Ausgabe 
11.5.1936
 
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Kr. 109 Zweiter Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesfen)

Montag, ll.Mai Mb

Wie die Kautschukpflanze nachZndien kam

Nie romantischen Anfänge einer Industrie.

Dor 60 Jahren wurde die britische K a u t s ch u k - industrie durch das waghalsige Unternehmen eines Mannes geboren, um sich im Laufe der fol­genden Jahrzehnte zu ihrer heutigen Höhe zu ent­wickeln, so daß sie neben der brasilianischen Erzeu­gung, die lange den Weltmarkt beherrschte, einen hohen Rang einnimmt. Sir Henry Alexander Wickham war der Abenteurer, der sein Leben wagte, um seinem Lande den heißbegehrten Kaut­schuk zu verschaffen und Pflanzen aus Brasilien zur Weiterkultur nach Indien hinüberzubringen; denn am oberen Amazonenstrom finden sich die wertvollsten Pflanzen und bilden hier ganze Wäl­der. Wickham überwand alle Hindernisse, die ihm in den Weg gelegt wurden, weil man in Brasilien alles daran setzte, die Pflanzen nicht aus dem Lande herauszulassen. Er war von dem indischen Mini­sterium gefragt worden, ob nicht irgendeine Mög­lichkeit bestünde, Samen von Kautschukpflanzen aus Brasilien zu beschaffen, so daß ihr Anbau auch innerhalb des britischen Reiches versucht werden könnte. Wickham erklärte sich bereit, das gefahrvolle Unternehmen zu wagen.

Der brasilianischen Regierung gehörten alle Kaut­schukpflanzen in dem Gebiet des oberen Amazonen­stromes. Um ihr Monopol zu wahren, erließ sie ein gesetzliches Berbot, Samen von Kautschukpflanzen aus dem Lande zu bringen. In der Tiefe des Ur­walds waren oft schon Männer, die Samen ernten wollten, auf rätselhafte Weise verschwunden. Das Amazonastal birgt viele solcher Tragödien... Zoll­wächter mußten Tag und Nacht das ganze Gebiet durchstreifen und waren auch im Hafen von Para stationiert, um jeden zu verhaften, der die Aus­fuhr von Samen versuchen sollte.

Wickham landete in Para und drang in den Urwald ein. Wenn man gewußt hätte, was er vor­hatte, wäre er sicher niemals wieder zurückgekehrt. Ich bin hierher gekommen", erklärte er,um eine bestimmte botanische Pflanzenart für Indien zu sammeln." Und er machte sich trotz aller Beob­achtung an die Samenhülsen der Kautschukbäume und nahm Samen ab. Aber wohin nun damit? Wenn die Sache Erfolg haben sollte, mußten die Samen rasch in die Erde, da sie innerhalb von sieben Wochen ihre Keimkraft verlieren. Durch den Urwald ging die Reise nach Para, seine Träger mit schweren Säcken beladen. In diesen Säcken waren 70 000 kleine Samen des Kautschukbaumes. Beim letzten Halt wurden die Säcke in Kisten umgeladen und zugenagelt.

Dann begann der letzte und schwierigste Teil des Weges. Endlich zog die kleine Karawane in die Stadt Tapajos ein. Sofort kamen Beamte, um nach dem Inhalt der Kisten zu fragen. Mit all seiner Liebenswürdigkeit antwortete er, das es botanische Seltenheiten seien. Als sie selbt diese sehen wollten, gelang es ihm, während Leben und Freiheit auf dem Spiele standen, die Beamten hinzuhalten und zu ermüden. Wie aber sollte er ein Schiff bekommen? Er ließ danach suchen und fragen, während er unterdes geschickt weiter mit den Beamten verhandelte. Endlich wurde wirklich ein Frachtdampfer gefunden, dessen Kapitän gerade auf Ladung wartete und bereit war, damit in jede Windrichtung zu fahren. Wickham näherte sich ihm und erzählte ihm so viel von seinem Vorhaben, wie er für notwendig befand. Aber der Kapitän hatte Bedenken. Wie konnte er nur drei Kisten über­nehmen und gleich damit lossegeln? Wer würde ihm dann die Frachtkosten für eine volle Ladung bezahlen? Wickham versicherte ihm, daß die eng­lische Regierung bestimmt dafür aufkommen werde. So wurden sie schließlich einig; der Kapitän ver­traute darauf, daß die englische Regierung sich bei der Landung anständig benehmen und die vollen Frachtkosten bezahlen würde, obwohl er mit viel leerem Ballast fahren mußte.

