Nr. 137 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, 15. Juni 1936
Aus der Provinzialhauptstadt
Ein llrlaubsgruß.
Mit der Frühpost war sie eingegangen. Vom Kontor wurde sie auch bald danach in den Betrieb geschickt und während der ersten Pause ging sie von Hand zu Hand. Alle betrachteten sie genau, sahen sich die Anschrift und die Mitteilung an und beschauten dann interessiert die Ansicht auf der Vorderseite.
Es war nur eine Postkarte, gewiß, aber es hatte eine besondere Bewandtnis damit. Denn sie war an alle Kameraden des Betriebes gerichtet und kam von dem kleinen Schulte. Der kleine Schulte war wirklich ein Kerl, das mußte man ihm lassen. Das ganze Jahr hindurch hatte er von den Beraen gesprochen. Wie großartig ihre Erscheinung sei und welche Aussicht man von ihrem Gipfel haben müsse. Kurzum, der kleine Schulte schwärmte von den gewaltigen Bergriesen und versicherte dabei, er werde sie auf alle Fälle im Sommer besuchen.
Und nun war wahrhaftig diese Ansichtspostkarte da, die immer wieder von einer Hand in die andere ging und an der man sich nicht satt sehen konnte. „Ich habe schon meine erste Kletterpartie
ser und schließlich jene Angehörige eines „auser- wählten Volkes", die sich gleich Spaltpilzen überall bemühten, die Volkskraft der Gesamtheit der deutschen Menschen zu zerstören. In einzelnen Darlegungen geißelte der Redner das verhängnisvolle Wirken der verschiedenen Gruppen und hielt damit eine scharfe Abrechnung mit allen Feinden unserer Volksgemeinschaft.
Für das deutsche Volk gebe es, so schloß der Redner, keine Möglichkeit zu ruhen oder zu rasten. Jedermann müsse seine Pflichten, seiner Familie und der Gesamtheit gegenüber, erfüllen. Die deutsche Frau müsse ihre Notwendigkeiten erkennen. Alle Kraft müsse unserem Führer und unserem Volke gewidmet sein.
Im Anschluß an die mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen des Kreisleiters Zürtz sprach die
Sau-Frauenschaftsleiterin Westernacher.
Bei einem Blick zurück in die deutsche Vergangenheit müsse es uns scheinen, so begann die Vortragende, als schauten wir in eine andere Welt, in eine schier unbegreifliche Welt, gesehen vom Standpunkt eines endlich geeinten Volkes aus. Die' Zukunft fei nicht mehr lichtlos. Alle Wandlung zum Guten verdankten wir dem Führer. Unsere Aufgabe sei es deshalb, uns seiner würdig zu erweisen.
Die deutsche Frau habe ein weites Arbeitsgebiet. Die Arbeit müsse einer großen Linie folgen. In der Erkenntnis des Guten fei die Frau noch immer eine treue Mitkämpferin gewesen. Die Frau habe auch ihrerseits der Volkwerdung zu dienen, habe ihre größte Aufgabe in der Heranbildung des neuen Geschlechts, in der Verantwortung für das Kind, sie müsse dafür sorgen, daß die Jugend rechtzeitig ihre Pflicht dem Volke und dem Staate gegenüber erkenne. Jede einzelne Frau sei wichtig, aber sie müßten alle zur großen Einheit geführt werden.
Das neugeschaffene Deutsche Frauenwerk erblicke für die deutsche Frau große Aufgaben in der Volksund in der Hauswirtschaft, um so mehr, als 75 v. H. des deutschen Volksvermögens der Hand der Frau anvertraut seien. Sie müsse Vorratswirtschaft treiben, sie müsse deutsche Ware kaufen, geschult werden für den Blick auf das Volksganze. Niemand solle sich zu klug dünken, an Kursen für Mütterschulung und Kindererziehung teilzunehmen. Im neuen Geiste habe jedermann noch zu lernen. Dem Ausland, das falsche Vorstellung von der Stellung der deutschen Frau hege, müsse gezeigt werden, daß die Frau nicht geknechtet sei, sondern in freiem Wirken an der Gestaltung des Geschicks unseres Volkes beteiligt sei.
