Ausgabe 
18.9.1936
 
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Zreitag, 18. September 1936

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 219 Dritter Blatt

Die Herbsiübungen des IX. Armeekorps.

Das Ganze halt!"

und 865 Mark an Soldatenstiftungen ausgezahlt wurden.

Das neue Feldzeichen der Motorstandarte 147 (Gießen).

LPD. Bad Wildungen, 16. Sept. Der mit äußerster Kraftanstrengung und überraschend schnell vorgetragene Angriff der Roten war in den spaten Nachmittagsstunden des Mittwochs auf starken Widerstand von Blau gestoßen, das die Höhen bei Sippershausen stark verteidigte. Für Blau war diese Stellung eine sehr starke, denn es konnte Rot von den Höhen aus gut unter Feuer nehmen, so daß der Divisionsstab der Roten Partei vor eine sehr schwere Aufgabe gestellt wurde. Die roten Aufklärungskolonnen wurden von Blau stark bearbeitet, und nur langsam konnte unter größten Sicherungsmaßnahmen versucht werden, auf die Höhenkämme vorzudringen. Befehle auf Befehle erfolgten. Die Meldungen der Aufklärungskörper der Truppen rissen an der Befehlsstelle nicht ab. Schnell wurden sie ausgeführt, denn das Bild änderte sich in jedem Augenblick. Auch der Stab der Blauen arbeitete in der Zwischenzeit fieberhaft. So sind die beiden Parteien bestrebt, unter möglichst wenig Verlusten den Gegner zu schwächen. Die Tätigkeit der Schiedsrichter, die in allen Teilen des Geländes anzutreffen find, trägt gleichfalls eine große Verantwortung für den Ablauf der Hebung. Sie haben die Aufgabe, die Gefechtslage genau zu beobachten und die Verluste der beiden Parteien dadurch zu kennzeichnen, daß sie die Truppenteile, die durch das Feuer des Gegnersvernichtet" sind, aus dem Gefecht nehmen und sie fürtot" erklären.

R o t konnte am Mittwoch nicht mehr viel er­reichen. Es trat eine Feuerpause ein. Maschi­nengewehre und Artillerie verstummten, und nur ab und zu fiel noch ein Schuß, wenn sich die Auf­klärungspatrouillen zu weit vorgewagt hatten. Menschen und Tiere hatten die Ruhe auch dringend nötig. Zum Teil lagerten die Truppen mitten auf dem Felde, zum Teil in den in der Nähe liegenden Ortschaften.

In der Morgendämmerung des Donnerstag aber

gehen schon die Suchkolonnen an die Arbeit, um: das Gelände abzutasten. Gegen 5.30 Uhr treffen beide Parteien aufeinander und es kommt zu einem lebhaften Gefecht. Rot hat eine Umgrup­pierung vorgenommen und MG.-Trupps weit gegen die Höhen vorgeschoben. Aus Strohhaufen heraus brechen die MG.-Trupps auf. Leuchtkugeln steigen hoch. Die Artillerie fängt ein mörderisches Feuer an Sperrfeuer. Aus dem Walde des Schel­lenbergs geht die Infanterie auf den Gegner los. Panzerwagen versuchen, die Maschinengewehrnester der Blauen auszuheben. Ein Gegenangriff der Blauen wird abgewehrt. Nun richtet Blau das Feuer gegen die Panzerwagen und den Jn-fanterie- schützen gelingt es, die Panzerwagen der Roten zu vernichten.

Kurz nach 7 Uhr erscheint der Kommandierende General des IX. Armeekorps, General der Artillerie Doll mann, um die Gefechtslage zu überblicken. Hin und her wogt der Kampf, und um 7.30 Uhr wird das Signal

Das Ganze halt!"

gegeben. Von Höhe zu Höhe wird das Signal weitergegeben d 4 rKrie g" i st aus. Wäh­rend die abrückenden Truppen sich in die Quartiere begeben, findet eine Besprechung der Stäbe von Blau und Rot auf demFeldherrnhügel" statt. Froh sind die Truppen, daß sie nunmehr in die Quartiere einrücken können. Auf den Straßen wim­melt es von motorisierten und Fußtruppen, und in den Dörfern sind bereits die Quartiermacher an der Arbeit. Auch die Dorfbevölkerung wartet schon lange auf das Ende desKrieges", denn nun wird als Krönung der diesjährigen Herbstübungen die große Feldparade bei Großenglis statt­finden. Dann werden die Truppen sofort wieder in Marsch gesetzt, um an den großen Korps-Manövern teilzunehmen.

