Ausgabe 
22.12.1936
 
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ttr.299 öroeties Blatt

Dienstag, 22. Dezember 1956

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Holland rüstet zur prmzenhochzeit.

Don unterem ständigen Dr. Str.-Äerichterstatter.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Amsterdam, im Dezember.

Holland steht im Zeichen der bevorstehenden Hoch­zeit seiner Kronprinzessin Juliana mit dem Prinzen Bernhard zu Lippe - Bie - st e r s e l d Obgleich die Königin erklären ließ, die Hochzeitsfeier sei in erster Linie ein Familienfest, so nimmt doch das ganze Land an diesem freudigen Ereignis seines Herrscherhauses in einem Ausmaß teil, der deutlich die starke innere Verbundenheit ber holländischen Bevölkerung mit dem regierenden Hause Nassau-Oranien zeigt. Hinzu kommt, daß die Kronprinzessin sich einer weitgehenden Volks­tümlichkeit erfreut, das gilt für alle Beoölke- rungsfreife, die in der ungekünstelten, freundlichen und heiteren Prinzessin die besten Wesenszüge der jungen Holländerin verkörpert sehen. Auch der zu­künftige Prinzgemahl hat es verstanden, in der kurzen Zeit viele Herzen zu erobern. Hier gefällt es, daß Prinz Bernhard vor feiner Verlobung einen kaufmännischen Beruf ausübte, daß er feinen kleinen Wagen selbst lenkt. Ja sogar die Tatsache, daß der Prinz einmal wegen Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit von einem Amsterdamer Schutzmann angehalten wurde, vernahm der Zei­tungsleser mit verständnisvollem Schmunzeln. Daß auch mal der Verlobte der Kronprinzessin gegen die Verkehrsbestimmungen sündigte, genau wie jeder andere Bürger des Staates dies ab und zu ZU tun pflegt, rückte den Prinzen in den Augen sehr vieler in eine Umwelt, für die derMann auf ber Straße" volles Verständnis hat. Schließlich trägt auch das ernste Interesse, das dieser deutsche Prinz allen Erscheinungsformen des holländischen Lebens entgegenbringt, sei es nun auf politischem, wirtschaftlichem, militärischem oder sportlichem Ge­biet, stark dazu bei, ihn in einem volkstümlichen Lichte erscheinen zu lassen.

Der Brennpunkt der Hochzeitsvorberei­tungen befindet sich natürlich im Haag, der eleganten und vornehm-verträumten Residenzstadt: hier ist die Prinzessin groß geworden, hier fühlt man sich dem königlichen Hause ganz besonders nah verbunden, und hier vor den Augen derHaagenare" wird die Hochzeitsfeierlichkeit vor sich gehen. Der Hof hat dem Schaubedürfnis der Refi- denzbeoölkerung in weitestem Maße Rech­nung getragen; im Gegensatz zu früher herrschenden Sitten wird der Hochzeitszug einen weiten Weg durch die Stadt machen, um möglichst vielen die Möglichkeit zu geben, die Vorbeifahrt des jungen Paares mitzuerleben. Das große Los zogen die glücklichen Haus- und Wohnungsbesitzer, deren Fenster auf die Straßenzüge gerichtet sind, durch die der Hochzeitszug feinen Weg nimmt, nicht nur, dast sie selbst gute Gelegenheit haben, alles mit an­zuschauen, es werden für gute Fensterplätze schon jetzt sehr erhebliche Summen geboten, da der Zuzug in die Residenz am Hochzeitstage gewaltig sein wird Nicht nur aus ganz Holland, sondern auch aus den Kolonien haben sich zahlreiche Gäste ana»meldet, und die großen Hotels im Haag und in Scheveninaen sind bereits für diese Tage voll besetzt. Das Recht, sechs Zuschauertribünen am Wege des Hochzeitszuges zu errichten, wurde einer Amsterdamer Firma für den ansehnlichen Betrag von 83 000 Gulden gewährt; diese Summe wird den sozialen Einrichtungen über­wiesen, für die die Kronprinzessin sich besonders interessiert. Um den An- und Abtransport der Hunderttausende, die zu diesem Tage in den Haag kommen werden, zu regeln, hat die holländische Eisenbahnverwaltung schon jetzt einen umfangreichen Plan ausgearbeitet. Großes Interesse erweckt es, daß verschiedene eingeborene Fürsten aus Nieder- ländisch-Jndien zur Hochzeit nach dem Haag kom­men werden.

