Ausgabe 
14.1.1936
 
Einzelbild herunterladen

und Handel, die großen Meister, deren man im- vergangenen Jahre besonders gedachte, kamen nun zu Wort, außerdem noch altdeutsche Meister und romantische Orgelmusik von Robert Schumann, Franz Liszt, Josef Rheinberger und Max Reger. Peter von der Au sang auch noch drei Lieder, die er mit der Orgel begleitete. Die Musikvorträge machten auf die Zuhörer die Kirche war über­füllt einen tiefen Eindruck.

Li ch, 13. Jan. Am Samstagnachmittag äand unter Teilnahme der ganzen Gemeinde die eierliche Beisetzung der am vorigen Mittwoch im Ilicekrankenhaus zu Mainz verstorbenen Stadt­schwester Gretchen Menges statt. Die Trauer­feier legte ein überwältigendes Zeugnis ab für die Liebe, Verehrung und Dankbarkeit, deren sich die Entschlafene in allen Kreisen der Bevölkerung er­freute. Unter Dorantritt der Kinder des Kinder- gottesdienstes, der Frauenhilfe 2 und des ober­hessischen Schwesternkreises des hessischen evange­lischen Schwesternbundes bewegte sich ein langer Trauerzug von der Wohnung der Entschlafenen nach dem Friedhof. Nach einem Choralspiel des Posaunenchors, Gebet und Schriftlesung ließ Stifts­pfarrer Naumann auf Grund des von der Ent­schlafenen zu ihrem Grabtext bestimmten Apostel­wortsChristus ist mein Leben und Sterben mein Gewinn" noch einmal in eindrucksvollen und tief­bewegenden Worten das Lebensbild und Werk der Schwester Gretchen" vor der großen Trauerge- meinde erstehen. Nach Abschluß der kirchlichen Feier durch Gebet, Vaterunser, Einsegnung, Segen und Choralspiel des Posaunenchors folgten zahlreiche Kranzniederlegungen. Es sprachen Pfarrer Nau­mann für die Frauenhilfe 2, Bürgermeister Geil für die Stadt Lich, Dechant Kahn für die evange­lische Kirchengemeinde, Felix Vogt für die Kinder- kirche, Schutzmann Kempf für Die städtischen Ar­beitskameraden, Gräfin Elisabeth v. Schlitz und Pfarrer Schmidt (Laubach) für die Schwe­stern des oberhessischen Schwesternkreises im evan­gelischen Schwesternbund Hessens. Am gestrigen Sonntag wurde das mit einer Fülle kostbarer Kranzspenden bedeckte Grab von vielen Gemeinde­gliedern besucht, die noch einmal einen Augenblick stillen und dankbaren Gedenkens an die Heim­gegangene erleben wollten. Ihr Tod hat eine große Lücke in unserer Stadt hinterlassen. Durch ihren selbstlosen und aufopfernden Dienst an zahllosen Krankenbetten, ihre stille, fürsorgende Tätigkeit an Armen und Bedürftigen, ihr schlichtes, bescheidenes, freundliches und allezeit fröhliches Wesen, durch ihre Mitarbeit in der Kinderkirche, in der sie über 30 Jahre tätig war, in der evangelischen Kircken- aemeindeoertretung, der Frauenhilfe 2 und dem Alicesrauenverein, ihren starken, in Freude und Leid bewährten Christenglauben und ihre nimmer aushörende Liebe hat sie sich in den Herzen aller ein bleibendes Gedächtnis gestiftet, das noch lange im Segen fortwirken wird.

§ Hungen, 13. Jan. Im Zuge der Vervoll­kommnung ihres Betriebes hat die Molkerei- Genoffenjchaft Hungen nun auch ihre Büroräume einer Umgestaltung und Erweiterung unterzogen. Bereits im Sommer 1934 wurde in­folge der neuen Milchversorgungsordnung der tech­nische Betrieb durch Vornahme größerer Umbau­arbeiten und Neuherrichtung der Kessel- und Ma­schinenanlage auf eine jeder neuzeitlichen Anforde­rung entsprechenden Grundlage gestellt. Die täg­liche Milchlieferung beträgt z. Zt. 23 000 Liter. Im Monat Dezember wurden insgesamt 672 301 Liter Milch geliefert, was einer täglichen Liefe­rung von annähernd 22 000 Liter entspricht. Hier­aus ist zu ersehen, daß die tägliche Milchlieferung z. Zt. wesentlich über der Anlieferung des verflos­senen Monats liegt. Die angelieferte Milch hatte einen durchschnittlichen Fettgehalt von 3,45 v. H. Für das Liter wurde ein Durchschnittspreis von 13,59 Pfennig gezahlt. Bedenkt man, daß vor der Macht­übernahme durch die NSDAP, dem Bauer nur etwa 8 bis 9 Pfennig für das Liter Milch gezahlt wurden, so muß auch hier die Aufwärtsentwicklung der deutschen Wirtschaft volle Anerkennung finden.

