Ausgabe 
16.1.1936
 
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Oberyeffen.

Alte Flurnamen im Buseck-r Tal.

wg. Großen-Buseck, 14. Jan. Unser frucht­bares Tal war von jeher und schon frühzeitig be­siedelt. Zeugen dafür sind außer einigen alten Orts- benennungen in unserer Gemarkung vor allem auch die Hügelgräber, die sich einzeln und gruppenweise in den Wäldern fanden, allerdings nicht mehr bis auf den heutigen Tag erhalten find. Die Verteilung der Wohnplätze war jedoch zu früheren Zeiten und noch im Mittelalter eine andere als heute. Es be­standen vor allem viel mehr, aber kleinere Orte im Tale, als es gegenwärtig der Fall ist. Zu gleicher Zeit mit Großen-Buseck, vermutlich aber schon früher, lagen einige Orte in unserer Gemarkung, von deren einstigem Bestehen heute noch Wege- und Flurnamen zeugen.

So lag nordwestlich von Großen-Buseck Bälsers- hausen, nördlich Amelungshausen (oder Omels- hausen), östlich Dörfel, nordöstlich (jedoch nicht in unserer Gemarkung) Wilshausen und südlich Wolfs­hausen. Ob Wolfshausen ein Dorf oder nur ein Hof war, ist allerdings nicht bekannt. Einzelhöfe traf man in unserer Gemarkung früher mehrere an. So lag der Körnberghof an der Stelle oder in der unmittelbaren Nähe der Ganseburg. Nicht weit davon am Oeleberg stand die sogenannteKlöppels­burg", eine Oelmühle, in der die Oelfrüchte mit Klöppeln zerquetscht und dann gepreßt wurden. Die Lepper-, die Spitz- und die Scheidemühle waren früher ebenfalls solche Höfe.

Von den bereits genannten Orten bestand Wils­hausen noch im Jahre 1508. Im Steuerregister von 1544 wird der Ort aber bereits nicht mehr geführt. Am längsten nach Wilshausen soll jedoch Amelungs­hausen bestanden haben. Amelungshausen wird noch um das Jahr 1500 als Dorf erwähnt. Außer den vorgenannten Orten liest man im Arnsburger Re­gister auch noch ein Liefenrode. An diesen Ort erinnert jedoch in Großen-Buseck nichts mehr. Wann diese Dörfer eingegangen sind und warum, konnte bisher noch nicht mit Bestimmtheit nach­gewiesen werden Möglicherweise waren es ungün­stige wirtschaftliche Verhältnisse, die die Bewohner zwangen, ihre Anwesen zu verlassen oder verfallen zu lassen. Jedenfalls aber dürfte feststehen, daß sie nicht im Dreißigjährigen Krieg zerstört wurden, denn sie bestanden bereits bei Ausbruch dieses Krieges nicht mehr. Die genannten Orte und Höfe haben aber bestimmt bestanden, denn noch manches geht von Mund zu Mund und erinnerte an jene Dörfer.

In Flur- und Wegnamen sind diese Erinnerungen noch am lebendigsten und sichersten erhalten. Der Dörfelsberg und der Dörfelspfad, die Dörfelswiese und der Dörfelswiesenweg erinnern in Großen- Buseck noch an das Dorf Dörfel. In Beuern kennt man einen Dörfelswald.

Von Wilshausen kündet noch der Wilshäuserwald. W'lshausen wird im 15. Jahrhundert noch als Zu­behör zum Kirchengebiet Großen-Buseck bezeichnet. Es scheint dann aber an Beuern, Bersrod und R"is^irchen qekommen zu sein. Von Gern früheren Amelungshausen oder Omelshausen stammen noch die BezeichnungenUnter und über dem Amels- häuserweg" und dieDie Dorfwiese". Die Flur­namenBälsershäuierwäldchen" undBälsershauser- weg", wie auchHinter Bälsershausen" erinnern an das ausgegangene Dorf Bälsershausen. An Wolfshausen erinnert die FlurIm Wolfshause" an den Körnberghof der ..Körnbergwald" und der Körnbergweg". DerKlöppelsbürgerweg" ober hält das Andenken an die Klöppelsburg aufrecht.

