Nr. 172
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Samstag, 25. Zuli 1956
Aus Natur und Technik.
Kleiner technischer Reiseführer.
Was gewöhnlich nicht im Handbuch steht.
Wer bei seiner Sommerreise durch die schönen deutschen Länder den Reiseführer zur Hand nimmt, wird darin durch besondere Hinweise auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam gemacht. Als Sehenswürdigkeiten werden in der Regel historische Bauten, Kulturstätten, Aussichtspunkte und dergleichen heroorgehoben. Was unserem Reiseführer jedoch fehlt, ist ein Hinweis auf beachtenswerte technische Anlagen, an denen auch der technisch Interessierte nur zu oft vorbeigeht, weil ihn niemand aufmerksam macht. Dennoch verdienen die technischen Werke als Ausdruck deutscher Schaffenskraft Eingang in das Wissen um unser Volksleben zu erhalten.
Wandert man durch den hohen Schwarzwald, dann trifft man eines Tages auf einen der höchsten Bergseen Deutschlands, den saft 900 Meter hoch gelegenen Schluchsee. Diesem gewaltigen Gebirgssee kommt insofern eine hervorragende technische Bedeutung zu, als einen riesigen Stausee für eine Wasserkraftanlage bildet, während der See bis vor wenigen Jahren nicht viel über den Ort Schluchsee hinausreichte und im Schwarzatal nach Süden einen romantischen Abfluß hatte, erstreckt er sich heute viele Kilometer weiter nach Nordwesten und hat einen Wasserinhalt von über 100 Millionen Kubikmeter. Sein südliches Ende ist durch eine 36 Meter hohe Staumauer abgeriegelt, an deren Fuß man vergeblich das erwartete Kraftwerk sucht. Dieses liegt vielmehr sechs Kilometer weit südlich entfernt und überrascht den Wanderer in einem tiefen Talkessel bei dem Orte. Die Zuleitung des Schluchseewassers erfolgt durch einen sechs Kilometer langen Stollen, der 48 Meter unter dem Wasserspiegel gegenüber dem Ort Schluchsee in der Bergwand beginnt und kurz vor dem Kraftwerk Häusern in zwei großen Druckrohren endigt.
Die Krafterzeugung im Schluchseewerk ist einzig in ihrer Art. Die Maschinen erzeugen nicht nur Strom und verbrauchen dabei das Wasser des Schluchsees, sondern sie verbrauchen auch Strom und pumpen dabei das zu Tal gelassene Wasser wieder in den Schluchsee zurück. Die Kraftleitungen des Werkes erstrecken sich von den Alpen bis zum Rheinischen Industriegebiet. Sie sind mit den Leitungen der Wasserkraftwerke im Hochgebirge und denen der Kohlenkraftwerke im unteren Rh ein- gebiet verbunden. Auf diese Weise ist es möglich, im Winter, wenn die aus Gletschern gespeisten Hochgebirgskraftwerke wenig Wasser haben, Strom in die Schweiz zu schicken und umgekehrt im Sommer, wenn die Gletscher viel, die deutschen Mittelgebirge infolge der Trockenheit aber wenig Wasser liefern, Strom von der Schwiz über Süddeutschland ins Rheinische Industriegebiet zu leiten. Aufgabe des Schluchseewerkes ist es, plötzlich auftretenden Stromansprüchen nachzukommen. Liegt dagegen fein Strombedarf vor, laufen die Maschinen im Kraftwerk als jumpen und fördern gewaltige Wassermengen in den Schluchsee zurück, um sie bei wieder auftretendem Bedarf den Stromerzeugern zuzuleiten.
Nicht weit vom Schluchsee liegt der Titisee. Er hat neuerdings ebenfalls eine technische Bedeutung dadurch erlangt, daß unweit seiner Ufer neben dem Bahnhof Titisee ein elektrisches Umspannwerk entstanden ist, von dem die Höllentalbahn im Schwarzwald, die Freiburg mit Neustadt und Seebrugg verbindet, mit Strom versorgt wird. Der Reisende wird bei einer Fahrt mit dieser Gebirgsbahn oft durch die Rauch- und Dampfschwaden der Lokomotiven im Genuß der Aussicht gestört worden sein. Wenn der bereits teilweise aufgenommene elektrische Betrieb in vollem Gange ist, fällt diese Beeinträchtigung fort. Die elektrische Bahn unterscheidet sich von den anderen elektrisch betriebenen Strecken der Reichbahn dadurch, daß sie den aus öffentlichen Netzen entnommenen Strom verwendet, während bei der Reichsbahn sonst die Energie in besonderen Bahnwerken erzeugt wurde. Aeußerlich ist dieser eigenartige Bahnbetrieb von anderen Anlagen nicht zu unterscheiden, um so mehr verdient der Besucher des Schwarzwaldes auf diese neueste
Schöpfung deutscher Ingenieurkunst aufmerksam gemacht zu werden.
