Ausgabe 
20.1.1936
 
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ttrjb Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 2Y.Zanuar ty36

Oie Freiflächen im Stadtbild.

Aufgaben und Ziele neuzeitlichen Städtebaus.

Von Fritz Schumacher.

Ueberall in Deutschland entfaltet sich eine großzügige Bautätigkeit, die das Gesicht vieler Städte und Gemeinden bereits wesent­lich verändert hat. In seinem im Verlag E. 21. Seemann, Leipzig, erschienenen Buch Strömungen in deutscher Bau- k u n st seit 1800" behandelt Fritz Schu­macher, der an der Lösung städtebaulicher Aufgaben entscheidend mitgewirkt hat, eine der wichtigsten Fragen dieses Gebietes, die Rolle der Freiflächen im Stadtbild.

Die F r e i p l ä tz e, die dem Sport dienen, werden immermehr Schlüsselpunkte der Bebauungs- plan-Gestaltung, denn der Sport, der vor dem Kriege noch um jeden Platz schwer zu kämp­fen hatte, wird nach dem Kriege ein Objekt bewuß­ter Pflege, mußte er doch einem Volk, das seine allgemeine Militärdienstpflicht aufzugeben gezwun­gen war, ein Ersatz für die damit verlorene Zucht und Leibesübung seiner Jugend werden. Die gut geleiteten deutschen Großstädte erkennen jetzt erst eine Id e a l f o r d e r u n g, die der Städtebauer schon früher erhoben hatte, als Norm ihrer Flä­chenpolitik an: 2,5 Quadratmeter Sport- und Spielplatz auf den Kopf der Bevölke­rung. Das bedeutet meistens mehr als eine Verdrei­fachung der bisherigen Anlagen. Köln konnte dies Ideal nunmehr erreichen, aber Hamburg brachte es beispielsweise trotz aller Anstrengungen nur auf rund 1,7 Quadratmeter, es hatte zu viel Sünden der Vergangenheit wieder gutzumachen, denn 1919 fand es nur 0,58 Quadratmeter Spielplatzfläche auf den Kopf der Bevölkerung vor. Das Beispiel zeigt, wie in dieser Zeit des Uebergangs trotz unbefriedigen­dem Endergebnis oftmals eine große städtebauliche Arbeit geleistet wird.

Die Grünflächen mit ihren Spiel- und Sport­plätzen bilden das Grundelement der Freiflächen­politik, durch die der Städtebauer die Gesamtmasse seines Stadtkörpers so zu gliedern versucht, daß nicht ein klumpenförmiges, sondern ein aufge­schlitztes Gebilde entsteht, das sich in die umgebende Natur mit Polypenarmen einsaugt, statt sich in Ringen gegen sie zu verschanzen. Um das erreichen zu können, bedarf es einer systematischen Zusam­menfassung alles dessen, was im Organismus einer Stndt als Freiland eines Rolle spielt, Flugplätze, Friedhöfe, Wasserflächen, Sportanlagen, Kleingär­ten, Wälder. Darüber hinaus wird es zur beson­deren Kunst, die Verkehrsbänder, die of­fengehalten werden müssen, organisch mit diesen Elementen der Freiflächen zu verbinden. Man sieht: es erwacht die neue Erkenntnis, daß nicht die Baufläche allein und ihre zweckdienliche Ent­wicklung Gegenstand des Städtebaues ist, sondern daß i)ie Organisation der Freifläche min­destens die gleiche Bedeutung besitzt, ja, man kann leicht merken, daß sie noch schwerer mit den Mit­teln durchzuführen ist, die dem Städtebau gesetzlich gegeb»n sind. als die Gliederung des Baulandes, denn der Gesetzgeber hat diesen grundlegenden Ge­sichtspunkt einstweilen noch nicht erkannt.

Dieser Blick für das Zusammenwirken großer positiver und negativer baulicher Massen ist schließ­lich nichts anderes, als die eigentümliche Fähigkeit der doppelten Vorstellung von Körper und Raum, die der Architekt auch bei Hausbau zu be­währen hat, nur wird sie vom Gebiet des Technisch- Individuellen ins Gebiet des Geographisch-Sozialen herübergezoqen. Es ist eine neue Art, die Gestal­tung des Lebens zu sehen, was hier zum Vor­schein kommt, eine Art, die auch auf die eigentlichen künstlerischen Probleme umaestaltend wirkt.