^atsherrensitzung n Ais^e b

D Alsfeld, 15. Jan. Am gestrigen Dienstag fand die erste Sitzung der Ratsherren im neuen Jahre statt. Man beschäftigte sich zunächst mit der Ausführung von Notstandsarbeiten im Stadtwald Hombera. Die im Rahmen einer bewilligten Maßnahme als Notstandsarbeiten in An­

griff genommenen Wegebauten im Stadtwald Hom­berg mußten eingestellt werden, da infolge verschie­dener unvorhergesehener Umstände der bewilligte Kredit nicht ausreichte. Auf Anregung des Forft- amts sollen wenigstens die dringend notwendigen Arbeiten in dieser Maßnahme fertiggestellt werden. Hierzu ist ein weiterer Kredit in Höhe von etwa 600 RM. erforderlich. Nach Anhörung der Rats- herren wurde die Entschließung dahin getroffen, daß gemäß dem Vorschlag des Forstamts Eudorf die Notstandsarbeit zum Abschluß gebracht werden soll, unter der Bedingung, daß das Landesarbeitsamt die Ausführung der Arbeiten in eigener Regie, bei Tief- bauarbeiterarif und in der 42-Stunden-Woche ge­nehmigt.

Eine Kapitalaufnahme für einen Erweite­rungsbau a m F e ld b e r e i n i g u n g s am t und für den Ankauf des Sportplatzes in der Rambach ist notwendig. Infolge Vermeh­rung des Personals in den Räumen des Feldberei­nigungsamts reichen diese nicht mehr aus. Auf Er­suchen der Staatsregierung soll noch ein behelfs­mäßiger Anbau an das Gebäude, der mit 6000 RM. veranschlagt ist, errichtet werden. Die aufzunehmen­den Kosten werden vom Staat zu 6 v. H. als Miete verzinst. Für den Ankauf des Sportplatzes in der Rambach, dessen Notwendigkeit der Vorsitzende ein­gehend begründete, ist ebenfalls eine Kapitalauf­nahme von 6000 RM. erforderlich. Die Kapitalauf­nahme wurde beschlossen. Die dazu erforderliche Nachtragshaushaltsatzung wurde gemäß dem Nach­tragshaushaltsplan festgestellt.

Bezüglich der durch Errichtung eines Neubaues erforderlich gewordenen Benennung einer neuen Orts ft raße innerhalb des alten Stadt­teiles erhielt diese den NamenAm Hofacker", da man Gewicht darauf legt, die historischen Namen in diesem Stadtteil festzuhalten. Ueber die Benennung der neuen Siedlung an der Hochstraße wurde ein Beschluß noch nicht gefaßt.

Landkreis Gießen.

-s- Wieseck, 15. Jan. Unser Vogelschutz­gehölz, das in Gemeinschaft von Obst- und Gar­tenbauverein, Gemeindeverwaltung und Jagdpäch­tern vor fünf Jahren angelegt wurde, hat sich so prächtig entwickelt, daß im Laufe des Nachwinters von fachmännischer Hand der sogenannte Quirl­schnitt vorgenommen werden kann. Die Hoffnungen, die zu der Anlage des Gehölzes bestimmend waren, haben sich voll und ganz erfüllt. Für die Frei- unb Erdbrüter wurden gern angenommene Nist­stätten geschaffen, und auch das Niederjagdwild konnte Schutz gegen Feinde finden. Allein 6 Nester von Goldammern und Hänflingen konnten im letz­ten Jahre feftgeftellt werden. Die mit der Vogel- und Wildschutzanlage gemachten guten Erfahrungen haben die Veranlassung gegeben, ein weiteres Gehölz zu schaffen. Die Buderusschen Eisenwerke stellten dazu eine ausgebaute Sandkaute im Dörr­loch in uneigennütziger Weise zur Verfügung. Be­reits im Herbst sind die ersten Bepflanzungen durch­geführt worden, die Vervollständigung des Bepflan­zungsplanes wird im kommenden Frühjahr wieder von den interessierten Körperschaften vorgenommen werden. In Erwägung gezogen ist weiterhin, den Wafserlauf der Wieseck im Sinne einer modernen Landschaftsgestaltung zu be­grünen, um mit der Pflege des Vogelschutzgedankens auch eine Verbesserung der Bienen- weide zu tätigen.

