Nr. 2Q6 Zweites Matt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesten)Sreitag, lk.Vezember 1956
Sem Mimen flicht die Nachwelt Weine Kränze.
Ein Anekdotenkranz ums Wiener Burgtheater.
Demnächst erscheint der neue Willy-Forst- Film „Burgtheater". Um das ehrwürdige Haus, um seine großen Darsteller und Direktoren rankt sich ein Kranz von kleinen Geschichten und Erinnerungen. Hier sind einige:
Bon dem bedeutenden Charakterspieler Bernhard Baumeister, der bis zu feinem 80 Lebensjahr auf den Brettern der Burg wirkte, erzählt man man sich, daß er rom Souffleur sehr, sehr abhängig war Je älter, desto abhängiger Eines Abends steht Baumeister wieder umjubelt auf der Bühne; er spalte seine Glanzrolle, den „Richter von Zalamea" Plötzlich wird Baumeister nervös verwirrt. Er bemerkt mit Schrecken, daß der Souffleurkasten stockdunkel wird, — die Kerzen waren nämlich bis zum letzten Stumpf niedergebrannt Es war kurz vor dem Aktschluß und Baumeister starrt in den finsteren Kasten und wartet und wartet auf seinen letzten Satz und der kommt und kommt nicht Aber auch dieser Akt ging einmal zu Ende und kaum war der Vorhang gefallen, als Baumeister sich auf den „Kastengeist" stürzt und ihn am Schlafittchen packt: „Menschenskind, was denken Sie sich denn eigentlich! Da hört doch alles auf! Wie oft haben wir schon das Stück gehabt! Den einen einzigen lumpigen Satz hätten Sie doch wenigstens auswendig lernen können!"
borgenes Talent aufzufpüren. Er war ein fabelhafter Talententdecker, er sah auch dort die Begabung, wo sie von Mängeln überwuchert oder auf falscher Fährte war. Dem jungen Fritz K r a st e l, den er in Karlsruhe ausstöberte und der ihm voller Leidenschaft und Schwung vorsprach, sagte er nur kurz: „Junger Mann, Sie haben viel Feuer, aber noch mehr Dialekt. Feuer kann bleiben. Dialekt muß weg!" Und er engagierte ihn sofort für die Burg, deren umjubelter Held und Liebhaber Krastel lange Zeit wurde — nachdem der Mannheimer Dialekt abgeschliffen war
Dem jungen Ludwig G a b i l l o n , den Laube aus Hannover holte, erklärte er: „Ich weiß, Sie können etwas, ich weiß nur noch nicht was " Bald genug hat sich herausgestellt, was Gabillon konnte. Er wurde einer der größlen Lieblinge der Burg; bald gab es ein „Gabillonfach", einen Gabillon- raufch; zu „ihrem" Gabillon stürmten die Wiener in Scharen.
Auguste Baudius, bis ins Greisenalter am Burgtheater hochgeschätzt, entdeckte Laube als Anfängerin in Breslau in einer Rolle, die aus zwei Worten bestand: „Mein Vater!" Das genügte dem
Talententdecker. Sie wurde engagiert. — Laube war es auch der beim ersten Hören der Josephine Wessely. Paulas Tante, sofort sagte: „Die wird! Sie hat Tränen m der Stimme." Und sie wurde.
Ebenso sprichwörtlich wie Laubes Spürsinn war seine schlesische Geradheit. „Waidmännisch rauh" nannte ihn D e v r i e n t. Diese Rauhheit bekam einer zu fühlen, der es für nötig fand, vor dem Vorsprechen eine wortreiche Erklärung abzugeben, etwa so: „Natürlich, ich sehe es ein, das Talent ist die Hauptsache Aber immerhin, zum Erfolg gehört auch eine Portion Frechheit" L aube hörte ihn ruhig an. Nach dem Dorsprechen meinte er: „Sie, mein Lieber, müssen es mit der Frechheit versuchen!" *
Die zärtliche Liebe der Wiener zu „ihrer Burg" charakterisiert kurz folgendes Anekdötchen: Journalisten verschiedener Nationen sollten je einen Artikel über das gleiche Thema schreiben, — über einen Elefanten. Der sportlich eingestellte Londoner schrieb flugs einen Aufsatz „Wie ich in Indien meinen ersten Elefanten erlegte." Sein Pariser Kollege äußerte sich über „Das Liebesleben des Elefanten in Afrika". Der Berliner lieferte eine Abhandlung „Der Elefant, sein Verstand und feine geistigen Kräfte in der freien Natur und in zoologischen Gärten." Und was tat der Wiener? Er dichtete ein wehmütiges Feuilleton: „Erinnerungen eines betagten Elefanten an das alte Burgtheater."