Kaninchen-Ausstellung in Frankfurt.

Glänzende Erfolge der oberhessischen Züchter.

Am Samstag und am Sonntag fand in Frank­furt a. M. die zweite Schau des Gaues Hessen- Nassau der Reichsfachgruppe Kaninchen statt. Die Ausstellung wurde in Anwesenheit von Vertretern der Landesbauernschaft und der Stadt Frankfurt durck Dr. Kurt Priemet mit einer Ansprache eröffnet. Pg. Eckhardt von der Landesbauern­schaft gab einen kurzen Bericht über die Leistung Der Kaninchenzüchter im Jahre 1935. Es wurden erzeugt an Fleisch 600 Mill. Doppelzentner, an Fellen 33 Millionen Stück und 25 000 Kilogramm Wolle. Trotz dieser günstigen Ergebnisse fehlen aber für Deutschland immer noch 35 Millionen Felle, die vom Auslande zugekauft wurden. Alle Züchter müßten deshalb bestrebt sein, der Wirtschaft recht viele Felle zuzuführen.

Unter Führung des Landesfachgruppen-Vorsitzen- den G. Krauß, Darmstadt, fand dann ein Rund­gang durch die Ausstellung statt. Zunächst dem Eingang waren die Erzeugnisse der Kaninchenzucht zu sehen. In überaus reicher Zahl waren Pelz­mäntel, Pelzjacken, Kissen, Vorlagen, Pullover, Schals und Handschuhe (aus Angorawolle) zur Schau gestellt. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete die Abteilung Fleischgerichte, für die alles Ausstellungsgut von Züchtern und Züchterfrauen selbst verarbeitet worden war. Anschließend gelangte man in die große Halle C, wo in langen Reihen fast 2000 Tiere aller Rassen zu sehen waren. Die Preisrichter hatten hier eine schwere Aufgabe, denn zur Gau-Schau waren von allen Vereinen nur die besten der besten Tiere geschickt worden. Die Züch­ter, die hier Preise bekamen, sind belohnt worden dafür, daß sie mitgeholfen haben zur Förderung der Kaninchenzucht im Rahmen der Erzeugungs­schlacht.

Die Preisträger aus Oberhessen.

Weiße R i e s en: Friedrich Höffner (Vilbel) Ehrenpreis, zwei 1., ein 2., zwei 3. Preise; Emil Kern (Gießen) 1. und 2. Preis; Georg Fehl (Hom­berg a. d. Ohm) Ehrenpreis und 3. Preis; Fr. Günther (Büdingen) ein 1. und drei 3. Preise.

Deutsche Widder (weiß): Wilh. Schultheiß (Lollar) Meistertitel und drei 3. Preise.

Französische Silber: H. Reifschneider (Altenstadt) Ehrenpreis; Otto Koch (Södel) 2. Preis; Wilh. Scherer (Kaichen) Ehrenpreis.

Blaue Wiener: H. Bähr (Stockheim) Ehren- und 1. Preis; Fr. Haseneier (Klein-Karben) 3. Pr.

Weiße Wiener: Georg Buß (Grünberg) Ehrenpreis des Landesbauernführers, zwei 3. Preise; H. Roos (Ober-Mockstadt) 3. Preis; Fr. Ledermann (Hungen) 1., 2. und 3. Preis; Wilh. Wardega (Leih­

gestern) 2. Preis; Karl Dietz (Lollar) 1. und 3. Preis; H. Bähr (Stockheim) 3. Preis.

Rheinische Schecken: Wilh. Ullrich (Gie­ßen) Ehren- und 3. Preis; H. W. Lohr II. (Alten­stadt) 3. Preis.

