Oie Leipziger Messe im nationalsozialistischen Deutschland
Auf Einladung der Industrie- und Handelskammer Gießen fand am gestrigen Mittwochabend im „UC." ein Vortrag statt, dem der Präsident der Industrie- und Handelskammer, Pg. Dr. Pauly, das Geleitwort gab. Dabei verwies er auf die vielfachen Interessen auch unseres Wirtschaftsgebietes auf der Leipziger Messe und unterstrich das steigende Interesse an dieser Messe nach der Machtübernahme durch Zahlenmaterial. Unter den aus dem Kammerbezirk ausstellenden Firmen sind u. a. Stempel- K r e u t e r und Seifen-Möbs (Gießen) und Bücking (Alsfeld) zu nennen.
Durch reiche Erfahrungen und Kenntnis unterstützt, gab dann Dr. Vogel vom Messeamt Leipzig die kultur- und wirtschaftspolitisch sehr> interessante Uedersicht über „Die Le^iziger Messe im nationalsozialistischen Deutschland und ihre Bedeutung für Binnenmarkt und Export." Er wies nach, daß die 700 Jahre alte Leipziger Messe sich zum einzigartigsten und größten Warenmarkt auf der ganzen Welt entwickelt hat. Die Bedeutung, die ihr das nationalsozialistische Deutschland zumißt, ist schon daraus ersichtlich, daß Reichsminister Dr. Goebbels sie unter seinen besonderen Schutz genommen hat und daß sie als d i e Reichsmesse betrachtet wird. Die rückläufige Bewegung in früheren Jahren verdankte auch die Leipziger Messe den Tributzahlungen nach dem Versailler Vertrag. Wir verdanken erst der klugen Handelspolitik des Führers, der in Dr. Schacht einen guten Helfer gefunden hat, eine wesentliche Besserung. Erst dadurch, daß wir nur so viel an Waren hereinnehmen, wie wir ausgeben, fangen wir wieder an, ordentliche Kaufleute zu werden. Dazu hilft auch die Leipziger Messe, die den deutschen Export betreibt und wieder eine Angelegenheit der großen Welt geworden ist. Während die Herbstmesse große Bedeutung für den Binnenmarkt hat, ist die Frühjahrsmesse wieder zu einer Bedeutung ge
kommen, wie man sie nicht für möglich gehalten. Während die Zahl der geschäftlichen Besucher bei der Machtübernahme auf 107 000 zurückgegangen war, ist sie 1934 bereits auf 158 000 und 1935 schon auf 196 000 hinaufgeschnellt, so daß für die diesjährige Messe die beste Aussicht besteht, daß diese Zahl die 200 000 weit überschreiten wird. Die Technische Messe ist heute schon überfüllt von Ausstellern, weil ein starker Exportwille vorhanden ist und die Wirtschaftspolitik von Dr. Schacht sich durchzusetzen beginnt. Dabei hat sich die Rückgliederung der Saar schon 1935 sehr erfolgreich gezeigt, durch' deren Export wir einen Ausfuhrüberschuß von 110 Millionen Mark erzielen konnten. Die Exportmöglichkeiten werden sich verbessern, und die Messe leistet hierfür gute Mitarbeit.
Was die Leipziger Messe groß gemacht hat, ist nicht der Mammutkonzern und der Großbetrieb, sondern der kleinere und mittlere Betrieb. Ebenso kauft hier der kleinere und mittlere Kaufmann ein. Er hat keine große Auslandsorganisation und bedient sich des Meßamtes, das ihm die Einkäufer zuführt. Im Vorjahr waren allein 21 750 ausländische Einkäufer erschienen, und es ist zu erwarten, daß diese Zahl in diesem Jahre überholt wird. Dabei wird sehr darauf geachtet, daß auch der deutsche Lieferant seine Geschäftsbeziehungen im Sinne der nationalsozialistischen Auffassung, daß nur das Beste geliefert werden und jede Geschäftsbeziehung zum Ausland erhalten bleiben muß, ausübt. Darüm muß die Ausstellung selbst vom kleinsten Aussteller gut Und gründlich vorbereitet werden. Ein weltumspannendes Organisationsamt, in dem auch der Gießener Vertreter I. H. Fuhr ein Glied ist, sorgt weitschauend und umsichtig für alle Anforderungen.