Mit Der Hiller-Jugend in Italien.
Erinnerungen eines Gießener Hitlerjungen.
Don Fritz Dölzing, Gießen.
Hitler-Juaend im Forum Mussolini. — (Ausnahme: Dölzmg, Gießen.)
I
:■>
♦
Larnpenfieber ist eine schreckliche Sache. Man hört und sieht nichts vor Aufregung. Davor schützt kein Talent keine Intelligenz So ging es auch der großen Schauspielerin Julie Rettich, der man einen besonders starken Geist, eine besonders hohe Intelligenz nachrühmte neben ihrer hervorragenden Schauspielkunst. Aber es nutzte ihr alles nichts, sie stand — vom Hoftheater Dresden kommend — zum ersten Male auf der Bühne des Wiener Burgtheaters als Desdemona — und schlotterte vor Lampenfieber. Als Othello in vollster Raserei der Eifersucht auf sie zustürzte mit den Worten „Ha, was bist du?" antwortete sie statt „dein unschuldiges, getreues Weib" mit hingebungsvollem Augenaufschlag: „Sein schuldiges, ungetreues Weib!" Aus.
Als die berühmte Charlotte Wolter noch nicht berühmt war, sollte sie im damaligen Viktoria- Theater in Berlin ihre erste große Rolle spielen, die Hermione in Shakespeares „Wintermärchen" D i n g e l st e d t, der spätere Burgtheaterdirektor, der das Stück bearbeitete protestierte gegen diese Besetzung: „Die ist ja um einen Kopf zu klein." „Warten Sie ab", meinte der Direktor des Vikto- riathenters, „nach der ersten Szene wird sie um zwei Köpfe größer sein!"
Und die „kleine" Wolter erreicht gerade unter Dingelstedts Direktion am Burgtheater ihre größte Gröhe.
*
Friedrich Mitterwurzer, einer der genialsten Schauspieler aller Zeiten war plötzlich, auf dem Zenith feines Ruhmes, 50 Jahr- alt, gestorben Diev Fahne d?s Burgtheaters sank auf Halbmast: ein ganz Großer war dahingegangen. Fas- fungslos standen die Kollegen umher, sie wollten die Trai<rbotschaft nicht glauben Ein Volontär, über dessen Talentlosigkeit sie sich schon lange geärgert hatten, kommt ahnungslos dazu: „Was ist denn hier eigentlich los?" Totenstille Endlich ruft einer der Größen der Burg klagend aus. „Mitterwurzer ist tot! und so was lebt!"
Dieser spontane Ausbruch eines Schmerzes ist ein geflügeltes Wort geworden.
Der Burgtheaterdirektor Heinrich Laube, einer der bedeutendsten, die es je hatte, war bekannt für feinen untrüglichen Riecher, wenn es galt, ein ver-
III*.
