Nr. 249 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Sreitag, 23. Oktober (956
Tas Deutschtum in Lettland.
Von Or. Roderich von Ungern-Sternberg.
In den letzten Jahren hat in Deutschland, im Vergleich zur Vorkriegszeit, das Verständnis für das Auslandsdeutschtum und für das Schicksal derjenigen Bestandteile unseres Volkes, die nicht im Reiche sondern im Ausland ihre engere Heimat haben, in erfreulicher Weife zugenommen. Immerhin ist es wohl nicht überflüssig, wenn man von den Deutschen in Lettland spricht, daran zu erinnern, daß das lettländische Deutschtum die e r st e koloniale Gründung des deutschen Volkes gewesen ist, die allerdings insofern nicht als eigentliche Kolonisation angesprochen werden kann, als den Missionaren und Ordensrittern, die um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts in die östlichen Gestade des baltischen Meeres vorgedrungen waren, eine deutsche bäuerliche Zuwanderung nicht gefolgt ist, weil der Bauer dazumal nicht über See ging, der Landweg über Litauen aber für einen friedlichen Durchzug bereits gesperrt war und außerdem die bäuerliche Ostlandwanderung schon in Ostpreußen ihren Niederschlag gefunden hatte und kein Anlaß vorlag, noch weiter nach Osten vorzudringen. Dieser Mangel einer bäuerlichen Grundlage ist für die Stellung des Deutschtums in Liv-, Est- und Kurland, wie das Gebiet des heutigen lettischen und des heutigen estnischen Staates, vor der Begründung dieser Staaten geheißen hat, von großem Nachteil gewesen und schließlich zu einem Verhängnis geworden.
Zur Zeit zählt Lettland rund 1,9 Millionen lettische Einwohner, von denen aber nur 1,4 Millionen eigentliche Letten sind, die damit noch nicht drei Viertel der Gesamtllevölkrung ausmachen. Die übrigen rund 500 000 Letten sind eigentlich sogenannte Lettgaller, ein Mischvolk von Letten, Russen und Polen, die im Osten Lettlands ansässig sind. Die nächstgrößte völkische Minderheit sind die R u s s e n , die vor allem aus einer im Osten des Landes ansässigen Landbevölkerung bestehen. Die Russen erreichen insgesamt rund 237 000 Seelen und bilden zur Zeit 12,5 v. H. der Gesamtbevölkerung. Dann folgen der Zahl nach die Juden (94000), die etwa 5 v. H. der lettländischen Bevölkerung ausmachen. Die Deutschen sind gegenwärtig auf rund 69 000 Personen zusammengeschmolzen. Die Zählung des Jahres 1930 hatte noch 69 855 Deutsche ergeben, inzwischen ist aber ihre Zahl infolge des Geburtenrückganges, des Ueberwiegens der Todesfälle über die Geburten und infolge einer recht beträchtlichen Abwanderung noch weiter zurückqegangen. Sie bilden nur noch höchstens 3,6 v. H. der Gefamtbevölke- rung. Schließlich find die Polen mit rund 60 000, die Litauer mit 27 000 und die E st e n mit rund 7700 zu erwähnen.
Rund 69 000, also soviel wie in einer deutschen Mittelstadt, etwa in Flensburg, Einwohner zu zählen sind, — das ist der kleine Rest eines allerdings niemals der Zahl, wohl aber dem Einfluß nach sehr bedeutenden Deutschtums in der ältesten deutschen Kolonie! Im Laufe von über sieben Jahrhunderten hat sich hier im Osten Europas eine verhältnismäßig sehr kleine deutsche Herrenschicht, bestehend aus adligen Großgrundbesitzern, städtischem Patriziat beherrschten volksfremden Mehrheit nicht nur völkisch erhalten, sondern bis zum Zusammenbruch des Zarenreiches (1917) in politisch und wirtschaftlich leitender und führender Stellung behauptet. Das ist eine durchaus ungewöhnliche und eigenartige Erscheinung.