Man hat kurz vor dem Kriege davon geträumt, unsere Zeit werde den beherrschenden Domen frühe­rer Stadtentwicklunq eine neue Art vonStadt­kronen" gegenüberstellen können, in den unsere

heutigen Bedürfnisse nach künstlerischer und gei­stiger Kultur und gehobener Festesstimmung mit allerlei sozialen Bedürfnissen vereinigt und zu ge­waltigem monumentalen Ausdruck gebracht werden würden. Projekte von Weihetempeln aus Glas und Eisen haben solche Wunschphantasien, die zwanzig Jahre früher etwa in Otto Rieths Skizzen ihre andersartige Gestalt fanden, greif­baren Ausdruck gegeben. Der Glaube an diese Form der Verwirklichung jener Regungen war ein weltfremder Irrtum; die Erfüllung liegt vielmehr nach einer ganz anderen Seite, einer Seite, bei der im ersten Augenblick die weithin erkennbare Gipfe- lung in einem Bau fehlt und doch ein nicht kleiner architektonischer Geist wirksam gewesen sein kann. Wir sehen sie in einer zielbewußten städtebaulichen Zusammenfassung aller der jetzt meistens im Stadtkörper willkürlich zerstreuten Bauten, in de­nen sich der soziale Wille heutiger Ge­meinwesen äußert: Schulen, Volkshaus, Bade­anstalt, Volksbibliothek, Theater. Auch die archi­tektonischen Gipfelungen der neuen Großstadt kön­nen selbst in dieser kunstgeleiteten Konzentrierung öffentlich-sozialer Bauten nicht allein gefunden wer­den, wir müssen sie vielmehr suchen in Zusam­menhängen von Freiflächen mit Bau­ten, in großgedachten Gefügen, bei denen Raum­bildungen der freien Luft mit steinernen Raumbil­dungen Zusammenwirken. Unter den Elementen neuen Lebens, die in heutigen Zentralschöpfungen ihren Ausdruck finden, spielt die Leibesübung und die Betätigung in freier Luft im Ge­gensatz zu früheren Zeiten eine solch gewaltige Rolle, daß wir uns keine plastische Verwirklichung unserer Kulturideale mehr vorstellen können, die allein in Mauern voll erfüllt werden kann. Nicht allein in den Symptomen der Industrialisierung un­serer Städte, auch im Beginn dieser baulichen

Am Freitagnachmittag fand im Hörsaal des Landwirtschaftlichen Instituts zu Gießen eine Vor­tragsveranstaltung des Vereins der Freunde des ländlichen Genossenschaftswe­sens statt, die zwei interessante Referate brachte. Zunächst sprach

Or. HiNemann, Frankfurt a. M., über die Bedeutung der landwirtschaft­lichen Genossenschaften, über ihre For­men und ihr Wesen. Er gab in seinen einleitenden Worten zunächst einen Ueberblick über die in Deutschland, bzw. im Bezirk Frankfurt a. M. be­stehenden ländlichen Genossenschaften und unter­schied sie nach ihrer Art. Anschließend beschäftigte er sich mit dem inneren Wesen der Genossenschaft.

Der Aktionär gebe, so führte er u. a. aus, Geld in der bestimmten Absicht, dafür Dividende zu er­halten. Es handelt sich hier also um ein rein ka­pitalistisches Streben. In der Genossenschaft braucht man zwar auch Kapitel, es mache aber nicht ihr Wesen aus.

Genossenschaft sei in erster Linie Personenge­meinschaft. Dieser ethische Wert halte die Ge- nossenschaftssorm hoch.

Jrn Vordergrund stehe der Mensch und nicht das Kapital. Wenn auch aus der Personenqerneinschaft der Genossenschaft manchmal Schwierigkeiten er­wachsen könnten, so bedeute das keinen Beweis gegen den inneren Wert der Genossenschaft an sich.

