Ausgabe 
13.10.1936
 
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Nr. 240 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 13. Oktober (936

Die Schlacht bei Lena am 44. Oktober 4806.

Von Rudolf Mohr, Generalmajor a. O.

Jena! Wohl selten in der Geschichte hat ein ein­ziges Wort so viel Begriffe umfaßt, wie der Name der kleinen Thüringer Universitätsstadt, in deren Nähe am 14. Oktober 1806 Napoleon I. die be­rühmte Armee' Friedrich des Großen schlug und damit den preußischen Staat zertrümmerte. Un­glauben, Staunen, Schrecken, Entsetzen, Flucht, Kopflosigkeit, Verrat waren die Folgeerscheinungen, die alles mit sich in den Abgrund rissen. An eine solche Möglichkeit hatte die Welt, an eine solche Ka­tastrophe niemand in Preußen gedacht. Dennoch wehten von Lorbeer bekränzt die Friedericus-Fah- nen über den für unbesiegbar gehaltenen Regimen­tern, noch galt seine Fechtweise, seine Schlachtord­nung als heiliges Vermächtnis des großen Königs und Feldherrn bei der höheren preußischen Füh­rung. Sie alle waren ja seine Schüler gewesen, hatten unter seinem beherrschenden Einfluß gestan­den und zum Teil noch seine Siege mit ihm erfoch­ten. Erfochten in der Schlachtordnung, die 1806 versagte, vor der aber die feindliche Uebermacht bei Leuthen zusammengebrochen war! Gewiß, cs fehlte nicht an Stimmen, die anderer Ansicht wa­ren, aber die standen nicht an führender Stelle. Auch die große politische Bewegung im Westen war nicht ohne Einfluß auf eine Anzahl einsichtsvoller Ofiziere im preußischen Heere geblieben, unter de­nen ein lebhafter Gedankenaustausch stattfand, in dem meistens die schematische Nachahmung des friederizianischen Echelonsangriffs mit herber Sa­tire behandelt wurde. Männer wie Clausewitz, Scharnhorst, Gneisenau und der Prinz Louis Fer­dinand haben das völlig Ungenügende der alten Fechtweise in der l i n e a r e n T a k t i k der Massen klar erkannt, aber durchgedrungen sind sie mit ihrer Ansicht nicht. Das lag eben an der Zeit und vor allem an der Besorgnis, an Stelle des Erprobten Unerprobtes zu setzen. So blieb alles beim alten, bis der Krieg mit eisernem Besen zur Seite fegte, was nicht mehr in die neue Zeit gehörte und sie verstand.

War Fechtweise und Taktik rückständig und ver­altet, so war dies erst recht in der Organisa­tion der Armee, bei der T u p p e n a u s r ü st u n g und dem Zustand der Festungen der Fall. Auch die höheren Führer, die doch vom Könige nach bestem Wissen und in völliger Uebereinstim- mung mit der öffentlichen Meinung ausgewählt waren, wie der Herzog von Braunschweig und der Fürst Hohenlohe, versagten und wetteiferten im kritischen Moment in Unentschlossenheit und Schwäche. Es war ihnen eben völlig unmöglich, sich von den Anschauungen ihrer Zeit und den Eindrücken ihrer Erziehung und Ausbildung los­zulösen und sich auf das Genie eines Napoleon urn- zustellen. Dazu kam das durchweg zu hohe Al­ter des gesamten Offizierkorps.

Waren doch unter den Generalen 4 über 80, 13 über 70 und 62 über 60 Jahre alt und von den 945 Kapitäns (Hauptleuten) der Fußtruppe 2 über 70, 18 über 60 und 119 über 50 Jahre. Selbst unter den Leutnants befanden sich 70- und 60jäh- rige Offiziere Daran war vor allem die große Sparsamkeit schuld, die bei dem gänzlichen Mangel an Einnahmequellen und bei der allein auf Er­haltung des Friedens gerichteten Politik sich auf allen Gebieten fühlbar machte und sich in erster Linie auf das Heerwesen ausdehnte. Das Genie Friedrich des Großen hatte dem preußischen Volke eine Großmachtstellung geschaffen, die mit den da­maligen Größenverhältnissen seines Landes in schroffem Gegensatz stand. Sie zwang dazu, eine Rüstung zu tragen, die für den schwachen Körper zu schwer war.