20. September Bereits um 5 Uhr werden wir geweckt. Um 6.30 Uhr fahren wir mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof Um 8 Uhr nehmen wir Abschied von Florenz Wir rojerfen noch schnell einen Blick auf ben neuen Bahnhof Zur Linken blickt das liebliche Fie- fole von feiner Höhe herab, zur Rechten schlingt sich das silberne Band des Arno durch das grüne Hügelland. Die Fahrt geht nun durch die Hügel von Chianti und die Berge des Casentino, vorbei an der Vaterstadt des Dichters Francesco Petrarca, die der hohe durchbrochene Turm der Stadtkirche überragt. Dann geht es
in das breite fruchtbare Tal von Chiana hinab, wo sich zwischen den Aeckern Reben von Baum zu Baum ranken An der Schwelle von Umbrien dehnt sich still und klar wie der Himmel dieses Landes der Trasimenifche See mit der Jsola Maggiore. Bei dem etruskischen Chiusi nehmen wir Abschied von Toscana. Umbrien, das wir schon beim Trasimenischen See berührt haben, nimmt uns auf. Es zeigt uns bald daraus auf hohem Tusfsockel eine seiner schönsten Städte: Orvieto, wo Signorelli in den Fresken des Jüngsten Gerichts ein Werk geschaffen hat, das an Dante und an Michelangelo zugleich mahnt. Von Orvieto aus folgt die Bahn dem Lauf des Tiber. Die Landschaft scheint immer weiter und stiller zu werden, je tiefer wir in Latium einbringen Unabsehbare Felder und einsame Gehöfte kündigen die römische
* Teil I in Nr. 293, Teil II in Nr 295 des „Gießener Anzeiger"
Campagna an, Die Der Faschismus zu neuem Leben erweckte. Von Orte bis Rom berührt die Bahn keine bedeutenden Städte mehr.
In wenigen Minuten find wir am Ziele — Rom. Vor dem Bahnhof, auf dem Piazza Efedra, erwartet uns eine riesige Menschenmenge. Beim Verlassen des Bahnhofs bricht unter der riesigen Menschenmenge großer Jubel aus. Wir marschieren in das Quartier. UeberaU bekundet uns die Bevölkerung der ewigen Stadt, der Metropole des klassischen Altertums und des Mittelpunkts des neuen faschistischen Italiens, ihre Sympathie Schon die ersten Stunden unseres Aufenthaltes in Rom bringen uns eine Fülle von neuen großartigen Bildern, unvergeßlichen Eindrücken und Erlebnissen. Rom ist ein kurzer, vvllklingender Name, der im Lauf der Jahrhunderte über die Meere nach den fernsten Ländern flog und als ruhmreiches und erhabenes Symbol der Macht, der Kultur und der Schönheit eine ganze Welt von
umaMten r Vie schön ist das Gefühl, mit dein inan die ganze Velt umarmen möchte. Schaum, wein macht so froh, so unbe- schreiölich glücklich........
SCHAUMWEIN
freinat JvoriSisin'
Vorbeimarsch der HI. am Duce. (Aufnahme: Reichsjugendführung.)
Licht, Gedankenfülle und unsterblicher Schönheit irt sich begreift.
21. September. Wir besuchen unter der fach- kundigen Führung von in Rom ansässigen reichsdeutschen Volksgenossen das Ruinenfeld der Antike. Wir besteigen den Palatin und verschaffen uns einen unmittelbaren Gesamteindruck und sehen das Forum Romanum, die Paläste des Flavier, des Tiberius sowie die Säulenhallen aller anderen Kaiserpaläste. Geschichte, Religion, Kunst, Legende, Mythus, Dichtung, Archäologie und Recht mit ihrer hundertjährigen Geschichte, ihren mannigfaltigen Schulen, Strömungen, Ausdrucksformen und Abteilungen haben Rom einen Stempel der Eigenart aufgedrückt, der seinesgleichen auf der Welt nicht mehr hat. Die Fülle der Sitten und Gebräuche, die an den Mauern den Palästen, Brunnen, Denkmälern in ihrer Gesamtheit zum Ausdruck kommt, schlägt den Fremden mit einem geheimnisvollen Zauber in Dann.
Am Nachmittag werden wir im italienischen Kultusministerium vom Minister für nationale Erziehung d e Vecchi empfangen Die ganze Empfangsfeierlichkeit steht im Zeichen der freundschaftlichen Verbundenheit der deutschen und der italienischen Jugend. In seiner Ansprache, die uns immer satzweise von Bannführer M a r u m übersetzt wird, betont der Minister, daß sich das faschistische Italien freut, die deutsche Jugend in den Mauern des alten Roms begrüßen zu können. Weiterhin erklärt er, daß die Zukunft beider Länder
Wo her Wechnoch'sbaum ein Tovfgewäcks ist...