Die praktische Arbeit der Genossenschaften auf dem Lande bestehe zwar zu einem großen Teil aus Geldgeschäften, jedoch selbst bei Kreditgenos­senschaften' sei es nicht die einzige Geschäftsform.

Herausarbeitung ihres sozialen Or­gans liegt etwas für diese Zeitepoche Charakteri­stisches.

Die Ansätze zur Verwirklichung solcher Ziele sind noch bescheiden und vielfach aus dem fest­gelegten Plan erst zur Sichtbarkeit entwickelt. Das ist für unsere Beurteilung nicht entscheidend. Alles, was wir hier von städtebaulichen Dingen sagen, steht unter der Ueberschrift eines Wortes von Alois Riegl:Kunstgeschichte ist nicht Geschichte des künstlerischen Könnens, sondern Geschichte des künst­lerischen Wollens." Es liegt in der Natur städte­baulicher Arbeiten, daß sie zu der Zeit, wo ihr künstlerischer Gedanke geboren und durch Beschlüsse lebenskräftig gemacht wird, nur erst im Reich des kulturellen Wollens stehen. Aber man würde auch ein sehr mangelhaftes Bild vom künstlerischen Le­ben und von den künstlerischen Leistungen der Zeit, von der wir sprechen, haben, wenn man sich nicht die in der Öffentlichkeit unsichtbare Arbeit vergegenwärtigte, die darin liegt, daß es wohl keine bedeutendere deutsche Stadt gibt, die nach dem Krieg nicht das Wunschbild ihrer Ent- wicklung nach neuen von sozialem und künstle­rischem Reformgeist getragenen Zweckpunkten in Form eines Generalbebauungsplanes festgelegt hat...

Wenn die Generation, die diese entscheidende Wendung des architektonischen Lebens erarbeitet hat, selber noch nicht mehr von ihrer Saat hat ern­ten können, so liegt das nicht nur in der unab­änderlichen Natur solcher Arbeit, sondern zum we­sentlichen Teil auch darin, daß sie bei ihren prak­tisch in die Erscheinung tretenden Leistungen zu kämpfen hatte mit den nicht mehr austilgbaren Sünden ihrer Vorgänger. Das Ringen mit halb- entwickelten, gesetzeskräftigen aber ganz unzuläng­lichen Bebauungsplänen ist eines der äußerlich unscheinbarsten, aber doch wichtigsten Kapitel dieser Zeit der Genesung. Es ist ein undankbares Ka­pitel, denn die relativen Ergebnisse, die dabei nur zu erreichen sind, werden dem mühsam Ringenden nur zu oft als Ziel seiner Wünsche ausgelegt und entsprechend gewertet.

Meist sei mit den Kreditgenossenschaften auch Wa­rengeschäfte verbunden. Die Kreditgenossenschaften seien jedoch völlig eingespannt in alle Formen ge­nossenschaftlichen Geldgeschäftes. Wer einer solchen Genossenschaft vorstehe, müsse über umfangreiche Kenntnisse, ja sogar über Spezialkenntnisse ver­fügen. Mit dem Warengeschäft sei es nicht anders. Der Vorstand müsse besonders bann spezielle Kennt­nisse haben, wenn in seinem Absatzgebiet besondere Dinge verlangt würden. Vor allem muß von den leitenden Personen verlangt werden, daß sie bu­chungstechnisch auf der Höhe sind. Die Vorschriften der Marktregelung, wie auch die steuerlichen Vor­schriften forderten genaue Beachtung. Erwähnens­wert sei, daß die Molkerei- und Milch-Absatzorga­nisationen in unserem Bezirk hinsichtlich ihrer Durchorganisation mit an der Spitze im Reiche stünden.

Für die ländlichen Genossenschaften bildeten sich täglich neue Erfordernisse heraus, denen man ge­recht werden müsse. Ueberall müßte deshalb Fach­wissen vorausgesetzt werden bei allen denen, die für den Geschäftsverkehr in der Genossenschaft ver­antwortlich sind. Selbst die Arbeit der Dreschge­nossenschaften sei nicht so einfach, wie es auf den den ersten Blick hin erscheinen könne. Auch hier seien umfangreiche praktische Erfahrungen voraus- Zusetzen.

