3n der heule erscheinenden Hummer der Zamilienbliitter beginnen wir mit der Veröffentlichung eines neuen Bomans unter dem Titel„Geheimnis der Heide". Ser Autor, Frank Z. Braun, ist unseren Lesern aus seinen früher hier erschienenen Erzählungen „Das Halsband" und „Schatten der Vergangenheit" als phantasievoller und scharfsinniger Erzähler bekannt. Der neue Boman ist ebenso spannend wie seine Vorgänger: ein Kriminalfall mit einer höchst überraschenden Lösung.
Hauptversammlung des Hausbesitzer-Vereins
Obecheffen
Gedenket der hungernden Vögel!
noch regen Ar Ofen und strickt
Tagsüber sitzt sie am warmen
un-
bleibe. Abgesehen davon, daß sich der Vermieter strafbar mache, sei zu befürchten, daß bei Zuwiderhandlungen die Mieterschutzbestimmungen in ver- schärfstem Maße wieder Geltung erhielten.
Weiter regte der Vereinsführer an, zukünftig vierteljährlich bezirksweise Zusammenkünfte (Diskussionsabende) abzuhalten, um bei dieser Gelegenheit die Besprechung von Einzelfragen durchzuführen. Dem Vorschlag wurde zugestimmt.
Im Anschluß an die Tagesordnung hielt Steuerinspektor Frees einen lehrreichen Vortrag über die Steuerreform. Er betonte zunächst, daß die Ein-
zu versorgen, die heute ausnahmslos in guten Verhältnissen leben. Darüber ist die hochbetagte Frau besonders glücklich. An den Vorgängen des
91 Lahre alt.
§ Harbach, 11. Febr. Am 9. Februar feierte im Kreise ihrer nächsten Angehörigen unsere älteste Einwohnerin, Annemarie Döring, geb. Münch, ihren 91. Geburtstag. Frau Döring ist geistig noch sehr rege und verhältnismäßig rüstig. Sie kann heute mit berechtigem Stolz auf eine große Nachkommenschaft blicken. 6 Kinder (4 Söhne und 2 Töchter), 18 Enkelkinder (8 Enkel und 10 Enkelinnen) und 29 Urenkel (12 Knaben und 17 Mädchen) weilen unter den Lebenden. Die Jubilarin hat ein arbeitsreiches Leben hinter sich und mußte manchen schweren Schicksalsschlag erdulden. Im Jahre 1896 starb ihr Mann, mit dem sie in sehr glücklicher Ehe gelebt hatte. Er nahm im Alter von 27 Jahren am Kriege 1870/71 teil. Während des Feldzuges erkrankte er schwer und kam nach Darmstadt ins Lazarett. Don dort wurde er nach seiner Genesung in die Heimat entlassen. Nun begann für die Eheleute ein arbeitsreiches Leben. Infolge ihrer Sparsamkeit war es ihnen schon vor Anbruch des Krieges möglich gewesen, ein eigenes Heim zu erwerben. Nach Beendigung des Krieges benutzten sie ihre Spargroschen zur Renovierung des angekauften Hauses, in welchem die Greisin noch heute bei ihrem ältesten Sohne wohnt. Eine gesunde Kinderschar war der Stolz des fleißigen Paares. Am 20. März 1896 starb im Alter von 53 Jahren der Ehemann und hinterließ fünf unversorgte Kinder. Der Tod des Ernährers riß eine tiefe Lücke in die kinderreiche Familie und machte der Witwe seelisch schwer zu schaffen. Lange Jahre trauerte sie dem Verstorbenen nach. Die ganze Arbeitslast lag nun auf ihren Schultern. Durch zähen Fleiß gelang es ihr aber, alle Kinder
Große Zuchtviehversteigerung in Gießen
Großer Auftrieb, flotter Umsatz, gute preise.
ermüdlich Strümpfe für ihre Enkel und Urenkel. Wir wünschen ihr einen ungetrübten, frohen Lebensabend!
Landkreis Gießen.
