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Nr. 137 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Montag, 15. Juni 1956

Die iimerpMWen Kämpfe in Gitina.

Für den Fernstehenden erscheinen die militäri­schen Vorb ereitungen der südchinesischen Regierung gegen Nanking insofern auf den ersten Blick unverständlich, als Die Gefahr des neuen Bürger­krieges gerade im Augenblick des bisher schärfsten Druckes von Japan her auftritt. Und selbst dann, wenn man die militärischen Operationen Kantons nur als einen Beeinflussungsversuch mit freilich höchst fragwürdigen Mitteln gegenüber Nanking ansieht, dann bleibt für den Europäer die gegen­wärtige Auseinandersetzung zwischen den beiden Regierungen solange rätselhaft, als er die eigent­lichen historischen und politischen Hintergründe nicht kennt. Sie liegen, auf die einfachste Formel gebracht, in der politischen Entwicklungsgeschichte der praktisch unabhängigen südchinesischen Republik und in ihrem Gegensatz zu der sorg­fältig durchdachten Vorbereitungstaktik T s ch i a n g- kai'scheks, die freilich notwendigerweise auf sehr lange Sicht abgestellt ist.

Vor allem ist angesichts des scharfen Vorgehens Kantons gegen Nanking zu bedenken, daß der große Umsturz in China im Jahre 1911 nicht von Nan­king oder Schanghai, sondern von Kanton aus­gegangen ist. Die nationalistischen Theorien des großen südchinesischen Reformators Dr. S u n - jatsen hatten damals schon, also vor einem Vier­teljahrhundert so viel politische Stoßkraft, daß sie die vielhundertjährige Herrschaft der Mandschudynastie beiseite zu fegen vermochte. Und ebenfalls war es nicht Nanking, sondern Kanton, von dem vor nunmehr 10 Jahren jene zweite Welle der na­tionalen Erhebung ausging, mit der der heutige Generallissimus und leitender Staatsmann Nan­kings an die Spitze der nordchinesischen Regierung getragen wurde. Tschiangkaischek selb st das wird vielfach übersehen ist ein Schüler und Mitkämpfer Dr. Sunjatsens ge­wesen, hat mit ihm die Verbannungs- und Schu­lungszeit in Japan durchgemacht und wurde schließ­lich der Schwager des Reformators. Tschiangkaischek hat bis 1931 auch in den südlichen Provinzen und ihren politischen Zentralen eine sehr umfangreiche Anhängerschaft, eben aus der Zeit seines gemein­samen Kampfes mit Dr. Sunjatsen gehabt. Diese Tatsache wirkte sich beispielsweise praktisch noch Ende April dieses Jahres aus, /als die Kanton­regierung ihm ihre Truppen zum Kampf gegen die immer weiter vordringende japanische Expansion zur Verfügung stellte.

Es ist ein tragischer Zug im Leben des Nankinger Feldherrn und Staatsmannes, daß selbst seine eng­sten Freunde aus dem Süden sich im Lauf der letz­ten Jahre von ihm abwandt en, ja ihm ge­radezu Landesverrat vorwarfen, während er selbst sich nicht nur durch seine wiederholten Feldzüge gegen die Kommuni st en im Rahmen sehr beschränk­ter finanzieller und technischer Mittel große Ver­dienste um die Befriedung Chinas erworben, son­dern dabei auch niemals das Zielder außen­politischen Befreiung Chinas von der Bevormundung durch die Mächte und vor allem durch Japan aus dem Auge verloren hatte. Aber da ging in den Jahren 1931 bis 1933 die Man­dschurei voraussichtlich für immer verloren, nach­dem ihr Diktator Tschangtsolin durch ein Eisenbahnattentat aus der Welt geschafft worden war. Dann folgte der Verlust I e h o l s , das. zu den reichsten Provinzen des mittleren Ostens zählt. Der nächste Schlag für Nanking war der zunächst noch mit verwaltungstechnischen Schachzügen mühsam verschleierte, tatsächlich aber nicht mehr aufhaltbare Uebergang der fünf n o r d ch i n e s i s ch e n Provinzen Hopeh, Tschahar, Schantung, Schansi und Suiju. Dann folgte vor genau einem Jahr die wiederum durch Japan erzwungene Zurückziehung der Nanking-Truppen aus den übrigen nordchinesi­schen Provinzen und vor allem aus Peking sowie die demütigenden Bedingungen des Verbotes jeder