Eine Reihe von Bildern bot eine lehrreiche kulturhistorische Betrachtung. Präsident Dr. Pauly dankte dem Redner und sprach das Schlußwort.
Obecheffen
Rundfunkwerbung auf dem Lande.
T Treis a. d. L d a., 22. Jan. Der Werbe- mögen der Rundfunkgesellschaft besuchte gestern auch unsere Gemeinde. Auf dem Adolf-Hitler-Platz fand von 12 Uhr ab ein Platzkonzert statt, dessen Weisen laut über das ganze Dorf erschallten. Am Nachmittag wurden für die Schulkinder und am Abend für die zahlreich erschienenen Erwachsenen laufende Bilder in Form von Ausschnitten aus der ungeheuer vielseitigen Arbeit verschiedener Rundfunkzentralen gegeben, die des Wissenswertesten und Interessantesten viel boten; besonderen Anklang fand die Darstellung und Erklärung der elektrischen Wellen, sowie die Gegenüberstellung der Entwicklung des Rundfunks von 1923 bis heute. Nach der Verlosung von zwei Volksempfängern, deren einen zur Freude der Anwesenden ein gering bemittelter Volksgenosse gewann, wurde die Besichtigung der ausgestellten Radioapparate vorgenommen. Die Veranstaltung des Abends begleitete die Londorfer und Treiser Musikkapelle mit munteren Weisen und spielte nachher noch zum Tanz.
Ein hiffori cher Hund in Alsfeld.
D Alsfeld, 22. Jan. Die Stadt Alsfeld läßt gegenwärtig den ältesten Stadtteil, der Grab- b r u n n e n genannt, kanalisieren. In dessen Nähe stand die Alsfelder Burg, die verschwunden ist, und um die herum die erste Alsfelder Siedlung vermutlich entstanden ist. Bei den Ausschachtungsarbeiten entdeckte man, daß der ganze Boden dieses Stadtteils etwa 2 Meter hoch aufgefüllt ist. In etwa 2 Meter Tiefe stieß man auf 1,5 Meter dicke Mauerreste mit Pfosten und Pfäh-. len, die teilweise noch gut erhalten waren. Sie sind zweifellos die Re st e der hier gelegenen alten Wasserburg, die aus einer Zeit stammt, in der die Stadt noch nicht mit einer Mauer umwehrt war. Der an dieser Stelle liegende Grabbrunnen, der einzige noch laufende Brunnen der Stadt, der unter Denkmalschutz steht, wird erhalten bleiben.
Landkreis Gießen.
* Daubringen, 23.Jan. Am morgigen Freitag, 24. Januar, kann der Rottenführer i. R. Georg Heinrich Walther in geistiger und körperlicher Frische seinen 7 0. Geburtstag feiern. Der Ju- I bilar ist seit 40 Jahren treuer Leser des Gießener Anzeigers.
«D Allend o rf a. d. Ld a., 22. Jan. Bei der heute im hiesigen Stadtwald, Distrikt Langebruch, abgehaltenen zweiten Holzoersteigerung, zu. der sich auch viele auswärtige Kauflustige eingefunden hatten, wurden folgende Preise erzielt für je zwei Raummeter: Buchen-Scheitholz 18 bis 20 Mark, Eichen-Scheitholz 8 bis 10, Kiefern- und Fichten-Scheikholz 6 bis 8, Buchen-Knüppelholz 10 bis 13, Eichen-Knüppelholz 7 bis 9, Kiefern-Knüp- pelholz 5 bis 6, Fichten-Knüppelholz 5 bis 7, Buchen-Stockholz 8 bis 11, Eichen-Stockholz 6 bis 7, je fünf Raummeter Buchen-Reisholz 5 bis 7, Eichen-Reisholz 4 bis. 5, Fichten-Reisholz 1 bis 2 Mark. Fichten-Derbstangen kosteten 'je Stück: 1. Klasse 1 bis 1,10 Mark, 2. Klasse 50 bis 70 Pf., 3. Klasse 30 bis 40 Pf. — Die Holzhauerei wurde vor einigen Tagen beendet.
