Ausgabe 
17.8.1936
 
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Kr. 191 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Alontag, zr.August (956

Zwar dieBrandburgischen Konzerte" des nachma­ligen Thomaskantors noch aus seiner Cöthener Zeit haben nichts mit Friedrich dem Großen zu tun, sondern sind dessen Großoheim, dem Markgrafen von Schwedt, jüngstem Sohn des Großen Kurfür­sten, gewidmet. Wohl aber hat Johann Sebastian 1747 Berlin und Potsdam ausgesucht, wo sein zweitältester Sohn, der Sonatenkomponist und be­rühmte Klavierlehrer Carl Philipp Emanuel Bach, als des Königs Kammercembalist wirkte. Von sei­nem Aeltesten Friedemann Bach begleitet, kam der nlte Tonmeister in Potsdam an. Dem König wurde während des allabendlichen Flötenkonzerts der Tor- zettel mit dem Verzeichnis der eingetroffenen Frem­den überbracht, er brach ab und sagte bewegt: Meine Herren, der alte Bach ist angekommen" und der Meister mußte im Reisekleid vor ihm er­scheinen, um des Königs Silbermannklaviere zu pro­bieren. Der König spielte ihm ein eigenes Thema vor, über das Bach erstaunlich aus dem Stegreif fantasierte; dann improvisierte er über ein eignes Thema eine sechsstimmige Fuge, die das Staunen des Königs erregte. Es ist eine der Sternstunden der Menschheit gewesen, als der größte Künstler und der größte Fürst des Jahrhunderts sich in die Augen blickten und sich erkannten. Buch hat später, in die stille Leipziger Kantorenklause heimgekehrt, an einem Tonwerk erkennen lassen, wie er diese Be­gegnung selbst gewertet hat, demMusikalischen Opfer" aus Kanons, Fugen und einer Triosonate mit Flöte, alle über daskönigliche Thema", geschrie­ben und mit lateinischen Wahrsprüchen auf den König segenwünschend begleitet. Es spricht aus diesem Werke, das von höchster musikalischer Alters­weisheit getragen wird, das Glück, von einem Gleichgroßen anerkannt worden zu sein. Und er muß gerade dies dem Meister, der sonst nicht mehr viel nach Anerkennung durch Menschen fragte, wie ein Gottesgeschenk gekommen sein, denn er erfuhr damit, was jeder Große im Geistesreich immer wie­der erfährt: daß er den nur Mittelwertigen der diesseitigen Welt mehr Haß und Störung als Er­bauung schafft.

Wenn es einer Probe darauf bedurft hätte, daß König Friedrich nicht nur ein trefflicher Musiker, sondern ganz allgemein über seine begnadete Für­sten- und Feldherrnnatur hinaus eingroßer Mensch als solcher" gewesen ist, so wird sie dadurch glänzend bestätigt, daß er begriffen hat, wer der alte Kantor gewesen ist, der die tönende Sprache der Sphären wie kein zweiter je gehört hat. Und noch eines ist schön: aus jenem Thema regium des Musikalischen Opfers hat Bach schließlich durch Ver­einfachung jenes Thema gewonnen, das zu feinem obersten Mysterium geworden ist: zurKunst der Fuge".

Am Freitag beginnen wir in den Familienblättern mit dem Abdruck eines neuen Aomans. Aon dem flä­mischen Dichter F e l i x T i m m e r m a n S, der in diesem Sommer 50 Fahre alt wurde und der nicht erst seit seinem Besuch in Gießen gute Freunde und Verehrer bei uns hat, bringen wir die wohl am wenigsten be­kannt gewordene, aber vielleicht dichterischste unter allen seinen Erzählungen,Die Delphine": eine Geschichteaus der guten, alten Zeit", deren Handlung heiter und schmerzlich, zart und leidenschaftlich zu­gleich, ein Helgen anmutiger, kurioser und liebens­werter Gestalten durchzieht.

Friedrich der Große.

Don £>r. Paul Schmitthenner, Professor an der Univers. ßcibelberg, Äadischem Staatsminister.

