Zreitag, 70. November 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)
Nr. 272 Zweiter Blatt
Oskar Meßter, ein Wegbereiter des Films ' 3u seinem 70. Geburtstage am 21. November.
Von Dr. Wolfgang Mejer.
Erfindungen können fertig und vollkommen aus dem Geiste eines einzelnen Menschen entspringen, wie in der griechischen Göttersage die jungfräuliche Athene aus dem Haupte des Zeus. Meistens aber werden gerade umwälzende technische Neuerungen nicht in einem Gedankenblitz geboren, sondern reifen im mühseligen Vorwärtstasten vieler Erfinder, oft in einem über Generationen hinweggreifenden Entwicklungsgang heran. Eine Schar einfallsreicher Köpfe strebt nach dem gleichen Ziele. Viele geraten auf Irrwege, aber hin und wieder kommt doch einer auf den richtigen Pfad und dringt ein Stückchen weiter voran. Vis schließlich einer den Durchschlupf findet, der endgültig aus dem Dickicht der Schwierigkeiten hinausführt. Bei der Dampfmaschine ist es so gewesen, beim Verbrennungsmotor, bei den Erzeugern elektrischen Stromes und vielen anderen Schöpfungen der Elektrotechnik; auch bei der Eisenbahn, bei Luftschiff und Flugzeug, beim Kraftwagen, beim Rundfunk und noch un- aezählten anderen Dingen, die wir aus unserem Leben kaum noch wegdenken können ...
So war es auch beim Kino. Seine Ahnen sind die „L a t e r n a m a g i c a" und das „Lebens- r a d". Die Laterna magica stammt von dem zu seiner Zeit berühmten neapolitanischen Naturforscher Johann Baptist Porta, der sie um die Mitte des 16. Jahrhunderts seinen erstaunten Freunden vorführte. Das „Lebensrad" erdachte der Belgier Plateau im Jahre 1828. Die einzelnen Zustände einer Bewegung, beispielsweise eines Pferdes im Galopp, sind hintereinander auf einen Papierstreifen aufgemalt. Durch die Schlitze einer schnell bewegten Trommel betrachtet, fließen die Einzelbildchen zu einem scheinbar lebenden Bilde zusammen. Daß man die Trägheit unseres Auges durch solche rasche Folge von „Phasenbildern" zur Vortäuschung lebendiger Bewegungen benutzen kann, erwähnt bereits ein französisches Buch aus dem Ende des 18. Jahrhunderts.
Nutzbringend war diese Erkenntnis allerdings erst zu verwenden, als die Photographie weit genug fortgeschritten war, um solche Teilbilder von Bewegungen unmittelbar nach der Natur festzuhalten. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Momentphotographie bereits imstande, ausgezeichnete Bewegungsaufnahmen von Tieren auf die Glasplatte zu bannen. Ottomar An schütz in Berlin erfand sogar einen Betrachtungsapparat, in dem man solche auf Glasplatten kopierte Aufnahmen durch rasche Drehung als „lebende Photographie" in natürlichen Bewegungen sah. Thomas Ä. Edison kam durch den „Schnellseher" von Anschütz auf den Gedanken, ein optisches Seitenstück zu seinem Phonographen zu schaffen. Sein guckkastenähnliches „K i n e t o s k o p" hatte als Träger der BewegungsbilÄer keine Glasplatte mehr, sondern einen langen Zelluloidfilmstreifen, der zur Fortbewegung an den Seiten gelocht war. Er hat sich fast unverändert bis heute als „Normalfilm" erhalten. Mit ihm ließen sich, falls man den Streifen recht lange wählte, beliebig ausgedehnte Handlungen aufnehmen. Es lag nahe, den Edijonfilm nicht nur im Guckkasten des „Kineto- skop" einzelnen Betrachtern vorzuführen, sondern sie durch einen entsprechenden Bildwerfer auf der Leinwand gleichzeitig zahlreichen Zuschauern sichtbar zu machen. Viele Erfinder bemühten sich um diese Aufgabe, deren technische Hindernisse weit weniger leicht zu nehmen waren, als es auf den ersten Blick erscheint. Den besten Erfolg hatten die Brüder L u m i e r e in Paris. Vor allem weckten sie mit ihrem „Cinematographe“ — das Wort stammt von ihnen — die Begeisterung der Pari
ser für die lebenden Bilder, wenn sie auch noch manche Mängel hatten. So waren im Jahre 1895 scheinbar alle Voraussetzungen für den endgültigen Aufstieg des Films gegeben. Ob die Kinematographie indessen mehr werden könnte als ein interessanter Versuch, als eine modische Ueberraschung der Technik, hing noch von einem großen Problem ab: es war noch nicht geglückt, die Einzelbildchen auf zuverlässige Weise genügend lange stillstehen zu lassen und dann hinreichend rasch weiterzuschalten. Erst dadurch aber konnte eine befriedigende Bildwirkung und störungsfreie Vorführung gewährleistet werden.
