Ausgabe 
11.11.1936
 
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Ur. 265 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 11. November 1936

Oie Sicherung des Arbeitseinsatzes für die Durchführung des Vierjahresplans.

Sechs Anordnungen des Ministerpräsidenten Göring.

Vom Wert der Arbeitskrast'

Ein Menschenleben galt nicht viel zu jener Zeit, da ein liberales Wirtschaftsdenken das Individuum mehr nach seinem materiellen Besitz als nach seinen rassischen und sittlichen Eigenschaften einschätzte. Auch der einfache Arbeiter wurde damals nur dar- nach beurteilt, wieviel er dem Kapital nützen könnte, nicht aber danach, was er für die Nation bedeutete. Es war eine Folge dieser weitverbreiteten Auffassung, daß in den Krisenepochen Millionen Arbeiter und Angestllte auf die Straße flogen. Der national­sozialistische Staat hat das Menschenleben wieder wertvoll gemacht, nicht indem er die Krisenopfer durch neue Almosen wieder hochzupäppeln versuchte, sondern indem er sie arbeiten ließ, indem er ihre Arbeitskraft einsetzte für den Aufstieg der Nation. Mit welch gewaltigem Erfolg diese Arbeits­schlacht durchgeführt wurde, das liegt heute klar vor unseren Augen. Die Erwerbslosen sind nahezu verschwunden, das jährliche Volkseinkommen ist um viele Milliarden gestiegen, die Umsätze der Indu­strie, der Landwirtschaft, des Handels und Hand-, werks haben fast die Ziffern der Höchstkonjunktur j erreicht, sie teilweise sogar überschritten.

Als bereits in den Jahren 1934 und 1935 von nationalsozialistischer Seite prophezeit wurde, daß sehr bald der Zeitpunkt eintreten würde, an dem sich der Ueberfluß an Arbeitskräften in einen Mangel verwandelt hätte, da wurde diese Auffassung vielfach als durchsichtiger Zweck­optimismus abgelehnt. Heute zeigt sich, daß die nationalsozialistische Wirtschaftsführung mit ihrer Voraussage Recht behalten hat. Der natwnalwirt- schaftliche Grundsatz des Dritten Reiches, den Einsatz der Arbeitskräfte und Wirtschaftskräfte nicht dem freien Spiel der Kräfte allein zu überlassen, sondern diese Kräfte nach den Richtlinien der Staats­führung planvoll zu lenken und zu beschäf­tigen, hat erneut seine Berechtigung und seinen Nutzen erwiesen. Das Verhältnis zwischen Arbeits­vorrat und Arbeitskraft innerhalb der deutschen Wirtschaft hat sich im Verlaufe von noch nicht vier Jahren umgekehrt. Während früher die Arbeits­gelegenheiten fehlten, um das gesamte Volk in Lohn und Verdienst zu bringen, fehlen heute die Arbeiter und besonders die Fachkräfte, um den großen Wirtschaftsaufgaben des Vaterlan­des gerecht zu werden.

Diese. Entwicklung brachte natürlich eine starke Wertsteigerung der Arbeitskraft und des deutschen Menschen überhaupt mit sich. Es ist der Zustand eingetreten, daß wir alle irgendwie noch im Volke vorhandenen Arbeitsenergien heraussuchen und mobil machen müssen, daß wir diese Energien auch sorgfältig verteilen und einteilen müssen, je nach­dem, an welcher Stelle des Wirtschaftsprozesses sie am dringendsten benötigt werden. Nicht Arbeits­beschaffung, sondern Arb^i^rbeschaffunq heißt die Parole in den nächsten vier Jahren, in den Jahren, in denen nach dem Befehl des Führers die deutsche Wirtschaftsfreiheit erkämpft werden soll.

