Vertreter des Bürgermeisters von Los Angeles, Gar land, dem Präsidenten des IOK., Graf Baillet-Latour, die Olympische Fahne überreicht, der sie dtzhn Staatskommissar der Reichshauptstadt, Dr. Lippert, zur Aufbewahrung übergibt. Unter Leitung von Professor Dr. H a v e - mann spielt das olympische Symvhonieorchester den Olympia-Ausklang, und ergriffen hören die Hunderttausend die machtvollen Klänge an, während an den Siegesmasten die Fahnen von Deutschland als dem Lande, das die letzten Spiele durchführte, von Griechenland als dem Lande der ersten Spiele, und von Japan, dem der XII. Olympischen Spiele, gehißt werden. Mit donnerndem Dröhnen der Pauken und gellen Fanfarenklängen bricht die Musik ab. In das Schweigen klingt von irgendwoher machtvoll eine Stimme:
-Ich rufe die Jugend der Welt nach Tokio!"
Die Hunderttausend erheben sich von den Plätzen, und während der Chor Methfessels herrliches Schlußlied anstimmt, reichen sich die Zuschauer als Zeichen der durch XI. Olympischen Spiele gefestigten Freundschaftsbande die Hand. Der Schlußakt ist vorüber. Kaum ist das Lied verklungen, wenden sich die Hundertausend unter dem erneuten Dröhnen der olympischen Glocke dem Schirmherrn der XI. Olympischen Spiele, dem Führer und Reichskanzler, mit einem Jubelsturm ohnegleichen zu, der der Dolmetscher ihrer Dankbarkeit, ihrer Liebe und ihrer Verehrung ist. Wie eine ungeheure Woge brausen Jubelrufe in allen Sprachen dieser Erde zu ihm empor, sie geleiten ihn beim Verlassen dieser Stätte und beim Abschluß dieses unvergeßlichen Festes, das nach seinem Willen und durch unermüdliche und tätige Anteilnahme zu einem Hochfest der menschlichen Kultur, zu einem wirklichen Feste des olympischen Friedens geworden ist.
Spiele sind aus?
Freudig in freudigem Schwarme stärkten wir Herzen und Arme, zieh'n jetzt nach Haus.
Ehrung deutscher Olympiasieger.
Berlin, 15. Aug. (DNB.) Gerhardt Gust- mann, der mit Adamski zusammen den Sieg im Zweier mit Steuermann erkämpfte, wurde zum Leutnant befördert. Gustmann steht im Regiment General Göring als Oberjäger. Der Berliner Emil S ch ö p f l i n, der in der deutschen Mannschaft im 100-Kilometer-Straßenrennen star- tete, ist als Anerkennung für seine Leistung vom Hilfsarbeiter zum B e t r i e b s a s s i st e n t e n der Reichspost befördert worden. Der ausgezeichnete Turner Conrad Frey, der während der Olympischen Spiele zwei Goldene, zwei Silberne und eine Bronzene Medaille für Deutschland errungen hat, wurde vom Reichserziehungsminister Rust als Turn - und Sportlehrer in Bad Kreuznach bestätigt.
Deutsche Olympia-Mannschast beim Führer zu Gast.
Berlin, 16. Aug. (DNB.) Die gesamte deutsche Olympia-Mannschaft und der deutsche olympische Ausschuß waren am Samstagabend Gäste des Führers in der Reichskanzlei. Der Führer dankte in überaus herzlichen Worten der deutschen Olympia-Mannschaft und ihrer Führung für ihre ausgezeichneten Leistungen und wies dabei auf die Zukunftsaufgaben des deutschen Sports und die Olympiade in Tokio hin. Er erklärte den jungen deutschen Olympia-Kämpfern und -Kämpferinnen, daß er den Sperrt deshalb so hoch einschätze, weil er in ihm ein Element im Völkerleben sehe, das erstens eine Uebrrzüchtung nach der intellektualistischen Seite hin verhindere und zweitens geeignet sei, in den Menschen und Völkern das gesunde Selbstbewußtsein zu stärken.