Weist ergebe sich in einer Genossenschaft ein ganzes Konglomerat der verschiedensten Tätigkeiten.

Die Fragestellung, die uns gegenwärtig besonders berühren müsse, laute:Ist unser Bezirk mit Ge­nossenschaften übersetzt?" Die Beantwortung dieser

Frage sei, so fuhr der Redner fort, nicht leicht, und könne auch nicht grundsätzlich erfolgen. Die Beant­wortung ergebe sich aus der Sachlage in jedem ein­zelnen Dorfe. Man könne aber zunächst der Mei­nung sein, daß in Orten bis zu 1000 Einwohnern das Geld- und Warengeschäft sehr wohl in einer einzigen Genossenschaft vereinigt sein könnten. Wenngleich nicht zu leugnen sei, daß sich auch hier Gefahren ergeben könnten. Es sei meist schwierig, eine Vereinheitlichung im Genossenschaftwesen durch­zuführen, Zusammenlegungen zu veranlassen. Für das Geldgeschäft bestünden durch die Revisionsver­bände zwar die gesetzlichen Handhaben zu Zwangs­zusammenlegungen, für das Waren- und Absatz­geschäft allerdings nicht. Immerhin sei es möglich, Vereinigungen und engere Verbindungen unter den örtlichen Genossenschaften durch personelle Ver­zahnungen zu schaffen. Zwangsläufige Rationalisie­rungen könnten sich aber, so betonte der Redner zum Schluß sehr unglücklich auswirken. (Lebhafter Beifall.)

Bezirksbauernführer Michel, Habitzheim i. £>.,

sprach sodann über seine Gedanken hinsichtlich der Schaffung von Dorfgenossenschaften. Er wies einleitend darauf hin, daß es endlich aufhören müsse, daß in Dörfern gegeneinander gearbeitet werde, wie es leider häufig noch der Fall sei. Ver­einigungen seien notwendig, wenn sich die Verhält­nisse bessern sollten. Der Bauer habe durchaus Ver­ständnis für Zusammenschlüsse, denn der Bauer sei ja immer wieder auf die Gemeinschaft angewiesen. Nur müsse alles, was hier geschehe, auf der Grund­lage der Gerechtigkeit aufgebaut fein. Dem einzel­nen dürften keine Sondervorteile eingeräumt wer­den, die man dem anderen versage. Der Bauer wisse, daß er der Führung bedürfe, damit er sich seiner Erzeugungsarbeit mit einer um so größeren Energie widmen könne. Er müsse aber auch wissen, daß er für seine Erzeugnisse Absatz finde und zu Geld kommen könne.

Der Gedanke der Gemeinschaft im Dorfe sei schon immer lebendig gewesen und stelle ein Jdealziel dar. Mit Hilfe der Genossenschaft, die das ganze Dorf erfasse, müsse es möglich sein, die Dorfgemein­schaft als Volksgemeinschaft vom Wirtschaftlich-n her vertiefen zu helfen. Es solle aber zu Dorf- genossenschaften kommen können, ohne daß dabei dem einzelnen Bauern die Initiative für den eigenen Verkauf seiner Erzeugnisse genommen werde. Zum Erzeugungswillen müsse ihm anderseits aber auch die Erzeugungsmöglichkeit gegeben werden. Eine gesteigerte Leistung eines jeden Bauern im Dorfe würde aber häufig nur möglich fein, mit Hilfe der Dorfgemeinschaft, die dem helfen müsse, der die wirtschaftliche Grundlage oder die Kenntnisse als Voraussetzung für eine gesteigerte Erzeugung von sich aus nicht habe. Im übrigen würden die Dorf­genossenschaften, wie die Genossenschaften über­haupt den Kaufmann nicht ausschließen. Von den­jenigen, die dem Bauern seine Waren abnehmen, müssen aber pünktliche Zahlung erwartet werden. Dabei solle nach Möglichkeit das Geld des Dorfes immer auch dem Dorfe erhalten bleiben.

