ttr. 266 Dritter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, l2.November 1956
Der Tlikelsmarkt in Allendorf.
00 Allendorf a. d.
Viele Besucher fanden sich zum „Anderfer Nikelsmaert" in dem kleinen Städtchen an der Lumda ein. (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Lum'da, 12. Nov. Der gestrige N i k e l s m a r k t verlief auch diesmal in der altgewohnten Weise. Nachdem am Vorabend eine Anzahl auswärtiger Verkäufer teils per Bahn, teils per Auto hier eingetroffen waren, setzte am frühen Morgen des Markttages reger Verkehr ein. Die Schuljugend hatte es sich nicht nehmen lassen, mit Handwagen zu den Frühzügen am Bahnhof zu erscheinen, um denTransport der verschiedenen Pakete, Kisten und Kasten der Krämer nach dem Marktplatz zu übernehmen und sich hierdurch die nötigen Marktgroschen zu verdienen.
Inzwischen wurde im Nathaus die Verlosung der Verkaufs st ände durch die Marktkommission vorgenommen. Im ganzen wurden 85 Stände
aufgeschlagen. Von 9 Uhr ab, nach Eintreffen der Postautobusse aus verschiedenen Richtungen, steigerte sich der Verkehr fortwährend und schwoll bis zum Mittag derartig an, daß die Marktstraße, Hitler- straße, Treiser und Londorfer Straße, in denen der Krammarkt abgehalten wurde, nur mit großer Mühe zu passieren waren. Rege Tätigkeit herrschte vor den Verkaufsständen, und allenthalben konnte festgestellt werden, daß Verkäufer und Käufer mit dem Verlauf des Marktes zufriedengestellt waren.
Auch die einheimischen Gewerbetreibenden, besonders die Gastwirte, Bäcker und Metzger, konnten mit dem Verkaufsergebnis zufrieden sein. Die G a ft» wirtschaften waren schon vom frühen Morgen und zeitweise bis auf den letzten Platz besetzt.
In der Stadthalle herrschte den ganzen Tag Hochbetrieb. Hier sah man edite Volksgemeinschaft. Das Tanzbein wurde bei vorzüglicher Musik fleißig geschwungen. Karussell, Schieß- und Schaubuden erfreuten sich ebenfalls reichlichen Zuspruchs. Nach jeder Richtung hin nahm der Markt einen befriedigenden Verlauf.
Immer bei unseren heimischen Märkten schlägt auch der Töpfer seinen Stand auf.
Auf dem Viehmarkt waren aufgetrieben: 8 Kühe, 15 Rinder, 7 Fresser, 390 Schweine und 150 Schafe. Es kosteten pro Stück je nach Qualität: Kühe 400 bis 500 Mark, Rinder 400 bis 450 Mark, Fresser 120 bis 250 Mark, Ferkel pro Kopf: 5 bis 7 Wochen alte 12 bis 16 Mark, 8 bis 9 Wochen alte 16 bis 19 Mark, Läuferschweine 20 bis 25 Mark; Mutterschafe, Hämmel und Lämmer das Stück 35 bis 50 Mark. Der Handel in Rindvieh und Schafen ging anfangs langsam, wurde aber später lebhafter. Bei Rindvieh wurde ausverkaust, bei Schafen verblieb Ueberstand. Der Handel mit Schweinen ging flott, doch verblieb auch hier etwas Ueberstand.
Vorbereitungen zum Weihnachtsverkehr bei der Neichspost.