Richtlinien für die Besucherder großen Herbstmanöver

Die Uebungsleitung der großen Herbst- Übung 1936, Gruppenkommando II, Kassel, gibt bekannt:

Die große Herbstübung 1936 beginnt unter Lei­tung des Oberbefehlshabers der Gruppe II, Gene­ral der Artillerie Ritter von L e e b , am 21. Sep­tember 1936.

Das eigentliche Uebungsgebiet, das begrenzt wird durch die Orte Aschaffenburg, Meiningen, Bebra, Treysa, Bad-Nauheim, Hanau, unterliegt an diesem Tage bis etwa 14 Uhr erheblichen Verkehrsbeschrän­kungen.

Einige Straßen, die im einzelnen aus Geheim­haltungsgründen gegenüber den beiderseitigen Par­teien öffentlich nicht bekanntgegeben werden können, werden von 7 bis 14 Uhr für Kraftfahrzeuge völlig gesperrt. Darunter fällt auch die Fernverkehrsstraße HanauFulda.

Allen Kraftfahrzeugbesitzern, die nicht nachweis­bar dienstlich oder geschäftlich im Uebungsraum zu tun haben und sich einen entsprechenden Ausweis bei den Ortsbehörden des Uebungsgebietes besorgt haben, müssen nachdrücklich gebeten werden, den Uebungsraum bis 14 Uhr zu meiden. Zuschauer mit Kraftfahrzeugen bleiben zweckmäßigerweise bis zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls außerhalb des Uebungsgebietes.

Von 14 Uhr ab wird Straße HanauFulda für den Durchgangsverkehr bis auf weiteres freigegeben, für das Uebungsgebiet selbst bleiben Verkehrsbeschränkungen bestehen.

Vom gleichen Zeitpunkt ab werdenTageszuschauer auf Leitstellen der Uebungsleitung in nachstehenden Orten auf das Monöverfeld zugelassen und durch Leitungstruppen geführt:

a) Gelnhausen, Zugang bzw. Zufahrt aus Richtung Hanau;

b) B a d Orb, Zugang bzw. Zufahrt aus Rich­tung Gemünden;

c) Herolz (2 Kilometer ostwärts Schlüchtern), Zugang bzw. Zufahrt aus Richtung Bad Brückenau;

cl) K e r z e l l (10 Kilometer südlich Fulda), Zu­gang bzw. Zufahrt aus Richtung Fulda;

e) Herbftein, Zugang bzw. Zufahrt über Als­feldBrauerschwendWallenrodFrischborn Hopfmannsfeld oder über UlrichsteinEngelrod Lanzenhain (nicht über Lauterbach!);

f) Schotten, Zugang bzw. Zufahrt aus Dich­tung GießenLaubach;

g) Ortenberg, Zugang bzw. Zufahrt aus Rich­tung Bad-NauheimFrankfurt.

An den Leitftellen erhalten die Kraftfahrzeuge kostenlos Ausweise für Tageszuschauer, die bei Kraftwagen an der Windschutzscheibe anzukleben, von Kraftradbesitzern in der Tasche mitzuführen sind. Don hier aus werden die Kraftfahrzeuge auf Parkplätze geleitet, die in der Nähe der jeweiligen Kampfhandlungen liegen. Don dort wird zu Fuß zu Zuschauer-Sammelplätzen geführt und fortlau­fend über die Lage unterrichtet.

In gleicher Weise wird mit allen Fußgängern oder Radfahrern verfahren. Im Interesse einer glat­ten Abwicklung der Hebungen und auch der Zu­schauer selbst, die nur auf diese Weise sachgemäß über die taktischen Vorgänge unterrichtet werden können, ersucht die Hebungsleitung dringend, vor­stehende Leitstellen zu beachten. Bei den weitgehen­den Absperrungsmaßnahmen sind alle sonstigen Versuche, ins Hebungsgebiet zu gelangen, zwecklos!

Zuschauer, die innerhalb des durch die Leitstellen festgelegten Hebungsraumes wohnen, sammeln sich entweder ebenfalls an den Parkplätzen oder an den Zuschauer-Sammelpunkten im Gelände. Der Ord­nungsdienst der Hebungsleitung ist angewiesen, Einzelgänger und -kraftfahrzeuge ohne Tages-Zu- schauer-Ausweis im Uebungsgebiet grundsätzlich auf

die Zuschauer-Sarnrnel- bzw. Parkplätze zu ver­weisen.

