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Ur. 20 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger lGeneral-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 24. Januar 1936

Der Thronwechsel in England.

Die llebersühruna nach London.

London, 23 Jan. (DNB) Der tote König wurde von Sandringham nach der Bahnstation Wolverton üvergeführt In dem Zug schritt un­mittelbar hinter dem Sarge König Eduard VIII. in Begleitung seiner Brüder und seines Schwagers Earl of Harewood. Ihnen folgten die Wagen mit den Mitgliedern des königlichen Hauses und anschließend Hunderte von Bewohnern des Städtchens Sandring­ham. Auch das Lieblingspferd des Kö­nigs, ein weißes Ponny, das König Georg oft auf der Jagd geritten hat, trottete im Trauerzuge mit. Häufig standen zu beiden Seiten des Weges dichte Menschenmengen, als in langsamem Schritt die Lafette, auf der sich der mit der Standarte des Königs bedeckte Sarg befand, vorüberzog. Ein Dudelsackpfeifer spielte dem König die letz­ten Weisen Kurz vor Mittag traf der Leiechenzug in Wolverton ein und wenige Minuten später ver­ließ der Eisenbahnzug die Station in Richtung London.

Die Aufbahrung in der Westmintter-Halle.

Hunderttausende von Menschen säumten die Straßen, als nach der Ankunft des toten Königs in einer schlichten aber eindrucksvollen Prozession der kurze Leichenzug von der Station Kings Croß seinen Weg zur We st rnin st erhall nahm Die Kirchenglocken läuteten Beim Heran­nahen des Zuges in der White Hall entblößten Alt und Jung das Haupt, als die Lafette mit dem Sarg des toten Herrschers und dahinter die vier Söhne des Heimgegangenen, darunter König Eduard VIII., vorüberzog. Am Einaang zur West- minsterhall erwartete Königin Mary bereits den Leichenzug. Feierliches Schweigen lag über der unübersehbaren Menschenmenge, als die Ehrengarde das Gewehr präsentierte und die Auf- babrung vonstatten ging.

Kurz vor b?r Aufbahrung hatten sich beide Häuser des Parlaments in der Westmin- sterhall eingefunden, um bei der Ankunft ihres toten Königs zugegen zu sein Unter Führung des Lordkanzlers kamen zunächst die Mitglieder des Oberhauses, die auf der für sie vorbehaltenen S^ite Aufstellung nahmen. Ihnen folgten unter Führung des Sprechers die Mitglieder des Un­terhauses. Sämtliche Anwes"nden waren mit Ausnahme des Lordkanzlers und des Sprechers, die ihre goldbestickten Roben angeleat hatten, in schwarz gekleidet. Rur das gelegentliche Abfeuern eines Saluts vom Tower oder anderen geschicht­lichen Plätzen und des Läuten der Glock-m von d"n^m-'n der Westminsterabtei durchbrachen die Stille. Punkt 16 Uhr wurde von acht Gardegrena­dieren der Sarg lanasam in die Halle zum Ka­tafalk getragen. Zwei Kränze schmücken den Sarg, der "ine von dem neuen König, der andere von der Königin Mary. Der kurze Gottesdienst, der hierauf in Anwesenheit der trauernden Hin­terbliebenen stattfand, wurde vom Erzbischof von Canterbury geleitet.

TraneMuna des Parlaments.

Beileidsknndqebunaen vom gesamten Unterhaus a^qe^ommen.

London, 23. Jan. (DNB.) Im Unterhaus ver­las am Nachmittag der Sprecher folgende Bot­schaft König Eduards VIII.:

Ich bin sicher, daß das Unterhaus den Tod meines geliebten Vaters tief betrauert. Er widmete sein Leben dem Dienst an seinem Volk und der Erhaltung der verfassungsmäßigen Regierung. Er war stets von seinem tiefsten Pflichtgefühl erfüllt. Ich bin entschlossen, ihm auf dem Wege zu folgen, den er mir vorgezeichnet hat."

Ministerpräsident Baldwin legte hierauf dem Hause zwei Anträge zur Annahme vor, deren einer eine Adresse des Beileids an den neuen König ist. In dieser Adresse heißt es, daß der selbstlose Dienst des verstorbenen Monarchen an der Oeffentlichkeit für immer im herzlichen und dankbaren Angedenken gehalten werde. Gleichzeitig

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befürworteten. Der Vorschlag der Kommunisten, eine Einheitsfront mit der Arbeiterpartei zu bilden, sei nichts weiter als ein Versuch, der kommuni­stischen Propaganda ein noch größeres Feld zu verschaffen.

stellt die Adresse eine Ergebenheitskundgebung für den neuen König dar, von dem das Unterhaus überzeugt sei, daß er im Namen der göttlichen Vor­sehung während seiner ganzen Regierung d i e Freiheiten seines gesamten Volkes schützen werde. Der zweite Antrag fordert eine Bei l e i dskundgebung an die Königin Mary, die stets der Ergebenheit und der Zu- neigvna des Unf^hnnfes versichert sein dürfe.

