Ausgabe 
20.4.1936
 
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130 Kurzschriftler werden ausgezeichnet.

Don der Ortsgruppe Gießen der Deutschen Ste- nographenschast wird uns geschrieben:

Ernste Arbeit, strebsames, fleißiges und zielbe- wuhtes Schaffen machen den Kurzschriftler aus, der es über stümperhaftes Halbkönnen hinaus zu wirk­licher Leistung bringen will. Dieses notwendige stetige Arbeiten verlangt den Einsatz nicht nur aller geistigen, sondern ebenso sehr auch den der ganzen Willenskräfte, um so mehr, als bei nahezu allen Kurzschrift Erlernenden die Berufstätigkeit den Tag ausfüllt. In diesem Moment ist wohl auch in den meisten Fällen der Grund für die vorzeitige Aufgabe des gesteckten Zieles zu suchen.

Um so erfreulicher ist es, berichten zu können, daß in den letzten Jahren nicht nur das Interesse, sondern, was ausschlaggebend ist, die Beteiligung an Kurzschriftlehrgängen in unserer Stadt bedeu- tend gestiegen ist, was sich in den Berichten über die Tätigkeit der Ortsgruppe Gießen der Deutschen Stenographenschaft, über Leistungsschreiben usw. deutlich widerspiegelt. Besonders zeigte dies das vor einigen Wochen hier stattgefundene Leistungs­schreiben der Ortsgruppe Gießen. 130 Urkunden für hervorragende und sehr gute Leistungen bei oieser Prüfung der Gießener Kurzschriftler konnten am Samstagabend in derKarlsruhe" durch Orts­gruppenführer Graf verteilt werden, wo zur Sie- gerehrl^ig Preisträger, Mitglieder und Freunde der Ortsgruppe Gießen zusammengekommen waren.

Nach einleitenden Musikstücken der Kapelle D a u- bertshäuser bot Ortsgruppenführer Graf allen Besuchern im Namen der Ortsgruppe herz­liches Willkommen. In seinen weiteren Ausfübrun- gen sprach er über den Verlauf und die Ergebnisse des letzten Leistungsschreibens und betonte, daß das Ergebnis einer der größten Erfolge der Ortsgruppe gewesen sei. Es wurden im Schnellschreiben in den Abteilungen 60240 Silben 39 Arbeiten mit her­vorragend, 51 mit sehr gut, 24 mit gut, im Richtig­schreiben 26 Arbeiten mit hervorragend, 63 mit sehr gut und 31 mit gut bewertet, insgesamt 65 Arbei­ten mit hervorragend, 114 mit sehr gut, 55 mit gut. Für 17 hervorragende Arbeiten wurden Ehrenpreise verteilt.

Das besondere Interesse der Kurzschriftler des Kreisgebiets Gießen gelte jetzt der am 2. und 3. Mai in Wieseck stattfindenden Kreisgebietstagung. Aus der Ortsgruppe Gießen lägen bereits 115 Mel­dungen für das Leistungsschreiben vor, und der Ortsgruppenführer gab der Erwartung Ausdruck, daß die Beteiligung aus Gießen noch die Zahl 150 erreichen werde. Er bat die Mitglieder, sich bereits vollzählig zu dem Eröffnungsabend am 2. Mai im Saale des GasthausesZum Gambrinus" einzu­finden, den die Ortsgruppe Wieseck in Gemeinschaft mit der NSG.Kraft durch Freude" mit einem viel­versprechenden Varietä-Programm mit namhaften Künstlern ausgestalte.

Die Teilnehmerkarte, die zur Teilnahme an den Leistungsschreiben in Kurzschrift, sowie zum freien Eintritt zu sämtlichen Veranstaltungen berechtigt, stellt die Ortsgruppe Gießen ihren Wettschreibern kostenlos zur Verfügung.

Weiter erfreute Ortsgruppenführer G r a f die Mit- glieder durch die Mitteilung, daß die neuen Kurse, die in der vergangenen Woche begonnen haben, außerordentlich gut besucht sind, und auch in dieser Woche neue Anmeldungen zu erwarten seien.

Er gratulierte außerdem dem ältesten Mitglied der Ortsgruppe, Reg.-Baurat von Lemmers, zu seinem 75. Geburtstag. Trotz seines hohen Alters nimmt Reg.-Baurat von Lemmers noch regen An­teil an dem Leben der Ortsgruppe und beteiligt sich oft erfolgreich an den Wettbewerben der Reichs­führung der Deutschen Stenographenschaft.