Vor allem war es das Werbesystem mit den ihm nahestehenden Mißständen, das schwer auf der Armee lastete. Es war begründet im Geiste der Zeit und in den national-ökonomischen Anschau­ungen über die Schonung der Volkskräfte. Mit ihm hatte Friedrich der Große es zuwege gebracht,

7 Jahre lang dem gesamten Europa Widerstand zu leisten. Alle Staaten, mit Ausnahme des revolutio­nären Frankreichs, hatten dieses System beibehal­ten. Auch Frankreich war nur durch die Not zur Annahme der allgemeinen Wehrpflicht getrieben worden und hatte vor dem Auftreten Napoleons sehr schlechte Erfahrungen mit ihr ge­macht. Erst diesem gewaltigen Organisator war es gelungen, Ordnung zu schaffen und Schöpfer einer neuen Fechtweise zu werden Diese, mit ihren Tirailleurs und (Kolonnen, war auch in Preu­ßen durchaus nicht unbekannt geblieben, und ihre Vor- und Nachteile der preußischen Lineartaktik gegenüber wurden in den militärischen Blättern und Gesprächen oft genug behandelt. Aber mit wenigen Ausnahmen war doch das gesamte Offi­zierkorps vom Feldmarschall bis zum jüngsten Kor­nett der festen Ueberzeugung, daß die vielbespro­chenen französischen Schützenlinien vor dem Sturm­schritt anrückender preußischer Bataillone zerstieben würden, wie die Spreu im Winde.

Und beinahe hätten sie Recht behalten. Der Aus­gang der Schlacht bei Jena hing an einem Haar, wie wir später sehen werden, und wenig nur hat daran gefehlt, daß statt der Niederlage ein Sieg er­fochten wurde, trotz der veralteten Fechtweise. Im übrigen stand diese in engster Verbindung mit der Art des Ersatzes der Armee. Solange man das Werbesystem mit seinen vielfach zur Desertion neigenden Mannschaften besah, solange man den Ersatz zum großen Teil in vaterlandslosem Gesindel suchte, das heute diesem, morgen jenem seine Haut verkaufte, solange die Armee sich in ihrem größerem Teil aus Elementen zusammensetzte, die nur durch die Bande einer eisernen Disziplin zujammenaehal- ten werden konnten, solange war an die Einführung einer Taktik, die selbständiges Handeln und die Freiheit der Bewegung des einzelnen Mannes zur Grundlage hatte, nicht zu denken. Aber ebenso we­nig an die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht vor dem Druck der Erfahrungen, die der Nieder­lage von 1806 folgten, und die selbst dem beschränk­testen Untertanenverstand den Unwert der bisheri­gen Einrichtungen mit überzeugender Kraft vor Augen führte.

Noch schlimmer sah es mit der Kriegsbereit­schaft der Armee aus. Das überalterte Offizier- korps ist schon verwöhnt, aber so wie mit ihm, so war es mit dem Zustand der Waffen, der Festun­gen, der Kriegsoorbereitung durch alljährliche, grö­ßere Hebungen, durch Anhäufung von Kriegsmate­rial usw. der Fall. Es fehlte an allem, besonders aber an Geldmitteln.

