Nr. HO Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 18. Zunl 1956
MtsMranz über der Viehversteigerungshalle
Gestern nachmittag wurde für die Fertigstellung der umfangreichen Balkenkonstruktion der Zuchtvieh- versteigerungshalle an der Margarethenhüttevon der Arbeiterschaft, von dem Bauherrn, der Bauleitung, sowie in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus dem Kreise der Behörden, der Universität, der Bauernschaft ein schönes und stimmungsvolles Richtfest gefeiert/Der Bau selbst war mit chakenkreuzfah- nen geschmückt. Zu Beginn der Feier wurde ein prächtiger Richtfestkranz auf dem Dach der Halle und auf hohem Balken aufgerichtet. Seine Bänder flatterten lustig in den Tag hinein und leuchteten vor dem blauen Himmel.
Der Polier trägt den Richtspruch vor. (Aufn.: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Alle Teilnehmer der Feier versammelten sich dann vor der Halle.
Oberbürgermeister Witter
hielt eine kurze Ansprache, in der er alle, die am Werk beteiligt waren und die zahlreichen Gäste herzlich willkommen hieß und dann seiner Freude darüber Ausdruck gab, daß das Werk in einer so überraschend kurzen Zeit, dank der Tatkraft aller Mitarbeiter bereits so weit gediehen sei, daß die Halle schon zum ersten Male ihrer Bestimmung dienen konnte. Er betonte besonders, daß die Stadt Gießen damit gleichzeitig dokumentieren wolle, daß sie nicht die Absicht habe, nur in der Stadt schöne Anlagen, gute Straßen und alle sonstigen Annehmlichkeiten für die Stadtbewohner zu schaffen, sondern hier bewußt ein Werk in Angriff genommen habe, das in erster Linie dem Bauern diene solle, der für unsere Volksgemeinschaft die Grundlage ist. Er gab fernerhin seiner Freude darüber Ausdruck, daß auch hier das Rechtfest einem alten Brauche gemäß gefeiert wird. In seinen weiteren Ausführungen beschäftigte er sich kurz mit der gegenwärtigen Lage im Diehhandel und gab einen Ausblick auf die Zukunft.
Im Anschluß daran sprach hoch vom Dach herab der Polier einen sehr geschickt verfaßten Richtspruch, in dem nicht nur der schöne Sinn der Richtfestfeier zum Ausdruck kam, sondern auf die besonderen örtlichen Verhältnisse glücklich Bezug genommen wurde. Der Gedichtvortrag war eine Huldigung an
chönes altes Brauchtum im Handwerk, an jene, )ie den Bau ersannen, an jene, die den Bau aus- ührten und auf die Stadt Gießen, sowie ihren Oberbürgermeister. Dreimal leerte er Gläser Weins auf das Wohl aller, die sich an dem Bau beteiligten und warf die Gläser, aus denen er aetrunken hatte, gegen den Giebel, daß sie mit Hellem Klang in Trümmer fielen. Mögen die Scherben dem Hause Glück bringen! Dann hielt der
Kreisbauernführer Ott, Usingen,
noch eine Ansprache, in der er im Namen der Bauernschaft der Stadt Gießen für die Schaffung dieser langersehnten Zuchtviehversteigerungshalle herzlichsten Dank sagte. Er sprach in einem schönen Vergleich über die rasche und entschlossene Erstellung des Baues im Blickpunkt auf die Erneuerung des deutschen Vaterlandes, das in einer ebenfalls verhältnismäßig kurzen Zeit einen Wandel zum Besseren erfahren habe. Mit einem Gedenken des Führers, auf den ein begeistertes dreifaches „Sieg- Heil" ausgebracht wurde, schloß der Redner.
Die Teilnehmer des Richtfestes faßen dann noch einige Stunden in kameradschaftlicher Unterhaltung beisammen und aenossen ein kräftiges Vesper. Einige der Zimmergesellen warteteck im Verlauf des Nachmittags mit einigen originellen Liedscherzen auf, wie man sie im Kreise der Zimmerleute kennt. Die Zuhörer folgten mit großer Aufmerksamkeit. Erst am Spätnachmittag machte man sich auf den Heimweg.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Gommer-Sonnenwende.