Oskar Meßter, dem heute Siebzigjährigen, war es vorbehalten, diese wesentliche Schwierigkeit zu überwinden. Das Malteserkreuzgetriebe der von ihm erfundenen Bauart, mit dem er damals, im Jahre 1896, die Frage der Filmschaltung löste, ist heute noch ein unentbehrliches Hauptstück aller gebräuchlichen Kinovorführungsgeräte auf der ganzen Erde. Als Sohn des Berliner Optikers Eduard Meßter hatte sich der Jubilar mit dem Bau und der Vervollkommnung wissenschaftlicher Instrumente erfolgreich befaßt. Es lag in seiner Art, wie auch in der Arbeitsweise des wissenschaftlichen Jnstrumentenbaues, daß er sich nicht auf die Lösung einer Aufgabe beschränkte. Auch allen anderen Einzelteilen schenkte er vielmehr höchste Aufmerksamkeit. Er entwarf und vervollkommnete die Filmführung, das Bildfenster, den Vor- und Nachwickler und viele andere Glieder des Ganzen. So schuf Oskar Meßter damals, vor vierzig Jahren, die Form des kinematographischen Vorführungsgerätes, die heute noch in der gesamten berufsmäßigen Kinematographie gültig ist! Mit seiner Maschine konnte Meßter im Mai 1896 zunächst einzelnen Leuten Edison - Kinetoskopfilme mit solchem Erfolg vorführen, daß alsbald der Schausteller R o g u l i n aus Moskau ein Meßter- Kino kaufte. '
Die von Meßter soeben begründete deutsche Kinoindustrie erweiterte ihr Absatzgebiet soaleich über die Reichsgrenzen hinaus! Bis zum Jahresende waren bereits an 57 Kunden 64 Meßtersche Vorführungsapparate verkauft, davon 22 ins Ausland. Inzwischen hatte Meßter im September 1896 eine Aufnahmekamera gebaut und drehte nun selbst Filmaufnahmen. Schon im Oktober kauften die Gebrüder Köhler in Hamburg solch eine Kamera. Damit war der iunqen deutschen Kinoindustrie ein weiteres Arbeitsfeld erschlossen. Noch vor Ende 1896 hatte Meßter aber auch F i l m k o - piermaschinen und alle sonstigen Einrichtungen zur Aufnahme und Bearbeitung von Filmen entworfen und hergestellt. Damit hatte er aber auch das von ihm neugeschaffrne deutsche Kino- und Filmgewerbe vom Auslande unabhängig gemacht. Ein wichtiger Fortschritt, gerade vom Gegenwartsblickpunkt aus gesehen!
Meßters Filme waren nicht nur mit seinen Geräten ausgenommen und bearbeitet. Auch der Inhalt stammte von ihm. Daß er die Natur mit der Kamera belauschte, daß er bald Zeitlupen- und Zeitrafferaufnahmen für Forschungszwecke wagte, daß er erblühende Blumen, chirurgische Eingriffe. Gehstörungen. Geschoßwirkungen im Filmbild einfing, nimmt bei Meßters beruflichem Werdegang nicht wunder. Manche jener Vorgänge hat er überhaupt zuerst gefilmt. Aber Meßter wußte, was der Kinobesucher in erster Linie verlangte, nachdem das erste Staunen über die „Lebende Photographie" verflogen war. Um die Wünsche des zahlenden Zuschauers kennen zu lernen, dessen Eintrittsgeld die Grundlage des gan-
Der O^enbacher Schreiber.