Dazu kam die schwankende Politik (man muß unwillkürlich an Bethmanns Unalückshand denken), die allein auf Erhaltung des Friedens eingestellt war, alle Demütigungen Napoleons einsteckte und die einzige Gelegenheit versäumte, zusammen mit Oesterreich und Rußland gegen ihn loszuschlagen. Und als trotz aller Friedensliebe der Krieg unver­meidlich wurde, da stand Preußen allein dem Übermächtigen Gegner gegenüber, dessen kriegser- probtes Heer noch der frische Ruhm derÄrei- kaiserschlacht von Austerlitz" schmückte. Die Erkennt­nis, daß es sich um einen Kampf auf Tod und Leben handle, fehlte fast völlig. Nicht einmal das stehende Heer wurde im vollen Umfange kriegs­bereit gemacht, über 100 000 Mann hätten mehr am Entscheidungskampf teilnehmen können. In den Truppenbewegungen zeigte sich von vornherein eine auffallende Zagheit des Entschlusses. Man beriet, detachierte, rückte hin und her und ließ dem Geg­ner, bei dem nur e i n Feldherrnwille bestimmte, gänzlich freie Hand. Nicht einmal über den Vor­marsch Napoleons herrschte Klarheit. Dafür wußte dieser um so besser Bescheid und hatte die im preu­ßischen Hauptquartier herrschende Verwirrung klar erkannt. Als er in der Nacht zum 12. Oktober 1806 die Gewißheit gewonnen zu haben glaubte, daß die preußischen Hauptkräfte sich bei Erfurt vereinigten, warf er seine aus Franken in der allgemeinen Rich­tung auf Gera und Leipzig oormarschierende Armee herum und stand bereits am 12. Oktober abends mit dem 5. und 7. Korps südlich Jena a. d. S., mit dem 1. und 3. Korps südöstlich Naumburg a. d. S. und mit dem 4., 6. und Garde-Korps einen Tages­marsch zurück in zweiter Linie in einer neuen 25 Kilometer langen Front, ohne Kenntnis allerdings davon, daß bereits die preußische Armee des Fürsten Hohenlohe ganz nahe seinem linken Flügel gegenüberstand.

Diese hatte, während die Hauptarmee unter dem Herzog von Braunschweig noch zwischen ErfurtWeimar verblieb, die beherrschenden Höhen des linken Saaleufers besetzt, ohne jede Nachricht von dem Herannahen Napoleons. Hätte man die Lage auch nur einigermaßen erkannt und aus- nutzen wollen, so wäre es fraglos möglich gewesen, über die erst im Aufmarsch begriffenen linken Flügel-Korps der Franzosen mit bedeutender Ueber- legenheit herzufallen. Aber man dachte bei der preußischen Führung überhaupt nicht mehr an kühne Unternehmungen. Die Schreckensnachricht von der Niederlage des Korps des Prinzen Louis Ferdinand bei Saalfeld a. d. S. am 10. Oktober und feines Todes hatten die trostlose Verwirrung

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Wer Zeitung liest, ist stets im Bilde, und wer Bescheid weiß, hat Erfolg I

und Ratlosigkeit zum Höhepunkt gesteigert. Endlich entschloß man sich, mit der Hauptarmee bei Auer­stedt über die Unstrut zurückzugehen, das Korps Hohenlohe sollte zur Deckung des Abmarsches zu­nächst auf den Höhen bei Jena stehen bleiben.

Noch einmal bot das Glück der preußischen Armee mit diesem Plan eine überaus günstige Chance. Bei Jena konnte das Korps Hohenlohe in seiner sehr starken Stellung den vereinzelten Angriff des fran­zösischen linken Flügels zurückschlagen und sich zum mindesten einen ehrenvollen Rückzug erkämpfen, bei Auerstedt mußte die Hauptarmee das dort einzeln vorgegangene Korps D a v 0 u st mit großer Uebermacht angreifen, schlagen und zersprengen. Beides war möglich und erreichbar, aber beides ge­schah nicht.

Wenden wir uns nun zur Hohenloheschen Armee. Ihr Zustand war ein geradezu trostloser. Die unausgesetzten Hin- und Hermärsche, die nutz­losen Anstrengungen und vor allem der Hunger hatten die Truppen derartig mitgenommen, daß man sie kaum noch als gefechtsfähig betrachten konnte. Hauptschuld trug das ganz verkehrte Ver­pfleg u n g s s y st e m, das die Truppen nur aus Magazinen, wie im Siebenjährigen Kriege, er­nähren wollte und jede Requifitton, selbst gegen bare Bezahlung, auf das strengste verbot. Dazu kamen kopflose Paniken unter den Trains und Kolonnen, die sich in wilder Flucht auf die Nach­richten vom Anrücken der Franzosen zerstreuten und selbst Truppenteile, wie die in Jena einrückende Division Tauentzin in weitgehendstem Maße in ihre Panik hineinrissen.