Im übrigen aber wird trotz mancher amtlichen'

und hochgestellten Gäste der Schwerpunkt der Hoch­zeitsfeier für die große Masse der Holländer auf dem Volksfest liegen, das alle Feiern des Hau­ses Nassau-Oranien nun einmal sind und immer waren. Hier spricht eine alte seit Jahrhunderten gültige Überlieferung mit, die in den Vertretern des Hauses Dramen stets Freunde des Volkes er­blickte. Daher werden sich die Hochzeitsfeiern durch­aus nicht nur auf den Haag beschränken, es wird im Gegenteil kaum eine Stadt oder Gemeinde in Holland geben, wo nicht der Hochzeit der Kron­prinzessin festlich und fröhlich gedacht werden wird. Das gilt natürlich in genau dem gleichen Maße für die holländischen Kolonien, wo z. B. in den Hauptplätzen Niederländisch-Jndiens, ganz beson­ders großzügige Feiern geplant sind. Aber dennoch marschiert der Haag an der Spitze, die reiche Aus­schmückung der Straßenzüge findet teilweise schon zum 19. Dezember statt, an diesem Tage erfolgt das Aufgebot des prinzlichen Paares im Haager Rathaus, hierzu begibt sich das junge Paar per­sönlich zum Bürgermeister, der in diesem Falle die Rolle des Standesbeamten übernimmt, um durch Unterschrift zu beurkunden, daß es willens fei, mit­einander die Ehe einzugehen. Das Aufgebot spielt in Holland überhaupt eine weit größere Rolle als in Deutschland, wo es einen mehr sachlichen Cha­rakter hat, während es in Holland die unmittelbare Einleitung der Hochzeitsfeierlichkeiten bedeutet. Ent­sprechend hierzu wird denn auch der Tag des prinz­lichen Aufgebots im Haag bereits mit vielen Feier­lichkeiten erfolgen, an denen sich vor allem die Schuljugend durch Aufzüge und Gesang betei­teiligen wird. Am 4. und 5. Januar werden die Hochzeitsgäste im Haag eintreffen. Gleichzeitig be­ginnen eine Reihe non Festlichkeiten bei Hofe; ent­sprechend dem Willen der Königin, den Charakter der Familienfeier dieser Hochzeit zu wahren, werden die Gäste sich fast ausschließlich aus Ver­wandten und Freunden des jungen Paares zusam­mensetzen. Auch dieser Umstand entspricht dem hol­ländischen Volksempfinden, das besonders stark in der Familie verwurzelt ist Am 7. Januar, dem Hoch­zeitstage der verstorbenen, sehr volkstümlichen Königin-Mutter Emma, einer geborenen Prinzessin von Waldeck-Pyrmont, wird dann durch den greifen Alt-Hofprediger die Trau­ung des jungen Paares m der großen Kirche statt­finden. Der weit über achtzigjährige Alt-Hofpre­diger hat seinerzeit auch die Kronprinzessin einge­segnet. Nach dem Hochzeitsessen im Schlöffe verlaßt das iunoe Tlaar NHiD""'