Unter der Berücksichtigung der im Vorjahr gesammelten Erfahrungen wird die Deutsche Reichspost auch in diesem Jahre ausreichende Beförderungsmittel und genügend Beamte und Hilfskräfte für den Weihnachtsdienst bereitstellen. Während der Zeit des Weihnachtsoerkehrs bis einschl. 24. Dezember werden Pakete auch außerhalb der regelmäßigen Schalterstunden ohne besondere Einlieferungsgebühr angenommen. Die Postanstalten werden besonders auf gute Verpackung, Verschnürung und eine ausreichende und haltbar befestigte Aufschrift der Pakete und Päckchen halten. Auch während der Weihnachtszeit können bis drei Pakete mit einer Paketkarte und bis zehn Postgüter mit einer Postgutkarte versendet werden. Für schonende Behandlung und für den Schutz der Pakete gegen Regen und Schnee werden alle Vorkehrungen getroffen. Wo es notwendig ist, werden in den Personenzügen zur Beförderung der Paketmassen mehrere Postwagen mit dem nötigen Begleitpersonal eingestellt. Am 24. Dezember sollen die Angehörigen der Deutschen Reichspost durch Kürzung der Dienststunden soweit möglich vom Abenddienst frei- gemacht werden. Die Postschalter werden an diesem Tage möglichst um 16 Uhr geschlossen, doch bleiben die Telegramm- und Gesprächsannahmen auch an diesem Tage wie werktags geöffnet. Auch Wertzeichen sind überall zu erhalten. Der Zustelldienst wird nach den örtlichen Verhältnissen so geregelt, daß er am 24. Dezember möglichst um 16 Uhr beendet ist; Paket- und Eilzustellung werden wie aewöhnlich ausgeführt. Die Zahlstellen des Postscheckdienstes schließen an diesem Tage um 13 Uhr.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Der Lokomotivführer.
Manchmal werde ich in nächtlicher Stunde wach. Ich höre die Haustüre knarren und wieder ins Schloß fallen. Dann tappt ein schwerer Schritt durch den Flur und die Treppen hinauf. Ein Schlüsselbund klirrt, eine Tür wird geöffnet Es klingt besorgniserregend und in der Stille der Nacht doppelt laut. Aber ich habe keinen Grund zur Beunruhigung, denn ich weiß, um was es sich handelt. Richtig, jetzt rauscht dort oben die Wasserleitung, ein Stuhl wird gerückt und während ich mich auf die andere Seite lege, ist mein spät gekommener Hausgenosse dabei, sich vor dem Schlafengehen noch durch eine kleine Mahlzeit zu stärken.
Sein Beruf erlaubt ihm nicht, Tag und Nacht in jederzeit genau geregelter Weife zu verbringen. Es geschieht, daß er eben erst nach Hause kommt, wenn ich morgens das Haus verlasse. Dann wieder trifft er mittags mit mir zusammen ein, und ein andermal höre ich ihn schon vor Tag die Treppe hinuntergehen. Er ist Beamter der Reichsbahn und hat einen Dienst, der nicht jedem passen würde. Denn er ist Lokomotivführer und versieht ein Amt, das ganz erhebliche Ansprüche an die Umsicht, Leistungsfähigkeit und Verantwortungsfreudigkeit eines Menschen stellt.
Gewöhnlich sehen wir nur die Lichtseiten eines fremden Berufs und vergleichen damit die Schattenseiten unserer eigenen Tätigkeit. Daß eine solche Einstellung oberflächlich ist, werden wir meist nicht gewahr, oder nur dann, wenn wir Gelegenheit haben, die Aufgaben des fremden Berufs genauer kennen zu lernen. Von einem Lokomotivführer nimmt man gemeinhin an, daß er feine Tage gar nicht übel verbringe. Daß er im Gegenteil auf einer dahinjagenden Maschine große Strecken überwinde, daß er Land und Leute kennenlerne und noch dazu das Vergnügen habe, dafür Kilometergelder einzustecken. Und da die nächtlich dahinbrausende Lokomotive mit ihrem roten Feuerschein und weißen Wasserdampf unseren Sinn für die Romantik reizt, finden wir den Beruf des Lokomotivführers durchaus lockend und vielversprechend.
Die Wirklichkeit ist indessen erheblich rauher und räumt mit jenen falschen Vorstellungen gründlich auf. Ein Lokomotivführer hat jedenfalls eine Tätigkeit zu verrichten, die mit Romantik nicht mehr viel zu tun hat, die aber Anforderungen stellt, wie sie selten einen Beruf auszeichnen. Das Amt beansprucht eine äußerst stabile Gesundheit, denn es ist keine leichte Sache, bei Wind und Wetter in rasender Fahrt stundenlang auf der Maschine zu stehen, und Augen und Ohren angestrengt offenzuhalten. Es verlangt Gewissenhaftigkeit peinlichster Art und absolute Handlungssicherheit. Ein Lokomotivführer gleicht durchaus dem Kapitän eines großen Paffagierdampfers, non dessen Geschick und Tatkraft oft genug Gut und Leben zahlreicher Menschen abhängt.