Zahlen von der Berliner Olympiade.
Berlin, 16. Aug. (DNB.) Die Olympischen Spiele haben etwa 1 200000 Fremde nach Berlin gebracht, Davon waren etwa 150 000 Aus
länder. Die Reichsbahn hat zur Bewältigung des riesigen Verkehrs annähernd 1 0 00 Sonderzüge eingesetzt. Insgesamt sind 4,5 Millionen E i n- trittskarten verkauft worden. Diese Ziffer gibt zugleich ein Bild vom Gesamtgewinn der Spiele. 100000 Besucher hatten Dauerkarten. Der Kartenverkauf hat einen Ertrag von 7,5 Millionen Mark erbracht. Die Organisation hat zusammen etwa 6,5 Millionen Mark
gekostet. In den Büros des Organisationskomitees arbeiteten zum Schluß 3 5 0 Ange- stellte. Rund 5000 Arbeiter waren beschäftigt. Etwa 2000 Fahnen sind allein vom Organisationskomitee angeschafft worden, und die Fahnen, die für die Ausschmückung der Stadt angefertigt worden sind, zählen abermals nach Tausenden.
Des Führers Dank.
Schreiben an Graf de Baillet-Latour und an Exzellenz Lewald.
Berlin, 16. Aug. (DNB.) Der Führer und Reichskanzler hat aus Anlaß der Beendigung der Olympischen Spiele an den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Graf de Baillet-Latour, folgendes Schreiben gerichtet:
„Sehr verehrter Herr Präsident!
Nachdem die Kämpfe der XI. Olympiade Berlin beendet sind, drängt es mich, Ihnen und dem Internationalen Olympischen Komitee meinen und des deutschen Volkes Dank für die hervorragende Arbeit und die hingebende Mühewaltung auszusprechen, denen der so glückliche Verlauf der Spiele mit zuzuschreiben ist. Unsere b e - sondere Anerkennung und unser tiefempfundener Dank gilt den Kämpfern und Kämpferinnen aus aller Welt, deren herrliche Leistungen unsere Bewunderung erregten und deren Namen in der Geschichte des Sports weiterleben werden. Ich hoffe, daß die Berliner Olympiade zur Stärkung des olympischen Gedankens beigetragen und dadurch mitgeholfen hat, Brücken zwischen den Völkern zu schlagen!
In diesem Wunsche grüße ich Sie, Herr Präsident, aufrichtig Ihr ergebener
(gez.) Adolf Hitler.
Aus gleichem Anlaß hat der Führer und Reichskanzler auch dem Führer des deutschen
Organisationskomitees, Staatssekretär a. D. Dr. Lewald, das nachstehende Schreiben übersandt:
„Sehr verehrter Herr Präsident!
Das deutsche Organisationskomitee hat unter Ihrem Vorsitz in sorgfältiger Vorarbeit die Vorbereitung für die Berliner Olympiade getroffen und sie in mustergültiger Weise durchgeführt. Neben der Arbeit des Internationalen Olympischen Komitees ist es sein Verdienst, daß die nunmehr abgeschlossenen Wettkämpfe einen s o glücklichen und so harmonischen Verlauf nahmen. Ich spreche daher Ihnen, den Mitgliedern des Organisationskomitees und allen seinen Mitarbeitern meinen und des deutschen Volkes Dank und Anerkennung für feine große Leistung aus. Sie alle können auf die Wettkämpfe der XI. Olympiade in Berlin mit dem Gefühl zurückblicken, der körperlichen Ertüchtigung der Menschheit und Verständigung unter den Völkern einen wesentlichen Dienst geleistet zu haben.
Der besondere Dank des ganzen deutschen Volkes gilt unseren Kämpfern und Kämpfer! n- n e n, die den deutschen Sport so ehrenvoll vertraten, und deren hervorragende Leistungen uns alle mit Stolz erfüllten. Ich bitte, ihnen allen meinen herzlichen Dank und meine hohe Anerkennung zu übermitteln.