Don Dr. Gustav Eberlein.
Rom, im Dezember.
Daß wir die stille, die heilige Nacht um so tiefer empfinden, daß wir dann sogar einen besonderen Zauber in die Weihenacht hineinlegen, wenn der Schnee so recht unter den Schuhen knirscht, Eiszapfen an den Dachrinnen hängen und der Himmel flockenschwer verhangen bleibt, das ist eines jener Geheimnisse, die niemand ergründen kann, es sei denn mit der Wünschelrute des deutschen Gemüts. Denn legendennäher wäre doch der sternenbesäte, blauschwarze Derheißungshimmel, die Hirten auf dem Felde, der offene Stall mit der glanzumsponnenen Krippe — die Weihnacht des Südens. Vorige Woche haben die Fremden aus dem Norden noch im Meer gebadet, in Capri und Amalfi, auf Tus- kulum sitzen wir in Hemdärmeln in der Sonne, und in Rom kann man seinen Espresso-Kaffee noch immer auf der Straße trinken; nachts fällt der Scheinwerfer des offenen Wagens nicht selten auf einen gemächlich trabenden Esel, ein Mann führt ihn, und im Sattel hockt eine junge Mutter, das Kind in den Armen — man denkt dann an fromme Chronisten, an die Darstellungen christlicher Kunst, o ja aber Weihnachtsstimmung kommt nicht auf, weder bei den Einheimischen noch bei den Fremden.
Ist das nicht ein wunderbares Rätsel?
Wenn unsere Weihnachtsandacht anderer Art ist als die des Romanen, wie könnte mans ihm verargen^ Aus Wald und Heim ist unser Gefühl erwachsen, er kann das nicht nachempfinden Und es gibt ja sogar nordische Länder, wo der heilige Abend so gefeiert wird wie Sylvester, mit Lärm und Lachen. Was ist es doch ein eigen Ding um die stille besinnliche Freude des Deutschen! Wir tragen unser heimliches Glück nicht auf die Straße und schauen doch mehr als Welt und Jrdischkeit in dem Lichterschein der Kerzen und Kinderaugen Die am b?rn haben luftige Gesellschaftsspiele, knallende Sektslaschen und Papierschlangen. Nun, jedem das Seine. , ,, ,
<3n Italien ist hfr Lichterbaum nach einem schnellen Siegeszug plö.^ich einer eisigen Ablehnung zum Opfer gefallen. Die Feste sollen wieder im Zeichen der Krippe gefeiert werden, man brauche keine erotischen Pflanzen und Gebräuche. Und so stehen nun in wachsender Zahl die stummen, leblosen, künstlerischen Figurensammlungen herum, von den Erwachsenen mit gebührendem Ernst bewundert, von den Kindern als langweilig übersehen. Kinderhände
greifen lieber nach dem staunenerregenden Kerzenschimmer, es ist zwar in dieser Gebärde eine ergreifende Verkörperung des Sieges des Lichts, aber noch keine Ueberlegung. Ach, wie seid ihr so göttlich unüberlegt, so nahe dem Himmel, ihr deutschen Kinderseelen!
Die deutsche Weihnacht ist etwas so unnennbar Schönes, gerade weil sie auf den deutschen Menschen beschränkt ist, daß — aber ich sehe schon, ich komme ins Fabulieren, als ob nicht tausend Kilometer zwischen dem heimatlichen Wunderbaum und meiner exotischen Topfpflanze lägen. Ich soll doch von südlicher Weihnacht erzählen ... hm, es geht halt so schrecklich schwer in der Adventszeit, es fällt einem deutschen Lichtgläubigen so hart wie einem Südländer die Aussprache des Wortes Topfpflanze. Also machen wirs kurz: übersetzen wir einfach Stollen, Gänsebraten und Spiegelkarpfen ins Italienische, dann heißt das Panettone, cappone und capitone. Das erste ist eine aufgeplusterte, halbgeplatzte Bombe, wenig Mandeln und viel Weinbeeren; das zweite ein gemästeter Truthahn und das dritte der nicht minder feiste Aal. Mit diesen Hauptschleckereien wird Weihnachten bestritten, und zwar vom 24 Dezember bis zum 6. Januar, wo ein höllisches Getute mit Kindertrompeten den heiligen Nächten ein Ende macht. Geschenkt wird auch 14 Tage lang, am meisten an der Befa, wie Der Epiphaniastag heißt. Die modernen Kinder suchen sich in den Spielwarenläden selber aus, was sie haben wollen. Nichts von seliger Heimlichtuerei, nichts von--aber du sollst doch endlich einmal
schweigen, du törichtes deutsches Herz.
