Ausgabe 
17.4.1936
 
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wort, ja noch nicht einmal eine Andeutung vom englischen Außenministerium erfolgt.

Pertinax erklärt imEcho de Paris", zwi­schen den Völkerbunbssatzungen, selbst wenn man sie noch so dehnbar auslege, und den Forderungen Italiens bleibe ein völliger Gegensatz. Die franzö­sischen Vertreter könnten in der nächsten Sitzung in Gens nur an ihrem Standpunkt festhalten, der von derdeutschen Gefahr" (!) und von den Erfordernissen der etwaigen Aktion am Rhein" bestimmt werde. Sie würden nicht müde werden, zu erklären, daß die Verletzung des Dölkerbunbspaktes durch Italien angesichts der deutschen Gefahr eine Frage zweiter Ord­nung sei. Die französische Regierung werde ihre Haltung im italienisch-abessinischen Streitfall so ein­richten, daß der dem französischen Widerstands- system durch Deutschland zugefügte Schaden so ge­ring wie nur möglich bleibe.

Die Generalstabsbefprechungen.

Ein Generalplan.

London, 16. April. (DRV.) Die am Mittwoch in London begonnenen Generalstabsbespre- ch u n g e n zwischen England, Frankreich und Bel­gien wurden am Donnerstagabend abgeschlos- s e n. Am Nachmittag hatte eine gemeinsame Sitzung der Vertreter der drei Waffengattungen im Gebäude der Admiralität stattgefunden, die etwa eine Stunde dauerte. Wie verlautet, werden die französischen und belgischen Vertreter vor ihrer Rückkehr wahrschein­lich noch einen oder zwei Tage in London bleiben.

Der diplomatische Mitarbeiter desEvening Stan­dard" weiß zu melden, daß beabsichtigt sei, die Vor­schläge der drei Waffengattungen zu einem G e n e - ralplan zusammenzufassen, der alsdann den Re­gierungen Englands, Frankreichs und Belgiens un­terbreitet werden solle. Möglicherweise sei diese Ab­sicht schon in der abschließenden Sitzung am Don­nerstag durchgeführt worden.

Oer norwegische Außenminister in Warschau.

Warschau, 16. April. (DNB.) Zu Ehren des norwegischen Außenministers K o h t, der am Frei­tag mit dem Flugzeug aus Bukarest eintrifft, wird Außenminister Beck am Freitagabend ein Essen geben. Am Samstag wird Minister Koht vom polnischen Staatsprä fit) enten empfan­gen werden und den Ministerpräsidenten K o s c i al- ko w s k i besuchen. Am Sonntag früh reist Minister Koht nach Moskau weiter. In Warschauer poli­tischen Kreisen wird der Besuch des norwegischen Außenministers, der auf Einladung der polnischen Regierung erfolgt, in Zusammenhang gebracht mit der während der letzten Londoner Ratstagung ein­geleiteten Verständigung der mittleren und kleineren Staaten über eine gewisse Zusammenarbeit im Völkerbunde. Es wird betont, daß der Besuch des norwegischen Außenministers informatorischen Charakter trägt und lediglich einer persönlichen Fühlungnahme dient.

Neubesetzung

des lettischen Außenministeriums.

Riga, 16. April. (DNB.) Der neue Präsident der Republik, Ulmanis, hat seine Amtsgeschäfte übernommen und ist von seiner bisherigen Stel­lung als Außenminister zurückgetreten. Mit der provisorischen Führung der Geschäfte des Außen- ministeriums wurde der Finanzminister E k i s betraut.

Marxistische Ausschreitungen in Lemberg.

Warschau, 16. April. (DNB.) In Lemberg ist es am Donnerstag zu außerordentlich schweren Zusammen st äßen zwischen der Polizei und Mitgliedern der A r b e i t e r g e w e r k s ch a f t e n gekommen. Die Unruhen entstanden bei der Beerdi­gung eines am Dienstag bei einer Arbeitslosen­kundgebung durch einen Polizeibeamten erschossenen Demonstranten. Die Gewerkschaften versuchten, ent­gegen der Vereinbarung mit der Polizei, einen Demonstrationszug durch die Straßen zu veranstalten, die von der Behörde für den Auf­marsch nicht freigegeben worden waren. Die Polizei wurde daher eingesetzt, um die Demonstran­ten zu zerstreuen. Dabei' wurde sie von der Menge tätlich angegriffen und mußte schließlich von der Schußwaffe Gebrauch machen. Bisher werden zehn Tote und etwa 60 Verwundete ge­meldet.