= Wieseck, 16. Jan. Die hiesige Orts« bauernschaft hielt gestern abend in der Wirt­schaft Keller ihren ersten diesjährigen Schulungs­abend ab, der sich eines guten Besuches erfreute. Ortsbauernführer H. Rodenhausen wies nach herzlicher Begrüßung auf die hohe Aufgabe des Bauernstandes hin, dessen heilige Pflicht es sei, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln für die volle Nahrungsfreiheit des deutschen Volkes Sorge zu tragen. Nachdem die Getreideschlacht sieg-

Nicht müd- werden, Annelies!

Vornan von Bernhard Lonzer.

Urheberrechtsschutz: Auswärts-Verlag, Berlin.

26 Fortfetzung. Nachdruck verboten!

Sie rührte sich kaum als er herankam und ihr die Hand gab, aber sie sah mit einem dankbaren, fast demütigen Ausdruck in den herrlichen dunklen Augen zu ihm auf.

Er löste sich mit einem seltsamen Zucken der Schultern von ihrem Blick und sah zum Himmel auj.

Ich glaube, wir haben für unsere Fahrt keine gute Stunde gewählt."

Sie sah mit schwermütigen Augen in das fahle Abendlicht.

Jede Stunde, die ich noch mit dir zusammen verbringen darf, ist gut. Laß uns fahren, wenn es auch ein Unwetter geben sollte."

Er widersprach nicht, aber er wußte, daß es schwerer sein würde, diese Stunde zu überstehen, als er sich gedacht hatte.

Das Boot lag bereits im Wasser. Sie stiegen ein. Günther stieß das Fahrzeug vom Ufer ab, ein paar kräftige Ruderschläge, dann lieh er es mit der Strömung flußabwärts treiben.

Sie wußten beide, daß es um etwas anderes ging als um eine bloße Bootsfahrt; aber es schien, als scheute sich jeder von ihnen, das erste Wort zu sprechen. Es war still zwischen ihnen. Nur ab und zu flatterte ein belangloses Wort über das dunkle Wasser hin, und jedem dieser nichtssagenden Worte zitterte ein dunkler, verhaltener Klang nach.

So glitten sie langsam und tatenlos durch den wolkenüberschatteten Abend hin. Der Himmel war ohne Mond und Sterne. Als das knorrige Geäst der sieben alten Eichen vom jenseitigen User her­überdunkelte, lenkte Günter das Boot hinüber. Wetterschein brach zuckend aus den Wolken, als er es am Ufer anpflockte. Sie achteten nicht darauf. Es war ja fo gleichgültig, was um sie yerum ge­schah.

Schweigend schritten sie in das Bruch hinaus, das in dem zerrissenen Dunkel ohne Grenzen zu sein schien. Leise schob sich Mias Hand in Gün­ters Arm. Er ließ es geschehen Da rollte Donner­grollen dumpf aus der Ferne heran, und schon sie­len die ersten Tropfen.

Sie wandten sich um und gingen wieder zuruck, kaum schneller als zuvor. Als sie eben wieder das Ufer erreicht hatten, brach das Unwetter mit aller Gewalt los. Krachend zuckten die fahlen Blitze in unaufhörlicher Folge herab. In heftigen, rauschen­den Strömen stürzte der Regen nun hernieder.

Unweit der alten Eichen stand eine leere Feld­scheune. Sie gingen hinüber und traten unter. Und nun tobte das Wetter, als wäre die Hölle losge­lassen. Rundum lohte der ganze Himmel von dem Gezack der Blitze. Dazwischen rauschte der Regen sein brausendes Lied.

Mia starrte mit dunklen Blicken in das Toben.

Las scheint der Himmel jedesmal für uns auf­zuheben. Weißt du noch, Günter, damals, als wir uns zum ersten Male wiedersahen? Damals im Wald überraschte es uns auch. Aber es war ein Sonnenregen ein freundlicher, tröstlicher Regen, der einen so unsinnig froh machte. Damals konnte man sich noch als verwunschene Prinzessin fühlen. Und du warst der Ritter, der Zuflucht in meinem Reiche suchte. Kinderträume!, nanntest du es, und du hast wohl recht gehabt. Heute ist alles anders. Es kommt einem vor, als wäre das schon Jahr­zehnte her, und als wäre man alt geworden in dieser Zeit!"