Sehr lebhaft bedauert die Ortsgruppe den Weg­gang eines der tüchtigsten und tätigsten Kurzschrift­ler Gießens, des Dipl.-Handelslehrers Paul D e h - m e r. Er war Mitglied der Prüfungskommission zur Abnahme der staatlichen Stenographielehrer­prüfung und hat als Führerratsmitglied der Orts­gruppe Gießen Außerordentliches geleistet. Orts­gruppenführer Graf sprach ihm für seine Tätig­keit herzlichen Dank aus.

Bei lustigen Vorträgen von Fritz Z i e a l e r, Musik und Tanz verginget die Stunden sehr schnell.

S.Upori

Die Gaumeijierschast der Radfahrer im Radsport

Spannende Kämpfe im Cafe Leib.

Die Radfahrer unserer Stadt und deren Um­gebung bzw. des Bezirkes Gießen und des Gaues Nordhessen traten bereits am gestrigen Sonntag wieder mit einer großen sportlichen Veranstaltung an die Oeffentlichkeit. Im Cafe Leib wurden die Meisterschaften im Zweier-Radball, ferner in den vermiedenen Disziplinen des Kunst- und Reigen- sahrens ausgetragen.

Zum Kampf um die Meisterschaft des Gaues im Zweier-Radball traten folgende Mannschaften an: Kassel, 1885 Gießen 1. und 2. Mannschaft und Wetzlar-Niedergirmes. Die Kämpfe, bei denen jede Mannschaft gegen jede Mannschaft anzutreten hatte, nahmen einen überaus spannen­den Verlauf. Bereits am Sonntag um 8 Uhr wurde mit den Spielen begonnen. Neben der ^.-Klasse, die um die Gaumeisterschaft kämpfte, wurden auch Spiele der 8 - K l a s s e ausgetragen, in der sich in der Hauptsache Mannschaften unseres heimischen Bezirkes trafen. An den Wettkämpfen der 8-Klasse nahmen die Mannschaften von Krofdorf (1. und 2. Mannschaft), Aßlar, Limburg und Nordshausen (bei Kassel) teil.

Um die Radball Goumeisterschast.

Die Kämpfe der ^-Klasse brachten folgende Ergebnisse:

Kassel Wetzlar-Niedergirmes 7:6,

1885 II Wetzlar-Niedergirmes 11:6,

1885 I Kassel 13:4,

1885 I Wetzlar-Niedergirmes 10:6,

1885 II Kassel 10:7,

1885 I 1885 II 7:7, nach Verlängerung 12:7.

Kassel Wetzlar-Niedergirmes 7:6: Der Kampf Kassel gegen Wetzlar-Niedergirmes zeigte die Kasseler technisch sehr auf der Höhe, aber sie mußten sich anfänglich doch den Wetzlarern beugen. Erst gegen Schluß kamen sie gegen die beiden eifrigen Wetzlarer Göbel-Nolte auf und sicherten sich einen knappen Sieg. Für Kassel traten Wehrhahn - Momberg, für Wetzlar - Niedergirmes Göbel-Nolte an.

18 8 5 I Wetzlar-Niedergirmes 11:6: Ein erwartetes Ergebnis! Die Gießener Deibel und V o n - E i f f waren anfänglich stark überlegen und führten bis kurz vor Schluß eindeutig. Dann aber rafften sich die beiden Niedergirmeser auf und konnten mit einigen Toren das Ergebnis erträglicher gestalten.

1 8 8 5 I Kassel 13:4: Den beiden technisch ausgezeichneten und sehr kampfkräftigen Gießenern konnten die Kasseler bei weitem nicht standhalten. Das Spiel dokumentierte Klassen-Unterschied.

Die Tippgräfin.

Vornan von Klothilde v Gtegmann

Urheberrechtsschutz: Aufwärts-Verlag, Berlin, SW 68. 41 Fortsetzung Nachdruck verboten!