japanfeindlichen Propaganda, des Boy­kotts und der Hinzuziehung dritter Mächte. Schließ­lich traf die japanische Politik die Stellung der Nan- kingregieruna bis ins Mark durch die Zulassung eines riesigen Schmuggels mit japanischen Waren von Norden her nach China, während Ja­pan gleichzeitig seine festländischen Truppen, deren Kem die bekannte Kwantung-Armee ist, immer mehr verstärkt und aus der großen Stadt Tientsin, also auf chinesischem Boden, ein Heerlager mit völlig eindeutiger Zielrichtung macht.

In dieser langen Reihe schwerer außenpolitischer Niederlagen, die immer wieder aus der tatsäch­lichen militärischen Wehrlosigkeit Nankings erstan­den und gleichwohl von den Kantonesen der Politik Tschiangkaischeks zur Last gelegt wurden, gab es nur den einzigen Lichtblick der japanischen Nieder­lage vor Schanghai im Jahre 1931. Diese ging in erster Linie auf die bewundernswerte Tapferkeit der damals berühmt gewordenen 19. Division zurück und diese Division rekrutierte sich aus K a n - t o n. Völlig zu Unrecht hat man damals von Kanton aus dem nordchinesischen Feldherrn den Vorwurf gemacht, er habe Chinas beste Truppe geopfert".

Seit jener Zeit datiert die starke Entfremdung Kantons gegenüber Nanking. Wenn jetzt infolge eines neunjährigen immer schärfer werdenden Druckes auf China durch Japan schließlich ein Gegendruck von explosiver Heftigkeit in Südchina ausgelöst wurde, dann ist für die nächste Entwick­lung in China das gefährlichste Moment noch nicht einmal so sehr die Bedrohung durch Japan, son­

dern vielmehr die Verständnislosigkeit Kantons Gegenüber der weitsichtigen Politik Tschiangkai­scheks. Diesem kommt es in erster Linie darauf an, Zeit für die innere Konsolidierung Chinas, vor allem seiner Finanzen, und damit vor allem für die Gewinnung einer machtpolitischen Position, also für ein modernes und schlagkräftiges Heer zu gewinnen. Dazu gehören viele Jahre, nicht zuletzt wegen des Mangels an einer Rüstungs­industrie, an Straßen und leistungsfähigen Eisen­bahnen. Gerade in letzterer Beziehung spielt eine lebenswichtige Rolle die Notwendigkeit der Voll­endung der strategisch wichtigen Bahn von Kanton nach Hankau. Sie würde Nanking von einer Blockade der nord- und mittelchinesischen Häfen durch Japan so gut wie unabhängig machen.

Daß Tschiangkaischek jetzt auf die Despe­radopolitik Kantons eingeht, erscheint angesichts der militärischen Lage Chinas unglaubhaft. Weder Nan­king noch Kanton verfügen über etwas, was man ein modernes Heer nennen kann, beispielsweise spielen selbst die 100 Flugzeuge Kantons wegen Ueberalterung keine Rolle. Und wenn die englischen und amerikanischen Meldungen von 200 000 oder 300 000 Mann kantonesischer Truppen sprechen und ähnliche Zahlen aus dem Nankinger Gebiet nennen, so handelt es sich bis auf ganz wenige Divisionen keinesfalls um disziplinierte, geschulte und modern ausgerüstete Truppen. Krieg gegen Japan oder nicht Japan ist in jedem Fall machtpolitisch der Ge­winner. Kantons zweite Erhebung kommt u m z e h n Jahre zu früh.