Gut, das war zwar erledigt, aber wie sollten die

Kisten an Bord gelangen? Die neugierigen Zoll­beamten lungerten noch immer umher und wollten durchaus die botanischen Seltenheiten sehen. In der schwärzesten Nacht schwebten die Kisten an Bord, der Kapitän gab Dampf, der Anker wirbelte hoch aus dem Schlamm, der Frachtdampfer nahm flußabwärts die Fahrt auf. Es gab noch atem­beklemmende Augenblicke für Wickham und den Kapitän. Sie mußten durch Para. Es wimmelte dort von Beamten. Die Schiffspapiere! Zollinspek­tionen! Hinter all dem lauerten Gefängnis und noch weit Schlimmeres. Doch sie gelangten hindurch, wenn es auch oft an einem Haar hing. Endlich segelte ihr Schiff hinaus in das freie Meer, und die Fahrt heimwärts begann.

Am Samstagmittag veranstaltete der Hessische Fürsorgeoerein für Krüppel im Turn- und Hörsaal der Orthopädischen Universitätsklinik zu Gießen, die von ihm geschaffen wurde und in seinem Eigentum steht, aus Anlaß seines 25jähri- gen Bestehens eine Feierstunde, die einer Würdi­gung des bisher vollbrachten Werkes galt.

Die Jubiläumsfeier

vereinigte eine große Festgemeinde, so daß der Turn- und Hörsaal vollbesetzt war. Neben Vertre­tern der Landesregierung, der Partei, der Univer­sität und der Stadt Gießen waren viele Vertreter von hessischen Provinz- und Kreisbehörden, Abge­sandte anderer Behörden, Vertreter der Wissenschaft und der Schwesternschaft, der Charitas, der Presse usw. zugegen.

Oberbürgermeister i. X. Mueller, Darmstadt

als Vorsitzender des Vereins leitete die Feier mit einer längeren Begrüßungsansprache ein, in der er unter namentlicher Aufführung der einzelnen Stellen und ihrer Vertreter herzlichen Willkommen­gruß entbot. Neben diesen Grußworten sagte er in seiner Ansprache u. a. noch:

Wann und wo immer deutsche Männer und Frauen sich zu festlichem Tun vereinigen, gilt nach alter guter Sitte dem Oberhaupt des Reiches ihr erster ehrfurchtsvoller Gruß. So find auch unsere Gedanken in diesem Augenblick spontan auf den Führer und Kanzler gerichtet. Wissen wir doch, daß sein Interesse und seine warme Fürsorge auf unseren Schutzbefohlenen gehört, wie es denn überhaupt sein heißer Wunsch und Wille ist, daß kein aufrech­ter Deutscher geringer geachtet werde als der an­dere, vielmehr alle Volksgenossen, soweit es Men­schenkraft vermag, des Lichtes und der Freude keilhaftig werden sollen. So wollen wir denn in froher Gemeinschaft diese Stunde festlich begehen mit tiefem Dank gegen Gott den Allmächtigen, dessen Segen sichtbarlich auf unserer 25jährigen Arbeit geruht hat. Zur besonderen Ehre gereicht es unserem Verein, daß weiteste Kreise einen so herzlichen Anteil nehmen an feiner Jubiläumsfeier. Darf er doch daran erkennen, daß man den Segen seiner Arbeit recht empfunden hat. Wir waren und sind nicht tätig um solcher Anerkennung willen, und doch sind wir dankbar dafür, weil wir sie brauchen als moralische Stütze und als Quelle neuer Kraft zu neuem Tun auf unserem Wege. Das gilt inson­derheit von dem verständnisvollen Wohlwollen der hohen Obrigkeit, dessen wir uns von jeher in rei­chem Maße zu erfreuen gehabt haben, das sich auch heute wieder augenfällig dokumentiert in dem

