Hr.293Drittes Blatt
Dienstag, (5. Dezember 1936
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
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Mit der Hitlerjugend in Italien.
Erinnerungen eines Gießener Hitlerjungen.
Von Jrih Völzing, Gießen.
über den „Piazza Vittorio Emanuele II" zum „Casa della Giovane Italia". Wir werden hier von italienischen Mädchen empfangen. Nach einer kurzen Besichtigung marschieren wir zur Antoniusbasilika, die wie eine Vision des Orients vor uns aufsteigt. Ein kurzer Marsch, und wir sind auf dem Piazza dell' Erbe. Unzählige Menschen haben sich hier eingefunden. Rechts von uns steht der Palazzo della Ragione, wo wir empfangen werden. Hier werden uns Erfrischungen gereicht. Als wir nach etwa einer Stunde den Palzzo della Ragione wieder verlassen, werden wir auf den Piazza dell' Erbe stürmisch gefeiert. Immer wieder wirft man uns Rosen und Nelken zu. Wir marschieren zum Municipio, zur Universität und dem Parteiaebäude und legen hier mächtige Eichenkränze mit HI.-Schleifen nieder.
Nach dem Mittagessen ist im Garten des Balilla- Heimes bis 15 Uhr Mittagsruhe. Während dieser Zeit umlagern zahlreiche Einwohner der Stadt unseren Garten und versuchen immer wieder, sich mit uns zu verständigen. Wir probieren es mit der englischen, französischen und lateinischen Sprache und vor allen Dingen mit Hand- und Kopfbewegungen. Um 15 Uhr bringt uns die Straßenbahn nach den Abaner Thermen zu Fuße der Colli Euganei, die sich in weichgewellter Linie gegen den Horizont obzeichnen. Es ist dies eine lachende Landschaft, mit einzeln verstreuten Villen im Stile des Pa-
gehts durch die Thermenallee zum Theater-Garten. Hier haben Spielbuden jeder Art Aufstellung genommen. Vor uns spielt eine Tanzkapelle.
Nach einem kurzen Imbiß ist 45 Minuten Freizeit. Ich benutze die Gelegenheit, mich mit der näheren Umgebung einmal vertraut zu machen. Ich sehe das stille Arquä, Petrarcas Lieblingsaufenthalt, unweit davon den fürstlichen Park von Dalsan- zibio, die prächtige Abtei von Praglia und die Villa des Waffenstillstandes bei Abano, reiche Parks, große Tanzdielen und schattige Promenadeanlagen. Auf meinem Rückweg zum Theater-Garten werde ich immer wieder angesprochen. Italiener, Franzosen, Engländer und Amerikaner, sie alle wollen erzählt haben von Deutschland und seinem Führer.
Im Theater-Garten wird die Tanzkapelle von unserem Musikzug des Gebietes 8 (Niedersachsen) abgelöst. Er spielt deutsche Märsche und wir singen zünftige Lieder. Der Beifall ist groß. Immer wieder ertönen die „Eja, Eja, Alalla"-Rufe auf Hitler und Mussolini. Bei der Abfahrt der Straßenbahn werden wir durch herzliche und begeisterte Zurufe nochmals gefeiert. Am Abend geben wir in der Stadt Padua ein Platzkonzert. Es singen hier 450 HJ.-Kameraden. Als zum Abschluß unseres Platzkonzerts unser Musikzug den Königsmarsch und die Giovinezza, sowie das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied spielt, bricht großer Jubel unter
* den Zuhörern aus. (Fortsetzung folgt.)
duaer und venetianischen Patriziertumsdesl8.Jahr- hunderts. Die Wasser von Abono Terme zählen zu den stärksten und mineralreichsten, zu den wärmsten unter den bekannten Quellen. Die Quellen, die zu den radioaktivsten Quellen Italiens zählen, erreichen eine Temperatur von87 Grad Celsius. Dann
Der Jugendführer des Deutschen Reiches, Baldur von Schirach, verläßt das Forum Mussolini. Rechts im weißen Anzug der Führer der italienischen Jugend, Renato Ricci. — (Aufnahme: Völsing, Gießen.)
Aus der Vrovinzialhauptsiadt.
I.
