Ur. 226 Zweiter Blatt
Kietzen« Anzeiger (Senerai-Anzeiger für Sberheffen) Samstag, 26. September 1956
Erziehung zur Gemeinschast. Don üniversiiätsprofessor Or. Erich Zaensch, Marburg.
Nqiuy und Geist wurden in den letzten Jahrhunderten als zwei völlig getrennte Gebiete angesehen, und sie hatten sich zum Schaden unserer Kultur auch tatsächlich immer weiter voneinander entfernt. In der Wesensart der Jugend hingegen sind Natur und Geist besonders eng miteinander verknüpft. Leib und Seele stehen hier in viel engerer Wechselwirkung und in festerem Zusammenhang als in irgendeiner anderen Lebenszeit. Weil die Kultur der letzten Epoche mehr durch den Geist des Alters bestimmt war als durch den der Jugend, darum hatte sich auch dieser Zusammenhang zwischen Leib und Seele zunehmend gelöst.
Ein bekannter Philosoph dieser jüngst vergangenen Epoche (M. Scheler) pflegte zu sagen, der moderne Mensch betrachte seinen Leib „wie ein Hündchen, das er an der Leine führt"; das heißt, er lieht den Leib als eine Sache an, die von seinem seelisch-geistigen Wesen getrennt und mit ihm nur locker verbunden ist — verbunden durch eine Art von Seine. Auch ein wenig Verachtung des Leibes kommt in dem Gleichnis zum Ausdruck. Der Leib ist eben — ein Hündchen, auf das man von der Höhe seines Menschentums aus herabsieht. Dem- gegenüber wollen wir d i e harmonische Einheit zwischen Leib und Seele wiederherstellen, die in gesunder Jugend ganz selbstverständlich vorhanden und verwirklicht ist.
Der Körper des jungen Menschen, wofern er nur in angemessener Weise geübt wird, ist ein vollkommen gefügiges Werkzeug der Seele und des Willens. Er folgt hierbei dem Gebot des Willens noch ohne Widerstand. Im jungen Menschen entsteht darum von selbst niemals der Gedanke einer Gegensätzlichkeit oder eines Widerstreits zwischen Leib und Seele. Nicht einmal das obige Gleichnis vom „Hündchen", das an der Leine geführt wird, paßt auf jugendliche Menschen, während es doch sehr zutreffend die Art zum Ausdruck bringt, wie viele Erwachsene von heute ihren Körper erleben.
Alle diese Anschauungen von der Gegensätzlichkeit zwischen Leib und Seele haben letztlich darin ihren Grund, daß ein solcher Widerstreit fortwährend er» sahren wird, weil der Leib der Seele und dem Willen nicht mehr folgt. Das ist aber eben ein A l t-e vs z u st a n d, und die Tatsache, daß solche Erfahrungen und Anschauungen vorherrschend geworden sind, ist wiederum Ausdruck einer Alterskultur. Wir aber wollen heute, und darauf bringt unsere neue Erziehung in ganz besonderem Maße, zu der harmonischen Einheit zwischen Leib und Seele zurückkehren, die in gesunder Jugend immer und ganz selbstverständlicherweise verwirklicht ist. Die Jugendzeit soll von der Erziehung auch dazu ausgenutzt werden, diese Einheit zu festigen, damit sie in Zukunft auch bei den Erwachsenen bestehen bleibe. Es wird sich zeigen, wieviel für die Harmonie des Daseins, ja für die körperliche und seeliscke Gesundheit des Volkes davon abhängt. Wir wollen auch in dieser Hinsicht die Wesensart der Jugend an die Stelle derjenigen des Alters setzen und damit Jugendgeist in die noch vorherrschende Alterskultur hinemtragen.
