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18.9.1936
 
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greitag, 18. September 1936

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. 219 Zweiter Blatt

Sie geschichtliche Entwicklung der Staatslotterie.

Aus den Anfängen des deutschen Lotteriewesens. Gewinnplan und Geschäftsführung. - Wie wird gezogen?

Die Anfänge eines staatlichen Lotteriewesens in Deutschland finden wir zu Beginn des 18. Jahr- Hunderts. Damals überließ der preußische Staat die Veranstaltung von Lotterien Privatpersonen und machte dieselbe nur von seiner Genehmigung bzw. von der Entrichtung einer bestimmten Abgabe für wohltätige Zwecke abhängig.

Einen neuen Abschnitt in der Geschichte des Lotteriewesens bildet das Patent vom 1. Fe» bruar 1 7 63, durch das sämtliche Lotterien mo­nopolisiert wurden. Die endgültige Organisation einer Klassenlotterie wurde hierdurch aber noch nicht geschaffen. Da die auf das neugeschaffene Monopol gesetzten Erwartungen nicht in Erfüllung gingen, schritt der preußische Staat zur Abgabe der Lotte­rien wiederum an Privatpersonen im Wege der Verpachtung. Im Jahre 1767 wandten sich die ge­samten Lotteriepächter an König Friedrich den Gro­ßen mit der Bitte um Erlaubnis, eine Klassenlotte­rie zu errichten. Der König gab dieser Bitte statt', der vorgelegte Plan hatte jedoch wegen mangelnder Beteiligung der Bevölkerung zunächst nicht ganz den gewünschten Erfolg.

Unter der Regierung Friedrich Wilhelms II. über­nahm der preußische Staat nach Ablauf des Pacht­verhältnisses durch das Lotterie-Edikt vom 20. Juni 1794 die Lotterie in eigene Verwal­tung. Dieses Edikt bildete die erste gesetzliche Grundlage der Preußischen Staatslotterie. Damit wurden sämtliche Lotterien der einheitlichen Lei­tung einer General-Lotterie-Administration unter­stellt. Im Jahre 1810 folgte der vereinheitlichten Leitung die Einheit der staatlichen Ver­waltung im Lotteriewesen. Statt der General- Lotterie-Administration, der noch mehrere Direktio­nen unterstellt waren, wurde eine einzige Behörde an die Spitze der Staatslotterie gestellt, nämlich die General-Lotterie-Direktion. Dieser lag die gesamte Verwaltung des staatlichen Lotteriewesens ob.

Um die Jahrhundertwende gab es im Deutschen Reiche außer der Preußischen Klassenlotterie noch sieben weitere Staatslotterien, nämlich die Säch­sische, Hamburgische, Braunschweigische, Mecklen- burg-Schwerinsche, die Hessische, die Lübeckische

und die Thüringisch-Anhaltische. Bis auf die Säch­sische und die Hamburgische Lotterie haben sich alle Lotterien in den Jahren 1904 bis 1906 der Preu­ßischen Staatslotterie angeschlossen.

Als dann in den Jahren 1911 und 1912 die süd­deutschen Länder Bayern, Württemberg und Baden, die bis dahin keine eigene Klassenlotterie hatten, Anschluß an die Preußische Staatslotterie fanden, erhielt die Klassenlotterie die BezeichnungErste Preußisch-Süddeutsche (227. Preußische) Klassenlotteri e".

Schließlich brachte der Staatsoertrag zur Regelung der Lotterieverhältniss e, der zwischen Preußen, Bayern, Württemberg und Baden am 13. Juni 1927 zum Abschluß kam, der Preußisch - Süddeutschen Klassenlotterie ihre heutige Form. Die Vertragsländer errichteten zum gemein­samen Betriebe einer staatlichen Lotterie unter der BezeichnungPreußisch-Süddeutsche Staatslotterie" eine rechtsfähige Anstalt mit dem Sitz in Berlin. Das Lotteriegebiet dieses Unternehmens umfaßt die Vertragsländer sowie die Länder, die sich an Preußen durch Lotterievertrag schon vorher ange­schlossen hatten, d. h. das gesamte Gebiet des Deut­schen Reiches außer Sachsen und Hamburg.

Die Staatslotterie ist kein p r. i v a t k a p i t a - listifches Unternehmen, sondern eine Staatsbehörde, die im gemeinnützigen In­teresse des Staates arbeitet. Die Organe dieses neuen Unternehmens sind 1. der Staatslotterie-AuL schuß und 2. der Präsident der Preußisch-Süddeut­schen Staatslotterie (früher General-Lotterie-Direk­tion).