Im Anschluß an den Besuch italienischer Jugendformationen im Reich im Jahre 1933 hatte der Reichsjugendführer die Einladung des italienischen Jugendführers Renato Ricci, im September dieses Jahres mit einer HI.- und Jungvolk-Formation zum Gegenbesuch nach Italien zu kommen, angenommen.
Am 5. September wurden sämtliche Jtalien- Marschteilnehmer in Dachau bei München in einem Dorbereitungslager, das sowohl der einheitlichen Ausrichtung der Mannschaft, als auch der Schulung über die geschichtliche Entwicklung, sowie die geopolitische Lage Italiens diente, zusammengefaßt.
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Mit einem Sonderzug der Deutschen Reichsbahn fahren wir am 15. September morgens um 5.45 Uhr in Dachau ab. In saufender Fahrt geht es über München, Rosenheim in Richtung Landesgrenze. Dem schnelljagenden Inn fahren wir entgegen. Links und rechts ragen die steilen Berge himmelan. Vor uns erhebt sich trutzig die alte Feste Kufstein, in deren Mauern die Heldenorgel zum Ruhme und Gedächtnis der Gefallenen des großen Krieges erbraust. Nun hält der Zug. 7 , : . '■
Wir haben die ö st e rr e i ch i sch e Grenze überschritten. Die Fahrt geht bald weiter; drunten liegen Höfe und Dörfer. Die Menschen grüßen freundlich herauf; einige erheben die Hand zum Gruß. Immer weiter geht es bergan. Wir fahren durch das Tiroler Gebirge und erreichen endlich die äußerste Nordgrenze des Etschlandes.
Gegen 11 Uhr erreichten wir am Brenner Italien. Wir sind am „Brennero" angelangt. Die Vertreter der italienischen Jugendorganisationen sind zu unserer Begrüßung gekommen. Bald geht die Fahrt weiter. Uns erwarten große Tage im Italien Mussolinis. Der elektrisch betriebene Zug gleitet schnell zwischen waldigen Hängen dahin, vorbei an freundlichen Häusern, hinab nach Bolzano, dem Tor der Dolomiten. Hinter Bolzano geht es an der rauschenden und schäumenden Etsch entlang, nach Trento, der Hauptstadt des Tren- fino. Wir fahren über Ala, in das Tiefland von Venetien, der Römerstadt Verona entgegen, die durch ihre Kunstschätze und ihre Schönheit bekannt ist. Nach dieser schönen Fahrt durch das herrliche Etschtal haben wir kurzen Aufenthalt auf dem neuen Bahnhof in Verona. Unsere Musikkapelle schmettert zum ersten Mal auf italienischem Boden ihre schneidigen Märsche, und zum ersten Mal grüßen begeisterte Menschen. „Evviva Germania", „Evviva Germania", schallt es aus der beifallklatschenden Menge. Helle Begeisterung herrschte auf dem weiten Bahnsteig.
Uederall blauer Himmel. Lachende Sonne. Es geht weiter. Um 17.45 Uhr trifft unser Sonderzug in Padua ein, wo sich der Präfekt, der deutsche Vizekonsul, Vertreter der faschistischen Jugendorganisationen und der Bürgermeister zum Empfang eingefunden haben. Als wir den Bahnsteig verlassen' und vor dem Bahnhof zur ersten offiziellen Vogrüßung Aufstellung nehmen, bricht ungeheurer Jubel unter den unzähligen Zuschauern aus. Unser Musikzug und die Kapelle der Avangardisten spielen die italienischen und die deutschen Nationalhymnen. Mit klingendem Spiel ziehen wir dann durch die von unzähligen Menschen dicht gefüllten Straßen Paduas in unser Quartier, ein Schulgebäude. Die Einwohner bereiten uns einen herzlichen Empfang und begrüßen uns immer wieder mit stürmischem Händeklatschen, Nach der Quartiereinteilung wird zum Abmarsch nach dem Balilla-Heim angetreten. In diesem Heim essen wir während unseres Aufenthaltes in Padua. Gegen 20 Uhr ziehen wir singend durch die beleuchtete Stadt. 22.30 Uhr Zapfenstreich.
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16. September. 6 Uhr Wecken. Nach dem Kaffee wird zur Stadtbesichtigung angetreten. Unter klingendem Spiel ziehen wir durch Padua. Es geht
Mehelsuppe auf dem Lande.