Zum 60 (Heburtetage von Rudolf Koch
Der hervorragende deutsche Schriftkünstler Rudolf Koch, am 9. April 1934 gestorben, wäre heute, am 20. November, 60 Jahre alt geworden. Wir geben aus diesem Anlaß einige Abschnitte des Gedenkaufsatzes von Ernst Kellner wieder, den das „Insel- Schiff" nach dem Tode des Offenbacher Meisters veröffentlichte.
Unser Offenbacher Meister ist kaum 58 Jahre alt geworden. Mitten aus einem Leben inbrünstiger Hingabe an ein vielseitiges Schaffen und ans einem gesegneten Wirken in dem Kreis von jungen Mitarbeitern und Freunden, deren Entwicklung er entscheidend bestimmte, wurde er abgerufen. Und doch sehen wir keine Tragik in seinem frühen Tod.
Gewiß wäre uns aus der unerschöpflichen Quelle seiner frommen Liebe zu den Dingen, aus der Kraft seines Erlebens und aus dem Reichtum seiner begnadeten Hände noch manches beseelte Werk gegeben worden, und er mag auch noch an vielen Dingen gearbeitet haben, welche nun nicht mehr vollendet werden können. Auch haben wir nicht viele Künstler unter uns von solchem Ernst der Auffassung, solcher Treue und Ausdauer der handwerklichen Bemühung und solcher Fülle der Begabung, daß wir unsere Reihen über der Lucke, die sein Tod unter uns gerissen hat, rasch und mühelos wieder schließen könnten.
Aber das Erbe seines Werkes, das Verpflichtende seines Lebens und Schaffens unter uns ist wichtiger und größer und läßt uns den Tod dieses Mannes nicht nur als hoffnungslos zerreißendes Geschehen erleben an dessen Sinn wir ohnmächtig rütteln. Er selbst hat uns in den letzten Wochen seines Lebens, in denen er seinem baldigen Tod ruhig ins Auge sah, zu diesem Verstehen mit einfachen Worten geholfen: „Ich habe meinen Teil getan, so gut ich konnte, — jetzt seid Ihr dran."
Wer an das Schriftschaffen Rudolf Kochs, das in seinen vielfältigen Materialisationen stets im Mittelpunkt seines künstlerischen Wirkens stand und von dem auch seine anderen Arbeiten immer ihren Ausgang nahmen, mit formalen und ästhetischen Maßstäben herangeht, dem wird es sich nie erschließen. Denn stets' war es zuerst das Erlebnis des Wortes, was ihm mit unentrinnbarer Gewalt in inxmer neuen Gestaltungen seiner Schriften auszudrücken drängte, und der Sinn, der hinter den Worten steht, der sich in geschriebener, gedruckter, geschnittener. gemeißelter, gepunzter, gewebter oder gestickter Schrift sinnfällig offenbaren mußte. Ihre erschütterndste Ausdruckskraft fanden seine Schrist- ten, wo sie die Sprache redeten, welche die konzen
trierteste und hintergründigste ist und die ihn stets am meisten erfüllte und packte: Die Sprache der Bibel in der deutschen Prägung Martin Luthers.
Zur sonntäglichen Erholung und zur Entspannung von den bewegenden Äufgaben, die er sich damals mit den immer neuen Gestaltungen von einzelnen Texten und ganzen Büchern der Bibel setzte, begann er im Jahre 1921 Blumen zu zeichnen, wie sie sich in den Wäldern und Wiesen um Offenbach fanden. An der anspruchslosen Arbeit der getreuen Zeichnung nach der Natur fand er so große Freude, daß solche Blätter bald in großer Zahl entstanden. Es war natürlich, daß auch diese Tätigkeit auf die Arbeitsgemeinschaft seiner Werkstatt Übergriff und schließlich den Wunsch aufkommen ließ, diese Blumenzeichnungen vervollständigt in Buchform zu veröffentlichen. 1930 ist dann das fertige Werk im Insel-Verlag erschienen, von Christian Kleukens in Mainz vorbildlich gedruckt.