Sofort als das Schiff ankam, eilten sie mit den Kisten nach Kew, wo die Wärmhäuser und die Erdmischungen ihrer kostbaren Samen schon harr­ten. Die ©amen wurden gelegt und von erfahrenen Botanikern täglich und stündlich betreut. Die Mehr­zahl der Samen hatte keine Keimkraft mehr oder starb ab trotz des wohlvorbereiteten Bodens. Nur vier vom Hundert keimten und wuchsen. Sogleich wurden die Pflanzen aus diesen kostbaren Samen nach Kalkutta, Rangoon und Singapore gebracht. An dem letzten Ort blieben nur sieben Bäume am Leben! Doch sie gaben ja wieder Samen, so daß neue Bäume heranwachsen konnten.

Das war der Anfang der Kautschuk-Plantagen in Indien. Wer nach Singapore kommt, wird dort noch zwei herrliche, alte Kautschukbäume in voller Kraft sehen können. Sie sind die Stammväter der großen Kautschuk-Industrie von Malaya, von der die ganze Bevölkerung lebt. Die Nachkommen dieser Bäume sind viele Millionen wert. C. K.

Erscheinen einer ganzen Anzahl prominenter Re­präsentanten des Landes, der Partei, des Reiches und hoher Verwaltungsstellen ...

Mit der Universität verbindet uns durch unsere Orthopädische Klinik ein besonders enges und herz­liches Verhältnis, von dem ich aufrichtig wünsche, daß es sich, wie seither, auch künftig als' unzerstör­bar erweisen und unsere Arbeit immer von Neuem befeuern und befruchten möge, zum Segen der uns an- vertrauten, der Hilfe und der Heilung bedürftigen Menschen.

Die bisherige Geschichte unseres Vereins ist in ihren wichtigsten und entscheidenden Phasen in der Festschrift behandelt worden, die wir zu unserem Ju­biläum verfaßt haben. Ich kann es mir daher ver­sagen, hier nochmals in mündlicher Darlegung auf Einzelheiten einzugehen. Das Entscheidende ist der Erfolg unserer Tätigkeit, also das Gegenwär­tige, zugleich als feste Grundlage für unsere zu­künftige Arbeit!

Und dieser Erfolg ist da! Er dokumenlierl sich in der beglückenden Tatsache, daß dank unserer Arbeitdas darf ich ruhig sagenheute in Hessen kein Vewegungskranker mehr ist oder zu- wachst, dem nicht geholfen werden kann und wird, ärztlich und fürsorgerisch und, wenn nölig, auch in erzieherischer und sozialer Hinsicht, Dieser Erfolg ist sozusagen mit Händen zu greifen in der Tatsache dieses von uns errich­teten und mit tätigem Leben erfüllten Hauses, das mehr bedeutet, als die schönsten Referate und Abhandlungen.

Der Redner gedachte dann des verstorbenen Mit­begründers und ersten Leiters des Vereins, Geheim­rats Dr. Dietz, des langjährigen ärztlichen Be­raters und Freundes Obermedizinalrats Dr. R e - bentisch, des Schöpfers, Vorkämpfers und För­derers der modernen deutschen Krüppelfürsorge Professor Biesalski. Nach diesem Totengedenken würdigte er mit wärmster Anerkennung und herz­lichem Danke die Tätigkeit des langjährigen Ge­schäftsführers, Oberinspektor Lang, des Leiter der Klinik Professor Dr. P i tz e n , der Schwestern, aller übrigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, des Vorstandes und schließlich die stete Opferbereit­schaft der Mitglieder und Spender. Seine An­sprache schloß er mit folgenden Worten:Ich darf meine Ausführungen beschließen mit einem

warmen Appell an die allgemeine Opferfreu­digkeil, die uns noch nie im Stich gelassen Hal.