+ Grünberg, 22. Jan. Zwecks Durchführung des Reichsberufswettkampfes im Bezirk Grünberg hatte der Leiter, Uhrmachermeister Hermann Pfeffer jun., die Wettkampfgruppenleiter und den Arbeitsausschuß zu einer Besprechung in die Volksschule eingeladen. Nach Berichten einiger Teilnehmer an der Gießener Tagung fand die Festlegung der Wettkampftage im hiesigen Bezirk statt: Am Sonntag, 2. Februar, findet zur Eröffnung ein allgemeiner Appell statt. In der folgenden Woche werden an drei Tagen: Montag, Mittwoch und Freitag folgende Gruppen ihren Wettkampf erledigen: Gruppe Handel (11 Teilnehmer), Leitung Kaufmann K. Schott; Gruppe Friseure (1 Teilnehmer), Leitung Friseur Friedel S e e p e ; Gruppe Metall (33 Teilnehmer), Leitung Elektro-Jnst.-Meister Friedel Schröder, Autoschlosser Otto Grün in g, Schlosser Jakob Auer; Gruppe Bau (18 Teilnehmer), Leitung Architekt Balser und Zimmermei
ster Reinhard Haas; Gruppe Hausgehilfen (42 Teilnehmer), Leitung Frau Kaufmann Röhm und technische Lehrerin Köhler; Gruppe Leder (4 Teilnehmer), Leitung Schuhmachermeister Fr. Frank und Albr. Großhaus. Am Sonntag, 9. Februar, soll ein Schaufensterwettbewerb stattfinden. In der darauffolgenden Woche werden die letzten Gruppen am Dienstag, Donnerstag und Samstag ihren Wettkampf bestreiten: Gruppe Bekleidung (4 Teilnehmer), Leitung Schneider Christian S ch m a d e l; Gruppe Holz (10 Teilnehmer), Leitung Schreinermeister Lein und Seng; Gruppe Stein und Erde (3 Teilnehmer), Leitung Bildhauermeister Zentgraf (Queckborn); Gruppe Nahrung und Genuß (9 Teilnehmer), Leitung Bäckermeister Hans Carle und Metzgermeister Karl Böß jun.; Gruppe Textil (27 Teilnehmer), Leitung Fabrikant Heinrich Schmidt jun. Insgesamt nehmen daher 162 Teilnehmer und -innen im hiesigen Bezirk am Reichsberufswettkampf teil. — Im Arbeitsausschuß sind folgende Mitglieder tätig: Uhrmachermeister Hermann Pfeffer jun. als Obmann, Architekt Balser als Stellvertreter, ferner die Berufsschullehrer Gengnagel und K r ö h l e, die technischen Lehrerinnen Köhler und M o o tz , weiterhin wirken noch mit Kaufmann Karl Schott, Frau Kaufmann Gerd Röhm, Lehrer Wenzel und Schlosser Jakob Auer.
* Lang-Göns, 22. Jan. Dieser Tage konnte der Schühmachermeister Heinrich Artz I., Hundstadenstraße, auf eine 50jährige Tätigkeit im Schuhmacherhandwerk zurückblicken. Seine Lehrzeit verbrachte er bei Schuhmachermeister H a u b , der inzwischen verstorben ist. Der Jubilar steht im 65. Lebensjahr und ist ein Handwerker von altem Schrot und Korn. Schuhmachermeister Artz weiß aus seiner Lehrzeit noch manches Interessante zu erzählen.
(D Grüningen, 22. Jan. Im Saale des Gastwirts Bender fand ein Lichtbildervortrag statt. Prof. Dr. Funk (Gießen) sprach an Hand von ausgezeichneten Bildern über die Pflanzenwelt Italiens und über wissenschaftliche Institute, die von Deutschen errichtet wurden. Neben den Ausführungen über die Pflanzenwelt gab der Redner Aufschluß über schöne alte italienische Städte und ihre Kunstwerke. Im Bilde lernten die Besucher der Veranstaltung auch die feuerspeienden Berge Vesuv und Aetna kennen. Ortsgruppenleiter M a r st e l l e r beendete den Vortragsabend mit Worten des Dankes an den Redner und schloß sodann in üblicher Weise.
f Grüningen, 22. Jan. In der hiesigen Turnhalle fand gestern die erste Holzverstei- gerung statt. Es konnten durchweg gute Preise erzielt werden. Es kosteten je zwei Raummeter Buchenscheite 18—20 Mark, Buchenknüppel 16 bis 18 Mark, Buchenrundscheite 18 Mark, Kiefernrundscheite 11—12 Mark, Kiefernknüppel 8—10 Mark, Fichtenknüppel 6—7 Mark, Buchenreisig je 6 Meter 7—8 Mark, Buchenstöcke 8—9 Mark, Lesestücke 50—70 Pfg.
