Nr. 222 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen) Dienstag, 22. September 1956
Glauben und den
scheu, vor allem aber Wolhynier (seit den achtziger
(Schirner - M.)
Auf dem Flugplatz Borkenberge bei Dülmen (Westfalen) wurde der 6. Reichs Wettbewerb fürMotorflug-Mo- delle durchgeführt. Insgesamt kamen 400 Modelle von Männern des DLV. und Jungfliegern der HI. und des Jungvolks in den Wettbewerb. Unser Bild zeigt ein Modell auf der Startbahn fertig zum Abflug.
Motorflugmodelle wurden vorgeführt
manchen Gebieten sind die Rußlanddeutschen ausschlaggebend bei der Bildung kirchlicher und kultureller Körperschaften. Sie besitzen mehrere politische Zeitungen, sind treudeutsch und weitblickend.
Das Deutschtum in Argentinien wird zum Teil durch die 150 000 Rußlanddeutschen bestimmt. Ihre Einwanderung geht auf das Jahr 1878 zurück und konzentriert sich auf einzelne Bezirke der Provinz Entre Rios mit gutem Weizenboden. Reben Wolgadeutschen sind es Schwarzmeer-, Bessarabien- und Kaukasusdeutsche. Sie haben kürzlich durch das Wirken Pastor Riffels („Deutscher Bolksbund für Argentinien") die Anerkennung auch der Reichsdeutschen als Deutsche erlangt. Während sich i n Uruguay die rußlanddeutschen Kolonien nur auf Ulmenau und Piedras Colorados beschränken, hat Brasilien die meisten Rußlanddeutschen in Süd
amerika. Sie werden auf 250 000 Die Siedlungen der Wolgadeutschen
geschätzt, aus den mit der G r o s s a Grande
Jahren) in manchen Gegenden die Mehrheit der Bevölkerung. Zuzug von Deutschen aus der Krim, der Ukraine, vor allem aber aus Sibirien, ist bis in die letzten Jahre erfolgt. — Auch in Santa C a t a r i n a haben sich zahlreiche Rußlanddeutsche, so Wolhynier, unter Führung von Adolf E i ch - l e r, niedergelassen. Roch wichtiger ist die Tätigkeit der „Arbeitsgemeinschaft der Deutschen aus Rußland und Polen" unter Adolf Eichler für die Auswanderung in den Staat Sao Paulo. Hier arbeiten die Kolonisten zuerst ein Jahr in den Kaffeepflanzungen, wobei sie sich Erfahrungen und Mittel erwerben und sich dann selbständig machen können. 1927 wurden 300 Familien hinübergeschafft und haben sich gut eingelebt. Seit 1935 wird an der Uebersiedlung weitergearbeitet.
Vor dem Weltkriege gab es etwa zwei Millionen deutscher Bauern in Rußland. Diese aus Deutschland eingewanderten Kolonisten in Bessarabien, Wolhynien, dem Schwarzmeergebiet, dem Wolgagebiet, Kaukasien und Sibirien, deutsche Urbauern, kamen schon, als man ihnen 1874 die zugesicherte M i l i t ä r f r e i h e i t nahm, in eine gewisse Unruhe. Sie wurde durch starke Vermehrung, Landmangel und panslavistische Hetze genährt.' Schon vor dem Kriege gab es in R o r d - und Südamerika mehrere hunderttausend rußlanddeutscher Auswanderer. Die baltischen Gutsbesitzer siedelten wolhynischen Bauern an. Ein furchtbares Schicksal senkte sich während des Weltkrieges besonders auf die in Westrußland siedelnden Kolonisten hernieder. Sie wurden von Haus und Hof vertrieben und in die Gebiete östlich der Wolga unter schrecklichen Menschenopfern verschickt. Desto bereitwilliger folgten die Kolonisten den Lockungen nach Deutschland, wo aber den meisten statt der in Aussicht gestellten eigenen Scholle ein dauerndes Knechtdasein beschie- den blieb. Der Zustrom aus der russischen Bauernhölle hat bis jetzt nicht aufgehört. Während aber die Zahl der rußlanddeutschen Kolonisten im Reich Anfang 1919 hunderttausend überstieg, wird sie jetzt auf nur 55 000 geschätzt.