Baldwin schilderte dann die Vorzüge der englischen Verfassung Die geistige 2N a ch l der Krone Englands seit heule größer als zu irgendeiner .Zeit der Veraangenheit. Sie

endete seine Rede mit herzlichen Worten der Be­grüßung an den neuen König, von dem alle wünschten, daß seine Herrschaft lang andauern, segensreich und friedvoll sein möge. Nach einer weiteren Rede von Archibald Sinclair wurden

nischen Generalkonsul in Frankfurt a. M., Herrn Robert T. Smallbones, um ihm das Bei­leid zu dem Ableben König Georgs V. von Großbritannien und Irland auszusprechen.

Danttelegramm König Eduards an den Bührer.

Berlin, 23. Jan. (DNB.) Seine Majestät- nig Eduard VIII. von England hat die Bei­leidskundgebungen des Führers und Reichs­kanzlers zum Ableben König Georgs V. mit einem Danktelegramm beantwortet, das in lieber» setzung wie folgt lautet:Die Königin, meine Mut­ter, vereinigt sich mit mir in aufrichtiger Dank­sagung, Herr Reichskanzler, für Ihre freundlichen Beileidsbezeugungen und die Versicherung des Mit­gefühls der deutschen Reichsregierung und des deut­schen Volkes an dem schweren Leid, das durch den Tod des Königs, meines geliebten und verehrten Vaters, über uns und die britischen Völker gekom­men ist. Edward R. I."

Einen ähnlichen Verlauf nahm die Sitzung Oberhaus, wo der Führer des Hauses der siegelbewahrer Lord Halifax, je eine Adresse für den König und die Königin Mary einbrachte.

Mit dem altüberlieferten Zeremoniell wurde t m Hofe des St.-James-Palastes die öffentliche Proklamation König Eduards VIII. verlesen. Auf dem Balkon stand der Adelsmarschall mit den Wappen-Königen", und an den Fenstern des Palastes sah man die Mitglieder der königlichen Familie. Der König erschien am Fenster, als die Menge das dreifache Hurra auf ihn ausbrachte. Im Vorder­grund stehen die Abteilungen derGold Stream-Guards" und die Leibgarde, in ihrer Mitte der Offizier mit der umflorten königlichen Standarte (Deutsche Presse-Photo-Zentrale.)

Absage an die Kommunisten.

Die englische Arbeiterpartei lehnt eine Einheitsfront" ab.

London, 24. Jan. (DNB. Funkspruch.) Die englische Arbeiterpartei hat den Vorschlag der kommunistischen Partei, eineEinheits­front" zu bilden, zum zweiten Male innerhalb eines Jahres abgelehnt. Das Arbeiterblatt Daily H e r a l d" schreibt, es herrsche in den Reihen der englischen Arbeiterbewegung gegenwär­tig weniger Zuneigung für die Kommuni­sten als zu irgend einem anderen Zeitpunkt seit dem Weltkriege. Die politische Wendigkeit der Kommunisten sei nicht dazu an­getan, eine Zusammenarbeit zu empfehlen. 14 Jahre lang hätten sie den Völkerbund beschimpft und die englische Arbeiterpartei zu überreden ver­sucht, den Völkerbund zu boykottieren. Jetzt forder­ten sie nun urplötzlich die Arbeiter zu einer U n - terstützung des Völkerbundes auf. 14 Jahre hätten sie ferner die Demokratie und den Par­lamentarismus angegriffen, während sie neuerdings als Verteidiger der Demokratie aufträten. Die die beiden Anträge dann ahn - Abstimmung ^mmuniststche Partei fei ein- Partei non angenommen ^Revolutionären, die sich nur der Durchfuh-

|rung und Vorbereitung von Revolutionen widrne- ,P1!ten und die Errichtung einer Klaffendiktatur 'ord-...... - "

halte das gesamte Reich des englisch sprechenden Volkes zusammen, ihre Verantwortlichkeit sei unendlich größer als zu früheren Zeiten Die Macht der Krone sei heutzutage nicht die Macht der Gewalt, es sei eine große moralische M a ch t, die von dem Charakter und den Quali­täten des jeweiligen Monarchen abhänae. Die Eigenschaften, die hierfür erforderlich seien, seien auch die Eigenschaften des verstorbenen Königs geweken. Baldwin schilderte hierauf die Persön- tich^eit des neuen Königs, der eine ge­nauere Kenntnis aller Klaffen seiner Unter­tanen habe, als irgendeiner feiner Vorgänger. Er habe reiche Erfahrungen in den Geschäften des Landes, besitze eine umfassende Verständi­gungsbereitschaft und besitze das Geheimnis der Jugend in der Reife des Alters.