Wenn wir den Brauch unserer Vorväter üben und den Brand in den aufgeschichteten Holzstoß legen, schlagen unsere Herzen höher. Ein unsichtbares Band umschlingt uns mit der Vergangenheit. Was unseren Vätern heilig war, ist wieder neu erstanden.
Wer einmal am flammenden Sonnwendfeuer gestanden, über sich den unendlichen Sternenhimmel, und hineingeschaut hat in die leuchtenden Gesichter der jungen Menschen, die hier den Sprung durch das reinigende Feuer wagen, der vergißt diese Augenblicke nie.
Wir Menschen der Technik können ja kaum ahnen, welche Bedeutung gerade das Sonnwendfeuer für unsere Vorfahren hatte; denn ihnen war die Sonne das sichtbare Zeichen des Lebens. Sie konnten sich die Nächte noch nicht mit künstlichem Licht erhellen, sie wußten nichts von geheizten Räumen. Ihnen war die Sonne Lebensweckerin, ja das Leben selbst. Ihr Kreislauf bestimmte das Wachstum alles Lebendigen und wurde deswegen mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit beobachtet. Wenn die Sonne nach stürmischen, kalten Tagen wieder stieg, sproßte neues Grün aus der Erde,
und wenn sie ihren höchsten Stand erreicht hatte, begann ein langsames Absinken, ein Welken und Vergehen.
Der längste Tag und die längste Nacht waren Feiertage für unsere Altvordern. Da versammelten sich die Führer der Stämme zu ernsten Beratungen. Sie hielten Gericht, und alle Angelegenheiten des Stammes wurden geordnet. Den Höhepunkt aber bildete der Abschluß am Abend, wenn alle Männer und Frauen herbeiströmten, um das Sonnwendfest feierlich zu begehen. Da flammten überall auf Bergeshöhe die Sonnwendfeuer auf.
Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht, und was unhold, bleibe ferne.
Unsre Zeugen sind die Äsen, stummer Wald und stille Sterne.
(„Dreizehnlinden.")
Manche Wandlungen haben die Sonnwendfeiern erfahren. Aber im Herzeck des Volkes blieben sie lebendig, wenn auch durch das Eindringen des Christentums die alten heiligen Bäume gefällt und die Opfersteine gestürzt wurden. Die Sonnwendfeuer, die zu Ehren des Lichtgottes Baldur abgebrannt wurden, galten nun Johannes dem Täufer 'und wurden so zum Johannisfeuer. In der Ver-
gangenheit nahmen alle Stände des deutschen Volkes daran teil, sogar Fürsten und Kaiser.
Nun sammeln wir uns bald wieder um den brennenden Holzstoß. Wir fühlen uns verbunden mit der Geschichte unseres Volkes und unseres Vaterlandes. Es sollen Stunden der inneren Einkehr sein, die wir beim Abbrennen des Sonnwendfeuers erleben. Wir müssen die Verpflichtung fühlen, die wir der Vergangenheit gegenüber haben. Die Feuer sollen uns aber auch mahnen, daß wir alle in unserem Vaterlande eine große Schicksalsgemeinschaft bilden, daß wir zu kämpfen und auszuharren haben für die Zukunft. Unsere Liebe zu unseren Brüdern und zu unserer Heimat soll in dieser Sonnwendfeier zum Ausdruck kommen.
Seit dem Umbruch ist ja ein neues Staats- und Dolksgesühl geboren worden, und wir haben die Aufgabe, ihm Gestalt zu geben, Verpflichtungen zu übernehmen für kommende Taten und Erfüllungen.
Die Sonnwendfeuer hören unseren Schwur.
Es gilt, sich stark und rein zu erhalten für Deutschland!
Bornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
NS.-Lehrerbund, Fachschaft „Körperliche Erziehung": 15 bis 17 Uhr Fußball-Lehrgang für Lehrer in der Neuen Pestalozzifchule. — Die Deutsche Arbeitsfront, NSG. ,Kraft durch Freude": 20.30 Uhr Rundfunksprecherwettbewerb „Volkssender 1936" im Cafe Leib. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Flitterwochen". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich liebe alle Frauen". — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 19 Uhr Ausstellung „Frauenbildnis mit Schmuck" im Foyer des Stadttheaters.
Verpflichtung der Studenten im NSDStB.
Am heutigen Donnerstagnachmittag findet am Gleiberger Weg 84 die Uebernahme des Wochen- endhäuschens statt, das Geheimrat Professor Dr. Sommer dem NSDStB. zum Geschenk gemacht hat. Anschließend an diese Uebernahme wird der । Gau-Studentenbundsführer Conrad die 23er« ! pflichtung des Stüdentenbundes vornehmen.
Morgen Sonnenfinsternis.
Am 19. Juni früh findet eine in Gießen sichtbare totale Sonnenfinsternis statt. Sie beginnt überhaupt um 3.45 Uhr und endet um 8.55 Uhr. Die totale Verfinsterung dauert von 4.50 Uhr bis 7.50 Uhr. Die Finsternis ist überhaupt sichtbar im nordöstlichen Afrika, in Europa, in Grönland und .
dem Nordteil von Ameri- ** 25
ka und in Asien mit Aus- nähme von Indien. Die /
Sichtbarkeit der totalen /
Verfinsterung dagegen be- /
schränkt sich auf einen |
schmalen, 100 bis 150 Ki- l
lometer breiten Streifen, \
der vom Mittelländischen \
Meer über Athen, Brussa z
über das Schwarze Meer ___
nach Krasnodar und von da durch Südrußland nach Omsk, Tomsk und Chabarowsk in Sibirien undvon dort über Nemuro in Nordjapan in die Nähe der Mid- way-Jnseln im Großen Ozean verläuft. In Gießen, wo die Finsternis nur als eine partielle sichtbar ist, beginnt sie um 4.21,5 Uhr und erreicht ihren größten Betrag mit 0,64 des Sonnendurchmessers um 5.11 Uhr, während sie um 6.02,0 Uhr Minuten zu Ende ist.
Wie entsteht nun eine Sonnenfinsternis? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir zunächst die Finsternisse überhaupt betrachten und sie in zwei Teile scheiden:
1. Die einen von seinem Zentralkörper beleuchteten Planeten begleitenden Monde können bei günstiger Bahnstellung in den Schattenkegel des Planeten gelangen und dadurch unsichtbar werden. Man nennt diese Finsternisse wahre Finsternis. Zu ihnen gehören die Verfinsterungen des Erdmondes und der Trabanten des Saturn, Jupiter usw.
2. Zwischen den beleuchteten Körper und dem leuchtenden Körper kann sich ein dunkler Körper schieben, der den Ausblick nach dem leuchtenden Körper verhindert. Weil in diesem Falle der verfinsterte Körper nur verdeckt, nicht aber verdunkelt wird, nennt man diese Finsternisse scheinbare Finsternisse. Zu ihnen gehören neben den Sonnenfinsternissen die Sternbedeckungen durch den Mond oder die Planeten (selten) und die Vorübergänge der beiden unteren Planeten Merkur und Venus vor der Sonne.
Bei einer Sonnenfinsternis muß sich also der dunkle Mond zwischen die Erde und die Sonne schieben. Sonne und Mond stehen bei jedem Neumond in gleicher Richtung. Wenn die Mondbahn und die Sonnenbahn übereinstimmen würden, so wäre bei jedem Neumond eine Sonnenfinsternis. Das ist aber nicht der Fall. Die Ebene der Mondbahn ist vielmehr gegen die Ebene der scheinbaren Sonnen
bahn um twa 5 Grad geneigt. Gewöhnlich geht also der Neumond über oder unter der Sonne vorüber. Nur wenn er in der Nähe der Schnittpunkte beider Ebenen, die man Knoten nennt, steht, kann eine Sonnenfinsternis stattfinden.