Tief atmend trat er wieder ans Fenster und schaute hinaus. Dein Land!, sagte er vor sich hin. Hier war es gut sein. Hier war alles geschaffen für Glück und Frieden. Hier wollte er ausruhen. Sein Gepäck würde wohl auch heute mit dem Wagen von Berlin kommen, hatte er Lore gesagt. Was sie wohl denken mochte? Wieder lächelte er vor sjch hin und schloß die Augen, um den goldenen Traum nicht zerrinnen zu lassen.

Lore Ankermann stieg inzwischen die gewundene Treppe von dem Turmstübchen hinunter. Plötzlich blieb sie stehen. Wie ihr Herz klopfte!

Lieber Gott, dachte sie, was ist das nur? Glück und Angst stritten in ihrer Seele miteinander.

Die nächsten Tage vergingen für Lore wie in einem wirren Traum. Sie wachte auf mit dem Gedanken an den neuen Mieter und ging mit die­sem Gedanken schlgfen. Traf sie Paul Allmann, so war wieder dieses Gefühl zwischen Freude und Angst in ihr. Sie versuchte sich Pepita Arlesi vor­zustellen. Immer wieder nahm sie sein Bild her­vor und versenkte sich in seine Züge. Aber immer wieder legte sie es vor Schreck beiseite, denn es war ja nicht Pepita Arlesi, der aus diesem Bild sie ansah, sondern Paul Allmann. Immer öfter mußte sie jetzt an Mariella denken, an ihre heiße Liebe zu Erhard, dem Manne, den sie trotz all ihrer Hingabe innerlich nie gekannt hatte, und in dessen Hand sie doch weich wie Wachs gewesen war. Sie versuchte ihren Tag ganz mit Arbeit auszu- füllen, versuchte, nicht mehr an Paul Allmann zu denken. Aber was konnte sie dagegen tun, daß er bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit in ihrer Nähe auftauchte?

Er schien sehr viel von Landwirtschaft zu ver­stehen. Denn wo sie auch war, ob auf dem Hühner­hof oder beim Abnehmen im Obstgarten, ob beim Ausgehen der Lebensmittel im Wirtschaftsflügel, so erschien er und griff mit zu. Wenn sie dann sagte:Aber Herr Allmann, Sie sind doch hier, um sich zu erholen! Warum machen Sie nicht irgendeinen schönen Ausflug oder liegen in dem Liegestuhl, den ich Ihnen auf den Altan in die Sonne habe stellen lassen?" bann meinte der junge Mann, mit einem spitzbübischen Lächeln in seinen strahlenden Augen:

Die Menschen erholen sich auf verschiedene Weise, mein gnädiges Fräulein! Und glauben Sie mir, es gibt für mich keine größere Erholung, als Ihnen ein wenig helfen zu dürfen!"

Dann wußte sie nicht, was sie erwidern sollte. Denn er sagte alles mit einer entwaffnenden Fröh­lichkeit. Im stillen gestand sie sich, daß sie selbst ja froh war, wenn er bei ihr war. Er war ja auch der einzige Gast jetzt und |o wäre es ihr als Wirtin ungezogen erschienen, ihn fortzuweisen. Er fühlte sich wohl einsam und suchte Anschluß, damit entschuldigte sie ihn und sich selbst. Aber sie fühlte, diese Selbstentschuldigung konnte nicht mehr lange standhalten. Mehr und mehr ergriff Paul Allmann Besitz von ihrem Herzen. Und mit der Ehrlichkeit, die Lore Ankermanns beste Eigenschaft war, sagte sie sich eines Tages:

Lieber Gott, was tue ich denn ich liebe ihn ja und gehöre einem anderen, der sich mir aus der Fremde anverlobt hat, und dessen Vertrauen mir heilig bleiben muh!

Es war ein wunderschöner Mondscheinabend, an dem Lore Ankermann endlich sich selbst und ihrer Liebe zu Paul Allmann ins Gesicht sah. Der junge Mann hatte sie zu einem Spaziergang aufgefor­dert; aber Lore hatte abgelehnt. Sie mußte einmal zur Klarheit über sich selbst kommen. Es mußte Schluß sein mit dieser Liebe, die sie überfallen hatte.