Auf allen Parkplätzen sind Unfallstationen des Deutschen Roten Kreuzes" eingerichtet; Sanitäts­mannschaften befinden sich auf allen Zuschauer- Sammelplätzen.

Da die im Uebungsgebiet vorhandenen Gasthäuser und Lebensmittelgeschäfte erheblich durch Teilneh­mer an der großen Herbstübung 1936, die auf Selbstverpflegung angewiesen sind, in Anspruch ge­nommen werden, die Parkplätze und Zuschauer- Sammelplätze zudem meist abseits von Ortschaften liegen, wird den Zuschauern empfohlen, sich Ver­pflegung, insbesondere Wurstwaren, selbst mitzu­bringen.

Wohlfahrtstagung der Hassia-Kriegerkameradschast.

LPD. Darmstadt, 16. Sept. Der Wohl­fahrtsverband der Kriegerkamerad- sch a f t H a s s i a , die 817 Kameradschaften mit 58 150 Mitgliedern umfaßt, hielt in Oppenheim seine Mitgliederversammlung ab. Aus den Ver­handlungen ergab sich, daß im vergangenen Ge­schäftsjahr 9080 Mark an Veteranenzulagen und Unterstützungen, 2600 Mark an Waisenbeihilfen

Das neue Feldzeichen, das der Motorstandarte 147 (Gießen) im Rahmen des Reichsparteitages durch den Führer verliehen und geweiht worden war. Die Standarte wurde unter Führung des Standartenführers, Oberstaffelführer Nagel, mit- gebracht und am vergangenen Dienstag feierlich eingeholt. (Aufnahme: Motorstandarte 147 Gießen.)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Nicht die Mehlfarbe entscheidet!

ZdR. Die Mehlmarktordnung des Reichsnähr­standes greift weit hinein in den einzelnen Haus­halt. Bis zum Jahre 1934 herrschten im Mehlklein­oerkauf völlig unübersichtliche Zustände. Die äußere Aufmachung mit Phantasienamen ohne Festlegung irgendwelcher Qualitäten führte dahin, daß die Käufer gar nicht wußten, ob sie das gewünschte Mehl bekamen und ob der Preis der Qualität ent­sprach. Wollte man der Hausfrau einen Schutz ge- aen Hebervorteilung gewähren, so mußten neue Qualitätsbegriffe durchgesetzt werden.

Um eine Hebersicht über die Mehlqualitäten zu schaffen, wurden die M e h l t y p e n eingeführt. Der Sinn dieser Typen und ihr Zustandekommen sind einfach. Roggen- und Weizenmehl können nicht nur nach der Farbe beurteilt werden, ganz abge­sehen davon, daß diese durch künstliches Bleichen verändert werden kann. In 25jährigen Versuchen wurde festgestellt, daß beim Verbrennen des Meh- les im Laboratorium die Menge des zurückbleiben­den Restes, der hauptsächlich die unoerbrennbaren Mineralteile des Kornes und der Schale enthält, für die aus dem Korn ermahlenen Hundertteile Mehl stets gleichbleibt. Da ein Mehl um so feiner ist, je weniger davon aus dem Korn herausgemah­len wird, und nun feststeht, wieviel Rückstände die verschiedenen Mehle bei der Verbrennung enthalten müssen, besteht die Möglichkeit, auch nachträglich festzustellen, ob tatsächlich das Mehl den Angaben entspricht. Um diese Kontrollmöglichkeit zu haben, wurden 1934 die sogenannten Aschetypen amtlich eingeführt, wobei unter Asche der unverbrennbare Rückstand zu verstehen ist.

Die Typen sind durch Zahlen festgestellt worden. Diese Zahlen stehen in einem bestimmten Verhält­nis zum Verbrennungsergebnis. Die feinsten Mehle ergeben die wenigsten unoerbrennbaren Rückstände, ihre Typenzahlen sind infolgedessen die niedrigsten. In der Praxis kann man das feststellen, wenn man darauf achtet, daß die sogenannten Kaiserauszugs­und Weizenauszugsmehle die überhaupt niedrigste Typenzahl 405 aufweisen. Auszugsmehle also, die man auch unter irgendeiner Phantasiebezeichnung kauft, müssen heute immer gut sichtbar den Auf ­druckType 405" tragen. Steht eine andere Typen­zahl auf dem Mehl, so ist es nicht mehr Auszugs­mehl, und die Hausfrau braucht infolgedessen auch dafür nicht den Preis für diese Qualität anzulegen.