Vielleicht haben wir uns in dieser Zeit wirklich gewandelt!" erwiderte Günther mit ausdrucksloser Htimme.

Mia schien seinen Worten, die in dem Rauschen und Krachen verhallten, nachzulauschen.

Du vielleicht, Günther. Du hast dich gewandelt. Und darum ich habe dich schon einmal gefragt, damals in den Weiden, ob ich wieder abreifen soll, und ich möchte dich heute wieder fragen:Willst du, daß ich abrgife?"

Sie hatte sich ihm zugewandt und sah wie ein demütiges Weib, das nichts für sich will, zu ihm auf.

Da richtete Günter sich aus.

Diese Stunde mußte einmal kommen, Mia. Es muß einmal klar zwischen uns werden. Und darum ja, es ist vielleicht gut, wenn du vor­läufig wieder abreist. Wenn wir uns eine Zeitlang nicht sehen, werden wir wissen, ob das Schicksal uns füreinander bestimmt hat oder nicht."

Sie senkte den Kops wie unter einem harten Urteilsspruch und sah stumm vor sich nieder. Dann hob sie ihm schweratmend das Gesicht wieder ent­gegen. .

Du weißt es es schon heute. Du liebst mich nicht mehr, Günter?"

Ganz dicht vor ihm brannten ihre Augen. Oder war es der Widerschein der Blitze, der ihren Blick in dunklem Feuer aufglühen ließ?

Du liebst mich nicht mehr, Günter?" wiederholte sie langsam und schwer.

Er hob den Blick über sie hinweg.

Ich weiß es nicht!" erwiderte er fast keu­chend.

Sie zuckte zusammen. Aber das dunkle Feuer in ihren Augen blieb.

Es ist ja nicht wahr, Günter, daß du es nicht weißt. Du willst es nur nicht wissen. Weil du nicht vergessen kannst oder nicht vergessen zu können alaubst, was ich dir angetan habe. Ich habe es ja

reich durchgekämpft sei, gelte es nun den nötigen Bedarf an Fett, Eiweiß und Gespinstfasern aus eigner Scholle zu erzeugen, um Devisen für die Einführung von Rohstoffen zur Durchführung der Arbeitsschlacht frei zu bekommen. Auch in unserer Gemeinde sollen nun Gärfutterbehälter für Kar­toffeln und Grünfutter geschaffen werden, damit die ausländischen Futtermittel, wie Sojaschrot, Oel- kuchen und Leinsaatmehl nicht mehr benötigt wer­den. Freiwillig erklärten sich auch eine Anzahl Landwirte bereit, eine kleine Fläche mit Flachs zu bestellen, um an ihrem Teile zum Sollaufkommen der 200 Morgen Flachsanbaufläche des Landkreises Gießen beizutragen. Der Ortsfachberater für Obst­bau sprach nun über Bedeutung und Ziel des Pflanzenschutzes. Tierische und pflanzliche Feinde, so führte der Redner aus, bedrohen in einer Unzahl

unsere Kulturpflanzen. An 16 Obstsorten sind es 1671 Schädlingsarten, bei unfern Gemüsearten 704, bei Futter- und Getreidepflanzen 988 und bei 14 Waldbäumen 4637 Schädlinge, denen unser Kampf gilt. Sachgemäße Schädlingsbekämpfung ist daher staatsbürgerliche Pflicht. Unter den allgemeinen Pflanzenschutzmaßnahmen wurde besonders vor übermäßiger Stickstoffdüngung gewarnt und reich­lichen Gaben Kali, Superphosphat und Kalk das Wort gesprochen. Der Schutz der natürlichen Feinde der Pflanzenschädlinge, wie Vögel, Marienkäferchen u. a., hilft den Kampf erleichtern. Durch plan­mäßige Unkrautbekämpfung, Verwendung erst­klassigen Saatgutes und richtige Bodenbearbeitung ist der Erfolg zu sichern. Eine rege Aussprache schloß sich den Ausführungen an. Um die plan­mäßige Winterspritzung mit Obstbaurnkarbolineum

Das verbrecherischeTreiben derZigeuner.