Hasen: Otto Vonderheid (Büdingen) Meister­titel, 2. und 3. Preis.

Lux: Otto Steih (Gießen) Meistertitel, 1. und zwei 3. Preise; H. Schneider (Steinbach) Ehren-, 1., 2. und 3. Preis. Lux-Rex: O. Urstadt (Gie­ßen) 1. Preis. Castor-Rex: Willi Fey (Lollar) 2. Preis. Schwarz-Rex: Rudolf Scherb (Lol­lar) 2. und 3. Preis.

Angora: Karl Stumpf (Leihgestern) 1. und 2. Preis.

Klein-Chinchilla: H. Dietrich (Klein-Kar­ben) Ehrenpreis des Landesbauernführers, 1. und 2. Preis; Chr. Müller (Gambach) 1. und 2. Preis; H. Müller (Leihgestern) 3. Preis.

Marburg"er Feh: W. Zahrt (Großen-Linden) drei 3. Preise.

Schwarz-Silber: Aug. Rinker (Großen- Linden) Ehren- und 3. Preis; Phil. Zimmermann 1. und 3. Preis; W. Ringelhut (Gambach) Ehren- und 3. Preis; W. Schmidt (Lauterbach) 2. und 3. Preis; Karl Berghöfer (Gießen) 1. und 3. Preis.

Braun-Silber: Phil. Zimmermann (Gro­ßen-Linden) Ehrenpreis und 3. Preis.

Holländer: H. Panzer (Trohe) 2. Preis.

Schwarzloh: H. Müller (Leihgestern) Silb. Medaille und zwei Ehrenpreise; Sommerlad (Gro­ßen-Linden) 2. Preis; K. Hofmann (Großen-Lin­den) 1., 2. und 3. Preis; Ph. Zimmermann (Gro­ßen-Linden) 3. Preis; Otto Schäfer (Leihgestern) Ehren- und 1. Preis; H. Köhler (Lauterbach) Ehren­preis; H, Sommer (Steinbach) 2. und 3. Preis.

Hermelin: W. Zahrt (Großen-Linden) Ehren- und 2. Preis; Lehrer Knetfch (Ober-Widdersheim) 2. und'3. Preis; Jak. Waiblinger (Büdingen) 2. Pr.; H. Köhler (Lauterbach) 2. und 3. Preis; Just. Volz (Heuchelheim) 3. Preis.

Für Kaninchenwurst: W. Sommerlad (Gro­ßen-Linden) 3. Preis.

Bei der Bestleistung der Kreise erhielt der Kreis Gießen den 3. Preis.

Am Sonntagnachmittag fand im LokalReichs- meffe" ein Gautreffen statt, bei dem Pa. Eck­hardt von der Landesbauernkammer noch einige organisatorische Fragen behandelte. Der Landesfach­gruppenvorsitzende Krauß gab einen Bericht über das abgelaufene Geschäftsjahr, aus dem besonders zu erwähnen ist, daß die Kreisfachgruppe Oberhessen unter der Leitung des Vorsitzenden L. Kreiling (Gießen) am besten gearbeitet hat.

Kreis Friedberg.

LPD. Friedberg, 13. Jan. Auf tragische Weise kam der 45 Jahre alte Gastwirt Theodor Gröninger in dem Nachbarort Ockstadt ums Leben. Er hatte mit seiner Schwägerin Anna G r i m m e l eine ziemlich erregte Auseinander­setzung, in deren Verlauf ihm die Frau einen derart schweren Tritt gegen den Unterleib ver­setzte, daß er nach seiner Einlieferung in das hiesige Krankenhaus st a r b. Die Frau wurde verhaftet.

Kreis Schotten.

c Schotten, 12. Jan. Karl Maria o. Webers P r e z i o f a" hat hier Heimatrecht erworben. Vor vierzig Jahren wurde sie zum ersten Mal hier aufgeführt, alle 10 Jahre etwa wiederholt, und am gestrigen Abend ging sie wieder über die Bretter in einer Glanzaufführung. Nur einheimische Kräfte wirkten mit. Die Turnhalle war dicht besetzt. Unter der kunstverständigen, straffen Leitung des Männer­chordirigenten Nagelschmidt spielte ein 20 Mann starkes einheimisches Orchester mit Schwung