Um dieses Problem der Arbeiterbeschaffung zu lösen, hat Hermann Göring sechs Anordnun­gen erlassen, die den zur Durchführung des Vier­jahresplanes notwendigen Arbeitseinsatz sicherstellen sollen. Die Anordnungen sind aus outen Gründen nicht in die Form eines Gesetzes gekleidet worden, weil sie so leichter und schneller 'abgeän­dert werden können, falls ihre praktische Anwen­dung gewisse Modifizierungen erforderlich machen sollte. Sie bilden auch kein Zwangsstatut, das den Betriebsführern oder Gefolgschaftsmitgliedern auf­

erlegt würde, sie lassen vielmehr der privaten Ini­tiative soviel Spielraum, als zur Erfüllung der volkswirtschaftlichen Aufgaben notwendig ist. Daß eine zentrale Stelle, in diesem Falle die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeits­losenversicherung bzw. ihr Präsident, sich einen Ueberblick und eine Eingriffsmöglichkeit in den Arbeitsmarkt verschaffen mußte, ist angesichts der besonderen Schwierigkeiten des Rohstoffaufbaues selbstverständlicy.

Die Anordnungen enthalten gewisse bindende Vorschriften, welche die Zusammenarbeit mit der Reichsanstalt regeln, aber sie richten zugleich auch durch ihre gemeinverständliche Begründung einen warmherzigen Appell an dos staatspolitische Pflicht­gefühl der Unternehmer und Arbeiter. Beide Teile, Unternehmer und Arbeiter, sollen sich

gleichermaßen als Arb e i ts b e a u ftr a gt e des deutschen Volkes fühlen und deshalb aus eigener Uebergeugung die Anordnungen beherzigen, die Hermann Göring gegeben hat. Ob es sich nun um die Förderung der Lehrlingsausbildung, um die Lenkung des Facharbeitereinsatzes in gewissen le­benswichtigen Industrien, um die Zurückführung ehemaliger Metallarbeiter und Bauarbeiter in den gelernten Beruf, um die Anzeigepflicht für Bau­vorhaben, um die Beschäftigung unserer Angestell­ten über 40 Jahre oder um die Regelung der Fach­arbeitersuche handelt, immer kommt es darauf an, die Berufsfreude zu erhöhen, die Arbeits­kraft zu verbessern, die Energie an der richtigen Stelle wirksam werden zu lassen und damit über­haupt den Wert des Menschen, des deutschen Men­schen im Dritten Reich, zu steigern. Ev.

Veseit'sim des Facharbeitermangels.

Berlin, 10. Nov. (DNB.) Im Reichsanzeiger vom 9. November sind sechs Anordnungen des Beauftragten für den Vierjahresplan, Minister­präsidenten Göring, abgedruckt, die die Durch­führung des Vierjahresplanes hinsichtlich der Sicher st ellung des Facharbeiternach­wuchses, die Sicherstellung des Bedarfs an Metallarbeitern für Staats- und Wirtschafts­politik bedeutsame Aufträge der Eisen- und Metall­wirtschaft, die Rückführung von Metall­und Baufacharbeitern in ihren Beruf, die Sicherstellung der Arbeitskräfte und des Bedarfs an Baustoffen für staats- und wirtschaftspolitisch bedeutsame Bauvorhaben, die Beschäftigung älterer Angestellter und schließlich das Verbot von Kennwortanzeigen für die Anwerbung oder Vermittlung von Metallarbeitern und Baufacharbeitern betreffen. Die Anordnungen selbst enthalten keine Strafvorschriften. Wer jedoch den Geboten und Verboten, die in diesen Anord­nungen enthalten sind, zuwiderhandelt, wird nach der im Reichsgesetzblatt vom 6. November 1936 ver­kündetenZweiten Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes vom 5. November 1936" mit Gefängnis und Geldstrafe, letztere in unbeschränkter Höhe, oder mit einer dieser Strafen bestraft.