Wie vor dem Kriege nie eine geschlossene Siedlung rußlanddeutscher Rückwanderer im Reich gelang, sind, abgesehen von einer Siedlung Pfarrer Winklers in Tirpitz (bei Frankfurt a. £).), nur Einzelsiedlungen wohlhabender Rückwanderer bis auf den heutigen Tag festzustellen. Aus dem „Drei- Millionen-Fonds für kriegsgeschädigte Rußlanddeutsche" vom Jahre 1928 konnten einige hundert angesiedelt werden. Daher drängten die Kolonisten ständig hinaus in die neue Welt. Es entstanden Auswanderungsstellen und Selbsthilfeaktionen, wie die des Berliner „Vereins der deutschen Wolhynier", die im Jahre 1924 zur Gründung der Siedlung Nueva Wolhynia in Mexico führte. 1924 faßten auch die religiös strengen Mennoniten, die sogenannten „Altkolonier", in Kanada den Beschluß, weiterzuwandern, da man ihnen während des Krieges die ihnen im Jahre 1871 eingeräumten Privilegien geraubt und besonders durch das „Einsprachengesetz" die deutsche Schule genommen hatte. Eine Gruppe entschloß sich für Mexiko. In ganz großem Stil, in Extrazügen wurde das gesamte tote und lebende Inventar in die Provinz Durango
siebziger Jahren in Parana „rußlanddeutschen Stadt" P o n t a gehören zu den ältesten. Im Staat R i o do Sul bilden die Schwarzmeer- und Polendeut-
Die in Rußland zurückgebliebenen Kolonisten sind, roefin nicht ein Wunder geschieht, dem Untergang preisgegeben. Es liegt ein gewisser Trost darin, daß über eine Million Rußlanddeutscher, also etwa die Hälfte des Rußlanddeutschtums der Vorkriegszeit in der neuen Welt siedelt. Denn während sich die Rußlanddeutschen im engen Raum des Deutschen Reiches, falls sie nicht auf eigener Scholle fitzen, nicht halten können, leisten sie Außerordentliches in den breiten Verhältnissen der Neuen Welt. Sie schaffen Kulturwerte und vermehren sich als deutsche Bauern, treu ihrer Sprache, ihrem Sitten ihrer Väter.
Wanderzüge rußlanddeutscher Kolonisten
Bon (£. von Kügelgen.
Mesltng-Natur!
Wo der grüne Fichtenstrauß zur Einkehr lockt.
übergeführt. Heute wohnen hier 4000 „Altkolonier", in zahlreichen Dörfern. Da aber hier ihren Ansprüchen nicht Genüge geschieht, wird eine Weiter- wanderung, wahrscheinlich nachParaguay, erwogen. Nach Paraguay, und zwar in das wilde Chaco, waren von 1926 bis 1930 etwa 1800 Altkolonier aus Kanada hinübergewandert. Anfangs wurden sie durch Klima und Typhus dezimiert. Zahlreiche Nachzügler, vor allem 6000 Mennoniten, die sich 1929 in Moskau versammelt und ihre Auswanderung durchgesetzt hatten, hatten es im Chaco viel leichter. Auch der Krieg hat den in 27 Dörfern siedelnden 4000 Mennoniten nicht geschadet, und sie sehen mutig in die Zukunft.
Dk> in Kanada entstandenen Lücken sind reichlich durch Zuzug aus Sowjetrußland ausgefüllt worden. Mit Hilfe der amerikanischen Glaubensgenossen sind allein aus der Sowjetukraine von 1923 bis 1928 18 000 Mennomiten, der vierte Teil ihrer Gesamtzahl, nach Kanada ausgewandert. Bei wirtschaftlich guten Verhältnissen droht allmähliche Entnationalisierung. Auch zahlreiche Reihendörfer nach alter Rußlandsitte legen von der Einwanderung lutherischer und katholischer Kolonisten Zeugnis ab. Insgesamt rechnet man in Kanada mit etwa 200 000 'Rußlanddeutschen. Die Vereinigten Staaten haben das stärkste Rußlanddeutschtum mit einer Bevölkerung von etwa 400 000 Farmern und Gewerbetreibenden. Ihr wirtschaftliches Gewicht hat sich bei den Hungerhilfeaktionen für Europa und besonders für Rußland gezeigt. In
An einem prächtigen Frühlingssonntag wanderten wir hinaus ins freie Feld, um den grauen All- tagsftaub von der Seele abzuschütteln und uns neue Lebenshoffnung im leuchtenden Lenz zu holen. Schon strichen die Rebenknospen ihre sammetweichen Kapuzen zurück, die Obstbäume standen im vollen Blütenschmuck, und die weißen Sterne der Maßliebchen lugten aus dem zarten Grün der Wiesen und Raine Aus bergwärts geneigten Pfählen sah ein übermütiges Finkenpaar in der wärmenden Mittagssonne und ließ sein Lied gen Himmel emporsteigen. Wald und Tal und Strom umhüllte ein feiner Dunstschleier, gleich als ob sich das rheinische Paradies noch nicht ganz dem suchenden Auge offenbaren dürfe.