Diele Frauen aus Stadt und Kreis Gießen waren aeftern nachmittag in der Volkshalle versammelt. Die meisten waren sehr zeitig gekommen und wurden bis zum Beginn der Kundgebung durch gute Musik des Musikzuges der SA.-Standarte 116 ausgezeichnet unterhalten. Die Volkshalle, insbesondere der Bühnenr^um, waren mit den Symbolen des Dritten Reichs, mit dem Zeichen der NS.-Frauen- jchaft, mit Blumen und frischem Grün ansprechend geschmückt. Tie Einbringung der Fahnen der Ortsgruppen unserer Stadt und einiger Fahnen der Hitlerjugend unter den Klängen des Badenweiler Marsches leitete die Kundgebung ein.
Frau Wrede (Giehen)
die Führerin der NS.-Frauenschaft in Stadt und Kreis Gießen hieß alle Teilnehmerinnen und die Gäste herzlich willkommen, wies kurz auf die Notwendigkeit der Kundgebung hin, deren Sinn besonders darin bestehe, neue Kraft mit hinauszunehmen in den Alltag und freien Blick zu gewinnen für die Forderungen unserer Zeit. In einer längeren Ansprache beschäftigte sich dann der erste Redner des Abends
Kreisleiter Zürh (Lauterbach)
mit dem Thema „Die Stellung der Frau in Vergangenheit und Gegenwart, insbesonder im Dritten Reich." Der Redner gab zunächst einen lieber« blick über die unterschiedliche Stellung der Frau bei verschiedenen Völkern. Er schilderte besonders die Wandlungen der Stellung der Frau in Deutschland von der Vergangenheit bis in die Gegenwart, um dann im Geiste der nationalsozialistischen Weltanschauung die Bedeutung der Frau eindeutig darzustellen. Die Frau — so führte er u. a. aus —, als ein wesentlicher Bestandteil des Volkskörpers, habe ihre großen und besonderen Aufgaben. Sie werde immer innerhalb des Volkes Berufe auszufüllen haben, die ihr nie streitig gemacht werden könnten. Die Frau solle nicht den Mann von einem Arbeitsplatz verdrängen, sondern ihrem ureigensten Berus der Hausfrau und Mutter dienen.
Um den zahlreichen Zuhörerinnen die große Mission der Frau innerhalb des deutschen Volkes vor Augen zu stellen, griff der Redner weit zurück in die Geschichte unseres Vaterlandes. Er erinnerte an die in völkischer und rassischer Hinsicht so verhängnisvollen Folgen des 30jährigen Krieges, bann an die verschiedenen Bemühungen um die Schaffung eines einheitlichen Reiches aller Deutschen (unter dem großen Kurfürsten, Friedrich dem Großen und unter Bismarck), an die völkische Zerrissenheit vor der Weltkrieg, an die Einigung im Auaust 1914, an das neuerliche Auseinanderstreben aller Kräfte nach dem 9. November 1918 und die endgültige Einigung und Schaffung der Volksgemeinschaft durch Adolf Hitler, an der die Frau zu einem großen Teil mitzuarbeiten habe, mitzuarbeiten im Sinne und im Hinblick auf den Führer.
In weiteren Ausführungen beschäftigte sich der Vortragende mit Fragen der Religion, sprach von dem Glauben an den Herrgott ohne konfessionelle Bindung, erhob die Forderung der ständigen Pflichterfüllung der Volksgemeinschaft gegenüber und betonte, daß wir immer den deutschen Volksgenossen als unseren Nächsten betrachten müßten. Das Bestehen der verschiedenen Organisationen der Partei, der NS.-Frauenschaft, der SA., der HI. usw. und ihr Wirken sei immer darauf abgestellt, zu verhindern, daß das deutsche Volk jemals wieder einen 9. November erlebe.