I Hungen, 22. Jan. Bei der gestrigen zweiten H o l z v e r st eigerung in unserem Gemeindewald — Distrikt Galgenwald — wurden zu Beginn höhere Preise erzielt, als vor acht Tagen. Im Durchschnitt wurden folgende Preise gezahlt: Buchenscheiter 19 bis 21 Mark (je zwei Raummeter), Buchenknüppel 10 bis 14 Mark, Eichenscheiter 10 bis 14 Mark, Eichenknüppel 4 Mark, Buchenstöcke 10 Mark, Kiefernknüppel 4 Mark.
Kreis Friedberg.
pb. Butzbach, 21. Jan. Die hiesige Bezirkssparkasse Mathilden st ist, deren Geschäftsräume schon längere Zeit für den zunehmenden Geschäftsverkehr nicht mehr ausreichend waren, hat das dem hessischen Staat gehörige frühere F i - n a n z a m t s g e b ä u d e in der Bismarckstraße zum Kaufpreis von 50 000 Mark erworben. Den seither in diesem Gebäude ^wohnenden Beamten sind die Wohnungen bereits zum 1. April gekündigt worden, worauf dann mit dem Umbau begonnen werden soll. Gleichzeitig soll in dem zum Gebäude gehörigen Garten noch ein einstöckiger Anbau errichtet werden. Das seitherige Geschäftsgebäude soll zu Wohnungen eingerichtet werden. — Die Reichsbahndirektion Frankfurt hat von der Firma Wenzel, sowie von Dachdeckermeister L. H e y d, die in Richtung Ostheim rechts der Bahnlinie liegenden Grund st ück5 nebst Anschlußgleisen angekauft, um später dort eine Verbreiterung des Bahnhofs vornehmen zu können. Die Firma Eisenhandlung Wenzel hat als Ersatz für den verkauften Platz einen zwischen Langgasse und Martelgasse liegenden Garten angekauft, der zur Zeit in einen Lagerplatz umgewandelt wird.
Kreis Schotten.
O ß au b ad), 22. Jan. Die erste Lehrer» konferenz des Bezirks Laubach im neuen Jahre fand in der „Traube" statt. Der Ob» mann, Lehrer O t t (Gonterskirchen), begrüßte die Teilnehmer und brachte dann einige geschäftliche Dinge zur Erledigung. Anschließend hielt Lehrer Bickel (Altenhain) einen sehr lehrreichen Vortrag über die Geschichte der Ballon- und Luftschiffahrt und gab dabei einen Ueberblick über die Entwicklung vom ersten Ballon bis zum verkehrssicheren Luftschiff der Gegenwart. Der Vortrag wurde mit großem Interesse verfolgt unb fand starken Beifall.
# Groß-Eichen, 22. Jan. Am Samstagabend fand im Lokal von Pg. Gustav Faust eine Veranstaltung des Reichslustschutzbundes statt. Der Ortsgruppenleiter des RLB., Altbürgermeister F a u st, leitete die Versammlung. Lehrer Jung (Ober-Ohmen) sprach über das Thema „Luftschutz tut not!" Die Ausführungen des Redners fanden allseitige Beachtung. Förster Falk (Ober-Ohmen) machte dann auf die Gefahren aufmerksam, die durch die starken Luftwaffen des Auslandes gerade der ländlichen Bevölkerung als Erzeuger der Lebensrnittel im Ernstfälle drohen. Lehrer Becker (Groß-Eichen) wies darauf hin, daß sich jeder Deutsche dem Reichsluftschutzbund anschließen müsse. Es wurden zwei Listen aufgelegt, in die sich zehn neue Mitglieder einzeichneten. Eine kurze Filmvorführung bildete den Abschluß des Werbeabends. Altbürgermeister F a u st schloß die Versammlung in der üblichen Weise.
Kreis Alsfeld.