Langsam stiegen wir bergan; schneller schlug das Herz, tiefer atmeten die Lungen die herbe reine Taunusluft. Wie wohl das tat! Und in uns Stubenmenschen wollte etwas wie Neid wach werden auf jene, die auch im arbeitsreichen Werktag von Gottes Wunderwelt umgeben find.
Da fiel unser Blick wie von ungefähr auf ein zusammengeballtes Zeitungsblatt am Wegesrand; es hatte wohl vor kurzem einem Winzer als Einwickelpapier für das 3-Uhr-Brot gedient. Gerade
noch lesbar war die Mahnung unserer Weinbauern: „Trinkt deutschen Wein!" Gefunden war plötzlich das Zauberwort, das wir inmitten der lachenden Natur vergessen hatten; beflügelt wurde mit einem Male der müde Schritt; drüben im Weindorf winkte der grüne Fichtenstrauß und lockte zur Einkehr. Nur ein Viertelstündchen wollten wir rasten, um „einen Halben mitzunehmen"... es kam ganz anders! Und wer war schuld daran? „Das war der Wein, der liebe, gute Wein!"
Eine recht gemischte Gesellschaft war's, die um den mächtigen Eichentisch in der kleinen gemütlichen Gaststube saß, und doch eine gleichgesinnte Tafelrunde, da jeder einen feinen Tropfen zu schätzen wußte. Der ihr aber vorstand, war ein Berliner Kind. Und ausgerechnet ein „Spree-Athener" sollte etwas...?
Jawohl er verstand schon etwas vom Wein, auch vom Rheingauer Wein, mehr sogar als seine Zechgenossen. Wie blitzten seine Blauaugen unter den buschigen Brauen, wie wippte der weiße Spitzbart auf und ab, als er den ersten Schluck einer späten Beeren-Auslese „schlapperte". Und die Hände beschrieben, während das köstliche Nah langsam über die Zungenwurzel glitt, seltsam magische Figuren
^erhunaert...
Ein erschütterndes Bild aus Sowjetruhland, wo eine Hungerkatastrophe im Anzug ist, weil im Wolga- und Ukrainegebiet eine Mißernte eintrat und die Mißwirtschaft bei der Ernteeinbringung größte Ausmaße angenommen hat. Unser Bild zeigt zwei Brüder in Sowjetrußland. Der eine ist bereits verhungert, während der zweite mit hoffnungslosen Augen demselben Schicksal entgegensieht. (Scherl-M.)
und Kreise. — „Nun?" — fragten die Blicke der Freunde.
„Sie möchten mein Urteil wissen? Hier finde ich bestätigt, was ein edler Rheinwein haben muh: ,COS'. Sie wissen nicht, was das heißt? Er muß haben: Color, das ist Farbe, Odor, das ist Geruch, Sapor, das ist Geschmack, diese drei aber in vollendeter Harmonie."
„Das findet man aber nur beim rhein-mainischen Wein", meinte mein Nachbar zur Linken und blähte erneut die Nasenflügel über dem dünnwandigen Glas.
„Bitte, mein Herr, nur nicht so dicknäsig, auch an der Elbe gibt es feurige und rassige Weine. Haben Sie schon einmal einen „Meißener" getrunken? Noch nicht, dann lassen Sie sich nur einmal vom Rate dieser Stadt zu einer Kostprobe einlaben."