Doch von allen Eigentümlichkeiten des Jugend- geistes, die man so oft verkümmern ließ, sind uns diejenigen am wichtigsten, die die Menschen zu einer natürlichen Gemeinschaft, zu einem Volke zusammenschließen. Das vergangene Zeitalter dachte in mechanistischen, unorganischen Grundbegriffen. Demgemäß stellte man sich die Menschen wie isolierte Atome vor, die zwar Wirkungen aufeinander ausüben, aber keinen organischen Zusammenhang haben, fein echtes lebendiges Ganze bilden. Indessen ist das eine künstliche, der Wirklichkeit nicht entsprechende Anschauung, die an der toten Natur ober am gealterten Menschentum gewonnen ist. In gesunder Jugend wirken noch die organischen Gesetze des menschlichen Zu- sammenhangs. _________________
Gießener Stadttheater.
Harald Bratt: „Gustav Kilian."
Der vollständige Titel lautet: „Gustav Kilian, Manufakturwaren en gros & en detail, gegr. 1821, Obere Gasse 19" — er ging gar nicht in bie lieber» schriftzeile hinein, und es ist ein absichtlich altmodischer Titel, von einer Länge und Ausführlichkeit, wie man in früheren Zeiten eine Sache zu überschreiben pflegte. Und es handelt sich ja auch — Vratt sagt es selbst ausdrücklich — um em altmodisches Stück. Herrn Kilians Kattunladen stammt in der Tat aus dem vorigen Jahrhundert, er ijt gewissermaßen aus Versehen stehengeblwben; die scheppernde Ladenglocke und das Waldhorn, auf dem der greise Prinzipal (im Quartett) sich zu feinem 70. Geburtstage selber ein gefühlvolles Ständchen bläst — „Schön ist die Jugendzeit" — sind die romantischen Symbole einer Welt, in welcher der Held dieses Schauspiels groß geworden und alt geworden ist.
Zwar ist der Kattun mittlerweile aus der Mode gekommen, und es hat sich überhaupt vieles geändert, aber der alte Kilian hat es dennoch zu etwas gebracht; seine Söhne sind drüben m Amerika, und sie haben es geschafft, sie fd^ffefa Geld, sie sind Geschäftsleute ganz großen Stils, sie sind von heute und denken in Fusionen und Transaktionen und nach den letzten Wallstreet-Kursen. Zwei Generationen — zwei Welten und Weltanschauungen.
Der Großvater Kilian, so verschollen und so rührend unzeitgemäß sein Lädchen auch fein mag, ist wenn auch vielleicht fein „königlicher , so doch ein echter und ehrlicher Kaufmann vom alten Schrot und Korn: gute Ware, solide Preise, zufriedene Kunden — das sind die Grundsätze, nach denen er sein Geschäft betreibt. Weil er Freude dran hat, und weil es Vater und Gro nater auch schon so «haben. Deshalb kann er auch nicht begrei»
3 eines Tages ein sehr geschaftsgewandter Anwalt bei ihm erscheint und ihm als Bevollmächtigter eines nicht genannten Auftraggebers den ganzen Laden abkaufen will gegen gutes, bares Geld. Jener versteht nicht, warum Kilian fein Lad- chen als unverkäuflich bezeichnet. Kilian Einerseits glaubt dem andern den Schwindel, daß Kattun über Nacht wieder gi ße Mode mürbe; er farm ja nicht ahnen, daß es feine eigenen Sohne sind, die sich das als Ueberrajchung zu Vaters 70. Geburtstag ausgedacht haben: sie wollen ihn mit „nach
ihn pflegen, um davon soviel wie möglich in die späteren Jahre hinüberzuretten; denn er ist die ftärtfte und wichtigste Wurzel aller höheren Tugenden. Wir müssen aber zugleich diesen starten jugendlichen Trieb der Hingabe an ein größeres und umfassenderes Sein vor Verirrungen bewahren, an denen es nicht fehlt. Wir richten ihn in unserer neuen Erziehung auf sein von der Natur gewolltes Ziel: auf die Gemeinschaft des Volkes und die großen Aufgaben, die ihr gestellt find. Weil dieser Idealismus in Hingabe und Opferbereitschaft für das Ganze besteht, ist er im wesentlichen eine Leistung des Willens. Unsere neue Erziehung legt auf die Pflege jenes jugendlichen Idealismus den allerstärksten Nachdruck und damit zugleich auf die Entfaltung und richtige Leitung des Willens.