Die Art der Finsternis, ob total oder ringförmig, wird durch die Entfernung der beiden Himmelskörper von der Erde bestimmt. Es laufen sowohl der Mond als auch die Erde in Ellipsen um ihren Zentralkörper, d. h. die Entfernung von ihm wechselt während eines Umlaufes. Dementsprechend wechselt auch der scheinbare Durchmesser des Mondes im Laufe eines Monats und der Sonne im Laufe eines Jahres. Wenn die Erde im Aphel (Sonnenferne) steht, d. i. im Juli, dann hat die Sonne eine scheinbare Größe von 31.28 Min., während sie während des Perihels (Sonnennähe) im Januar ein- scheinbare Größe von 31.32 Minuten besitzt. Beim Mond ist der Unterschied noch deutlicher bemerkbar. Je nachdem er im Perigäum (Erdnähe) oder im Apogäum (Erdferne) steht, beträgt seine scheinbare Größe 33.28 Minuten oder 29.28 Minuten, ist also um 4 Bogenminuten verschieden.
Ist nun der scheinbare Durchmesser des Mondes zur Zeit der Finsternis größer als der der Sonne, so findet eine totale Finsternis statt, d. h. die Spitze des Schattenkegels fällt über die Erdoberfläche hinaus und der Beobachtungsort fällt in den Kernschatten des Mondes. Infolge der Entfernungs- und Größenverhältnisse von Sonne und Mond ist diese Totalität an eine verhältnismäßig schmale Totalitätszone mit einem Breitenmaximum von 260 Kilometer gebunden. Nachdem bei der aegenroärtigen Finsternis der Mond die Erdnähe schon am 15. um 22 Uhr durchlaufen hat, wird diesmal die To- litätszone nur eine Breite von 100 bis 150 Kilometer aufweisen.
Liebe zu den Giraßen.
Don Walter Zörn Badenhoop.
Ich würde nichts erzählen von jener eigenartigen Begegnung, wenn ich nicht der festen Ueberzeugung wäre, das, was mir der einsame Wanderer zwischen Berlin und Hamburg sagte, sei wahr. Wahr und vielleicht schon oft gedacht von vielen.
Ich wollte über Ostern nach Hamburg fahren, hatte fünf Tage Zeit und wollte dabei nichts als meine Ruhe haben. Es war ein schöner, klarer etwas windiger Nachmittag, als ich mich aufmachte. Etwa 150 Kilometer hinter Berlin, fast in der Mitte der Strecke, hatte ich einen Motorschaden. Ich besah mir den Schaden und stellte fest, daß ich wohl eine halbe Stunde zur Ausbesserung brauchen würde. Doch schob ich den Wagen vorerst auf die andere Seite der Straße und setzte mich auf das Trittbrett, um noch ein roenia die Sonne zu genießen. Sie senkte sich vor mir bereits auf die dunkelgrünen Wälder und auf das helle Grün der jungen Saaten. Bald würde sie ganz verschwinden.
In diesem Augenblick, ein paar Wagen waren inzwischen an mir vorbeigefahren, tauchte in der Biegung der Straße der Mann auf, von dem ich erzählen will. Groß und schlank, mit leicht gebräuntem Gesicht steckte er in ein Paar langen grauen Flanellhosen und einer braunen Jacke und sah jm übrigen so aus, als ob er nur deswegen zu Fuß lief weil et gerade eine Panne mit feinem Wagen hatte. Er schritt mächtig aus und war bald in meiner Höhe. Nun schritt er schon m die große glühende Sonne hinein, gerade vor mir. Fast verdeckte er sie, die um ihn herum floß und seine Umrisse in blendende Funken tauchte, wahrend er selbst zu einem schwarzen Schatten wurde. Da blieb er stehen und rief etwas zu mir herüber.
„Panne?"
„In der Tat!"
„Kann ich Ihnen helfen?"