Reisen wir weiter nach Süden, kommen wir an den Bodensee, wo der Name Friedrichshafen ein Symbol für die Leistung deutscher Luftschiffahrt ist. Wer nicht das Glück hat, den gewaltigen Riesenleib des Luftschiffes „Hinbenburg" in einer der Hallen zu bewundern, wird vielleicht einen Blick in die große Werfthalle tun dürfen, in der das neue deutsche Riesenschiff U 130 gebaut wird. Mehrere der großen Hauptringe sind bereits fertiggestellt, und dem Besucher offenbart sich hier eine Filigranarbeit aus Duraluminium, aus der sich das Gerippe zusammensetzt. Nicht weit von dieser
Stätte deutscher Arbeit ertönt das Gebrumm von Motoren. Es rührt von den Prüfständen der Maybach-Motorenwerke her, wo nicht nur die schönsten deutschen Kraftwagen entstehen, sondern auch die Motoren für die Luftschiffe und die Schnelltriebwagen der deutschen Reichsbahn gebaut werden.
Wer also über den Schönheiten der Natur die Leistungen der deutschen Technik nicht übersieht, der wird seine Kenntnisse um deutsche Art und Arbeit mehr erweitern können, als wenn er sich nur nach den mit Sternen bezeichneten „Hauptsehenswürdigkeiten" seines Reiseführers richtet.
Das Problem des Farbfilms praktisch gelöst.
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In den nächsten Tagen wird, wie bereits gemeldet, ein Farbfilm uraufgeführt, den der bekannte deutsche Regisseur Carl Froelich gedreht hat, „Das Schönheitsfleckchen". Zum erstenmal ist hier das Problem des Farbfilms praktisch und in vollkommener Weise gelöst. Unsere schematische Darstellung veranschaulicht das technische Problem, das hierbei zu lösen war. Die Farbfilme werden mit einer gewöhn
lichen Kamera mit Farbfiltern ausgenommen, jedoch mit einem besonderen Farbfilm, der auf einer Seite Zylinderlinsen besitzt, die von mikroskopischer Kleinheit sind. Mittels der Linsen werden verschieden starke Schwärzungen auf der lichtempfindlichen Schicht herbeigeführt, durch die dann die einzelnen Farbnuancen in verschiedener Lichtstärke auf die Leinwand geworfen werden. Da jede Farbe aus den
Grundfarben Rot, Grün und Blau besteht, kann die farbige Wirkung durch die Mischung dieser Farben erreicht werden. Auf der schematischen Darstellung sieht man eine gelbe Blume. Das Licht enthält hier nur rote und grüne Strahlen, die das blaue Filter nicht durchläßt. Es entstehen also nur zwei Bildpunkte, durch die das grüne Licht erzeugt wird. (Werkzeichnung — Scherl-BilÜerdienst-M)
Die Schastverteileranlagen für die Olympia-Kampsställen.
Musterleistung deutscher Technik.
Mit der Errichtung der riesigen Anlagen am Reichssportfeld und dem in der Geschichte der Baukunst nahezu beispiellosen Ausmaß der Bauwerke ergaben sich neue technische Schwierigkeiten für die Uebermittlung der Ergebnisse an die Zuschauer. Die Anlagen mußten in allen Teilen mit ausreichenden Schallanlagen versehen werden, um Ansprachen, musikalische Vorträge, Kampfergebnisse usw. überall hin gut hörbar zu übertragen.