Mit besten Grüßen! (gez.) Adolf Hitler."
Erste Auslandsstimmen.
Dolle Anerkennung der deutschen Leistungen.
London, 17. Aug. (DNB. Funkspruch.) Die englischen Blätter berichten voller Anerkennung über den glänzenden Abschluß der Olympischen Spiele und über die eindrucksvolle Feier am Sonntagabend. Die Tatsache, daß Deutschland die größte Zahl von Goldmedaillen gewonnen hat und damit an der Spitze der Nationen marschiert, wird überall hervorgehoben. Die „Times" schreibt u. a.: „Die XI. Olympischen Spiele waren ein großer Erfolg sowohl für diejenigen, die sie organisierten, als auch für ihre Gäste. In diesem Jahr war ein großer Fortschritt gegenüber Los Angeles zu verzeichnen, und viele der dort aufgestellten Rekorde sind in Berlin gebrochen worden. Die lange Reihe der deutschen Erfolge rechtfertigt den Anspruch Deutschlands als eine der ersten S p ort- nationen der Welt bezeichnet zu werden. Die deutschen Erfolge sind teilweise auf ein langes, auf wissenschaftlicher Grundlage beruhendes angestrengtes Training zurückzuführen. Dies wäre jedoch nicht möglich gewesen, wenn nicht die ganze Nation ein Interesse am Sport und eine Leidenschaft für körperliche Ertüchtigung erfaßt hätte, die vorher Deutschland unbekannt waren."
Auch die Kopenhagener Blätter berichten ausführlich über die Schlußfeier der XI. Olympischen Spiele, die als ergreifend bezeichnet wird. Besonders hervorgehoben wird der Augenblick, als die 120 00(T Menschen im Stadion während des Gesanges der letzten Strophe des Schluß- Liedes sich zum Abschied die Hände reichen. In dem Bericht der „Politiken" wird festgestellt, daß bei früheren Olympischen Spielen der Besuch zum Schluß immer geringer geworden sei, in Berlin dagegen das Interesse immer mehr gewach- s e n sei. „National Tidende" betont, daß Berlin in
ebenso festlicher Weise von den Olympischen Spielen Abschied genommen habe, wie es sie am 1. August begrüßt habe. Als eine der besonders bemerkenswerten Tatsachen dieser Olympischen Spiele wird hervorgehoben, daß der Führer fast täglich oft viele Stunden lang den Sportkämpfen beigewohnt habe. „Berlingske Tidende" stellt fest, daß man niemals eine ähnliche Veranstaltung erleben könnte, denn es sei unmöglich etwas zu übertreffen, was alle Grenzen zu sprengen scheine. Den Veranstaltern künftiger Olympischer Spiele werde es unmöglich sein, auch nur annähernd etwas zu schaffen, was mit den Olympischen Spielen in Berlin in Wettbewerb treten könne.
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Alle amerikanischen Zeitungen erkennen an, daß Deutschland als einwandfreier Sieger aus den Olympischen Spielen hervorgehe. Einige Blätter sprechen dabei „von dem . Nationalismus der Deutschen und ihrer Bewunderung Adolf Hitlers, die allen deutschen Kämpfern einen inspirierenden Aufschwung gegeben habe, neben dem kein anderes Land habe aufkommen können". Besonders behandelt werden in den anschließenden Kommentaren über die Olympischen Spiele die glänzenden Siege der deutschen Ruderer und der deutschen Reiter, wobei besonders das „heldenhafte Verhalten" des Freiherrn von Wangenheim unterstrichen wird. Höchste Anerkennung und höchstes Lob, ja Begeisterung für die Durchführung der Olympischen Spiele in Berlin sind allen Artikeln über den Olnmpischen Spielen gemeinsam.