die Ouvertüre und die übrigen musikalischen Teile und Zwischenspiele. Die Zigeunerchöre waren glän­zend einstudiert und klangen sauber und rein. Die schönen Bühnenbilder und die geschmackvollen Ko­stüme wirkten sehr lebendig. Alle Mitwirkenden gaben ihr Bestes. Die Aufführung muß als über­aus gelungen bezeichnet werden. Es ist eine Ehre für ein Städtchen, wenn eine so gute Wiedergabe dieses z. T. schwierigen Werkes mit lauter einhei­mischen Kräften sich ermöglichen läßt. Der Ium- und Gesangverein als Veranstalter des The­aterabends kann stolz auf diese Leistung sein, wie auch dessen Vorsitzender, Oberforstmeister D e u st e r, in seinen Dankesworten am Schluß der Vorstellung zum Ausdruck brachte.

Kreis Alsfeld.

J) Alsfeld, 13. Jan. Dieser Tage veranstaltete die hiesige Dürergesellschaft ihren letzten Vortrag. Es sprach Privatdozent Dr. Richter- Gießen über seine Ausgrabungen auf dem Glauber g. Der Vortragende teilte ein-

ckelkend mtt, daß der Glauberg eine der inter­essantesten vorgeschichtlichen Stätten in ganz Deutsch­land sei, die man mit Recht dashessische Troja"* nennen dürfe, da man auf ihm, wie an jener sagen« umwobenen Stätte Kleinasiens, eine Reihe von Kulturschichten übereinander festgestellt hat. Die Kartenskizzen des Redners zeigten die große Anlage und deren allmähliches Wachstum. Bei den Aus­grabungen konnten einwandfrei die verschiedenen Kulturperioden innerhalb des gewaltigen Ring­walls, der sich über den ganzen Berg hinzog, klar­gelegt werden. Es ließen sich die Spuren aus der Steinzeit, der Bronzezeit, der La-Tene-Zeit, der keltischen Zeit, der frühgermanischen Zeit und der Zeit nach der Völkerwanderung seststeuen. In der fränkischen Zeit wurde der Glauberg eine Trutz­burg der fränkischen Gaugrafen, bis die Burg im 13. Jahrhundert als Raubritterburg zerstört wurde. Der Gang und die Methode der Erforschung des interessanten Berges wurden durch zahlreiche gute Lichtbilder, die der Vortragende bei den Ausgrabun­gen ausgenommen hat, deutlich gemacht. Der Glauberg war in der frühen Geschichte zweifellos ein Brennpunkt heftigen Ringens unter den vor- dringenden Völkern. Sehr interessant war dabei die von Dr. Richter gezeigte Uebersicht über die Besiedlungsgeschichte des Vogelsberaes. Anschlie­ßend an den Vortrag teilte der Vorsitzende der Dürergesellschaft, Studienrat Dr. Berg, mit, daß die Dürergesellschaft mit diesem Vortrag nach vierjährigem Bestehen ihre Tätigkeit e i n st e l l e. Ihre Aufgabe übernimmt nunmehr die NS.-Kulturgemeinde.

Preußen.

Kreis Wehlar.

<£ Rodheim a. B., 13. Jan. Gestern abend hielt die hiesige Kameradschaft des Kyff» Häuserbundes in der Bechtoldschen Gastwirt­schaft ihren Jahreshauptappell ab, zu dem 48 Kameraden angetreten waren. Kameradschafts­führer O. Müßener gedachte in seinem Begrü­ßungswort des Hauptereignisses im vergangenen Jahre, das jeden alten Soldaten mit stolzer Freude und Dankbarkeit gegen den Führer Adolf Hitler er­füllt die Wiederherstellung der deutschen Wehr­freiheit. Er gedachte ferner der im Geschäftsjahr zur großen Armee abberufenen zwei Kameraden, deren Andenken die Kameradschaft in üblicher Weise ehrte. Der vom Kameradschaftsführer vorgetragene Ge­schäftsbericht zeigte das erfreuliche Bild eies steten Aufstiegs. Die Kameradschaft besteht zur Zeit aus 87 Männern, bei vier Ab- und fünf Zugängen im Laufe des Jahres. Besondere Anerkennung verdiene die Schützengruppe, die sich im Vorjahre auf den 9. Platz im Kreise heraufgearbeitet hat. Sie wird jetzt von 10 auf 18 Schützen erhöht, und es wird erwartet, daß es ihr gelingen wird, das Interesse für den Schießsport und dadurch die Leistungen im Schießen noch erheblich zu steigern. Ein erfreu­liches Bild wie der Jahresbericht bot auch der Kassenbericht, den der Kameradschaftsführer er­stattete. Hier zeigte sich, daß der Schießsport für die Kameradschaft auch finanziell Erfolge gezeitigt hat, zumal die Einnahmen auf dem Schießstand einen hervorragenden Anteil an der verhältnismäßig günstigen Kassenlage der Kameradschaft ausmachen. Anerkennung und Dankbarkeit waren der Grund­ton im Tätigkeitsbericht des Fechtmeisters Kamerad Wilhelm Hofmann, der mit warmen Worten zu gesteigerter Opferfreudigkeit im neuen Jahre auffor­derte. Unterstützt durch Ortsgruppenleiter Kam. Karl