Vor der Presse wies der Präsident der Reichs­anstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenver­sicherung S y r u p darauf hin, daß in den Krisen­jahren starke Lücken in den Aufbau der Gefolg- schosten gerissen wurden, die zu einer Verringe­rung der Lehrlingsausbildung führten. Besonders im Eisen- und Metallgewerbe und im Baugewerbe machte sich ein starker Nachwuchsmangel bemerkbar.

Durch die Anordnung des Ministerpräsidenten wird nun den genannten Gewerben zur Pflicht gemacht, eine Zahl von Lehrlingen auszubilden, die im angemessenen Ver­hältnis zu der Zahl der von ihnen be­schäftigten Facharbeiter steht. Dabei sollen die­jenigen Betriebe, die aus irgendwelchen Grün­den Lehrlinge selbst nicht ausbilden können, durch finanzielle Zuschüsse zur Lehrlingsausbil­dung bei anderen Unternehmungen herange­zogen werden. Die Erfahrung hat gezeigt, daß Facharbeiter nur durch eine geordnete Betriebslehre herangezogen werden kön­nen die Umschulungsverfahren haben sich bisher im allgemeinen als ziemlich problematisch herausgestellt.

Es hat sich aber auch gezeigt, daß eine ganze Anzahl von fachlich ausgebildeten Metall- und Bau­arbeiten nicht in ihren Berufen, fnbern in irgend­welchen anderen Berufen beschäftigt wird. Gerade die Knappheit an Facharbeitern aber zwingt uns, diese Kräfte wieder in ihren Be­rufen dem Volke nutzbar zu machen. Dazu dient die Anordnung über die Rückführung von Metall­und Baufacharbeitern in ihren Beruf, die die Un­ternehmer verpflichtet, den Arbeitsämtern mitzu­teilen, wieviele dieser Fachkräfte bei ihnen b e - rufsfreund beschäftigt werden. Dadurch wird es jedem Facharbeiter möglich sein, wieder in seinem erlernten Beruf tätig sein zu können.

Die Durchführung des neuen Vierjahresplanes kann aber nur gelingen, wenn k e i ne Ar­beitskraft im deutschen Volke ungenutzt bleibt, heute gibt es noch eine, wenn auch kleine Gruppe fogenanter älterer Angestell - ter (über 40 Jahre), die seit Jahren außer Stellung und ohne Erwerb sind. Das Elend bei diesen absolut leistungsfähigen Angestellten, zumeist Familienvätern, ist noch außerordentlich. Die Anordnung des Minister- präsidenten geht also dahin, diese Arbeitslosen wieder in den Vttrtschaflsprozeß einzugliedern. Die Unternehmer sollen angehalten werden, einen bestimmten Prozentsatz älte­rer Angestellter in ihre Gefolgschaft auf­zunehmen. Auch hier ist damit zu rechnen, datz die Unternehmer genügend staatspolitifches Ge­fühl haben, um für diese Volksgenossen zu sorgen.

Der Stichtag für die Anzeige an das Arbeitsamt ist in den Januar gelegt worden, so daß bis dahin noch manches bisher Äersäumte nachgeholt werden kann. Sollte aber der Appell an die Unternehmer nicht die richtige Wirkung haben, so könnten solche energisch auf ihre Pflicht gegenüber der Allgemein­heit aufmerksam gemacht werden. Es ist selbstver­ständlich, daß dabei dem Unternehmer nicht Ange­stellte zugemutet werden, die für die Arbeit nicht tragbar sind.

Bei dem allgemeinen Aufschwung der Wirtschaft hat sich herausgestellt, daß für staats- und wirt­schaftspolitisch bedeutsame Aufträge der Eisen- und Metallwirtschaft nicht genügend Ar­beiter zur Verfügung stehen. Durch das Verbot der Kennwort-(Chiffre-)anzeigen soll der wilden Werbung für die genannten Fach­