Bei den Schallverteiler-Anlagen in bem Olympia-Stadion muhte zum Beispiel darauf Bedacht genommen werden, daß die Kampfberichte der einzelnen Wettkämpfe, die in dem großen Oval an verschiedenen Stellen gleichzeitig stattfinden, den Zuschauern auf den steil ansteigenden Sitzplätzen fortlaufend mitgeteilt werden. Ein Ueberlagern der verschiedenen Berichte mußte natürlich vermieden werden. Zur Lösung der Aufgabe wurden 28 Mikrophon st eilen über das ganze Rund verteilt, die an Großkampftagen sämtlich in Betrieb fein werden. Für die Verständigung wurden am Ober- und am Unterarm des Stadions insgesamt 39 Dipollautsprecher aufgestllt, die für diese Kampfbahn eigens entwickelt wurden, weil die bisherigen Lautsprecherarten sich gegenseitig überschneiden würden. Dazu kommen noch einige Richtlautsprecher auf dem Kampffeld selbst. Insgesamt werden hier 5 9 Lautsprecher eingesetzt. Weiterhin sind Nach
richtenanlagen, wie Leuchtsignale und Fernsprecher in reichlichem Maße vorhanden.
Das Aufmarschgelände wird im Innern mit 4 6 Rundstrahlern, die den Schall nach allen Seiten abstrahlen, besetzt, während auf den ansteigenden Tribünen zu beiden Seiten des Führerturms je 10 der erwähnten Dipol-Lautsprecher und weitere 20 Rundstrahler auf den Seiten des Feldes stehen. Das große Schwimmstadion hat ebenfalls eine Lautsprecher-Anlage mit 18 Rundstrahlern erhalten, so daß für eine gute Schallverfor- gung auf allen Zuschauerplätzen gesorgt ist.
Eine besonders für die Bühnentechnik interessante Lautsprecher - Anlage ist für die Dietrich- Eckart-Bühne entwickelt und eingebaut worden. Die Ausgabe bestand darin, das Wort der Schauspieler so zu übertragen, daß die Zuschauer auch auf den obersten Sitzplätzen bei genauem Verstehen jedes Wortes doch einen ganz natürlichen Eindruck der Vorführung erhalten. Durch Verteilung der über 30 Mif.rophone und fast unsichtbare Anordnung von 7 großen Lautsprechern in den Wänden der Bühne ist eine hochwertige Anlage geschaffen worden.
Weitere Schallanlagen wurden auf dem Reit- gelände, dem Hockey-Stadion und im Terrassen- Restaurant, sowie im Sportforum und im Friesenhaus eingebaut. Weiterhin wird auch die Marathonstrecke auf der Avus über 12 Kilometer Länge mit 60 Lautsprechern versehen.
Sommerliche Photo-Ausnahmen.
Bon Walther Appelt.
Oft wird dem Anfänger geraten, Menschen im vollen Sonnenlicht lieber gar nicht zu photographieren. Aber das bezieht sich nur auf Porträts oder andere Nahaufnahmen. Sie haben bei grellem Sonnenschein zu scharfe Kontraste infolge der tiefen Schlagschatten, und ohne Kunstgriffe geben sie nur selten gute Bilder, denn die Belichtung muß verhältnismäßig lang sein, so daß vieles im Bilde stark überbelichtet ausfäüt.
Für die meisten Aufnahmen von Menschen im Sonnenlicht, außer den erwähnten, gilt die Vorschrift: nicht zu lange belichten! Wenn wir an diese nicht immer leichten Aufgaben Herangehen, dann wollen wir doch Bilder, die unsere Mühe lohnen. Wir werden also auch einmal Schwierigkeiten suchen, um sie zu überwinden. Eine solche, gern selbstgewählte Erschwerung ist es, die bequemen Hintergründe zu vermeiden. Sträucher und Blütenstauden beispielsweise sollen dem fortgeschrittenen, ehrgeizigen Photo-Sportler nicht nur Hintergrund seiner sommerlichen Perso, nenbilder sein. Reizvoller ist es, die Menschen mitten in das besonnte Blühen hineinzustellen. Sie brauchen gar nicht immer ein Pflücken der Blumen zu markieren, sondern können ganz einfach darin stehen und sich — ohne geziertes Lächeln — über den Sommer freuen. Schatten der Blumen und Blätter, die die Sonne ihnen auf Stirn und Wange zeichnet, dürfen möglichst wenig verzerrt sein. Allgemein eignen sich feingliedrige Muster der Künstlerin Natur besser für diese Schatten als große, die in der Wirkung mehr flächig sind. Auch Gräser und Aehren sind hierfür zu gebrauchen. Eine nette Spielerei, aber kaum mehr ist es, das Spiel von Licht und Schatten von einem durchbrochenen Sommerhut Hervorrufen zu lassen. Doch ist dieser Effekt ein Bildinhalt für sich allein, er verträgt also nicht viel Beiwerk.