21m 17. August kehrt zum 150. Male der Tag wieder, an dem im Jahre 1786 Friedrich der Große im 72. Jahre seines Lebens zu Potsdam einsam in den Armen seines Kammerhusaren verschied. Mit ihm ging der größte preußische König dahin und einer der größten Deutschen zugleich. Sein Lebens- werk war zwar rein preußisch gedacht und ge­wollt. Er war der Erfuller einer jahrhundertealten preußischen Ueberlieferung. Er war der begnadete Mensch, in dem die edelsten Leistungskräfte des Hohenzollernschen Hauses und des preußischen Vol- kes sich zu höchster Fülle verdichteten. Er war der von der Vorsehung ausersehene Held, der das preu­ßische Lebenswerk seines Ahnen, des Großen Kur­fürsten, und seines Vaters Friedrich Wilhelms!, krönte. Und dennoch trug sein Leben das deutsche Schicksal in der Seele.

Als der preußische Prinz, der einst der größte- nig werden sollte, in seiner Jugend fast noch ein halbes Kind aus dem ihm hart dünkenden Joch des preußischen Staates ausbrechen und in die in» dioidualistische Bahn einmünden wollte, da erwog im Zorne der Vater, der Fels, auf dem später der größere Sohn weiterbaute, den Gedanken, den un­gehorsamen Knaben aus dem Leben au löschen und er sprach das Wort: Es wäre besser, daß einer stürbe, als daß die Gerechtigkeit aus der Welt käme. Und als sich das königliche Leben eben dieses Prinzen erfüllte, sprach er selbst etwa das andere Wort: Es sei nicht nötig, daß man lebe, wohl aber, daß man seine Pflichten tue. In der Spanne dieser Worte ruht das gewaltige Dasein des Kö­nigs mit all seinen Stürmen, Verzichten, Erfolgen, Einsamkeiten, bewußten preußischen und unbewuß­ten deutschen Leistungen.

Friedrich war den zeitlichen Verhältnissen gemäß ein absoluter König. Aber er war mehr. Er war die Verkörperung eines ewigen menschlichen Wor­tes: Er war Führer in des Wortes bestem und wahrstem Sinn. Die ganze Staatsgewalt fand in feiner Person nicht nur die formale, sondern auch die wirkliche Einheit. Er verfügte über alle Kräfte des Staates. Diese waren einheitlicher, leistungs­fähiger und organischer als irgendwo sonst in Europa zu bestmöglicher Gesamtleistung in sich ver­bunden. Der totale Staat in den Grenzen, mit wel­chen er im 18. Jahrhundert entstehen konnte, war in Preußen herangereift, und e i n Mann war sein allmächtiger Führer. Mit harter Folgerichtigkeit war dieser Staat in langer Friedensarbeit auf feine höchste Kriegsleistung hin organisiert, nicht weil er im Geist der ludovicianischen Kriegsverrohung den friedlichen Gedanken aus der Politik verbannte und diese militarisierte, sondern weil er ohne genügende Wehr am Leben gefährdet war und oh^ie räumliche Ausdehnung verkümmern mußte. Preußens Poli­tik war im übrigen dem Friedensgedanken geweiht. Fredrich Wilhelm I. führte so gut wie keine eigenen Kriege. Friedrich der Große wahrte in 46 Regie­rungsjahren 33 Jahre lang den Frieden. Er führte keinen Krieg, der nicht der sittlichen Notwendigkeit seines States entsprochen hätte.

Er war seiner Führeraufgabe in meisterhafter Weise gewachsen. Sein Vater und er selbst hatten das Beispiel Gustav Adolfs und des Großen Kur­fürsten ausgenommen und sahen im Feldherrn- amt die höchste Weihe und eine sittliche Pflicht ihr-s Königtums. Sie waren nicht nur, wie die meisten anderen Fürsten ihrer Zeit, die Inhaber der Militärhoheit, sondern auch deren fachliche M e i st e r. Was Ludwig XIV. und seine Nachfolger im französischen Hofkönigtum begruben, soldatisches Empfinden und feldherrliches Können, war der Kern ihres Wesens und Vermögens. Sie waren Soldatenkönige, aber Staatsmänner zugleich. Denn das politische' Handwerk war ihnen ebenso geläufig. In gleicher Stärke lebte in Friedrich neben dem Machttrieb des Herrschers die Begeisterungsfähigkeit für die menschlichen Ideale. Sein Leben lang rang