Infolge der sogenannten Agrarreform, die in Lettland den deutschen (und es gab nur deutschen) Grundbesitz entschädigungslos „enteignet" hat und den Eigentümern nur sogenannte Restgüter überließ, auf denen sie allenfalls bei größtem Fleiß und großen landwirtschaftlichen Erfahrungen ein recht 'kümmerliches Leben fristen können, ist dem Deutschtum die wichtigste wirtschaftliche Grundlage genommen worden. Leider genügen nicht alle ehemaligen Großgrundbesitzer den beruflichen Anforderungen, die dieser soziale Zusammenbruch ihnen auferlegt hat: nicht wenige haben es daher vorgezogen, 'ihre Restgüter zu verlassen. Zu dieser eige-
nen Unzulänglichkeit und den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die vor allem in einem großen Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitern bestehen, kommen noch hinzu die Beeinträchtigungen, die von lettischer Seite jeder Ausbreitung des deutschen Grundbesitzes in den Weg gelegt werden. An sich gibt es immer noch Deutsche, die in der Lage wären, Land zu erwerben, aber die Regierung, die sich Vorbehalten hat, jeden Landverkauf zu genehmigen, bestätigt den Erwerb nicht, oder nur in ganz vereinzelten Fällen, wenn es sich um einen deutschen Käufer handelt. Dadurch ist vor allem allen zweiten, dritten und vierten Söhnen von Restgutbesitzern die landwirtschaftliche Betätigung so gut wie versperrt, was selbstverständlich auf die natürliche Fortpflanzung eine sehr nachteilige Wirkung ausübt.
Bisher hat die lettische Regierung die völkischen Minderheiten in kultureller Hinsicht nicht benachteiligt, im Gegenteil durch die Gewährung von staatlichen Beihilfen für die Schulen war es auch den Deutschen möglich, ihr Schulwesen
derten politischen Verhältnissen anpassen und auch ein Verständnis für die lettischen kulturellen Bestrebungen und für das lettische Wesen aufbringen muß.
Aber es gibt doch leider eine Reihe von Ereignissen, in denen sich ein krasser lettischer Nationalismus den Deutschen gegenüber betätigt hat, der weder durch größere Geschicklichkeit auf deutscher Seite, noch durch größere Aufgeschlossenheit für lettisches Wesen hätte abgewehrt werden können. Es sei nur daran erinnert, daß sich seiner Zeit in Riga Letten gefunden haben, die das Denkmal für die im Kampf für die Befreiung Lettlands von der bolschewistischen Invasion gefallenen Deutschen ge
sprengt haben! Das hat gewiß in vielen lettischen Kreisen Empörung verursacht. Aber allein schon die Tatsache, daß so ein sinnloser Roheitsakt möglich gewesen ist, läßt immer wieder die Befürchtung aufkommen, daß willkürliche Maßnahmen gegen das Deutschtum erfolgen können. Trotzdem darf man die Hoffnung nicht aufgeben, daß auch auf lettischer Seite die Einsicht reifen wird, daß loyale deutsche Staatsbürger, die doch nichts anderes wollen, als in diesem Lande, das seit vielen Jahrhunderten ihre engere Heimat ist, ihre kulturellen Güter zu pflegen und ihren völkischen Bestand aufrecht zu erhalten, dem lettifchen Volk nur von Nutzen fein können.
Brillenglas und Linse.
Ein Besuch in der märkischen Brittenstadt Rathenow.