Das wird aber nicht nur der Festigkeit des Gemeinschaftslebens zugutekommen, sondern zugleich allen anderen Seiten der Kultur, die darunter gelitten hat, daß man über der einseitigen Pflege des V e r st a n d e s den Willen oft verkümmern ließ. Ja, das Erkennen selbst hat einen starken Willen und den Idealismus im eben geschilderten Sinn zur Voraussetzung. Nur eine Epoche, in der das volle und ganze Menschentum verkümmert war, konnte in den Irrtum verfallen, daß es möglich fei, den Verstand zu isolieren, gegen alle anderen Seiten des Menschenwesens reinlich abzugrenzen und für sich allein zu betätigen. Wegen dieses Irrtums verkümmerte in einer Epoche, die das Erkennen am
höchsten schätzte, schließlich das Erkennen selbst, und als Folge davon erleben wir, trotz der einseitigen Kultur des Verstandes, heute in allen Gebieten eine Krisis der Wissenschaft". Echtes, fruchtbares, zur Wirklichkeit und Wahrheit oordringendes Erkennen ist aar nicht eine Leistung des Verstandes allein, sondern ebensosehr des Willens. Jeder grundlegende neue Schritt besteht hier, wie Galilei sagt, in einer „Hypothesis", d. h. einer vorläufigen Annahme, die dann später entweder verworfen oder bestätigt wird. Sie selbst aber ist immer ein Wagnis, ein Sprung ins Ungewisse, und die Leistung des Erkennens, das zu neuen Gesichtspunkten vordringt, ist darum zugleich immer diejenige eines Kämpfertums.
Manche befürchten, die starke Betonung biologischer Gesichtspunkte in Kultur und Erziehung werde vom religiösen Glauben hinwegführen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Entwicklung der nächsten Zukunft wird uns recht geben, wenn wir behaupten: das dekadente Menschentum des neunzehnten Jahrhunderts konnte auch auf religiösem Gebiet nur noch dekadente Erscheinungen hervorbringen. Die Erkrankung der Kultur mußte sich notwendig auch in diesem innersten Bereiche des Geisteslebens auswirken. Die allgemeine Wiedergenesung wird auch hier wie auf allen Gebieten dazu führen, das Kranke durch Gesundes, das Normwidrige durch Normgemäßes zu ersetzen. Auch hier ist uns die Jugend ein Garant der Zukunft; denn Jugend ist von Natur gläubig.
Der franko-russische Zweibund.
Wenn Paris und Moskau „Generalstabsbesprechungen" haben.—Oie neuesten französischen Aktenveröffentlichungen.
Im Verlage der Akademischen Derlagsaesellschaft Athenaion in Potsdam erschien aus der Feder des durch seine grundlegenden Forschungsarbeiten auf dem Gebiete des Kriegsschuldproblems bekannten Obersten a. D. Dr. phil. h. c. Bernhard Schwertfeaer eine Schrift „Der neue franko-russische Zweibund im Lichte französischer Vorkriegsakte n". (Preis 1,00 RM. — 260) Seit einiger Zeit erscheint in Frankreich unter dem Titel „Documents d i - plomatiques f r a n £ a i s 1871 — 1914" die amtliche Dokumentenpublikation des französischen Außenministeriums zur Vorgeschichte des Weltkrieges. Im 8. Band der III. Serie des Werkes hat Dr. Schwertfeger wichtige Entdeckungen gemacht, die er in der erwähnten Schrift der deutschen Oef- fentlichkeit übergibt. Es ist das Schicksal der riesigen Dokumentenwerke aus den Archiven der am Weltkrieg beteiligt gewesenen Regierungen, daß sie sich durch ihre großen Umfänge dem Einblick der breiten Öffentlichkeit entziehen. Um so dankenswerter sind solche Veröffentlichungen wie die Schwertfegersche, die aus der Fülle des Aktenmaterials die dokumentarischen Nachweise zu einem wichtigen Sonderproblem herausheben.