Oie Vernehmungen der KrankfurterZigeunerbande.BedrohungderBelastungS- zeugen. - Oie Hintergründe der Mordtat von Weiermünde.

LPD. Frankfurt a. M., 15. Jan. Die um­fangreichen Ermittlungen der Kriminalpolizei gegen die wegen Devisenschiebungen und des Mordes von Wefermünüe in Frankfurt am Main verhaftete Zigeunerbande dauern an. Wenn die Zigeuner auch versuchen, durch eine bestimmte Taktik weiterhin die Untersuchung zu er­schweren oder zu verschleppen, so haben jedenfalls die bisherigen Vernehmungen und Nachforschungen interessante Einzelheiten ergeben, die gleichzeitig mit aller Deutlichkeit das asoziale und verbreche­rische Wirken der Zigeuner beleuchten.

Die folgenschwere Schlägerei an der Frankfurter Großmarkthalle, die bekanntlich zu der umfang­reichen Razzia und Festnahme der Zigeuner Ver­anlassung gab, konnte soweit aufgeklärt werden, daß man die drei Haupttäter und drei weitere Be­teiligte ermittelte. Aber noch während diese Unter­suchungen liefen, wurde auf die Belastungszeugen bereits ein ungeheuerer Druck ausgeübt, indem man ihnen gleichzeitig

hohe Summen in ausländischem Geld anbot, wenn sie ihre Aussagen zurücknehmen würden.

Man sieht also, daß die Zigeuner trotz allen Leug­nens noch im Besitz von Devisen sind. Selbst von außerhalb werden diese Drohungen an die Zeugen gerichtet, ein Zeichen, wie schnell der Nachrichten­apparat der Zigeuner arbeitet. Daß man auch vor Gewalttaten nicht zurückschreckt, geht z. B. daraus hervor, daß man das Pferd eines Zeugen schwer mißhandelte.

Inzwischen konnten auch der Mord von Weser- münde und seine Hintergründe weiter aufgeklärt werden. Der alte Zigeunerprimas Korpatsch war damals das Oberhaupt der Zigeuner, die im Hamburger Bezirk wohnten, und übte in dieser Stellung einen ungeheueren Einfluß aus. Alle Zi­geunerfamilien, die schwächer waren als seine Sippe sie zählte hundert Wagen und in sein Gebiet kamen, waren ihm untertan und mußten Tribut zahlen. Was der alte Korpatsch für den Ham­burger Bezirk eingeführt hatte, soll auch von anderen Sippen in deren ständigen Wohngebiet so gehand­habt worden sein, so auch von der Sippe Mei­ninger - Hoffmann, die im Gebiete von Wesermünde ansässig war. Als Korpatsch nun im vergangenen Jahr in dieses Gebiet kam, forderte man auch von ihm einen Tribut, den er jedoch als Erpressung bezeichnete. Abends kam der Zigeuner Hoffmann mit einem anderen Mitglied der Sippe und seiner Braut in den Wagen des fremden Zigeunerprimas und forderte den Tribut. Es kam zu einer Schlägerei, in dessen Verlauf Hoffmann töd­lich verletzt wurde. Nach dieser Tat trafen sich die Zigeuner der Sippe Korpatsch in einer Wirtschaft und verabredeten dort in ihrer Zigeunersprache, was sie bei ihren Vernehmungen aussagen wollten.

Da beide Parteien ein Interesse daran hatten, daß die Polizei nichts von ihren Tributzahlun­gen erfuhr, erfand man die Geschichte mit einer betrogenen Stammestochter, die auch bei der Verhandlung eine 'Rolle spielte.