Daß wir uns dabei auch einer nachhaltigen Förde­rung durch Staat und Partei erfreuen möchten, ist mein herzlicher Wunsch, auf dessen Erfüllung ich um so mehr zu vertrauen geneigt bin, als wir keine

253* Mperbehinderten-Msorge in Hessen.

Ein toidifher Abschnitt im Werk des Hess. Fürsorgevereins für Krüppel.

Schwedische Ltmqcmgsformen.

Bon Paul Norman, Siockholm.

Die Rassen- und Sprachverwandtschaft zwischen Deutschland und den nordgermanischen Ländern kommt auch in den Umgangsformen zum Ausdruck. Trotzdem gibt es jedoch eine ganze Reihe von Un­terschieden, deren Kenntnis für den Ausländer, der mit Skandinaviern zu tun hat, von Nutzen ist. Das gilt im besonderen für Schweden. Sehr viel mehr als der Norweger und der Däne ist der Schwede in feinem Umgang an bestimmte, teilweise sehr alte Gesetze gebunden, wirkt deshalb auf den Auslän­dersteif". Er ist zwar nicht nur höflich, sondern ausgesprochen ritterlich aber es dauert sehr lange bis er auftaut. Hierzu trägt u. a. die Sprache bei, und zwar im besonderen die Schwierigkeit bei der direkten Anrede.

Schweden ist das Land ohneSie". Es gibt zwar ein Wort dafür aber man wendet es fast nie an. In vielen Fällen wäre es geradezu ein Verstoß gegen die gute Sitte, z. B. im Gespräch mit einer älteren Dame oder einer gesellschaftlich höher stehenden Person. Aber auch dem Unterge­benen gegenüber ist es nicht üblichNi" (Sie) zu sagen. w

Man redet vielmehr in der dritten Person. Em Ballgespräch kann also z. B. folgendermaßen klin­gen'' Darf ich Fräulein fragen, ob Fräulein mit mir tanzen will? Ach wie schade, daß Fräulein schon versagt ist. Darf ich Fräulein dann um den nächsten Tanz bitten?" Seit langen Jahren wird für die direkte Anrede, für das Wörtchen Ni" gekämpft doch mit wenig Erfolg.

Die einzige Möglichkeit, den Anredeschwierigkei- ten zu entgehen, ist der Uebergang zumDu . Das ist schon bei flüchtiger Bekanntschaft möglich und spielt sich bei einem Glas Wein,Whiskygrogg oder Punsch in der Art ab, daß man das Lebens­alter des Gegenübers festzustellen sucht. Der altere erhebt sich dann und fragt feierlich:Darf ich vor- schlagen, daß wir die Titel weglegen?

Am leichtesten hat es König Gustav, der alle seine männlichen Landeskinder duzt. Die Damen dagegen redet er ebenfalls in der dritten Person und mit dem Titel an. Unter Studenten ist es Sitte, daß man gleich bei der Vorstellung das Geburts­jahr mitnennt, worauf der Meliere automatisch zum Du" Übergeht.Andersson 1912."Pettersson 1914."Dank sollst du haben." .

Das Danken ist in ganz Skandinavien eine An­gelegenheit für sich. Man dankt für das Essen, man

danktfür das letztemal", wo man zusammen war. Wenn man ein Stück Weges zusammengegangen ist und sich trennt, sagt man:Danke für die Ge­sellschaft" was schon manchmal Anlaß zu Miß­verständnissen gegeben haben soll.

Ist man in einer schwedischen Familie eingeladen, darf man im allgemeinen nicht zum Glas greifen, ohne daß einem zugetrunken wird. Auf das Wohl des Hausherrn oder, der Hausfrau zu trinken, wäre ein schwerer Verstoß. Wenn z. B. eine Dame einen unaufmerksamen Gastgeber oder Tischherrn hat, der seinskal vergißt, hat sie wenig Aussicht, etwas zu trinken zu bekommen auch wenn noch so viele verschiedene Weingläser gefüllt vor ihr stehen.