Damit sind wir bei den Aufnahmen, deren Rahmen für das Eigentliche im allgemeinen der freie Himmel ist, der natürlich auch bewölkt sein kann. Oft ist es sogar erwünscht, in begrenztem Umfange einen etwas ausdrucksvolleren Himmel als Rahmen einer Personenaufnahme zu haben. Er darf nur nicht vom Wesentlichen ablenken. Wir erreichen das auch hier, indem wir ihn leicht unscharf lassen, — was wegen seiner größeren Entfernung noch bei Blende 8 meist der Fall ist. In der freien Natur werden wir fast immer einen Standort für unser „Modell" finoen, der es gegen die Weite des Himmels stellt, doch müssen wir es vermeiden, uns mit dem Apparat erheblich tiefer zu stellen („Froschperspektive"), die Aufnahmen sollen mindestens vom Stativ, aber noch lieber in Augenhöhe gemacht werden. Oft werden sie nur dann einen sofort erkennbaren Sinn haben, wenn sie den Menschen ganz zeigen. „Sinn" ist jedoch nicht so zu verstehen, daß durch Gebärden oder Mienenspiel irgendein Vorgang angedeutet werden muß. Oft gelingen Bilder wie „Blick in die Ferne", „Die Sonne blendet", „Kommt herauf!" auch als Brust- ober Kniestücke recht nett. Aber das Episodische, Literarische, das darin liegt, soll niemals übertrieben werden. Sonst wirkt es erzwungen, auch manchmal kitschig.
Da wir trotz Gelbscheibe und Abblenden auf 6,3 bis 8 nur Vso ober Vioo Sekunbe zu belichten brauchen, kann auch ber Winb als Bilbfaktor eingesetzt werben. Zu „sehen" ist er selbstverstänb- lich nur inbirekt, am Wehen ober Aufblähen ber Kleiber, am Fliegen ber Haare usw. Schwieriger, unb nicht immer überzeugend ist die Sichtbarmachung der Notwendigkeit, den Hut festzuhalten. Hier gilt auch teilweise, was von „episodischen Mo- tiven gesagt wurde. Trägt die Person, die wir in voller Sonne photographieren wollen, einen Hut, so müssen ebenfalls t) a r t e Schatten vermieden werden. Hier „sieht" die photographische Linse ganz anders als unser Auge, das heißt, sie zeichnet in den Schatten oft viel weniger Einzelheiten, als wir mühelos wahrnehmen, doch helfen meist schon geringe Drehungen, bessere Wirkungen zu erzielen. In Betracht kommt auch Gegen
Fortschritte der elekttischen Eisenbahn.
Von Joachim Boehmer.
Unser Mitarbeiter besichtigte gelegentlich einer Studienfahrt der Technisch-Literarischen Gesellschaft Forschungsstätten der Reichsbahn und nahm an mehreren Fahrten mit neuen Verkehrsmitteln teil.
Die Elektrotechnische Versuchsanstalt.
Vor den Toren Münchens in Freimann ist ein Neubau aus der Erde gewachsen, dem das elektrische Herz der Reichsbahn Leben verleiht. Hier hat die Elektrotechnische Versuchsanstalt, die früher in Dessau chren Sitz hatte, ein neues Heim gefunden. Aufgabe dieses Institutes ist es, die wissenschaftlichen Forschüngen unb praktischen Versuche vor^u- nehmen, bie für die Einführung neuer elektrischer Betriebsmittel auf dem 50 000 Kilometer langen Schienennetz der Reichsbahn erforderlich sind. Daß es zur Zeit an wichtigen Aufgaben auf dem Gebiet der elektrischen Zugforderung in Deutschland nicht fehlt, lehrt ein Gang durch die Versuchsanlagen, eine Besichtigung der fahrbaren Laboratorien, in denen die Heimstoffe auf ihre Eignung für den harten Bahnbetrieb untersucht werden. Auch der Einfluß des elektrischen Fährbetriebes auf den Rundfunkempfang, auf die Fernsprechleitungen der Reichspost und auf die Landeselektrizitätsversorgung wird eingehend erforscht.
Halle — Nürnberg elektrisch.