Deutsche, lernt euch kennen!

Volksdeutsche weisen über die Grenzen.

Das Schicksal hat das deutsche Volk staatlich und räumlich in besonders starkem Maß getrennt. Die rund 100 Millionen Menschen deutscher Mutter­sprache und deutscher Abstammung leben in fünf deutschen Staaten, in einem Staat deutscher Mehrheit, der Schweiz, und als bodenständige ge­schlossene Gruppen in weiteren 15 Staaten Euro­pas und 14 Staaten der übrigen Wett, wie man in WinklersStatistischem Handbuch" nachlesen kann. Außerdem leben Deutsche verstreut in sämt­lichen Ländern der Erde. So ist das Ziel einer kulturellen Lebensgemeinschaft, die Aufgabe des wirklichen Miteinanderlebens schon räumlich und staatlich-politisch außerordentlich erschwert. Man sollte glauben, daß ein Sichkennenlernen ge­rade für die Deutschen, die ja wohl mit ihrem Drang in die Ferne und ihrem Wissensdurst das reiselustigste Volk der Welt sind, ein ver­lockendes Ziel ist. Aber lange Jahrzehnte hindurch hat der Reichsdeutsche bei seinen Fahrten in die Welt ein erstaunlich geringes Verständnis für das Schicksal und die Wesensart der eigenen Volksge­nossen gezeigt. Er hat seine Entdeckerfreuden und seinen wissenschaftlichen Ehrgeiz im allgemeinen stärker auf Südsee Jnsulaner und babylonische Alter­tümer gerichtet als auf das oft so eigenartige und geheimnisvoll mit den tiefsten Wesensregungen Unserer Art verbundene Siedlungs- und W a n d e r s ch i ck s a l a u s l a n d s d e u t s ch e r Gruppen o

Auch das fein der Erholung und Aus­spannung dienende Reisen über die Grenzen geht selbst heute noch in einer Zeit, in der eine tiefaehende Wandlung des Volkstumsbegriffes auch in seinen Verpflichtungen für den einzelnen festzu­stellen ist, mit Vorliebe über die landschaftlich zu­meist so schönen und reizvollen deutschen Außenge­biete hinweg Der Italien-Reisende, der oft in Brixen und Bozen keinen Tag, bestenfalls nur einige Stunden zum Aussteigen findet, um dann von Verona bis Palermo das fremde Land mit ge­wissenhafter Erledigung des Reisehandbuches Ort für Ort z« erleben, ist auch heute durchaus keine Seltenheit. Man kann in vielen Fällen schon zu­

frieden sein, wenn nicht schon auf demBrennero" und inVipiteno" der italienische Sprachführer gezückt wird.

Es muß zugegeben werden, daß die grenzpoli­tische Balkanisierung Europas mit ihren verzwick­ten Paßschwierigkeiten, aber auch die oft unüber- fteigbaren Devisenwälle einer planmäßigen Reise­förderung von Deutschen zu Deutschen über die Grenzen hinweg nicht gerade günstig ist. Hinzu­kommt zuweilen ein falsch verstandener Patriotis­mus. Der reichsschlesische Baudenbesitzer, der an der Grenze ein Schild aufstellt, durch welches vor dem Besuch dertschechischen" Gaststätten drüben ge­warnt wird, ist leider noch nicht ausgestorben. Das derTscheche" drüben ein guter Sudetendeut­scher ist, der unter unendlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten seinen Besitz gegen den tschechischen Zugriff verteidigt und dem jede reichsdeutsche Ueber- nachtung eine Hilfe in seinem Daseinskampf ist, wird dabei nicht bedacht. Und es gibt immer noch Reisende, die sich auf dertschechischen", in Wirk­lichkeit deutsch-böhmischen Seite des Riesengebirges ein Reiseandenken kaufen, auf dem der schreckliche Vertschechungsname des Gebirges oder des be­suchten Ortes steht. Man ist ja stolz, dadurch zeigen zu können, daß man imrichtigen" Ausland war.