Die Schwertfegersche Schrift nimmt das Memorandum Adolf Hitlers vom 7. März 1936 anläßlich der Wiederbesetzung der entmilitarisierten Zone des Rheinlandes zum Anlaß, um an Hand französischer Dokumente der Vorkriegszeit die ungeheuren Gefahren des neuen französisch-sowjetrussischen Beistandspak- t e s vom 2. Mai 1935 in das Licht eines besonders hellen Scheinwerfers zu rücken. Der neue Beistandspakt sieht, nach dem Muster der Vorkriegszeit, zwischen Paris und Moskau „gegenseitige Beratungen über die zur Abwehr einer Angriffsdrohung ober Angriffsgefahr zu ergreifenden Maßnahmen" vor. Es unterliegt keinem Zweifel, daß für dieses Verfahren nur Generalstabsbesprechungen in Frage kommen. Damit wird ein Verfahren wieder ausgenommen, über dessen Mechanismus das französische Außenministerium selbst jetzt die Welt in seiner nicht ganz freiwilligen, weil durch die deutschen Publikationen erzwungenen Veröffentlichungen die Welt unterrichtet. Der letzte, schon bis
zum Jahre 1913 führende Band der französischen Akten enthält nämlich die amtlichen Protokolle der im letzten V o r k r i e g s j a h r z e h n t alljährlich abgehaltenen „Generalstabsbesprechungen". Hier sei nur auf das Wichtigste hingewiesen.
Das bedeutsamste Dokument ist das letzte Konferenzprotokoll, das dem Weltkriege vorherging. Es trägt die Unterschriften der Generalstabschefs Frankreichs und Rußlands, I o f f r e s und Shilinskijs, und wurde vom französischen Kabinett am 9. September 1913 „gelesen und gebilligt". Die Präambel lautet: „Die beiden General- stabschess erklären in gemeinsamer Uebereinftim- mung, daß die Worte ,Verteidigungs- K r i e g‘ nicht in dem Sinne des .Krieges, den man verteidigungsweise führen wird' ausgelegt werden wird. Sie betonen vielmehr die für die russische und die französische Armee bestehende zwingende Notwendigkeit, eine kraftvolle, und zwar soweit möglich gleichzeitige Offensive zu ergreifen, gemäß dem Texte des Artikels 3 der Konvention, nach dessen Wortlaut ,die Streitkräfte der beiden verbündeten Mächte mit allem Nachdruck und eiligst einzusetzen sind'".
Am wichtigsten aber für die Erkenntnis der ein Jahr später einsetzenden Ereignisse ist die jetzt aus den neuen französischen Veröffentlichungen bekannt werdende Tatsache, daß sich auch England in die kriegerische Absprache des Zweibundes bereits vollständig eingeschaltet hatte. Im Artikel IV des Protokolls vom August 1913 heißt es wörtlich: „Die telegraphischen Verbindungen zwischen dem französischen und dem russischen Generalstabe (d. h. im Falle eines Krieges) können durch englische Kabel und unter Vermittlung Englands erfolgen. Die Abmachungen mit London sind soeben getroffen worden; die Vorbereitungen sind abgeschlossen, und die Uebermittlung der Nachrichten kann erfolgen."
„Dieser Satz", schreibt Schwertfeger, „wiegt zentnerschwer in der Kette der Vereinbarungen. Jetzt war Deutschland wirtlich eingekreist, und an einer Beteiligung Englands an einem Kriege des Zweibundes gegen Deutschland war kaum mehr zu zweifeln. Das Jnfelreich hatte dem Zweibunde damit im gewissen Sinne eine Blankovoll
Tas Kind besitzt, als ausgesprochenes Sinnes-1 wesen, gegenüber Der Umwelt eine ungeheure Aufgeschlossenheit, so daß es zu der Abschließung und Isolierung gegenüber der Umgebung, die die Theorie angenommen hatte, schon am Anfang der menschlichen Entwicklung gar nicht kommen kann. In der Kindheit besteht eine enge Verbundenheit mit der Umwelt und ein starkes Hingegebensein an sie. Der englische Dichter Shelley hat diesen Zusammenhang mit der Umwelt in folgenden Worten treffend geschildert: „Erinnern wir uns an unsere Empfindungen als Kinder. Wir unterschieden gewöhnlich alles, was wir sahen und fühlten, viel weniger von uns selbst."