Der Staatslotterie-Ausschuß, der sich aus Vertre­tern der Finanzminifter der vier Dertragsländer zu­sammensetzt, hat die Aufgabe, die Geschäftsführung des Unternehmens in allen Zweigen der Verwaltung zu überwachen; er hat insbesondere den Ge­winnplan zu genehmigen, sowie das Recht und die Pflicht, sich jederzeit über die Zweckmäßigkeit und Richtigkeit der Geschäftsführung zu unterrichten, bei der Einstellung und Entlassung von Lotterie-Einnehmern mitzuwirken, die Jahres­rechnung (Bücher, Bestände, Kasse usw.) zu prüfen

Ziehung 1875 durch Potsdamer Waisenknaben. (Atlantik.)

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Ziehung 1935 durch amtliche Ziehungskommissare. (Atlantik.)

und Maßnahmen für die Verwaltung der Anstalt zu beschließen. Der Präsident der Staatslotterie ver­waltet die Anstalt für das ganze Lotteriegebiet.

Jeden Lotteriespieler bewegt die Frage, wie die Feststellung der Gewinnlose erfolgt. Daß unter allen Umständen allesmit rechten Din- g e n" zugeht, dafür bürgt der staatliche Charakter der Preußisch-Süddeutschen Klassenlotterie. Davon kann sich jeder Spieler selbst überzeugen, denn die

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ist eine nationale Notwendigkeit.

Ziehungen sind, ebenso wie das Einschütten der Nummern- und Gewinnröllchen in die Glücksräder, öffentlich. Wer keine Gelegenheit hat, das selbst in Berlin, Margarethenstraße 6, mitanzusehen, betrachte unsere Bilder. Das eine, aus dem Jahre 1875, zeigt, daß damals Potsdamer Waisenknaben herangezogen wurden, um die Röllchen den Rädern zu entnehmen und so als Handlanger des Glücks zu fungieren.

Das andere Bild ist aus der jüngsten Zeit. Der ganze Ziehungsvorgang spielt sich auf einer Bühne ab, die von dem Zuschauerraum so getrennt ist, daß keine Störungen durch das Publikum möglich sind. Sieben Beamte, die nicht von der Staatslotterie, sondern von anderen Behörden gestellt werden, be­sorgen das verantwortungsvolle Geschäft der Ge­winnfeststellung. Drei sind Ziehungskomis- sare der eine entnimmt jedesmal ein Röllchen dem Nummernrad, der zweite den dazu gehörigen Gewinn dem Gewinnrad, der dritte (zwischen bei­den) fügt die beiden Röllchen zusammen Hinter jedem Ziehungskommissar steht ein Aufsichtsbeam­ter. Der siebente, der im Vordergrund sitzt, führt die Oberaufsicht. Wenn 500 Nummern und Ge­winne gezogen sind, wechseln alle Beamten ihre Plätze, und zwar nach einem Plan, der ihnen nicht bekannt ist. Dor der Bühne, etwas tiefer (man sieht nur die Lampen), sitzen die Protokollführer.

Die Lotteriespieler können beruhigt sein: Ver­sehen oder Irrtümer oder Schlimmeres sind bei der Preußisch-Süddeutschen Staatslotterie ausge­schlossen.

WehrMchtsübungenderVeamten

Bei der Einberufung zu Hebungen tn in der Wehrmacht muß der Beamte den Antrag auf Urlaub zur Ableistung einer Hebung mit dem Einberufungsbefehl seiner vorgesetzten D i e n st st e l l e vorlegen. Die D i e n st b e z ü g e sind während des Urlaubs bis zu einer Dauer der Hebung von vier Monaten, bei der Luftwaffe von sechs Monaten, fortzuzahlen. Der Erho­lungsurlaub ist in dem gleichen oder, weyn in diesem Jahre Erholungsurlaub nicht mehr zu­steht, in dem folgenden Urlaubsjahr um ein Drittel dieses Urlaubs, jedoch nicht um mehr als zehn Tage zu kürzen. Mehrere Beurlau­bungen in einem Jahre sind zusammenzurechnen und auf den Erholungsurlaub nur im Rahmen die­ser Höchstgrenze anzurechnen. Den Beamten i m Vorbereitungsdienst sind nach einem im Einvernehmen mit dem Reichsminister der Finanzen ergangenen Erlaß des Reichs- und Preußischen Mi­nisters des Innern von der durch die Ableistung von Hebungen in der Wehrmacht verbrachten Zeit auf jedes Jahr des Vorbereitungsdienstes minde - stens zwei, höchstens acht Wochen anzu- rechnen. Hat die Hebung weniger als zwei Wochen gedauert, so ist diese Zeit anzunehmen.