# Ober-Ohmen, 20. Jan. Zwecks der Arbeitsbeschaffung ist in unserer Gemeinde die I n - angriffnahme vonNotstandsarbeiten in die Wege geleitete worden. Es handelt sich um die Vornahme von W e g e b a u t e n. Bei der Auswahl der Projekte hat man die Möglichkeit einer etwaigen Feldbereinigung nicht außer acht gelassen. — Die Arbeit im hiesigen Basaltwerk ist wieder ausgenommen worden.
* Groß-Felda, 21. Januar. Hier herrschten starke Stürme, bei welchen auf der Arbeitsstelle der Holzarbeiter eine Fichte ü b ejc b e m Boden abgeknickt wurde. Dabei wurde der Holzhauer Ernst Karle von hier schwer verletzt. Mit einem Schulterbruch und schweren Fleischwunden wurde er in das Kreiskrankenhaus nach Alsfeld gebracht.
$ür 18 Mark 1V? Jahre ins Zuchthaus.
LPD. Mainz, 22. Jan. Das Bezirksschöffengericht verurteilte den 50 Jahre alten Karl Adam Schmitt aus Mainz wegen Rückfalldiebstahls in Zwei Fällen zu 1% Jahren Zuchthaus. Er stahl im Oktober v. I. aus einem Hofe in der Neustadt ein Fahrrad, das er für 15 Mark nach Lampertheim verkaufte, ferner verkaufte er ein Paar gestohlene Schuhe für 3 Mark.
Rundsunkprogramm
Samstag, 25. Januar.
6 Uhr: Choral, Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert: Fröhlich klingt's zur Morgenstunde^ In der Pause (7) Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.45: Auf zum Staatsjugendtag! — BDM.-Sport. 10.15: Schulfunk. 10.45: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 11: Hausfrau hör zu! 11.45: Sozialdienst. 12: Buntes Wochenende: Im Reiche der Operette. 13: Nachrichten (auch aus dem Sendebezirk). 13.15: Buntes Wochenende. 14: Nachrichten. 14.10: Allerlei von Zwei bis drei. 15: Wirtschaftsbericht: Quer durch die Woche. 15.15: Nur ein Viertelstündchen! 15.30: HI- Funk. 16: Der frohe Samstagnachmittag des Reichssenders Köln. 18: Von Ober-Ramftadt nach Darmstadt. Aus der Jugendlandschaft und dem Leben von Georg Christoph Lichtenberg, Deutschlands geistvollstem Aphoristiker. 18.20: Stegreifsendung. 18.30: Wir schalten ein! Das Mikrophon unterwegs. 18.40: Die Wochenschau des Zeitfunks. 19: Märsche unserer jungen Flugwaffe. 19.55: Ruf der Jugend. 20: Nachrichten. 20.10: Zwei Stunden frohe und heitere Kunst zugunsten des Winterhilfswerks.
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Nomon von H. von Hellermonn.
Copyright 1936 by Aufwärts-Derlag G. m. b. H., Berlin SW 68
2. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Bewundernde Blicke war sie gewöhnt, sie nahm sie gelassen hin als den ihr zukommenden Tribut ihrer Schönheit. Ak^r etwas im Ausdruck dieser dunklen Männeraugen hatte sie seltsam bewegt, war in Tiefen gedrungen, die sonst von der Empfindungslosigkeit eines genießerischen Luxuslebens verdeckt waren. Mehr als Bewunderung barg dieser Blick — und war doch ganz rein, ohne Begehrlichkeit gewesen, anders als die Blicke ihrer Umgebung, seit sie Theodor Stalling geheiratet ... Elfriede starrte sich an, ohne das holde Frauenantlitz zu sehen, das das Glas in dreimaliger Wiederholung zärtlich festhielt, als könne es sich nicht von ihm trennen — und fuhr wie auf einer Schuld ertappt zusammen, als hinter ihr die Tür aufging. Ihr Mann stand auf der Schwelle.
„Fertig?" Lächelnd kniff er die Lider zusammen, als er die hastige Abkehr vom Spiegel sah. „Kannst dich sehen lassen, Schatz! Aber jetzt schnell, es ist schon dreiviertel eins!"
Die junge Frau nickte gehorsam, ließ sich in den Pelz helfen und stand plötzlich mit hängenden Armen da. „Eigentlich bin ich viel zu müde, um nochmals auszugehen", sagte sie unlustig und gähnte, ohne es verhindern zu können.