Die ersten Schreibversuche Kochs im Jahre 1903 galten einer neuen deutschen Schrift und auch später standen die deutschen Schriften immer im Mittelpunkt seines ausgedehnten Schriftschaffens. Die deutsche Landschaft und Sprache, deutsche Kunst, Dichtung und Musik waren ihm vor allem anderen vertraut; in weiser Beschränkung mochte er sich nicht durch fremde Welten verwirren lassen, seine Liebe und Hingabe wollte er ungemindert den unerschöpflichen Gütern des deutschen Volkes widmen.
Von der Großmutter.
Von Anton Gabele.
Wir mußten drei Stunden durch die Tannenwälder fahren, um die Großmutter zu besuchen. Weil meine Eltern aber ein wohl angefülltes Tagewerk hatten, geschahen solche Besuche selten, gewöhnlich nur zweimal im Jahre: An Allerheiligen, um den Toten ein Wachslicht und ein Vaterunser zu schenken, und an Silvester für die Lebenden, denen man in einem Kiffenbezug den braunen, duftigen Brotkranz und den Segen für's neue Jahr brachte.
Zu solch einem Befuch an Allerheiligen durste ich einst mit dem Vater unter dem ledernen Verdeck der Kutsche sitzen. Ich war erst vier Jahre alt, besinne mich aber noch, wie ich mit dem Vater an den mit Moos und grellen Papierblumen verzierten Gräbern stand und das Murmeln der Gebete hörte. Besonders gut besinne ich mich auf die Großmutter, die ich nur dies eine Mal fah. Denn sie starb das Jahr darauf.
Eine rundliche, kleine Frau mit einem seidenen, schwarzen Tüchlein um die weißen Haare — so sitzt sie auf der Bank am Herrgottswinkel, lächelt und nickt ntir immer wieder zu, streichelt über wei
zen Kino- und Filmwesens ist und bleibt, hatte Meßter noch im September 1896 das e r st e d e u t- sche Lichtspieltheater in Berlin, Unter den Linden 21, übernommen. Die Vorbesitzer waren mit ausländischen Vorführgeräten schlecht gefahren. Hier konnte nun Meßter seine Erfindungen im täglichen Gebrauch erproben und lebendige Verbindung mit dem Zuschauer halten. Aus solcher Kenntnis heraus drehte Meßter zahlreiche Unterhaltungsfilme, meist humoristischen Inhalts. Sie hatten nur wenige Minuten Vorführzeit.
Aber die Technik schritt fort, und die Ansprüche wuchsen. Längere Handlungen, richtige Stücke mußten gefilmt werden. Meßter richtete das e r ft e deutsche Filmatelier ein. Er mußte Helfer haben. Es gab keine Filmregisseure, keine Filmdarsteller, keine Atelierarchitekten, keine Drehbuchschreiber, überhaupt keine Filmberufe. So mußte Meßter sie alle selbst erst heranbilden. Es war nicht leicht, die geeigneten Kräfte für den Film zu finden, zu
mal die Künstler anfänglich es zumeist für unter ihrer Würde hielten, sich mit solcher Volksbelusti* gung abzugeben. In feinem demnächst erscheinenden Buche „Mein Weg mit dem Film", einer wahren Fundgrube für die Geschichte des Kinos, erzählt Meßter Ergötzliches von jenen Schwierigkeiten. Der Aufstieg des Films bis zur allgemeinen Anerkennung als Kunstwerk war schwer, und Meßter hat an diesem Weg zur Höhe beträchtlichen Anteil. Das unterscheidet ihn von Anschütz, Edison, Lu- miere und den anderen Erfindern, die alle kein Filmgewerbe aufbauten. Im Jahre 1902 trat bei Meßter als Techniker Carl Froelich ein, der aus dem Elektrofach kam. Meßter erkannte bald Froelichs künstlerische Gaben und bot ihm die Möglichkeit, als Dramaturg und Spielleiter tätig zu sein. Mancher entsinnt sich vielleicht noch des 1911 bei Meran unter Froelichs Spielleitung gedrehten Films „Tirol in Waffen". Sechzehn Jahre wirkte Froelich bei Meßter. Zu Beginn des Weltkrieges
Hessische Auswanderer.