Schlachttag! Das ist auf dem Lande vergnüglicher Tag. Allerdings gibt es viel zu tun. Aber es ist doch ein kleiner Festtag. Die Mutter hat Kuchen gebacken, und am Abend werden Bekannte und Nachbarn zur Metzelsuppe eingeladen. Auch die Kinder nehmen regen Anteil, denn da gibt es kleine Botschaften auszurichten, da ist allerlei zu holen. Wenn sie den Erwachsenen zu sehr im WeHe stehen, werden sie in das entgegengesetzte Ende des Dorfes geschickt, um den „Fleischhobel" oder die „Wurstleiter" zu holen. Das sind kleine Scherze vom Metzger, um die Kleinen loszuwerden.
Am Abend kommen auch die Nachbarskinder; sie singen ihr Berschen:
Ich hab gehört, ihr hätt' geschlacht' und hätt' so große Wärst gemacht. Gebt mir von den langen, und laßt die kurzen hangen!
Dafür erhalten sie kleine Würstchen. Am anderen Taae dürfen sie beim Austragen der Wurstsuppe helfen.
„Es riecht ganz anders in einem Haufe, wenn geschlacht' worden ist!" sagte mir einmal ein alter Bauer. Und er hat auch recht. Aus dem Fenster der Küche strömen liebliche Dämpfe von der kochenden Wurst, und in der Vorratskammer hängen nun, dicht nebeneinander auf langen Stangen aufgereiht,
die Würste in allen möglichen Formen und Größen.
'Das Kochen der Würste wird meist vom Hausvater besorgt. Freilich gibt es auch Orte, in denen der Metzger diese Arbeit aussührt. Aber so bequem haben es nicht alle Landbewohner. Der Vater steht mit gefurchter Stirn vor dem Kessel und gibt acht, daß es nicht zu lebhaft kocht, daß keine Wurst platzt. Aber die Wurstsuppe darf auch nicht aus dem Kochen kommen. Es gehört eine gewiße Uebung dazu, hier alles in der rechten Art und Weife durchzuführen. Sind die Heranwachsenden Söhne konfirmiert, dann müssen sie zunächst Zuschauer sein und genau beobachten, wie die Würste eingelegt, die Blutwürste „gestochen" werden, um zu erkennen, ob sie schon durchgekocht sind usw. Dann erst dürfen sie einmal das Wurstkochen selber besorgen. Gerät alles, so werden sie gelobt.
Sind alle Würste gekocht und auf den bereit- liegenden Brettern zum Erkalten ausgelegt, dann denkt der Hausvater an das eigentliche Schlachtfest. Einige Bratwürste quietschen schon in der Pfanne. Nun werden auch die Probe-Kochwürste geholt. Als ersten Gang gibt es natürlich das beliebte Wellfleisch. In manchen Orten reicht man Sauerkraut dazu, an andern gibt es Meerettich. Das kleine Schnapsgläschen macht dazwischen die Runde.
Manchmal gehen die „Mannsleute" noch einmal aus, die Kinder kommen ins Bett, und gegen elf Uhr
Geschichte der Bewegung im Gau Hessen-Nassau.
NSG. Das Material für die Geschichte der Bewegung im Gau Hessen-Nassau soll nunmehr zusammengetragen und festgehalten werden. Dieses Werk muh deshalb jetzt in Angriff genommen werden, um die Sicherheit zu haben, dah die lebenden Zeugen des Kampfes, des Sieges und des Aufbaues gehört werden. Alle Parteigenossen und Volksgenossen, die im Besitz von Material und beweisbaren Tatsachen sind, werden um Ueberlassung dieses Materials gebeten.
Zunächst sind erwünscht: Bücher, Broschüren, Zeitschriften, Hetzschriften, Flugblätter, Wahlaufrufe, Wahlplakate, Karikaturen, Zeitungen und Photos einstiger Gegner, soweit sie sich mit dem Nationalsozialismus befahl haben. Für wichtigere, persönliche Gedenkslücke wird um leihweise Ueberlassung gebeten.