Die „New Port Times" betont, daß man keine Kosten gescheut habe, um selbst die geringfügigsten Einzelheiten zu vervollkommnen. Die Besucher seien mit außerordentlicher Höflichkeit behandelt worden. An einer anderen Stelle lobt das Blatt das „ausgezeichnete Menschenmaterial" der Deutschen. „New
York Tribüne" schreibt über die sportliche Seite der Olympischen Spiele: „Es gibt vielleicht nichts, was in den letzten zwei Wochen so eindrucksvoll war, wie die Entfaltung der sportlichen Kraft der Deut, schen in allen Hebungen. Selbst die Tatsache, daß die Deutschen auf ihrem Heimatboden um die Lor» beeren rangen, genügt nicht, um den Erfolg von 33 Goldmedaillen, 26 Silbernen und 30 Bronzenen zu erklären, gegenüber 3 Goldenen, 13 Silbernen und 4 Bronzenen Medaillen in Los Angeles."
Olympische Kameradschaft.
Fest der Olympioniken.
Berlin, 17. Aug. (DNB.) Anschließend an einen schönen Brauch der antiken Olympischen Spiele hatte der Präsident des Deutschen Olympi. schen Ausschusses, Reichssportführer von Tscham. mer und Osten, die ruhmgekrönten Teilnehmer der XI. Olympischen Spiele 1936 in Berlin zu einem Fest in der Deutschlandhalle geladen, zu dem alle an den Spielen beteiligten Nationen ihre Mannschaften entsandt hatten.
Der Präsident des IOK., Graf de Baillet. Latour, umriß in einer Ansprache das wahre Ziel aller Olympischen Spiele: die physische Ent. Wicklung der Völker, die Erhaltung der Gesundheit, die Zerstreuung nach vollendeter Arbeit. Sport treiben wolle Körper und Seele gleich nützlich sein. Die Olympischen Spiele müßten zu einem Binde, giieö zwischen den Nationen werden. Es sei Sache der Olympioniken, nach der Rückkehr in ihre Heimat dafür zu wirken, daß der Sport immer als ein ritterlicher Wettbewerb angesehen werde und daß der errungene Sieg nur dann einen morali- schen Wert habe, wenn er ehrlich erkämpft wurde.
Der Reichssportführer begrüßte als Füh. rer des deutschen Sports die Kämpfer und Kämpferinnen, die glücklichen Sieger, aber auch die ehren- voll Unterlegenen. Das Olympische Feuer, das an der Stätte der Kämpfe nun erloschen sei, brenne als Flamme der olympischen Idee unverlöschlich weiter, immer von neuem entzündet von der Sehn- sucht nach dem wahren, ehrenhaften Zusammen- leben aller Völker. Die Teilnehmer der XI. Olympischen Spiele hätten vor aller Welt den Beweis angetreten, daß die Zusammenarbeit der Völker andern Werkdes Friedens fein leerer Wahn sei. Der Reichssportfübrer schloß mit einem Gedenken an die Kameradschaft, die das beste Bindeglied der Menschheit sei, den Fortschritt der Kulturvölker verbürge, den Wetteifer aller entfache, ohne zugleich den Haß zu wecken. Diese Kameradschaft sei der Bürge für eine gesegnete Zukunft.
Ein ausgezeichnetes buntes Programm und die musikalischen Darbietungen des Musikkorps der Leibstandarte hielten die Teilnehmer noch viele Stunden in ungetrübter Fröhlichkeit zusammen.
Gin SommerM auf derpfmWMsel.
Berlin, 15. Aug. (DNB.) Arn Vorabend des Abschlusses der XI. Olympischen Spiele hatte i m Namen der Reichsregierung der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Goebbels, zu einem Sommerfest für die Ehrengäste der Olympischen Spiele eingeladen. Die Pfaueninsel, auf halbem Wege zwischen Wannsee und Potsdam in der dort seeartig verbreiterten Havel gelegen, war als Ort der Festlichkeit gewählt worden. Mit ihrem parkähnlichen Charak- ter, ihrem uralten Baumbestand, der zwischen W/> sen und leicht geschlungenen Wegen auf ein schwach bewegtes Gelände verteilt ist, und dem romantisch gelegenen Landhaus Friedrich Wilhelm III. bot sie die schönste natürliche Kulisse für ein einzigartiges Fest. Der Zauber, der von diesem ungewöhnlichen Rahmen ausging, war geschickt durch eine künstlerische Ausschmückung ausgenutzt und ver- stärkt worden.