Sie hatte Paul Allmann nach dem Abendbrot fortgehen sehen. Und dann erst hatte sie es ge­wagt, ihr Zimmer zu verlassen. Die Wände schie­nen sie zu erdrücken. Die Unruhe und Not ihres Herzens nahmen ihr den Atem. Sie dachte an Renate und was die zu ihrer romantischen Ver­lobung mit einem Unbekannten gesagt. Nun war sie gestraft genug, daß sie aus einem übermütigen Jungmädchenstreich aus einer Laune hatte Wirklichkeit machen wollen. Jetzt wußte sie, was es hieß, mit einem Unbekannten verlobt zu sein, wenn ein lebendiger Mensch von Fleisch und Blut kam und einem das Teuerste auf der Welt wurde.

Wie eine Verzweifelte war Lore draußen in der wundervollen Mondnacht herumgelausen. Nun saß sie, aufgewühlt bis ins tiefste, in dem kleinen, ver­träumten Burggärtchen, in dem schon Generationen junger, törichter Mädchen ihr Liebesglück und -leid getragen hatten. Derselbe silberne Mond lag schon über dem efeuumsponnenen Winkel, als vor drei­hundert Jahren das Fräulein Leonore von Geyer dem Herrn Guntram nachweinte, der auf Nimmer­wiedersehen in den Krieg zog. Und er beschien das Glück von Lores Eltern, als ihre Mutter, Waltraut von Geyer, sich Kurt Ankermann für immer zu eigen gab.

In dies verschwiegene, romantische Eckchen trug die kleine Lore ihr hilfloses Herz. Sie hatte es einem ManU geschenkt, den sie nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Nun aber schlug es so warm für den anderen, dem sie ebensowenig angehören durste wie er ihr, wenn er ein Mann von Ehre

1885 I Wetzlar-Niedergirmes 10:6: Auch hier war das Ergebnis nicht anders zu er­warten.

18 8 5 II Kassel 10:7: Auch in diesem Spiel zeigten sich die Gießener sehr gut. Die beiden 1885er, die auch nicht mehr die jüngsten sind, zeig­ten erneut, daß sie in jüngster Zeit zu einer glän­zenden Form aufliefen. Die Kasseler mußten sich geschlagen bekennen, wenn auch diesmal das Er­gebnis nicht so eindeutigen Unterschied aufwies.

Der letzte Kampf dieser Serie sah die beiden Mannschaften des Radfahrvereins 1885 einander gegenüber. Hier entwickelte sich eine über­aus spannende Begegnung. Es erwies sich bald, daß sich beide Mannschaften nahezu gleichwertig waren. Das kam auch sehr klar in den Ergebnissen des Spieles zum Ausdruck. Anfänglich führte die erste Mannschaft, konnte aber nicht mehr wie zwei Tore Vorsprung erringen. Dann holten Deibel und Von- Eiff auf und stellten das Spiel auf 2:2. Dann folgte den Führungstoren immer auf dem Fuße der Aus­gleich. 2:3, 3:3, 3:4, 4:4, 4:5, 5:5, 6:5, 6:6, 7:6 und 7:7 in dieser Reihenfolge fielen die Tore. Mit dem Unentschieden endete das Sviel nach regulärer Spielzeit. Man mußte sich also zu einer Ver­längerung entschließen. Diese Verlängerung sah die 1. Mannschaft fast durchweg rasanter im Angriff und glücklicher im Sturm auf das Tor, während der 2. Mannschaft nichts gelingen wollte. So fiel der Sieg in der -^.-Klasse wohlverdient an die 1. Mannschaft des Radfahrervereins 1885. Der Sieg bedeutete gleichzeitig die Erringung der Gaumeister­schaft.

Oie Kämpfe der 8-Klaffe.

In der 6-Klasse gab es auch verschiedene sehr interessante Begegnungen, wenngleich feshustellen war, daß die Mannschaften noch einiges hinzuzu­lernen haben und zum Teil auch noch durchschlags­kräftiger werden müssen. Krofdorfs erste und zweite Mannschaften machten in dieser Runde gute Figur und sicherten sich die ersten beiden Plätze. Der Sieg fiel verdient an Krofdorfs erste Mannschaft. Die Ergebnisse im einzelnen lauteten:

Krofdorf I Aßlar 5:1,

Limburg Nordshausen 10:3, Krofdorf II Aßlar 9:9, Krofdorf I Limburg 10:3, Krofdorf II Nordshausen 10:5, Aßlar Nordshausen 6:5, Krofdorf I Krofdorf II 6:6, Krofdorf II Limburg 11:8, Nordshausen Krofdorf I, kampflos f. Krofdorf, Aßlar Limburg 7:10.