In klarer Uebersicht sprach dann der Redner über die verschiedenen feindlichen Kräfte, die in vergangener Zeit dem deutschen Volkstum unermeßlichen Schaden zuiügten: die Fürsten, denen (international verschwägert und versippt, wie sie waren), das Schicksal ihres Volkes gleichgültig gewesen sei; dann jenes falsch verstandene Christentum, das dem Volke das ständige Gefühl der Demut und der Minderwertigkeit aufzudrängen bemüht war und noch ist, die Clique verbrecherischer Finanziers, denen der Profit immer über das Wohl des Volkes gegangen
für dieses und nächstes Jahr tauchten auf und Orte wurden genannt, deren Klang sich mit der Vorstellung von blumigen Bergwiesen, von Flußtälern und friedlicher Einsamkeit verband. Ob das Gebirge für den Urlaub vorzuziehen sei oder ob man lieber trachten solle, sich am Strande zu erholen. Und wie sich herausstellte, sparten bereits einige für Madeira, andere wieder für eine Norwegenfahrt.
Bis die Fabriksirene p iff und gebieterisch aus dem Traumland der Wün che und Reiselust zurückrief an die harrenden Ma chinen. Aber alle trugen noch den Widerschein des frohen Urlaubsgespräches im Gesicht und es war ihnen, als seien sie für eine Weile tatenlustig unterwegs gewesen. Und doch hatten sie nur eine Postkarte in der Hand gehabt, den netten Urlaubsgruß vom fixen, kleinen Schulte.
H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Zigeunerbaron". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ehestreik". — 20.15 Uhr Vortrag von Professor Dr. Reichwein: „Zwischen Weiß und Rot, Erlebnisse in sibirischer Gefangenschaft" in der Neuen Aula der Universität. — Oberhessischer Kunstverein: 16 bis 19 Uhr Ausstellung des Wettbewerbs der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst „Frauenbildnis mit Schmuck" im Foyer des Stadttheaters.
Polizeibericht.
Tragischer Tod eines zwölfjährigen Schülers durch leichtfertiges und unachtsames hantieren mit einer Schußwaffe.
Arn 10. Juni 1936 wurde der zwölfjährige Schüler Reinhold Schwab aus Geiß-Nidda (wir berichteten bereits am Samstag darüber) gegen Abend von seinen Eltern vermißt. Die Suche nach dem Jungen unter Beteiligung der Ortseinwohnerschaft war vergeblich. Am folgenden Tage wurde Schwab durch Polizei- und Rundfunk als vermißt gemeldet, desgleichen wurde der Vermißtenzentrale des Landeskriminalpolizeiamtes Darmstadt durch die Gen- darmeriestation Nidda Kenntnis gegeben. Auch an diesem und dem folgenden Tage wurde die Suche nach dem Vermißten wieder durch Ortseinwohner, SA. und Feuerwehr fortgesetzt. Am 12. abends wurde dann endlich die Leiche des Jungen in einem durch das Dorf führenden Kanal gefunden. Sie lag etwa 20 Meter weit im Kanal, der einen Durchmesser von 80 Zentimeter hat und Wasser in einer Tiefe von etwa 25 Zentimeter führte.
Nach Auffinden der Leiche wurde die zuständige Gendarmerie und das Amtsgericht Nidda verständigt. Beide Dienststellen begaben sich sofort an die Fundstelle der Leiche. Nach Aufbrechen der Straßendecke wurde dann die Leiche geborgen und anschließend von einem vom Amtsgericht zugezogenen Arzt untersucht, der eine Schußverletzung an der rechten oberen 23ru ft feite feststellte.
Der Verdacht siel nun auf den in der Nachbarschaft des Verlebten wohnenden 16jährigen Erwin H ö r e s , der am Tage des Vermißtseins nach den Feststellungen der Gendarmerie in seinem elterlichen Garten nach Sperlingen geschossen hatte. Außerdem wurde ermittelt, daß der Verlebte Schwab am Nachmittag des 10. Juni kurze Zeit bei Höres in dessen Garten war. Höres darüber am 11. Juni durch die Gendarmerie gehört, stellte dabei entschieden in Abrede, etwas über den Verbleib des Schwab zu wissen. Das Schießen mit einem Flobert- gewehr und die Anwesenheit des Schwab gab er jedoch zu.