Reichhaltige künstlerische Tanzdarbietungen der Kräfte des Deutschen Opernhauses, zu später Stunde ein wirkungsvolles Feuerwerk, trugen dazu bei, daß der Abend auf der Pfaueninsel unter den zuletzt von Tausenden von Glühbirnchen grün angestrahlten riesigen Bäumen, zwischen denen die Gäste an Einzeltischen Platz genommen hatten, zu einem be-
Das erste Schreibheft Friedrichs des Großen.
Die Landesbibliothek zu Kassel verwahrt ein dünnes Heft, das seltenste Stück ihrer Handschriftensammlung, ein Unikum überhaupt, das e r ft e Schreibheft Friedrichs des Großen. Man weiß nicht, wie es in diese Bibliothek kam, die dis 1831 die Hofbibliothek des Hessischen Fürstenhauses war; sicher aber gehörte es ihr schon vor 1794 an. Wahrscheinlich übergab Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel, ein Bewunderer des großen Königs, das Buch der Bbiliothek. Der Landgraf stand auch später mit dem Berliner Hof in enger Beziehung.
Auf die erste Seite von Friedrichs Schreibbuch, das eine Decke aus buntem Papier umschließt und sechsundzwanzig Quartblätter enthält, setzte der Schreiblehrer, Hilmar Curas, den Titel: Jhro Königlichen Hoheit des Gnädigsten Cron-Printzen von Preußen Friedrich Schreibbuch, angefangen den 31. Martii 1717. Curas, der den Prinzen mit feinen beiden älteren Schwestern in den Elementarfächern unterrichten sollte, war auch für die gleichen Gegenstände Lehrer am Joachimsthalschen Gymnasium zu Berlin. Ob er sonderliche Freude an den kalligraphischen Fortschritten seines prinz- lichen Schülers gehabt hat, steht dahin. Er wird es nicht an Mahnen und Nachdruck haben fehlen lassen, aber der kleine Fritz konnte, auch bei gutem Willen, nicht mit feiner noch ungelenken Hand die nach allen Regeln der Kunst gezogenen lateinischen Buchstaben seines Meisters nachbilden; und so mußte er immer wieder, fünfzehn Seiten lang, nur kleine a schreiben, und man kann es begreifen, daß sie auf der letzten Seite immer noch nicht besser als auf der ersten sind. Der gute Curas hatte eben nicht mit dem jedem begabten Kinde natürlichen Widerwillen gegen stumpfsinnige mechanische Tätig, feit gerechnet. Wahrscheinlich hatte er nun auch von dem kleinen a genug, denn Fritz versuchte sich auf der sechzehnten Seite mit einem d. Aber das geriet ihm so schlecht, daß Curas schleunigst, vielleicht zur Strafe seines Schülers, zum a wieder für einige Zeit zurückkehrte.
Daß Fritz an dieser Arbeit keinen Gefallen fand, nimmt nicht wunder, und so tat er denn auch, was jedes normale Kind an seiner Stelle getan hätte. Sobald Curas den Rucken gewandt hatte, unter- hielt sich der kleine Prinz nach feiner Art und brachte ein wenig Abwechselung in die Langeweile. Schon die zweite Seite des Schreibheftes zeigt
eine Kritzelei, die über das ganze Blatt geht, eine erste Handzeichnung, so naiv und irimitiv, wie es eben ein fünfjähriger Junge zu- tande bringt: in der Mitte ein Turm mit Fenstern, auf den rechts ein Wagen zufährt und links ein Mann zugeht. Curas wird sicher seinen unaufmerksamen und faulen Schüler streng zurechtgewiesen und vielleicht sogar mit einem Bericht an den königlichen Papa gedroht haben, wenn sich derlei noch einmal wiederhole. Weitere Zeichenversuche unterblieben dann auch, Fritz mochte andre Wege gefunden haben, um sich die Schreibstunde etwas erträglich zu machen, Curas hatte ja, Gott Lob, auch die zwei Mädchen zu unterrichten, bei denen er wohl seine Mühe reicher gelohnt fand. Der kleine Fritz malte und malte mühselig und unlustig seine Buchstaben und brachte es endlich auch zu a, c, d, e, g, o und q, die leidlich ausschauten, und endlich auf der zweiundfünfzigsten Seite zur Nachbildung der vorgeschriebenen wichtigen Worte „ä mon eher papa“, die er auf dieser Schlußseite noch fünfmal wiederholen mußte. Wodurch sie übrigens auch nicht schöner wurden.
