Ir. 86 vierter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, ll.April (636
Heimat im Krühlingskleid.
Idyll am Goldfischteich.
Dis kleinen Kinder kommen an die Frühlingsluft.
Der Frühling naht mit Brausen.
Er rüstet sich zur Tat.
Und unter Sturm und Sausen Keimt still die grüne Saat.
Erwach, erwach, du Menschenkind, Daß dich der Lenz nicht schlafend find'.
Karl Klingemann, 11862.
Mit Brausen ist auch diesmal der Frühling zu uns gekommen. Wenn wir uns nur des Wetters vom vorigen Samstag erinnern, so finden wir diese Behauptung schon bestätigt. Kalter Regen, heftiger, böiger Wind und jagende Wolken brachten uns das.
was man im Vogelsberg „Wufterwetter" nennt und womit man eine Witterung meint, bei der es am besten in der Stube am warmen Ofen auszuhalten ist. Aber mit jenem Brausen war buchstäblich über Nacht der Frühling gekommen. Nun ging von ihm seit vorigen Sonntagvormittag zu unser aller Freude das strahlende Leuchten der Frühlingssonne aus; die Wiesen und Felder erglänzten im Schmucke frischen Grüns, und der dunkle Wald im Hintergründe schloß
wird es in Busch und Baum, in Garten, Feld und Wald immer lebendiger. Das Vogelkonzert erhält neue gefiederte Mitwirkende, die mit ihrem Gesang zugleich ihren Dank an uns Menschen dafür abstatten wollen, daß wir uns während der Winterszeit um ihren Nahrungsbedarf gekümmert haben.
Der Landmann zieht dann früh hinaus auf seinen Acker und auf seine Wiesen, der Gärtner werkelt mit seinem Spaten oder mit der Harke im Garten. Hinter dem Pflug des Landmannes wippen die Vöglein einher, um in der frischgebrochenen Erde nach Nahrung zu suchen und damit dem Menschen bei der Bekämpfung der Schädlinge in Feld und Garten Hilfsdienste zu leisten. Das gleiche trauliche Bild voll Harmonie und gegenseitiger Liebe kann man oft in den Gärten sehen, wo die kleinen gefiederten Bewohner der Bäume mitunter dicht vor dem blanken Spaten auf dem frischgegrabenen Erdreich Posten bezogen haben, um hier den gleichen „Polizeidienst in der Natur" wie dort hinter dem Pfluge zu erfüllen. Und auch der Hausfrau und der Wäscherin Gesicht ist noch einmal so froh gestimmt, wenn sie als Abschluß ihres „Waschfestes" bei strahlender Sonne die Wäschestücke an die Leine hängen können und ein warmer Früh- lingswind das Trockengeschäft rasch vollzieht.
Seinen Höhepunkt erreicht ein solcher licht- und sonnenerfüllter Frühlingstag aber erst in den Nach- mittagsstunden. Während das Alltagswerk des Schaffens eifrig im Gange ist, benutzen unsere Alten, unsere jungen Mütter mit ihren Kleinen, die Großmütter mit ihren Enkelchen und vor allem die „auf eigenen Füßen" stehenden Buben und Mädels diese Stunden, um sich in den Anlagen und auf
Kleine Floßschisfer auf dem Eichgärtenteich.
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Auf der Bleiche. Wind und Sonne trocknen rasch.
den Spielplätzen neue Kraft zu holen und dem jungen Körper weitere Entwicklungsmöglichkeiten zu erschließen. Wie wird da auf den Spielplätzen „gearbeitet", getollt, ge- hüpft, und gesprungen! Die kleinen Mädels erfreuen sich und die Zuschauer durch das fröhliche Spiel des Ringelreigens, des Springens und des Tanzes; die Buben bauen mit dem Sand des Spielplatzes ihre Burgen, die kleinen Mädels benutzen den gleichen Sand zum Kuchen backen. Andere üben auf der Anlagenbank frühzeitig ihre hausmütterlichen Talente mit kleinen Handarbeiten unter gleichzeitiger Betreuung der Babys in ihrem Kinderwagen. Die junge Mutter widmet sich der gleichen Aufgabe mit aller Liebe und Gründlichkeit;
die Großmutter sieht bei der Beaufsichtigung ihrer kleinen Enkelkinder auf dem Spielplatz vielleicht noch einmal ein längst vergangenes Stück des eigenen Lebens vor ihrem geistigen Auge erstehen, während der Großvater seiner Lebensgefährtin bei ihrer Fürsorge für das junge Volk vielfach mit Eifer assistiert. Und die kleine Gesellschaft bekundet dann oft mit einer Hand voll selbstgepflückter Anemonen oder anderer Frühlingsblumen ihren Dank an den Opa und die Oma, oder sie sitzt in ruhiger Gelassenheit, wie die Alten, auf der Anlagenbank und läßt sich geruhsam von der Sonne bescheinen. An einer anderen Stelle können kecke- Buben es sich nicht verkneifen, auf dem Eich- gärtenteich mit einem Floß eine kleine Spazierfahrt zu machen, um hier einmal hinauszustoßen „in die weite See".
Spaziergänger schreiten indes zwischen den frischgrünen Beeten dahin, an den leuchtenden Zweigen der Frühlingsblüten vorbei, voll Freude an dem herrlichen Erwachen der Natur, an dem großen Werk des allmächtigen Schöpfers.