Auf die Verdachtsmomente hin wurde Höres in der Nacht zum 13. Juni dem Oberamtsrichter, der noch mit den Ermittlungen in Geiß-Nidda tätig war, zugeführt und von diesem einem Verhör unterzogen. Nach anfänglichem Leugnen gab Höres schließlich zu, daß ihm beim Laden des Roberts ein Schuß unabsichtlich losgegangen sei, der den vor ihm stehenden Schwab getroffen habe. Kurz nach der Tat will Höres dann den Schwab nach dem Kanal geschafft haben.
Die noch in der Nacht verständigte Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizeistelle Gießen begaben sich am 13. Juni früh an den Tatort Nach Inaugenscheinnahme des Tatortes und der Fundstelle der Leiche wurde Höres nochmals einem eingehenden Ver-
Aufgaben der Krau im Dritten Reich
Groß-Kundgebung der RG.-Krauenschast.
Die deutsche Frau müsse durch die Sorge um die Stärkung der Widerstandskraft des eigenen Geistes und des eigenen Körpers der Volksgesundheit dienen. Sie solle und müsse Hüterin deutscher Kultur sein. Sie müsse den Kindern Freude an deutscher Art mit auf den Lebensweg geben. Volkslied und Volkstanz zu pflegen sei ihr aufgetragen. Ueberall sei hier im Kleinen Stein auf Stein zu fügen. Die deutsche Frau solle stolz darauf sein, dem deutschen Volke anzugehören. Alle Aufmerksamkeit müsse von der deutschen Frau der Pflege der Erbgesundheit und der Rasse entgegengebracht werden. Sie müsse von einem Kranz blühender Söhne und Töchter umgeben sein, die sie zur Liebe zu Führer, Volk und Vaterland zu führen habe. Die Frau solle aber auch Kampfgenossin sein: im Luftschutz, als Helferin im Roten Kreuz! Die Bäuerin habe die besondere Aufgabe in der Erzeugungsschlacht für die Ernährung des deutschen Volkes zu wirken. Die Arbeitskraft jeder einzelnen Volksgenossin sei wertvoll. Jede solle gerne und freiwillig mitarbeiten. Die NS.-Frauenschaft werde für alle Arbeit die Grundrichtung geben und mit allen Volksgenossen gute Kameradschaft halten. Mit dem Wunsche, daß Gott den Führer seinem Volke lange erhalten möge, schloß die Rednerin ihre an Anregungen reichen Worte.
Zum Schluß der Kundgebung sprach der
Gauorganisalionsle ter Bickendorf
über verschiedene grundsätzliche Gedanken nationalsozialistischer Volksführung. Er schilderte den Sinn der Organisation und die Notwendigkeit der großen Inhalte; er betonte, daß das Schicksal der Nation von Mann und Frau gleichermaßen getragen werden müssen, stellte die Aufgaben der Frau um die Reinhaltung der Rasse heraus, forderte die Vertiefung der Volksgemeinschaft, den Glauben an die Gemeinsckaft und barqn, daß das deutsche Volk immer leoen muß, dem niemand helfe, das ganz auf sich angewiesen sei, und seinen Willen für sich selbst ZU vollziehen habe. Dem Führer sei es zu danken, daß das große Vernichtungswerk gegen unser Volk, das mit dem Weltkrieg begonnen worden fei, nicht habe vollendet werden können. Der Führer sei mit allen Volksgenossen verbunden, wie jeder deutsche Mensch mit dem Führer. Hinter dem Führer müße unser aller Kraft stehen. (Beifall!)