Daran denke ich hin und wieder, wenn ich nachts durch den schweren Schritt im Hausflur gestört werde. Und es erscheint mir dann immer wieder der beruhigende und zuversichtliche Gedanke, daß Tag und Nacht verantwortungsbewußte Menschen am" Werke sind, um nach Kräften der Gesamtheit zu dienen. H. W. Sch.
Äornoiizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Blumen aus Nizza". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Wo die Lerche singt". — Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr: „Berge im Sommer und Winter", Vortrag von Professor K l u t e, Gießen, in der Aula der Universität. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brand: 17 bis 18 Uhr Ausstellung von Oelgemälden, Aquarellen und Tempera.
Stadttheater Gießen.
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns mitgeteilt: Der Dichter Gerhart Hauptmann, der ur
sprünglich an der Erstaufführung seines Schauspiels „Der Bogen des Odysseus" teilnehmen wollte, ist leider verhindert zu kommen, da er in Berlin einer Festvorstellung seines Stückes „Schluck und Jan" beiwohnen muß. Der Dichter hat jedoch zugesagt, einer späteren Aufführung feines Werkes 'beizuwohnen.
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Am kommenden Freitagabend Vortrag von Professor Standfuß über „Tierkrankheiten und Volksgesundheit" mit Lichtbildern und Film im Hörsaal des Physiologischen Instituts. (Siehe heutige Anzeige.)
Der „Goethe-Dund und kaufmännische Verein" teilen uns mit: Der nächste Vortragsabend wird am kommenden Montag, 16. November, 20 Uhr, in der Neuen Aula stattfinden. Der Forscher Curt Backeberg wurde zu einem Schmalfilm-Vortrag „Kreuz und quer durch Südamerika" gewonnen. Zwei Kameraden sind zweimal durch Südamerika gewandert: der Forscher Curt Backeberg und seine Schmalfilmkamera. Konnte bisher der Expeditionsmann und Forscher mit seinem Photoapparat nur einzelne Ausschnitte seiner Erlebnisse einfangen, so ist es ihm jetzt durch das Wunderwerk der Schmalfilmkamera möglich geworden, das lebendige Erlebnis der Vorgänge festzuhalten. Eindrucksvolle Bilder ziehen an uns vorüber: alte Jnkaruinen, Reiterspiele der Gauchos, Perus Land und Leute, Boliviens Landschaft und das Leben. So wird der Vortragende einen bunten und spannenden Bilderbericht über seine Forschungsfahrt geben. (Siehe heutige Anzeige.)
Hitler-Jugend Bann 116 Gießen
Belr. Führertagung des Gebietes am 15. November.
Die teilnehmenden Gefolgschafts- und Unterbannführer sowie die Stellenleiter und Mitarbeiter des Bannes treffen sich Sonntag, 15. November, pünktlich morgens 6 Uhr vor dem Bahnhof. Großer Winterdienstanzug ohne Mantel, aber mit schwarzer Hose, Brotbeutel und Feldslasche.
LaudschastsbuudVolkstum und Heimat.
Ortsring Gießen.
Die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, Naturwissenschaftliche Abteilung, lädt die Mitglieder unseres Bundes und der angeschlossenen Verbände ein zu einem Vortrag von Prof. Dr. Standfuß über „Tierkrankheiten und Volksgesundheit" am Freitag, 13. d. M., um 20.15 Uhr, im Physiologischen Institut, Friedrichstraße. Der Besuch des Vortrags, der durch einen Film illustriert wird, kann bestens empfohlen werden. Eintritt frei.
Fliegeralarmübung am 16. November.
Gießener, lest die heutige amtliche Bekanntmachung der Polizeidirektion Gießen über die Flie- ger-Älarm-Uebung am 16. November und befolgt die darin enthaltenen Anordnungen gewissenhaft!