„Riesig nett, geht schon so! Ich dachte, er würde vom Motor wohl auch nicht mehr verstehen als ich. Doch wollte ich feine Höflichkeit vergelten und rief, da er sich schon anschickte wetter- AUgehen.: „Wollen Sie sich nicht ein wenig aus- ruyen?" Ich zeigte einladend auf mein Trittbrett.
Er trat ohne weiteres heran und fetzte sich neben mich
„Das trifft sich ganz gut. Sie entschuldigen, aber ich habe einen verteufelten Stein im Schuh..." Damit zog er feinen einen Schuh ab und schüttelte ihn aus. Seine Socken, dies ließ sich hierbei natürlich nicht verheimlichen, sahen ein wenig angegriffen aus. Offenbar waren sie jedoch für solche Art von Strapazen nicht vorgesehen. Der Mann bemerkte meinen Blick und lachte, wie man in solchen Fällen zu lachen pflegt. . .
„In den Vereinigten Staaten wurde es mir ja niemand übelnehmen, wenn ich mich so benehme. Ich hoffe, hier tut man es auch nicht mehr. Bin ja lange nicht mehr in meiner alten geliebten Heimat gewesen. Aber Vorurteilte sind hier, glaube ich, im Verschwinden."
Ich konnte ihm dies mit gutem Gewissen bestätigen und ihm insbesondere versichern, daß ich — genau so wie er - Steine aus meinem Schuh bei erster Gelegenheit entfernen wurde. Ich betrachtete ihn dabei und stellte fest, daß er keineswegs ein Landstreicher, sondern viel eher das war, was man einen „Mann in guter Position nennt. Das war unter diesen Umständen immerhin erstaunlich und ich wandte mich daher an ihn.
„Sie entschuldigen, wenn ich Sie etwas frage aber warum laufen Sie hier die Straße entlang? Ist das Romantik? Gehörte das nicht eigentlich auf die früheren Straßen?" .
Er lachte. „Wissen Sie, das ist fp eine kleine Entspannung für mich. Ich liebe die Straßen. Aber sagen Sie nichts von überholter Romantik. Hierbei schüttelte er seinen anderen Schuh aus. „Die Straßen sind die gleichen gebHeben."
Sein Gesicht wurde plötzlich ernst und seine Stimme leiser. Er behielt diesen Tonfall bis zuletzt. „Die Straßen, so wie wir sie träumten, als wir klein waren, wie wir sie sahen, als rmr groß wurden. Und die Straßen werden immer die gleichen bleiben trotz aller Wunder der Technip Sie werden bleiben, was sie von Anfang, an gewesen, Straßen von Menschen zu Menschen. Und immer wird man auf den Straßen etwas spuren von dieser zitternden Spannung — Mensch 3“ rh
Die Sonne tauchte gerade in den dichten Wald jenseits der Straße. Ein Wagen — wie schon so niete vorher - rauschte an uns vorüber. Eine Frau saß darin. Sie blickte, man konnte es deutlich sehen, auf den Mann neben mir und wandte sich, es war ein feines Gesicht nnt großen dunklen
Augen, langsam zurück, als der Wagen weiterfuhr. Und plötzlich, man sah ihr an wie sie noch schwankte, hob sie die Hand und winkte, winkte so leidenschaftlich, so verzehrt von einem Sehnen, als wäre dieser Mann hier neben mir der einzige, den sie geliebt. Lange noch sah man die winkende Hand.
„Kennen Sie die Frau?" wandte ich mich an meinen Nachbar.
„Nein."
„Warum hat sie gewinkt?"
„Warum?" Er lachte und ich mußte dabei feststellen daß er ein gut aussehender Bursche war. „Das war ein Winken im Vorbei. Das war ein Grüßen nach dem Glück, nach unerfüllten Träumen.