er um Aussöhnung der Gegensätze zwischen Moral und Politik. Dieser unablässige innere Kampf schenkte ihm sein Lebensziel: Den über den naiven Machtgenuß hinaus vergeistigten Machtstaat als Rechtsstaat und Kulturstaat zugleich. Der ordnete sein Königtum als dienendes Glied dem Staate ein, dessen Würde die seine wurde. Er verschmolz die gebänbigte kriegerische Leidenschaft mit dem ver­nunftmäßigen, politischen Instinkt zu einer Einheit, die die Staatsräson über den Ehrgeiz stellte. So wurde Friedrich der Meister seiner Staatsmänner und Generale. Das soldatische und das politische Ge­fühl, das militärische und das staatsmännische Kön­nen verband er zu einem unlösbaren Ganzen, dem sein Genius den Stempel des Einzigartigen verlieh.

Der Staat aber wurde unter feinen Händen zur großen soldatischen Kameradschaft. Mit Preußen aufs innigste verwachsen, war Friedrich das Herz seines Staates und mit dessen Lebensinteressen un­lösbar verknüpft. Er opferte sich seinem Volke. Was in ihm wirkte, waren preußische Wachstums- kräfte. Darin bestand seine Größe, daß er das Riesenmaß seines Geistes mit den preußischen Not­wendigkeiten verschmolz und feine universale Seele ganz und gar den preußischen Ideen dienstbar machte. So schuf er fein großes Werk, den preußi- schen Gemeinschaftsstaat und die preußische Groß- macht in Europa. Beides verteidigte er im Sieben­jährigen Kriege. Am gewaltigsten zeigte sich seine Größe nach der fast vernichtenden Niederlage von Kunersdorf. Alles schien verloren zu fein. Doch das Mirakel des Hauses Brandenburg" rettete den Staat. In Wahrheit bestand dies Wunder in der nach kurzem seelischen Niederbruch neu erstehenden Charakterstärke des Königs und in der mythischen Geltung seines Namens. Nicht der Tod der russi­schen Kaiserin Elisabeth rettete ihn und feinen Staat, sondern seine Seelengröße, fein Wille und fein Glauben.

Diese preußische Leistung war ein deutsche zugleich. Friedrich lebte in einer Epoche des Um­bruchs, in jener Zeit, in der die Interessen des habsburgischen Kaiserstaates die Reichsinteressen aufzuzehren begannen, in der das Erste Reich sinn­los und wesenlos zu werden begann. Hatte noch Oesterreich vor anderthalb Menschenaltern durch die Taten des Prinzen Eugen das Reichsgefühl aus der Herzschwäche des Westfälischen Friedens in das 18. Jahrhundert herübergerettet, so wurde nunmehr Preußen das Ackerland, in das sich die Reichsidee als neues Samenkorn der Zukunft versenkte. Ge­wiß war Friedrich der große Reichszerstörer-, aber der Aufbau seiner starken norddeutscken Militär­macht war für Deutschland unendlich heilsamer als alles, was er als gehorsamer Reichsvasall hätte leisten können. Denn ohne dieses Werk wäre die Neugründung eines modernen deutschen National­staates niemals möglich gewesen. Wohl förderte er den französischen Kultureinfluß; doch nicht als End­ziel deutscher nationaler Erziehung, sondern als ein Hilfsmittel zur Weckung und Kräftigung des deut­schen Geistes. Er verlieh, ohne es zu wissen und zu wollen, der preußischen Wurzel die Kraft, ins Reich zu wachsen, und er legte das Funda­ment der deutschen Zukunft. Aus der staatserhaltenden Kraft des in ihm vollendeten preußisch-deutschen Soldatentums ist die Wieder­geburt Preußens nach 1806, die Begründung des Zweiten Reiches nach 1860 und die Schaffung des Dritten Reiches durch den Frontsoldaten Adol Hitler hervorgegangen.