Als man die Braut des Ermordeten den Mit­gliedern der Familie Korpatsch gegenüberstellte, damit sie den Täter herausfinden könne, mußte sie feststellen, daß sich dieser überhaupt nicht unter den Zigeunern befand, denn er hatte längst das Weite gesucht. Nun versuchte man, den Täter dadurch zu ermitteln, daß man feststellte, wer von der Fa­milie Korpatsch, die aus 8 Kindern bestand, ge­flohen war. Aber sowohl der alte Zigeuner, als auch seine Frau wußten angeblich weder den Na­men, noch das Geburtsdatum ihres achten Kindes. Da man anderseits aber doch einen Ersatz für den Flüchtling brauchte, erfand man die Tochter Gludia, diegerade auf Reisen" war. Bei den jetzigen Ver­handlungen hielt man dem alten Zigeuner diese Aussagen vor, woraus er meinte, daß die genannte Gludia doch identisch sei mit einer feiner anderen Töchter. Das Mordverfahren müsse damals bekannt­lich, wie bereits gemeldet, eingestellt werden. Da dem Zigegnervater dabei rund 8000 Mark Kosten entstanden waren, legte er sie einfach auf die mit ihm Inhaftierten um, so daß jeder 700 Mark zah­len sollte. Da sich sein Bruder weigerte, zu zahlen, wurde er durch Messerstiche und Schläge schwer ver­letzt. Später, als man den Täter wegen dieses Vor­ganges vernahm, erklärte er einfach, er sei ein un­eheliches Kind und kenne weder Vater, Mutter noch einen Bruder.

Auch in der Deviseuaugelegeuheit finden die Zi­geuner jetzt immer neue Ausflüchte und Ver­drehungen und wollen selbst von den bei der Razzia gefundenen, in Kleidern eingenähten ausländischen Goldstücken nichts wissen.

Während hier noch die Untersuchungen laufen, treffen bereits aus dem Reich Meldungen ein, die von erfolgreichen R.a zzien in Zigeuner­lagern berichten. Meist gelang es in diesen Fäl­len, Betrügereien, Diebstählen, Vergehen gegen das Waffengesetz und anderen Delikten auf die Spur zu kommen und so auch hier eindeutig das asoziale Leben und Treiben der Zigeuner festzustellen.

gegen spröde Haut

NIVEA

schwer genug büßen müssen. Ich bin zu spät eine reiche Frau geworden. Es ist so, Günter nicht wahr ? Du trägst es mir nach?"

Nein, Mia! Ich trage dir nichts nach! Du hast wohl nicht anders gekonnt!"

Und trotzdem sagst i)u ...?"

Sie griff nach feinem Arm.

Günter, trotzdem sagst du ...?"

Er fühlte ihre Finger um seinen Arm zucken, aber er schwieg. Seine Lippen lagen fest aufeinan­der. Es war so schwer, ihr weh tun zu sollen. Er dachte nicht daran, wie sehr sie ihm einmal weh getan hatte; er wußte nur, wie sehr er sie einmal geliebt hatte.

Du antwortest nicht!?" stieß sie mit angstvoll geweiteten Augen hervor.Du sollst auch nicht ant­worten, Günter. Ich will dich nicht drängen, will geduldig warten. Nur laß mich hierbleiben! Sage nicht wieder, daß ich fortgehen soll!"

Er fuhr sich mit einer wirren Handbewegung über die Stirn.

Wenn es wirklich klar zwischen uns werden soll, dürfen wir uns eine Zeitlang nicht sehen, Mia. Wir haben uns all die Jahre hindurch nicht ge­sehen es war damals ja auch nicht leichter als heute."

Nein, es war nicht leichter, aber noch einmal ertrage ich es nicht. Laß mich bleiben, Günter ja?"

Ihr erregter Atem streifte fein Gesicht. Er fühlte die zuckende Wärme ihrer Hand auf feinem Arm, las die irre Angst in ihren Augen. Es war schwerer, als er geglaubt hatte.

Wie du willst", sagte er mit einer Stimme, die ihm selber fremd klang.

Mia fühlte nur zu deutlich, wie es um ihn stand. Er kam nicht los von diesem Mädchen! Oh, wie sie dies Geschöpf haßte! Aber es wäre unklug gewesen, jetzt daran zu rühren. Ihre Gedanken jagten sich. Was sollte man tun? Es mußte etwas geschehen. Je länger sich die Entscheidung hinzog, desto un­günstiger waren die Aussichten. Man mußte darü­ber nachdenken, wenn man wieder ruhiger war. Morgen, übermorgen ...