Von Dieter von der Schulenburg.
in einem befriedigenden Zustand zu erhalten. Neuerdings besteht aber die Absicht, die staatlichen Zuschüsse den Schulen zu entziehen. Diese Maßnahme soll sich allerdings auch auf die lettischen Volksschulen erstrecken, denn man will die materiellen Schullasten ganz auf die Gemeinden abwälzen. Für die deutschen Schulen würde das aber verhängnisvoll sein, denn die Deutschen sind gar nicht in der Lage, aus ihren überaus dürftigen Mitteln den gegenwärtigen Bestand an deutschen Schulen aufrechtzuerhalten. Neuerdings machen sich auch im lettischen Bildungswesen Tendenzen geltend, die gegen die deutsche Sprache gerichtet sind: Das Deutsche war bisher die Fremdsprache, die als Pflichtfach gelehrt wurde; nun ist es neuerdings durch das Englische ersetzt worden, eine Maßnahme, die weder in praktischer, noch in wissenschaftlicher Hinsicht günstig wirken kann und wahrscheinlich schon aus Mangel an Lehrkräften über kurz oder lang scheitern wird. Es unterliegt ja auch keinem Zweifel, daß in Anbetracht der vorherrschenden Stellung, die deutsche Kultur und Wissenschaft hierzulande innehatten, und im Grunde heute noch besitzen, das Deutsche, auch im Hinblick auf die Möglichkeit, diese Sprache im täglichen Umgang zu verwerten, in allen Schulen gründlich gelehrt zu werden verdient. Leider spielt aber eine rein gefühlsmäßige Einstellung heutzutage selbst auf dem Gebiet des Bildungswesens hier eine sehr unerfreuliche Rolle
Zu den Bedrängnissen, denen das Deutschtum in bezug auf die Möglichkeit, Land zu erwerben, ausgesetzt ist, kommt noch hinzu, daß auch in allen freien Berufen den Deutschen Schwierigkeiten bereitet werden, so daß das Fortkommen der Heranwachsenden Generation in Frage gestellt ist. Dabei kann es nicht zweifelhaft sein, daß die lettische staatliche Selbständigkeit vom baltischen Deutschtum vorbehaltlos bejaht wird, denn diese staatliche Lebensform ist in Anbetracht der Verhältnisse, die im Bereich der Sowjetunion herrschen, die einzige, die den Bestand des baltischen Deutschtums gewährleistet, sofern das lettische Mehrheitsvolk nicht darauf ausgeht, die Deutschen allmählich völlig zu verdrängen. Das Deutschtum hat daher alle Veranlassung, an dem - Wohlergehen des lettländischen Staates mit allen Kräften mitzuwirken, und es ist auch kein Fall bekannt, der an dem Willen der baltischen Deutschen den letttschen Staat zu fördern, Zweifel aufkommen lassen kann.
Daß es nicht die Deutschen sind, die die Schuld tragen an den unerfreulichen Vorkommnissen, die in Lettland immer wieder die Beziehungen zwischen Letten und Deutschen trüben, beweist wohl am eindeutigsten die Tatsache, daß in E st l a n d , wo doch, was ihre geschichtliche Vergangenheit anbelangt, genau die gleichen Deutschen ansässig sind, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Esten und Deutschen unvergleichlich bessere sind als in Lettland. Gewiß ist zuzugeben, daß in einigen Vertretern des baltischen Deutschtums in Lettland ein Verständnis für die gegen die Vorkriegszeit völlig veränderte Lage der Deutschen nicht Wurzel gefaßt hat, daß man sich deutscherseits restlos den verän-
Das kleine Städtchen Middelburg, Hauptort der holländischen Provinz Zeeland auf der Insel Wal- cheren, hat etwa vor 300 Jahren durch einen merkwürdigen Zufall Berühmtheit erlangt. Dort spielten im Jahre 1608 die Kinder des Brillenmachers Hans Lippershey mit alten Gläsern ihres Vaters auf der Straße und bemerkten, daß, wenn sie eine konvexe und eine konkave Linse zusammen vor die Augen hielten, ein entfernter Kirchturm plötzlich ganze nahe rückte. Diese auffällige Erscheinung bedeutete nichts Geringeres als die G e b u r t s ft u n b e des Fernrohrs. Der schlichte holländische Brillenmacher war sich der Tragweite dieser epochalen Entdeckung kaum bewußt, noch ahnte er, daß er vom Schicksal ausersehen sein sollte, Bahnbrecher aller noch folgenden hervorragenden Astronomen und Physiker au fein, wie etwa des großen Newton, der 1675 das erste Spiegelteleskop baute. Das Fernrohr an sich aber war es erst, das dem Musiker H e r- schell ermöglichte, den Planeten Uranus am nächtlichen Firmament zu entdecken und dadurch die Grenze unseres Sonnensystems um Millionen von Kilometern hinauszuschieben. 