Besondere Erwähnung ucroienen Die zahlreichen Hochzeitsgeschenke, die dem jungen Paare dargebracht werden sollen. Die holländische Presse berichtet von wunderbaren, überaus wertvollen Er­zeugnissen javanischer Goldschmiedekunst, aus denen die Gaben der indischen eingeborenen Fürsten be­stehen werden, besonders ein reich mit Edelsteinen verzierter Dolch erregt in dieser großen Gruppe der Geschenke die allgemeine Aufmerksamkeit Hollän- disch-Westindien wird u a einen überaus wert­vollen Teppich mit der Darstellung eines historischen Westindienseglers schenken, die Nationalspende be- teht aus einer Motorjacht, zahlreiche Frauenver­eine in ganz Holland schenken handgeknüpfte Tep­piche. die holländische Schuljugend wird ihr Ge- chenk barbringen, aber besonders eindrucksvoll ist icher das Geschenk der in der ganzen Welt berühm­ten holländischen Blumenzüchter, die schon jetzt da­mit begonnen haben, den Park und Garten des Schlosses Soestbijk, das dem jungen Paare als Aufenthaltsort nach der Hochzeit dienen wird, mit Zehntausenden von Zwiebeln und Knollen der schönsten und seltensten Gartengewächse zu bepflan­zen, die die reichhaltige holländische Blumen­zucht hervorzubringen imstande ist Wenn es Frühling wird, wird die bunte Farbenpracht dieses

nicht alltäglichen Geschenkes vor den Augen der Jungvermählten erstehen.

Neben den geplanten festlichen Beleuchtungen, den Bällen und Empfängen, die in der Zeit zwischen Aufgebot und Hochzeit im Haager diplomatischen Korps und in den vornehmen Klubs und Privat- häusern aus Anlaß der Eheschließung der Kronprin­zessin stattfinden werden, verdient die Hochzeitsfeier des historischen Städtchens Bronkhorst in Gelder­land Erwähnung. Hier hat man beschlossen, alles moderne Getue" beiseite zu lassen und zu den Sitten der Väter zurückzukehren In Gelderland wurde in alter Zeit |ebe Hochzeit mit einem gro­ßen Schmaus gefeiert, ein fettes Schwein wurde ab­gestochen, ein Rosinenbrot gebacken, das durch zwei

Hans Franck: Gerichtet. Novelle. 93 Seiten. Heydebrand Verlag, Breslau. (596.) Die Novelle, die 1928 zuerst in dem Sammelbande Recht ist Unrecht" erschien, schildert in düsteren und leidenschaftlichen Farben, wie während des Krieges die schicksalhafte Neigung eines deutschen Offiziers und einer französischen Marquise eine Familienkatastrophe von erschreckenden Ausmaßen herbeiführt; wie ein vom Haß verzerrtes, ver­wirrtes und überspitztes Gefühl eine durch große Musik geschaffene, menschliche Bindung verneint und vernichtet:Nicht dies, daß dem Marstuis und der Marquise de Verue in dem Weltbeben des Krieges das Haus ihrer Liebe zufammensank und sie samt den Kindern unter feinen Trümmern be­grub, ist das Unsinnige. Sondern das Grauenvollste, wofür es nichts als ein unmißkennbares Zeichen darstellt, ist: Daß der Boden, auf dem Millionen liebender Menschen ihr Glück für ewig gegründet glaubten, erbeben konnte und daß daher in Mi­nuten einstürzte, was unerschütterlich schien."

Dr. Hans Thyriot.

Der stumme Konrad. Roman von R u - d o l f Haas. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig. Geb. 5. Mark. (325.) In der lebensnahen Form eines Tagebuches tritt dem Leser frühes Mittelalter entgegen, und zwar in Schicksalen von Menschen, die wirkend Geschichte machten und durch ihr Wesen charakteristisch wurden für eine Zeit, in dor D-utlchland in der Unruhe zwischen Kaiser und Gegenkaiser blutete. Da,s Buch stellt uns Gestalten ohne jegliche romantische Verbrämung vor Augen, Manschen non Fleisch und Blut, mit all ihren schick­salhaften Bestimmungen. Da stehen sich gegenüber der aufrechte Ritter von Eschenbach und der herri­sche Herzog Karl aus dem Hause Habsburg, der lebenslustige Ritter non Frischenstein und der alte Kriegsmann, der Ochsensteiner, das Freifräulein Edith, jene grausame und später büßende Frau und die Königin Elisabeth. Könige non Österreich und Böhmen. Ritter, Kaufherren, Schildknappen, Bürger und Bauern, sie alle fügen sich ein in ein Z-ttgemälbe, das uns lehrhaft und warnend zeigt, daß wir alle Kraft daran wenden müssen, Deutsch­land nie miph<»r fnlrhe Zeit erleben zu lassen.