(5 Lollar, 13. Febr. In der „Germania" fand die diesjährige Hauptversammlung des G e f l ü » * gelzucht-Vereins statt. Nach der Begrüßung der sehr zahlreich erschienenen Mitglieder durch den Vereinsführer Fritz R i e h m erstattete dieser den Geschäftsbericht. Besonders lobend hob er das Bestreben der Mitglieder hervor, in der Geflügelzucht das Höchste zu erreichen. Wie weit dieses Ziel erreicht wurde, habe sich bei der letzten Lokalschau eindeutig gezeigt. Konnten doch die Züchter d o n > her 21 u und Ludwig Klinket 78 bzw. 75 Punkte erzielen. Dazu kommen noch die beachtlichen Erfolge, die mehrere Züchter auf auswärtigen größeren Schauen für sich buchen konnten. Damit dürfte für den Verein die Grundlage gegeben sein, sich an der Kreisausstellung 1936 zu beteiligen. Um den Mitgliedern eine Erleichterung bei der Beschaffung von neuem Zuchtmaterial zu geben, wurde aus Dereinsmitteln ein Zuschuß gewährt. Wie der Vereinsführer weiter mitteilte, wurden die bei der Lokalschau im Ausstellungslokal anfallenden Eier in ansehnlicher Zahl dem Winterhilfswerk zur Verfügung gestellt. Der vom Kassenwart Ludwig
Schluck aus dem Glase, wobei sich sofort der Irrtum des Mädchens herausstellte. Der Schluck hatte allerdings für den Mann die unangenehme Folge, daß er in der Speiseröhre Aetzungen davontrug, die seine Ueberführung nach der Chirurgischen Klinik erforderlich machten. Zum Glück sind die Verletzungen des Mannes nicht lebensgefährlich.
Kleine Strafkammer Gießen.
Die D. Sch. aus Hitzkirchen wurde vom Amtsgericht Büdingen durch Strafbefehl mit 50 RM. Geldstrafe belegt. In der auf den Einspruch anberaumten Hauptoerhandlung wurde die Angeklagte freigesprochen. Gegen dieses Urteil legte die Staatsanwaltschaft Berufung ein. In der gestrigen Hauptoerhandlung wurde festgestellt, daß sich die Angeklagte fahrlässigerweise einer Milchfälschung schuldig gemacht hat. Unter Aufhebung des erstinstanzlichen Urteils wurde die Angeklagte entsprechend dem Sttafbefehl verurteilt.
Wegen Uebertretung der Reichsstraßenverkehrsordnung in Verbindung mit fahrlässiger Körperverletzung wurde der K. H. aus Heegstein vom Amtsgericht Ortenberg zu 30 RM Geld st rase verurteilt. Der Angeklagte fuhr auf einer abschüssigen Straße in die Hauptstraße Selters—Ortenberg hinunter, schnitt die Kurve und stieß mit einem Auto zusammen, wobei beide Fahrer verletzt wurden. In der gestrigen Berufungsverhandlung wurde der Angeklagte mit 5 R M. Geldstrafe । belegt, da man ihm lediglich ein Verstoß gegen die I RStV. nachweisen konnte.
gelsberger Vieh der Züchter Karl Otto Reitz, Stockhausen, der für einen 15 Monate alten 23ul* len 800 Mark erzielte.
Das Ergebnis der Prämiierung: Hessisches Fleckvieh.
Leistungsprerse. Klasse 1: 2. Preis Hch. Müller XI., Oder-Hörgern. 3. Preis W. Maus, Klein-Felda; K. Wndemeier, Trais-Münzenberg. Klasse 2: 1. Preis Rud. Rieß, Heuchelheim, Kreis Wetzlar; Gg. Ldw. Schmidt, Maar. 2. Preis Hugo Caspar III., Nieder- Breidenbach; Wilh. Euler I., Maar; Hch. Bopp, Griedel; Fr. Herber I. Wwe., Angersbach; Hch. Reuter, Gontershausen. Klasse 3: Konr. Walter, Trais-Münzenberg; Gg. Allendorf, Reimenrod; der- selbe nochmal; Fr. Kalbfleisch, Schwarz (zweimal); Arbeiterkolonie Neu-Ulrichstein; Aug. Müller, Leusel, Ernst Kreuder, Brauer schwend; Adam Koch VIII., Nonnenroth.
Formenpreise. Klasse 1: 1. Preis Karl Simon, Zell; Aug. Meß, Wahlen. 2. Preis Gutsverwaltung Sickendorf; Johs. Blum III., Maar. 2. Klaffe: 1. Preis Ernst Kreuder, Brauerschwend; Wilh. Euler I., Maar. 2. Preis Hch. Müller XL, Ober- Hörgern; Gg. Ldw. Schmidt, Maar; Hch. Bopp, Griedel; Fr. Herber I. Wwe., Angersbach. Klasse 3: 3. Preis Gg. Allendorf, Reimenrod; Fr. Kalbfleisch, Schwarz; Arbeiterkolonie Neu-Ulrichstein; Karl Lindemeier, Trais-Münzenberg.