Erstrebenswert wäre es noch, dahin zu kom­men, daß im Haushalt nicht immer nur die feinsten

Mehle verwandt werden, die oft für die gewünsch­ten Zwecke viel zu teuer sind. Die in erster Linie für den Haushalt in Frage kommenden Weizen­mehle sind die Typen 405, 502, 563, 630 und 790, die man früher mit Kaiserauszugsmehl oder Auszugsmehl, Semmel- und gutes Kuchenmehl, Ku­chen- und gutes Haushaltmehl und mit Haushalt­mehl bezeichnete. Selbstverständlich ist die Qualität der einzelnen Fabrikate noch von der Mühle und den Weizensorten abhängig.

Bei Roggenmehl gibt es ebenfalls eine An­zahl von Typen, und zwar die Typen Nr. 610, 700, 815 und 997 für Feinmehl. Die Typen für grobe und Schrotmehle gehen bei Roggenmehlen bis zu 1600 und bei Weizenmehlen bis zu 2000. Auch bet Roggenmehlen sind die niedrigen Typenzahlen die Kennzeichnung der feineren, helleren Roggen­fabrikate.

In diesem Zusammenhang wird nun auch ver­ständlich, warum der Reichsnährstand bei Rog­ge n m e h l die Herstellung der Typen 610, 700 und 815 zunächst verboten hat und nur noch die der Type 997 gestattet. Wie schon gesagt, wird pro­zentual mehr Mehl aus dem Korn gewonnen, je höher die Typenzahl ist, so wird aus dem Roggen z. B. bei der Herstellung der Type 997 etwa 20 v. H. mehr Mehl ausgemahlen, als aus der Type 610, und immer noch 5 bis 10 v. H. mehr als aus der sonst meist gebräuchlichen Type 815.

Wenn nun die Hausfrau ihr Brot kauft und fest­stellt, daß es dunkler geworden ist, wird sie Ver­ständnis dafür haben, daß es sich um eine volks­wirtschaftliche Notwendigkeit handelt, und sie wird nicht fälchlich annehmen, daß Bäcker oder Müller schlechtes Mehl oder Brot geliefert hätten.

Wer trank am meisten Patenwein?

Gießen an dritter Stelle.

Nach den bisherigen Weinbestellungen der Gast­stätten scheint die diesjährige Weinwerbe­woche, die vorn 19. bis 27. September im gan­zen Reich ftattfinbef, für den Absatz des deutschen Weines außerordentlich erfolgreich zu werden. Es haben über 900 Städte, im Gegensatz zu 450 im vergangenen Jahre, Patenschaften übernommen. Die Berliner Gastwirte allein haben 200 000 Liter Patenwein mehr bestellt als 1935. Mit rund 1 Mil­lion Liter ist die Reichshauptstadt unter den Städten natürlich der größte Abnehmer. Mit einem Ver­brauch von 0,20 Liter Wein je Kopf im vergan-

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Vornan von Zlse Schuster.

Copyright 1936 by Aufwärts - Verlag G.m. b.H., Berlin SW 68

I. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Hanna geh doch ins Zimmer, ich komme gleich, ein halbes Pfund Reis, Mittelsorte, hier um den Ladentisch herum, Hanna"

Die Frau im Laden streift das elegant angezo­gene Mädchen, zu dem die Liesel Gottschalk Hanna" unddu" sagt, mit einem schrägen Blick. Noble Freundschaft, und als Hanna Brandes hin­ter der Tür verschwunden ist, fragt sie:

Wer war denn das?"

Liesel Gottschalk packt ihr die kleinen Tuten in den Korb und lacht. Dabei gibts ein paar tiefe Grübchen neben den Mundwinkeln.

Das erzähle ich Ihnen morgen mal, Frau Schnell. Hier sind noch ein paar Zitrvnenschmtten für den Hans, auf Wiedersehen, Frau Schnell.

Es schlägt sieben Hhr, Kunden sind nicht mehr zu erwarten, und sollte doch noch einer kommen, wird eben die Ladentür einmal pünktlich zugeschlos­sen sein. Hanna Brandes das muß ausgiebig besprochen werden, das ist seit langer Zeit wieder einmal ein Ereignis. Der Schlüssel dreht sich im Schloß der weiße Kittel wird an einen Haken ge­hängt, und dann geht Liesel Gottschalk in ihr klei­nes Zimmer hinter dem Laden zurück.