lieber die Zusammenstöße in Lemberg veröffent­licht die Polnische Telegraphenagentur eine amt- l i ch e D a r st e l l u n g in der es u. a. heißt:Am Donnerstag kam es in Lemberg während der Bei­setzung eines gewissen Wladislaw K o z a k zu Zu­sammenstößen mit kommunistischen und ande­ren Elementen. Der aus Vertretern der Gewerk­schaften bestehende Begräbnisausschuß hatte im Ein­vernehmen mit den Behörde die Einzelheiten des Begräbnisses festgesetzt, und gleichzeitig eine Zusiche­rung für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ord­nung durch einen eigenen Sicherheitsdienst ab ge­geben. Leider wurden diese Zusicherungen nicht e i n g e h a l t e n. Die Mehrzahl der Teil­nehmer ließ sich Ausschreitungen zuschulden kom­men, indem sie Schaufenster einschlug und in Läden e i n d r a n g. An einigen Stellen der Stadt wurde die Polizei mit Revolver- schüssen und Steinwürfen empfangen. Die Polizei war ihrerseits gezwungen, von der Waffe Gebrauch zu machen. Im Verlaufe der Zu­sammenstöße fanden drei Personen den Tod. Eine weitere Anzahl wurde verletzt. Unter den Ver­letzten befinden sich auch mehrere Polizeibeamte."

Mehrmals kam es an mehreren Stellen zu Kämpfen mit Polizei-Abteilungen, die von der Menge mit Revolverschüssen und Stein­würfen angegriffen wurden. Vereinzelt wurde auch der Versuch gemacht, mit Hilfe umgestürzter Straßenbahnwagen eine Barrikade zu errichten. Der größte Teil der demonstrierenden Menge zerstreute sich in der Stadt und begann in größeren Trupps Plünderungen von Ge­schäftslokalen und Wohnungen. Ein größeres Holzlager wurde in Brand ge­steckt und die Feuerwehr wurde an der fiö» 0 gewaltsam verhindert. In den späten stunden wurde die Ruhe in Lemberg wieder hergestellt. Im Laufe der Nacht wurde eine Reihe von Ruhestörern verhaftet, meist Kommuni- st en, bei denen Waffen gefunden wurden. Die Blätter heben hervor, daß hier ebenso wie vor einiger Zeit in Krakau die sozialistischen Gewerk­schaftsführer die Leitung der Massen verloren und daß an ihre Stelle Kommunisten traten, die die Massen zu den schweren Ausschreitungen aufhetzten.

Italien gibt seineKnedensbeSinglmgen in Gens bekannt Verhandlungen unter Ausschluß des Völkerbundes fern von Genf. Waffenstillstand ist eine rein militärische Angelegenheit.

araph" und betont, daß der unerschütterliche Wider­stand, den Italien bereits seit fünf Monaten gegen Die Sanktionen geleistet habe und den es dank sei­ner inneren Disziplin und dank der immer besser ausgenutzten und vervollkommneten Hilfskräfte sei­nes eigenen Landes weiter leisten werde, die Zu­versicht auf den Erfolg verschärfter Sank­tionen ebenso enttäuschen werde, wie die Siege Italiens in Ostafrika alle pessimistischen Prophezeiungen eines italienischen Mißerfolges widerlegt hätten.

Englische Anleihe für Abessinien?

London, 16. April. (DNB.) Wie in Londoner City-Kreisen verlautet, soll die Regierung von Abessinien beabsichtigen, in Den nächsten Tagen eine öffentliche Anleihe in Höhe von einer halben Million Pfund Sterling aufzunehmen. Wie es heißt, werden die Anleihestücke in England mit einem Begebungskurs von 95 zu einem Zins-

Londoner Kommentare.

London, 17. April. (DNB. Funkspruch.) In ihren Berichten über die neue Entwicklung in Gens zeigen sich die Morgenblätter sehr zurückhal­tend. Nach allgemeiner Ansicht sind die Aus­söhnungsbemühungen des Schlichtungs­ausschusses sehr wahrscheinlich als gescheitert zu betrachten, lieber das weitere Verfahren in Genf und die zukünftige Stellungnahme Englands sind die Blätter noch sehr im Unklaren. Zwischen len Zeilen wird zum Ausdruck gebracht, daß

in amtlichen englischen Kreisen keine große Neigung bestehe, die Sühnemaßnahmen gegen Italien weiter aufrechtzuerhalten.