Die Zurechtweisung wollte der „Fachmann" nicht ohne weiteres auf sich sitzen lassen; ich winkte ihm verweisend zu und fragte den Alten: „Sie kennen wie kein Zweiter die weinbautreibenden Gebiete Deutschlands und die Eigenart ihrer Erzeugnisse. Sagen Sie uns doch, nach welchem Gesetz bestimmt sich denn der so erstaunlich verschiedene Preis der Weine?" — „Nicht nach der Süßigkeit, denn sonst stünden die Griechenweine obenan; nicht nach dem Feuer, denn sonst erhielten die schweren spanischen und französischen Weine die Krone; nicht nach der leichten, feinen Würze, dem zarten Geschmack und der flüchtigen heiteren, durch die Nerven zitternden Aufregung, denn sonst wäre der Champagner der teuerste. Die höchste Stufe des Preises entspricht vielmehr — und dies ist das gesuchte Gesetz — der niedersten des nach dem Genuß des Weines eintretenden Katzenjammers. Das Minimum des letzten und folglich des Maximum des ersten findet sich aber bei den edelsten Sorten firnen rhein-mainischen Weines."
Lächelnd hob er sein Glas gegen den „Opponenten"; der tat ihm Bescheid, lehnte sich behaglich zurück und sagte: „Nun kommen wir der Sache
Bismarck und Katharina Orloff.
Von Geheimrat Or Eugen Kühnemann, em. o. Professor für Literaturwisienschast an der Universität Äreslau
Es mar längst bekannt, daß Bismarck unmittelbar, ehe er die Berufung zum Ministerpräsidenten von Preußen empfing, in Biarritz feine Strafte sammelte in einer letzten Erholung, und daß er dort im tiefsten Entzücken sich dem Reiz einer seltenen Frau hingab. Es war ferner bekannt, daß er in der ersten Sitzung der Budgetkommlssion einen Oelzweig aus Avignon aus seiner „Brieftasche zog und wieder einsteckte, weil die Zeit für diesen Boten des Friedens noch nicht gekommen war. Run aber legt der Enkel der glücklichen Frau, der gegeben war, dem künftigen Gestalter Europas vor dem Aufbruch zu seinem Nie enwerke Wochen des vollbefriedigten Glücks zu schaffen, nicht nur Die 16 Briefe Bismarcks an die junge Fürstin oor (bie drei letzten find vielmehr Briefe an ihren Gatten, Bismarcks aufrichtig verehrten Freund), und zwar in einer deutschen Uebersetzung, die sich Uest,. als wären sie deutsch geschrieben, und danach m ihrem französischen Urtext. Sondern er tragt auch aus Eigenem eine meisterhafte Einleitung bey die den Enkel der Großmutter würdig, erweist. Es ist Die gleiche Höhe der Bildung. Es ist die gleiche Feinheit der Seele. Es ist die gleiche schlichte Vornehm heit eines über alles Geträtsch des Alltags und feine albernen Wertungen erhabenen Herzens. Du Einleitung ist das Muster einer Unterrichtsstunde. Sie gibt eine Vorbereitung, die erst zum »echten Lesen befähigt. Das deutsche Volk erhalt mit_Mem Buch ein Geschenk von ungewöhnlichem Wert und
Man roiirbe Bismarck nicht wahrhaft kennen, wenn bieses Zeugnis nicht von elnerneuenun entscheibenben Seite fein Wesen enthüllt Senn es ist ja offenbar, baß bie Dinge, bie hier scheinbar geschieben sind, in Wahrheit in untrennbarem Zusammenhänge stehen. Das auf die große Lebens^ entscheibung gewaltig gespannte Wesen Bismarcks bedurfte der großen Liebe, um unter dem kaum erträglichen Druck die Schwungkraft zy bewahren oder vielmehr zu ihrer „höchsten Betätigung zu bringen. Anders ausgedruckt: Bismarck war Kunst, ler in seiner innersten Anlage, so sehr er selber sich diese Benennung gelegentlich verbat. Wie den größten Künstlern immer wieder die Liebe die Schmm- Uch Nikolai Orloff: Bismarck und Katharina Orloff. Ein Idyll in der hohen Politik. C.H.Becksche Verlagsbuchhandlung. München 1936.