1846 errechnen der ehemalige Steuerbeamte Leverrier in Frankreich und Adams in England aus den Störungen des Uranus den Planeten Neptun, den nachher Galle, der Direktor der Berliner Sternwarte am Enckeplatz mit dem Fernrohr auffindet. Und verfolgen wir den Siegeszug der Lippersheyfchen Entdeckung weiter, so war wieder diese es, die es dem jungen, erst 20jährigen Amerikaner Clayde Tomba u g h, Landwirt von Beruf, ermöglichte, am 18. Februar 1930 den transneptunischen Planeten festzustellen, der den Namen Pluto erhielt. Dadurch erweitern sich die Grenzen unseres Sonnensystems auf rund sechs Milliarden Kilometer.
Diese ungeheure Bereicherung menschlichen Wissens verdanken wir eigentlich der Brillenmacherei. Wir haben indessen gar nicht nötig, nach Holland zu schauen, sondern wir besitzen «ebenfalls, und zwar ganz in der Nähe der Reichshauptadt genau so ein kleines Städtchen im Westhavellande, auf das wir mit Stolz blicken, weil es Weltruf erlangte und diesen Weltruf deutscher Präzisionsarbeit in die entlegensten Zonen des Erdballs trug: Rathenow! Es scheint, daß so ein schmuckes, äußerst gepflegtes, sauberes kleines Städtchen, von einem grünen Kranz märkischer Kiefernwälder umsäumt, zur Optik einfach dazu gehört, wie ja alles, was mit dem Auge in Berührung kommt, peinliche Sorgfalt und Sauberkeit auszeichnen muß. Dem Standort der schmucken roten Ziethenhusaren von einst — der letzte Patrouillenreiter aus dem Weltkrieg mit Lanze und Fähnchen steht in Marmor als Wahrzeichen am Eingang der Stadt — hat heute die optische Industrie völlig ihren Stempel aufgedrückt. Wer vom Bahnhof in die Stadt wandert, ist angesichts der Läger optischer Instrumente, der Anpreisungen optischer Fabrikate, nicht mehr im Zweifel, daß er sich im Zentrum eines weltumspannenden Zweiges deutscher Industrie befindet. Und so wundert er sich auch nicht mehr, wenn er hört, daß von den 28000 Einwohnern, die Rathenow hat, 4000, also rund ein Siebentel, mittelbar ober unmittelbar von
ber Optik leben, burch sie ihr Brot haben. Neben ben beiden Großfirmen, deren hübsche Hausfassaden der Verwaltung in der Hauptstraße allerdings nicht ahnen lassen, was für riesige Fabrikanlagen sich an sie anschließen, sind es vielleicht a n d i e 2 0 0 Brillenmacher, die familienmäßig und mehr handwerksartig der Herstellung von Brillen und Gläsern als ererbtem Erwerbszweig ihre Lebensarbeit widmen. Sie sind also selbstständige Meister in ihren Kleinbetrieben, die entweder lediglich Familienmitglieder ober nur eine sehr beschränkte Anzahl von Gesellen und Lehrlingen bei sich beschäftigen. Und merkwürdig, auch Rathenow hatte so etwa vor rund 150 Jahren seinen Hans Lippershey, einen genialen Bastler in Gestalt eine^ evangelischen Pfarrherrn, der im Jahre 1800 zum ersten Mal versuchte, Gläser und Brillen fabrikatorisch und serienmäßig herzustellen. So wurde der Pfarrer Duncka der Begründer einer der beiden weltbekannten Großfirmen. Durch ihn wurde die Hausindustrie ein immer weiter wachsendes, blühendes Fabrikunternehmen. Eine Gedenktafel am Hauseingang erinnert noch an den genialen Schöpfer, und im Musterzimmer, in dem die subtilsten Instrumente der Optik von dem hohen Können und der Leistungsfähigkeit der Firma beredtes Zeugnis ablegen, steht ein rührendes Vermächtnis dieses geistlichen Herrn und Bastlers: das erste Mikroskop aus Holz mit kleinem drehbaren Reflexspiegel unter dem Rohr, das er sich gefertigt hatte, und das nun heute pietätvoll dort unter all seinen Brüdern modernster Aufmachung aufbewahrt wird.
