Ausgabe 
11.3.1936
 
Einzelbild herunterladen

scheut, hat auf sein Privatleben verzichtet und sein einziges Glück in der Sorge für sein Volk gesehen. Der Himmel hat seine Llrbeit und seine Verant­wortungsfreude mit Erfolgen in überreichem Maße belohnt. Auf diesen Erfolgen nun soll unser Volk ein neues nationales Leben aufbauen. Darum wird sich auch niemand weigern, dem Führer bei seinem großen Werk zu helfen und ihm von ganzem Herzen begeistert sein3 a" zu geben. Deshalb glaube ich, daß wir alle mit gutem Mut und festem Vertrauen diesem Tage entgegenschauen können. Ich möchte in dieser Stunde, da wir einen kurzen aber harten und arbeitsreichen Wahlkampf eröff­nen, Ihnen allen und den Hunderttausenden und Millionen, die über die Aetherwellen hinweg mit uns im Geiste verbunden sind, zurufen: Erhebe dich, du deutsches Volk, und tue deine Pflicht! Keiner wird fehlen wollen, wenn es um Leben und Zukunft des deutschen Volles geht!

Dem Minister antwortete ein unbeschreiblicher Sturm der Zustimmung, der erst verebbte, als Dr. Goebbels die Deutschlandhalle verließ, um noch im Sportpalast das Wort zu nehmen.

Wer ist am 29. März wahlberechtigt?

Berlin, 11. März. (DNB. Funkspruch.) Nach dem Gesetz über das Reichstagswahlrecht vom 7. März 1936 sind zum Reichstag wahlbe- rechtigt, sämtliche deutschen Staats- angehörigen, deutschen oder artver­wandten Blutes, die bis zum Wahl­tage das 2 0. Lebensjahr vollendet

haben, sofern sie nicht nach den allgemeinen Be­stimmungen (Entmündigung oder Verlust der bür­gerlichen Ehrenrechte) vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, oder sofern nicht ihr Wahlrecht ruht.

Nicht wahlberechtigt sind also Juden, d. h. solche Männer und Frauen, die von minde­stens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern­teile abstammen. Ferner sind nicht wahlberechtigt, die von zwei volljüdischen Großeltern abstammen­den jüdischen Mischlinge (Männer und Frauen), die am 30. September 1935 der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört haben oder nach dem 30. September 1935 in sie ausgenommen sind oder die am 30. September 1935 mit einem Juden verheiratet waren oder sich nach dem 30. Septem­ber 1935 mit einem Juden verheiratet haben. Juden, sowie diejenigen jüdischen Mischlinge, auf die die vorgenannten Voraussetzungen zutreffen, haben sonach der Wahlurne fernzublei­ben, auch dann, wenn sie versehentlich m die Wahllisten eingetragen sind. Geben sie dennoch eine Stimme ab, so machen sie sich nach § 2 des Gesetzes über das Reichstagswahlrecht strafbar.

Die Bestimmungen über den Kreis der Wahl­berechtigten sind im übrigen gegenüber dem frühe­ren Zustand in keiner Weise geändert. Das Wahl­recht der Soldaten ruht wie bisher. Auch am Wahlverfahren hat sich nichts geändert. Wahl­freiheit und Wahlgeheimnis bleiben unberührt. Gewisse Erleichterungen für die tech­nische Wahlvorbereitung im Hinblick auf den nahen Wahltermin haben lediglich die Verkürzung der Fristen für die Einreichung der Wahlvor­schläge, die Vereinfachung der durch die Wahlbe­werber beizubrinaenden Bescheinigungen und die Verteilung der Sitze auf die Bewerber in den Wahlvorschlägen zum Gegenstand. Auf Grund des

Reichsaesetzes vom 7. März 1936 sind auch Wahl­berechtigte wählbar, die noch nicht ein Jahr die Reichsangehörigkeit besitzen. Wie bisher sind Ausländsdeutsche, die sich am Wahltage in Deutschland aufhalten, wahlberechtigt. Auch die Bestimmungen über Wahlen auf hoher See und über die Stimmabgabe auf Bahn­höfen gelten für die bevorstehende Wahl.