Der große Mann, auf dessen weißer Weste Brillantknöpfe in aufdringlicher Wichtigkeit funkelten, lachte. „Ach was, müde —" er bückte sich, küßte den zarten Nacken hinterm Ohr, ehe er den Kragen fürsorglich darüber schloß. „Nach dem ersten Glas Sekt wirst du schon wieder munter! Komm nur!"
Mit lautem Hallo wurden die späten Gäste von den etwa vierzig Menschen begrüßt, die Kommerzienrat Bruck und Frau zu sich gebeten. Allzu laut, sand Elfriede Stalling. Nach der feierlichen Stunde in der stillen Kirche fielen Lärm und Lichtgrelle doppelt a^S. Es tat nicht gut, nüchtern Kritik zu
üben an einem Kreis, in dem schon seit Stunden weinfroher Festrausch herrschte. —
Widerstandslos ließ sie sich vorn Hausherrn an die luxuriöse kleine Bar im Speisezimmer ziehen. Teddy hatte recht, der Sekt erfrischte. Ein zartes Rot stieg in das schöne Gesicht, um dessen weiche Mundwinkel mutwillige Grübchen tanzten, als der Hausherr, dessen gelehrsam anmutenber Schmächtigkeit man in keiner Weise sein außerordentliches Geschäftsgenie ansah, die Hände faltete unS seine Nachbarin mit einem tiefen Seufzer durch die schwarzumrandete Hornbrille betrachtete.
Er sagte elegisch: „Mir wirb immer ganz komisch im Magen vor lauter Anbacht, wenn ick) Sie so aus ber Nähe begucke. Der Tebdy hat doch ein unverschämtes Glück. Aber ich gönne es ihm nicht! Sie hätten mich heiraten sollen, da wären Sie besser versorgt!"
Frau Elfriede spitzte überlegend die Lippen, legte den Kopf auf die Seite und quirlte mit ihrem Glös- stäbchen sorgsam die Schaumperlen durcheinander. „Hm, wer garantiert mir bas?"
„Mein Konto,in ber Bank von Englanb", entgegnete Bruck prompt, „von bem Sie dann gleich ein Stückchen abkriegten."
„Großartig", lobte sie. „Aber mein Teddy läßt mich auch nicht hungern!" Ein leises Unbehagen überkam sie plötzlich. Immer schlug er dieses Thema an in letzter Zeit. Verbarg sich hinter bem Scherz nicht ein Unterton tastenber Frage?
„Solange er es Dermeibnn kann", crroiberte der Mann betont, ohne den Blick von dem Frauenantlitz zu wenden, dessen Rot fid) jäh vertieft.
Elfriede Stalling schüttelte bedauernd den blonden Kopf. „Nichts zu machen, verehrter Herr, ich hab meinen alten Tyrannen nun mal lieb v- und trenne mich ungern von gewohnten Gegenständen!" Ein leichtes Auflachen. Aus dem Nebenzimmer ertönten die schmelzenden Klänge eines englischen Walzers.
Sie erhob sich von dem hohen Drehstuhl, glitt in die Arme eines herzueilenden Jünglings und nickte über dessen Schulter dem ihr Nachschauenden zärtlichspöttisch zu. Das Unbehagen war einer leise prickelnden Befriedigung gewichen, gerade diesen gewiegten Frauenkenner erobert zu haben.
Es war zu vorgerückter Morgenstunde, als Elfriede Stalling ihren Mann zum ersten Mal wieder-
sah. Er saß auf dem kleinen gelbseidenen Sofa im Boudoir zwischen der Hausfrau und einem schwarzen kleinen Sprühteufel und lachte feine Frau und deren Begleiter aus verquollenen Augen an, die von übermäßigem Alkoholgenuß stark gerötet waren.
„Mich kriegst du noch nicht weg, ich fitze schön warm!"
Elfriede lachte, aber es klang matt und erzwungen. Widerlid) war das — doch da Bruck sich ihr mit beredtem Blick zuwandte, hob sie trotzig das Kinn und klatschte in die Hände. „Sehr geschickt gemacht, Teddy, man merkt dir die Uebung an!" Ihre Stimme vibrierte leicht. Sie trat dicht vor Stalling und zauste ihn am Ohr. Ihre Augen lockten.