Wie entsteht nun aber eigentlich ein okulares Glas, eine Linse? Räumen wir hier zunächst einmal mit der falschen Vorstellung des Laien auf, der sich leicht unter einer Brillenfabrik lediglich eine Glasschleiferei vorstellt und nicht daran denkt, daß ein wesentlicher Bestandteil der Brille neben den Augengläsern ihre Fassung ist, die die Gläser in die richtige Lage vor die Augen bringt. Der Wert der besten Gläser kann illusorisch werden, wenn sie nicht in eine exakt hergestellte Brillenfassung eingesetzt und diese dem Auge korrekt angepaßt wird. Die Opttk verbindet sich hier also mit der 'Feinmechanik. Ist schon die Herstellung der Augengläser ein weitläufiger, komplizierter Arbeitsvorgang, so der der Fassung mit ihren tausenderlei Einzelteilchen nicht minder. Je nach der Feinheit der Gläser und ihren unzähligen Arten erfordert auch ihre Herstellung verschiedene Methoden, die sich allerdings im wesentlichen mehr auf die Maschinen und Werkzeuge bzw. Schleifschalen als auf den Schleif- und Polierprozeß selbst beziehen, der bei allen Gläsern mehr ober weniger ähnlich ist. Die „Punktisken" unb „Ultrafingläfer", bie punktuell abbilbenb unb refraktionsrichtig sind, stellen wohl die vollkommensten dar, die es heutzutage gibt unb erforbern baher mehr Sorgfalt als einfache sogenannte Bigläser, bie in Massenfabrikation hergestellt werben. In noch stärkerem Maße gilt bas natürlich für „Doppelfokusgläser" ober gar allerfeinste Linsen von 1,5 Millimeter Durchmesser, bie naturgemäß Einzelarbeit finb. Die Hauptarbeitsoorgänge sind folgende: das Zufchneiden, Pressen, Aufkitten,
Der Dichter Wert Hohlbaum. Zum bevorstehenden Vortragsabend im Goethebund.
Der Dichter Robert H 0 h l b a u m, der am kommenden Montag bei der großen Kundgebung zur Woche des deutschen Buches im Gießener Stadttheater zusammen mit dem Wiener Lyriker Joses Weinheber aus eigenen Werken lesen wird, ist
(Scherl-Bilderdienst-M.)