wundervoll

Nicht müde werden, Annelies!

Vornan von Bernhard Lonzer.

Urheberrechtsschutz: Auswärts-Verlag, Berlin.

24. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Die Villa, ein moderner, zweigeschossiger Bau, lag unmittelbar am See, hinter dem sich der staat­lich Forst weit in die Ferne erstreckte. Der Gärt­ner, der das Grundstück beaustichtigte, war von dem Besuch verständigt worden und kam aus dem zur Seite gelegenen Gebäude, als der Wagen vor der Villa hielt. Man ging sofort an die Besichtigung. Das Innere des Hauses war mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet und mußte auch den verwöhn­testen Ansprüchen genügen. Mia konnte trotz ihrer müden, fast resignierenden Haltung nicht verhin­dern, daß ihre Augen hell und merkwürdig hungrig wurden. Günter, der sich bemühte, den Räumlich­keiten ein rein sachliches Interesse abzugewinnen, gewahrte es nicht, aber Annelies bemerkte es sehr wohl. Es ist der Hunger nach dem Besitz!, dachte sie. Diese Frau muß alles haben, was ihr gefällt auch wenn es gerade ein Mensch ist, dessen Besitz sie lockt. Was aber veranlaßte die Frau, zu tun, als ob sie kein Interesse mehr an dem herrlichen Grundstück hätte?

Die Zimmer waren leer, nur einige eingebaute Schränke waren noch vorhanden. Und dann hatte man ein paar wertvolle Gemälde aufhängen lassen, die sich dem Charakter der einzelnen Räume an- paßten, und die man auf diese Weise wohl am besten an den Mann zu bringen gedachte.

Mia und Günter hatten eben den Wintergarten betreten. Annelies war in einem der Zimmer vor einem großen Oelgernälde stehengeblieben, das sie unwillkürlich gefesselt hatte. Der Vater war ja auch Maler gewesen, und etwas von dem Blut des Künstlers war auch in ihr. Die eigenartige Tönung des Himmels auf dem Bilde war es vor allem, die ihr Interesse erregte und Erinnerungen an die Malweise des Vaters wachrief.

Mia sah aus dem Wintergarten hinaus auf den silberblinkenden See. Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust, nachdem sie plötzlich verstummt war. Langsam wandte sie sich nach Gunter um, der hinter ihr stand, und sah ihn mit einem Blick an, aus dem er den gesammelten Schmerz eines wunden Frauenherzens las.

Etwas Schweres legte sich Günter auf die Brust. Es nahm ihm fast den Atem.

Was ist heute mit dir, Mia?" fragte er mit rauh klingender Stimme.Du bist so ganz anders als sonst."

Ihr Blick hielt ihn fest und schien doch weit zu­rückzusinken, in Tiefen, die nur sie ermessen konnte.

Ich weiß nicht, Günter!" kam es leise und tief­traurig von ihren Lippen.Ich weiß nur eins: daß ich allein in diesem Hause sein werde, wenn ich es kaufe. Ich bin immer allein gewesen, seitdem seit damals, und ich werde immer, immer allein sein ..."

Er fühlte ihre Worte an seinem Herzen rütteln. Er wollte nicht entscheiden, ob es nur Mitleid war oder etwas anderes. Nein, er wollte es nicht entscheiden! Aber es war ein Gefühl, dem er sich nicht entziehen konnte.

Er nahm Mias Hand.