Zu den großen Bauvorhaben der Reichsbahn gehört u. a. die Elektrifizierung der Strecke Halle- Nürnberg. Hiermit steht auch die Einführung des elektrischen Betriebes zwischen Berlin und Halle in Zusammenhang, da nach seiner Durchführung die ganze Strecke Berlin—München mit elektrischen Zügen in etwa sechs Stunden durchfahren werden soll. Die Münchener Versuchsanstalt ist zur Zeit damit beschäftigt, die geeigneten Lokomotiven für diesen Betrieb zu ermitteln. Die bereits vorhandenen
elektrischen Bahnstrecken in Mittel- und Süddeutsch- land verwenden einen besonderen Bahnstrom, ber in bahneignen Kraftwerken erzeugt wirb. Natürlich fragt man sich, ob es keine Möglichkeit gibt, bie öffentlichen Kraftwerke für ben Bahnbetrieb heranzuziehen. Nun braucht bie Reichsbahn für ihren Betrieb Einphasen-Wechselstrom mit 162/s Perioben, währenb bie Großkraftwerke Drehstrom von 50 Perioben liefern. Wo müssen bie Umformerwerke, bie aus bem Drehstrom Bahnstrom machen, ausgestellt werben, wieviele sinb zweckmäßig, welche Lokomotiv- art soll in Dienst gestellt werben, wie erfolgt ber Anschluß an bie bereits vorhandenen elektrischen Abschnitte? Dies unb manches anbere wirb in ber Elektrotechnischen Versuchsanstalt überlegt. Hanbelt es sich bei ber Strecke Nürnberg—Halle boch um ein Projekt von 114 Millionen Mark, von benen etwa 46 Millionen Mark für neue Lokomotiven ausgegeben werben müssen. Bis 1938 soll ber Umbau burchgeführt werben, bamit bann bie starken Steigungen im Thüringer Walb ohne Vorspann mit großer Schnelligkeit überrounben werben können unb zwischen Halle unb Berlin mit einer Stun- benaeschwinbigkeit von 180 Kilometer gefahren roeroen kann.
D i e Hollentalbahn als Versuchs st recke.
Die meisten Fragen, bie an bie Betriebspraktiker ber Reichsbahn herantreten, lassen sich nur burch Versuche klären. Will man also wissen, ob sich ber Strom ber Lanbeswerke für bie Bahn eignet, bann muß einmal eine berartige Lokomotive für 50 Perioben gebaut und in Betrieb genommen werden. Um diese Lokomotiven „auf Herz unb Nieren" prüfen zu können, hat sich bie Reichsbahn eine ber schwierigsten Gebirgsbahnen, bie Höllentalbahn im Schwarzwald von Freiburg nach Seebrugg als Versuchsstrecke auserkoren. Sie begnügt sich auch nicht mit einer einzigen Maschine, sondern die führenden Lokomotivfabriken wurden beauftragt, verschiedene Systeme zu entwickeln, damit man auf Grund der Ergebnisse dann die Bestellungen vergeben kann. Vorerst hat die Reichsbahn je eine Probelokomotive bei der AEG., bei BBC., bei Krupp und Siemens bestellt. Die beiden letzten sind schon in Betrieb und fördern die Züge mit einer erstaunlichen Schnelligkeit über die steilen
Rampen ber Gebirgsbahn. Der elektrische Speisepunkt ber Strecke ist bas neue Umspannwerk am Bahnhof Titisee. Hier wirb aus bem vom Babenwerk gelieferten Drehstrom in Transformatoren ber einphasige Bahnstrom von 50 Perioben für bie beiben Abschnitte Freiburg—Neustabt unb Seebrugg bereitgefteUt. Mit 100 000 Volt kommt er an unb wirb mit 20 000 Volt in ben Fahrbraht geschickt.
Bemerkenswert ist nun bie verschiebenartige Bauweise ber Versuchslokomotiven. Die beiden Maschi- n-'n ber AEG. unb BBC. machen mit Hilfe großer Gleichrichter auf ber Lokomotive aus bem Bahnstrom Gleichstrom, ber für ben Motorantrieb beson- bere Vorteile bietet. Krupp verwendet Doppelmotoren für Dreh- und Bahnstrom, während Siemens neuartige Bahnstrommotoren verwendet, die sich mit dem 50pertobigen Strom ebenso zufrieden geben wie mit bem von 162/s Perioben, ber auf ben bisherigen elektrischen Reichsbahnstrecken zur Verfügung steht. Natürlich sinb bie Probelokomotiven Anziehungspunkt für bie gesamte Fachwelt, zumal bie von ber Reichsbahn burchgeführten Versuche von entscheibender Bebeutung auch für bie Bahnbetriebe anberer ßänber sinb.