den Lesern des F-uillewne^und b«
hrh 0Ufß,3urürfbIirfen, das vornehmlich der nationalen Romanen von 9 . sRaftion"
grenze entfernt, unb so verlebte ich eine typische Grenzlanbjugenb. Meine Vaterstabt, eine Fabrik- ftabt mit fünfzig Schloten, erweckte in mir burch bas Gesetz bes Gegensatzes Sehnsucht nach Romantik, aber auch bie Fähigkeit, tägliche unverdrossene nüchterne Arbeit zu schätzen. Früher als an binnen- deutsche Jungen trat die Politik in Form der österreichischen Nationalitätenfrage an mich heran, und meine nationale Ueberzeugung ist durch Erfahrungen der frühesten Jugend begründet und so fest, daß sie mir zum Leitstern meines Lebens geworden ist. Deutscher Waffenstudent in Graz, Studium der Germanistik, drei Jahre Frontdienst als österreichischer Reserveoffizier der Artillerie, Bibliothekar in Wien, Vortragsreifen durch das gesamte deutsche Sprachgebiet von Warschau bis Köln, von Schleswig bis Bukarest — neben sogenannten Vergnügungsreisen in andere Länder, die aber immer dem Studium von Land und Volk galten, das sind die „Stationen meiner Lebenspilgerschaft". Künstlerisch übte mehr als alle Dichter der Weltliteratur auf mich die Musik Einfluß — unterstützt durch meine Frau, eine Berufsmusikerin — nicht nur auf die Stoffwahl meiner musikalischen Novellen, sondern auch auf die Komposition meiner großen epischen Werke, namentlich meiner Trilogie „Mann und Volk", die aus den Romanen „König Volk", „Mann aus dem Chaos" und „Stein" besteht. Bruckner und Hugo Wolf und der Wagner der „Meistersinger" sind meine bestimmendsten Eindrücke gewesen.
GinMlMplaudettausderKijche.
Don Christian Bock.
Sollte es jemanden geben, den es eines Mannes unwürdig dünkt, ein Handtuch um die Lenden geschürzt, in der Küche zu stehen? Ach, der weiß dann beides nicht: was Männlichkeit und was Kuchenkunst ist. Aber nicht solche elementaren Vokabeln sollten hier — einem Rezept voran — ejer^iert werden: nur zwei geringe Küchenerkenntnisse, bie neu sein mögen und vielleicht hier ausgeschrieben zu werden verdienen. Einmal, daß es feinen Ort gibt, nicht einen, aus dem man in so eigenartig aufgeräumter Stimmung herauskommt, wenn man eme Weile darin beschäftigt war, wie eben bie Küche. Zum zweiten, baß es nirgends sonst im Raum, nur in ber Küche, tatsächlich gelingt, einen Zustanb zu erreichen, in bem man absolut nichts denkt, nur mit Geschirr beschäftigt ist. Das eine mag mit bem an» bern wesentlich Zusammenhängen, ich weiß es nicht, ich habe lediglich die Beobachtung ausgeschrieben.
Und nur eigentlich, um nicht so unvermittelt mit den Kochbuchworten „Man nehme —" anzufangen.
Nicht das Nehmen ist das Erste, das Allererste ist das Holen: eine Sache, die noch jedes Kochbuch unterschlug, und ich meine, daß es doch wichtig ist.
Nimm dir nicht gleich vor, heute dies oder das Bestimmte zuzubereiten, geh mit der leeren Aktentasche aus dem Haus und schlendere wie absichtslos an den Läden vorbei, bie es in beiner Straße gibt, bleib einmal so nebenher vor einem Gemüselaben stehen unb bann — bann lasse bich verführen vom Auge, bas bem Gaumen schon zu ahnen gibt, wie es schmecken konnte.
Aber ich wollte bir hier ein Rezept geben, so verlaß bich einmal heute auf mich, geh hinein und kaufe.
Ein Pfunb Tomaten faufft bu erst. Prall unb runb sollen sie.sein und rot wie Mäbchenmäuler. Dann eine Gurke. Aber keine Salzgurke, mein Guter, eine von ben langen grünen, bie so bick unb fest sind, daß man gut unb gern bamit zwei Sohne erziehen kann — bie meine ich.
Hast bu Salatöl zu Hause unb Essig? Sonst nimm hier etwas mit. Salz und Pfeffer hast bu wohl, und bann noch eins nimm von hier mit: Meerettich. Du kannst allenfalls, wenn bu zu bequem bist, selbst zu arbeiten, fertig geriebenen kaufen in einem Glasböschen.
O, ich vergaß, baß du Zwiebeln brauchst, laß dir ein Viertel Pfund abwiegen, Zwiebeln braucht man oft.