Neuner.

Gerhard Schumann: Sonnwend­feier In Büttenumschlaa 50 Pf Verlag Albert Langen-Geora Müller. München, 1936. (544) Mit dieser ..Sonnwendfeier" hat Schumann eine chvrische Dichtung geschaffen, die aus dem revol'ttio- nären Geist der deutschen Wiedergeburt dem Licht- oedanken unserer Ahnen der Feier der Sonnen­wende neuen Sinn und starke Geaenwartsb"deu- tung gibt. 3m chorischen Wechsel zwischen beschwö­rendem Lied und mahnendem Spruch offenbaren *i° Gedichte die uralte Weihe des ..Stirb und Werde".

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochaebirqe. Erzählung. Uebertraaen und mit einem Nachwort versehen von Helmut de Soor. lNr 7328.) Kartoniert 35 Pf., im Meisterband (Ganzleinen) 1 Mk Philipp Reclam iun. Verlaq, Leipzig. (367) Einfach und stark, aber mit

Männer getragen werden mußte und unzählige Fässer schäumenden Bieres angerollt. Beim Klang der Fiedeln wurde geschmaust und getanzt und jeder war gern gesehener Gast Diese schöne Sitte wird am Tage der Prinzenhochzeit in Bronkhorst wieder erstehen, jede Familie der Stadt kann zwei ©lie­ber zu diesem munteren Hochzeitsmahl entsenden, wollen mehr Familienmitglieder am Fest teilneh­men, so sind sie herzlich willkommen, haben aber einen kleinen Geldbetrag zu entrichten. So kann man annehmen, daß nirgends die Hochzeit der Kronprinzessin in so munterer Gemeinschaft gefeiert werden wird wie in Bronkhorst, wo eine ganze Stadt sich einmütig an einer Festtafel zusammen­findet.

dichterischer Feinheit und köstlichem Humor erzählt der Isländer Gunnarsson von dem alten Schaf­hirten Benedikt, wie er zur Adventszeit allein mit feinem treuen Hund und feinem Leithammel die Schafe im winterlichen Hochgebirge zufammentreibt, wie er im Kampfe mit den Naturgewalten, immer hart am Rande des Todes, in selbstverständlicher Pflichterfüllung eine heldenhafte Leistung vollbringt, wortlos, naiv, ohne drum zu wissen. Altnordisches Mannestum lebt in dieser Gestalt auf, die in ihrer Mischung von unbewußtem Heldentum und schlich- ter Einfalt, von wetterharter Tüchtigkeit und kind­lichem Gemüt typisch germanisch ist.

Lydia Höpker: Als Farmerin in D e u t s ch - S ü d w e st. Was ich in Afrika erlebte. Ganzleinen 3,85 Mark. Wilhelm Köhler Verlag, Minden i. W. (578.) Die Verfasserin, die feit 25 Jahren in Deutsch-Südwest lebt, schildert in die­sem Buch aus eigenem Erleben heraus Arbeit und Freude, Kampf und Not der deutschen Farmer vor und während des Weltkrieges. Was das Buch be­sonders anziehend macht, ist der herzerfrifch-nbe Humor der Verfasserin, der auch in schwersten Stun­den nicht versagt. Es ist ein Buch, nach dem jeder greifen wird, der sich für unsere Kolonien, für Schicksal und Abenteuer in fernen Ländern inter­essiert, ein Buch vor allem auch für unsere weib­liche Jugend.

Hans Grimm: Des Elefanten Wie­derkehr. (Die Kleine Bücherei, Nr. 69.) Albert Langen / Georg Müller, München, 1936. (533.) Es gibt keinen zweiten deutschen Dichter, der mit gleicher Kraft und Anschaulichkeit das erregende, von Abenteuern umraunte Geheimnis der afrika­nischen Landschaft und ihrer M-nfchen geschild-rt hat wie Hans Grimm. Seine Geschichte vonDes Elefanten Wiederkehr" erzählt von der Rache des Tieres am Menschen, dessen Vordringen die Tier­welt zerstört und in die letzten Einöden von Bittch und Steppe verbannt. Aber wo der Mensch Recht und Gesetz der Natur verletzt, übt sie unerbittlich Vergeltung. Sie vernichtet ihn mit grausamer Härte, wie es das Jagderlebnis jenes weißen Mannes zeigt, der durch den entfesselten Zorn des Elefanten zu Tode kommt.