Vogelsberger Vieh.
1. Leistungspreis und 3. Formenpreis Theodor Fischer, Hof Zwiefalten. 2. Leistungspreis Heinrich Münster, Hattenrod. 2. Leistungspreis und 3. Formenpreis Wilh. Hofmann, Klein-Eichen. 2. Leistungspreis Lehr- und Versuchsgut Selgenhof bei Ulrichstein.
Die Eber wurden nicht prämiiert.
Der Landesverband der Rinderzüchter in Hessen- Nassau, Gruppe Fleckvieh und Rotvieh, und der Landesverband der Schweinezüchter, veranstalteten in Verbindung mit dem Tierzuchtamt Gießen auf dem städtischen Lagerplatz vor der Klinkelschen Mühle eine Zuchtviehversteigerung, die aus den oberhessischen Zuchtviehgebieten gut beschickt war und einen sehr starken Besuch sowohl aus Oberhessen wie aus den preußischen Nachbargebieten und dem Lahntal aufweisen konnte.
Unter der Leitung von Oberlandwirtschaftsrat Dr. Wagner vom Tierzuchtamt Gießen wurde nur leistungsfähiges Tiermaterial versteigert, das zahlreiche Preise erhalten konnte, Oberbürgermeister Ritter, der sich die Förderung der bäuerlichen Absatzmärkte in Gießen sehr angelegen sein läßt, war mit einigen Herren als Beobachter erschienen. Von den benachbarten Tierzuchtämtern waren deren Leiter, Landwirtschaftsrat Dr. T o r n e d e, Biedenkopf, und Direktor Brumm, Limburg, gekommen.
Aufgetrieben waren 52 Bullen der Gruppe Fleckvieh und 6 der Gruppe Vogelsberger Vieh, sowie 14 Eber des Deutschen Edelschweines und 43 des Veredelten Landschweines. 23ei der Versteigerung wechselten zwei Drittel der aufgetriebenen Tiere ihm Besitzer. Der Höchstpreis betrug 270 Mark. Im Durchschnitt wurden 185 Mark für die Eber der Veredelten Landschweine und 165 für die der Deutschen Edelschweine erzielt. Bei der Bullenversteigerung wurden sehr flotte Angebote abgegeben, so daß sämtliche Bullen abgesetzt und gute Durchschnittspreise erzielt werden konnten. Den höchsten Preis erzielte in der Gruppe des hessischen Fleckviehs der Züchter Gg. Ludwig Schmidt, Maar, für einen 14 Monate alten Bullen, der für 1420 Mark nach Beuern verkauft wurde, und in der Gruppe Vo-
Am gestrigen Donnerstagabend hielt der Haus- besitzeroerein im Saale des Restaurants „Zum kühlen Grund" feine 29. Hauptversammlung ab.
Nach kurzer Begrüßung der Besucher durch den Vereinsführer, Weißbindermeister Launspach, wurde zunächst der Jahresbericht erstattet. Aus dem von Architekt Ph. Nicolaus vorgetragenen Bericht war u. a. zu entnehmen, daß der deutsche Hausbesitz, der mit der früheren marxistischen Regierung stets im Kampf um die Erhaltung seiner Existenz lag, anerkennen müsse, daß sich jetzt auch für ihn wieder eine Aufwärtsbewegung bemerkbar mache. Der Hausbesitz sei durch seine Bodenbeständigkeit mit Vaterland und Nation verbunden und von jeher im besten Sinne des Wortes staats- und volkserhaltend gewesen. Auch an dem groß angelegten Winterhilfswerk habe der deutsche organisierte Hausbesitz starken Anteil genommen; der hiesige Verein habe sich für 1935/36 mit 305 Mark an diesem sozialen Werk beteiligt. Das Jahr 1935 fyabe durch die zur Verfügung gestellten Mittel zur Förderung des Wohnungsbaues im Bauhandwerk einen starken Aufschwung gebracht. In Gießen sei die Bautätiakeit sehr rege gewesen. Die Zahl der Neubauten sei inzwischen berartig groß geworden, daß in absehbarer Zeit ein namhafter Wohnungsüberschuß zu befürchten sei. Die Ursache der seitherigen Wohnungsnot sei nicht dem Bevölkerungszuwachs, sondern den vermehrten selbständigen Haushaltungen zuzuschreiben. Im Jahre 1914 habe die Zahl der Haushaltungen 7251 betragen, heute etwa 9500. Ein mäßiges, dem Zuwachs entsprechendes Bauen fei auch künftig notwendig. Besonders werde es an Kleinwohnungen auch für die Zukunft fehlen. Der Verein hat auch im abgelaufenen Jahre eine rege Tätigkeit entfaltet. Die Be- ratungs- und Auskunftsstelle des Vereins wurde in vielen Fällen in Anspruch genommen. Weiter hat sich die mit dem Mieterverein durchgeführte Mietausgleichstelle auch im abgelaufenen Jahr gut bewährt.