Die zahlreichen Zuhörerinnen folgten den Worten der Rednerin und der Redner mit großer Aufmerksamkeit. Der weibliche Arbeitsdienst aus dem Lager Ulrichstein verschönte die Kundgebung mit mehreren sehr exakt vorgetragenen zweistimmigen Gesängen. Die Ausbringung der Fahnen beschloß die große Kundgebung.
hinter mir und ich habe sie ausgezeichnet überstanden", schrieb der kleine Schulte. „Ihr könnt den Berg auf der Ansicht sehen und auch die Aufstiegsroute, die ich eingezeichnet habe. An alle Kameraden herzliche Grüße!"
Das war mal tatsächlich eine interessante Frühstückspause. So etwas kam nicht alle Tage vor. Vor kurzem stand der kleine Schulte wie alle anderen an seiner Maschine hier im Werk und nun kletterte er da irgendwo in den Alpen herum, als ob das gar nichts wäre. Und daß er gleich eine anständige Bergtour unternommen hatte, das sah ihm ähnlich. Donnerwetter, er war doch ein fixer Junge und verstand es, aus seinem Urlaub etwas zu machen.
Und plötzlich sprachen sie alle vom Urlaub. „Diesmal geht's zu meinen Verwandten aufs Land", sagte der lange Richter, „aber für das nächste Jahr nehme ich mir auch mal eine größere Sache vor, das ist ganz gewiß. Möglichkeiten gibt es ja Gott sei Dank zur Genüge. Und wenn man mal für einige Zeit eine andere Gegend und ganz andere Gesich
ter sieht, dann ist das sicher die richtige Erholung/
Es gab eine nette Aussprache. Allerlei Pläne hör unterzogen. Es stellte sich dabei heraus, daß
Römischer Gommer.
Don unserem römischen E.-Korrespondenien.
Tuskulurn, im Juni.
Die Wiesen sind abgeerntet, fangen unter dem unerbittlichen Gestirn schon an zu bräunen; in den Straßengraben gedrückt, weiß vor Staub, stirbt der letzte Mohn, und die Zikaden lärmen — der römische Sommer ist da.
Die bagnanti, die Badegäste am Strand von Anzio, behaupten, sie könnten schon nicht mehr schlafen wegen des Höllenkonzertes, jede Nacht werde es schlimmer, man sollte die Bäume einfach Umschlagen. Verrückte Gesellschaft da drinnen im Platanenlaub, man sieht sie nicht, der Junge hat sie nicht einmal mit feinem Schulmikroskop entdecken können, aber lärmen tut sie zum Davonlaufen. Dieses unaufhörliche Gesirre! Hunderttausend Mandolinen auf einmal, nein, das geht zu weit. Kein Liebespärchen wagt sich mehr auf eine Bank zu setzen, wie soll man denn da merken, wenn jemand kommt ...
Fremde rattern im Schnellzug durch die nächtliche Campagna, die Fenster stehen offen, es ist so schwül. Aber der Radau, den die Räder wieder machen! Durch die Hitze, erläutert der nie fehlende Sachverständige, ziehen sich die Schienen zusammen und in die so entstehenden Zwischenräume plumpsen nun die Räder, es ist also klar, daß —
— daß der Lärm nicht dadurch hervorgerufen werden kann, wirst der andere höhnisch ein, denn Wärme dehnt die Körper aus! Um Ihre physischen Kenntnisse sind Sie nicht zu beneiden, mein Herr!
Kriegt er einen roten Kopf und zischt: Physikalisch, meinen Sie wohl! Für jeden Nichtpedanten klar, daß ich mich bloß versprochen habe, die Räder kreischen wegen der Ausbuchtung der Schienen.
Schließen wir die Fenster, schlägt die friedliebende alte Dame vor.
Der Lärm dringt durch die Scheiben.
Gottlob, der Zug hält, die Ohren können — zum Teufel, der Lärm ist ärger als vorher.
? ? ?
Es müssen die Telegraphendrähte fein, der Wind harft darin. Natürlich, das ist es.
Leolsharfen ... hat sich was mit Aeolsharfen! Wo sich kein Lüstchen regt!