Hanna hat sich in einen hochlehnigen Sessel mit rotem Plüschbezug gesetzt, der mit seinen Säulchen und Knöpfen und Kugeln an den Geschmack der neunziger Jahre erinnert. In diesem Stil ist das ganze ' kleine Zimmerchen eingerichtet. An den Wänden hängen in ovalen Rahmen em paar Fa­milienbilder, am Fenster stehen Radio und Näh­maschine, die Gardinen sind dicht zugezogen.

Ich freue mich, Hanna, - schrecklich sogar. Das ist doch ein wunderbarer Zufall, ich wußte gar nicht, daß du in Berlin bist," sprudelte das Aepfel- chen und streckte ihrem Besucher beide Hande hin. Unb wunderbar schaust du wieder aus, wie da­mals schon. Nun erzähle erst mal. Du bleibst na­

türlich zum Abendbrot, viel kann ich dir nicht vor- setzen, eben halt das, was der Laden zu bieten hat. Komm, gib den Hut her"

Hanna Brandes lächelt, sie fühlt sich auf ein­mal pudelwohl, und die Aussicht auf all das, was der saubere kleine Laden zu bieten hat, verstärkt ihr Hungergefühl. Unb bann ist noch eine riesen­große Neugierde in ihr. Wie kommt Liesel Gott­schalk um alles in der Welt hinter diesen Laden­tisch. Während das Aepfelchen geschäftig hin und her geht und den Tisch deckt, steht sie Rede und Antwort.

Ja, siehst du, es kam alles sehr schnell, als ich aus der Penne heimkam, ging alles noch ganz gut, aber die Zeiten wurden immer schlechter, es fiel Vater schwer, den Hof zu halten. Dann heiratete mein Bruder, und acht Tage nach feiner Hochzeit starb mein Vater. Mit der Schwägerin kamen aber auch noch zwei Brüder mit, arme Teufel, aber fixe Jungens, die Hannes auf dem Hof sehr gut ge­brauchen konnte, auch dann, als es wieder auf­wärts in Deutschland ging. Und ich siehst du, ich fand mich sehr überflüssig, außerdem ist es im­mer ganz gut, Jungverheiratete allein zu lassen, mir wurden die Wände zu eng, und ich hätte es gern gesehen, wenn Hannes mich ausgezahlt hätte.

Du ißt ja gar nicht, Hanna du mußt die Schlackwurst probieren, der Schinken hier ist auch eigengeräuchert, so noch eine Tasse Tee "

Hanna Brandes lehnt sich behaglich in ihren Stuhl zurück, sie ist noch lange nicht mit ihrem Hunger fertig geworden, aber sie will sich Zeit nehmen und die Stunde restlos auskosten.

Ich habe alles, Liesel, erzähl weiter, ich bin aufnahmefähig wie ein trockener Schwamm."

Also auszahlen. Aber das ging nicht so ohne weiteres, und da kam ich auf die Idee mit dem Laden. Hannes hat die ersten drei Monatsmieten bezahlt und liefert mir, was ich an Eiern, Butter, Käse unb Wurst brauche. Das verrechnen wir dann allmählich von meinem kleinen Erbe, denn viel ists ja nicht, was der Vater hat hinterlassen können."

Hanna machte große Augen, sie nimmt sich noch einmal vom schwarzen Landbrot unb hat nichts da­gegen, daß Liesel noch eine Scheibe Schinken auf ihren Teller legt.

Mein Himmel, so einfach vom Land in die Augsburger Straße hinter den Ladentisch, verlohnt

sichs denn wenigstens du bist doch von früh bis abends angehängt!"

Verlohnen offen gestanden, es könnte besser fein, zur Zufriedenheit wäre es schon noch ein bissel Weg. Die Leute hier haben nicht viel Geld, sie kaufen achtelweise, knapp darf ich auch nicht wie­gen es bleibt nicht viel nach. Drum kann ich mir vorläufig auch keine Hilfe leisten, nur der klinge vom Hauswart hilft mir morgens beim Milch und Brötchen austragen, und das muß bis sieben Hhr auch geschehen sein, sonst wäre ja nie­mand im Laden."