Or. Ley bei den Arbeitern der Schichauwerst.

Königsberg, 10. März. (DNB.) Nachdem Reichsorganisationsleiter Dr. Ley in Königs­berg die Ausmusterung der ost preußi­schen Führeranwärter vorgenommen hatte, stattete er den Arbeitern auf dem Gelände der Schichauwerft in Königsberg einen Besuch ab. Er aing zu den Arbeitsplätzen, durch die Werk­hallen, stieg auf die Docks und suchte über Leitern und Gerüsten die Werkmänner auf, die auf den Hellingen schafften. Mit jedem Mann sprach Dr. Ley ein freundliches Wort, jeden Lehrling holte er sich heran. Nach dem Rundgang sprach Dr. Ley in einer großen Maschinenhalle zu den Arbeitern. Er erklärte ihnen, daß er nichts bringen könne, als was der Führer schon gebracht habe, nämlich Brot und Arbeit. Wer sieben Millionen Ar­beitslose in Arbeit setzen wolle, könne keine Lohn­erhöhungen bringen. Aber in den Betrieben sei es besser geworden. Der deutsche Arbeiter habe auch früher nicht um Lohnpfennige gekämpft. Das hätten ihm nur Juden und deren Trabanten eingeredet. Auch damals habe der Arbeiter um seinen Stolz und um seine Anerkennung ge­rungen. Diese habe er heute gefunden.

Äie französische Regierungserklärung vor dem Parlament.

Paris, 10. März. (DNB.) Ministerpräsident Sarraut verlas am Dienstagnachmittag in der Kammer eine Erklärung der Regierung, die im Senat, von Außenminister Flandin, ver­lesen wurde. Die Erklärung befaßte sich zunächst mit dem Versuch eines Nachweises, daß der Russen­pakt mit dem Rheinpakt vereinbar sei, begnügte sich aber mit den alten, von deutscher Seite zu wieder­holten Malen widerlegten Argumenten. Selbst­verständlich fehlt in der Regierungserklärung auch nicht die praktisch bekanntlich nie in Wirksam­keit getretene angebliche Reoisionsmög- l i ch k e i t unhaltbar gewordener Verträge. Jeder Vorschlag, der eine bessere Lagerung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Völker unter­einander betreffe, könneunbestreitbarer Weise im Rahmen des Völkerbundes entgegengenommen" werden, wo er erörtert und frei geregelt werden müsse, entsprechend den Gesetzen einer Gemein­schaft, die unter ihren Mitgliedernnur die Miß­bräuche der Gewalt und des Krieges ausschließe". Dann folgt eine Darstellung des französischen Bestrebens zur Aufrechterhaltung und zur Orga­nisierung guter Beziehungen zu Deutschland". Dem französischen Bestreben wird nun das deutsche Ver­halten gegenüberzustellen versucht. Das Reich habe einseitig (!!) die Bestimmungen des Versailler Ver­trages, die die Rüstungen begrenzen, gekündigt. Der Dölkerbundsrat habe jede einseitige Verleug­nung eines Vertrages DerifrteUt. Spontan hätten in Stresa Großbritannien und Italien Wert dar­auf gelegt, den Locarno-Vertrag aufs neue zu be­stätigen.