Sie macht so reizbar, die schrille Dauerserenade.
Vielleicht Fabriken? Lächerlich. Weit und breit nichts als Steppe. Es werden Flugzeuge sein. Niemand kann sich die Geschichte erklären. Der con- duttore, vorwurfsvoll gefragt, steckt den Kopf hinaus, zieht ihn wieder zurück, zuckt die Achseln und weiß: Immer schon so gewesen. Nichts zu machen. Ob Sie es glauben oder nicht, meine Herrschaften, ich habe schon die längsten und ausrangierteften Güterzüge gefahren, mit französischem Schrott vollgestopft, ein Lärm, sage ich Ihnen, ein Lärm — aber nichts gegen das da draußen!
Nun lauschen sie alle angestrengt, um zu unterscheiden zwischen der Stimme des rollenden Materials, der Lokomotive, der kreischenden Schienen einerseits und der unerforschlichen Stimme der Natur andrerseits, und kommen einträchtig zu dem Schluß: Jeder Zuglärm wird von ihr übertönt!
So ist der tiefe Süden.
Der Mandolinen sind es mehr als Sterne. Die Harfen häufen sich zu Myriaden, sie musizieren provozierend laut. Die Nacht des Südens ist den Lärm gewöhnt. Zikaden, nichts als Zikaden. Singzirpen sagen wir im Deutschen. Nichts kündet den Sommer so sicher an wie der Zikadenlärm. Er hat etwas Herrisches, Zügelloses, Unbestreitbares. Mit ihm übertreibt die Natur wieder einmal, wie mit den Heringszügen und den Heuschreckenschwärmen. Ob es freilich bloß die Liebe ist, wenn die Baummusikanten so unermüdlich pauken und schrillen und zirpen? Und dann: ginge es nicht auch mit einem etwas geringeren Aufwand an Geräusch?
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Mit einer Handvoll Kleingeld und zwei Marktnetzen ist das Mädchen ausgezogen, mit einer unprogrammäßigen Kopflast ist es heimgekehrt. Die Frauen der römischen Campagna tragen alles, was für die Arme zu schwer ober zu unförmig ist, auf dem Kopf: den Wäscheballen, den wassergesüllten doppelhenkeligen Kupferkessel mit seiner klassisch schönen Einbuchtung, das Reisigbündel, die Kinderbadewanne. Santuzza trug einen Salatkopf. Was ist ein persischer Reiher gegen einen solchen Kopfputz?
Fleischloser Tag heute, daher viel Gemüse und Obst mitbringen, capito? Santuzza hatte begriffen. Aber bei der Abrechnung zeigte sie sich etwas ängstlich, der Salatkopf schien ihr etwas zu teuer, wenn
er auch groß sei. Habe ich's falsch gemacht, Signora?
In den beiden Marktnetzen waren neue Kartoffeln, Spaghetti, Mispeln, süße Bohnen, Erdbeeren und noch dutzenderlei Krimskram, außer den Makreelen. Wir rückten zuerst dem Salat zu Leibe, wir schlachteten ihn mit vereinten Kräften, für die Kaninchen fiel dabei nicht viel ab, denn er war gesund vom Mark bis 3um zartgrünen Blätterrand, er hatte ein „Herz" so groß wie ein Büffelherz, es war gar nicht fertig zu werden. Rein in die Schüssel, eine andere Schüssel her, noch eine. Es quoll und schwoll, es gab eine Salatüberschwemmung, bei Hotelportionen hätte eine Kompanie Soldaten damit bedient werden können. Wir aßen Lattuga zu Mittag, wir aßen Lattuga zu Abend, es ist immer noch reichlich da.
1150 Gramm hatte der Kopf gewogen, 55 Zentimeter maß er der Länge nach. Ein Heubündel für einen Trakehner! sagte der Besuch aus Deutschland. Er war kein Vegetarier. Nach dem zweiten Bissen gab er das Gezauder auf, beim dritten schnalzte er, beim zehnten stach er die Gabel hinein wie ein Mäher.