Fritzens Fortschritte in Schönschreibkunst und Reichtschreibung, im Deutschen und Französischen blieben auch später reichlich dürftig. Der früheste bekannte, von dem Achtjährigen aus Wusterhausen am 19. September 1720 geschriebene Brief an einen Monsieur Canitz, vielleicht an jenen Hans Wilhelm von Canitz, der später als hoher Offizier die Feldzüge Friedrichs mitmachte und 1775 starb, ist nachlässig, unorthographisch, nach dem Gehör französisch geschrieben und beginnt: „Jesper de vous voer biento an bonsante ..." und schließt: „ge suis votre ami comm oparavan Fridrich.“ Was heißen soll: j’espere de vous voir bientot en bon sant£ ... je suis votre ami comme auparavant Friedrich.“
Auch die drei in der Kasseler Landesbibliothek auf- bewahrten, anseine MutterSophieDoro- t h e a gerichteten Briese aus den drei nächsten Jahren, von denen zwei französisch und einer deutsch ist, zeigen die gleiche Flüchtigkeit, fehlerhafte Rechtschreibung und Interpunktion, wenn auch die Handschrift sicherer, aber nicht besser geworden ist. Es find Pflichtbriefe, sogenannte Komplimente, die er auf Wunsch des Vaters der Mutter und den Schwestern machen mußte: er hofft, daß sie gefung seien, und daß er sie bald wiederzusehen erwarte usw. In dem Brief vom 1. Oktober 1721 meldet er, daß er am Geburtstag seiner Schwester Friederike die Kanonen geschossen und sich mit dem Europäischen Theater beschäftige. lieber das Kanonenschießen des kleinen Kronprinzen wird man sich nicht wundern, wenn man weiß, daß Fritz auf Befehl feines Vaters schon
seit 1717, also feinem fünften Ja!,r, eine für ihn gebildete Kompanie Kadetten exerzierte, über die er dem König ordnungsmäßig Bericht zu erstatten hatte.
Das Studium des Theatrum Europaeum, des großen feit 1652 in Frankfurt a. M. durch die Bemühungen des Merians erscheinenden geschichtlichen illustrierten Sammelwerks, das die Weltbegebenheit seit 1617 enthielt, sollte nach der Vorschrift des Königs für den Prinzen als Grundlage des geschichtlichen Unterrichts dienen. Die ältere Geschichte sollte er nur „überhin" lernen. Später wurde die griechische und römische sogar vom König als „zu nichts gut" völlig aus dem Lehrplan gestrichen, während eine genaue Kenntnis der Vorgänge der letzten 150 Jahre und besonders der Vergangenheit des brandenburgischen Hauses verlangt wurde. Um dem Kronprinzen das Durchlesen der dickleibigen Folianten des Theatrum Europaeum, von denen 1720 schon 18 Bände erschienen waren, zu ersparen, stellte der ausgezeichnete Lehrer Friedrichs, Duhan de Jandun, für ihn einen Abriß des in dem großen Werk Enthaltenen zusammen, der auch, wie Friedrich später noch dankbar anerkannte, vortreffliche Dienste tat. Friedrichs Vater las selbst gern in dem Manuskript, das noch weit über die Anfänge des Theatrum Europaeum zurückging und auch die Geschichte der Hohenzollern von der Zeit des Kurfürsten Friedrich I. bis auf die feinige behandelte.