In der Punktwertung ergab sich folgendes Bild: Krofdorf I 7 Punkte, Krofdorf II 6 Punkte, Lim­burg 4 Punkte, Aßlar 3 Punkte, Nordshausen 0 Punkte. Krofdorfs I stellte somit den Sieger der

Oie Meisterschaften im Kunst- und Reigenfahren.

Nachdem die Radball-Wettkämpfe zum größten Teil am Vormittag ausgetragen worden waren, folgten am Nachmittag neben den noch ausstehen­den Radball-Entscheidungskämpfen auch die Wett­bewerbe um die Gaumeisterschaften im Kunst- und Reigenfahren.

Zahlreiche Zuschauer hatten sich eingefunden und verfolgten die Darbietungen mit großer Aufmerk­samkeit. Der Führer des Gaues Nordhessen im Deutschen Radfahrerbund, Eggert- Kassel, hieß nach dem Aufmarsch aller Wettkampfteilnehmer die Radfahrer und die Zuschauer herzlich willkom­men. In seiner kurzen Begrüßungsansprache wies er auch auf die Ziele hin, die sich der deutsche Radfahrerbund im Dienste der Ertüchtigung der deut chen Jugend gestellt hat und betonte, daß der deut che Radfahrerbund auf diese Weise zum Auf­bauwerk des Führers beitragen wolle. Er ermahnte zu fairen Kämpfen und gab, nachdem man ein dreifachesSieg-Heil" auf den Führer Adolf Hitler ausgebracht und den ersten Vers des Horst-Wessel- Liedes gesungen hatte, die Bahn frei.

In den Saalsport-Wettbewerben, im Kunst- und

war. Denn auch er hatte sich ja an eine andere Frau gebunden.

Leise Schritte ließen sie empor fahren. Eine Ge­stalt näherte sich ihr, die sie im ersten Augenblick für das Schloßgespenst der Geyerburg hielt. Sollte es jener sagenhafte Ritter Guntram sein, der hier in stillen, mondbeschienenen Nächten vergebens sein blondes Lieb, Leonore, suchte, die aus Ver­zweiflung über seinen Tod vom Burggarten in die Tiefe gesprungen war?

Nur wenn sich an dieser Stätte einmal zwei Menschen für immer fänden, deren einer aus wei­ter Ferne kommt, soll Guntram erlöst werden und die ewige Ruhe finden", schloß die alte Historie.

Natürlich war es kein Ritter von Anno dazumal, der sich hierher verirrte, sondern ein höchst lebendi­ger Mann des zwanzigsten Jahrhunderts, der die wundervolle Aussicht vom Burggarten in das mondüberflutete Land genießen wollte. Der aufs höchste erstaunt war, die hier zu erblicken, an die er den ganzen Abend gedacht hatte.

Lore fuhr aus ihrer Versunkenheit auf, als der junge Mann plötzlich vor ihr stand. Das Mondlicht lag auf feinen festgefügten, schönen Zügen, den Zügen, die sie vom Bild ihres Verlobten so genau zu kennen glaubte. Und da war es mit ihrer Kraft vorbei. Sie schluchzte auf und legte voll Scham das Gesicht in die Hände.

Da vernahm sie sanft und zärtlich seine Stimme:

Warum weinst du denn so bitterlich, meine süße Märchenprinzessin? Weißt du denn nicht, daß wir zusammengehören?"

Da fuhr sie aus. Scham und Zorn wurden mäch­tiger in ihr als ihre Verzweiflung.

Gehen Sie! Gehen Sie augenblicklich, Herr All­mann, und lassen Sie mich allein! Wie dürfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen?! Sie, der Bräuti­gam eines anderen Mädchens, zu mir, der Ver­lobten eines anderen Mannes? Fühlen Sie nicht, wie ehrlos das ist, Herr Allmann?"

Aber da erstarrte sie. Denn statt empört oder beschämt zu sein, antwortete Paul Allmann mit einem übermütigen Lachen:

Findest du den Namen Allmann eigentlich sehr schön, kleine Lore? Oder würde es dir lieber sein, wenn ich, nicht Paul Allmann hieße?"

Ja, wie heißen Sie denn dann?" Lore wurde totenbleich, so bleich, daß der junge Mann erschrak. Bittend streckte er die Hände aus.