Trotz solcher noch immer vorhandenen Sünden ist jedoch das wachsende Bestreben festzustellen, Auslandsreisen in die so zahlreichen und landschaft­lich so reizvollen auslanddeutschen Ge­biete zu veranstalten, in die man heute ohne Ge­fährdung der Devisenwirtschaft fahren kann. Die Juaend ist vorangegangen mit ihren erfreulichen volksdeutschen Auslandsfahrten. Die deutsche Wan­dergruppe, die nach guter Vorbereitung und nach bestimmtem wohlerwogenen Fahrtenplan die deut­schen Kameraden draußen besucht, ist keine Selten­heit mehr. Neuerdings gibt es auch Gesellschafts­reisen, die sich nicht damit begnügen, das fremde Land, die fremden Menschen kennenzulernen, son­dern die bei solchen Auslandsfahrten auch deutschen Volksgenossen ihren Besuch abstatten. Die sudeten­deutschen Randgebirge, die Hohe Tatra und auf gleichem Wegö andere Sprachinseln der Slowakei,

das leuchtende Südtirol, ja, auch der uralte deutsch- Wanderweg donauabwärts, alle diese und noch manche andere Reiseziele beginnen mehr und mehr reichsdeutsche Reisende anzulocken.

Und das Reiseerlebnis in den Erzählungen dieser Reiseteilnehmer zieht wieder neue Fahrtlustige an, die mit tiefer Befriedigung deutsches Wesen, deut- sches Schicksal, deutsche Menschenart inmitten einer fremden Umwelt als stärksten Eindruck aller ihrer bisherigen Reisen überhaupt empfinden. Das Sich­kennenlernen deutscher Menschen mit der gegenseiti­gen Stärkung Volksdeutschen Bewußtseins und ge­samtdeutschen Gemeinschaftswillens zeigt in feinen Anfängen schon, welche Aufgaben und Mög­lichkeiten hier für das reiselustige Volk der Deutschen in der Zukunft bestehen, zumal auch für das Verständnis fremder Völker und Staaten ein Besuch bei den Deutschen draußen immer roiei der Möglichkeiten bietet.

Daß die Auslanddeutschen selbst, soweit sie über» Haupt dazu in der Lage sind, jede Möglichkeit bei nutzen, um einmal das. Mutterland, das Reich, seine Schönheiten, seine Leistungen, seinen Lebens! willen und seine neugeborene Volkskraft kennenzu­lernen, ist eine Selbstverständlichkeit. Hier bebarf es keiner besonderen Werbung. Denn eine Fahrt ins Reich ist das letzte, leider oft unerfüllbare Wunschziel aller Deutschen, die sich das Bewußt­sein ihrer Volkstumszugehörigkeit bewahrt habem Es liegt auf der Hand, daß auch umgekehrt der Reiseverkehr der Auslanddeutschen ins Reich durch reichsdeutsche Fahrten nach draußen und durch dis bei diesen Besuchen angeknüpften Verbindungen gestärkt wird. Die Olympischen Spiele wer­den ja Zehntausende von Ausländsdeutschen aus der ganzen Welt in das Reich locken, und so wer­den auch diese olympischen Reisen sowohl dem Ziele dienen:Völker lernt euch verstehen", wie der gleich bedeutsamen Zielsetzung:Deutsche, lernt euch kenne n!"

Aundfunkprogramm z

Mittwoch, 17. 3uni.