Der zweite Brief Friedrichs an feine Mutter ist sieben Monate später in deutschen Buchstaben und deutscher Sprache abgefaßt. Schon die schwerfälligen Buchstaben deuten darauf hin, daß schon der damals zehniährige Schreiber das Deutsche vernachlässigte. Friedrich schreibt:
„Meine liebe Mama
Ich bedanke mich untertänichgt vor die Gnade, die mich meine liebe Mama vor mich gehat hat die mich hat wolen gebrauchen den schönen kerrel an meinen lieben Papa in den namen meiner lieben Mama zu geben, mein lieber Papa befint sich recht wohl, heute hat das ganze Regimendt im Beisein des margrafen albrecht exersiret, Ich verbleibe so lange ich lebe meines lieben Papas
Gehorsamster Diner und Sohn
Friderich Brandenburg, d. 18. Meii
1722
Papa hat mich befohlen meine liebe Mama fein Kompliment zu machen.
As diesem Brief geht hervor, daß die Königin, um ihren gestrengen Eheherrn in gute Laune zu versetzten, ihren Sohn dazu benutzte, um in ihrem
Namen dem König einen auf ihre Kosten geworbenen „langen Kerl" für sein Leibregiment zu übergeben. Der im Brief erwähnte Markgraf Albrecht ist einer der Großonkel Friedrichs II., einer der Söhne des Großen Kurfürsten aus feiner zweiten Ehe mit Dorothea von Holstein-Glücksburg. Wie flüchtig der Brief geschrieben ist, geht, abgesehen von der mangelhaften Rechtschreibung, auch daraus hervor, daß der kleine Schreiber am Schluß den „Papa" statt der Mama, an die der Brief gerichtet ist, genannt hat. Den Papa, den er so fürchtete und der seinem Sohn bei aller strengen Erziehung doch nicht ein gutes Deutsch beibringen konnte. A. S.
Die Misekifte.
Von Max Inngnickel.
In Sanssouci stehe ich vor der Reisekiste Friedrichs des Großen. Eine alte, vernagelte Kiste: grau, unansehnlich, hart, klotzig.
Sieben lange, blutige Jahre hatte sie sich auf Schlachtfeldern Herumgetrieben. Sie stand in verqualmten Bauernhäusern, stand in Dreckpfützen, Ställen, Palästen, Kirchen und Blutlachen. Sie hörte Soldatengesang und die letzten Schreie der Sterbenden. Sie sah in das zerquälte, abgehärmte Gesicht eines Königs, hörte feine Flüche, fein schadenfrohes Lachen, feinen Jubel. Sah seine Hoffnungen blitzen, hörte ihn knirschen, flöten und phi- losophieren.--Aus ihr, der alten Reisekiste, saß
er und grübelte, die Faust am Kinn. Auf ihr stand manches Kerzenlicht, das seine nächtlichen Gedanken bewegte. Mancher Tropfen Wein zerging auf ihr. Wie oft wurde sie gestoßen, geworfen. Sie sühlte Regen und Sonne, hörte den Wind pfeifen, die Geschütze krachen und die Kälte knirschen. Sie vergrub Geheimnisse: Die Gedichte eines Königs, Flo- tentompofitionen, Voltaire-Gedanken, Briefe an Minister, an Peter von Rußland, der ihn närrisch kopierte, Schnupftabak, Gerichte über Handelspolitik: alles hielt die Lade vernagelt fest und war so verbissen wie der alte königliche Soldat, dem sie gehörte.--
Sie sah ihn sieben Ihre lang, wie er manchmal wie an Abgründen entlang lief, wie er die ganze Stufenleiter der Verzweiflung durchmachte, wie seine Ruhe so starr wurde, daß er keinen Schmerz mehr fühlte. Sie erlebte seine Gleichgültigkeit, die bas äußerste Grauen in sich verschloß. Sie kannte seine verzweifelten Augen, sah sie bohren und niederschmettern. —
Und nun streiche ich einmal mit der Hand über die alte Reisekiste, wie über etwas ganz Kostbares.