Diese Regelung geht davon aus, daß die Heranziehung zu Hebungen in der Wehrmacht in dem bisher vorgesehenen Umfange den Beamten im Vorbereitungsdienst in seiner Ausbildung kaum hemmt und daher die Anrechnung der tatsächlichen Dauer der Hebungen im allgemeinen bis zur höchst­zulässigen Zeit auf die Vörbereitungszeit gerecht- fertigt erscheint. Wird durch die Ableistung der Hebung die Beendigung der Ausbildungs- oder Probedienstzeit hinausgeschoben, so ist das all­gemeine Dien st alter um diese Zeit vor- zurücken. Der Dienst in der Wehrmacht, den Versorgungsberechtigte während der Heranziehung zu Hebungen im Beurlaubtenstand ableisten, gilt nicht alsVerwendung im öffentlichen Dienst" im Sinne der Ruhensoorschriften. Diese finden daher aus solchem Anlaß keine Anwendung. Zu den Beamten im Sinne der Bestimmungen ge­hören die planmäßigen, die außerplanmäßigen und die im Vorbereitungsdienst befindlichen Beamten.

souverän beherrschte Technik geben dem Film seine Durchschlagskraft, sein künstlerisches Gesicht und Gewicht. Sierck schafft nicht nur ein farbiges und überaus bewegtes Abbild der Wirklichkeit, des täg­lichen Lebens mit all seinen erstaunlichen Möglich­keiten und Zufallsverkettungen, sondern er greift auch in die jenseits jener nüchtern realen und ge­wohnten Sphäre liegenden Schichten der Heber­wirklichkeit und des Hnterbewußtseins ein; er gibt nicht nur das Außenbild, sondern auch gewisser­maßen die psychologischen Voraussetzungen .. zu einer Handlung die durchaus romanhaft wirkt, ja die wie ein Kolportagestoff anmuten könnte, wenn sie in die Hand eines minder feinfühligen, auch nur weniger geschickten Mannes geraten wäre. So aber gelingt ganz ungezwungen die Darstel­lung zweier Hauptmotive: einer unglücklichen Künst­ler-Ehe und des Kampfes einer mütterlichen Frau um ihr Kind. Der Schnittpunkt beider Handlungs- reihen ist zugleich der Brennpunkt in der Ausein­andersetzung Der feindlich wirkenden Kräfte, die den Roman" bewegen und ihn dramatisch steigern in einer Gerichtsszene, welche zu den absoluten Höhe­punkten dieser Inszenierung gehört. Außer dem er­wähnten Staatsopernorchester verfügt der Film aber auch über ein mit bewundernswert sicherem Instinkt aufeinander abgestimmtes Orchester von Darstellern ..., und zwar nicht nur für die drei eigentlichen Hauptgestalten, sondern auch für die (im Gesamtbild wesentlichen) Zwischenfiguren. Da ist beispielsweise die K o p p e n y ö f e r in der Rolle einer älteren Wirtschafterin, mit einer Figur, die man im früheren Theaterstil etwa alsVertraute" bezeichnet haben würde, von einer unerhörten Echtheit und Lebensnähe in jedem Wort, jeder Be­wegung. Da ist Theodor Loos, und man ist wie­der gefesselt und angetan (wie bei jeder neuen Be­gegnung) von der überlegenen Sicherheit und menschlichen Wärme dieses Darstellers. Da ist P o n t o (früher in Dresden) bestechend in der verhältnismäßig geringfügigen Rolle des Schwur­gerichtsoorfitzenden. Dann ein ganz neues Gesicht. Maria von Tasnady, offen, klar, sehr hinge- geben an die ausstrahlende Mütterlichkeit ihrer Gestalt. Die D a g o v e r ferner jetzt sind wir schon bei den Zentralfiguren haben wir nicht oft so gesammelt und so differenziert in wechselnden Gefühlslagen und Temperamentsausbrüchen spielen sehen wie hier. Auch Birgel nicht, der hier viel weicher und gelöster wirkt als je zuvor und zum ersten Mal eine Rolle hat, wo er ohne Zwang gütig und sympathisch sein kann; ihm ist in diesem Film offenbar eine ganz neue, noch kaum erprobte Möglichkeit darstellerischer Entfaltung zuteil ge- rooroen. An den kleinen Peter Bosse wird man sich noch aus dem Gigli-FilmVergißmeinnicht" erinnern; ein Glück, daß er, munter und ziemlich

Gchlußakkord."