Gewinne, die von der Dorfgenosienschafk erzielt würden, müßten dazu verwandt werden, den Dauern die kreditnahme zu ermöglichen. Auf diese Weise könne dem wirtschaftlichen Schwä­cheren geholfen werden, ohne daß der Stärkere irgendeine Einbuße erleide.

Vor allem gelte es aber, als Voraussetzung für die Schaffung von Dorfgenossenschaften die vielen Widerstände zu überbrücken, die sich aus persön­lichen Gegensätzen herausgebildet haben. Erst dann werde das zu erreichen sein, was im Interesse einer Leistungssteigerung des ganzen Dorfes im Sinne der Erzeugungsschlacht notwendig sei.

In einer angeregt verlaufenen Aussprache wur­den anschließend an die beiden Vorträge noch ver­schiedene spezielle Fragen des Genossenschaftswesens erörtert. Mit Worten des Dankes schloß Dr. Pfaff die Vortragsveranstaltung.

Das Wesen der ländlichen Genoffenschaffen.

Schmuggel.

Von Hans Friedrich Blunck.

Aus der Dänenzeit erzählte ein alter Oheim uns Kindern einmal eine Geschichte, die uns um so lebhafter in der (Erinnerung haften blieb, als der Schmuggler Hickedutt und seine Braut aus der Verwandtschaft waren. Aber der Schmuggel galt damals, es war dicht vorm Aufstand, in Holstein als eine vaterländische Angelegenheit, ich brauche die Geschichte deshalb nicht zu verhehlen.

An der Küste im Nordwesten unseres Landes liegen drei kleine Häfen nebeneinander, Norderloh, Middelburg und Süderloh. Norderlohn und Süder- loh waren damals dänische Zollstationen und mit Kommissaren und Gendarmen dicht besetzt, aber in Middelburg wurde am sträflichsten geschmuggelt, da hätte die Regierung am ehesten aufpassen

sollen.

Wichtiger für meine Geschichte ist noch, daß in Süderloh ein junger Schiffer wohnte, der hatte einen ordentlichen Taufnamen wie wir alle. Aber jedermann nannte ihn kurz Hickedutt. Dieser Hickedutt war ein hübscher Kerl und hätte längst eine Braut von den Großen Höfen haben können. Aber es hieß von ihm, daß er mit einem Mädchen von Norderloh versprochen sei, mit der Tochter des Kapitäns Raven, einem Manne, dem alle dänischen Zollkommissare allzu gern den Schmuggel nach- aewiesen hätten, ohne daß es ihnen cm einziges Mal gelungen wäre. Denn Kapitan Raven hatte keine Heimat, er wohnte auf feiger Bark draußen auf See, aber feine Tochter hatte er m Norderloh bei einem Verwandten untergebracht. Und sie muh ein schönes Mädchen von untadeligem Rus ge­wesen sein; mein Großohm, der mir diese Ge­schichte erzählte, tat immer einen tiefen Seufzer, wenn er den Namen nannte. _ . .

Eines Tages ist aber auch die hübsche Tilde m das Schmugglergewerbe ihrer Landsleute verstrickt worden, ob wollend oder nicht wollend, weiß man nicht genau. Und das ist so gekommen:

Den dänischen Behörden war bekannt geworden daß Kapitän Raven allerhand Ladung m England eingetauft hatte, Gewehre, Pulver und vielerlei mehr. Und obwohl alles ordentlich nach Hamburg verklart war, gab man doch den Kommissaren in Süderloh und in Norderloh rechtzeitig einen Wink und mahnte beide zu größter Wachsamkeit. Und beide dachten an ihre Pflicht und an tue Prämie beim Fang solcher Ladung, spitzten die Ohren, waren schon im voraus scheelsüchtig aufeinander und be­gegneten einander jeden Tag halben Weges zwischen

Süderloh und Norderloh im großen Gasthaus am Middelburger Deich. Und der Kommissar in Süder­loh beobachtete den armen Hickedutt, der Kapitän Ravens Freund war und ließ seine We^e über­wachen. Der Kommissar von Norderloh aber ver­folgte eine andere Spur; er ließ die schone Tilde Raven nicht eine Stunde aus den Augen. Und beide Herren schrieben an das Hauptzollamt, die hohe Behörde solle sich keine Sorge machen, sie wüßten in ihren Bezirken Bescheid und bei ihnen käme keine Ladung an Land, auf die sie nicht schon mit dem Fernrohr Beschlag gelegt hätten.