Erst im Laufe des 12. und 13. Oktober sammelten sich nach und nach die preußisch-sächsischen Truppen (Sachsen focht neben einigen Kleinstaaten, wie z. B. Weimar, auf preußischer Seite) in einem Lager zwischen Capellendorf und der Schnecke (s. Skizze) auf dem Hochplateau nordwestlich Jena. Die Front war nach Südwesten, nach der Seite, von welcher man nach dem Gefecht bei Saalfeld den Feind erwartete. Auch die Vorposten, die im wei­ten Umkreis das Lager umgaben, hatten die gleiche Front. Für eine Fernaufklärung durch die zahl­reiche Kavallerie geschah nichts. Die Lehren des großen Königs über feineMäusepatrouillen", die nachts aus bleiben und sich in der Gegend herum­treiben, ohne festen Posten zu nehmen", waren völlig verloren gegangen. Erst auf direkten Befehl des Fürsten Hohenlohe wurden am 12. Okt. abends 2 Erkundungsabteilungen auf das rechte Saale- Ufer vorgetrieben. Beide bestätigten das Heran­nahen starker feindlicher Kräfte, die bereits südlich Jena die preußischen Vorposten angegriffen und geworfen und mit einer zweiten Kolonne bei Dornburg (10 km nordöstlich von Jena) die Saale

Weltlauf mit dem Tode.

Von Bernhard Faust.

In zäher, stiller Arbeit hatte Kapitän Scott, ein Engländer, alles vorbereitet, um von Kap Evans dem Winterlager, zum Südpol vorzu- stoßen' Hinter der Großen Eisbarriere, auf 79 Grad südlicher Breite, 241 Kilometer entfernt, war das Ein-Tonnen-Lager angelegt worden, die erste Der- pflegfteUe südwärts mit Lebensmitteln und Del auf zwölf Wochen, Haferschrot und Preßheu für die Ponys und Hundekuchen. Nach dreimonatiger Abwesenheit kehrte man heim, als die Sonne hin­ter den Spitzen des Prinz-Albert-Gebirges schied, und das erste, was sie daheim empfing war Die Nachricht, daß Amundsen in der Walfischbucht überwintere, gleichssalls «uf Erobererfahrt zum Südpol, und daß also ein Wettlauf bevorstunde um Ruhm und Ehre für das eigene Land.

In mehreren Abteilungen, bei drohendem Him­mel und heftig orgelndem Sturm, brach Scott auf, die Motorschlitten voraus. Eine ungewöhnliche Schwüle herrschte 5,5 Grad unter Null und machte die Ponys launisch und müde; zu allem Unglück versagten die Motorschlitten, und in ge­drückter Stimmung erreichte man das Em-Tonnen- Lager. Stürme und riesige Schneewo ken am Kap Lyttelton aus Nordnordwest, unfreiwillige Rasttage die am Vorrat zehrten, der Zusammenbruch und Verlust der Ponys, im Süden die stumpfe, weiße, undurchdringliche Nebelmauer, alles bas, und das Gefühl schwermütiger Verlassenheit in der Unend­lichkeit der Eiswüste ließen Scott ihr weiteres Schicksal in trübem Licht erscheinen. ?ochdas ver­traute er nur seinem Tagebuch an; fröhlich und ge­lassen, ein Kamerad unter ^Kameraden, feierte er mit den Seinen auf 86 Grad 56 TO muten südlicher Breite die Jahreswende, Wünsche für das glückliche Gelingen der Fahrt auf den Lippen.

Nach und nach wurden die Kranken und Schwa­chen ins Winterlager zurückgesandt; es blieben fünf Mann: Doktor W i l s 0 n der wissenschaftliche Leiter, Rittmeister O a t e s , Leutnant Bowers und Deckoffizier Evans. Mit ihnen begann Scott seine Heldenfahrt zum Sudpol.Noch 137 Kilo­meter bis zum Pol!" rief er m fernem Tagebuch. Aber können wir das noch ganze sieben Tage aus­halten?" Und später, aus dem Trotz eines großen Glaubens-Nur noch lumpige fünfzig Kilometer! Wir müssen hinkommen, koste es was es wolle!" Und leise hinzugefügt:Jetzt schreckt mich nur noch

die furchtbare Möglichkeit, daß die norwegische Flagge vor der unfern dort flattern könnte!" Und als das Wirklichkeit geworden war, als sie Amund- sends verlassenes Zelt am Südpol fanden, die dumpfe Klage:(Eine furchtbare Enttäuschung, aber nichts tut mir dabei so weh, als der Anblick meiner armen, treuen Gefährten! All die Mühsal, all die Dual wofür? Für nichts als Träume Träume, die jetzt--zu Ende sind."