Ein Aufruf der „Forschungsstelle Stammheimat" beim DDA., LB. Hessen.
Zahllose wertvolle Volksgenossen wandten in der Vergangenheit der Heimat den Rücken, wanderten aus, um draußen in der Fremde ihr Glück zu suchen. Sie gingen dem deutschen Volk verloren — ein unersetzlicher Verlust an rassisch kostbarem Blut, an Wagemut und Schöpferkraft; denn der Entschluß, über See ein neues Leben aufzubauen, war schwer.
Das neue Deutschland erkennt seine Pflicht. Wir wollen die Fäden wieder knüpfen, die eine verständnislose, selbstsüchtige Vergangenheit abreißen ließ. Wir wollen den Deutschen draußen in der Welt wieder deutsche Heimat schenken.
Ueberall in Deutschland sind durch die Bundesleitung des VDA. Forschungsstellen geschaffen worden, die diese Arbeit leisten sollen. Auch in Hessen ist im Einvernehmen mit dem Herrn Reichsstatthalter eine solche „Forschungsstelle Stammheimat" gegründet worden. (Anschrift: Dr. Adolf Müller, Stadtbücherei Darmstadt, Pädagogenstr. 1, Fernruf: Darmstadt 3500, Nebenstelle 433.) Demnächst werden durch die Kreisämter und Bürgermeistereien Fragebogen ausgegeben werden. Trage jeder die Namen und Anschriften der Auswanderer seiner Familie ein! Es gibt kaum eine Familie in unserem Gebiet, die nicht Sippengenossen im Ausland besitzt.
Die Forschungsstelle verfolgt nicht nur rvifsen- senschaftliche Ziele. Wichtiger ist, durch Briefe und Lesepatenschaften, durch Buch- und Zeitschriften- versand unseren deutschen Brüdern im Ausland zu zeigen, daß wir uns mit ihnen verbunden fühlen. Eine große vaterländische Aufgabe ist zu lösen. Sie kann nur gelöst werden, wenn viele Helfer sich zur Verfügung stellen. Darum ans Werk!
Das Kirchenbuch
der Gemeinde Steinbach erzählt....
Der Vorsitzende des hessischen Gustav-Adolf-Vereins hatte in einem Rundschreiben an die Pfarrämter die Bitte ausgesprochen, daß ihm alle in den Kirchenbüchern befindlichen Notizen über Auswanderung, Gründe der Auswanderung, Ziel derselben, Namen der Auswanderer, Zeit der Auswanderung, ob einzeln oder in Gruppen und über etwa bekanntgewordenes Schicksal der Auswanderer mitgeteilt würden. Im Steinbacher Kirchenbuch hat Pfarrer Stückrad die Auswanderer von 1819 (24 an der Zahl), von 1821 (acht Personen) und von 1834 (vier Personen) und das Ziel dieser Auswanderungen (Nordamerika) angegeben. Darüber und über die Auswanderungen nach dem Wolgaland in Rußland ist im „Gießener Anzeiger" schon berichtet worden. Die erste Hälfte des 19. Jahr
hunderts ist überaus reich an Auswanderungen. Die Steinbacher Chronik berichtet darüber:
„Von den 30er Jahren an haben diese Auswanderungen aus allen Orten unserer Gegend sehr zugenommen und in jedes Dorf kommen jetzt Briefe aus Amerika. Diele Gemeinden haben sich durch Bezahlung der Ueberfahrtskosten ihrer armen Leute zu entledigen gesucht. Großen-Buseck z. B. beförderte 1856 gegen einige 140 Seelen auf einmal in die überseeische neue Heimat. Von uns zogen auch Vermögende mit Reisegefährten aus anderen Gemeinden ab. Doch waren es mehr jüngere Leute, welchen ich beim Abschied neue Testamente und Andachtsbücher schenkte. Da der evangelische Verein für Innere Mission sich mit der Bitte an alle Geistlichen gewandt hatte, die Auswanderer, welche in Amerika oft ohne alle Pflege des religiösen Lebens waren, vor ihrer Abreise wenigstens feierlich beim öffentlichen Gottesdienst aus der Heimatkirche zu entlassen, so kamen wir auch dieser Aufforderung im Sommer 1855 nach. Da wanderten nämlich auf Kosten der Gemeinde aus: Heinrich Schreiner und dessen Sohn gleichen Namens; Wilhelm Müller und Heinrich Diehl mit seiner Familie. Sein Sohn Louis wurde, obgleich er noch nicht das gesetzmäßige Alter erreicht hatte, noch vorher konfirmiert und ging mit seinen Eltern und den übrigen Auswanderern zum Tisch des Herrn." Die Predigt hielt der Chronist Pfarrer Völker über Apostel-Geschichte 17, 26, „und alle Anwesenden waren bewegt und fühlten sich durch diese noch nie erlebte religiöse Feier erbaut".