Lore, verzeih! Es war ein übermütiges Spiel, so übermütig wie deine luftige Idee mit dem Por­trät auf dem Ei. Ich bin nicht Paul Allmann! Ich bin Pepita Arlesi aus Rom. Frisch heimgekehrt aus Afrika! Kannst du mir verzeihen, Lore? Du schriebst immer von einem schwarzhaarigen, glutäugigen Italiener, der das Ideal deiner Mädchenträume war. Und so fürchtete ich, ich würde dir nicht ge­fallen, blond und blauäugig, wie ich nun leider

Neigenfahren bekam man außerordentliche Leistun­gen zu sehen. Die Darbietungen ließen durchweg er­kennen, daß ganz im Stillen und unbemerkt von der Oeffentlichkeit in den Vereinen und von den einzelnen Fahrern eine eifrige und zäh gepflegte Ürainingsarbeit geleistet worden ist, die nun hier im Wettkampf eingesetzt und gezeigt wurde. Dabei fiel immer wieder auf, welch außerordentliches Maß von Körperberherrschung von den Kunstfahrern ver­langt werden muß, wenn sie sich in den Kämpfen um Gaumeisterschaften behaupten bezw. die nötige Punktzahl erreichen wollen, die zur Erringung einer Gaumeisterschaft Voraussetzung ist.

Im Einer-Kun st fahren trat zunächst der Wetzlarer Walter Göbel an, der nicht nur als ein ausgezeichneter Rennfahrer und Radballspieler be­kannt ist, sondern auch im Kunstfahren feinen Mann stellt. Von einigen Fehlern abgesehen, fuhr er seine Hebungen ausgezeichnet durch und errang mit 216,7 Punkten die Gaumeisterschaft gegen den Kasseler Nuhn, der es nur auf 198,7 Punkte brachte. Im Zweier-Kun st fahren kam es zu kei­nem eigentlichen Kampf und die beiden Kasseler U s i n g e r und Nuhn hatten ihr Augenmerk lediglich darauf zu richten, daß sie mindestens die vorgeschriebene Punktzahl erreichten. Mit 263,6 Punkten sicherten sie sich die Gaumeisterschaft.

Der Radfahroerein Anspach im Taunus zeigte dann einen hervorragend reibungslos gefahrenen Achter-Kunstreigen, der viel Beifall fand. Eine Wertung als Gaumeisterschaft erfuhr die gestrige Darbietung aber nicht, da der gleiche Reigen be­reits anläßlich der in Anspach ausgetragenen Be- zirksmeisterschasten schon als Gaumeisterschaft an­erkannt worden war.

Den großartigen Abschluß der Saalsportoeranstal- tung bildete das Auftreten des Deutschen Meisters im Sechser-Kunstreigen, der Mannschaft vonFlott­weg" Kastel, die im Meisterschaftstrikot (schwarz- weiß-roter Streifen mit Reichsadler) auftrat und einen Reigen fuhr, der an Schwierigkeiten wohl kaum zu überbieten war, dabei aber so exakt zur Ausführung gelangte, daß die Zuschauer zum Schluß spontan Beifall spendeten. Die Gaumeister­schafts-Veranstaltung nahm in ihrer Gesamtheit einen ausgezeichneten Verlauf. Daß sich die Fahrer unseres heimischen Bezirks dabei so ausgezeichnet behaupten konnten, mußte mit besonderer Freude erfüllen.

Oie zweite Runde um die Deutsche Fußballmeisterschaft.

Gruppe 1: in Berlin: Berliner SV. 92 Pol. Chemnitz 1:4 (1:0); in Königsberg: Hindenburg Allenstem- Schalke 04 1:4 (1:2).

Gruppe 2: in Gleiwitz: Vorw. Rasensp. Glei- witz Werder Bremen 5:2 (1:1); in Stolp: Dikt. Stolp Tvd. Emsbüttel 1:0 (1:0).

Gruppe 3: in Stuttgart: Stuttgarter Kickers Wormatia Worms 3:2 (2:0); in Jena: 1. SD. Jena 1. FC. Nürnberg 1:5 (0:2).

Gruppe 4: in Hanau: 1. FC. Hanau 93 SV. Waldhof 0:0; in Köln: Kölner CfR. Fort. Düs­seldorf 0:2 (0:1).