Es wird auch noch einmal auf das Londoner Programm vom 3. Februar 1935 Bezug ge­nommen. Aber darauf fei durch dieVerleugnung" eines Vertrages geantwortet worden, der oft als die durch freie Verhandlungen zugestandene Grund­lage der französisch-deutschen Beziehungen bezeich­net worden sei.Es wurde uns durch die plötzliche und rohe Wiederbesetzung der entmili­tarisierten Zone geantwortet, während Reichskanzler Hitler in seiner Rede vom 21. Mai, also nach der Unterzeichnung des französisch-sow­jetrussischen Abkommens, erklärt hatte, daß die Reichsregierung in der Achtung dieser entmilitari­sierten Zone einen Beitrag zur Entspannung Europas erblickte." (Der Hinweis auf die damals vom Führer betonte Notwendigkeit der Gegen­seitigkeit in der Achtung von Verträgen fehlt!) Frankreich berufe sich nicht auf verletztes Selbst­

gefühl oder auf verlorene Bürgschaften seiner eige­nen Sicherheit, es werfe vielmehr die Frage des tatsächlichen Wertes der Verträge, der allgemeinen Garantie des Völkerbundspaktes für dessen Mitglieder, der Treue der Völkerbunds­mitglieder gegenüber ihren Verpflichtungen auf.

Wenn zur Zerstörung der Verträge der Wille desjenigen genügen würde, der sich für den Stärk­sten halte, dann müsse man entschlossen zu Militärbündnissen zurückkehren, zu übersteigerten Rüstungen und,wie wir anerkennen müssen", zum Kriege, der von dem Stärksten oder von den Stärksten ausgelöst würde in dem Augenblick, der ihm als am geeignetsten erscheine. Wenn gewisse Leute sich damit zufrieden geben, mögen sie es klar heraussagen, und wir werden daraus unsere zweckmäßigen Schlußfolgerungen ziehen. Wir hingegen stellen unsere gesamten mate­riellen und moralischen Kräfte zur Verfügung des Völkerbundes, um dieses für die europäische Zivi­lisation nicht wieder gutzumachende Unglück zu ver­meiden, allerdings unter der einzigen Bedingung, daß wir in diesem Kampf für den Frieden von denjenigen begleitet werden, die sich formell durch den Rheinlandpakt verpflichtete haben und in der festen Hoffnung, daß alle Unterzeichner des Völker­bundspaktes, gemäß ihren Mitteln und in lieber» einftimmung mit ihren Verpflichtungen an unserer Seite für ein Ideal kämpfen, mit dem sie sich so­lidarisch erklärt haben."

Und nun kommt, weil Reichskanzler Hitler zum französischen Volküber den Kopf seiner Regierung hinweg" gesprochen habe, eine Anrufung des deutschen Volkes. Es wird im Namen seiner Kultur und der Tugenden seiner Rasse ge­beten, über dieseneuen Verantwortlichkeiten nach- aubenfen".Wir erklären", heißt es,dem deut­schen Volke feierlich, daß wir niemals weder seine Freiheit noch seine Ehre beein­trächtigen wollen und daß wir sie niemals be- einträchtjgen werden. Auch haben wir niemals daran gedacht und wollen niemals daran den­ken, daß es in einer ungünstigeren Weise a l s die anderen Völker behandelt wer­den könnte. Wir sind mit der deutschen Regierung darin einig, zu erklären, daß das französische Volk keinen Vorteil aus dem Elend des deutschen Volk es ziehen kann. Wir nehmen ganz den Vorschlag an, in der Suche nach Mitteln zusammenzuarbeiten, um die Existenz der

66 Millionen Einwohner auf einem armen Boden zu sichern, wie Reichskanzler Hitler es gesagt hat."

Auf diese Beteuerungen folgten aber folgende Fragen, aus denen in erschütternder Deutlichkeit das N i ch t v e r st e h e n der deutschen Beweggründe und Empfindungen, aber auch das Uebersehenwol- len der deutschen Argumente spricht:Wir fragen das deutsche Volk, inwieweit die Wiederbesetzung der entmilitarisierten Rheinlandzone zur Lösung dieser Probleme beitragen könnte. Wir fragen das deutsche Volk, wie das Vertrauen, das die Grundlage jeder Zusammenarbeit ist, in wünschens­werter Weise aufrechterhalten oder gar entwickelt werden kann, wenn es zugelassen wird, daß nicht nur ein feierlicher Vertrag wie der von Locarno durch den alleinigen Willen eines der ver­tragschließenden Teile gekündigt werden kann, sondern daß, ohne ein neues Abkommen abzuwarten, militärische Handlungen begangen werden, die man sich gerade formell verpflichtet hatte (?!), zu ver­meiden. Würde das deutsche Volk zu der franzö­sischen Regierung Vertrauen haben, um über neue Verträge zu verhandeln und sie zu unterzeichnen, wenn die französische Regierung gerade erst selbst die alten Verträge zerreißt?