6 Uhr: Mahnung. Morgenspruch. Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. In der Pause, 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.30: Bäderkonzert. 10: Schul­funk. 11: Hausfrau, hör zu! 11.30: Nur Frankfurt: Gaunachrichten. 11.45: Sozialdienst. 12: Mittags­konzert. 13: Nachrichten. Anschließend: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.10: Länder und Lieder (II). 15: Volk und Wirtschaft. Die deutsche Schreibmaschine. 15.15: Was bringen die Zeitschriften des Monats. 15.30:Die tapfere Magd", eine Erzählung aus Kärnten. 15.45:Gegenwartsdichtung in Oester­reich" von Universitäts-Professor Franz Koch (Ber­lin). 16: Unterhaltungskonzert. 17.30:Siedlung aus Sumpf", ein Funkbericht aus dem Ried. 18: Ein Kunstgenuß für alle!" 19.45: Kampf dem Verderb. 20: Nachrichten. Der Volksfender 1936 ruft! 20.15: Stunde der jungen Nation:Die friesische Herrin". 20.45:Ich, Du und Er!" Ein buntes Terzett und die Kapelle Franz Hauck. 22: "Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sende­bezirk. 22.15: Der Olympia-Kofferempfänger, eine Wirtschaftstat des Rundfunk-Großhandels. 22.30: Nachtmusik und Tanz. 24 bis 2: Nachtkonzert. 2 bis 4: Die Nacht der Boxer. 3: Bericht von dem Boxkampf Max Schmeling Joe Louis. Sprecher: Arnold Hellmis.

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)

2tt. R. Sie können nicht dagegen vorgehen, daß Sie zum Zwecke einer genaueren Untersuchung, sich einige Tage in der Klinik aufhalten müssen, wenn ohne diesen etwas längeren Aufenthalt eine genaue Untersuchung und Beurteilung nicht durchzuführen märe.

Oberhessischer Kunstverein.

Frauenbildnisse mit Schmuck

Die gestern eröffnete neue Ausstellung des Ober- hessischen Kunstvereins, die diesmal statt im Turm­haus am Brand (aus räumlichen Gründen) im Foyer des Stadttheaters untergebracht wurde, ist eipe Wanderausstellung der Deutschen Gesell- schäft für Goldschmiedekunst und zuvor in einer Reihe großer deutscher Städte gezeigt wor­den. Die Gesellschaft hat, in erfreulicher Aktivität, bereits 1934 einen Wettbewerb für Maler zur Schaffung von Goldschmiedeporträts ausgeschrieben, 1935 einen zweiten zur Schaffung von Frauenbild­nissen mit Schmuck, und für dieses Jahr einen drit­ten zur Erlangung von Bildnissen deutscher Män­ner als Träger von Orden, Ehrenzeichen usw. Einen Ausschnitt aus dem Ergebnis des zweiten Wettbe­werbs, die preisgekrönten und in engere Wahl ge­nommenen Arbeiten umfassend, stellt die gegenwärtige Ausstellung dar. Von diesem Ausschnitt kann un­sere Besprechung es handelt sich insgesamt um einige siebzig Porträts von respektablem Format wiederum nur einen Ausschnitt, einen Ueberblick, einen Gesamteindruck geben. An sich sind derartige Ausstellungen, welche die verschiedensten maleri­schen Temperamente und Auffassungen in einem fest umgrenzten Thema vereinigen, schon um der Ver­gleichsmöglichkeiten willen immer interessant. So interessant, wie hier zum Beispiel, daß man aar nicht an die Gefahr einer gewissen, eben in der Themenstellung begründeten Einförmigkeit denkt. Im Gegenteil: erstaunlich zu sehen, wie lebendig, vielseitig und abwechslungsreich der doch immerhin recht umfängliche Ausschnitt wirkt, obwohl jedes dieser Bilder den gleichen Vorwurf behandelt: Frau im Schmuck. Freilich, aber jeder Schmuck ist anders, jede Frau ist anders, vor allem jeder Künst­ler ist und sieht anders die Frau, den Schmuck, die Frau itn Schmuck, das Thema und fein Modell. Es heben sich da die verschiedenartigsten Stilformen und Malweisen sehr lebhaft voneinander ab, in denen sich wiederum die unterschiedlichsten maleri­schen Temperamente zum Ausdruck bringen von der vornehmen, fast altmeisterlich gediegenen Por­trätkunst, wie sie etwa aus dem Bildnis der Frau Marie von Rappard von Hedwig Holtz-Som- m e r spricht, bis zum schmissigen, wenn auch flachen Plakatstil, wie ihn das Bildnis Barbara von Plotho von Otto Arpke repräsentiert. Dazwischen liegt eine Fülle von Möglichkeiten: das Modell stehend oder sitzend, im Profil oder (weit über­wiegend) en face, betont oder unbetont; das heißt,