Wie alles im kindlichen Seelenleben, so stützt sich auch der Gemeinschaftssinn hier vor allem auf die Erlebnisse des Auges. Die Gemeinschaft muß hier, um wirksam zu werden, dem Auge gegeben sein. Auf räumliche Nähe und räumliche Verbundenheit kommt daher fast alles an; sehr viel auch auf eine gleiche Beschaffenheit für das Auge, z. B. gleiche Tracht und Uniformierung, sowie auf sinnliche, besonders sichtbare Symbole. Der Knabe, den man im Schulzimmer durch abstrakte Belehrung vergeblich zur Erfüllung seiner Pflichten gegenüber der Gemeinschaft anzuhalten sucht, zeigt eine restlose Hingabe an die Spielgemeinschaft, die ihm sinnlich-sichtbar vor Augen steht und der er selbst sinnlich-sichtbar eingegliedert ist. Die organische Erziehung strebt dahin, diese sinnlichen Grundlagen des Gemeinschaftserlebnisses in der frühen Jugend zu benutzen und auch noch etwas davon in die späteren Lebensjahre hinüberzuretten, weil gerade dem Elementarseelischen, besonders auch dem sinnlich Erlebbaren, im Gegensatz zu rein abstrakten Ideen, eine besonders starke Antriebskraft für das Handeln zukommt.
Allmählich vertieft sich mit der Weiterentwicklung der Sinn für menschliche Gemeinschaft. Schon Ari- ft o t e I e s sagt, daß zur Freundschaft und Kameradschaft vor allem junge Menschen veranlagt seien, während sich bei den älteren oft Geschäftsinteressen störend und verfälschend einmischen. Auch sei für Freundschaft und Kameradschaft eine notwendige Voraussetzung, daß man mit anderen gern zusammen ist. Aber auch diese Neigung finde sich vor allem bei jungen Menschen, während sie bet älteren Personen selten anzutreffen sei; sie hätten wegen ihrer Griesgrämigkeit keine Freude aneinander. Der Sinn für Kameradschaft inuß somit in der Jugendzeit erweckt werden. Ist das hier versäumt worden, so wird es später niemals gelingen.
Der wichtigste Zeitpunkt für die Erweckung und Pflege des Gemeinschaftssinns ist die spätere Jugend. Hier ist vor allem die Blütezeit des Idealismus, der zugleich die soziale Kernfunktion ist, die Grundlage, auf der die festesten und edelsten Formen des Gemeinschaftsbewußtseins erwachsen. Die Pubertätspsychologie der vergangenen Epoche, beherrscht von psychoanalytischen und ähnlichen Gedankengängen, wühlte vorwiegend im Sexuellen und unterschlug uns darum gänzlich das entscheidende Grunderlebnis dieser Jahre: den jugendlichen Idealismus. Worin besteht eigentlich sein Wesen? Es ist kurz gesagt, das starke und antriebskräftige Erlebnis, daß der Mensch nicht für sich selbst und sein eigenes Ich da ist, sondern für ein größeres, umfassenderes Ganzes, dem er zu dienen hat. Ich habe das gelegentlich eine „Achsenverlagerung im Bereiche des Ich" genannt. Nicht mehr das eigene Ich erscheint jetzt als der Mittelpunkt, sondern dieses Größere und U m f a s s e n d e.r e , dem man angehört. Aber indem man das eigene Ich preisgibt, scheint man es in einem tieferen Sinne gerade erst zu finden. Man identifiziert sich selbst mit dem größeren, umfassenderen Ganzen, dem man dient. Diese „Achsenverlagerung" ist wohl das entscheidenste Erlebnis der späteren Jugendjahre; sie ist zugleich der Ursprung aller Qpferwilligkeit und Dienstbereitschaft, aller soldatischen männlich-heroischen Haltung und adligen Gesinnung.
Der Idealismus in diesem Sinne hat in der späteren Jugend seine Blütezeit. Hier müssen wir
drüben" nehmen und das ganze Krämchen kurzerhand „liquidieren". Sie haben kein Gefühl dafür, daß man einen alten Baum nicht mehr verpflanzen kann. Zum Geburtstag kommen sie alle heim. Eine schöne Ueberraschung.