gen der Erfindung entfaltete, so geschah es ihm. Die Großen kennen alle den Sehnsuchtszug in di,e Idylle, dem Faust in Gretchens Kammer erliegt. Indem Bismarck für feine größten Kämpfe fein Inneres rüstete, erschuf seine Seele sich das köstliche Idyll. Sonnige Tage nie unterbrochener Gemeinschaft, das Meer und die. Klippen und die Heide, drolliges Menschenvolk als Gegenstand des in ironischer Fröhlichkeit bewegten Gesprächs, Picknicks in den Schluchten über der See, kleine Erlebnisse gemeinsamen Wohltuns an einem armen Kinde, alles der Stoff zu gemeinschaftlichen Erinnerungen, die ein Trost sind im kommenden Alltag mit seiner allzu schweren Last. Und immer vor Augen die geliebte Frau, zart und unendlich fein, geistreich, von edler Bildung, genug übermütiges Kind, um nie die Männer sich in trocfnem Ernst verlieren zu lassen, die Frau, dem im Kriege entsetzlich zerschossenen Gatten heroisch in großer Treue gesellt, und um das alles die große Luft, die ewige Sonne. Da wachsen die Kräfte in der Stille, die in der Welt der großen Politik das Werk vollenden sollten, und mitten in den Kchnpsen mit ihren aufreibenden Anspannungen und ihrer trüben Alttagslast kehren die Gedanken zu der Idylle zurück und schöpfen die Spannkraft aus ihrer Seligkeit. Die Fürstin hat ihm in dem Augenblick des Abschieds den Oelzweig in Avignon geschenkt. Da er zum erstenmal dem tödlich gehaßten inneren Feind gegenübersteht, ist es wie ein Zwang, der ihn nach dem kostbaren Symbol greifen läßt wie nach einem Versprechen der späteren Vollendung. Er ist wieder ganz er selber, der Schöpfer, der Genius in seiner Freiheit, die kein Alltag bindet und bricht, da er nach dem ermüdenden Gerede ihr Geschenk in den Fingern hält und wohlweislich nicht aus den Fingern läßt.
Das Reich der Liebe ist weiter, als der kümmerliche Alltagsmensch herkömmlicher Begriffe sich träumen läßt. Sie herrscht in ihrem Reich und nimmt kein Gebot gewollter Festsetzung an. Geniales Schaffen stammt aus der Liebe, weil es Liebe ist. Es ist nur selten möglich, daß die angetraute Frau allein allen den schöpferischen Regungen entspricht. Und dann kann freilich der alte Dämon göttlich zugleich und teuflisch tausendfältige Gefahr bereiten, aber er braucht es nicht zu tun. Denn dem hochstehenden Manne ist die Gattin immer die Gattin, deren Stellung in seinem geistig seelischen Sein einzig und unverrückbar ist. Dann kommt die Prüfungsstunde für die Frau, ob sie in kleinlicher und kindischer Eifersucht dem Manne die Freiheit des Lebens zerknicken will oder ob sie die Bedürfnisse nicht nur duldet, sondern in ihrem unweigerlichen Recht versteht. Es ist das Beglückende an diesem schönen Buch, Daß es uns alle beteiligten Menschen als wahrhaft
adlige Naturen erweist, alle auf der Höhe einer Aufgabe, in der kleine Seelen hoffnungslos versagt hätten. „Die reizendste Frau außer einer" — Bismarcks Frau war nur aufrichtig froh, daß ihr Mann in feinem schweren Leben etwas so Wunderschönes erlebte. Katharinas Gatte hatte wie sie selber vermutlich eine dunkle Vorstellung davon, daß hier etwas Heiliges und wahrhaft Großes sich vollzog und der kleine Mensch zu schweigen hatte, wo Gott sprach. Sie waren beide beglückt, und auch der Fürst Orloff dankte in einer unverbrüchlichen Freundschaft, die erst mit dem Leben endete. Bismarck aber rückte zwar mit Stolz in die Stellung des Onkels ein, aber feine Worte in allen Briefen bleiben immer gehalten. Nichts tritt den Rechten feiner Gattin noch ihres Gatten zu nahe. Wer hören kann, hört freilich überall den Ton einer großen, unendlich dienstbereiten Liebe. Es liegt mehr darin als eine zarte Höflichkeit, wenn er so gern in seinen Briefen ihre schönen Hände küßt.