es scheint uns hier besonders aufschlußreich, wie das Schmuckmotiv in feiner Funktion und Bedeu­tung behandelt und abgewandelt wird. Es gibt da Bilder (aber sie sind in der Minderzahl), die das Motiv so unterstreichen, daß im Gesamteindruck das Bildnis als solches zurücktritt, daß alsodie Frau" nur noch unpersönlich als mehr oder minder zufällige Trägerin und Schaustellerin dieses oder jenes Schmuck-

Hermann Hoffmann, Bremen: Evelyn Lindewirth.

(Aus dem Bildarchiv der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiedekunst.)

stücks wirkt. Aber das kann nicht die Aufgabe und der Sinn dieser Ausschreibung gewesen sein, und die Mehrzahl der hier vereinigten Arbeiten wirkt gerade durch die Unaufdringlichkeit, durch die Selbst­verständlichkeit, mit der sich das Sondermotiv dem Ganzen einfügt, so daß der erste Eindruck eben immer nochBildnis" bleibt. Es spricht für die Aus­stellung, für das Ergebnis des Wettbewerbs also, daß man durchaus die Mehrzahl der Arbeiten aus ihrem einmaligen, zweckbestimmten Zusammenhang,

der durch das gemeinsame Thema gegeben war, lösen könnte. Dann bliebe immer noch, selbständig und mit eigener Gültigkeit, übrig etwa: Bildnis Frau Soundso; junges Mädchen; alte Dame; Frau mit Fächer; Dame im Hut, im grünen Kleid, vor dem Spiegel... und so weiter. Das ist auch gut so; die Werbung für Schmuck und Goldschmiedekunst, die sich mit dem Wettbewerb und dieser Wander­ausstellung verbindet, wird um so eindringlicher und natürlicher erreicht, je unauffälliger und selbstver­ständlicher ein Schmuckstück, Ring, Kette, Armreif, Ohrgehänge als Bestandteil des Ganzen erscheint, zum Modell gehörig, persönlicher, liebgewordener, vertrauter Besitz. Wir nennen da, um auf einige Einzelheiten einzugehen, nochmals das schon er­wähnte, übrigens mit einem zweiten Preis ausge­zeichnete Porträt der Frau von Rappard, ein sehr gutes Bild, das dem Sinn der Ausschreibung voll­kommen entspricht, dabei aber doch lebendiges und charaktervolles Abbild einer Persönlichkeit ist. Ein wenig betonter auf das Thema eingehend: das an sich sehr nobel behandelte, farbig und in der Hal­tung kultivierte Porträt Frau Jngeborg Stengel von Walter Stengel (erster Preis). Nicht ohne eigentümlichen Reiz der indirekten Darstellung im Spiegel, halb von rückwärts gesehen das Porträt Ria Eisheuer von Josef Pieper (dritter Preis) aber für unser Empfinden doch schon mehr Schmuck, mit Frau als Frau im Schmuck. Aehnlich wirkt das Bildnis Hilde Gerhards, ebenfalls von Pieper (erster Preis) doch besticht dieses im Stil von ferne an Renoir erinnernde Bild durch die malerische Pikanterie in der Wiedergabe der bun­ten Steine auf dem durchbrochenen, schwarzen Hand­schuh. Ausgesprochen reizlos wirkt dagegen das Porträt 399 von Rudolf Riester, das merkwürdi­gerweise ebenfalls einen ersten Preis erhielt. Eine vorzügliche Leistung scheint uns hinwiederum das Bildnis Gertrud Zoepke von Georg Siebert zu sein (zweiter Preis). Ein elegantes, spritzig gemal­tes Damenporträt (Irma Lull) sieht man von A. Weber-Brauns; repräsentativ, aber doch schon allzu absichtsvoll in der Zurschaustellung des Schmucks: das Bildnis Irmgard von Radowitz von Oskar I u ft. Sehr belebt im Ausdruck das Bild­nis v. Kruedener von Max R i m b o e ck , besonders anziehend auch im Zusammenklang des aparten, ein wenig exotisch anmutenden Gesichtsschnittes mit dem vornehmen, gedeckten Dunkelgrün des Gewan­des das Bildnis Fräulein Marianne Graff von Sepp Linder. Allzu gefällig und geflissentlich in der Haltung das Bildnis 518 von Gerd Schae­fers; bestechend wiederum durch persönlichen Aus­druck und Charakter das Porträt Evelyn Linde­wirth von Hermann Hoffmann, das wir hier