Auch nach 1855 wanderten noch Steinbacher nach Amerika aus, wie gelegentliche Notizen in den Kirchenbüchern beweisen. Auffallend ist es, daß in Albach anscheinend in dieser Zeit niemand auswanderte. Wenigstens ist aus dem Albacher Kirchenbuch nichts darüber zu ersehen. Vermutlich liegt die Erklärung darin, daß die Albacher, die in der Heimat nicht das Leben fristen konnten, nach Paris zogen und dort ihren Lebensunterhalt suchten und fanden. Von Steinbach dagegen ist kein Fall der „P a r i s g e h e r e i" bekannt. Diese war in den Dörfern Lindenstruth, Saasen, Reinhards- Hain, Beltershain, Lumda, Stangenrod in jener Zeit bis zum Ausbruch des Krieges 1870 sehr häufig. Sogar nach England zogen Leute aus diesen Dörfern, um sich durchzuschlagen und einige Ersparnisse nach der Heimat zurückzubringen.
Wenn wir heute als Bürger des dritten Reiches solch einen Blick auf die Zeit vor 100 Jahren zu- rückwerfen, dann muß dankbare Freude in uns sein, daß wir in einer anderen Zeit leben, wo keiner mehr wegen Hunger auswandern muß.
nen Scheitel und schiebt mir ein Stück Gugelhupf nach dem andern hin. Auch läßt sie einen Korb voll Obst bringen und stopft mir Mund und Tasche damit. Birnen so schmalzig auf der Zunge zerfließend, Aepfel, so rot und würzig, wie ich sie all mein Tag nicht wieder gesunden. Auch die Sitztruhe unserer Kutsche hat sie mit roten Aepfeln füllen lassen, daß nun ihr paradiesischer Dust um uns ist auf der ganzen Heimfahrt durch die Nacht, den Wald und Nebel, den unser Kerzenlaternchen am Wagen nicht zu durchdringen vermag.
Dann habe ich noch eine blasse Photographie der Großeltern, die einst in unserer Stube hing. Da sitzen sie in ihrem Festtagsstaat. Der Großvater im braunen Rock mit Silberknöpfen, ledernen Kniehosen und weißen Strümpfen. Die Großmutter hält die Hände über der blumigen Seidenschürze gefaltet und blickt darauf nieder, als wundere sie sich, daß diese Hände einmal Ruhe haben.
Mein Vater hat kaum je von feinen Eltern erzählt, zumal nicht von der Mutter. Er sagte wohl: „Die Mutter selig hat es so und so gemacht" oder „Die Mutter selig ist ’ne rechte Frau gewesen". Dieses „die Mutter selig" klang feierlich und endgültig, daß es kein Geschichtlein mehr zuließ.
Aber da ich heranwuchs, hätte ich gern noch mehr gehört von den Großeltern und Ahnen, schlug also die alten Standesbücher auf und folgte ihren Spuren die Jahrhunderte empor. Bauern waren sie, hart und herb, mit verpreßter Lippe und aufgestemmter Faust wie der Großvater. Aber zwischen den Marksteinen ihres Lebens, dem Stern der Geburt, dem Kreuz des Todes schwebte auch das Kränzlein der Liebe, klang der Name einer Mutter, hinter der sich die Kinder reihten. Es rührte mich, sooft ich solch einen milden Frauennamen durch das harte Gebälk der Jahrhunderte schweben fühlte.