Wohl in keinem Land Europas errichten schon die Umgangsformen solche Mauern um den Menschen wie in Schweden. Gewiß antwortet er dem Aus­länder unter dem Aufgebot aller Sprachkenntnisse im Gegensatz zum Engländer, der meistens keine Fremdsprache kann und denforeigner selten für voll ansieht. Doch den Schweden, der viel im Aus­land reift und alle Kultursprachen beherrscht, kann man kaum als den durchschnittlichen Vertreter seines Landes ansehen obwohl der Fremde auffallend viel sprachbegabte und weitgereiste Schweden ken­nenlernt. Auf diesen ein Urteil über den schwedischen Volkscharakter zu gründen, wäre ebenso falsch, wie es oft bei ausländischen Deutschlandreisenden ge­schieht, die den deutschen Menschen nach ihren Er­fahrungen in Berlin oder Hamburg beurteilen, und zwar oft nach den Menschen, die sie im Speise­wagen oder in den Gaststätten und Tanzdielen treffen...

So fortschrittlich der Schwede in allem ist, was technische Entwicklung betrifft, so konservativ ist er in seinen gesellschaftlichen Formen. Hieran liegt es, daß der Ausländer oft ganz falsche Eindrücke mit nach Hause nimmt. Man trägt in Schweden und im ganzen Norden das Herz nicht auf der Zunge; im Ballsaal oder bei einer flüchtigen Plauderei auf der Reise läßt sich die Seele Schwedens nicht entdecken. Doch in der Kunst, in der Musik, in den Schöpfun­gen schwedischen Schrifttums, von denen die wert­vollsten ja auch in Übersetzungen vorlieaen, kann man in das Innere des schwedischen Wesens drin­gen, kann manche Seite des nordischen Volkscharak­ters kennenlernen. Um schwedisches Wesen richtig zu verstehen, muß man jedoch lanae im Land leben, die Sprache sprechen und nicht zuletzt die eigen­artig schöne Natur kennenlernen. Denn kein Volk, das kulturell und in technischer Entwicklung gleich hoch steht, ist so naturverbunden geblieben wie das schwedische.

Letzte Morgenfeier im Stadttheater.

Die gestrige fünfte und letzte Morgenfeier im Stadttheater brachte ein ungewöhnlich stark besuch­tes Strauß-Konzert, mit dem das Städtische Orche­ster unter der Leitung von Kapellmeister Paul Walter sich für diese Spielzeit vom Publikum verabschiedete. Die Vortragsfolge, vomPrinzen Methusalem" bis zurFledermaus"-Ouvertüre, um­faßte eine Serie der beliebtesten Repertoire-Stücke Straußfcher Konzertmusik und gab dem Städtischen Orchester Gelegenheit, sich zum Schluß der Spielzeit noch einmal als harmonisch zusammenwirkender, diszipliniert geführter, in den einzelnen Instrumental­gruppen erfreulich ausgearbeiteter Klangkörper zu präsentieren. Kapellmeister Paul Walter hat seine Leute, wie man sich wieder überzeugen konnte, straff in der Hand; das Konzert war mit spürbarer Liebe und Sorgfalt vorbereitet und einftubiert. Der besonders schwungvoll herausgebrachte Kaiser- Walter, der Persische Marsch und die abschließende Fleoermaus"-Ouvertüre waren die @Ian3ftücfe des Orchesterprogramms. Herr Nieren hielt eine kleine Begrüßungsansprache und sagte das Pro­gramm an, das noch durch zwei Gesangsnummern bereichert wurde: Maria Perry brachte, als vir­tuose und effektreiche Einlage, den Czardas aus der Fledermaus", Friedel F o r n a 11 a z sehr hübsch und sauber den berühmten, mit schwierigen Kolo­raturen geschmückten Frühlingsstimmen - Walzer. Sämtliche Darbietungen fanden reichen Beifall; so schloß die Reihe der in dieser Spielzeit neu ein­geführten Sonntagmorgen - Veranstaltungen mit einem ausgesprochenen Erfolg; es wäre sehr zu wünschen, daß sie in der kommenden Spielzeit ebenso zahlreichen Besuch finden auch dann, wenn sie seriösere und minder volkstümliche Pro­gramme aufweisen. hth.