Der Genfer Korrespondent desDaily Tele­graph" erklärt, die italienischen Vor- fd) läge feien völlig außerhalb des Rahmenwerkes der Dölkerbunds- f a tz u n g e n. Wenn nicht eine völlig unerwartete und unwahrscheinlicke Entwicklung eintrete, werde der Schlichtungsausschuß heute keine andere Wahl haben, als das Fehlschlagen seiner Aussöh­nungsbemühungen festzustellen. Hierauf werde der Sühneausschuß einberufen werden müssen. Es sei jedoch ungewiß, ob irgend eine Entscheidung über neue Sühnemaßnahmen getroffen werden würde. Pertinax meldet in dem gleichen Blatt, Eden habe bei der gestrigen Sitzung des Schlichtungsaus­schusses energisch Darauf bestanden, daß jede Mög­lichkeit einer Aussöhnung ausgenutzt werden müsse.

Der diplomatische Mitarbeiter derM o r n i n g P o st" meldet, daß die amtlichen englischen Kreise Die letzte Entwicklung in Genf zurück­haltend beurteilen.

Die Italiener feien überzeugt, in Addis Abeba einmarfchieren zu können, bevor ein Waffen­stillstand abgeschlossen werde. Wenn dies zu­treffen sollte, dann könne man sich nur schwie-

Kreuz und quer an der imnemschen Aordsron«.

Don unserem Dr. Ho.-Kriegsderichterstatier auf iialienischer Seite.

satz von 6 v. H. angeboten werden. Die Bank von Aethiopien werde Die Anleihe in Die Wege leiten. Der Zinsendienst soll Durch eine Ehrenver- pslichtung Des Kaisers von Abessinien garantiert werden.

Japan um feine abessinischen Interessen besorgt.

Tokio, 17. April. (DNB. Funkspruch. Ostasien- Dienst.) Nach Mitteilung Der Agentur Domei Der- lautet, Daß Die japanische Regierung den italienisch-abessinischen Streit mit großerSorge verfolgt. Ganz davon abgesehen, welche Maßnahmen Der VölkerbunD oder EnglanD unD Frankreich an­gesichts der Lage in Ostafrika ergreifen sollten, ist die japanische Regierung, wie verlautet, aufs äußerste Darum besorgt, Japans wirtschaft­liche u n D Handel sinteressen in Abes­sinien sicherzustellen.

rig vorslellen, auf welcher Grundlage der Völkerbund in der Zukunft verhandeln solle.

Vernon B q r 11 e 11 meldet derNews C h r o- nicle" aus Genf, daß die italienischen Be­dingungen von der Mehrheit der Ratsmitglie­der als ganz und gar unannehmbar betrachtet würden. Einige Mitglieder seien für neue Druckmaßnahmen, von denen eine Sperre der Del- ausfuhr und -Beförderung die am wenigsten dra­stische wäre. Eine andere von den Franzosen geführte Gruppe habe erklärt, daß bis nach den französischen Wahlen nichts getan werden könne.

In britischen Kreisen sei man zu der Auf­fassung geneigt, daß Italien so schwer unter den bestehenden Sühnemaßnahmen leide, daß es kaum etwas ausmachen würde, wenn keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden, selbst wenn Addis Abeba von den Italienern er­obert werden sollte.

Der arbeiterparteilicheDaily H e r a l d" meint, Mussolini wolle dem besiegten Staat einen Frieden diktieren. Die Forderungen des Duce seien phan­tastisch und grotesk. Der Völkerbund habe nur noch eine Möglichkeit, die mit seiner Ehre und seiner weiteren Existenz erträglich sei: nämlich die Be- schließung scharfer und vernichtender Sühnemaßnahmen.

Das Rothermere-BlattDaily Mai l" meint, die englische Außenpolitik im Abessinien- konftikt habe einen vollständigen Bankrott erlitten. Wenn die englische Regierung seinerzeit Den Hoare-Laval-Plan angenommen hätte, Dann wäre Der FrieDen schon vor vier Monaten zustanbe- gekommen, unD Der Negus hätte ein Gebiet von Der Dreifachen Größe Englands behalten.