Die französische Regierung weist die Verhandlun­gen, die den künftigen Frieden festigen und die deutsch-ftanzösischen Beziehungen im Rahmen einer ruhigen und friedlichen Entwicklung Europas bessern können, nicht zurück. Aber Frankreich kann nicht unter der Herrschaft der Gewalt und der Veuleugnung der Verpflichtungen verhandeln. Es ist entschlossen, im Rahmen des Völkerbundes alle seine Kräfte mit denjenigen der anderen Mitgliedsstaaten zu verbinden, um auf einen Anschlag (!) auf das internationale Ver­trauen, auf die Glaubwürdigkeit der Verträge, auf die kollektive Sicherheit und auf die Organisierung des Friedens (!) zu antworten. Die französische Re­gierung ist weiter bereit, mit Deutschland z u verhandeln, wenn erst einmal d i e Achtung des internationale^ Gesetzes aufs neue gesichert sein wird. Sie will ihren Glauben zu dem wirklichen Wert der internatio­nalen Verpflichtungen des Locarno-Vertrages wie der Völkerbundssatzungen bewahren. Sie wird um die Verteidigung der neuen Ordnung in den inter­nationalen Beziehungen ringen, die die kollektive Organisation der Sicherheit und des Friedens im Rahmen des Völkerbundes mit sich gebracht hat."

Oie Aussprache der Locarnomächte und die Sitzung des Völkerbundsrais nach London verlegt.

Paris, 10. März. (DNB.) lieber die erste Be­sprechung der Locarno-Mächte wurde eine amtliche Verlautbarung ausgegeben, in der es heißt: Im französischen Außenministerium sind folgende Ver­treter der Locarno-Mächte zusammengekommen: der englische Staatssekretär für auswärtige Ange­legenheiten, Eden, Lord Halifax, der englische Botschafter Sir George Clerk, der belgische Mi- nifte/präfibefct van Zeeland, der belgische Bot­schafter de Kerchove, der italienische Botschafter C e rr ut ti, der französische Außenminister F l a n- d i n und der französische Staatsminister Paul- B o n c o u r. Außenminister Flandin hat daraus hir?gewiesen, daß die Konferenz einen Austausch der Nachrichten zum Ziele habe und die Lage feststellen solle, daß aber keine Entschlie - bu-ng vorgeschlagen noch irgendeine Ent­scheidung getroffen werde, bevor der Völker- bunbsrat zusammengetreten sei. Nachdem auf diese Weise das Verfahren festgelegt worden war, haben die einzelnen Vertreter ihre Auffassungen auseinandergesetzt.

Aus Grund gemeinsamer Verständigung ist, wie eine weitere amtliche Verlautbarung be­sagt, beschlossen worden, die Besprechungen am nächsten Donnerstag in London fortzu­sehen. Die englische Regierung hat ferner den Vorsitzenden des Völkerbundsrates auf­gefordert, die nächste Sitzung des Völ­ks r b n n d s r a t e s ebenfalls in Lon­don stattfinden zu lassen. Sie wird voraus­sichtlich am nächsten Samstag im Anschluß an die Locarno-Besprechungen stattfinden. Der Drelzehneransschnh ist vertagt wor­den bis nach Abschluß der Londoner Beratun­gen und wird wahrscheinlich erst in der näch­sten Woche einberufen werden.