Geheimschriften.

Im diplomatischen Verkehr, besonders im Mei­nungsaustausch zwischen der Botschaft oder Ge­sandtschaft eines Landes und ihrer heimatlichen Amtsstelle, sind Geheimschriften fast unentbehrlich, wenn selbstverständlich auch nicht der gesamte um­fangreiche Briefwechsel zwischen diesen Aemtern chiffriert wird. Das Chiffrieren und das Entziffern der Geheimschrift erfordern zumeist einen großen Zeitaufwand, der in keinem Verhältnis zu der Be­deutung der Briefe stehen würde so bleibt die Chiffrierung auf die wichtigsten Dokumente, Be­richte und den diplomatischen Notenwechsel be­schränkt. Man unterscheidet Geheimschriften mit

Schulden und die materielle Hilfe des Staates noch niemals in Anspruch genommen haben.

Oie Glückwünsche.

Se. Magnifizenz der Rektor Professor Dr. P f a h- I e r als erster Redner brachte die Glückwünsche der Universität Gießen für das gemeinnützige Wirken des Vereins zum Ausdruck, ebenso den herzlichen Dank der Universität für die vom Verein geschaf­fene und der Universität angegliederte Orthopädische Klinik, ferner sagte er den leitenden Männern des Vereins aufrichtigen Dank für ihre hervorragende Tätigkeit.

Ober-Medizinalrat Dr. Schmidt, der Leiter der Gesundheitsabteilung der Landesregierung, über­mittelte an Stelle des erst später eintreffenden Mi­nisterialrats Ringshausen die herzlichen Glück­wünsche, den Dank und die volle Anerkennung des Neichsstatthalters und der Landesregierung, insbe­sondere auch für die Schaffung der Orthopädischen Klinik, die er als eine Großtat des Vereins bezeich­nete.

Als Vertreter der Reichsarbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung des Krüppeltums sprach der Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge und der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft, Universi­tätsprofessor Dr. G o ch t (Berlin), zugleich auch im Namen der Evangelischen und Katholischen Charitas. Mit seinen Glückwunschworten verband er die volle Anerkennung für das Wirken der bisherigen leitenden Männer an der Spitze des Vereins, Ober­bürgermeister i. R. Mueller und Oberinspektor Lang, ferner für den Leiter der Klinik Prof. Dr. P i tz e n und -für deren Erbauer Stadtbaurat G r a d e r t.

Weitere Glückwunschansprachen hielten: der Dekan der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen, Prof. Dr. Duken, der dabei besonders das große Geschenk der Orthopädischen Universitätsklinik her- vorhob; Provinzialdirektor und Kreisdirektor Dr. Lotz (Gießen) namens der hessischen Provinzen und Fürsorgeverbände sowie des Landesmänner­oereins vom Roten Kreuz, der gleichfalls auf das große Werk der Orthopädischen Klinik hinwies und auch die hohe Bedeutung der Körperbehinderten­fürsorge an unseren Kriegsopfern eindringlich be­tonte; Prinzessin zu Wied als Vertreterin der Reichsfrauenführerin Frau Scholtz-Klinck; Pfar­rer G u y o t (Darmstadt) im Namen des Hessischen Diakonievereins und der von dort kommenden Schwesternschaft; Verwaltungsoberinspektor Kis- s e l (Darmstadt) namens der Landesoersicherungs­anstalt Hessen; Prof. Dr. Pitzen im Namen der gesamten Belegschaft der Orthopädischen Universi­tätsklinik, der dabei u. a. mitteilte, daß in der Klinik bisher jährlich rund 3000 Patienten behan­delt wurden, ferner aus ihr als Ergebnis der Lehre und der Forschung schon mehr als 30 wissenschaft­liche Arbeiten heroorgegangen seien, weiter dankte er Oberbürgermeister i. R. Mueller und Ober­inspektor Lang und überreichte als Jubiläums­gabe ein dem Verein gewidmetes Lehrbuch der orthopädischen Krankheiten. Mehrere kleine Mäd­chen überreichten sodann den Herren Mueller und Lang mit einem Gedicht Blumen und ein Buch.