Mihail Sadoneanu: Nechisor Li- Pans Weib. Roman. Einzig berechtigte lieber- traguna aus dem Rumänischen von Harald Kr a s- f e r. Bücherei Südosteuropa. 190 Seiten. £Mn»n 4.50 Mark Verlag Albert Langen / Georg TMer, München, 1936. (557.) Unter den Ländern Südosteurovas galt von jeher Rumänien untere besondere Aufmerksamkeit, weil es die Heimat non mehr als achthunderttausend Deutschen ist. d-r-n bekannteste Erzähler uns durch ihre W-rke nicht nur mit dem Schicksal Der deutschen WinDerMt, sondern auch mit dem rumänischen Land und Volk nortraut gemacht haben. Ohne Zweifel wird diese Welt dem deutschen Verständnis noch unmittelbarer erschlossen in diesem Roman von Mihail Sadoneanu, der unter den lebenden rumänischen Dichtern als der bedeutendste anerkannt ist. Er erzählt mit sich steigernder Svannuna von einer einfachen Krau namens Vitoria. N-chifor Livans Weib. Ihr Monn

Bücher unter dem Weihnachtsbaum.

Burgiheater."

Gloria-Palast.

Dies ist eine großartige Huldigung des Films an das Theater schlechthin, an das ewige Storno» Diantentum, nicht etwa nur an die hochberühmte, klassische Bühne in Wien; der Name des Burg­theaters ist in diesem Zusammenhang anders und doppelt zu deuten: er gibt einmal den Ton an, er bezeichnet die Atmosphäre um die Jahrhundert­wende in Wien, die hier wie in allen großen Fil­men von Forst wieder bezwingend auf den Be­schauer und Hörer einbringt; zum andern ist dieser Name ein Sinnbild für bas Theater überhaupt, für die Welt ber tausend Verwanblungen, die Welt zwi­schen Leben unb Kunst, zwischen Schein unb Sein. Damit ist zugleich bos Generalthema angeschlagen, ein Motiv, bas ber Film, überlegen gelenkt und seiner magischen Kräfte bewußt, wie kaum ein an­deres Ausbrucksmittel einzufangen, auszuschöpfen unb zu gestalten vermag. Zwischen ben beiden gro­ßen Osterrnonologen aus bemFaust", ben ein berühmter, schon an ber Schwelle des Alters stehen­der Darsteller auf der Burgtheaterbühne spricht, er­lebt man, gefesselt, gespannt, im Innern angerührt, ein Spiel auf bes Messers Schneide; zwar senkt sich zwischen bem Parkett unb bem Bühnenraum als symbolische Scheibewand der Vorhang herab, unb Die Schwelle besBühnentürls" scheint eine ge­heime. unüberschreitbare Grenze zwischen dem Theater und bem Leben aufzurichten, weil mir beibe Welten, hüben unb brühen, streng geschieden, jebe für sich zu erleben gewohnt sind. Hier erleben wir aber nun. wie der große, alternbe Schauspieler, eines Tages blindlings in ein ganz junges Mädchen aus dem Volke" verliebt, feine Schwelle über­schreitet. unddraußen" weiterspielt. Es ist fast unheimlich, zu sehen, wie die Kreise sich über­schneiden, wie die eine Welt (des Scheins) in die andere (der Wirklichkeit) einbricht und umgekehrt. Die alte (Sretchenfabel wird den Kulissen entrückt; chon die erste Begegnung in der Kirche muß jedem lie Beziehung deutlich machen, die vollends unver- chleiert und natürlich weitergesponnen wird in der Liebesszene im Garten mit dem Blumenorakel; aber das ist ein richtiges, lebendiges Gärtchen an einem Kleinbürgerhaus in ber Wiener Vorstabt. Unb wie so bas Theater in ber Gestalt unb ber Phantasie eines großen Schauspielers ausstrahlt unb sich hineinspinnt in bie Wirklichkeit, so bringt das ungeschminkte Leben mit einer realen Grausam­keit unb Unerbittlichkeit ins Theater unb auf bie Bühne hinauf: es ist eine ber herrlichsten Szenen, wenn ber große Schauspieler, kaum baß ber Vor­hang über ben Aktschluß gefallen ist, in einem