Die Verlegung der Konferenz der Locarnomächte nach London ist darauf zurückzuführen, daß die

beiden englischen Vertreter auf Grund der Pariser Besprechungen nach London z u - rück.zu kehren wünschten. Dies hat es un­möglich gemacht, die vorgesehenen Besprechungen in Genf abzuhalten. Baldwin hat die Vertreter der Locarnomächte nach London eingeladen.

Während der Unterhaus-Aussprache am Diens­tagabend fanden bereits Besprechungen zwischen Baldwin, Chamberlain und anderen Ministern statt, die bis tief in die Nacht hinein andauerten. Es verlautet, daß die Zusammenkunft der Locarno- Mächte in London am Donnerstag um 16 Uhr im Foreign Office eröffnet werden wird. Dazu würden Flandin, van Zeeland und Grandi als Hauptabgeordnete ihrer Länder erschei­nen. Paul-Boncour werde nach seiner Verteidi­gungsrede für die Unterzeichnung des Sowjetpaktes im französischen Senat ebenfalls nach London flie­gen. Eden und Halifax würden Mittwochmorgen wieder in London eintreffen. Baldwin habe mit dem Oberkommissar für Australien, Bruce, dem gegenwärtigen Präsidenten des Völker­bund s r a t e s, eine Aussprache gehabt, worauf hin Bruce zugestimmt habe, die Tagung nach Lon­don einzuberufen.

Die Nachricht, daß die weiteren Besprechungen in London stattfinden sollen, ist in London sehr begrüßt worden. Wan betrachtet dies als ein klares Zeichen dafür, daß die britische Regie­rung entschlossen ist, die Führung zu über­nehmen, um aus einer schwierigen Lage einen Ausweg zu finden. DieTime s" erklärt, ohne Zweifel werde aus der Verlegung der Ratsver­sammlung nach London der Schluß gezogen, daß es sich in dem einen oder anderen Abschnitt der Verhandlungen als wünschenswert erweisen werde, eine klareAussprache mit einem Vertreter Deutschlands zu haben, und daß es für diesen leichter sein werde, die Auffassung seines Landes in Con­

ti o n darzulegen, als an einer Ratsversamm­lung in Genf teilzunehmen. Die Wichtigkeit der Rolle, die notwendigerweise Großbritannien in der Aussprache zufalle, mache es außerdem wünschenswert, daß der britische TNini- sterpräsident in der Lage ist, sofort für die Beratung zur Verfügung zu stehen.

Wie aus parlamentarischen Kreisen verlautet, bleibt auf die Nachricht hin, daß die Zusammen­kunft der Locarnomächte in London stattfinden solle, die öffentliche Meinung auch weiterhin ruhig. Man hat in London das Gefühl, daß die Kühle, die man in der englischen öffentlichen Meinung feststellen könnte, dazu bei­tragen werde, der Schwierigkeiten bei den kommen­den Verhandlungen Herr zu werden. Es wird ferner darauf hingewiesen, daß die Verbindung zwischen London und Berlin, falls sich die Notwendigkeit für einen Gedankenaustausch er­geben sollte, viel einfacher sei, als die Ver­bindung zwischen Genf und Berlin.

Entheiligte Vertrage.

Die Beratungen der Locarno-Mächte, die nun begonnen haben, können im höchsten Maße nützlich für die Zukunft Europas werden, wenn die teilnehmenden Staatsmänner einmal davon ab­sehen würden, ihre Augen immer auf den eng um­grenzten Bezirk ihrer eigenen Vorurteile zu richten und statt dessen die Notwendigkeit zu er­kennen, die sich aus der Gesamtlage unse­res Erdteils ergeben. Es ist bezeichnend, daß es der größere Abstand des englischen Jnselreiches vom Kontinent den britischen Politikern erlaubt hat, eine weit großzügere Auffassung des Locarno­problems zu bekunden, als es in Paris der Fall war. DemUnannehmbar" und der Weigerung der französischen Regierung, die Vorschläge des Füh­rers überhaupt einer Prüfung zu unterziehen, stellte