Oie Handball-Meisterschasts-Endspiele.

Gruppe 1: in Drtelsburg: Hindenburg Bi­schofsburg BSC. 92 3:14 (1:8); in Leipzig: MTSA. Leipzig Post Oppeln 10:5 (6:3).

Gruppe 2: in Hamburg: TV. Oberalster Post Hannover 10:7 (4:4); in Stettin: KTD. Stet­tin MTSA. Magdeburg 5:12 (2:4).

Gruppe 3: in Koblenz: TV. Obermendig Spvgg. Fürth 8:2 (3:1); in Geislingen: TV. Alten­stadt Hindenburg Minden 7:9 (3:6).

Gruppe 4: in Darmstadt: MSV. Darmstadt Kurh. Kassel 17:11 (10:5); in Mannheim: SV. Waldhof Rasensp. Mülheim 5:7 (3:3).

Fußball der Gießener Mannschafien.

1900 I Germania Marburg I 3:1.

1900II Germania Marburg II 5:4. DfB.-R. I Ockershausen I 2:7.

Gottes von Natur bin. Und so versuchte ich, erst einmal mich dir unerkannt zu nähern. Wirst du mir verzeihen können, Liebling?"

Heißes Flehen lag in seinen Worten. Schon hielt er sie an seinem Herzen. Aber die letzten Tage, mit ihren nagenden Zweifeln an ihrer Liebe zu Pepito, waren doch ein wenig zuviel für Lore gewesen. Sie zitterte am ganzen Körper und wäre zusam­mengesunken, hätte der Geliebte sie nicht fest, ganz fest gehalten. Aber Lore hätte nicht Lore Anker­mann fein müssen, mit ihrem energischen Willen und ihrer frischen Kraft, wenn sie länge fassungs­los geblieben wäre. Als Pepito Arlesi sie noch ein­mal fragte:

Sag. mir, Lore, kannst du mir vergeben und wirst du dich gewöhnen, daß ich blond bin und nicht dunkel?", da sagte sie unter Lachen und Wei­nen:Ich glaube, an dich werde ich mich über­haupt nicht gewöhnen, du gräßlicher Mensch!"

Und dann schloß sie ihre Arme mit einem Jubel- laut um seinen Hals und wußte nicht mehr, war es der Geliebte, der sie küßte, oder war sie es, die ihm ihre frischen, jungen Lippen bot. Selig ließ sie sich von ihm liebkosen, wieder und immer wieder.

Plötzlich schien ein ganz leiser Seufzer aufzu­klingen. Sternschnuppen zogen ihre Bahn, und den Liebenden war es, als streife ein kühler Hauch ihre glühenden Gesichter.

26. Kapitel. Heimwärts!

Drei glückliche, erwartungsvolle Menschen be­fanden sich an Bord des LuftschiffesSperanza". Mit großen Kinderaugen saß Jlaro regungslos am Fenster ihrer Kabine; sie konnte sich nicht satt sehen an dem Zauber der vorübergleitenden, ständig wechselnden Landschaftsbilder, die mit dem Meere in bunter Reihenfolge abwechselten.

Alles war ihr neu und fremdartig. Das zauber­hafte Flugschiff, die Maschinen, die es trieben, der Kommodore, der begeistert von der kleinen Jlaro war, und die Matrosen, die zu ihr aufsahen wie zu etwas Fremdartigem, Köstlichem.

So hatten der wiedergenesene Prinz Bonaglia und sein Retter, Doktor Heßling, Gelegenheit ge­nug, alles zu besprechen, was notwendig war, um Mariellas Ehre baldigst wiederherzustellen.

Durch die alles aufklärenden Telegramme des Herzogs der Abruzzen wußten sie bereits, daß es der kleinen Principessa gut ging, aber das war nicht viel. Auch der Tod Erhard von Hagens war ihnen durch die Mitteilung des Herzogs bekannt geworden. Sorgenvoll fragte sich Doktor Heßling, ob nun fein Weg zu Mariella frei wäre? Eine» schwor er sich indessen zu: er würde nicht eher rasten und ruhen, bis er auch den geringsten Schat­ten von dem Namen der Geliebten getilgt hatte, bis Mariellas Feindin, Annina von Gellern, der verdienten Strafe zugeführt war. (Forts, folgt.)