Genf. 16. April. (DNB.) In feiner heutigen Unterredung mit Ul a d a r i a g a hat A l o l f l, wie man hört, die BedingungenItaliens über die Aufnahme von Waffen st ill st ands- und Zriedensverhandlungen folgender­maßen zufammengefaht:

1. Die Ariedensverhandlungen müssen außerhalb von Genf stattfinden. (Ulan spricht von Ouchy bei Lausanne).

2. Die Verhandlungen finden nur zwischen den beiden Beteiligten statt. Der Völkerbund wird jedoch über ihren Ver­lauf unterrichtet.

3. Die Herbeiführung eines Waffen- st i l l st a n d e s ist eine militärische Frage und daher zwischen dem italienischen Oberbefehlshaber und dem Negus direkt zu regeln.

Alolsi soll erklärt haben, daß Italien über dieses Programm nicht weiter ver­handeln wolle, sondern es dem Dreizehner-Aus- chuh überlasse, die Vorschläge entweder ab­zulehnen oder anzunehmen. Die Haltung Italiens hat hier große Verlegenheit her­vorgerufen.

Rom Dementiert alle Gerüchte über Schlichtungspläne.

9t o m, 16. April. (DNB.) Zu Den in Genf auf- genommenen Besprechungen mit Dem italienischen Beauftragten Aloisi rourDe am Donnerstagabend von amtlicher Seite folgende formulierte Erklä­rung abgegeben:

Die Besprechungen Drehen sich um Das Verfah­ren unD haben präliminären Charakter. Alle Beteiligten haben sich zur stärksten Zu­rückhaltung verpflichtet. Nichts ist bis jetzt Durchaesickert. Die umlaufenDen Gerüchte über um- assenoere Reorganisations- und Schlichtungspläne, Die mit Der allgemeinen politischen Lage in Bezie­hung stünDen, finD ein reines ProDukt Der Phan­tasie unD werDen ohne weiteres Dementiert."

Im Zusammenhang mit Dieser Erklärung, über Deren nähere Bedeutung von zuständiger Seite jede weitere Auskunft abgelehnt wurde, sind gleichzeitig amtlich die Gerüchte über wichtige Bespre­chungen zwischen Rom und London de­mentiert worden. Auch die weitere Meldung, daß der italienische Regierungschef von der eng­lischen Regierung als ersten Schritt für eine Bei­legung des Konfliktes die Zurückziehung der eng­lischen Flotte aus dem Mittelmeer verlangt hpbe, wird mit Bestimmtheit in Abrede gestellt.

Der englische Botschafter Sir Eric D r u m m o n b ist am Donnerstag von Staatssekretär S u v i ch empfangen worden, lieber Den Gegen- tanD Der Unterredung ist nichts bekannt. Von ita­lienischer Seite wirb bazu versichert, es habe sich lebiglick um eine normale Fühlungnahme über lau» enbe Angelegenheiten gehandelt.

Keine Entscheidung im Dreizehner-Ausschuß.

Wegen Hilflosigkeit vertagt.

- Genf, 16. April. (DNB.) Der 1 3 er - Aus - schuh hat sich nach' zweistündiger Beratung auf Freitag 16 Uhr vertagt. Beschlüsse sind am Don­nerstag nicht gefaßt worden.

In Der amtlichen Mitteilung roirD erklärt, Der Ausschuß habe Den Bericht seines Dor­si tz e nD e n über Die Besprechungen mit der ita­lienischen und der abessinischen Abordnung ent­gegengenommen. Der 13er°Ausschuß habe es für zweckmäßig gehalten, daß der Vorsitzende und der Generalsekretär die abessinische Delegation über das Ergebnis der neuen Besprechungen, die sie am Donnerstagnachmittag mit der italienischen Dele­gation hatten, unterrichteten.

Diese Besprechung bezog sich auf die bereits von Paul-Boncour angeregte Abänderung einzelner Punkte des italienischen Pro­gramms. Der abessinische Vertreter beim Völker­bund hatte dieses Programm in einer am frühen Nachmittag überreichten Note mit aller Entschie­denheit abgelehnt, da es nach seiner Auffassung mit den Grundsätzen des Dölkerbundspaktes unver­einbar sei. Der 13er-Ausschuß glaubt, mit der Möglichkeit rechnen zu können, daß die ita­lienischen Bedingungen hinsichtlich der Beteiligung und der Unterrichtung der Völkerbunds­organe so abgeändert werden, daß Unterhand­lungen imRahmen des Völkerbun» d e s" getroffen werden könnten.