Elektrische Einheitslokomotiven.
Seit etwa fünfzehn Jahren gibt es bei ber Reichsbahn vollelektrische Strecken. Innerhalb bieser verhältnismäßig kurzen Zeit haben sich bie Lokomotiven bereits zu einheitlichen Typen entwickelt, so baß beute eigentlich nur noch vier Grunbtypen vor- yanben sinb. Aeußerlich kommt bie Vereinheitlichung barm zum Ausbruck, baß btc von ber Dampflokomotive her bekannte Kupplung ber Treibachsen burch Gestänge nicht mehr verwenbet wirb. Die Achsen erhalten burch je ein ober zwei Motoren Einzelantrieb. Die schwere Schnellzugslokomotioe ist für Geschwinbigkeiten von 150 Stunbenkilo- meter gebaut unb leistet 4 bis 6000 PS. Diese Type ist bie leistungsfähigste Ausführung auf ber Welt, benn bie stärkeren Bauarten in ber Schweiz ober in USA. bestehen aus mehreren zusammengebauten Einheiten. Um ben fiuftmiberftanb gering zu hatten, sinb bie Maschinen in Stromlinienform ausgeführt. Die zweite Type ähnelt ber ersten sehr, nur hat sie drei anstatt vier Treibachsen und befördert Schnellzüge in der Ebene. Die dritte Ausführung
ist für Personenzüge und leichte Güterzüge im Flachland und im Gebirge bestimmt, während die mit sechs Treibachsen ausgestattete schwere Güterzugmaschine bis 1600 Tonnen über bergige Strecken schleppt. Zur Vereinfachung unb Verbilligung bes Betriebes werben hei allen Typen möglichst bie gleichen Bauteile verwenbet. Wenn auch bie An- fchafsungskosten für elektrische Maschinen höher als für Dampflokomotiven sinb, so bleiben bie Unterhaltungskosten mit 129 Mark für je 1000 Kilometer gegen 299 RM. im Dampfbetrieb boch erheblich niebriger. Für bie 700 Kilometer lange Strecke Berlin—München kommt eine neue Type für 180 bis 200 Stunbenkilometer zur Ausführung.
Neuartige Triebwagen.
Zur Auflockerung bes Personenverkehrs verwenbet bie Reichsbahn ebenso wie auf den Dampfstrecken auch im elektrischen Betriebe Fahrzeuge, die die Kraftanlage im Unterbau mit sich führen, sogenannte Triebwagen. Die Energie entnehmen bie Fahrzeuge bem Fahrbraht burch Bügelstromabnehmer. Die neuesten Ausführungen elektrischer Triebwagen verkehren zwischen Stuttgart unb Berchtes- gaben unb erreichen Geschwinbigkeiten von über 120 Stunbenkilometer. Die Ausstattung ber Fahrgasträume ist burch Wahl ebler Hölzer unb schlichter Farben besonders ansprechend ausgefallen.
Neuartig ist ferner der Aussichtstriebwagen. Bei ihm sind nicht nur die Fenster besonders breit gehalten, sondern auch noch ein Teil der Deckenwölbung besteht aus Glas, damit die Fahrgäste in den Bergen bie Lanbschaft voll genießen können. Der Schnelltriebwagen ist sehr geräumig und legt die Strecke München—Berchtesgaden mit wenigen Aufenthalten in drei Stunden zurück. Eine Gewähr dafür, daß es in Berchtesgaden nicht regnet, vermag allerdings der Zugführer auch nicht zu übernehmen.
Wie diese Mitteilungen erkennen lassen, herrscht bei ber Reichsbahn eine außerorbentlich rege Tätigkeit. Sie ist mit allen Mitteln ber mobernen Technik um bie Beschleunigung unb Verbesserung bes Schienenverkehrs bemüht unb hat in ber Dampftechnik ebensolche Erfolge aufzuweisen wie im Bau elektrischer Fahrzeuge. Sie leistet Pionierarbeit im besten Sinne.