Hanna Brandes sitzt und sagt gar nichts mehr. Sie denkt an die kleine Liesel Gottschalk, mit der sie vier Jahre lang aufs Lyzeum gegangen ist. Sie hatte eine Bank vor ihr gesessen, ihre dicken, blon­den Zöpfe hatten sie oft zur Unaufmerffamfeit ver­leitet, man konnte so fein die Federn daran ab­wischen immer war sie mit ihrem blühenden Aussehen der Neid der ganzen Klasse gewesen, aber gern hatten sie die kleine Gottschalk alle gehabt, sie war immer hilfsbereit, immer gefällig. Mit den Lehrern stand sie auf Kriegsfuß, vor allem mit dem Mathematikprofessor, denn vieles blieb ihr immer ein Buch mit sieben Siegeln, nein, Buch­wissen hatte sie nie gehabt, dafür aber einen ge­sunden Menschenverstand, ein warmes Herz und allerlei Menschenkenntnis, unb nun saß sie mit ihrem Milch- unb Wurstlädchen in Berlin, und hatte doch von einem kleinen Bauernhof unb einem Mann unb vielen Kindern geträumt! Die elegante Hanna Brandes sieht sich um und sagt dann:

Du hast es hübsch hier, Liesel."

Hübsch?" Das Aepfelchen setzt die Teekanne mit energischem Schwung aufs Tablett und starrt der Schulkameradin entsetzt ins Gesicht.Hübsch? Ich finde es grauenhaft! Mutters Wohnsalon. Aber was sollte ich machen? Unb da eben Mutter drin gewohnt hat, hänge ich an dem vorsintflutlichen Gemöbel und werde es tun, bis ich mal mehr Platz habe, dann kann ber orüne Plüsch wirklich wieder zur kalten Pracht werden, und ich kaufe mir bas Kirschbaumzimmer meiner Träume. Außerdem fin­dest du das gar nicht hübsch, Hanna, du brauchst vor mir wirklich nicht zu schwindeln. Und jetzt aibts noch was Feines. Selbst angesetzten Likör. Prost, Hannerle ich freu mich ja so unb nun erzähl du."

So viel kann ich nicht auspacken wie bu, Aepfelchen. Hebrigens zu mir hat [eit ber Schulzeit unb feit meine Mutter tot ist, fei« Mensch mehr Hannerle gesagt." Das Mädchen steht auf einmal auf, hebt den Kopf jäh in die Höhe, daß bas schmale Kinn in feiner Energie wie eine Kampfansage wirkte. Für die Länge eines Herz­schlages war Hanna Brandes versucht, loszu­weinen, aber sie reißt sich zusammen, die Muskeln ihres Gesichts zucken ein paarmal, das Zittern um Nase unb Mund verschwindet.Als ich von der Schule heimkam, wie lange ist das jetzt her, Aepfel- chen? zehn Jahre!, war meine Mutter sehr krank. Wie sehr krank, das erfuhr ich erst von dem Arzt, der täglich zweimal kam." Hanna Brandes schweigt sekundenlang, steht reglos mitten im Zim­mer, Liefet Gottschalk faltet unwillkürlich die Hände und hat eine enae KehleMeine Mutter starb ganz still und allein damals war ich siebzehn Jahre alt" Wieder vergeht eine Zeit­spanne, ehe das Mädchen weiterspricht, aber dann tut sie es mit festerer Stimme, es scheint, als sei das, was nach dem Tod der Mutter geschah, ein­druckslos an ihr vorübergegangen.Mein Vater hat Mutti sehr betrauert doch das hat er. die Ehe war ja auch immer gut gewesen, aber eines Ta­ges kam er zu mir unb fragte mich, ob ich Luft hätte, mit nach Berlin zu ziehen. Er könne die Provinzftadt nicht mehr ertragen, unb für mich sei es auch besser, einen weiteren Horizont zu bekom­men. Erst wollte ich nicht, es lag wohl in der Hauptsache an dem Grab, das ich verlassen sollte aber mein Vater tat das, was er für gut hielt. Er hatte ja auch recht, Liesel. Nun bin ich eben seit clcht Jahren in Berlin. Die Stadt gefällt mir, sie bietet viel und hat den großen Vorteil, daß man in ihr wirklich allein sein kann, wenn man will. Da hast du meinen Bericht, wie du siehst dürftig genug." Damit geht Hanna Brandes auf Liefe! Gottschalk zu und faßte sie um die Schultern. . Es ist fein, daß du mir wieder begegnet bist, Aepfel­chen, du bist doch ein famoser kleiner Kerl. Ich muß jetzt gehen, unb bu wirst mir versprechen, daß du am Sonntag zu mir kommst. Es gibt noch mehr zu erzählen, sicher hörst bu wohl auch noch von den Mädels, bu warst boch mit allen gut Freund.

(Fortsetzung folgt.)