Oer ernste Charakter des Bußtages.
Der Bußtag fällt in diesem Jahre auf den 18. No- vember. Die gesetzlichen Bestimmungen besagen, daß alle sportlichen und turnerischen Veranstaltungen gewerblicher Art zu unterbleiben haben. In Räumen mit Schankbetrieb sind musikalische Darbietungen jeder Art verboten. Alle anderen der Unterhai-
NIVEA CREME
Ifodemfäuiewn
Oie weche Korallenkette.
Von Karin-Maria Wilde
Die schimmernde, nebelverhangene Frühe des Spätherbsttages lag warm und mild vor dem offenen Schiebefenster der Bambushütte, die nahe am Ufer eines großen Sees stand, mit jenem Glanz und jener melden Wärme, wie sie von den runden, milchweißen Korallen mit den rosigen Flecken ausging — die die kleine Liu um ihren dünnen Hals trug. Heute ließ sie die kühlen, glänzend weißen Perlen durch ihre mageren Finger gleiten und lächelte sanft in die weiße Schwermut der Herbst- frühe hinaus, die zwischen dem goldenen, roten und rostfarbenen Laub wob und duftete. Diesen Weg am Ufer dort — der vom welken, trocken raschelnden Laub bedeckt war — diesen nach Moder und Moschus duftenden Weg würde Hiang-Ling heute kommen, nach vielen Jahren zu ihr zurückkvmmen aus der kaiserlichen Stadt, in die er damals berufen worden war — bedeckt und überschüttet von Kriegsruhm. Denn Hiang-Ling war klug und tapfer. Die weißen, milchig glanzenden, sanft gerundeten Perlen in Lius kleinen Händen füllten sich langsam mit der Wärme ihres Blutes, das fiebernd in den zierlichen Spitzen ihrer Finger pulsierte. Ihre schrägen, schwarzen Augen unter den feinen Kohle- strich'en der Augenbogen sahen die Kette an, und jede einzelne Koralle beschwor einen fernen, entzückenden Tag — lange verwehte Stunden herauf. Von dem Tempel auf dem Berg der heiligen Mönche fang die Mvrgenglvcke jetzt — und ihr dunkler, schwebender Ton schien die Nebel zu teilen — Sonne brach in glitzernden Bündeln durch den weißen, rauchenden Dunst und warf zitternde Lichter auf die unruhigen Wellen des Sees der sich blaugrün hinstreckte in die Ferne und dessen Atem kühl" und rein in das Schiebefenster strich. Liu kauerte auf der sauberen, reinen Strohmatte nieder und blickte unverwandt vor sich hin. Ab und zu nippt- sie träumerisch aus der flachen Schale mit grünem, bitterem Tee und brach winzige Stückchen von dem Reiskuchen ab — der vor >hr auf dem mit Perlmutter eingelegtem schwarzen Lackbrett bereit stand. Die rosigen Spitzen der nahen Berge glühten wie Rubine über dem wogenden, dampfenden Nebelmeer — ihre blauen Flanken fielen steil an den Rand des Wassers herab. Liu drehte mit geschickten Fingern eine Zigarette — die weiten, rotgefütterten Aermel ihres blaufeidenen Kimonos flatterten. Und sie dachte daran, wie sie Hiang-Ling kennenlernte — damals, als sie beide noch so jung waren! Und wie er ihr folgte als ihr
getreuer Schatten — der heute so berühmte, tapfere Hiang-Ling. Es war zur Zeit der Kirschblüte — in der blühenden rosigen Wildnis eines Tempelgartens, fern vom Lärm der vom Reiswein trunkenen Scharen des Volkes — als er ihr seine heiße Liebe gestand. Mit ihrem sanftesten Lächeln hörte Liu ihn an — und es war von Freude und Wehmut, ja Schmerz gewürzt, dieses Lächeln. Denn Hiang-Ling erklärte ihr, daß sie noch viele Jahre warten müßte, ehe er mit ihr ein gemeinsames Leben beginnen könne. — Und Liu nickte nur geduldig und sanft — und so wartete sie manche langen, einsamen Jahre in ihrer Bambushütte auf Hiang-Lings Heimkehr. Ihr Herz klopfte im Hals — wenn sie daran dachte, wie aus dem kleinen schüchternen Hiang-Ling ein großer, berühmter Mann geworden war! Und heute, nachdem es sich zum zehnten Male jährte, daß die Wildgänse aufgeregt