Lichtspielhaus.

Dies ist der zweite der auf der Internationalen Filmkunstausstellung in Venedig preisgefronten deutschen Werke:Schlußakkord" wurde als der beste Musikfilm ausgezeichnet; mit Recht, denn Die meisten der unter diesem Namen bisher gezeigten Produktionen verdienten eine solche Benennung nur bedingt oder gar nicht.Schlußakkord dagegen ist wirklich ein Film, und zwar ein musikalischer Film dergestalt, daß Musik in ihm nicht bloß eine zufällige oder aus äußeren Gründen ^sichtliche Rolle spielt. Abgesehen davon, daß man Teile Der Neunten Symphonie vom Berliner Staatsopern­orchester mit sehr guten Solisten hört (unö 3®Qr mit wirklichem Genuß in einer untadeligen lieber* tragung) abgesehen davon sind die musikalischen Partien ein organischer und unentbehrlicher Be­standteil der Handlung, durch nichts anderes zu er­setzen. Ein spezifisch filmischer Eindruck entsteht fer­ner dadurch, daß die klanglichen und optischen Cle­mente mit gleicher Intensität auf Den Besucher wirken, daß sie sich wechselseitig durchdringen und ergänzen und nicht voneinander zu trennen sind. (Also weder photographierte Oper noch Kmo nut Musikbegleitung.) Sondern eben Film Das heißt: Gleichzeitigkeit Der Sinneseindrücke; Neben­einander und Ineinander der verschiedenen lungsreihen; Heberbrückung von Raum und Zeit mit sinnfällig einleuchtenden Mitteln. (Beispiel: em kleines Stück bewegtes Meer zwischen zwei Szenen­folgen deutet die Verbindung der weit getrennten Schauplätze Amerika und Europa an; oder: eine Zeugenaussage in der Gerichtsverhandlung wird an den entscheidenden Punkten nicht erzählt, son­dern, in einer sichtbar gemachten Rückerinnerung, als Bild als lebendige Sprechszene dargestellt.) - Kurt Heuser und Detlef Sierck schrieben das Drehbuch; Sierck hat es meisterlich in Bild und Klang verwandelt und aufgelöst: wenn es an­sängt, meint man vielleicht, Willy Forsts virtuose Regiebegabung habe hier Schule gemacht; aber es erweist sich dann bald, was Sierck selbständig zu leisten vermag: es kommt da nicht so sehr daraus an, wie etwa ein großes spielendes Orchester im­pressionistisch erfaßt und aufgelöst wird; das mag sozusagen noch als bloße Fingerübung für die Kameraleute gelten. Aber der impressionistisch um­springende, übergreifende, blitzschnell verbindende und Beziehungen herstellende Gesamtstil, der Bud an Bild und Szenenreihe neben Szenenreihe setzt und dies ineinanderfügt als ein höchst kunstvolles, höchst zwingendes, spannendes und erregendes Mo­saik, ein Gewebe aus Bild und Klang, aus Bewe- gung, Gestalten und Handlung Dieser Stil, Diese

unbefangen Drauflosberlinernd, sich seine Kindlichkeit bewahrt zu haben scheint zwischen all den großen Leuten und den stechenden Jupiterlampen. Zwei bisher unbekannte Darsteller, Albert Lippert und Kurt M e i s e l, sind mit bemerkenswert cha­rakteristischen Leistungen noch hervorzuheben. Musikalische Bearbeitung: Kurt Schröder. (Ufa.)

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Im Beiprogramm: Fox tönende Wochenschau und zwei Kulturfilme; die hübschen Ausnahmen vom Säuglingsturnen verdienen besondere Aufmerk­samkeit. r

Oer gemalte Blitz

Von Georg Brittina

Weit hinten lag das Dorf. Und über dem Dorf da schwebte eine kleine, graue Wolke von der Form eines ruhenden Schäfchens, und in diese Wolke war ein Blitz gefahren und steckte nun darin wie ein Splitter unter der Haut, nein, er steckte darin wie ein blitzender, roter Kupfersäbel, mit dem man das graue Wolkenlamm getötet hatte. Unbeweglich stand die Wolke und unbeweglich steckte Der rote Blitz in ihr. Heber Dem fernen Dorf, Die kleine, schafgraue Wolke, Die allein beDeutete Das Unheil!