abbilden; leider hängt es, wie eine Reihe anderer Arbeiten, unvorteilhaft und ohne rechtes Licht.

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, Die Bildnisausstellung, von der wir in unserem Bericht nur Andeutung und Umriß zu geben ver­mochten, erhält ihre gewissermaßen praktische Er­gänzung in einer Ausstellung von Goldschmiede­arbeiten von Mitgliedern der Gesellschaft. Hier wird das im Bild dargestellte Material in Natur, in plastischer Fülle und lockender Greifbarkeit vor- geführt. Höchst gediegenes Handwerk mit großer Tradition, künstlerischer Fonnensinn und angebo­renes Gefühl für edlen Werkstoff formten die In­signien der Deutschen Gesellschaft für Goldschmiede­kunst (Kette, Stab, Glocke, Ring, Kassette und Pet­schaft), die silbernen Städteteller, die goldenen Becher, Ringe, Plaketten, Altarkelche, Pokale und Schmuckkreuze alles solides, sauberstes, deutsches Kunsthandwerk in erlesenen Formen für Schmuck und Gebrauch. Unter den ausführenden Meistern seien etwa Franz Rickert, F. R. Wilm, Arnold Meyer und Max Riedl genannt; von einheimi­schen Künstlern sind rühmlich vertreten Walter Schönwandt, Burg Nordeck-Gießen, mit einem Altarkelch, und Heinrich Küchel, Gießen, mit einem Schmuckkreuz (in Silber mit schwarzem Onyx). Nicht unerwähnt sei ein schöner Bernsteinschmuck von Toni K o y und die erstaunliche Filigranarbeit eines goldenen Ehrenringes von Elisabeth Tres-- k o w. Die Schmuckstücke auf den Frauenbildnissen erscheinen nochmals gesondert in großen, farbigen Detailzeichnungen. 'y

Die Ausstellung wurde am Sonntagvormittag vom Vorsitzenden des Kunstvereins, Stadtbaurat Gravert, mit einer kleinen Ansprache eröffnet. Er charakterisierte mit kurzen Worten Zustande­kommen und besondere Eigenart der Ausstellung und las dann einiges aus Rudolf G. Bindings Abhandlung über den Zauber des Schmucks: mit dieser feinen und tiefen, aus dichterischer Anschau­ung kommenden Deutung wurde die Schau würdig und sinnvoll der Oeffentlichkeit übergeben.

Öocfrfcbulnacbricbten

Der emeritierte Professor der Ohren-, Hals- und Nasenheilkunde an der Frankfurter Univer­sität Dr. med. Otto Voß ist vom Herrn Minister beauftragt, die Vertretung seines Lehramts auch noch für das Semester 1936/37 wahrzunehmen. Der Dozent für innere Medizin Dr. med. habil. Wilhelm Heupke an der Universität Frankfurt ist zum nid)tbeamteien außerordentliche" Professor ernannt worden