Annahme des Beistandpakts mit Rußland im französischen Senat.
Sarraut stellt die Vertrauensfrage.
Paris, 12. März, (DNB.) Der französische Senat beschloß, in die dringliche Aussprache über die Ratifizierung des französisch-sowjetrussischen Paktes einzutreten. Senator Henri-Haye zog seinen Vertagungsantrag zurück, nachdem er die Gefahren des sowjetrussisch-französischen Paktes nochmals eindringlich dargelegt hatte. Auch Senator Lemery brachte seine grundsätzlich ablehnende Einstellung zu diesem Pakt zum Ausdruck. Da jedoch der Senat, so erklärte er, den Wunsch habe, eine A u s - spräche zu vermeiden, die die Gegensätze der verschiedenen Senatoren verdeutlicht hätte, so ziehe er seinen Vertagungsantrag zurück. Der Berichterstatter Senator Le Tr o c q u e r erinnerte daran, daß Frankreich mit der Tschechoslowakei durch einen Vertrag verbunden sei. Die Tschechoslowakei habe außerdem mit der Sowjetunion einen Beistandspakt abgeschlossen, dessen Inkrafttreten von der Ratifizierung des französisch-sowjetrussischen Vertrages abhänge. Die Ratifizierung würde also die Verpflichtungen, die sich für Frankreich aus dem französisch-tschechoslowakischen Vertrag ergäben, gewissermaßen erleichtern. Der Berichterstatter erwähnte ferner die Zweckmäßigkeit einer baldigen gerechteen Regelung der russischen Schulden und betonte, daß die Verpflichtung der Nichteinmischung in die Innenpolitik eine Vorbedingung dafür sei, daß der Russenpakt die erhofften Ergebnisse zeitige.
Senator Armbruster bezeichnete den Russen
pakt als unzweckmäßig und gefährlich. Die Wiederbesetzung des Rheinlandes sei die erste verhängnisvolle Folge der Zustimmung der Kammer zur Ratifizierung des Russenpaktes gewesen. Auch Senator St. M a u r (Rechts) erklärte, daß er gegen den Pakt stimmen werde, da er nicht sicher sei, ob Frankreich als Gegenspieler die Sowjetunion oder die Dritte Internationale habe. Senator D e s - jardins (Republikanische Linke) erklärte, das alte französisch-russische Bündnis und die Einkreisung eines anderen Landes habe zum Kriege von 19 14 geführt. Er wolle keine Wiederholung. Der Russenpakt sei ein Blitzableiter, der das Gewitter anziehe. Senator M i l l e r a n d verlas eine Erklärung der R epublikanischen Union, in der es u. a.-heißt, daß die Mehrheit dieser Vereinigung dem Russenpakt feindlich gegenübergestanden habe; infolge der „Herausforderung Hitlers an Europa" (!) würden aber die meisten Mitglieder der Republikanischen Union jetzt für den Pakt stimmen oder sich der Stimmabgabe enthalten. Millerand schloß mit einem Aufruf zur Einigkeit aller Franzosen.
Nachdem Ministerpräsident Sarraut erklärt hatte, daß die Regierung die Bedeutung, die sie dem Russenpakt beimesse, nicht besser zum Ausdruck bringen könne, als indem sie die Vertrauensfrage stelle, nahm der Senat mit 2 2 6 gegen 4 8 Stimmen bei 34 Enthaltungen den Gesetzentwurf zur Ratifizierung des Paktes an.
sächliche Situation: Frankreich hat $um Schutz seiner bedroht behaupteten Unabhängigkeit
1. das größte Festungsnetz aller Zeiten an der deutschen Grenze errichtet;
2. als Garanten seiner Unversehrtheit legal gebunden: Großbritannien mit seinen gesamten Streitkräften zu Lande und zur See, Italien, Belgien, Polen, die Tschechoslowakei, Rußland mit allein mehr als 17 Millionen Soldaten, und Frankreich selbst. Diese Staten besitzen eine F r i e - dens stärke über 3 Millionen Mann, eine Kriegsstärke von rund 30 Millionen Mann.
Diesen geschichtlich ebenso gewaltigen wie einmaligen Garantien gegenüber erklärt Frankreich, daß es außerdem noch zu seiner Si- ckerheit vor seinem größten Festungsgürtel der Welt eine für jeden Angriff offene, weil entmilitarisierte Zone des Deutschen Reiches benötige. And er- erklärt weiter, daß, nachdem Deutschland, veranlaßt durch das letzte vorgehen Frankreichs, den Locarnopakt als damit gebrochen erklärte und seine souveränen Hoheitsrechte in seinem eignen Reichsgebiet wieder ausübt, die nunmehr dort eingerückten 19 Bataillone eine Bedrohung der von fast der halben Welt garantierten französischen Sicherheit darstellten.
Die Reichsregierung erklärt dazu nun folgendes: Deutschland hat diese geringfügige Besatzung in seinem eigenen Hoheitsgebiet zunächst überhaupt nur vorgenommen, um der französischen Regierung und besonders dem französischen Volk jeden Anlaß zu nehmen, zu befürchten, Deutschland setze Frankreich unter irgendeinen Druck, um es so zu Verhandlungen unter etwa unwürdigen Begleitumständen zu veranlassen.
