einrichtungen zu, die für die Verpflegung der ausländischen Olympiamann­schaften getroffen sind.

König Eduard VIII., der bei seiner Thron­besteigung automatisch den Rang eines Feld-

eine Gnade ausbitten. Sie bittet um Bertrams Hand, der sich weigert, vom König gezwungen wird, aber die eben angetraute Gemahlin schnöde verläßt und nach Italien in den Krieg zieht. Helena reift ihm verkleidet nach und tritt nachts unerkannt an die Stelle eines von Bertram heftig umwor­benen und bedrängten Fräuleins mit Namen Diana. Ein Ring erweist zuletzt vor den Augen des Königs die zwar unglaubhafte, aber hier zu vollem Erfolge führende, nächtliche Vertauschung der Geliebten. Bertram muß sich als (mit eigenen Waffen) geschlagen bekennen, Vergangenes wird verziehen, das junge Paar nun in Liebe vereint und Ende gut, alles gut.

Die romantische Boccaccio-Geschichte ist bei Shakespeare in ein barockes Gewand gekleidet, in eine tönende, oft bombastische Sprache mit allerlei Tiraden, die nicht besonders geeignet sind, die Handlung zu fördern. Es gibt auch eine ganze Reihe von Figuren in diesem Stück, die nicht viel mehr sind als bloße Schatten, Marionetten oder drama­turgische Hilfskonstruktionen. Ja selbst gegen Ber­tram, der doch gewiß eine entscheidende Rolle spielt, ist nicht ohne Grund der Vorwurf der Passivität erhoben worden; einentraurigen Helden" hat man ihn genannt, dessen innere Wandlung sich zu­letzt allerdings mit überraschender Plötzlichkeit und Einsilbigkeit vollzieht.

Es sind also gegen dieses selten gespielte Stück so wie es uns heute nun einmal vorliegt; was daran wirklich ganz und gar von Shakespeare ist, kann wohl nie mit Sicherheit entschieden werden mit gutem Grunde eine Reihe nicht unbeträcht­licher Einwände zu erheben. Doch ist darüber nicht zu verkennen, daß es dichterische Schönheiten be­sonderer Art aufweist, in den Helena-Szenen vor­nehmlich, und daß es auch für Shakespeare überaus bezeichnende Züge aufweist.

Das sieht man an der Gestalt des Parolles, °er alsGesellschafter des Grafen" eingeführt wird "si.^,.2nvächst in dieser Funktion eine verhältnis- mafctg untergeordnete Figur bleibt, bis auf einmal em Nebeneinfall des Dichters das alte Motiv des ruhmredigen Soldaten auf ihn überträgt; und dieses JJcoho das mit der Haupthandlung nicht das mmdeste zu hin hat, wird gleichsam unter der pano so wichtig, daß die ganze Liebesgeschichte Darüber vergessen scheint, Parolles zu einer Zen- tralftgur oüfnjädjft, die, mit falstaffischen Zügen geschmückt, ganz im Vordergrund einer großen, breit ausgespielten Szenengruppe von groteskem und wiederum barockem Humor steht.

Die Gestalt dieses Parolles sehr aufschlußreich zu verfolgen ist offenbar erst während der Ar­

beit am Stück für den Dichter selbst interessant ge­worden. Er vertieft sich in ihn, beschäftigt sich und treibt sein Spiel mit ihm: er läßt ihn, einen prahlerischen Feigling, sich vermessen, eine im Kampfe verloren gegangene Trommel wiederzu­holen, was dem Kerl natürlich nicht gelingt; er demaskiert ihn in feiner ganzen Jämmerlichkeit, läßt ihn aus Angst zum Verräter werden und denkt sich welch ein barocker Einfall! eine wild kauderwelschende Phantasiesprache aus, mit der die eigenen Kameraden den miles gloriosus überfallen, erschrecken und entlarven. In diesen Szenen bekommt das Lustspiel einen ausgeprägt satirischen Charakter, der von der umrahmenden Liebesgeschichte merkwürdig genug absticht.

Es wäre noch manches zu sagen, worauf wir aus Raumgründen verzichten müssen. Man sieht aber wohl schon, aus wie verschiedenen Elementen dieses Stück gemischt ist; und man wird begreifen, was den Spielleiter, dem sich ja auch bei Shakespeare bequemere und dankbarere Aufgaben reichlich ge­boten hätten, daran gereizt hat.