Die Fürstin Katharina Orloff starb, erst 35jährig, am 4. August 1876, nachdem sie dem Gatten nach lange kinderloser Ehe drei Kinder geboren hatte. Bismarck schrieb ihr die wundervolle Totenrede. „Der Verlust einer Frau wie Katharina ist das Erlöschen eines Sonnenstrahls, an dem Gottes Güte einen teil» nehmen liest, und der alle erfreute, die das Glück feiner Berührung empfingen. Die Erinnerung, die mir an die Zeit bleibt, wo ich diesen Zauber empfunden habe, hat mich durch alle Erregungen und Widrigkeiten der Politik begleitet wie der letzte Widerschein eins schönen Tages, der nicht mehr ist." Die Verbindung mit dem Gatten erhielt sich bis zum Tode ohne jede Trübung. Wir aber blicken hier wie nie vorher bei dem ehernen Kanzler, dem Mann von Blut und Eisen, in seine tiefe, überaus zarte und feine Menschlichkeit. Es gab auch für ihn nur einen einzigen letzten Quell großen Schöpfertums, den Quell der Liebe.
Oer des Besiegten.
Von den früheren Olympischen Spielen werden in „Reclams Universum" zwei interessante Episoden erzählt: Bei einem Schwimmwettbewerb in Los Angeles lag ein Inder weit zurück an letzter Stelle. Die großen Krauler beendeten lange vor ihm das Rennen. Als der Inder aus dem Wasser stieg, rief der Mann am Lautsprecher: „Ladies and Gent leinen! Dieser Mann ist 10 000 Kilometer weit gereift, um bei den Olympischen Spielen zu schwimmen. In seiner Heimat schwimmt man noch nicht so gut wie hier, aber er hat tapfer gekämpft, darum give him a hand!“ Und Tausende von Zuschauern brachen in
tosende Beifallsrufe aus, als der Inder feine Umkleidekabine aufsuchte. Gewiß, er war kein Sieger und brachte auch keine Medaille mit in seine Heimat. Aber er verkörperte die Idee Olympias: nicht der Sieg, sondern allein der ritterlich ausgetragene Kampf — so heißt es in dem Olympischen Eid — ist die Hauptsache, zur Ehre der Länder und zum Ruhme des Sports.
Ein ähnliches Bild bei der Entscheidung des 5000» Meter-Laufs in Los Angeles. Anderthalb Runden hinter den beiden Siegern, den Finnen Lehtinen und dem Amerikaner Hill, erreichte der schmächtige Japaner Takenaka das Ziel. Mit letzter verzweifelter Verbissenheit kämpften die jungen Söhne Nippons um den Sieg, und wo er ihnen versagt blieb, da rangen sie wengstens um die Anerkennung der Zuschauer. Takenaka wußte schon nad) wenigen Meter, daß"er gegenüber der großen Klasse seiner Gegner machtlos war, aber er stand das Rennen bis zum Schluß durch. Wenige Schritte hinter dem Ziel brach er erschöpft zusammen. Auch ihm wurde rauschender Beifall zuteil, als er die Arena verließ.
Eine Wunderuhr.
Besamen, das Zentrum der Uhrenindustrie Frankreichs, kann sich rühmen, die komplizierteste und kostbarste Uhr der Wett zu besitzen. Nicht zufrieden damit, die gewöhnlichen Pflichten eines örtlichen Zeitmessers zu erfüllen, zeigt diese Uhr auf nicht weniger als 27 Zifferblättern folgende Dinge: Die genaue Zeit in 16 verschiedenen Gegenden der Welt, die Länge jeden Tages, die Länge jeder Nacht, den Tag der Woche, den Tag des Jahres, die Jahreszeit, die Zeichen des Tierkreises zu ihren bestimmten Zeiten, den Planeten, der dem Tag der Woche zugeordnet ist, die Stunden von Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, den Stand der Sonne, die genauen Bewegungen der Planeten.
Als ob es damit noch nicht genug wäre, zeigen weitere Zifferblätter in den Seiten der Uhr berühmte franzöfisck)e Häfen und künden ihre Zeit von Ebbe und Flut, lieber den Zifferblättern auf der Vorderseite sind Figuren der zwölf Apostel errichtet, die Glocken anschlagen, um jede Stunde zu verkünden. An ihrer Spitze trägt die Uhr ein Bild der Auferstehung. Die Uhr wurde im Jahr 1857 auf Veranlassung des Kardinals Mathieu bergeftellt mit einem Kostenaufwand von 860 000 Mark. Sie ist beinah 6 Meter hoch, 2'/, Meter breit und fast 1 Meter tief. Mit ihren reichen Verzierungen bildet sie das kostbarste Schaustück und den Schatz der Kathedrale von Befanden.