Sprung an den Kasten stürzt, wo sein vertrautes Faktotum als Souffleur hockt, den er über Tag als Brautwerber ausgeschickt har. ber ihm jetzt bie Entscheibung über fein Lebensglück bringen soll... Unb wie hernach ber Vorhang sich abermals hebt, bie Aufführung weitergeht, wie ber Schauspieler nun nicht nur bie Rolle spielt, ben alten spanischen König Philipp wie besten flagenbe Erkenntnis nicht

Staatsschauspieler Werner Krauß.

nur bie historischen Worte eines Schauspiels finb, fonbern im selben Atem auch bie gegenwärtigen unb bitterlebenbigen feines liebenben und enttäuschten Herzens... Denn er hat gar nicht banach gefragt in feinem Ueberfchwang, seiner Theaterphantasie, feiner Lebenssehnsucht unb seinem ersten Glück, ob benn bas Mäbchen auch ihn liebe, wie er sie. Sie sieht in ihm aber nur ben väterlichen Freunb, ben verehrten Gönner und Helfer; ihre Liebe gehört einem anbern, auch einem Schauspieler, aber einem ganz jungen unb unberühmten. Dem hat sie ben Weg zum Ruhm ebnen, ihm eine Chance ver­schaffen wollen, aber sie hat es unbebacht unb un­geschickt angefangen, es war alles umsonst. Unb

in bem Weg biefes jungen Schauspielers, ber burch ben Salon einer einflußreichen unb schönen Pro- tefforin führt, spiegelt sich bas komöbiantische Ihema zum zweiten Male unb gleichsam, um im Silbe zu bleiben, mit vertauschten Rollen. Denn der Junge, ber ba als Romeo ber Baronin mit flammenben Versen zu Füßen sinkt, sieht in ihr nur bie Statthalterin ber Theater-Julia, bie ihm bas Stichwort bringt ... erst löchelnb und gut­mütig gewährend, um bem ungestümen Jungen ben Willen zu tun, aber dann nicht mehr nur lächelnd und die Stichworte, bie sie bringt, kommen nicht mehr aus bem Rollenheft ... Das' merkt nun ber juaenbliche Held so wenig ober so spät wie das Mäbchen. bas ihn liebt. Aber als dann bie Masken gefallen finb und bas Spiel in eine bittere Wirklichkeit zurückmünbet, welche bie beiben jun­gen Menschen an ben Ranb ber Verzweiflung treibt, ba ist es wieder ber Steifere, ber gütig, lächelnd und weife alles zum Besten kehrt. Dann kehrt er zurück in feine Welt, auf die Bühne, in bie Greifenmaske bes alten Faust

Wir können uns vorfteUen, baß ein fo zwiefach gewagtes Doppelspiel, biefes Nebeneinanber ähn­licher Schicksale bie Gestaltungskraft eines burch- schnittlichen Regisseurs überstiege. Willi F o r ft aber steht hier auf ber Höhe feines Könnens, feiner reif­sten Filme, berMaskerabe" etwa: mit ebenso leichter "nb ph-nlo sicherer Hand wie bamals regiert er bie Fä­den, fängt er in meisterlich gesehenen unb geschnittenen Aufnahmen (an ber Kamera: Theodor P a h l e) bie wechselnben unb täuschenben Spiegelungen ein, die sich am Schnittpunkt ber beiben Daseinskreise '"'aeb-n. Er hat bie Doppelbedeutung des Namens Burgtheater nicht nur begriffen, sondern in der Tat sichtbar und faßbar gemacht: eine Meist-r- leistuna an der wieder einmal die volle Reichweite und intensive Wirkungskraft der zauberischen Film­kamera offenbar wird. (Nicht zuletzt in der Fülle und Lebensdichte, mit welcher der unvergleichliche Schauplatz Dem Zuschauer und Hörer nahegerückt wird Das vermag Forst unübertrefflich; wieder muß man anMaskerade" denken.)