Und wenn der Alltag mit feiner Arbeit und Mühe beendet ist, sind unsere schönen Anlagen im Frühlingsschmuck die Stätte, an der auch die schaffenden Menschen auf einem abendlichen Spaziergang Erholung und neue Kraft gewinnen können. Ein solcher Abend in den Anlagen, vor allem aber ein Sonntag im Walde, in der herrlichen freien Natur, ein Gang mit offenen Augen und Herzen durch den großen Garten des ewigen Schöpfers, wird allen den Frühling immer wieder als neues Lebenswunder offenbaren.
So wollen mir uns des Frühlings freuen, ihn von Herzen begrüßen und ihn in vollen Zügen nützen und genießen als ein großes Gottesgeschenk, dessen wir uns gerade an dem Auferstehungsfeste Ostern mit herzlicher Dankbarkeit an den gütigen Gott erfreuen wollen. Dazu bieten uns die beiden
Dfterfeiertage in reichem Maße Gelegenheit Wenn es auch vielleicht am frühen Morgen noch etwas frisch auf dem Osterspaziergang fein mag, so soll uns doch das kühle Lüftchen nicht abhalten von dem Gang ins Freie. Je höher die Sonne steigt, um so angenehmer wird die Temperatur. Wie die Erfahrung vom gestrigen Karfreitag lehrt, hat man schon in den Vormittagsstunden und erst
recht von der Mittagszeit ab das richtige Wander« wetter, das den Genuß der Natur in Feld und Wald zu einer besonderen Freude werden läßt. Wenn wir auf. den einsamen Schneisen des Waldes wandern, durch die Feldfluren mit ihrer jungen grünen Saat schreiten und unser Auge sich an den ersten Blüten der Frühkirschenbäume erfreuen kann, so ist das ein Feiertagsgenuß, wie ihn sich der Stadtmensch nicht schöner denken kann. Darum laßt uns mit frohem Blick und rüstigen Schrittes hinausziehen in die herrliche Gottesnatur, damit wir dort neue Kraft gewinnen für unser Wirken im Alltag, aber auch den Volksgenossen auf dem Lande menschlich näherkommen, die in enger Verbundenheit mit der heimatlichen Scholle ihrem Tagewerk nachgehen und das Brot des deutschen Volkes aus der heimatlichen Scholle schaffen.
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Frühlingsarbeit — Umgraben unter Büschen in städtischen Anlagen
das schöne Panorama mit erfreulichem Blick für das Auge ab. Seitdem haben wir nun den Frühling im Land. Er hat allerdings noch einige Schattenseiten an sich. Zwar lacht die Sonne seit Tagen freundlich von dem wolkenlosen blauen Himmel, aber die Tätigkeit unseres Kohlenfressers im Zimmers, des Ofens, möchten wir doch noch nicht entbehren. Mindestens in den Abendstunden ist er uqs noch ein trauter Gesell, der zu unserem Wohlbehagen beiträgt.
Aber diese „Kinderkrankheit" des Frühlings soll uns die Freude an seiner Wiederkehr nicht trüben. Lange haben wir auf diesen zarten Knaben des Jahres gewartet. Wenn wir uns auch nicht über ein allzu strenges Regiment des Winters beklagen können, so wurde doch in unser aller Herzen die Sehnsucht wach nach der Zeit, in der Licht und Sonne, frisches Grün und junger Blütenschmuck uns den Weg aufwärts weisen zu neuem Werden, zu frohem Lebensgenuß in Feld und Wald. Wie haben besonders unsere alten Leute und unsere Kinder im Laufe der Winterwochen auf das Frühjahr gewartet! Wer alte Leute in seinem Hause um sich hat, weiß, wie sehr sie sich nach dieser schönen Jahreszeit sehnen, wie freudig ihre Augen leuchten, wenn die ersten Knospen des neuen Werdens an den sonst noch winterlich aussehenden Büschen und Bäumen sichtbar werden, mit welcher Dankbarkeit sie die zunehmende Herrschaft des Lichts und der Sonne empfinden. Und was von unseren alten Männern und Frauen gilt, trifft in gleicher Weise auf unsere Kleinen zu. Sie haben sich zwar, soweit sie schon schulpflichtig sind, im allgemeinen wenig um die Unbilden des Winterwetters gekümmert; bei Schnee und Eis tollten sie in Schneeballschlachten oder auf der Eisbahn im Freien herum; ein kräftiger Sturmwind mit ge- leaentlichem Regenüberfall machte ihnen auch weiter keine Kümmernisse; trotz rauher Winde und ober Straßen fühlten sich ein rechter Bub und ein forsches Mädel auch in der Winterszeit im Freien in ihrem Element. Und dennoch freuen auch sie sich des Frühlings, denn er brinat die Erfüllung ihres Sehnens nach Wochen und Monaten, in denen sie sich in Licht und Sonne, in köstlicher Luft und im leichten Gewand tummeln können. —
Wie schön beginnt ein solcher Frühlingstag. Bereits am Morgen gegen 5 Uhr, noch im grauen Dämmerlicht des jungen Tages, beginnen die Vögel in den Gärten und Anlagen mit ihrem herrlichen Konzert. Das ist eine lustige Unterhaltung von Baum zu Baum, ein Rufen und Locken, ein Jubilieren und Fröhlichsein, an dem der Frühaufsteher die erste Freude des jungen Tages genießt. Und wenn bann gegen 6 Uhr bie Sonn mit ihrem Feuerball emporfteigt und Stabt und Dorf und Landjchajt mit ihres goMssü Ltrshisn vbjstfüM
Blütenzauber in den Anlagen. (Aufn. [9J: Neuner, Gießener Anzeiger.)
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Der Ringelreihen, das kindlichste Spiel.
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