Sie trällerte, schritt, ihrem Mann zunickend, langsam davon. Der sah ber schlanken, spitzenumhauchten Gestalt nach. Ganz leise wiegte sie sich in den Hüften, sehr weiß leuchtete der rounberoolle Nacken unb Schulteransatz--
Stalling erhob sich plötzlich, ftonb einen Augenblick unsicher, bis er sein Gleichgewicht wieberge- funben, ging ihr nach, die schon roieber einen Kreis von Schwarzfräcken um sich hatte, unb schob, rücksichtslos bazwischentretenb, seinen Arm burch den ihren. „Wir wollen nach Hause, Mausi."
Bereitwillig, liebenswürdig neigte sie den Kopf, verabschiedete sich so gut es bei des Gatten plötzlicher Hast ging und saß wenige Minuten später neben ihm im Wagen, der lautlos durch den dunklen Morgen glitt. Gespenstisch leuchtete die dünne Sck)icht frischgefallenen Schnees. Noch war es Nacht in den Straßen, noch brannten die gelben Flammen der Laternen, doch hatte der neue Tag längst begonnen. Die Uhr vorn über dem Führersitz wies auf halb acht.
Elfriede Stalling mußte plötzlich an ihre Mutter denken, an Grete und Hans. Die hatten das neue Jahr würdiger begonnen, erhoben fid) nun bald frisch und gestärkt von ruhigem Schlaf, während sie mit durchgetanzten Schuhen, heiß, übermüdet und trotz aller genossenen Huldigungen traurig von tollem Festtrubel heimkehrte, neben sich den halb- berauschten Mann, der sie jetzt mit einer jähen Bewegung an sich zog und ihre Lippen suchte. Es nützte nichts, sich zu wehren, auf den Chauffeur zu weisen. Widerstand reizte ihn nur, das wußte die
Frau, die willenlos in des Gatten Armen lag, wußte es allzu gut.
Stallings Gesicht war dicht über das ihre gebeugt. Aber ein anderes erschien vor ihren geschlossenen Augen — jünger, voll herber Strenge und entschlossener Männlichkeit. Das sah sie ernst an. Wer es wohl gewesen war? ...
4. Kapitel.
Widerstandslos ließ sich Joachim Drau von der Menge aus der Kirche und über den Marktplatz schieben, ganz in Gedanken versunken. Beinahe wäre er über die Bordschwelle gestolpert, so wenig achtete er des Weges, den feine Füße ihn mechanisch trugen. Die lärmende Neujahrsbegrüßung um ihn her, das dröhnende Geläut hörte er nicht. Der Außenwelt verschlossen waren feine Sinne, um einen einzigen Brennpunkt gesammelt.
Und dieser Brennpunkt war ein Frauenantlitz von unbeschreiblicher Anmut. Unter feingeschwunge- nen dunklen Brauen schauten Augen von einem ganz selten klaren, leuchtenden Enzianblau auf den leise hin unb her pendelnden Weihnachtsstern. Weich und versonnen waren das holde Gesicht und voll einer undefinierbaren Schwermut. Und da er, in Schauen versunken, fortzusehen vergaß, trafen sich ihre Blicke. Verwirrt senkten sich die Lider über die blauen Sterne, um sich unter dem Zwang seines Wunsches noch einmal zu ihm emporzuheben.
Da sprach der Mann neben ihr, der Zauber erlosch, eine Maske kühler Gleichgültigkeit legte sich über die schönen Züge.
Aud) er hatte mit der gütigen Frau neben ihm gesprochen, auf deren Schulter er unfreiwilligen Schlummer gehalten. „Mama" hatte die Holdselige sie genannt, mit weicher Stimme, die noch jetzt in seinen Ohren klang wie der Nachhall einer süßen Melodie. Kein Wort des Gesprochenen wußte er sich jetzt zu erinnern. Ob er sich wohl gebührend entschuldigt hatte? Was mochten diese fremden Menschen von ihm gedacht haben? — Ach, gleichgültig alles — was gingen Schwäche und Müdigkeit, was Hunger und Sorge, was die Welt und ihre Meinung ihn an, nur schnell nach Hause, ba« Bilb ber Lieblichen festhalten, so lange es ihm greifbar vorschwebte
(Fortsetzung folgt!)