Eden die Bereitschaft der britischen Regierung gegenüber, die deutschen Pläne,mit klarer Einsicht und objektiv zu prüfen". Und die französische Be­hauptung, die Wiederbesetzung der Rheinlandzone bedeute einen Angriff auf die französische und bei- gische Grenze, beantwortete der englische Außen­minister mit der Feststellung, daß nach seiner An­sicht die deutsche Aktion eine Drohung mit Feind­seligkeiten nicht in sich schließe. Wir haben von Großbritannien eine andere Haltung auch gar nicht erwartet und freuen uns, daß wir uns in dieser Hinsicht über die Vernunft und Nüchternheit der englischen Politik nicht getäuscht haben.

Leider läßt dies Gefühl der Befriedigung auf unserer Seite keine Verallgemeinerung zu. Es muß bedauert werden, daß Eden sich in seiner Unter» Hausrede den völlig einseitigen unb unhaltbaren Standpunkt der Franzosen zu eigen gemacht hat, wonach der deutsche Schritt als die einseitige Auf­kündigung eines frei verhandelten und frei unter­zeichneten Vertrages zu betrachten fei. Der britische Außenminister leitete aus dieser seiner Meinung die Befürchtung ab, daß die Besetzung der ent­militarisierten Zone dem Grundsatz von der Heiligkeit der Verträge einen schweren Schlag versetzt und somit auch das Vertrauen in jede künftige Verpflichtung erschüttert habe. Wo aber blieb, so fragen wir, diese Heiligkeit, als die Franzosen wider jedes Recht in das Ruhrge­biet einbrachen, als sie durch das Bündnis mit dem Bolschewismus den Geist und Buchstaben des Rheinpaktes verletzten? Kein Eng­länder kann bestreiten, daß die Verträge immer nur dann heilig gesprochen wurden, wenn sie die Unterlegenen des Weltkrieges auf eine zweitklassige internationale Stellung festlegen sollten, daß sie aber niemals als verletzt galten, wenn sie durch die Machtpolitik der Siegerstaaten ihres ursprüng­lichen Sinnes enttleidet wurden. So hat auch nicht Deutschland den Locarnovertrag gekündigt, sondern dieser Pakt hatte praktisch bereits aufge­hört zu existieren in dem Augenblick, als Frank­reich sein gegen Deutschland gerichtetes Bünd­nis mit Sowjetrußland abschloß und sich bereiterklärte, alle sich daraus ergebenden Konse­quenzen auf sich zu nehmen. Nicht Berlin, sondern Paris hat diesem frei verhandelten und frei unter­zeichneten Friedenspakt den Todesstoß versetzt. Daß Deutschland aus diesem fait accompli die seinem Sicherheitsbedürfnis entsprechenden Folgerungen zog, war nur eine Selbstverständlichkeit.

Man hat offenbar auch in englischen Regierungs­kreisen verstanden, daß Deutschland sich unmöglich mit dem Zustand abfinden konnte, in dem sich die Beziehungen zwischen den Locarnomächten befan­den, nachdem Frankreich sich durch die Bestimmun­gen des Sowjetpaktes zum selbständigen, frei ent­scheidenden Richter über das Eintreten oder Nicht­eintreten der Locarnoverpflichtungen aufgeworfen hatte. Der englische Außenminister hat diesen deut­schen Einwand mit dem Hinweis zu begegnen ver­sucht, dem Reiche hätte als letzter Weg das Schiedsverfahren zur Verfügung gestanden. Aber Herr Eden hat vergessen, daß dieser Weg schon deshalb für uns nicht mehr gangbar war, weil auch Frankreich es vorher verschmäht hatte, rechtzeitig die Vereinbarkeit seines Sowjet­paktes mit den Locarnoverpflichtungen durch ein internationales Schiedsgericht prüfen zu lassen. Wenn daher die vier ehemaligen Locarno-Staaten bei ihren gegenwärtigen Verhandlungen vermeiden wollen, daß sich ihre Politik in einer ausweglosen Sackgasse verrennt, so wird es nötig sein, die hier angestellten Ueberlegungen zu berücksichtigen. Sollte man in Genf jedoch auf dem Standpunkt beharren, daß die Schuldfrage gegen Deutschland entschieden werden müsse, dann läßt sich kaum erkennen, in welcher Weise eine Neugestaltung der europäischen Friedensorganisation in Angriff genommen werden konnte.