Anna Maria hieß meine Großmutter, den Namen der beiden biblischen Mütter in sich vereinend. Und sie war wohl eine Erzmutter. Elf Kinder hat sie geboren und großgezogen. Drei davon hat sie sterben sehen. Einer von den dreien war ihr Aeltester, Magnus hieß er und sollte Geistlicher werden, wurde aber schwermütig, acht Tage bevor er die letzten Weihen erhielt, und starb ein Jahr darauf. Und auch der Großvater starb, als noch sechs von den neun Kindern unversorgt waren. „'Ne rechte Frau" nannte mein Vater seine Mutter. Wie gering erscheint uns Vielsprechern dies Wort beim ersten Hören; und wie erfüllt es sich, wenn wir bei ihm verweilen. Ich brauche von der Großmutter nicht mehr zu wissen. Eine rechte Frau, das will sagen: sie war, wie diese d"utschen Bauern- mütter noch sind, still und treu hingegeben ihrer Pflicht, zäh, innig und fromm.
Was wird die Großmutter getan haben, damals
als man ihren Sohn Magnus begrub, als sie ihrem Manne das letzte Weihwasser gegeben? Sie schlug ein Kreuz und kehrte heim zu den hundert Wesen, zu Mensch, Tier und Pflanze, die ihrer harrten. Aus dem Schmerz erschuf sie neues Leben. Nur Sonntags über dem Gottesdienst hatte sie eine kleine Weile, der Toten zu gedenken, zündete zu ihrem Gedächtnis den Wachsstock an und sann in die zitternde Flamme hinein. Die Arbeit war ihr Trost, die Mühe ihre Labung. Genug schon, elf Kindern das Leden zu geben. Mehr noch, sie in der Ernte, im Heuet, in der schweren Zeit drängender Arbeit zu gebären. Und das allermeiste, sie zu ernähren, zu brauchbaren, wackeren Menschen heranzubilden und wieder an ein Brot zu bringen. Fünfzig und mehr Jahre hat diese Großmutter gekocht und gebacken, gesponnen, gewaschen, genäht und geflickt. Kein Hälmchen im Garten, fein Huhn im Hof, fein Rind und Schwein im Stalle, dem sie nicht ihre Pflege gab. Sie mußte Butter und Käse machen, Klee mähen, Disteln stechen, Garben binden. Sie war die erste am Morgen, die letzte am Abend. Wo ein Streit war, wo Kummer und Sorgen und Kranfheit, da trug man es zu ihr, daß sie schlichte und versöhne, verbinde und tröste, darüber bete und gute Hoffnung werfe. Und so, sich vergessend, für andere sich verzehrend, wurde sie achtzig Jahre alt und setzte sich eines Mittags in den Lehnstuhl und schlummerte zu ihrem Gott hinüber, so still, daß es feiner im Hause merfte.
Ein Colleom-Mnseum.
Jedem Besucher Venedigs wird das Reiterstandbild des Colle oni von Verrocchio in seiner unerhört energisch gestrafften Haltung in Erinnerung geblieben sein. Dem großen Condottiere des 15. Jahrhunderts soll nun in seiner Vaterstadt Bergamo auf Betreiben des Colleoni-Jnstituts ein Museum gewidmet werden, in dem alle Gemälde, Medaillen, Waffen, Dofumente und Handschriften die sich auf ihn beziehen, vereinigt werden. Das Museum soll in der Casa Colleoni untergebracht werden, in der in einem Saal schon das berühmte Gemälde aus dem 15. Jahrhundert den Heerführer darstellt, wie er zusammen mit dem hl. Franz zu den Seiten des Gekreuzigten fniet. Das Bild war im Jahre 1912 plötzlich verschwunden, tauchte (pater in Rom aber wieder auf unD wurde durch Mussolini der Stadt wiederzugeführt. Zugleich mit dem Colleoni-Museum soll auch das Schloß Mal- paga, in dem Colleoni im Jahre 1475 gestorben ist. in feinem alten Glanze wiedererstehen. Hier stellen eine Reihe non Fresken d'e bcrübmteften Szenen aus dem Leben des Condottiere har, der in seinen besten Jahren geradezu königlich Hof hielt und Fürsten und Gesandte empfing.