Persönliche Abgabe oder Einsendung an das Gaupresseamt Hessen-Nassau, Frankfurt a. M.» Gutleutstrahe 8 bis 14, Sachbearbeiter: Parteige- nosse Paul Bierwirth. Der Sachbearbeiter Bierwirth ist im Gaupresseamt Montags und Mittwochs von 17 bis 19 Uhr zu sprechen.
gibt es dann die neue Bratwurst mit Krautsalat. Zum Schluß noch Kaffee und Kuchen.
Auch die armen Leute im Dorfe freuen sich an den Schlachttagen. Sie wissen, daß ihnen eine Kanne voll guter Wurstsuppe, mit einem großen Brocken Fett darauf und einige Würste, sicher ist. Ebenso stehen einige Büchsen bereit, die für Das Winterhilfswerk mit Fleisch oder Wurst gefüllt werden. Und der Wandersmann, der noch spat an solchem „duftigen" Hause vorüberkommt, wird em= qeladen, beim Schmause mitzuhalten. Und wenn am späten Abend die Metzelsuppgäste ihre fröhlichen Lieder fingen, dann soll einer sagen, es gäbe feine Poesie mehr auf dem Lande! H-
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr: „Seiner Gnaden Testament." — Gloria-Palast, Seltersweg: „Ein kleiner goldner Ring" („Hummel-Hummel"). — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Wenn mir alle Enqel wären." — Volksbund für das Deutschtum im Ausland: 20.15 Uhr: Volksdeutscher Abend in der Aula der Universität. — Weihnachtsausstellung der oberhessischen Künstler: Ab 17 Uhr im Turmhaus am Brand.
Stadttheater Gießen.
Dienstag, 15. Dezember, Anfang 20 Uhr, Ende 22.45 Uhr „Seiner Gnaden Testament", Komödie von Hjalmar Bergman. Spielleitung: Hans Geiß- l e r. Dienstag-Miete. 13. Vorstellung. — Mittwoch, 16. Dezember, Anfang 15 Uhr, Ende 17.15 Uhr, „Prinzessin Allerliebst" oder „Der wundersame Regenschirm". Märchenspiel von Friedrich Forster. Spielleitung Karl D o l ck. Musikalische Leitung Ernst Bräu er.'Außer Miete. Anfang 19.30 Uhr, Ende 21.30 Uhr, „Der Kampf mit dem Tatzelwurm", Lustspiel von L. Lenz und R. A. Roberts. Spielleitung Wolfgang Kühne. Mittwoch-Miete. 13. Vorstellung. — Freitag, 18. Dez., Anfang 20 Uhr, Ende 22.15 Uhr, Erstaufführung „Gyges und sein Ring , Trauerspiel von Friedr. Hebbel. Spielleitung Wolfgang Kühne. Freitag-Miete. 14. Vorstellung. —
Die Aachweben der Gripve
wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwächezustände, Frösteln uhö. und natürlich auch die Grivve lelbit, werden mit Hilfe von Klosterfrau-Melmengent leichter überwunden. Man trinke dreimal täglich eine Tasse schwarzen Tee oder Pfefferminztee, dem 1 bis 1'/ Eßlöffel Klosterfrau-Melissengeist zügeletzt werden. Sebr gut ist es auch, Klosterfrau-Melmen- geistgrog (nach Gebrauchsanweisung) zu trinken oder zweimal täglich Klosterfrau-Melissengeut m einem geschlagenen rohenEi unter Zusatz von etwas Zucker zu nehmen. Sie erhalten Klosterfrau-Melissengeist in Apotheken und Drogerien in Flaschen von 95 Pf. an. Nur echt in der blauen Packung mit den drei Nonnen. 7005V
Wege im Nebel.
Roman von Käthe Mehner.
(Copyright by Auswärts-Verlag, Berlin SW 68.)
83 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
XVIII.
„Der Herr sagte, er sei ein Beamter, gnädiges Fräulein. Er will Sie unbedingt sprechen."
Ein Beamter! Sanna fühlte, wie ihr das Blut in die Schläfen schoß. „Ich lasse bitten!" gab sie leise die Anweisung, legte dann den Hörer zurück, schloß minutenlang die Augen. Ein Beamter! Was konnte das bedeuten? Wer hatte ihn geschickt? Vermutungen schossen ihr durch den Kopf.
Doch schon wurde ein Klopfen hörbar.