Im Anschluß an den Jahresbericht erfolgte die Rechnungsablage durch Stadtbauinspektor Baumeister Matheis. Die Kasienverhältnisse sind durchaus geordnete. Bei der folgenden Wahl wurden die seitherigen Rechnungsprüfer Milbradt und H e n g ft wiedergewählt.
Im weiteren Verlaufe der Versammlung wies der Vereinsführer nochmals darauf hin, daß es verboten fei, bei Neuoermietungen ohne berechtigte Gründe höhere Mieten zu verlangen oder sich bieten zu lassen. Der Hausdesitzeroerein sei beauftragt, darüber zu wachen, daß jeder Mietwucher Unter
stellung des Volksgenossen zum Staat im Dritten Reich eine grundsätzliche Aenderung erfahren habe, wies dann darauf hin, welcher Wandel seit der Umwälzung in der Steuergesetzgebung eingetreten sei, um sich dann kurz mit den Grundgedanken der neuen Steuerpolitik zu beschäftigen. Zurückgreifend auf das Jahr 1913 erwähnte der Redner zunächst das Wehrbeitrags- und das Besitzsteuergesetz, kam dann auf die Reichsabgabenordnung und auf die Kriegssteuergesetze zu sprechen, welch' letztere die Schrittmacher für die Reichsfinanzgesetzgebung gewesen seien. Er streifte hieraus kurz das Vermögenssteuergesetz, das Reichsbewertungsgesetz vom 10. August 1925, sowie das Reichsvermögensgesetz vom 22. Mai 1931, um sich bann mit bet Fassung bieses Gesetzes vom 16. 10. 1934 und den eingetretenen Neuerungen zu beschäftigen. Er besprach weiter eingehend die Neuerungen in der Einkommensteuer, erwähnte die Bestimmungen über Steuerfreiheit, erläuterte die Art der Ermittlung des Gewinnes aus dem Gewerbebetrieb, die Berechnung des Einkommens aus Vermietung und Verpachtung. Weiter sprach er über die Bewertung der Wirtschaftsgüter, erläuterte den Begriff „Kurzlebige Gegenstände" und zeigte, wann die Bestimmungen über „besondere, wirtschaftliche Verhältnisse des Steuer-1
lichen Standes. — In den Ruhestand versetzt wurde: der Pfarrer Ernst Kehr zu Babenhausen (II), Dekanat Groß-Umstadt, auf feinen Antrag mit Wirkung vom 1. März 1936 ab.
** Versammlung der Körperbehinderten. Die Kreisgruppe Gießen des Reichsbundes der Körperbehinderten hielt, wie man uns berichtet, bei zahlreicher Beteiligung ihre Februar- Monatsversammlung im Hotel Hopseld ab. Zum Sozialreferenten der Kreisgruppe Gießen wurde Kamerad Ernst Launsbach ernannt. Auf die Vergünstigungen, die den Körperbehinderten im Gießener Stadttheater und im Lichtspielhaus gewährt werden, wurde hingewiesen. Ferner wurde auf die Reichswerbewoche Ende Februar aufmerksam gemacht, bei der jeder Körperbehinderte ersaßt werden soll. Im Anschluß an die geschäftlichen Angelegenheiten fand ein gemütliches kameradschaftliches Beisammensein statt, zu dessen schöner Aus- aeftaltung freundliche Helfer durch musikalische Darbietungen, ferner ein Mitglied durch humoristische Vorträge beitrug.