Der Dank.

Oberbürgermeister i. R. Mueller begrüßte nunmehr den inzwischen eingetroffenen Vertreter des Reichsstatthalters und der Landesregierung, Ministerialrat Ringshausen, sodann brachte er seinen Dank für die vielen herzlichen Glück­wünsche namens des Vorstandes, aber auch seinen persönlichen Dank an alle Mithelfer, insbesondere an Oberinspektor Lang, Prof. Dr. Pitzen und die Schwestern zum Ausdruck.

Oer Abschluß.

Sodann hielt der Geschäftsführer der Deutschen Vereinigung für Krüppelfürsorge in Berlin Dr. med. Eckhardt einen Vortrag überDie Krüppelfür­sorge im Dritten Reich". Der Redner gab zunächst in großen Zügen einen Ueberblick über die Entwick-

oerabrebeten Schreibmitteln von solchen, die auf der Anwendung verabredeter Schriftzeichen be­ruhen, eine Methode, die seit den Tagen Richelieus dem Schreiben mit sogenannter sympathischer Tinte, bei dem die unsichtbaren Schriftzeichen durch kalte Joddämpfe in kurzer Zeit auf dem Papier wieder hervorgerufen werden, vorgezogen wird. Das Chiffrieren, die Verwendung verabredeter Schriftzeichen, ist zuverlässiger und sicherer; das Geheimnis der Chiffreschrift offenbart sich nur dem, der den zur Lösung erforderlichen Schlüssel besitzt. Das primitivste Beispiel einer Chiffreschrift, der sich schon Julius Cäsar und Kaiser Augustus be­dienten Plutarch berichtet auch von einer Ge­heimschrift der Spartaner, der Skytala besteht darin, daß jeder Buchstabe des gewöhnlichen Alpha­bets in der Geheimschrift durch einen anderen er­setzt wird. Zur Erschwerung einer Entzifferung durch Unberufene werden jedoch nur kleine Buch­staben gebraucht, das ganze wird ohne Worttren­nungen fortlaufend geschrieben, und es werden auch sogenannte Nieten, das heißt nichtsbedeutende Buchstaben, unter die Buchstabengruppen gemischt. Eine Chiffremethode, die besonders in Frankreich weit verbreitet war, ist dieMultiplikationschiffre", dessen Schlüssel in einem vereinbarten und leicht zu behaltenden Wort, dem Wahlwort, besteht. Man schreibt dann dieses Wahlwort unter den Depeschen­text, multipliziert gewissermaßen jeden Buchstaben des Textes mit dem darunter stehenden Buchstaben des Wahlwortes und ersieht darnach die Chiffre nach einer genau festgesetzten Methode aus einer gleichbleibenden Tabelle. Die Sicherheit kann noch bedeutend erhöht werden, wenn statt eines Wor­tes ein ganzes verabredetes Gedicht unter den zu chiffrierenden Text geschrieben wird ober wenn man sich für denselben Text verschiedener Chiffriertabel­len bedient ober gar bie chiffrierte Depesche nach einem neuen vereinbarten Wahlwort zum zweiten Male chiffriert. Zu ben gebräuchlichsten Chiffren gehört bie Zahlenchiffre, bei ber bie Geheimschrift burch arabische Ziffern ausgebrückt wirb. Ein sol­ches System einer auf Verbinbung von Ziffern und Buchstaben beruhenden Geheimschrift hat schon Athanasius Kircher im 17. Jahrhundert ausgear- beitet, das er nach der antiken Rechentafel Abakus alsAbacus numeralis bezeichnete. Auch Karten­spiele werden zu chiffrierten Mitteilungen benutzt, die der Empfänger ablesen kann, wenn er die durcheinandergemischten Karten in eine vereinbarte Reihenfolge legt. Eine der vollkommensten und am meisten angewendcten Gebeimschriften stellt dir Buchchiffre" bar, bie als Schlüssel ein ganzes Buch, einen Cobe, hat.