Diese deutsche Sendung Friedrichs ist oft ver­kannt worden. Das Dämonische seines Wesens er­zeugte neben der Bewunderung einen inneren Ab­stand, der zwar unter der heiteren Wirkung der hundertfältigen Anekdoten vom Alten Fritz zu ver­schwinden schien, aber im geistig-politischen Ge­fühl der Nation bestehen blieb. Die deutschen Patrio­ten der Erhebungszeit von 130 Jahren empfanden feine Regierungsmethode als undeutsch. Der Weg, den das 19. Jahrhundert in Richtung auf den Libe­ralismus einschlug und energisch verfolgte, führte weitab von dem autoritären Staate, den einst Friedrichs starke Hand gelenkt hatte. Auch als Bis-

marck in friberizianifchem Geiste das Zweite Reich errichtete und führte, vermochte die Nation kein inneres Verhältnis zu dem großen Preußenkönig zu gewinnen. Ja, die Ausschaltung Oesterreichs chien Friedrich zu dem eigentlich Schuldigen zu tempeln an der neuerlichen Zerreißung des dut- chen Raums. Man sah in manchen Kreisen in ihm den Reichsverderber. Konfessionelle und marxisttsche Interessen wirkten mit, daß seine überzeitliche Sitt­lichkeit nicht zur politischen Lebenskraft des Reiches wurde. Nur im Heere war fein Geist lebendig.

Als das deutsche Volk nach dem Weltkriegszu- ammenbruch in das Elend des Weimarer Zwischen- taates geriet, schien mit der Ausstoßung aller sol- basischen Werte auch der letzte Faden zu reißen, der das Reich mit dem Potsdamer König verbun- den hatte. Als ein tiefer schauender Reichspost­minister den Kopf Friedrichs auf eine Briefmarke zu bringen wagte, erhob sich ein gewaltiger Lärm, und im Reichstag und in vielen Landtagen rückte man ab von diesem preußischenMacchiavelli" undDespoten". Erst unsere Zeit konnte zu diesem vielleicht Größten unserer geschichtlichen Heroen das rechte Verhältnis gewinnen. Noch in den Wirren der Weimarer Zeit tauchte seine machtvolle Figur auf der Leinwand auf und rief die großen Ge­danken vom Glauben, von der Ehre, von der Zucht, von der Aufopferung, von der Pflicht in die ent­artete Zeit. Das Dritte Reich aber erkannte in ihm den ewigen deutschen Wert. Der wechevolle Akt in Potsdam im März 1933 war die erste Feier des

neuen Reichs. Dieses stellte sich damit nicht nur auf den festen Boden der deutschen Ueberlieferung, son­dern reichte über ein Jahrhundert hinweg gerade auch dem großen Preußenkönig die Hand, um seinen Geist, seine Kraft, feine Seele als Helfer am Werke zu beschwören.

Dieses Bekenntnis des Dritten Reiches zu Fried­rich dem Großen galt und gilt nicht irgendwelcher Äußerlichkeit feines Lebens, feines Werkes und feines Staates. Was zeitlich war an ihm und feinem Werk ist dahin und ruht mit ihm in feiner Gruft und in den Tiefen der Geschichte. Was aber ewig an ihm war und ist und ewig deutsch zu­gleich, es lebt in unserer Zeit: die selbsllose Ein­gliederung in die Gemeinschaft, der rücksichtslose Einsatz der Person für das Volk, die unbeirrbare Pflichterfüllung, der unerschütterliche Glaube an sich selbst und an die Zukunft, die realpolitische Nüch- ternheit des Denkens, die soldatische Kameradschaft des Lebens, die wehrpolitifche Entschlossenheit zum Frieden und zur Verteidigung der Ehre und die heroische Lebenshaltung, die unser deutscher Lebens­raum erfordert.

Im Berliner Königsschloß steht die altfränkische Wiege, in der der kleine Prinz die dunkle Frühe seines Daseins verträumte, in der Garnisonkirche in Potsdam steht der einfache Sarg, in dem der | große König nach heroischem Kampf den ewigen Schlummer schläft. Zwischen beiden liegt sein Le- den, liegt Deutschland.

Von Rheinsberg bis Sanssouci.

Don Dr. Hermann Oreyhaus.