So, nun bist du hier mit deinem Einkauf fertig, geh in den nächsten Laden. Da kaufst du erst ein Viertel Pfund Mayonnaise und dann, wenn dir so etwas schmeckt, ein paar Roastbeefscheiben dazu.
Liegt zu Hause Brot und Butter? Dann ist es gut, geh nur noch schnell in deine Stammkneipe und nimm etwas Bier mit — Tee schmeckt zu derlei nicht.
Das Allererste zu Hause: Dreh den Kaltwasserhahn auf und laß es auf die Bierkanne rinnen. Und unter dem sanften Strahl wäschst du einstweilen deine Tomaten und rupfst dabei bie grünen Zipfel heraus. Sinb sie sauber? Dann nimm ein Messer, aber eins, bas glatt unb gut schneibet — so, nun trenne von ben Tomaten oben ein Deckelchen ab, bann höhlst bu sie mit einem silbernen Teelöffel aus unb läßt sie so, Deckel unb Tomatenleiber, zu Regimentern angetreten stehen. Aber bestreue sie noch schnell mit etwas Salz.
In eine Schüssel schüttest bu bie Mayonnaise unb träufelst aus der schmalen Tafelölflasche etwas Del hinein, daß es wunderliche Kringel darin gibt,
groteske Köpfe oder phantastische Landkarten von Ländern, die es gar nicht gibt. Aber du mußt dich von dem spielerischen Tun einmal trennen, streu mitten auf die Länder und Meere aus Salatöl und Mayonnaise einen Sandsturm aus Pfeffer und Salz — wüte noch nicht zuviel, du kannst noch immer kurz norm Ende etwas dazutun von dem oder dem.
Sv, nun rühre, mein Bester, zerstöre die Phantasiegebilde mit einem Löffel, es muß schon sein.
Und wenn die Mayonnaise wieder ist, wie sie am Anfang war, gleichmäßig gelb, bann würze mit Meerettich. Sei nicht zu zahm unb ängstlich, aber hüte dich auch vor allzuviel. Nun kommt das Abschmecken. Koste von einem Teelöffel, wie es ist, und tu noch hinein, was dich gut dünkt, etwas Essig, etwas mehr Pfeffer oder Meerettich, wie es dir schmeckt.
Deine Tomaten warten in Reih und Glied. Fülle sie mit dem, was du -eben machtest. Tu obenauf noch ein Häuflein Meerettich, dann die Deckelchen drauf, lieber das ganze gießt du, was von der Mayonnaise noch in deiner Schüssel übrig ist, so siehts nur lecker aus, geh ans Telefon und lade dir schnell noch einen Gast zu Tisch.
Bis er kommt, machst du deinen Gurkensalat. Schäl die Gurke lang herunter, dann schneide sie in schwankend dünne Scheiben.
Hast bu zwei Gefäße, bie genau gleich groß finb? In eins baoon bie Gurkenscheiben! Es ist ganz einfach: Essig barüber, etwas Salatöl auch, bann pfeffere, träufle auch etwas Zitronensaft hinein unb schneibe eine Zwiebel bazu — von allem noch nicht zuviel, ehe bu nicht geschmeckt hast. Stülpe bie eine Schüssel über bie andere und schüttle nun gewaltig, aber immer in der vertikalen Richtung Petrus—Beelzebub. Koste wieder und verbessere, und dann verrühre einen Teelöffel Zucker oder zwei in einer Tasse mit Wasser und tue das auch dazu, schüttle noch einmal — fertig ist dein Salat!
Alles auf den Tisch, die Tomaten, den Gurkensalat, Brot und Butter, die Roastbeefscheiben. Deine Bierkanne stellst du handlich nahe auf den Boden hin, dann klingelt es an der Tür, das ist dein Gast. Und dann guten Appetit!
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Der Dozent Dr. phil. habil. Erich Kähler an der Universität Hamburg ist zum ordentlichen Professor ber Mathematik an ber Universität Königsberg ernannt worden.