Am Freitag oder vielleicht auch in einer späte­ren Sitzung Des 13er-Ausschusses soll Dann, wie von englischer Seite erklärt roirD, enDgüÜig Darüber Klarheit geschaffen werden, ob Die Schlich­tung als gescheitert zu betrachten sei. AußerDem soll in Der Freitagssitzung wieDerum Die VerwenDung von Giftgasen Durch italienische Truppen er­örtert werden. Welche weiteren Folgerungen der 13er-Ausschuß aus der gegenwärtigen Lage ziehen wird, ist noch völlig ungewiß.

Italien finanziell und wirtschaftlich ftark genug Rom, 16. April. (DNB.) Die römische Abend­presse weist übereinstimmend die Behauptung eng­lischer Blätter zurück, daß Italien zwar mit den Waffen siegreich, dafür aber finanziell und wirtschaftlich vollkommen am Ende sei. Auch dieser neueste Propagandavorstoß werde sich als vollkommen nutzlos erweisen.

Giornale d'Jtalia" undLavoro Fascista" er­innern bei dieser Gelegenheit an die Statistik des Achtzehner-Ausschusses, die aeige, daß Italien auch finanziell und wirtschaftlich t a r k genug sei, um den Sanktionen tandzuhalten.Giornale d'Jtalia" wendet sich ferner noch besonders gegen denDaily Tele-

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Makalle, Ende Marz 1936.

Am Amva Aradam.

Dor uns reckt der Amba Aradam sein Massiv steil empor. Wir beobachten vorn Observatorium des Hauptquartiers aus mit Marschall B a d o - a l i o die Einschlagwirkung der dicht hinter uns feuernden Artilleriebatterien, den Vormarsch der verschiedenen Truppenabteilungen, die sich an den stark verschanzten Gegner heranpirschen, dessen Ver­suche, durch kleinere Gegenstöße Unordnung in die Reihen der Italiener zu bringen. Die Nacht bricht herein. Wir treten die Rückfahrt zu unserem Lager an. Am Dogheapaß leuchten Fackeln auf. Wir machen Halt. Eine Maultierkarawane zieht an uns vorbei. Auf dem Rücken der Tiere schwere Bündel, Deren Formen menschliche Körper erraten läßt. Einige hundert Meter vom Paß entfernt sind im Lichte von Scheinwerfern Offiziere und Mann­schaften beschäftigt, die Gräber für iyre gefallenen Kameraden auszuheben. Wir treten hinzu. Em Grab ist bereits zugedeckt. Ein schlichtes Holzkreuz erhebt sich auf dem Hügel. Daneben die offenen, gegen Hyänen und Schakale steinausgelegten Grä­ber, die ihres Inhalts harren. Unter Zeltbahnen ruhen die Schwarzhemden, die bei den ersten Vor­stößen gegen die Ausläufer des Amba Aradam ihr Leben gelassen. In der Ferne heulen Hyänen und bellen Schakale, über den Dogheapaß ziehen neue Bataillone, deren Gesang die toten Kameraden grüßt.

Abessinische Frontkämpfer.

Am zweiten Tag nach der Schlacht am Amba Aradam ziehen wir zur Besichtigung der Stellun­gen aus. Wir lassen unseren Wagen auf der Süd­seite des Hochplateaus stehen und marschieren in der prallen Mittagsglut zwei Stunden lang ein buschbestandenes Tal aufwärts, das sich bis an den Fuß des Amba Aradam erstreckt. Halt! Von links her weht starker Leichengeruch zu uns herüber. Wir gehen ihm nach. Da, Der erste abessinische Tote, in Khakiunisorm. Der Mann kann etwa 35 Jahre zählen. Er ist Durch eine Flugzeugbombe gefallen, die neben ihm einen tiefen Trichter gegraben hat. Zwei Meter weiter unter einem Gebüsch eine andere leblose Khakigestalt: ein Junge von etwa 18 Jahren. Jeden weiteren Meter stoßen wir auf abessinische Tote, die zumeist Opfer italienischer Bomber geworden. Ein Totenfeld dehnt sich aus, auf dem die afrikanische Sonne glast, über dem am Tage Aasgeier, um das bei sinkender Nacht Hyänen kreisen.