♦♦ Ein gefährlicher Schluck. Am Dienstagvormittag besuchten einige Männer aus Gießen eine Gastwirtschaft in einem Nachbarorte, um sich nach der Wanderung durch eine kleine Erfrischung Zu stärken. Dabei verlangten sie zunächst einen Schnaps. Das Dienstmädchen in der Gastwirtschaft griff jedoch an Stelle der Schnapsflasche eine Flasche, in der sich ein Gläserreinigungsmittel befand, das sie einschenkte. Während zwei der Besucher sich noch unterhielten, nahm der dritte einen
pflichtigen" Anwendung finden. Zum Schluß wies der Redner noch auf die Bedeutung der Reinhardt- schen Steuerreform hin, dabei betonend, daß der erste Abschnitt als voller Erfolg zu verzeichnen sei. v_____________ ö______vv_
Die am Schluß des Vortrags an den Redner ge- täglichen Lebens nimmt sie noch regen Anteil, stellten Fragen würden bereitwilligst beantwortet. ""----
Goethe-Bund.
Dritter Dichter-Abend:
Richard Euringer und E. W. Möller.
Der dritte der vom Goethe-Bund gemeinsam mit dem Kaufmännischen Verein veranstalteten Dich- tei«£j)enbe vereinigte die Träger der nationalen Buchpreise für 1934 und für 1935, Richard Euringer und Eberhard Wolfgang Möller, zur Vorlesung aus eigenen Werken in der Neuen Aula.
Düringer, 1891 in Augsburg geboren, Fliegeroffizier im Weltkrieg, jetzt in Westfalen lebend, begann mit Szenen aus der preisgekrönten „Deut- schen Passion 1933". Diese Passion beschwört in visionären Bildern Gestalten, Stimmen und Chöre einer aus den Fugen geratenen Zeit vor dem Umbruch und der Volkwerdung der Nation. Gespenstisch erheben sich aus dem Niemandsland zwischen Gräben und Stacheldraht die Stimmen der Gefallenen, der namenlosen Soldaten des großen Krieges. Ihnen entgegnen die höhnenden und zersetzenden Worte des „Bösen Geistes", die klagenden Rufe der hungernden Kinder, die hoffnungslose Zwiesprache des verbitterten Arbeitslosen und seines Weibes. Schon hier prägt sich der im tiefsten Grunde politische, der aufrufende, chorische Stil eines an das ganze Volk sich richtenden Szenariums. Die Stimmen der Finsternis werden übertönt vom Vermächtnis der Gefallenen, die den Namen Deutschland an die Ueberlebenben weitergeben als Verpflichtung und Zuversicht neuen Aufbruchs.
Die „Verkündigung des Toten" aus der Thing- fpiehgaffung der „Deutschen Passion" formt mit ganz ähnlichen Mitteln das Erwachen des in namenlosen Gestalten sich äußernden Volkes zur Volksgemeinschaft. Hier wird das Volk selbst angeredet in seinen typischen Trägern und aufgerufen ZU den Werten und Kräften, die das neue Reich als Evangelium für die Nation prägte: Rückkehr Zur Scholle, Besinnung auf die gemeinsame Herkunft, Bekenntnis zur Arbeit, die das Land rettet. „Sei wieder Volk vom Volke!" lautet der Ruf, der alle einzelnen einigend zusammenführt. Zu den Stimmen des toten Postens, des toten Vaters im Niemandsland gesellt sich der Chor der Bauern, welcher die Kraft des Bodens, der Chor der Arbeiter und der Jugend, welcher die Macht des Blutes besingt. Und alle die Namenlosen fallen ein: der Bürger, die Mutter, der Künstler, der Werkstudent, auch die Ungläubigen und Verbitterten, die wieder ein Licht, eine Hoffnung und einen Glauben gesunden haben: Deutschland.