Du bist jung, Mia, hast das Leben vor dir, wirst nicht immer allein sein. Es ist nur so eine Stimmung, ja, es ist nur so eine Stimmung. Mor­gen ist alles wieder anders."

Morgen ach, ich mag nicht an das Morgen denken. Mir graut davor."

Sie hörten nicht, wie aus dem Nebenraum Anne­lies und der Gärtner hereinkamen. Ein Schatten fiel auf breiter Lichtbahn schmal durch die Tür, unmittelbar darauf ein zweiter, breiterer. Sie fahen es nicht.

Das ist der Wintergarten!" sagte der Mann er­klärend.

Annelies verstand ihn nicht, hatte kaum vernom­men, daß er etwas gesagt hatte. Mit starren, un­natürlich geweiteten Augen nahm sie das Bild in sich auf, das sich ihr in grausamer Deutlichkeit darbot: Günter und jene Frau Hattd in Hand, sich dicht gegenüberstehend, in einer Haltung, die auf tiefe, innere Erregung schließen ließ.

Ach, Onkel Korbinian! Das war alles, was sie zu denken vermochte.

Sie hatte die jähe Empfindung, als ob der Bo­den unter ihren Füßen hinwegglitte. Ein tiefer, dunkler, unendlich weiter Abgrund tat sich plötzlich vor ihr auf, ein Schwindelgefühl überkam sie mit der Gewalt eines Sturmes. Aber sie sank nicht, sie versank nicht sie stand noch immer, noch im­mer. Sie faßte es kaum, daß sie nicht hinsank ins Bodenlose.

Man konnte noch stehen. Ob das gut war, Onkel Korbinian?

Mia und Günter waren bei den Worten des Gärtners zusammengefahren und hatten sich los- gelassen. Mia schien sich schnell wieder gefaßt zu haben, wandte sich dem Fenster zu und sah auf den See hinaus, auf dem es wie von taufend Silber­funken tanzte und sprühte. Günter konnte sein Ge­sicht nicht so schnell meistern, forschend und wie chuldbewußt sah er Annelies an. Ihr Blick war noch zu sehr getrübt, als daß sie in seinen Zügen hätte lesen können. Sie sah ihn nur undeutlich in der Mitte des Raumes stehen und ein paar Schritte von ihm entfernt diese Fra« diese Frau.

Ach, der Raum zwischen den beiden war ja nur Lüge!

Langsam ging Günter jetzt auf Annelies zu. Sie war noch immer nicht fähig, ein Glied zu rühren. Ihr Gesicht war das eines Menschen in höchster Not.

Dann wandte Mia sich halb nach ihr zu um.

Ein wundervoller, ganz eigenartiger Anblick, Fräulein Fahrenkamp, sehen Sie nur. Das blitzt und funkelt da draußen auf dem Wasser wie lauter Silberflocken. Nach dieser sonderbaren Erscheinung hat der See seinen Namen bekommen: Silbersee. Ich glaube, hier könnte man stundenlang stehen und sich den Blick verwirren lassen."

Das hatte ganz ruhig geklungen. Die Stimme dieser Frau löste Annelies aus ihrer Starre. Die Glieder waren ihr noch unsagbar schwer, aber sie setzte sich in Bewegung. Langsam ging sie an Gün­ter vorüber, ohne ihn anzusehen. Dann stand sie neben Mia.

Den Blick verwirren, sagen Sie den Blick verwirren ..."

Mia sah ihr in das aufgelöste Gesicht.

Ja, aber Fräulein Fahrenkampf was ist Ihnen denn auf einmal? Sind Sie krank?"

Vielleicht. Ja, vielleicht bin ich wirklich krank." Da trat auch Günter heran.

Frau Rechberg hat recht, du siehst nicht gut aus. Wollen wir lieber wieder nach Hause fahren?"

Annelies sah ihn an, als sähe sie durch ihn hin­durch. Plötzlich kam wieder Leben in ihren Blick. Sie fuhr sich mit zitternder Hand über das kasta­nienbraune Haar.

Nach Hause fahren? Warum denn? Es ist doch so schön hier. Ist das nicht ein wundervolles Grund­stück? Möchtest du es nicht besitzen? Und ich bin ja gar nicht krank, fühle mich doch sehr wohl. Du doch auch nicht wahr? Und Sie doch auch, Frau Rechberg nicht wahr?"