Nun wurde das Warten mit der Zeit aber ärger­lich und beunruhigend und beide Herren waren dar­auf aus, ihre Wachsamkeit zu verschärfen. Als der Kommissar Arelsen von Norderloh deshalb eines Tages beobachtete, wie der Postbote der Tochter Kapitän Ravens einen Brief aurhändigte, hielt er es für seine Pflicht, einzuschreiten. Er hielt das schone Fräulein Tilde also mit einem höflichen Kratzfuß an und wünschte ihm viele schöne Son­nentage wie diesen. Aber dann mußte sie trotz allen Schmollens das Schreiben aus dem Tuch unterm Kinn heraufholen. Und Axelsen las es im Namen des Gesetzes.

Er gab es schweigend wieder zurück und tat, als müsse er sich sehr entschuldigen. Aber sein Herz lachte. Der Brief kam nämlich von Kapitän Raven und besagte, seine Tochter Tilde solle sich an eben diesem Tag des Abends spät im Middelburger Krug einfinden. Er käme mit seinem Boot vor und hätte mit seiner Tochter Hochzeit und Aussteuer festzu­legen.

Auch Hickedutt in Süderloh bekam in aller Öffentlichkeit durch die Post einen Brief, der ihm ähnliches aufgab. Und die Post, die seine Briefschaft sorgfältig prüfte, gab sogleich Nachricht an den Kommissar Sjoland in Süderloh. Der nahm die Sache so wichtig, wie sie war. Er war nicht so plump wie sein Kollege in Norderloh, er beschlag­nahmte keine Briefe, um keinen Faden zu zerreißen. Dafür bot er aber alle Gendarmen auf und beob­achtete mit Heimlichkeit und viel Aufwand den Schiffer Hickedutt, wie er mittags zum Barbier ging, danach zum Wäschemann, wo er sich einen Kragen und eine neue Strickjacke erstand. Und man beobachtete, wie Hickedutt bei waberndem Heiß­wetter den Weg nach Middelburg einschlug um Kapitän Raven und die schöne Tilde zu treffen. Wie es im Brief gestanden hatte.

Es war den Zollkommissaren nicht angenehm, daß sie infolge so großer Wachsamkeit einander wieder einmal in der Schenke von Middelburg beim dicken Wirt Molsen begegneten. Aber es konnte auch

nicht mehr schaden; sie waren beide des Wartens müde und harrten auf Fang und Prämie. Ihre Leute, aus allen Stationen zusammenqezogen, lagen wohlgerüstet in den Prielen von Middelburg, sie' selbst beobachteten sprungbereit zwischen Teepunsch und Grog die Brautleute, die sich in einer Ecke des Kruges eingenistet hatten und in Erwartung des Kapitäns mit dem dicken Wirt und lieber noch mit­einander schwatzten.

Und der Krug war voll von Schiffern und ar­beitslosen Schiffsleuten, kaum wußte man, wo sie herkamen, und man und trank vom Abend in die tiefe Nacht hinein. Die Stunden gingen. Kapi­tän Raven verspätete sich. Aber diese Art Leute lassen meistens auf sich warten, das nahm man in Kauf. Einmal wurden auch Hickedutt und die schöne Tilde unruhig und gingen deichlängs spazieren. Der Mond lachte, und hinter allen Fliederbüschen folg­ten aufmerksame Schritte. Sie wanderten bis ins Vorland und die Herren Kommissare verdoppelten ihre Wachsamkeit, ihre Gewehre lagen bereit, um anzuhalten, wer immer zu den beiden stieße.