Gut, wir wollen es an unseren Lichterbaum hängen. Beim Blumenhändler eine Topftanne zu kaufen, wie eine Azalee ober Treibhausflieder, das ist nämlich nicht verboten. Auch kann man sich aus den Apenninen richtige harzduftende Fichten kommen lassen, es besteht nur die Vorschrift, daß sie mit Wurzeln geliefert werden müssen. Ist sie einmal im Hause, darf sie jeder abschneiden. Oder man pflanzt den Baum nach getaner Pflicht in den Garten, wo er dann in der Sommerdürre eingeht. Aber deutsche Weihnacht war es eben doch! Sogar richtige Kerzen hat die Heimat dazu geliefert, und die schnurrende Eisenbahn stammt aus Nürnberg, und die Puppen — Madonna mia, was sind sie blond, biondissime — brauchen sich auch durch keinen Paß auszuweisen. In einigen römischen Schaufenstern am Corso hat es sogar an Schnüren geschneit, und da war es auch, wo ich plattgedrückte Kinoernasen gesehen habe, nicht vor den Krippen.
Den Aal freilich, den essen auch wir Lichtketzer auf dem nächtlichen Aalmarkt. Aus der Butte auf den Tisch. Frascati dazu und Fröhlichkeit. Nun ja, auch der Süden hat seine Freuden.
Gebild-Brote unh andere Leckereien.
Wenn mir unsere heutigen Weihnachtsbäckereien, Lebkuchen vor allem, betrachten, müssen wir feststellen. daß ihre Formen sehr kunstvoll sind Sie neben einen Umriß, auf dem man mit Zuckerauß, Mandeln und Schokolade mehr oder weniger Verzierungen anbringt. Anders in früheren Zeiten, aus denen in Museen und wohl auch in besonders traditionsreichen Häufern Backmodelle aufbewahrt werden Die „Gebild-Brote" und Leckereien kamen etwa zu Beginn des 16 Jahrhunderts auf indem die Schnitzkünftler jener Zeit aufs zierlichste und reichste geschnittene Backmodel herstellten Aill kleinstem Raum wurden kleine Kunstwerke aeschaffen. die im Reichtum der Motive wie im Reichtum der Ausführung unübertrefflich sind Alles diente den Schnitzern solcher Backmodel zum Vorwurf: Männer- und Frauengestalten in der damals reichen Kleiduna Reiter. Fußsoldaten, Tiere aller Art, re= liaiöse Motive, Wavpentafeln. Blumen und Bäume. Mit unalaublicher Treue sind z B an den menschlichen Figuren alle Einzelheiten der Kleidung: Rüschen, Borten, Falten. Schleifen und Spitzen aus dem zumeist verwendeten harten Eichenholz geschnitten Backmodel des Rokoko zeigen jedes Löckchen der Allongeperrücken aufs getreueste nachgebildet, Model aus der Empirezeit halten die Musterung der Stoffe, den Federkopfputz der Damen aufs genaueste fest so daß an diesen Modeln auch noch Kostümkunde studiert werden kann. Sehr beliebt waren auch Soldatenfiguren. Ein aus Schlesien flamendes Model hat die Figur eines fridericiani- fchen Generals feftgehalten. an dem jeder Uniform- knopf und das Gewebemuster der Schärpe erkennbar ist Ein ebenfalls schlesisches Backmodel aus dem 17. Jahrhundert zeiat ein m reicher Barockschnitzerei ausgeführtes religiöses Motiv, auf dem sich um eine reich gekleidete Maria mit dem Kind auf- und niedersteigende Engelfiguren gruppieren. Ein besonders kostbares Backmodel aus der Mitte des 17. Jahrhunderts bewahrt das Germanische Museum in Nürnberg unter seinen Schätzen Es zeigt rund um einen sehr kunstreich geschnitzten Adler die sechzehn Wappen der im Jahre 1650 in Regensburg amtierenden Ratsherren in feinster Nachbildung Mit diesem Model geformte „Gebild-Brote" wurden als Geschenk der Stadt Regensburg an befreundete Städte, an Fürstlichkeiten oder bei festlichen Veranstaltungen der Stadt verschenkt.