Mia setzte zu einem dunklen Lachen an, unter­drückte es aber noch im letzten Augenblick.

Wie sonderbar Sie heute sind!" sagte sie und wandte sich mit einer Frage an den Gärtner, der verwundert, aber diskret an der Tür stehengeblie­ben war.

Sie stiegen in das Obergeschoß hinauf. Annelies riß sich mit aller Gewalt zusammen, aber ihre kreisenden Gedanken fanden sich immer wieder in dem einen, unausgesprochenen Satz:Es ist alles umsonst!" Noch vor wenigen Minuten war sie so zuversichtlich gewesen, und nun war alles schlimmer als zuvor. Aber sie hatte auszuharren bis zum Letzten. Denn fite war Günter not. Er wußte wohl nicht, wie sehr sie ihm not war. Er betrog sie nicht, würde sie nie betrügen, nicht mit dieser Frau, nicht mit einer anderen. Wenn die Stunde da war, die ihn vor die Entscheidung stellte, bann würde er kommen und sagen:Es ist zu Ende, Annelies. Ich kann nicht mehr. Laß mich den Weg gehen,/

den ich gehen muß." So, wie es feiner geraden, ehrlichen Natur entsprach. Und bis zu dieser Stunde hatte sie auszuharren und auszuhalten.

Günter beobachtete sie von Zeit zu Zeit, ohne daß sie es gewahrte. Mit Erleichterung stellte er fest, daß sie wieder ruhiger geworden war. Wie mochte es trotzdem in ihr aussehen!? Was sie beobachtet hatte, mußte ihr einen furchtbaren Schlag versetzt haben. Aber war denn wirklich etwas Schwerwiegendes geschehen? War man denn wirklich schuldig gewor­den? Und wenn hatte man neulich nicht das Gefühl gehabt, daß sie einem langsam entglitt? Wenn das aber wirklich der Fall war, konnte es sie dann noch so schwer treffen, wenn man wirk­lich ...?

Günter fühlte bei diesem Gedanken, daß in seiner Brust etwas wie mit tausend Hämmern schlug. Ge­hörte ihr Herz ihm noch immer? Trotz Schmerz, Leid und Not?

Er hätte sie in seine Arme nehmen und sagen mögen:Es war ja nichts, Annelies, es ist ja nichts! Sieh, man muß doch Mitleid mit Mia haben. Sie ist doch auch ein Mensch wie du und ich, kämpft mit ihrer Liebe und um ihre Liebe. Deswegen ist sie dock nicht schlecht, wenn sie dir auch weh tut." Und Annelies würde ihn gewiß ver­stehen, hatte ihn immer verstanden.

Die Stimme des Gärtners riß ihn aus feinen Gedanken. Man ging hinunter, um auch die Ne­bengebäude und die geräumige Garage zu besich­tigen.

Der Silbersee gleißte und blitzte im Sonnenlicht. Hoch und dunkel stand dahinter der Wald. Lang­sam schritt man nach dem See hinüber. Ein schma­ler Landungssteg ragte vom schilfbestandenen Ufer ins Wasser hinaus. Das Boot war schon vor länge­rer Zeit eingezogen worden. Während der Gärtner einige Erklärungen über die nähere Umgebung gab, trat Annelies auf den Landungssteg hinaus; ihr abgewandter Blick ging über die silberblinkende Fläche hin. Günter umfaßte die schmale, reglos stehende Gestalt mit einem langen Blick. Seit langer Zeit sah er zum ersten Male wieder die Goldfunken auf ihrem braunen Haar in der Sonne leuchten.

Da ließ sich Mia vernehmen:

Es ist so ein wundervoller Tag; es ist bald vor­bei mit der schönen Zeit. Wie denkt ihr, wollen wir den Tag nicht noch mal richtig ausnutzen und irgend auswärts zu Mittag essen? Ausflugsorte gibt es hier herum ja genug?!"

Günter sah wieder zu Annelies hinüber. Sie schien Mias Frage nicht gehört zu haben, oder sie wollte Günter die Entscheidung überlassen.

Wie denkst du, Annelies? Versäumen würden wir ja nichts."

Sie wandte sich halb zurück.

Wenn du magst. Und wenn deine Eltern nicht auf uns warten ..."

(Fortsetzung folgt!)