Und was hat dieses Göttermahl gekostet?
Vier Soldi, sagte die Signora, das sind nicht ganz 4 Pfennig.
Da kann man schon unter die Sanktionisten gehen.
Den Kopfsalat gestern handelte Santuzza sogar für 15 Centesimi ein. An schneeweißem Blumenkohl haben wir uns krank gegessen, der grüne durfte ausblühen und fein Mensch glaubt, daß diese ginsterartigen Riesenbüsche mit ihrem herrlichen Blütengelb Nahrungsmittel seien. Es gab in diesem gesegneten Jahr sogar endlich einmal gute Drangen, wie man sie sonst nur im Ausland findet, und Aepfel, die nicht wurmig waren.
Alles Gute muß eben des Verdienstes wegen ausgeführt werden. Bis der Völkerbund auf den noch besseren Gedanken kam, die Einfuhr in die Vereinsländer zu verbieten. Seither schwimmen wir in Fett. Denn das Angebot im blockierten Erzeugerland mußte naturgemäß größer werden als die Nachfrage. Die Preise sind, wie man sieht, erschwinglich.
Männer tragen jetzt Anzüge aus Seide. Es gibt nichts Billigeres. Und der Kaffee kommt unmittelbar aus seiner Heimat, aus Abessinien. Kein Wunder, wenn auch die Politiker unter der Last ihres
Erfolges den Kopf so hoch, so stolz und steif tragen wie Santuzza.
Zeitschriften.
— Das erste Heft einer von der Deutschen Arbeitsfront und dem Amt „Schönheit der Arbeit" in der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" herausge- gebenen neuen Monatsschrift „Schönheit der Arbeit" ist mit einem Geleitwort des Reichsleiters der DAF., Dr. Ley, erschienen: Es zeichnet sich nicht nur durch die geschmackvolle und großzügige äußere Aufmachung und ein vorzügliches Bildmaterial aus, sondern ist auch dem ganzen Textinhalt nach geeignet, berichtend und werbend an der Verwirklichung der idealen Aufgaben mitzu- roirfen, die sich unzähligen deutschen Volksgenossen heute mit dem Begriff „Schönheit der Arbeit" verbinden. Das gilt in besonderem Maße für Beiträge wie „Das Herz im Betrieb" oder „Drei Freundinnen erleben ihren Arbeitstag", oder „Ein Schwimmbad wird gebaut". Unter dem Stichwort „Für den Feierabend" sind zum Schluß auch rein unterhaltende Schilderungen („Heimatboden"; „Kumpels im Kohlenschacht") beigegeben.
— Im Juniheft der „Z e i t w e n d e", Wichern» Derlag, Berlin-Spandau, Ev. Johannesstift, ist bemerkenswert ein Aufsatz „Arndt: Ahnherr des Deutschglaubens?" In Hellem Licht strahlt der Christ Ernst Moritz Arndt; ein Christ freilich, der auch die ganze diesseitige Welt — Erde und Vaterland und Volkstum — als Schöpfung Gottes wertet und mit allen Fasern seines Herzens in ihr wurzelt. Dr. Tim Klein zeichnet das Bild des erst heute in seiner wahren Bedeutung gewürdigten „Soldatenkönigs", Friedrich Wilhelm I. von Preußen, als das eines „großen christlichen Königs". Professor D. Dr. Helmuth Schreiner steuert eine feine Betrachtung bei über „Gemeinschaft im Heiligen Geist", die den Christenglauben als eine lebendige, tätige Kraft erweist, als die er sich ja auch in Männern wie Friedrich Wilhelm I. und Arndt bewährte. Der Psychologe August Vetter arbeitet den der christlichen Auffassung entsprechenden Dreiklang „Geist, Seele, Leib" heraus. Epischer Ruhepunkt in dem ebenso bewegten wie auf einen Gvundton gestimmten Heft ist die Fortsetzung der „Schönen Gesine" von Gerhard Ringeling, während den Ausklang wieder die anregenden „Randbemerkungen" bilden.