Ein anderes, allerdings nicht mit dem Backmodel, sondern mit der Hand geformtes weihnachtliches Gebild-Brot ist der Stollen ober Striezel, der feine
Heimat in Sachsen hat. Dieses Gebäck hat foaar eine eigene Geschichte, da es sich früher bei besonderen Anläßen durch solche Größen auszeichnete, daß Sittenschilderer in ihren Beschreibungen von Land und Leuten, Festen und Bräuchen seiner gedachten. So wird berichtet, daß der größte Dresdener Stollen, den es je gegeben hat, im Jahre 1730 von dem Bäckermeister Zacharias in dem Zeithainer Lustlager gebacken wurde, das Auaust der Starks zu Ehren des preußischen Soldatenkönigs und feines junaen Sohnes — der als Friedrich der Große in die Geschichte einging — veranstaltete. In diesem Riesenstollen wurden 18 Scheffel Weizenmehl, 326 Kannen Milch, 3600 Eier und 3 Pfund Muskatblüte verbacken. Dieses ansehnliche Gebildbrot war 18 Ellen lang, 6 Ellen breit und IVs Schuh hoch Man hatte auf freiem Felde einen Backofen erbaut, der von beiden Seiten zugänglich war und eine eigens gefertigte Maschinerie hob und schob das Riesengebäck auf einen Wagen, vor den acht Pferde ae- svannt waren, die ihn unter Geleit sämtlicher Dresdener Bäcker zur Hoftafel zogen. Das Messer, ober besser gesagt ber Säbel, mit bem bas Gebäck zerteilt würbe, würbe später in der Königlichen Silberkammer in Dresden verwahrt. S.-H
Ieitschnffen.
— Die Dezemberfvlge von Westermanns Monatsheften bringt das Ergebnis des gemeinsam mit dem Deutschen Ausland-Jnstitut, der Ausland - Organisation der NSDAP, und mit bem Reichserziehungsministerium ausgeschriebenen Deutschen Uedersee-Preises: ber Preis von 3000 Mark fällt auf zwei bisher unbekannte, jüngere Verfasser, auf Abolf Kaempffer für einen Sübwestafrika - Roman unb auf Georg Schwarz für einen mexikanischen Revolutionsroman Die Veröffentlichung ber afrikanischen Arbeit beginnt in biesem Heft, besten übriger Inhalt in Wort unb Bild zu Weihnachten eine festliche Fülle beschert. Farbige Wiedergaben begleiten Aufsätze über Spielzeug aus Oberbayern und über Das Bilderbuch unserer Zeit. Die Formentwicklung unterer Eßgeräte von ber Gotik bis zur Gegenwart veranschaulicht ein kulturgeschichtlich reizvoller Querschnitt. Ein Rückblick auf bie Somme- Schlacht vor zwanzig Jahren bereichert bie Kriegsforschung. lieber bas Denk-, Dorstellungs- unb Met« nungsoermögen bes Kindes gibt eine Darstellung „Die Sprache des Kindes" Aufschlüsse. Neben Na» vellen, Erzählungen. Märchen und Gedichten gibt bas Heft vielerlei Anregungen für Weihnachtsgeschenke, für Bücher und Schallplatten.