arbeitergruppen gesteuert werden. Dadurch soll auch der Abwanderung aus anderen Industrien Einhalt geboten werden. Die Zustimmung für die Gefolg­schaftsvermehrung kann nach der staats- und wirt- schaftspolitischen Bedeutung der hierzu führenden Aufträge erteilt werden. Eine (vierte) Anordnung regelt die Sicherstellung des Bedarfs an Bau­stoffen für staats- und wirtschaftspolitisch be­deutsame Bauvorhaben. Hier tritt vom 1. Dezem­ber 1936 eine Regelung der privaten und öffent­lichen Bauvorhaben ein. Die Verordnung soll er­möglichen, sich ein Bild über die kommenden Bau­vorhaben zu machen, so daß sie entsprechend ihrer Wichtigkeit bei Wertung aller in Frage kom­menden staatlichen, wirtschaftlichen, kulturellen usw. Faktoren erstellt werden können. Präsident Syrup schloß mit der Hoffnung, daß dieser starke Appell an die Vernunft und das staatspolitische Gefühl der Unternehmer nicht ungehört verhallen wird und daß der Staat nur in den allerseltensten Fällen gezwungen sein wird, durch regelnden Zwang einzugreifen.

Wirischast.

Der Arbeitseinsatz im Oktober.

Berlin, 10. Nov. (DNB.) Der Monat Oktober hat nach dem Bericht der Reichsanstalt für Arbeits­vermittlung und Arbeitslosenversicherung eine Zu­nahme der Zahl der Arbeitslosen um rund 40 000 gebracht. Der winterliche Anstieg der Arbeitslosig­keit setzte damit später und erheblich schwächer ein als im Vorjahre, in dem er schon im September begann und im Oktober bereits rund 115 000 betrug. Ende Oktober 1936 wurden bei den Arbeitsämtern 1 076 000 Arbeitslose gezählt, d. h. über Dreiviertel Millionen weniger als am gleichen Zeitpunkt des Vorjahres. Auf 1000 Einwohner entfielen nur mehr 16,3 Arbeitslose gegenüber 27,7 im Vorjahre.

An der geringen Zunahme waren die unge­lernten Arbeitskräfte allein mit rund 21000 beteiligt. Im Gast- und Schankwirtschafts­gewerbe brachten die Beendigung der Kur- und Reifezeit und die Pause vor der Winter­saison den jahreszeitlich üblichen Rückgang im Ar­beitseinsatz. Auch im Verkehrsgewerbe kamen ver­einzelt jahreszeitliche Einschränkungen vor. In dem noch immer vollbeschäftigten Baugewerbe er­gab sich am Stichtag eine Zunahme um rund 17 000 Arbeitslose, die in der Hauptsache auf Freisetzungen von Angehörigen der Baunebengewerbe zurückzufuhren ist. In den vorwiegend konjunktur- abhängigen Berufen wirkten die Auftriebskräfte unvermindert fort, besonders die Metall- und Maschinenindustrie blieb voll beschäftigt. Hier sowohl als auch im Baugewerbe hielt der Mangel an Facharbeitern unvermindert an. Erfreulicherweise haben auch das Spinn- ftoffgemerbe und insbesondere das B e k l e i - dungsgewerbe infolge günstigerer Beschäfti­gung eine größere Anzahl Arbeitskräfte neu ein­gestellt.

Rhein-Mainische Börse.

Ittiffagsbörfe behauptet.

Frankfurt a. M., 10. Nov. Auch heute war das Geschäft an der Börse sehr klein. Die Kurse wichen nur um Bruchteile v. H. ab, wobei die Grundtendenz am Aktienmarkt jedoch eher freundlich war. Zwar blieb die Kundschaft weiterhin zurückhaltend, indes zeigte sich beim berufsmäßigen Börsenhandel etwas Neigung zu kleinen Rückkäufen. Die ersten Notierungen setzten nicht ganz einheitlich, überwiegend aber mäßig höher ein, und später folg­ten meist weitere mäßige Besserungen. Montan­werte wichen anfangs um 0,25 bis 0,50 v. H. ab. Von Kaliwerten gewannen Westeregeln 1 v. H. Die Farben-Aktie blieb mit 173 voll behauptet. Don

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Martinsganse.