Sie ließ Günters Arm los und trat nach dem Seitenrand der Feldscheune vor. Schweigend starrte sie in das Wetter hinaus. Mit müder Stimme warf sie dann ein paar gleichgültige Worte über die Schulter hinweg. Sie tat Günter unsäglich leid. Er lauschte in sich hinein: Mitleid? War es wirklich nur Mitleid?

Er fand keine Antwort auf diese Frage.

Noch immer erhellten einzelne Blitze den Himmel, noch rieselte der Regen in seinen Strömen herab, als sie das Boot wieder bestiegen, um nach Hause zu fahren. Günter legte sich in die Riemen; er hatte mit der Strömung zu kämpfen, so daß sie nur langsam vorwärts kamen. Die Anstrengung tat ihm wohl und lenkte seine Gedanken ab. Schweigend sah Mia in den rieselnden Abend hinaus, der wie

eine weite Wolke nebelhaften Lichts über dem dunk­len Wasser lag. Ihr Haar war naß, ihr Kleid feucht. Sie fühlte es nicht, sie wußte nur, daß man zum Ende kommen mußte. Bald, sehr bald!

Endlich war die Flußbiegung erreicht. Die Lich­ter der Stadt schwammen wie unsäglich müde Sterne in der diesigen Luft. Und dann tauchte das Bootshaus dunkel zur Rechten auf.

Sie legten an und fliegen aus. Nach ein paar Schritten blieben sie stehen, um sich zu trennen.

Schlaf wohl, Günter!" sagte Mia leise und gab ihm die Hand.

Schlaf wohl, Mia!" gab er zurück und sah ihr in das fragend erhobene Gesicht, als geschähe cs zum letzten Male.

Sie zögerte noch einen Moment, dann wandte sie sich langsam ab und ging mit gesenktem Kopf davon.

15. Kapitel.

Annelies war in Sorge um Günter gewesen. Wenn das Unwetter ihn draußen überrascht hatte? Aber vielleicht war er rechtzeitig umgekehrt und hatte irgendwo Zuflucht gesucht. Trotz dieser lieber« legung konnte sie sich aber nicht von einer sonder­baren Unruhe frei machen.

Als der Regen nachgelassen hatte, huschte sie leise aus dem Hause und ging in den Garten, hinüber zum Turm. Die nebelhaft schwere Luft bedrückte sie und verstärkte das quälende Gefühl der Unruhe, während sie aus dem Fenster des dunklen Turm­zimmers hinaussah.

Es dauerte eine Weile, bis ihre Augen sich an das seltsam verschleierte Dunkel gewöhnt hatten. Plötzlich sah sie eine weibliche Gestalt aus dem Dunst herausgleiten, noch ein paar Schritte heran- kommen und dann in den Weg einbiegen, der sich durch den schmalen Wiesenstreifen nach links verlor. Nach wenigen Augenblicken hatte der wallende Dunst die Gestalt wieder verschluckt.

Annelies hatte die jähe Empfindung von etwas Furchtbarem, ohne daß sie sich Rechenschaft darü­ber geben konnte. Da wuchs plötzlich auch eine männliche Gestalt aus dem Nebelgewölk heraus und kam heran. Sie bog nicht ab, sondern tarn auf die Mauer zu.

Günter...?

Annelies fühlte, wie sich mit einem Male eine grenzenlose Schwäche in ihren Körper eingrub und ihr die Knien zittern machte.

Günter...? Dann war das vorhin Mia Rechberg gewesen! Dann waren die beiden zusammen ge­wesen, während sie Günter allein gewähnt hatte!

Ein stockender, würgender Ton saß ihr in der Kehle, aber er fand keinen Ausweg. Es war zu Ende! Alles war umsonst! Wie eine ungeheure, zer­malmende Last lag diese Erkenntnis auf ihr. Um­sonst waren auch die entsetzlichen Wochen zwischen Hoffnung und Zweifel gewesen, diese endlosen, zer­mürbenden, aufreibenden Wochen, die an Leib und Seele zugleich gezehrt hatten.

'(Fortsetzung folgt*)