*

Nach sehr langer Pause sieht man Werner Krauß wieder in einem Film, preußischen Skaats- schauspieler, Wiener Burgschauspieler Friedrich Mitterer auf der Höbe feines Ruhms, in der ersten großen, wirklichen Liebe feines Lebens. Zwischen ben beiben Monologen aus ..Faust" zu Anfang unb zu Enbe welch eine Spanne ber Möglich­keiten, welche Fülle entbunbener barstellerifcher Kraft; hier wirb, wie selten in einer Rolle, der ganze Umkreis des Komödiantentums ausgeschrit­ten, und das mit einer Leichtigkeit, mit einer

geistigen Überlegenheit und Einsicht, die Be­wunderung erregt und ans Herz greift. Man spurt die Freude, die eine solche Aufgabe in ein-m Schauspieler von Temperament unb Phantasie roecfen mußte, bie febernbe, fpannenbe, hinreiß-nbe Lust an ber Verwanblunq am Spiel auf bes Mes­sers Schneibe, auf ber schmalen Grenze bis Vor­hang unb Maske fallen unb nur noch bie Stimme eines alten unb einsamen Herzens zu vernehmen

*

Zum Geheimnis von Forsts Reqiekunst wie- der erinnert man sich ber unvergeßlichenMas- ferabe" gehörte von Anfang an bie Gabe, ein Ensemble höchst feinfühlig zusammengestellter Schauspieler wie ein kleines Kammerorchester auf- einanber abzustimmen; bas bewährt sich auch hier wieder. Die Tschechowa als Baronin Seebach kommt Krauß wohl nicht nur um ber Paralle- htat ber Szenenfolge willen am nächsten- sie wechselt, mit außerordentlicher Beherrfchuna unb Konzentration, ben Ausbruck in Sekundenschnelle unb verfügt, mit sparsamsten Mitteln, über bas ganze mimische Register biefer eleganten, schill-rn- unö doch leibenfchaftlichen Frauengestalt

Willy Gid) berg er gibt ben Rainer, Liebhaber unb mgenblichen Helben, ausgezeichnet, sehr wiene­risch, empfmbsam, befeuert vom Ehrgeiz, mit allen r/ «Jen bes echten Komöbianten (schon im erften Anfangerstabium), zuletzt gesammelt, befon- nen unb gereift burch ein schmerzliches unb für sein n Ur entfd)eibenbe5 Erlebnis. Dgs blutjunge Vor- ftgbtmgbel hat Forst in Hortense Raky gefund-n, die Den Deutschen Gretchentypus ins zart Wienerische hmuberspielt unD, wachsenb an Der Kunst Des aro- ßen Gegenspielers, auch vor Der gefährlichen Ober- üachenwirkung einer in her ßitergtur wie im Film verbrguchten Schablone bewahrt. Von Den vie­len anDeren seien Der Komiker Moser (Diesmal sehr verhalten, mit Gemüt sogar), Carl Günther und Josesine Dora genannt. (Tobis-Europa.)

Beiprogramm: Die neue Wochenschau unb em Vorspann zuTruxa". Hans Thyriot.

6od)fd>u!nacbrichfen.

Professor Dr. Heinz Kinbermann, Ordina­rius für deutsche Sprache und Literatur an Der Technischen Hochschule in Danzig, wurde mit Wirkung vom 1. Dezember b. I. ab in gleiche- Eigenschaft an bie Universität Münster berufen Jkofeffor Dr. Hermann Jghrreiß, Drbinarius für öffentliches Recht an ber Universität Greifs- w a l d - ist in gleicher Diensteigenschaft an bie Uni- verfügt Köln berufen worben.