Ium Martinstag am

Arn 11. November begeht die Kirche den Todes- und Gedenktag des heiligen Martin von Tours, der, 316 in ©teinamanger in Ungarn aeboren, als junger Soldat ein zügelloses Leben führte, nach seiner Erweckung und Bekehrung aber die Einsam­keit suchte, um die Vergehungen der Jugend zu sühnen. Als frommer Klausner wundertätig wir­kend, lenkte er die Aufmerksamkeit des Volkes auf sich, das ihn 371 zum Bischof von Tours ausrief. Wie die Legende berichtet, zog ein Volkshaufe aus, dem Einsiedler die Würde anzutragen; bescheiden wie er war, verkroch er sich unter eine Herde Gänse, die aber als kluge und fromme Tiere sein Versteck durch Geschrei und Geschnatter verrieten. Dessen zum Gedächtnis hielt man seitdem allerorten einen großen Schmaus, als dessen Krone eine knusprig gebratene Gans erschien so erhielt die Gans den NamenMartinsvogel", wozu jedoch nicht weniger der Umstand beigetragen haben mag, daß sie um Martini herum den Höhepunkt ihrer Entwicklung und ihres Wohlgeschmacks erreicht, also zumKüchen- vogel" am geeignetsten ist.

Geschichtlich erwähnt wird die Martinsgans zu­erst in den Jahrbüchern des Klosters Corvei bei Höxter an der Weser; im Jahr 1171 schenkte Ulrich von Saalenberg den Corveier Mönchen, deren Prior er war, zum Fest des hl. Martin eine lebensgroße Gans aus getriebenem Silber mit roten Rubin- Augen, ein Erzeugnis der kunstreichen Stadt Nürn­berg, deren Edelschmiede schon zur Hohenstaufen­zeit großen Ruf hatten. In den folgenden Jahr­hunderten war es in den Landgemeinden Brauch, dem Pfarrherrn zum 11. November eine fette Gans zu verehren; in einigen Gegenden hat sich diese Hebung dis zur Mitte des letzten Jahrhunderts er­halten, doch war es hier meist eine sogenannte Zins-" oberGastgans", zu deren Abgabe einzelne Höfe verpflichtet waren. v ,

Die Martinsfeiem der Klöster standen im Mittel­alter im Ruf besonderer Ueppigkeit, doch auch der Bürger ließ an diesem Tage, als dem Beginn des winterlichen Jahresetwas draufgehen , und die Gepflogenheiten der Festgenossen machten dem Bei­namen des Festes alsSpeckmarten alle Ehre. Am 12. November 1557 brannte am Perlachturm in Augsburg ein Haus bis auf die Grundmauern nieder:...solches hatten die Knappen, da sie jchwermeten und Marttnsnacht hielten, verwahr­loset". In Liebenzell im Württemdergischen Schwarz­wald fand am Martinstag ein ausgiebiger Um­

trunk mit obligatem Gänseessen statt, zu dem der Rat den Wein und die Gänse liefertein Anhofs- nung hinfüro süeßer Ruh und Einigkeit". Da man aber bei der Marttnsfeier des Jahres 1793 des Guten zuviel getan hatte und die erhofftefüeße Ruh und Einigkeit" infolgedessen in die Brüche ging, verbot die Obrigkeithinfüro" die Abhaltung der Schlemmerei.