Dann hörten wir ein Kapitel aus dem Buche
„Die Fürsten fallen", aus dem Jahre 1848 in München; die beiden Gegenspieler und Zentralfiguren: König Ludwig I., Erbauer der Feldherrnhalle, der ein wirklicher Volkskönig hätte werden können, — und die Tänzerin Lola Montez, die den Zerfall seiner Dynastie und des fürstlichen Prinzips heraufbeschwört. Die hier gelesenen Abschnitte schildern die erste Begegnung mit der blauäugigen Spanierin fesselnd, plastisch und farbenreich. Man erlebt die Schwierigkeiten, die Widerstände, die Komplikationen, die sich aus der Begegnung ergeben; das königliche Temperament entlädt sich, aber das Temperament der Montez entlädt sich noch zügelloser und unberechenbarer, aus dem Vorfall wird ein Fall, eine Affäre, die immer weitere Kreise zieht, aus der dynastisch-persönlichen Sphäre in die Stadt und ins Volk bringt, zum Skandal, zum Tumult und zum Aufruhr führt. Das Ganze die scharf gesehene und erfaßte Episodenreihe aus einer königlichen Tragikomödie des 19. Jahrhunderts.
Den Abschluß der Vorlesung bildete der „Chor der Fäuste", eine kleine Szene aus dem Arbeitsdienst, die im chorischen Stil und Ton zurückmündet in Form und Haltung der „Passion": die Verkündung des „neuen Bundes" der Fäuste und! der Stirnen steigert sich zu einem Hymnus an bie > befreite unb geeinte Nation.
Nach einer kurzen Pause las Eberhard Wolfgang Möller, der 1906 als Sohn eines Thüringer Bildhauers geboren wurde, sich zuerst als Drama- matiter bekannt gemacht hat und 1935 für den Gedichtband „Berufung der Zeit" den nationalen Buchpreis empfing. In den Kantaten und Chören dieses Bandes hat, mit den Worten der Stiftungsurkunde, „das aufrüttelnde Erleben unserer Tage den packendsten und künstlerisch reifsten Ausdruck gefunden". Den Abschluß des Bandes bilden bie „Briefe ber Gefallenen", bie Möller zu Anfang las, strenge unb klare Gebilde, bewegt uon Stolz und Trauer und vom Dank einer jungen, Nachlebenden Generation an bas unermeßliche Opfer ber Gefallenen. Die einfache unb empfundene Sprache, die zuchtoolle und schmucklose Haltung dessen, der da spricht, führte zum stärksten dichteri- chen Erlebnis dieses Abends. Jener schöne und in Schlichtheit ergreifende vierte Brief („Meine liebe Mutter") wird manchen lange bewegt haben, unb es ist zu wünschen, baß viele ber Hörer unter solchem Eindruck ben Weg zu bem Buche fänben, lrT,oem sich biefer Bries unb bie übrigen ausgezeichnet fmben.
Dann las Möller etwas ganz anberes, eine vettere Szene aus seinem neuen Roman „Das
Schloß in Ungarn", wieber ein Kapitel aus bem achtunbvierziger Sturmjahr: es schilbert in ber Jch- Form bie Heimkehr eines Offiziers nach ber Nieber- roerfung bes Aufstanbes in ein häusliches Jbyll in Wien, in ben Kreis bürgerlicher Verwanbten unb an bas Spitzenkörbchen eines Zwillingspärchens von Säuglingen, bie bann später in einer mit Jean Panischen Lichtern überglänzten, humorigen Straßenszene noch eine unvermutete Rolle spielen, nachdem im Trubel allgemeinen Aufruhrs „ein persönliches Hühnchen" gerupft worben ist in einer Versammlung innig beteiligter Bürger.
Den Beschluß machte bie erste Szene bes Schauspiels „Rothschild siegt bei Waterloo". Diesem Stück liegt eine Anekdote zu Grunde, nach ber „aus bem Blutopfer von Zehntausenben ein Börsenmanöver gigantischen Ausmaßes gemanagt wird". Rothschild bringt eine falsche Siegesnachricht vom Schlachtfeld nach London, inszeniert dort einen „schwarzen Freitag unb wirb dadurch Millionär. Aus ber Anekdote entwickelt sich eine halb schaurige, halb groteske Szene am Rande des Schlachtfeldes, eine bittere Satire auf ben ewigen Krämer- unb Schachergeist, dem jedes Mittel recht ist. —
Beiden Dichtern dankte eine aufmerksame Hörer- , schäft mit herzlichem Beifall. —y— I
Elefanten vergessen nichts.