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Zwei Generationen — zwei Welten. Aber die dritte Generation ist auch schon da. Kilians Enkelin ist mit herübergekommen, und diese Gertie, die drüben im Geiste ihres Vaters erzogen wurde und nur ein bißchen geflirtet hat, verliert, kaum daß sie in Deutschland angekommen ist, ihrHerz ganz richtig und altmodisch — an den Sohn von Großvaters Jugendfreund. Der Junge ist zwar nicht Kaufmann, sondern ein Wissenschaftler; immerhin bringen die beiden Liebesleute es fertig, hinter Großvaters Rücken wenn nicht den Laden, so doch das ganze Lager zu verkaufen, den ganzen Kattun — zu einem Preis, daß der Alte bald umfällt, als er ihn erfährt — an jenen Rechtsanwalt mit der Vollmacht und also genau genommen an die mittlere Generation Kilian.
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Das kann natürlich nicht gut gehen, und die schöne Geburtstagsfeier endet mit dem größten Krach, denn noch ehe die Söhne mit ihrer Lieber» rafchung herausrücken können, kommt ihnen Gertie mit der überraschenden Verlobung zuvor, die ihr Vater, der sich seinen Schwiegersohn ein bißchen anders gedacht hat, natürlich für eine ausgemachte Marotte erklärt ...
Es kommt nicht so sehr daraus an, wie das Stück weiter läuft und endet, wie der große Krach geschlichtet wird, wie die jungen Leute den Kattun, der eine kleine wunderliche Rundreise gemacht hat, dem Alten zurückkaufen; es versteht sich, daß die beiden Jüngsten sich kriegen, daß der Alte daheim bleibt und seinen guten, alten, ehrlichen Handel weiterbetreibt in der Oberen Gasse Numero 19...
Wesentlicher scheint uns, daß Harald Bratt, der ja schon mit der in einer ganz anderen Welt spielenden „Insel" dramatische Qualitäten und psychologisches Verständnis bewiesen hat, hier einen echten Konflikt zwar vielleicht nicht zu lösen, aber darzustellen verstanden hat: daß Spiel und Gegenspiel sich in der Tat, so idyllisch es meist zugeht, dramatisch entwickeln, weil Spieler und Gegenspieler in getrennten und im Grunde unüberbrückbaren Sphären leben, denken und handeln.
Es ist ein Stück babylonischer Sprachverwirrung, wenn man es recht verstehen will, das sich da vor unseren Augen begibt, das mindestens in seinen Voraussetzungen folgerichtig und unangreifbar ist,
und das uns in seinem Ablauf auch auf irgendeine Weise bewegt, mag es uns nun lächerlich, rührend, tragikomisch Vorkommen oder auch nur zum Nachdenken über die Dinge anregen, die hier verhandelt werden ... in einem zwiefachen Sinne, denn es geht ja nicht bloß um den Kattun, der natürlich noch immer genau so solide, so billig und so unmodern ist wie seit geraumer Zeit. —
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Es ist das Verdienst der vom Intendanten Schultze-Griesheim in Szene gesetzten Aufführung, daß sie den Beschauer die Auseinandersetzung ganz persönlich mitzuerleben und daran teilzunehmen zwang. Die Regie hat das kleine Welttheater dieses Stückes sauber und scharf, doch ohne fälschende Uebertreibung in seine Bezirke geschieden und diese gegeneinander abgegrenzt; auch die Handelnden in all ihrer schroffen Gegensätzlichkeit und Zweisprachigkeit zu einem geschlossenen Spielkörper zusammengefaßt, so daß die Gewichte und Gegengewichte gerecht verteilt waren. Mit der nämlichen liebevollen Sorgfalt, welche die ganze Inszenierung widerspiegelte, hatte sich Herr Löffler in Aufbau und Ausstattung der biebermeierlidjen Firma samt Laden und „guter Stube" vertieft.