Weil aber eine Wolke auf Dem BilDe, eine ge­malte Wolke also, sich nicht vergrößern, nicht Dunk­ler werden, nicht näherrücken kann, so hatte auch Das Unheil für uns Schuljungen eben Doch nichts sonderlich DrohenDes. Der Himmel über Den Fel- Dern war heiß und blau und leer. In der Ferne trennte der schwärzliche Zug des Waldes Himmel und Erde, und aus dem Dorf schlängelte sich Der zierliche, himmelblaue FaDen eines Flusses.

Da Der Maler dieses Bildes und mehr noch jener gewissenhafte Schulmann, der es so, genau so, zu malen befohlen hatte, glauben mochten, daß man Kindern, mageren, dummen, Stadtkindern, nicht deutlich genug kommen könne, wollte man den klei­nen Nichtswissern eine richtige Vorstellung des ländlichen Sommers geben, so kam es, daß auf dem Bilde, im leeren, reinen Schönwetterhimmel, doch auch jene kleine, unheilverheißende Gewitter­wolke schwebte, mit einem unbeweglichen Blitz im Leibe; und so kam es, daß die Arbeiter auf dem Felde nicht gemeinsam die gleiche Arbeit verrichte­ten, sondern ein jeder einer anderen Beschäftigung nachging. Wir Kinder sollten staunend erkennen, wie mannigfaltig die Mühen des ländlichen Som­mers wären, und darum also schnitt der eine Bauer das Korn, wendete es der andere, band eine Frau Garben, einer am Feldrain sitzend und schlief auch einer im Schatten eines Baumes. Ein kleines , Mädchen betete vor einem Wegkreuz. Damit das

Gewitter fernbleibe, betete das kleine Mädchen fo eifrig, erklärte man uns damals. Unö wir sahen es auch allsogleich ein, daß das Wolkenlamm nur so klein und unbeweglich über dem Dorf stehen blieb, weil eben das kleine Mädchen so unbeweglich und unentwegt betete.

Am oberen und unteren Ende des Bildes war eine Holzleiste angebracht, und als man das Bild zum erstenmal über die große, schwarze Wandtafel hängte, als sich der Sommer zum erstenmal vor unseren Kinderblicken entrollte, da erfüllte er uns mit großem Entzücken, und weil die Kinder jener damaligen Zeit noch gerne schwärmten und sich auch gerne ein wenig übertrieben äußerten, so rie­fen wir fünfzig kleinen Burschen ein langgezogenes, theatralischesAh" aus.

Es war vielleicht, war sicher nichts sonderlich Schönes an dem Bilde. Was einzig dem Maler ge­glückt war oder auch nur irgend ein Zufall be­wirkt haben mochte, das war die trockene, raschelnde heiße Bräune, die die Landschaft seltsam überzog. Das Korn war von bräunlichem, üppigem Gelb, in das Blau des Himmels war Gold gemischt, und ein weniges vom Braun und ein weniges vom Golde steckte auch in einer jeden anderen Farbe. Da war es also gut, daß jener Feuersäbel unbeweg­lich aus dem Wolkenlamm ragte, daß die trockene, raschelnde, knisternde Bräune sich an einem gemal­ten Blitz nicht zu entzünden vermochte.

Wirklich es war ein einfältiges Gemälde, das mir damals einen doch so tiefen Eindruck machte. Der abgebildete Sommer erschien mir vollkommen schön, und der wirkliche, den ich dann bald darauf in den Ferien zu sehen bekam, blieb für meinen kindischen Sinn weit zurück. Wo blieb die drol­lige, belustigende Gleichzeitigkeit des Bildes? Be­ängstigend eintönig war Die Wirklichkeit. Sah ich den immer gleichmäßigen Bewegungen der Schnit­ter zu, so fragte ich nach einer Weile mit kindischer Hngeduld, wann denn endlich einer einmal müde genug sein würde, um sich in den Schatten eines Baumes zu legen! War der Himmel auch zuweilen goldflimmernd, so vermißte ich doch in seiner un­heimlichen Leere das vergnügliche, kleine Wolken­lamm und vergebens sah ich mich an strahlend schö­nen Tagen nörglerisch nach einem solchen Wölk­chen um, das, wie ich's doch gelernt hatte, das som­merliche Hnheil vorzustellen verpflichtet war

Jetzt wird man den Sommer von damals mahl nicht mehr im Anschauungsunterricht der Schulen verwenden, man hat sicher ein schöneres, naturge­treueres Bild, aber ob es fo heiß, so raschelnd braun sein wird, weiß ich nicht, und weiß auch nicht, ob heutigentags die kleinen, viel klügeren Schuljungen durch ein etwa fünfzigfaches unö e n wenig theatralischesAh" ihr kindliches Entzücken bekunden werden.