aus dem Schilf aufstoben und abschied- nehmend über die Hütte und den See kreuzten, — mit ihrem melancholischen Schrei die nebelige, dunstige Frühe füllend und mit ihren harten Flügelschlägen die Stille von Wasser und Himmel wild zerreißend — heute würde Hiang-Ling also zurückkehren. Und sein Weg führte vorbei — nahe vorbei an Lius kleiner, bescheidener Bambushütte, in der alles rein und zierlich glänzte, und frische Matten bereitet waren — die Wege im Garten mit Kies bestreut und die zerbrechliche Brücke über den dünnen, glitzernden Wasserarm, der eilig zum See hinabrann — schwarz lackiert. Die Trauerweide am Rande des winzigen Gartens, die man von Lius Platz aus sehen konnte, stand wie verweint mit ihren dichten, dunklen Blättern im Nebel, tief hingen ihre Zweige herab — und selten hatte ihr Anblick Lius Herz so mit Traurigkeit erfüllt wie heute. Sie hob die dünnen Arme, ihre Armbänder klirrten, die weiten Aermel des Kimonos flatterten, als sie sich die weiße Korallenkette umtat, die mit ihrem milchigen Glanz sonderbar zu ihren schwarzen nachdenklichen Augen stand. Ob sich Hiang-Ling auch noch erinnerte an den Tag, da er sie ihr geschenkt hatte? Es war so lange her — vielemale war der wilde sehnsüchtige Schrei der Wildgänse über den stillen See gezogen, über die kleine Bambushütte hinweg, in deren Schatten Schnee und Regen wechselten und Lius Herz im Lauf der Zeit demütig und verzagt wurde wie das Herz eines Kindes, das man zu lange allein ließ. Wenn der rote Mond nachts über dem schwarzen Schilf schwamm und den schwarzen, flüsternden, murmelnden See mit einer glänzenden Silberbahn streifte, die ruhelos von Welle zu Welle rieselte — dann saß Liu oft schlaflos auf ihrer Matte und
lauschte in das mondrote Dunkel, darin das Schilf knisterte und die Fledermäuse mit ihrem schwerfälligen, lautlosen Flug und ihren spitzen klagenden Rufen sich regten. Und sie kreuzte die Arme und senkte den kleinen Kopf — und ihre Tränen fielen lautlos herab. Am Tage ging sie still ihrer Arbeit nach. Sie bemalte mit feinen Haarpinseln weißes Porzellan mit Drachen und Blüten und Blumen. Dann und wann hob sie sinnend die schwarzen Wimpern, wenn das blendende Sonnenlicht auf dem Wasser tanzte und die Berge im hohen, blauen Mittag goldrauchend standen. Sie dachte in allen diesen Jahren immer nur an Hiang-Ling. Und heute kauerte sie nun auf der Matte wie immer, hielt die Hände müßig im Schoß und wartete — während ihr Herz schlug und das Blut wie em roter Strom in den Schläfen brauste.
Die Schatten der Weiden und Kirschbäume fielen schon lang und blau an das Ufer des Sees hinab, als Liu eilige Schritte und plaudernde Stimmen auf dem von Herbstlaub raschelnden, wie Pantherfell gefleckten Weg vernahm, der an ihrer Hütte vorbeiführte. Mit blassen Lippen barg sie sich hinter dem Schiebefenster — begierig jeden Ton trinkend. Sie erkannte Hiang-Lings Stimme schon von weitem und sie dünkte ihr verändert. Sie preßte die Hände auf das Herz — nun waren sie näher — auch eine weibliche Stimme zwitscherte hell dazwischen. Und an der Mündung des Weges tauchten sie jetzt auf, die nahe, atemlos nahe, an Lius kleiner Bambushütte vorbeiführte: Hiang- Ling, im Kriegskleid, schön und stolz anzusehen, ein Unbekannter, und eine eilig in der Mitte trippelnde Frau, die Liu auch niemals vorher gesehen hatte. Ihre freudigen Stimmen Hangen hell durch die dünne, seidige Herbstluft, die wie ein Schleier voll blauer Wehmut über dem silberglänzenden Wasserspiegel lag. Und Hiang-Ling ging rasch vorbei — er zögerte nicht — er wandte nicht einmal den Kopf dahin, wo die festliche, kleine Bambushütte erwartungsvoll stand ...