Intendant Schultze-Griesheim, der die Inszenierung selbst leitete (ihr lag die alte lieber» setzung von Baudissin zugrunde), hat im Pro­grammheft bargelegt, was er von dem Stück hält, das er selbst ein Nebenwerk nennt, und was ihm für eine ausschöpfende Aufführung nötig schien: ... die vorliegende Form bearbeiten, Szenen zu­sammenraffen, den Handlungsablauf beschleunigen, die Zutaten improvisierender Schauspieler, die be­kanntlich die Textgestaltung dieses Shakespeare- Stückes stark beeinflußt haben, wieder entfernen und alles Licht auf die Hauptgestalten sammeln..."

Der Spielleiter hat es sich, wie man sieht, nicht leicht gemacht, und wir finden, daß die liebevolle Bemühung sich gelohnt hat. Zwar wird das Lust­spiel immer im angedeuteten Sinne Nebenwerk blei­ben, aber es ist erstaunlich und aller Ehren wert, was unter den Händen dieser schöpferischen Dra­maturgie und Regieführung daraus geworden ist; man kann das nur beurteilen, wenn man den üb­lichen Text mit der Aufführung vergleicht. Die romantischen, die märchenhaft unwirklichen Züge des Spiels waren herausgehoben betont von den diesem Stil feinsinnig nachspürenden Bildern des Herrn Löffler, wie von der melodiös gedämpf­ten Bühnenmusik des Herrn Bräuer vor allem in der gepflegten Sprachführung und in einer mimisch-gestischen Belebung von Nebenfiguren, die im Buch blaß und schattenhaft bleiben.

Aller Glanz sammelt sich in der Szenenfolge auf Helena, einer ganz und gar shakespeareschen Figur,

in der sich Züge der Julia wie der Porzia geschwi- sterlich mischen: sie wurde von Fräulein Birk­mann so fein und beseelt gespielt, ganz von An­mut, mädchenhaftem Gefühl und schmerzlich-verhal­tener Hingabe getragen, daß die Gestalt der gefähr- lich-zweideutigen Boccaccio - Welt völlig entrückt schien; auch in der sprachlichen Form übrigens eine reife und geklärte Darstellung.

Neben ihr wirkte im Figuren-Reiaen der Parol­les als die dramatisch und darstellerisch bedeutendste Erscheinung: man hatte ihn, auf den ersten Blick überraschend, Herrn von S p a l l a r t gegeben, doch wird bei einiger Ueberlegung diese Besetzung ge- billigt werden dürfen, da die Rolle neben ihren hochkomischen Qualitäten immerhin bemerkenswerte Einschläge vom Charakterfach her aufweist. Herr von Spallart fand auch sichtlich Gefallen daran, diese Kreuzung von Schuft und Schelm, von Bra­marbas und Narren in ihrer ganzen sporenklirren­den, aufgeblasenen und wortgeschwollenen Fülle zu entwickeln. (Uebrigens war die Regie bemüht, die mangelnde organische Bindung dieser Szenen an die Haupthandlung zu verwischen.)

Herr Rosenthal als Bertram: er tat fein Bestes, die undankbare und psychologisch mehr als schwierige Rolle gradlinig und glaubwürdig zu fassen. Ausgezeichnet der von Herrn Schorn mit behendem Witz beweglich und aufgelockert gegebene Narr, der mit Reden und Gebärden die Szene arabeskenhaft umspielt. Herr Neuhaus gab mit wohlerwogenen Uebergängen den milden und ab­geklärten König, Herr Dolck mit überlegenem, wie­wohl unaufdringlichen Humor den Vasallen Lafeu. Die Damen S t i r l (Gräfin) und H e n ck e l l (Diana), die Herren Kühne und F r i ck h ö f f e r feinen vom übrigen Ensemble noch hervorgehoben.

Herzlicher Beifall rief zum guten Ende mit den Darstellern auch Spielleiter und Bühnenbildner an die Rampe. hth.

Intendant Schultze-Griesheim war vor der Aufführung zu einer Ansprache vor den Vorhang getreten. Er richtete Worte des Dankes an die Besucher für die in der abgelaufenen Spielzeit bewiesene freudige Gefolgschaft und ein wirkliches Verständnis für die zu Beginn gehegten Wünsche, für die Arbeit und die Ziele des Theaters. Dor allem sei das Vertrauen zum Theater wiederher­gestellt; der begonnene Aufbau solle in der neuen Spielzeit mit Mut und Frische fortgeführt werden. Der Intendant bat, solche Gefolgschaftstreue dem Theater zu bewahren, das sich feiner hohen Der- antwortung stets bewußt bleiben werde.