An der Tür stand ein mittelgroßer Herr in
Nach einer unruhigen und von wirren Träumen gequälten Nacht stand Sanna am Morgen des folgenden Tages am Fenster ihres Hotelzimmers. Nervös fuhr sie mit der Hand über ihre Stirn. Das laute Hupen der Autos, das unaufhörliche Treiben auf den Straßen machten ihr Kopfschmerzen.
Müde ging sie ins Snnere des Zimmers zurück, nahm ein Buch vor. Doch auch das Lesen wollte ihr nicht gelingen. Ihre Augen glitten über die Zeilen hin, ohne daß sie auch den Sinn verstanden ^Mut haben! dachte sie. „Mut haben!" hatte Gerhard getagt. Wie konnte sie noch Mut haben, wenn alles so verwirrt war, wenn selbst Gerhard ihr keinen Rat, keine Klarheit geben fonnte? Wie hatte sie gestern abend auf ihn gewartet! Und alles vergeblich' Nur ein Anruf war gekommen, hastig, ohne ihr eine bestimmte Absicht zu sagen, hatte er ihr mitgeteilt, daß er nicht mehr kommen konnte, einer dringenden Sache roegen, daß sie
sich gedulden müsse bis zum Morgen. Nun war es Morgen, zehn Uhr schon, und immer noch kam er nicht...
Das helle Läuten des Zimmertelephons zerriß ihre Betrachtungen. Schnell nahm sie den Hörer ab. Vor Erregung und Ungeduld fühlte sie ihr Herz klopften. Aber eine fremde Stimme scholl ihr ^!,Em"Herr möchte Sie sprechen, gnädiges Fräulein." r - e
Sanna schauerte leicht zusammen Das konnte doch Gerhard nicht sein. Er hatte doch selber nu ihr gesprochen! Stockend fragte sie m den Apparat ^Würden Sie mir bitte den Namen dieses Herrn sagen?"
dunklem Mantel.
„Fräulein Heller? Nicht wahr?"
Er stellte die Frage kühl, sachlich, ohne Anteilnahme. Es war, als bemerke er Sannas Verstörtheit, ihr kreideweißes Gesicht gar nicht.
Machtlos suchten Sannas Hände nach einem Halt. Sie versuchte zu sprechen, ihn nach dem Grunde seines Kommens zu fragen, aber kein Wort entrang sich ihrer Kehle. Wenn dieser Mensch doch nur sprechen wollte, dachte sie. Nur Gerhard wußte doch schließlich ihre Adresse...
„Sa, was ist denn? Sprechen Sie doch!" stammelte sie schließlich in höchster Angst.
„Aber so beruhigen Sie sich doch!" sagte der Beamte. „Sch habe nur den Auftrag, Sie zum Magdalenenhospital zu begleiten. Shrem Verlobten, Herrn Dr. Rammelt, ist etwas zugestoßen! Durch Shre Tante, Frau von Bergmann, bekamen wir Ihre Adresse. Kommen Sie also, bitte!"
„Aber was ist denn geschehen?" rief Sanna erschrocken, obwohl sie es unbewußt fast als eine Erleichterung empfand, daß der Beamte Rammelts Namen und nicht den Gerhards genannt hatte.
„Sch bitte Sie, kommen Sie vor allen Dingen!" erwiderte der Beamte dringend. „Sch werde Shnen unterwegs alles Nötige erklären! Setzt ist jede Minute kostbar!"
Hastig machte Sanna sich fertig, zog den Mantel an, setzte die schlichte Kappe auf. Regellos wirbelten indessen die Gedanken in ihrem Kopf. Wie kam es, daß Tante Amalie ihre Adresse wußte? Wer hatte diesen Beamten hergeschickt? Hatte Ralf einen Unfall erlitten?
„Sch bin soweit!" sagte sie dann mit hilflosem Ausdruck, während sie die Handschuhe überzog.
Höflich öffnete der Beamte vor ihr die Tür.
*
„Wie steht es um unfern Patienten von Nummer sechsunddreißig?" fragte der Chefarzt des Magda- denenhospitals im Vorübergehen eine der Zimmerschwestern, deren ruhige, sympathische Züge einen vertrauenerweckenden Eindruck machten.