Der Weg der großen Opfer schien beendet. Kron­prinz Friedrich hatte gesühnt durch dieGaleeren"- Arbeit in Küstrin, durch seine Vermählung mit Eli­sabeth Christine von Braunschweig-Bevern, durch Eingehen auf die Eigenart des Vaters. Als Ziel stand nun Rheinsberg vor ihm. Seit zwei Jahren wurde der etwas in Verfall geratene Herrensitz wie­der hergerichtet und das Schloß in feinem Äußeren dem Geschmack der Zeit angepaßt. Der Bau war zwar noch nicht ganz fertig, aber er reichte aus, um eine behagliche Wohnstätte zu bieten. Deshalb drängte Friedrich, daß im Sommer 1736 die Heber« fieblung erfolgte. Gleich nach der Rückkehr von einer gemeinsamen Reise nach Ostpreußen gestattete der Vater dem Sohne die Durchführung feines Wunsches.

So erlebte das stille Rheinsberg im August 1736 den Einzug des Kronprinzenpaares. Ein kleiner Hofstaat nur, und doch welche Lebensfülle! Fried­rich brachte Freunde mit. Zunächst den Maler Pesne mit feinem Schüler, dem Architekten Kno­belsdorfs. Sie sollten den Mängeln des Schlosses abhelfen. Gestalten wollte Friedrich nach seinem eigenen Ermessen. Schnell einigte er sich mit Pesne über die Ausmalung der Räume. Die Art des Mei­sters fühlte sich leicht in das beschwingte Tempe­rament des Prinzen ein. Schwieriger stellte sich Knobelsdorfs. Soeben war er von einer Reise aus Italien zurückgekehrt. Das Erlebnis der antiken Kunst glaubte er zur Geltung bringen zu müssen. Friedrich gab schließlich im wesentlichen nach. Er gestattete, daß der klassizistische Charakter des Schlosses durch einen Derbindungsgang zwischen den beiden Seitenflügeln nach antikem Dorbilde be­tont wurde. Nur die abschließenden Rundtürme blieben, wenn sie auch nicht den Kunstregeln ent­sprachen. In den einen von ihnen legte Friedrich seine Arbeitszimmer, das ihm einen herrlichen Blick auf Wald und See gewährte.

Ein Saal sollte der Musik dienen. Als er noch mit Knobelsdorff um den Ausbau des Schlosses rechtete, erschienen die Brüder Graun und der Geiger Benda. Für das Eröffnungsfest erwartete man den Meister Quantz aus Dresden, Friedrichs alten Lehrer. Es wogte von festlich gestimmten Menschen in Park und ^Eir? warmer Augustabend. Nach dem Festmahl

sammelte sich eine kleine Flottille von Gondeln an der Anlegestelle des Schlosses. Venetianische Nacht. Die Damen und Herren fuhren auf den lichter­geschmückten Fahrzeugen auf den See.

Friedrich fuhr mit feiner jungen Gemahlin. Zum erstenmal seit ihrer dreijährigen Ehe fühlten sie sich auf sich selbst abgestimmt. Ein unnennbares Glucks- aefühl durchströmte Elisabeth Christine. Die Stunde schien gekommen, auf die sie so lange gehofft. Wirk­lich fand sich Friedrich zu ihr, wenigstens seine Blicke suchten sie zu begreifen. Wie das beglückte. Wenn diese Minuten doch ewig währten ... in Rheinsberg war eine Stätte des Glücks, hier muhten sie einander gehören, im Schoße einer starken Freundschaft--

Nach Beendigung des Festes saß Friedrich noch lange in seinem Turmzimmer. Der Sinn der er­träumten Freiheit sollte ihm klar werden. Als der Morgen graute, schrieb er in sein Tagebuch:Ich werde meinem Vater ähnlicher werden, als die meisten glauben. Die Stimme der Natur waltet allzu stark in mir."

Tatsächlich hatte sich Friedrich ein Schlößchen er­baut, an dessen Fassade das für Rheinsberg geprägte WortSanssouci" stand. Draußen vor Potsdam schaute es auf die Havelseen. Heber ernste Terrassen stieg man aus dem Vorland empor. Gelegenheit zu Serenaden, wie sie die Rheinsberger Zeit verschönten, war hier nicht mehr. Der Fluß blieb zu fern, aber

kühnes, zeitliches Heberholen schlug. Wer wie er sich in Tönen auszusprechen wußte, wo er als Fürst sich sonst zu verschließen gewohnt war, dem glaubt man die Stelle in einem seiner Briefe,die Musik kommt in ihren Wirkungen der gewaltigsten und leidenschaftlichsten Beredtsamkeit gleich, gewisse Akkorde rühren und erregen die Seele in wunder­barer Weise. Sie spricht zum Gemüt, und wer da- von Gebrauch zu machen versteht, der vermag seine Gefühle den Hörern mitzuteilen."