Das Unterhaus billigt die britische Aufrüstung. BertrauensvotumfürdasKabinettBaldwin

London, 10. März. (DNB.) Im Unterhaus wurde die Wehraussprache fortgesetzt. Der arbeiter- parteiliche Abgeordnete Greenwood verlangte eine unverzügliche Aussprache aller Staaten der Welt über d i e Vorschläge des Füh­rers. Innenminister Simon verteidigte die Pläne der Regierung. Der Konservative Winston Chur­chill malte in schwärzesten Farben die mangelnde Rüstungsbereitschaft Englands aus. Schatzkanzler Neville Chamberlain erklärte, daß die Lage sich durch die Ereignisse der letzten Tage nicht ge­bessert habe. Das kollektive Sicherheitssystem habe noch nicht den Punkt erreicht, daß man die natio­nale Sicherheit nicht mehr zu erwägen brauche. Solange das kollektive Sicherheitssystem sich in seinem gegenwärtigen unvollständigen Zustand be­finde, müsse England für seine nationalen Reichs­bedürfnisse Sorge tragen.

Der Abänderungsantrag der Arbeiterpar­tei zum Weißbuch wurde hierauf mit 378 gegen 175 Stimmen abgelehnt und hierauf der D e r trauensantrag für d i e Regierung mit 371 gegen 153 Stimmen angenommen. Eine Anzahl der Liberalen hat aegen d i e Regie­rung gestimmt, darunter Lloyd George. Weitere Liberale enthielten sich der Stimme, weil keine Zu­sicherung gegeben worden sei, daß die Verwirkli­chung der kollektiven Sicherheit beabsichtigt sei. Die liberale Opposition sei jedoch stark beeindruckt von dem Ernst der Lage und werde deshalb der Regie­rung volle Unterstützung für eine Politik ge­ben, wie sie Eden im Unterhaus dargestellt habe. Jeder Vorschlag werde ohne Vorureil in Erwägung gezogen, der dazu dienen solle, die Verteidigung Englands zu stärken.

Admiral Beatty gestorben.

London, 11. März. (DNB. Funkspruch.) Ad­miral Lord Beatty ist kurz nach Mitternacht in seinem Hause in London gestorben. Er war seit mehreren Wochen krank. Beatty wurde 1871 als Sohn eines englischen Kapitäns geboren. Er trat dreizehnjährig in die Marine ein und nahm als Leutnant zur See an der englischen Expedition nach Aegypten teil. Der Ausbruch der chinesischen Wir­ren von 1900 sah Beatty als Kapitänleutnant in Ostasien. Als er an der Spitze einer Kompanie der Landungstruppe des Admirals Seymour auf eine Boxerbatterie stieß, stürzte er sich in kurzem Ent­schluß auf die chinesischen Geschütze und nahm sie weg, wofür er außer der Reihe zum Kapitän be­fördert wurde. 1911 wurde er Unterstaatssekretär im Marineministerium unter Winston Churchill. Im Frühjahr 1914 übernahm er ein Geschwader bet* Großen Flotte, das Ende Mai Kiel besuchte.

Nach Ausbruch des Krieges machte er aml 27. August 1914 einen Vorstoß in die Deutsche Bucht. Die deutschen Vorpostenstreitkräfte gingetf