Sorgenvoll sah die Schwester auf:
„Smrner das gleiche, Herr Oberarzt! Das Herz ist sehr schwach. Mit ein paar Spritzen kann man ja die Lebenskraft noch einmal anfachen und für eine Zeitlang wach erhalten. Auf die Dauer aber --? Oder glauben Sie, daß er durchkommt?"
„Man kann es noch nicht mit Bestimmtheit sagen, Schwester Lena! Sch fürchte allerdings, Sie haben recht! Der furchtbare Sturz, die lange Bewußtlosigkeit bei dem an sich schon sehr angegriffenen Herzen, — — das läßt wenig Hoffnung übrig. Uebrigens,--Fräulein Heller ist doch benach
richtigt?"
„Gewiß, Herr Oberarzt! Kommissar Wagner hat selbst einen Beamten zu ihr geschickt."
„Und wann will der Kommissar selbst wiederkommen?"
„Er wünscht angerufen zu werden, sobald alles vorbereitet ist."
„Gut. Vielleicht ist es doch das beste, ich komme mal herüber. Sch werde dann später dem Patienten die Spritze selbst geben. Gern tue ich es ja nicht. Doch wenn es mit dazu beiträgt, Licht in diesen Fall Brand zu bringen — — dann muß eben versucht werden, was in Menschenmacht steht... Also bereiten Sie einstweilen alles vor, Schwester Lena! Sch komme in einer Viertelstunde herüber!"
*
Langsam, ganz langsam, wie mit einer großen Anstrengung, öffnete Ralf Rammelt die schweren Lider.
Sanna Heller, die schon seit geraumer Zeit dicht neben seinem Bett saß, bemerkte es zuerst, erhob sich dann schnell von ihrem Sitz. Sn ihrem Gesicht stand der Ausdruck eines großen Mitleids.
„Ralf!" sagte sie leise, „Ralf, sieh mich an, ich bin’s, Sanna! Wie fühlst du dich?"
lieber Ralfs Züge ging es wie ein Erkennen.
„Sanna!" flüsterte er, schloß die Augen dann wieder, als blende ihn das Licht.
„Hier, nimm dies, das wird dich stärken!" Sanna führte ein bereitgefteütes Glas an feine Lippen.
Mühsam trank der Kranke, schlug dann die Augen wieder auf, diesmal jedoch leichter und ein klares Bewußtsein erkennen lassend. Aber gleichzeitig ging auch ein Schatten über fein Gesicht. Man fah, daß er sich an etwas zu erinnern versuchte, ohne daß es ihm gelang.
„Sanna, du mußt dafür sorgen, du muß dafür sorgen, daß--—"
Verzweifelt ergriff er ihre Hand, richtete sich halb auf. Fiel dann in die Kissen zurück.
„Wofür soll ich sorgen, Ralf?" versuchte Sanna ihm zu helfen.
Vergeblich! Nervös fuhren Ralfs Hände über die Bettdecke.
„Sch kann mich nicht erinnern! Sch weiß nicht mehr--Sanna, so hilf mir doch!" stöhnte er.
Vorsichtig trat jetzt der Oberarzt an Sannas Seite, der im Hintergründe des Zimmers, dem Patienten durch einen Schrank verdeckt, neben dem Kriminalkommissar gesessen hatte.
„Soll Fräulein Heller sich vielleicht um Fräulein Willnoff kümmern, Herr Rammelt?" wagte er die Frage, während die drei übrigen Anwesenden den Atem anhielten, wie der Kranke die Erwähnung des Namens Willnoff aufnehmen würde.
„Für Fräulein Willnoff? Sa, für Fräulein Willnoff! Sag, sie ist doch nicht tot? Sprich, Sanna, nein, es kann doch nicht sein, daß sie tot ist!--"
Mit einem langen Blick sahen sich der Oberarzt und Kommissar Wagner an. Das Rätsel schien sich losen zu wollen.---
„Du mußt mir sagen, wo Olga Willnoff ist, Ralf, dann fahre ich gleich zu ihr und sage dir dann alles. Komm, Ralf, kannst du dich erinnern, wo du sie zuletzt gesehen hast?"
Ohne Zögern, wenn auch mühsam, gab er nun die Adresse an, die alle in größtes Erstaunen versetzte:
„Olga Willnoff liegt--tn Der Weststadtklinik,
--Lindenstraße 11---"
(Fortsetzung folgt!)