Das Liebespaar schien es nicht zu merken, es ließ sich vom Mondlicht treiben, es lief Arm in Arm an den schlafenden Häusern entlang und die zwei Menschen waren so ausgelassen, daß es die Dänen bei so ernsten Dingen verdroß. Endlich kamen sie wieder zum dicken Wirt Molsen. Und sie neckten einander laut und fragten ' scherzend, wo der Ka­pitän doch bleibe, ließen sich aber besänftigen und von der Wirtin gut beraten wegen Einkaufs von Wäsche und Küchengeräte. Jedermann konnte dabei zubören.

Die armen Kommissare begannen zu gähnen, alle Leute gähnten und warteten und warteten, bis die Glocke Mitternacht schlug, bis es ein Uhr wurde und endlich nur noch zwei verblüffte Herren vom Zoll und die armen Wartenden allein im Krug saßen. Endlich sagten sich aber auch Tilde und Hickedutt, daß Kapitän Raven wohl schlechten Wind gehabt habe, sie trennten sich wie es einem Braut­paar geziemt. Und so weit man ihnen auch auf der Spur blieb, es war nichts anderes festzustellen, als daß die schone Tilde vom Wirt Molsen selbst1 nach Norderloh heimgefahren wurde und daß Hickedutt auf feinen Schuhen den Weg nach Süder- lob suchte.

Wohl aber erfuhren die Zollkommissare anderntags durch reitende Boten, in der Nacht sei die bekannte Schmuggelbark des Kapitäns Raven auf See von einem dänischen Kanonenboot angehalten worden, sei jedoch schon ohne Ladung gewesen. Ob dort Beweise gegen den (Eigentümer vorlagen? Die bei­den Kommissare konnten aber nur berichten, daß in

Middelburg nichts ausgeladen fei. Und an Bewei­sen hatten sie nichts als die zwinkernden Augen und das vralle Schmunzeln der Leute in Norder- ' loh und Süderloh, und das genügte nicht zur lieber- führung.

Haydn-Anekdote.

Der große Komponist Josef Haydn verfügte über ein goldenes Gemüt. Das bewies er einmal einem jungenRivalen".

Zwei Vettern, Andreas und Bernhard Romberg, junge Komponisten, besuchten auf ihrer Rückreise von Italien Heydn, den sie schwärmerisch verehrten. Und Haydn nahm sie liebevoll auf, verschaffte ihnen Zutritt in die einflußreichsten Häuser Wiens und ernannte den Andreas Romberg sogar zu sei­nemlieben Sohn".

In einem berühmten musikalischen Salon, wohin er die Beiden gebracht, legte er eines Tages nun die Stimmen zu einem Quartett auf.

Ah etwas Neues, das der Haydn hat1*

Das Quartett wird gespielt und zum Schluß erheben sich alle Gäste, umdrängen den Meister und jubeln ihm zu.

Hat's Ihnen wirklich gefallen?" fragt Haydn.

O Meister: es war göttlich"

Ach, wie mich das freut! Denn das Quartett ist von dem jungen Mann da! Komm her, mein Sohn Andreas, bedanke dich!"

Weltrekord imLustanhalten^.

Bereits der englische Naturforscher Michael Fara­day hat 1833 eine Abhandlung über die Mittel ver­öffentlicht,wodurch man die Respirationswerkzeuge so vorbereiten kann, daß man den Atem lange bei sich zu halten imstande ist." Er wies darauf hin, daß der der Mensch es durch tiefes Atemholen er­reichen kann, die doppelte Zeit unter Wasser oder in unatembaren Gasen zu bleiben. Nun ist vor kurzem, wie in der im Hugo Bermühler Verlag, Berlin erscheinenden MonatsschriftDer Natur­forscher" mitgeteilt wird, in Saint Denis bei Paris von einem Sportklub ein Wettbewerb veranstaltet worden, bei dem ermittelt werden sollte, wie lange es die insgesamt 22 unter Wasser tauchenden Test« nehmer ohne Atemholen aushalten konnten. Einer der Wettbewerber, ein Mann von kräftigem Kör­perbau, brachte es auf 2 Minuten und 38,5 Se­kunden. Die bisherige Höchstleistung, die von einem Amerikaner erzielt worden war, ist damit um ganze 31 Sekunden Überboten worden.