Es war der 18. Januar 1912, vor nun bald 25 Jahren, dem Tage des Rückmarsches, dem Be­ginn eines Kampfes, der sie zu Helden machte.Vor uns liegt eine Strecke von 1500 Kilometer", rief Scott,1500 Kilometer trostlosen Schlittenziehens, 1500 Kilometer Hunger und Kälte. Wohlan! ..."

Doktor Wilson litt an Schneeblindheit, Evans er­fror die Hand, und Dates konnte die Füße nicht mehr erwärmen Dazu wurden die Lebensmittel knapp, zuletzt das Del. Am 14. Februar fieberte Evans; feine Frostbeulen, blaufchwarze dicke Eiter­klumpen, waren aufgebrochen. Er konnte nicht mehr die Schneeschuhe anschnallen, er brach zusammen, raffte sich auf, riß die Handschuhe von den Fingern und erfror die Hände, irrte lachend auf dem Eis und lief davon, wie auf der Flucht. Als sie ihn fingen und ins Lager brachten, schlief er hinüber in den Schlaf, aus dem es kein Erwachen gibt.

Vierzig Grad Kälte! Rittmeister Dates hatte beim Weitermarsch auch die Füße erfroren. Nachts fragte er Doktor Wilson im Zelt, ob noch eine Rettung möglich sei, und der Arzt bejahte und tröstete ihn, fo gut er konnte. Aber Dates, der wußte, daß er für die Kameraden nur eine Last war, vielleicht das Hindernis für die eigene Rettung, erhob sich und ging hinaus in das Brausen und Heulen der Finsternis ging, ohne sich umzusehen. Niemand kennt sein Grab ...

Zwanzig Kilometer, einen Tagesmarsch vom Ton-Tonnen-Lager, von der Rettung entfernt, wur­den sie von einem furchtbaren Sturm im Zelt fest­gehalten; Kost und Brennstoff gingen darüber zur Neige.Aber wir werden bis zum Ende aushal­ten", sagt Scotts Aufzeichnung vom 29. März 1912.ÄZir werden schwächer, und der Tod kann nicht mehr ferne sein." Und die letzte (Eintragung: Um Gotteswillen sorgt für unsere Hinter­bliebenen!"

Acht Monate später fand sie die Entsatzabteilung: Wilson und Bowers lagen in den Schlafsäcken; Scott starb zuletzt, er hatte den Rock geöffnet, und sein Arm umschlang Doktor Wilson.

Eterberegister als Geschichtsquellen.

Im Anschluß an einen kürzlich (G. A. v. 21. Sep­tember) erschienenen AufsatzZwischen den Zeilen der Kirchenbücher" von Ruth Köhler-Jrrgang schreibt uns Herr Pfarrer Döll in Steinbach:

Die Verfasserin hatte den Duellenwert der Sterbe- emträge gegenüber den Tauf- und Copulationsein- trägen geringer gewertet. Dieses Urteil dürfte in dieser Form nicht allgemeingültig sein. In den Kirchenbüchern von Steinbach z. B. sind gerade Die Sterbereaister eine FunDgrube für Den Forscher. So sinD im Kirchenbuch von 17431807 bei Den Sterbe­einträgen nicht nur Werturteile über Die Verstor­benen unD Angaben über Die Krankheit unD das Alter zu finden, sondern auch teilweise richtige Fa­miliengeschichten: Geburtstag, Eheschließung, Name des Ehegatten, Zahl der Kinder, Enkel und daneben geschichtliche Ereignisse eingeschrieben. Beispiel für Werturteile: am 1. 1. 1763 starb der fromme rechtschaffene Mann, der das Lob eines gerechten Wandels hat, früh um 3 Uhr: Johann Gerhard, alt' und lebenssatt, ein Kirchenältester und Gerichts- schöpf und wurde begraben den 3. eiusdem bei volk­reicher Begleitung, alt 76 Jahr 4 Monat 17 Tage, Text Phil. I, 23. Beispiel für die Krankheit, die zum Tode führte: am 10. 2. 1763 starb Johann Peter Gilbert, weiland Johann Caspar Gilberts hinterlassener Sohn an der roten Ruhr und daß er sich aus großer Faulheit s. v. niemals die Hosen reinigen wollte, wobei ihn die Läuse gefressen, daß ihn wegen des entsetzlichen Gestankes niemand hat ins Haus nehmen wollen noch können in einem Stall, doch auf einem Bett, elend und jämmerlich und ward den 11. eiusdem begraben, alt 18 I. 4 M. 11 Tg. Beispiel für Familiengeschichte: am 5. XII. 1796, morgens um 8 Uhr starb Johann Baltzer Krämer, 72'Jahr 3 Monat 14 Tag alt; geb. d. 20. August 1724, copuliert 14. 11. 1748. Witwer seit dem 1. 3. 1790. Kinder: 2 Söhne, 2 Töchter; Krankheit: 4 Wochen still gelegen. Beispiel für geschichtliche Nachrichten: 5. 10. 1762 abends um 5 Uhr starb Anna Maria Gilbertin geborene Pitzin, weiland Johann Caspar Gilberts hinterlassene Witwe, an der roten Ruhr und den 7. eiusdem begraben alt 58 I. 9 M. 19 Tg. Text Ps. 40, 1. Nb. bei dieser Gelegenheit ist das erste Kreuz wie­der auf den hiesigen Kirchhof gekommen, nachdem die Franzosen alle vorigen Kreuze vorigen Monats im Backofen verbrannt haben.