Wie eng die Feier des Martmstages mit der Gans verbunden war, geht aus der Tatsache her­vor, daß man ehemals in verschiedenen Land­schaften das feierliche Einläuten des Festes am Vorabend des Martinstages dasGänseläuten" nannte. Das Geläut war für die Gänse, was für den Delinquenten einst dasArmefünderglöckchen" bedeutete. Don dem Umfang der Marttnsfeier in einem ganzen Landstrich aber gibt das Tagebuch des Halberstadter Ratsherrn Erasmus F r e y e r aus dem Jahr 1672 ein anschauliches Bild. Er be­findet sich mit einem Begleiter zu Pferde auf der Reise nach seiner Vaterstadt Frankfurt a. M., als er am Martinsabend in die Nähe von Mühlhausen in Thüringen gelangt:... von Dorf zu Dorf frug ich, was in aller Welt denn der starke Rauch aus allen Kaminen, das Geläut der Glocken und der Gansbratengeruch bedeute. Erhielt aber zur Ant­wort nur ein verständnislos Lächeln und dumme Gestus mit der Hand nach der Stirn. Kaum aber erreichten wir das Städtchen, so hörten wir ein allgemein sausendes Getümmel, als wäre ein groß Unglück geschehen. Aus allen Häusern kam der lieblichste Duft gebratener Gänse. Da fiel mir ein, daß Martinstag sei. Macht Euch die Rechnung von allen Städten und Dörfern der ganzen Gegend und berechnet danach die Zahl der Gänse, denen dieser Abend das Leben kostete; die Zahl geht in die Tausende." Im Lüneburgischen galt sogar seit alters das Wort:Die Gans ist ein dummer Vogel für einen zuviel, für zwei zu wenig" was für die Berechnung der zu einemheftigen" Festessen erforderlichen Braten einen Maßstab ergibt. Die Sitte des Gänseessens am Martinstag aber er­streckte sich zu jener Zeit über ganz Deutschland und Oesterreich, Skandinavien und England:

Was haben die armen Gänse getan, Daß so viele müssen ihr Leben Ian? Die Gäns mit ihrem Dabern Sankt Martin han verraten, Daraus tut man sie braten."

Unsere Hausgans hat inzwischen eine gewisse Einbuße erlitten, zwar nicht in der küchenmäßigen Schätzung, wohl aber als Zuchttier, was mittelbar in der Aufteilung der Gemeindeweiden bei der ftaatli^en Flurregelung im 19. Jahrhundert seinen

Grund hat. Die Zeit der großen Gänseherden, die unseren Tiermalern, wie Heinrich von Zügel, Fritz von Uhde, Rosa Bonheur und anderen, prächtige Vorwürfe zu lebensvollen Tierbildern ge­liefert haben, ist vorüber; das war damals, als bie Zucht der leichtbeweglichen Landgänse vorherrschte, die sich zur Weide weit in der Feldmark über Stoppelbreiten und Brachäcker verloren, was den Grundsätzen neuzeitlicher Bodenbenutzung nicht mehr entspricht. Nur im Elsaß mit seinen zahlreichen grünen Huden und Drieschen und den jedem Dorf zugehörigen weitenGänseangern" begegnet man auch heute noch Herden von mehr als fünfhundert Stück, deren fiebern d-n Pastetenfabriken von Straßburg und Kehl zugeführt werden. Die deutsche fianbgans, an die eine reiche volkstümliche Spruch­weisheit anknüpft, ist nur in wenigen entlegenen Landschaften erhalten geblieben; schwerere Rassen, die die Haltung auf engerem Raume gestatten, sind an ihre Stelle getreten und ihr Blut ist auch mehr oder minder in die Landgansherden überge­gangen.

In Ostpreußen gilt das Brustbein der Martins­gans noch heute als maßgebender Ansager für die Witterung des kommenden Winters: Ist es hell und klar, gibt es einen strengen Winter, mit zahl­reichen hellen Frosttagen, ist es dunkel und undurch­sichtig, steht viel Schnee bevor. Wenn die Gänse laut schreiend ins Wasser laufen, erwartet der Landmann Regen. Auch die Witterung des Mar- ttnstages gilt in Verbindung mit der Gans als Wetterherold:

Wenn die Gänse Marttni auf dem Eise stehn, Müssen sie Weihnacht im Schlamme gehn".

Franz Kotzen.

Zeitschriften.