Die unerfüllten Träume sind es. Sie umschließen die letzte Frage unseres Lebens und machen mich die Straßen lieben. Der Mensch kann geleistet haben, was man von ihm und was er von sich selbst verlangt. Aber irgend etwas bleibt, nach dem er Sehnsucht hat. Irgend etwas in der Ferne. Und nur die Straßen führen dorthin. Nur die Straßen. Es sind lange Wege, harte Wege oft. Und wenn jemals schöne Häuser mit weichen Betten gebaut worden sind für die Frauen, so sind die Straßen gebaut für die Männer. Aber alle, die die Größe ihres Schicksals noch gestalten wollen und noch nicht müde sind, suchen die Straßen und helfen neue zu bauen. Denn nur auf ihnen sind sie der Sehnsucht immer nah."
Ein Kompressor heulte auf wie ein wildes herrsch- süchtiges Tier, richtete seine riesigen grellen Scheinwerfer auf uns und schoß an uns vorbei. Das Gesicht des Mannes neben mir hatte einen gespannten triumphierenden Ausdruck, als ließe er allein die Wagen hier an uns vorüberrasen.
Fast monoton wiederholte er. „Die Straßen werden die gleichen bleiben. Nur ihr Lied, ihre Melodie wird noch schneller, heißer und berauschender werden. Immer wird der Blick der Menschen auf den Straßen vorwärts gerichtet fein, nur wenn er ruhen will — zur Seite. Doch niemals wird sich auch der schnellste Mensch befreien können von dem Himmel, von Sonne, Mond und Sternen, die darüber sind. Das ist heute so. Das war vor tausend Jahren so und wird in tausend Jahren noch so ^Es war Abend geworden. Cs bekümmerte mich nicht weiter. Ich hatte nichts zu versäumen und dachte nur flüchtig daran, daß ich nachher mit der
Taschenlampe am Motor arbeiten würde. Der Mond stand vor uns über den Wiesen. Ein leichter Wind trug uns den Duft von ersten Blumen zu. Ich hatte das Gefühl einer großen Ruhe. Und betrachtete den Wanderer neben mir. Er hatte nicht das Gesicht eines Phantasten, sondern das eines Menschen aus einer leidenschaftlichen Wirklichkeit. Von fernher kam das Singen eines Motors. Und in diesem Singen, das immer näher kam, und in den immer stärker werdenden Klängen, die der Frühlingswind aus den knarrenden Chausseebäumen und den glatten Masten der Telegraphenleitung lockte, schien sich mir die berauschende Melodie eines Lebens von ungeheurer Stärke zu vereinen.
Zeitschristen.
— Heber die Entwicklung des italienischen Kolonialreichs schreibt der italienische Schriftsteller Baron Alberto Lumbroso in der Juninummer der „Berliner Monatshefte" (Zeitschrift zur Vorgeschichte und Geschichte des Weltkrieges, Quader-Verlag, Berlin W 15). Die italienische Kolonialgeschichte gehört zur Kategorie derjenigen, in der am häufigsten Zeiten der gedeihlichen Entwicklung von Perioden des Unglücks abgelöst worden sind. Den starken Rückschlag, den die italienische Kolonialpolitik 1896 bei Adua erlitt, konnte sie erst 1911 durch den siegreich beendeten Kampf gegen die Türkei wieder wettmachen. Der Ausbruch des Weltkrieges warf Italien in feinen kolonialen Bestrebungen erneut zurück, und es bedurfte der Einsetzung der ganzen Macht des faschistischen Italiens unter Mussolini, um die kolonialen Eroberungen der Vorkriegszeit endgültig zu sichern und die Vorbereitungen für den größten Kolonialfeldzug Italiens, die jetzt durchgeführte Eroberung Abessiniens, zu treffen.
— Von der großen Deutschen Luftschutz-Ausstellung in Hannover, der bisher größten Luftschutz- schau in Deutschland, bringt das neue Heft her „Siren e" einen interessanten Bildbericht. Ein reichbebilderter Aufsatz zeigt die Gestaltung der deutschen Landschaft und ihrer Tierwelt. Das gleiche Heft vermittelt einen Eindruck von der Stärke und Bedeutung der sowjetrussischen Luftflotte. „Unter Kopfjägern und Mönchen" heißt ein Reisebericht aus dem kaum erforschten Naga-Bergland am Rande Südost-Tibets.