Es ist eine bekannte Tatsache, daß sich ein Elefant an einem Wärter, ber ihn einmal schlecht be- hanbelt hat, oft noch nach vielen Jahren rächt, wie er sich umgekehrt auch burch größte Anhänglichkeit auszeichnet. Sein Gedächtnis ist besser als bas bes Hunbes, erklärt Dr. William T. H o r n a b a y, ber ehemalige Leiter bes Bronx-Zvvlogischen Gartens in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dieses für Tiere außergewöhnliche Vermögen wirb bei bem Dickhäuter noch burch einen befonbers feinen Geruchssinn unb burch den gewaltigen, aber beshalb nicht minder empfindsamen Rüssel unterstützt. Kürzlich brach in New Jersey ein Wagen, auf bem ein Elefant beförbert werben sollte, unter großem Getöse zusammen. Kein schmeichelnbes Zureben konnte das Tier bewegen, sich wieder in ein Fahrzeug zu begeben; schließlich wurde ihm bie ganze Sache zu bunt, es jagte feine Wärter unter heftigen Trompetenstößen in bie Flucht unb stürmte auf bem kürzesten Wege zu seinem heimatlichen Stall, ungefähr 35 Kilometer entfernt. „Dieser alte Elefant", bemerkt Dr. Hornaday," wußte genau, was er tat. Der Wagen war einmal zusammengebrochen unb nach seiner Auffassung — um in ber Elefantenpsychologie zu bleiben — gab es gar keine Gewähr dafür, baß sich bieser Vorfall nicht wieberhotte. So
hielt ber Dickhäuter es für bas Richtigste, an ben Platz zurückzukehen, an bem er sich immer am sichersten gefühlt hatte, nämlich in den ihm vertrauten Stall." Forscher, Naturfreunbe unb Groß, wildjäger stimmen in ber Meinung überein, baß ber Elefant wirklich eine erstaunliche Intelligenz besitzt. Nach Beobachtungen, bie sich über viele Jahre erstrecken, ist man geneigt, ihm in bieser Beziehung in ber Reihe ber Lebewesen nach ben Men» fchen und bem Affen ben brüten Platz anzuweisen.
Elefanten, bie burch große Stäbte geführt wer- ben, wirken auf bie Zuschauerschaft bisweilen er» heiternb, wenn sie in ihrer unbeholfenen Art mit ben Vordersätzen ebenso bedächtig wie mißtrauisch den Untergrund auf feine Tragfähigkeit prüfen, be» vor sie über eine Brücke gehen ober sich in einen Eisenbahnwagen bringen lassen. Sie tun bamit nur das gleiche, was auch ihre Brüber in ber Wildnis tun, wo sie in einer fast feierlich anmutenben Art bas Bett eines Flusses abtasten, ehe sie sich zum Uebergang entschließen.
Die letzten Kannibalen.
Gibt es auf ber Welt wirklich noch Kannibalen, die aus altem Zauber- unb (Seelenglauben ben er» djlagenen Feind verzehren, um sich in ben Besitz feiner Kraft und seines Mutes zu setzen? Man war schon geneigt zu glauben, daß dieser Brauch endgültig ausgerottet sei, aber ber englische Forscher T. H. Harrison, ber sich zwei Jahre lang auf ben Malekula-Jnseln aufgehalten hat, erbrachte zuoer- lässige Gegenbeweise. Auf ben Malekula-Jnseln, die zu ben Hebriden gehören, gibt es heute noch wilde Dölkerstämme, die ihre besiegten Feinde verzehren. Falsch wäre es, daraus ben Schluß ziehen Zu wollen, baß sie biesen Brauch nur beshalb ausübten, weil sie noch keine Berührung mit ber Zivilisation bekamen. Die Eingeborenen besitzen so- gar Feuerwaffen, bie vor fünfzig ober sechzig Iah- ren ins Lanb gekommen finb. Mit diesen Waffen ziehen sie in ben Kampf gegen feinbliche Stämme, unb so ergibt sich ber seltsame Gegensatz, daß bie Opfer, die nach uraltem Brauch bei den Sieges- unb Totenfeiern verzehrt werben, durch Gewehrschüsse getötet worben finb. Harrison berichtet, baß man ihn keineswegs freunblich ausgenommen habe; man zeigte sich willens, ihn als Feind zu töten und mit ihm genau so zu verfahren wie mit den anderen Opfern. Aber durch seine Geschenke und durch die Art, wie er mit den Eingeborenen umging, erkaufte er sich ihre Freundschaft. Es handelt sich bei diesen Völkerstämmen wohl um die letzten Kannibalen, die es heute noch auf der Erde gibt.