Nachdem Baldwin feine Rede unter dem Beifall des Hauses geschlossen hatte, unterstützte Major | A11lee im Namen der arbeiterpartei-i lichen Opposition die beiden Anträge des! Ministerpräsidenten. Heute gebe es im Unterhaus keine Meinungsverschiedenheiten, denn alle feien vereint im Leid um den Ver­lust des großen und so sehr geliebten Souveräns. Kein früherer König habe so sehr die allgemeine Wertschätzung besessen wie König Georg. Attlee be-

London. 23 Jan. lDNB.) Bei der Huldigung für König Eduard im Oberhaus sprach u. a. auch der Erzbischof von Canterbury in rühmenden Worten über den verstorbenen König. Er lobte seine Selbstlosigkeit, seine Beständigkeit und seine Pflichttreue. Er habe, so berichtete er, die Ehre gehabt, hierfür ein besonderes Beispiel in den letzten Stunden des Königs erleben zu dürfen, als der König den letzten Kronrat abgehalten habe. Der König habe bei Emvfang des Kronrates, durch Kiffen gestützt, gebrechlich in seinem Stuhl gesessen. Auf die Verlesung der Anordnung, die die Einsetzung eines Staatsrates vor­gesehen habe, habe er die übliche Formel:G e - billigt" klar aussprechen können. Dann habe er sich wiederholt bemüht, dieses letzte Staatsdokument mit eigener Hand zu unterzeichnen. Als er aber gesehen habe, daß diese Anstrengung zu groß für ihn fei, habe er seinem Kronrat nur noch freundlich zulächeln können. Es fei eine Szene gewesen, die niemand vergessen werde. So enthält das letzte vom König unterzeichnete Stuatsdokument als Unterschrift nur ein unleserliches Zeichen.

Reileid d-s Aeichsstattkatter«.

N S G. Im Auftrage des zur Zeit in München weilenden Reichsstatthalters in Hessen, Spren­ger, begab sich heute dessen Adjutant, Regierungs­assessor Janthur zu dem Königlich Großbritön-

Deuisch-polnische Derständiauna über den Warenverkehr im Februar.

Warschau, 23. Jan. (DNB) In Warschau fand eine gemeinsame Sitzung des deutschen und des polnischen Regierungs-Ausschusses statt, deren Aufgabe es ist, den Warenverkehr zwi­schen beiden Ländern auf Grund des Wirtschafts­vertrages vom 4 November 1935 ständig zu über­wachen. Mit Rücksicht darauf, daß die Ausfuhr einiger landwirtschaftlicher Waren aus Polen aus Saifongründen sehr bedeutend war, die deutsche Einfuhr nach Polen und Danzig dagegen die fest­gesetzte Höhe nicht erreicht hat, haben die Regie­rungsausschüsse beschlossen, den polnischen Ausfuhrplan für den Monat Februar 1936 bedeutend herabzusetzen. Eine ungenü­gende Entwicklung der deutschen Ausfuhr nach Polen muß zu einer Drosselung der polnischen Aus­fuhr nach Deutschland führen. Die besonders starke Beschränkung der polnischen Ausfuhr im Monat Februar hat zum Ziele, zu verhindern, daß For­derungen aus der polnischen Ausfuhr in Deutsch­land festfrieren Für die Zukunft haben sich die beiden Regierungsausschüsie über Maßnahmen ver­ständigt. die zu einer Steigerung der deutschen Aus­fuhr und damit zwangsläufig zu einer Steigerung der polnischen Ausfuhr führen werden.

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Links: Der feierliche Zug zur Proklamation des Königs an der Grenze der Londoner City, wo er mit den Herolden Haltmachen und erst von dem Lordmayor die Erlaubnis zum Betreten der City ein­holen mußte. Die Seidenschnur wurde als symbolische Grenze durchschnitten, und dann konnte die Proklamation des neuen Königs erfolgen. (Scherl-Bilderdienft-M.) Rechts: Nach der Einbalsamierung wurden die sterblichen Ueberrefte König GeorgsV. in der Kapelle St. Mary Magdalene in Sandrin ah am aufgebahrt. Mitglieder der königlichen Hofhaltung hielten die Ehrenwache. (Deutsche Presse- Photo-Zentrale-M^