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Herr Volck hatte lange nicht eine so ertragreiche und im besten Sinne menschliche Rolle wie hier als alter Kilian: er machte einen Charakter daraus, rund und herzhaft, ein wenig komisch, ein wenig rührend auch, aber noch in seinen Schwächen und Rückständigkeiten von unbezweifelbarer Wirklichkeit und Lebensnähe. Fräulein B i r t m a n n als Gertie aus Neuyork traf mit feinem Gefühl die besondere Mischung von Naivität und Ueberlegen- heit, von fremder Tünche und gutem Kern, von leiser Ironie und unverstellter Herzlichkeit, welche dieses Geschöpf kennzeichnet.
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Sehr glaubhaft abgestuft in Wesen und Temperament erschien die mittlere Generation aus USA. Herr Hub mit der rücksichtslosen Betriebsamkeit und brutalen Geschäftlichkeit dessen, der „es geschafft hat" und für sein Geld alles haben zu können glaubt, dabei doch auch zu Zeiten nicht unempfindlich für „altmodische" Gefühlsregungen; eine recht markante Gestalt. Herr Geiger als Johannes daneben viel weicher, viel mehr noch der alten Heimat und der Sphäre des väterlichen Hauses verhaftet. Frau Stirl traf geschickt den oberflächlich-nervösen Parvenütyp der Tochter Dorothea.
Auch Frau Schubert-Jüngling fand in der betulich ausgetüftelten Rolle der ehemaligen Er
zieherin Minna allerlei Möglichkeiten komischer und rührender Herzensergießung. Sehr hübsch, natür- lich und ungezwungen gaben sich Herr Frick- h o e f f e r als Anwalt, Herr Schorn (Dr. Wehn) und Frl. Gerhardt als das unbekümmert lärmende und kichernde Mädchen Anna. —
Es war ein klarer und verdienter Erfolg, der lebhaften Beifall fand. — Im Foyer war wahrend der Pause eine kleine Ausstellung junger Maler zu besichtigen: Aquarelle und Zeichnungen von Elsa Feld (Berlin) und Johannes Thiel (Ebner bei Freiburg). Wir empfehlen die Arbeiten der Aufmerksamkeit, glauben allerdings, daß sie bei natürlichem Licht und in ruhigerer Umgebung eher zur Geltung kommen würden. hth.
Oie kleinsten Vögel der Welt.
Der Londoner Zoologische Garten erwartet in Msen Tagen höchst interessante Gäste, für deren Empfang große Vorbereitungen getroffen werden mußten: Zwergelfen aus Brasilien, die kleinsten unter den 600 Arten der Kolibris, die kleinsten Vögel in der Welt überhaupt. Noch vor einem Jahr erklärten die leitenden Männer des Zoos, daß sie die Frage nicht lösen könnten, wie diese winzigen Geschöpfe am Leben und bei Gesundheit zu halten seien, die in ihrer Heimat den Honig im Schweben aus den Blüten saugen. Dann wurde ein besonderes Vogelhaus für sie gebaut. Es kann auf 27 Grad Celsius erwärmt werden und beherbergt viele tro- pische Gewächse und Bäume, unter denen die kleinen Kolibris heimisch sind. Um die schwierige Frage der Ernährung zu lösen, wurden Flaschen mit flüssiger Nahrung auf den Zweiaen angebracht. Von nun an verlor der Zoo keines dieser reizenden Lebewesen mehr. Auch die Neuankömmlinge werden sich wohl unter diesen idealen fiebensbcoingungen gut einleben und selbst im kältesten Winter gedeihen.
Es ist ein interessanter Anblick, diese winzigen Vogel, die wie große Insekten anmuten, Nahrung ju sich nehmen zu sehen. Sie halten sich schwebend mit schnellem Flügelschlag in der Luft vor einer §ll"er^a^.c' mährend sie ihren langen spitzen Schnabel tief in den engen Flaschenhals tauchen
b,e lange Zunge in die flüssige Nahrung vor- schießt. Dann fliegen sie pfeilschnell davon, und nun flattern die Flügel so rasch, daß sie fast unsichtbar werden. Während sie so auf und nieder fliegen, ist es, als ob jemand mit einer Handvoll Edelsteine Fangball spielte, nur daß diese leuchtend farbigen Edelsteine voller Leben und zauberhafter Anmut sind.