Als die Wildgänse wiederkamen, irrte ihr harter, wilder Schrei ungehört über die kleine Hütte hin, durch deren vergilbtes Papierfenster der rauhe Frühlingswind strich und deren mattenbelegter Boden bestreut war mit milchigen, sanft glänzenden, runden Korallen, die auf dem Meeresboden gewachsen waren, rosa aefleckt. Sonst war es still in der Hütte — still und verlassen. Die Wildgänse zogen weiter am See entlang, über das im Winde knisternde Schilf, in das sie in der beginnenden, blauen Dunkelheit rauschend einfielen. Und nichts war mehr zu hören als das heisere Unken einer
Kröte, in deren sanften schwarzen Augen die auf steigende klare Scheibe des Mondes sich rötlid spiegelte.
Deutsches Leben in Sao Paulo.
In Sao Paulo, der Hauptstadt des brasilianischen Staates gleichen Namens leben über 40 000 Deutsche, im ganzen Staatsgebiet mindestens 80 000. Heber das deutsche Leben in dieser Stadt entnimmt die Zeitschrift des Volksbundes für das Deutschtum im Auslande „Deutsche Arbeit" dem Rechenschaftsbericht der deutschen Schule Sao Paulo für das Jahr 1935 einige bemerkenswerte Nachrichten. Es gibt in dem Staat 40 deutsche Schulen mit 3809 Schülern und 168 Lehrern; 14 von diesen mit 2834 Schülern und 110 Lehrern entfallen allein auf die Stadt. 30 Schulen sind in der Nachkriegszeit gegründet worden. Das deutsche Bücheramt, dessen Mittelpunkt die deutsche Bücherei in der Hauptstadt ist, und das die Volksgenossen mit Lesestoff versorgt, eröffnete im vorigen Jahre die Bücherei in der Stadt und verlieh in dieser Zeit 3500 Bücher. Es erhielt durch den VDA. drei Standbüchereien und zwölf Wanderbüchereien für Erwachsene, 20 Wanderbüchereien für Schüler und stellte vier kleine Koloniebüchereien zusammen. Eine sehr wichtige Rolle spielt der deutsche Kulturfilmdienst, der für den ganzen brasilianischen Staatenbund vom Landesverband Deutschbrasilianischer Lehrer übernommen wurde. In Sao Paulo konnten 100 Filmvorstellungen veranstaltet werden, doch genügt die bisherige Belieferung mit Filmkopien durchaus nicht dem Bedarf. Deutsche Sprachkurse wurden vom Hans- Staden-Derein in vierzehn Abteilungen an 183 Teilnehmer aus brasiilianischen Kreisen gegeben.
Zeitschriften.
— lieber eine Frage, die wohl fast jede junge Mutter interessiert, gibt die Zeitschrift ..Mutter und Kind" (Verlag Staude, Berlin W 30) in dem im Novemberheft erschienenen Artikel „Vom Lutschen" Auskunft. Auch die weiteren Aufsätze sind wieder sehr lehrreich, wie z. B. „Dauer und Zahl der Brustmahlzeiten", „Keine Erziehung ohne Selbsterziebung", „Störungen der Mutterschaftsvorgänge (Fehl- und Frühgeburt)", „Anziehen mit Hindernissen", „Familienväter verbessern den Hausrat", „Wie kommt es zu Sprachfehlern?" ufnk Wie üblich, ist auch das Novemberheft mit einer Reihe sehr hübscher Bilder geschmückt. Auch der Abschnitt „Fragedienst der Abonnenten" und eine Vorschau auf Weihnachten „15 Kinderbücher" sind nicht vergessen.