Nun, er hat das vermocht und verstanden? Das zeigen nicht zuletzt auch seine sechs Armee­mär s ch e, die sich teils in Originalskizzen erhalten, teils durch innere Verwandtschaft mit diesen und durch sonsttge sichere Beglaubigung als von seiner Hand rührend im Gebrauch der preußischen Armee bis in unsere Reichswehrmusik hinein fortgeerbt haben: der Hlanenmarsch, der vom König an den Konzertmeister Benda zwecks Ausschreibung ge­sandte Parademarsch, der Marsch 1756, derMarsch in G-dur" vom gleichen Jahr, jener aus dem Lager von Mottwitz 1*741 und vor allem der in seiner Urgeftalt doch wohl auf niemand als den König zurückgehendeHohenfriedberger", der zu den schönsten Militärmärschen überhaupt gehört. Aller­dings muß man die friederizianischen Märsche auch im richtigen Zeitmaß spielen, nicht im heutigen Geschwindtempo von 114 Schritt, sondern in dem pomphaft breiten von nur 72 in der Minute. Hute wird er auch wieder auf den hübschen TextAuf Ansbachdragoner, auf Ansbach-Bayreuth" gesungen.

Doch des Königs tonkünstlerische Auswirkungen beschränken sich nicht auf die Flöte und das eigene Schaffen, sondern trafen auch organisatorische Dinge, die Berlin nach langen Jahren des Ausgeschieden­seins unter dem sparsamen Vater des Königs wie­der zu einer Kunststadt von hohem Rang haben werden lassen. Schon in der lieblichen Einsamkeit der Rheinsberger Jahre hatte der Kronprinz sich eine vorzügliche Kapelle geschaffen, m der etwa der von Friedrichs Braunschweiger Hochzeitsoper her in seine Dienste getretene Kapellmeister Karl Heinrich Graun eigne italienische Kammerkantaten fang, fein Bruder als Schüler lartinis geigte unb ebenfo dessen Zögling Franz Benda .toftfmre Biolinabagios strich. Aus biefer kranprmzl.ch-n Hausmusik entwickelte sich bte Berliner kgl Kapell bie ja beute noch in unserer Staatsoper fpieft J einem Klangkörper pon 56 Künstlern mit benen 1743 der Knobelsdorffbau Unter den Linden eröff­net wurde. Sanger wie <5 alimb ent und nach­mals die Sopranistin Elisabeth Schmehling Mara, die Tänzerin 21 ft r u a und der Ballett- dichter Noverre glänzten hier, ebenso drei Ka- pellmeister wie nacheinander der genannte Graun

Musik um den alten Fritz.

Don Professor Dr. Hans Joachim Moser.

Daß gekrönte Häupter gedichtet und komponiert haben, ist seit den Minnesängern König Konrad dem Jungen und König Wenzel von Beheim, seit dem spanischen König Alfons dem Weisen und dem portugiesischen Johann IV. mit seinen Palestrma- motetten nichts Seltenes. Hat man doch sogar meh­rere BändeKaiserwerke" der barocken Habsburger Leopolds I., Josephs I. und Karls VI. fyerausge« geben. Trotzdem hat kein großer Fürst so stark als ausübender Musiker sich hervorgetan, der Musik so­viel Einfluß auf sein Innenleben gegönnt und zu­gleich so bedeutsame Wirkungen auf das Musik« leben seiner Zeit und seines Landes ausgeubt wie Friedrich d e r Große. Das sei nicht nur zum Lobe des Preußen-Königs, sondern auch zu dem der Tonkunst ausgesprochen; denn wenn gelegent- lich immer noch behauptet werden sollte, daß d e Musik den Menschen weichlich mache so bürgt ja wohl die Gestalt des heroischsten Hodenzollern da­für, daß dem nicht so sein kann und der zweit- größte Musikus des gleichen Fürstenhauses, P Z Louis Ferdinand, hat ja auch nicht über dem Phantasieren und Komponieren am Klavier die Fähigkeit eingebüßt, als Held vor dem Feinde den edlen Reitertod zu sterben.