Recht i st, was dem Volke dient, setzt Reichsleiter Buch, der Oberste Parteirichter der NSDAP., im neuesten Heft (November 1936) der ZeitschriftNeues D o l k", Blätter des Rassen­politischen Amtes der NSDAP., auseinander. Ein hübsch bebilderter Aufsatz befaßt sich mit der Ples- fenburg, der neuen Reichsschulungsburg der Deut­schen Arbeitsfront; dann wird in Beispielen und Gegenbeispielen gezeigt, wie die deutsche Kunst in der' Zeit der roten Herrschaft bis zur Scheußlichkeit und Widersinnigkeit entartet war. Reine und schöne Rasse wird in ausgesuchten Bildern gezeigt. An die ruhmreiche deutsche Vergangenheit knüpft eine Dar- fteUung der deutschen Wappengießerkunst an. Das Kind in seinem Wesen führen zwei Bilderseiten vor: Erkki vom großen Soima". Alles in allem bietet auch djeses Heft viel Belehrendes und Aufklärendes.

Auf der Tintenfischjagd.

Als ein Leckerbissen galt schon bei den Römern des Altertums der Tintenfisch oder Pulp, und auch heute noch wird das Fleisch der jüngeren Tiere in der italienischen Küche hochgeschätzt. Ihr Fang ist aber nicht leicht, da die vielarmigen Tiere sehr beweglich sind und sich durch Ausspritzen ihres Tin­tenbeutels ihren Verfolgern entziehen oder auch durch das Farbenspiel ihrer Haut unkenntlich machen können. Der Fang wird auf verschiedene Weise von den italienischen Fischern ausgeübt. Man kann ihn unmittelbar an der Küste betreiben, indem man reusenartige Körbe ins Meer legt und sie nach einiger Zeit wieder herausholt. Da der Er­folg hierbei jedoch meist gering ist, verlegen die Fischer ihre Jagd auf den Tintenfisch auch aufs offene Meer hinaus, was sie mit ihren kleinen fla­chen Ruderbooten allerdings nur bei ruhiger See wagen dürfen. Da der Pulp sich den Tag über in den Spalten der Felsküste verbirgt, erfolgt die Jagd am besten in der Nacht. Das Boot fliegt im Mond­schein mit kaum hörbaren Ruderschlägen dahin. Vorn im Boot wirft eine Azetylenlampe ihr grelles Licht auf die Wasserfläche. Neben der Lampe kauert der Fischer und sucht in ihrem Licht die Fluten ab. In der linken Hand hält er einen Stab, an dessen Spitze eine weiße Muschel angebracht ist, während die Rechte eine eiserne Gabel umschließt, die fünf bis sieben Spitzen aufweist. Sobald der Fischer einen Tintenfisch erspäht, hält er ihm die weiß­blinkende Muschel im Wasser entgegen, der raub­gierige Pulp stürzt sich auf die Beute, und in die­sem Augenblick wird er von der Fanggabel des Fischers durchbohrt. Die mit Saugnäpfen versehenen Arme des verwundeten Tieres winden sich mit blitzartiger Schnelligkeit um die Gabel, und es sucht sich mit aller Anstrengung zu befreien. Aber der Fischer, der seine Gewohnyciten kennt, zieht schnell den aufgespießten Polypen aus dem Wasser und löst die Arme des Tieres, die äußerst fest an Gabel und Stiel haften. Da der Tintenfisch ein sehr zähes Leben hat und trotz schwerer Verwundungen noch weiter lebt, muß der Fischer vermeiden, mit den Fingern dem Maule zu nahe zu kommen, da er sonst empfindliche Verletzungen davon tragen würde. Es ist ein eigenartiges Schauspiel, einem solchen Fange beizuwohnen. Die langen Arme bewegen sich mit erstaunlicher Geschicklichkeit, dabei ist Der ganze Polyp in äußerster Aufregung, unaufhörlich ziehen Farbwellen über den Körper, und die Augen lassen die Wut und die Aufregung des Tieres er­kennen.