Wir kehren zu unserer alten Fährte zurück und stehen schließlich am Fuß des Amba Aradam. Allenthalben Spuren des einstigen abessinischen Heerlagers. Viele Felsblöcke decken Die Gegend. Man hatte seitlich Höhlen gegraben, die Mensch und Tier als Unterschlupf Dienten. Gerätschaften aller Art liegen verstreut herum. Wir untersuchen die einzelnen Schlupfwinkel. Plötzlich ein Schrei: einer unserer Kameraden stößt auf eine zwei Meter lange Pythosschlange, Die sich aus einem Felsblock

sonnt, unter Dem eine schwarze Gestalt liegt. Das Tier macht sich eilends davon. Wir treten näher. Ein Mann im besten Alter scheint seine Mittags­ruhe zu halten. Der Kopf ruht auf feinem Arm, Das Gesicht entbehrt nicht einer gewissen heiteren Ruhe. Doch Die Schäbeldecke ist sortgerisfen, Dicht oberhalb Des Hauptes gähnt im Felsen ein tiefes Granatloch. Wir erklimmen nach unendlichen Mühen Den Amba Aradam, wandern auf ihm stundenlang herum, besuchen Die Grotten, in Denen Ras Mulu- geta sein Hauptquartier aufgeschlagen, und steigen schließlich von Der Nordseite her talabwärts.

Hier stoßen wir auf ein in dichtes Grün gebet­tetes verlassenes Dorf. Am Rande liegt ein schilf- bestandener Weiher. Nichts regt sich. Doch, da eine wandelnde Gestalt: eine blinde Alte, die als einzige trotz des Bombardements der italienischen Artillerie zurückgeblieben ist. Sie tastet sich, einen Krug auf dem Haupt, den Weg zum Weiher entlang. Sonst nur noch miaulenbe Katzen, die von Hunger ge­quält in den teilweise zerschossenen Tukuls herum- streichen. Wir kommen einer Mauer näher, die Die Kirche mit Dem FrieDhof umgibt. Am Kirchhofs­tor stoßen wir auf eine leblose Khakigestalt. Eine Hand hält die Bordschwelle umkrallt. Die andere umkrampft ein Ledersäckchen, eines Amuletts. Der Mann hat einen Rückenschuß erhalten und zweifel­los versucht, sich in die Kirche zu schleppen. Der Weg war zu lang, an der Kirchenmauer hat er den letz­ten Atemzug getan.

Man hat in Europa bezweifelt, daß die Abessinier an der Nordfront unter schweren Verlusten aeschla- iien worden seien. Man hat insbesondere bie Zis- ern mit Vorbehalt aufnehmen wollen, bie ben Imfang ber abessinischen Nieberlage zu beleuchten vermögen. All biesen Zweiflern würbe ich einen Besuch bes Tembien unb ber Schiregegenb vor­schlagen, wo heute noch bie nachrückenoen italieni­schen Kolonnen mit ber Bestattung ber abessinischen Toten beschäftigt finb. Man stelle sich vor: eine hochromantische ©ebirgsgegenb mit tiefen Ein­schnitten, an bie mexikanischen Schluchten erinnernb. Staub, Sanb, glichenbe Sonne. Horste ber Abler unb Stellbichein zahlloser Hyänen: bas ist ber Tem­bien. Man stelle sich weiter vor: ein noch ziemlich unerforschtes Gebiet, zum Teil an ben Tembien er­innernb, zum Teil aber auch in ben tiefer gelegenen Teilen alle Merkmale bes tropischen Afrika tra- genb: bas ist bie Schire. Hier haben bie entscheiben- ben Schlachten gegen Ras Kassa, Ras Seyoum unb Ras Jmvru ftattgefunben. Die abessinischen Ver­luste waren ungeheuer. Tote, Tote, nichts als Tote beckten bie Gegend.

Die inneren Feinde des Negns.

Nicht nur in Jnnerabessinien, fonbern auch in den Ranbgebieten wohnen Völkerschaften, die von jeher bie Herrschaft bes Negus als ein unerträgliches liebel angesehen haben. Im reichen ligraigebiet, bas ber Herrschaft des auf italienische Seite übergetretenen Ras Gugsa untersteht, leben u. a. Teile jener Galla- ftämme, bie fortwährend) ber Zentralgewalt in Abbis Abeba Sorgen bereiten. Für biefe Leuts war es selbstverständlich, mit ihrem Oberhaupt Ras Gugsa