Ganz Deutschland hat dem königlichen Schuler des Johann Joachim Quantz, der es vom f- kontrabaßgesellen aus der Lüneburger He z gefeierten Dresdener und bann Berliner Kammer- virtuosen gebracht hatte, die Flute trax' $'

geblasen, wie es heute noch jedes Schulkind an Adolf Menzels Konzertbild aus Sanssouci kennt und weiß freilich können sie nicht wissen, daß bie bort im Kerzenlicht begl-itenben Musiker Phistpp Emanuel Bach, Grau n unb B e n b a fmb. Äie uns kritische Zeitgenossen berichtet haben war des Königs Flötenspiel keineswegs

SS"* S.WEV" K- fi* aur U&erraWung der Hörer daß 'N manchem Adagio Friedrichs sich em porter, f^merrnutigcr sehnsüchtiger Geist ausschwarmt, der nichts mit bloßer empfindsamer Zeitmode zu tun hat, sondern ganz ei7mattg-persönttch anmutet unb jedenfalls nicht mit dem Bilde jenes Satamsten zu ne nnen ist, als den moderne Geistreichelei hat zeichnen wollen, der bie Große Cvalitton durch

(dessen PassionskantateDer Tod Jesu" noch ein Lieblingsstück Kaiser Wilhelms I. gewesen ist), der Bachschuler Johann Friedrich A g r i c o 1 a und zu­letzt Joh. Friedrich Reichardt, der erste große Goetheverioner. Für diese Oper hat der König auch selbst Texte gedichtet, so einen neuerdings wieder als Partitur gedrucktenMontezuma", den Graun vertont hat ein Werk, das nicht nur durch den Mut zur Tragik, sondern auch durch Kürzung der weitläufigen Arienwiederholungen bedeutsam neu­artig auf die kommende musikdramatische Reform Glucks vorbereitet.

Im übrigen soll dieser Teil der friederizianischen Musikpolitik nicht ganz vorbehaltlos gerühmt wer­den. Zwar war es löblich, daß der König seine Opernpartituren nicht gleich andern dutschen Poten­taten im Ausland, sondern von deutschen Kompo­nisten Herstellen ließ, was nicht nur aus Patriotis- mus, sondern auch aus Sparsamkeit geschehen zu sein scheint. Im Grunde jedoch mußten sie auf des Königs Befehl, vor allem Haffe und Graun, nach den damaligen neapolitanischen Schablonen arbei­ten. Daß Friedrich gelegentlich auch seine geliebte Opernwelt unter vaterländischen Gesichtspunkten ge­sehen haben wird, scheint daraus hervorzuaehen, daß er sich wenige Tage nach dem Kesselsdorfer Siege von den bestürzten Dresdener Dperiften den Armino" des von ihm bewunderten wetttnischen Hofkapellmeisters Johann Adolf 5 affe aus Bergedorf vorspielen ließ er hat sich wohl selbst damals als einen zweiten Befreier Germaniens empfunden. Aber fein zähes Festhalten an dem einmal erwählten Opernideal noch in Jahrzehnten, al« die lebendige Kunstentwicklung längst in der Mozartzeit stand, hat die Berliner Hofoper dann wachsend rückständig werden lassen; der König hat sogar einmal den Kapellmeister Reichardt, als die­ser gewagt hatte, eine alte Oper mit neuen Arien zu modernisieren, vor dcm ganzen Hoforchester arg heruntergekanzelt. Seine mufbegeifterte Schwester Prinzeß Amalie ist übrigens in ihren Kunst- urteilen nicht viel gelinder gewesen, da sie in einem noch erhaltenen Brief an ihren Hausmusikus Kirn­berger über die Kunst Glucks geradezu vernich­tende Meinungen von sich gegeben hat.

Doch man darf über des Königs Standpunkt nicht aus der Perspektive eines Stilwandels ur­teilen, bre wesentlich bei einer späteren Generation gelegen hat. Der König hat eben in einer Alters­gruppe gestanden, die jünger als die großen Barock- meister Bach und Händel, aber ebensoviel älter auch als die Haydns und Mozarts gewesen ist. Da wirkt es umso rühmlicher, wie Friedrich doch aus dem Instinkt des Genies für das Genie die Bedeutung Johann Sebastian Dachs erkannt hat.