Darüber hinaus aber hat Deutschland d a s g r o tz- zügig sie Angebot zur Befriedung Europas gemacht, das überhaupt möglich ist. Dieses Angebot erhält seine besondere Bedeutung dadurch, daß es von einer nationalen deutschen Regierung ausgeht, die sich in vollkommenem Dtz^rtrauen des Volkes befindet und die damit im höchsten Auftrage dieses Volkes handelt.
Es erhält aber seinen geschichtlichen Wert nur durch die tatsächliche Voraussetzung, daß es das er sie allgemeine europäische Abkommen sein muß, das seit dem Friedensvertrag von Versailles ohne jeden Zwang von selten aller Beteiligten abgeschlossen werden kann und das keinerlei neue Diskriminierung für irgendeinen Staat enthält. Dies ist aber d i e er sie unabänderliche Voraussetzung für ein erfolgreiches und damit segensreiches Wirksamwerden dieses Angebots.
Denn Deutschland hätte natürlich auch einen anderen Weg zu gehen vermocht: Es hätte dem durch den französisch - sowjetischen Vertrag
praktisch aufgehobenen Locarnopakt auch für Deutschland als erloschen bezeichnen können, um sich unter Verzicht auf eine direkte militärische Besetzung des Rheinlands, aber unter Berufung und Auswertung der eigenen nationalen Kraft von jeder europäischen weiteren Zusammenarbeit zurückzuziehen. Die deutsche Reichsregierung hat es aber ab gelehnt, einen Weg einzuschlagen, der nur zu einer negativen weiteren Zerreißung Europas geführt haben würde, sondern versucht, einen großen konstruktiven Plan zur endgültigen Befriedung dieses Kontinents vorzulegen.
Sie wünscht daher auch nichts sehnlicher, als mit Frankreich und den anderen europäischen Mächten in aufrichtige Verhandlungen einzulreten über die Realisierung dieses Planes, und sie hat deshalb, um von der französischen Volksseele auch jeden Schein eines bedrückenden fait accompli oder gar einer Bedrohung zu nehmen, die Remilitarisierung ihres eigenen Gebietes zunächst in einer Form voll
zogen, die tatsächlich nur als symbolhaft zu werten ist.'
Sie ist weiterhin, wenn dies als nützlich empfunden wird, bereit, für die Dauer der Verhandlungen zu erklären, daß sie hierin unter Voraussetzung einer analogen Einstellung der französischen und belgischen Regierungen auch keine Aenderung einfre- l e n lassen wird.
Sie würde jedoch unter keinen llm- ständen auf irgendwelche souveränen hoheitsrechte Verzicht lei- st e n in der Ueberzeugung, daß damit auch die zukünftige Befriedung Europas schon wieder aus solchen erzwungenen Verzichten und damit moralischen Diskriminierungen aufgebaut würde, die dann den keim der nagenden Schande einerseits und damit der latenten Unzufriedenheit andererseits in sich tragen mühten.
Was aber die deutsche Regierung anstrebt, ist nicht der Abschluß von Verträgen, die, weil für ein
ehrliebendes unb anständiges Volk mit moralischen Belastungen verknüpft, äußerlich und innerlich doch wieder unglaubhaft blieben, sondern die H e r st e l» lung einer wirklichen und tatsächlichen Befriedung Europas für das nächste Dierteljahrhundert. Und zwar einer Be- friedung, die in sich den Charakter einer unbedingten europäischen Rechtsordnung besitzt, die sich aufbaut auf den freien Entschlüssen gleichberechtigter europäischer Völker und Staaten. Und nur was unter solchen Voraus- setzungen dann unterzeichnet wird, kann infolge seiner Uebereinstimmung mit den Ehrbegriffen der Nationen auch mit Ehren gehalten werden und wird, soweit es sich um Deutschland handelt, genau so ehrenhaft eingehalten werden.
Sollte diese Auffassung aber nicht die Zustimmung der anderen Regierungen erfahren, dann wird die deutsche Regierung selbstverständlich ihre Vorschläge zurückziehen und, bauend auf die Zuverläfsigkeit, die Treue und den geschichtlichen Opfermut und Opfersinn des deutschen Volkes, von nun an lieber eine ehrenhafte Vereinsamung wählen, denn als diskriminierte Ration in der Gemeinschaft anderer zu leben.
Wetterbericht
des Reichswetterdienstes. Ausgabeort Frankfurt.
Die Ueberflutung des europäischen Festlandes mit kalten arktischen Luftmassen hat weitere Fortschritte gemacht. Durch ihren Einfluß hielt sich der Tagesdurchschnitt der Temperaturen unter dem jahreszeitlichen Regelwert. In der vergangenen Nacht kam es allgemein zu leichtem Frost. Während in Mittel-, vor allem aber auch in Ostdeutschland weiterhin mit verbreiteten Regenfällen gerechnet werden kann, wird sich bei uns der zur Zeit bestehende Witterungscharakter vorerst noch halten.
Aussichten für Samstag: Wolkig bis aufheiternd und im allgemeinen trocken, bei lebhaften nördlichen bis östlichen Winden nachts vielerorts Frost, tagsüber ziemlich kühl.
Aussichten für Sonntag: Im wesentlichen Fortdauer des bestehenden Witterungscharatters, doch tagsüber etwas milder.
Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Verantwortlich für Politik und für die Bilder; Dr. Friedrich Wilhelm Lange; für Feuilletons Dr. Hans Thyriot; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein. Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. D.A.U.36: 10 556. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch-und Steindruckerei R. Lange,K.-G., sämtlich in Gießen.
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