Aehnliche (Einträge wissen ebenfalls von den Franzosen zu berichten. Ein Ahnenforscher hat

übrigens gerade die Sterbeeinträge seiner Urahnen photographiert wegen der feinen Wertung derselben bei deren Sterbeeintrag.

Lichtspielhaus:Oer Lettelstudent^.

Verblüffendes Zusammentreffen: kaum haben wir denBettelstudenten" von Millöcker, abge­staubt und auf neu frisiert, im Theater eine fröh­liche Auferstehung feiern sehen, ist auch schon Die Ufa mit einer Verfilmung zur Stelle, Die soeben bei uns angelaufen ist. Georg Jacoby hat Die Sache in großem Rahmen inszeniert; Walter Was­sermann unD C. H. Di11er schrieben Das Dreh­buch, Das Dem Libretto von Zell und G e n e e in großen Linien getreulich folgt. Natürlich hat Der Film hier, wie in fast allen ähnlichen Fällen, von seiner größeren Reichweite, wenn man so sagen Darf, von seiner räumlichen UngebunDenheit aus­führlich unD großzügig Gebrauch gemacht. (Er hat Die Vorgeschichte einbezogen, er wechselt Die Schau­plätze nach Belieben unD läßt Den Beschauer frei« aiebig hinter Die Kulissen schauen: Das alles mit stattlichem Einsatz von Personal, von Ausstattung Bauten, Kostümen. Aber Der entscheiDenDe Eindruck geht natürlich auch hier von der Musik aus, die in unverwelkter Frische dem fröhlichen Spiel feinen eigentümlichen Charakter gibt. Die Spielleitung zeichnet sich durch eine leichte, sichere Hand, lieber» blick über Räume und Massen, und ein herzhaft-hei­teres Temperament aus, das die Handlung von Anfang bis zu Ende lebhaft und anregend im Fluß hält. Der musikalische Bearbeiter und Leiter Alvis M e l i ch a r und der Kameramann Ewald D a u b verdienen vorn Regiestab mit besonderer Anerken­nung hervorgehoben zu werden. Fritz K a m p e r 5 gibt den Obersten Düendorf mit saftigem Humor und ausladenden Gebärden. Don Der gräflichen Familie Nowalska gibt Marika Rökk als Bronis- lawa mit spritzigem Temperament Die lebendigste Figur, während Carola Höhn als Laura neben ihr, obwohl gesanglich gepflegt und sauber, ein we­nig zurücktritt. Ida Wüst stattet die Gräfin Pal- matica mit besorgter Mütterlichkeit und standesbe- wußten Allüren aus. Recht frisch geben sich Berthold E b b e ck e und Johannes H e e ft e r s als Die veiden StuDenten. Ernst Behmer als Gefängniswärter Enterich nicht zu vergessen. (Ein schönes, bewegtes Bild bietet Die große festliche Tanzgruppe unter Führung von Sabine R e ß, Das Lichtspiel­haus brachte Die Operette gestern als süddeutsche Uraufführung heraus. hth.