186. Jahrgang
Erstes Blatt |86. Jahrgang Menstag, 9. Inn! 1956
Sonntags* und * feiertags W M Annahme von Anzeige»
ÄSLLL! £7L*aS*a**a** AI uaaIaaü »X Heimat im Bild - Die Scholle ■ W M ■■ M^M ▼ Grundpreise für l mm höhe
Monatr-Vezugrpreir: ■ ■ ■ ■ Mz BA ■ ■ ■ Jr B F ■ ■ I X M |fl B WjF W für Anzeigen von 22 mm
Ml 4 Beilagen RM.1.95 II W ■ MF MM Bt H B Br B Z B B ■ Br B B B Bf B Breite 7 Rpf., für Text- Ohne Illustrierte ■ M ^^k. M fM ^^k M M M ^^| M M M ^1 M M von 70 mm Breite
Zustellgebühr .. , M ■ M ^MF M Är Äv* AMFW^ M M M M ML M< 50Rpf.,Platzvorschrift nach
Auch bei Nichterscheinen ■ M ^F M vorh.Dereinbg.25°/„ mehr.
blO^oIgTTl3^ö^^e”er^^UffiewaIt Ez Ermäßigte Grundpreise:
. General-Anzeiger für Oberhessen WZ
zranifnrt am Main 1168« Druck und Verlag: vrühl'sche UniverfilStL-Such- und Steindruckerei R. Lange In Sieben. Schristleitung und Geschäftsstelle: Schulstratze 7 M-N^enabschlü^stasftm
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Macht und Recht.
Von Dr. Hans von Malottki.
Langsam beginnt sich die europäische Lage zu entfalten, und die Grundstellungen werden erkennbar, von denen aus die Mächte den kommenden Dingen begegnen wollen. Es handelt sich bei all den letzt zu beobachtenden vielfältigen Bewegungen und Anknüpfungen freilich noch nicht um Endgültiges, sondern mehr um ein Erkunden und Abtasten der verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten. Das gilt für die beherrschende Frage, den Konflikt Italiens mit dem Genfer Bund ebenso wie für die künftige Gestaltung der allgemeinen europäischen Verhältnisse. '
Der Antrag Argentiniens auf Einberufung d e r V o lkerbundsversammlung hat zu- nachst die eine Wirkung gehabt, diesen ganzen Prozeß der Neuausrichtung zu beschleunigen. Wird der Völkerbund in dem Streit mit Italien aber überhaupt noch in der Lage sein, ein sachliches Ziel zu verfolgen? Der Rat hat sich, wie erinnerlich, darum Überhaupt nicht mehr bemüht. Seine letzte Entschließung vom 12. Mai, durch die er sich für einen Monat vertagte, „um den Mitgliedern die Prüfung der Lage zu ermöglichen", war eine hilflose Geste, die kaum ausreichte, um äußerlich das Gesicht zu wahren.
Italien hat inzwischen nichts getan, was der Genfer Liga die Lage erleichtert hätte. Es hat aus eigenem Recht die Einverleibung Abessiniens verkündet. Die vom Duce stark unterstrichene Ausgleichsbereitschaft gilt nur auf der machtpolitischen Ebene und schiebt die Genfer Normen mit stolzer Selbstsicherheit beiseite. Weder Frankreich noch England haben den italienischen Standpunkt, zunächst Anerkennung der vollzogenen Tatsachen und dann Verständigung über die einzelnen Interessen und die Form der europäischen Zusammenarbeit, bisher förmlich anerkannt. Aber der Duce hat mit dem Hinweis auf die „gesättigte" Macht, die das faschistische Imperium nun darstelle, eine Brücke gebaut, deren Anziehungskraft auf der Hand liegt und auch schon zu wirken begonnen hat. Die alarmierenden Gerüchte über seltsame italienische Truppenbewegungen an der sugoslawischen und französischen Grenze sind übertrieben und inzwischen dementiert worden. Immerhin ist die plötzliche Rückkehr Badoglios nach Rom ein Symptom der römischen Entschlossenheit, auf dem einmal eingeschlagenen Weg zu beharren. Die Aufgaben des Generalstabschefs erscheinen dem Duce dringlicher als die Arbeit des Bizekönigs von Italienisch- Afrika. Die Drohung mit der „Revision der poli- tschen Freundschaften" rundet den Kreis.
Sie fällt in einem England, dessen Weltreichssorgen im Nahen und Fernen Osten zunehmend steigen, trotz aller Liga - Freudigkeit, auf fruchtbaren Boden. Die Gespräche um einen Mittelmeerpakt zeigen, daß London über der Verfechtung der Genfer Grundsätze die Wahrung.seiner eigenen Interessen nicht ins Hintertreffen geraten lassen will. Sie zeigen aber auch die Schwäche der augenblicklichen britischen Stellung. Wer hätte vor einem halben Jahr annehmen wollen, daß England, das den Vorherrschaftsanspruch im Mittelmeer, wenn nicht formell, so doch praktisch stets erhob, — daß dieses England auch nur die Erörterung eines Paktes zulassen würde, als dessen Ziel die Herstellung des Gleichgewichts im Mittel- meeiMurn bezeichnet wird? Wäre es denkbar ge- wesH, daß das halbamtliche Giornale d'Jtalia, ohne auf Widerspruch zu stoßen, von dem Durchfahrtsmeer sprechen konnte, das für England heute das Mittelmeer darstelle? Läßt England sich tatsächlich auf einen Pakt ein, der ihm die freie Durchfahrt nach Indien, aber auch nur diese, verbürgt, — der Verzicht der englischen Politik wäre mit Händen zu greifen.
Wie sich hier die Dinge auch entwickeln mögen — eines wird immer deutlicher: die Beziehungen zwischen den Mächten entwickeln sich lediglich nach Maßgabe der eigenen Interessen und der für ihre Durchsetzung vorhandenen und verfügbaren Machtmittel. Ein höchst nüchternes Spiel also, bei dem reale Kräfte, und nur diese, zum Einsatz gelangen und zur Anpassung zwingen. Auf diesem Boden der Wirklichkeit werden die kommenden Entscheidungen getroffen, werden die europäischen Kräfteverhältnisse abgestimmt — nicht in dem leeren Raum der Genfer Theorien. Ginge es nach dem Genfer „Recht", wäre dieses die bestimmende und gestaltende Kraft des Völkerlebens, dann müßten die Dinge wahrlich anders laufen. Statt der besorgten Erörterung, ob Italien den Genfer Bund verlassen könnte, müßte die Frage aufgeworfen werden, welche Handlungen denn ein Mitgliedsstaat begehen muß, um gemäß Artikel 16 ausgeschlossen zu werden, wenn die Bekriegung und Eroberung eines anderen Mitgliedsstaates dazu nicht ausreicht.
In dieser an sich verständlichen vom Standpunkt der reinen Dölkerbundslehre aber grotesken Lage hat der neue französische Regieru n g s- ch e f vor dem Parlament ein Bekenntnis zur „Achtung vor dem internationalen Gesetz abgelegt. Frankreich sehe darin den Inbegriff des Friedens, und wieder hörten wir von der Regierungstribune ein Loblied auf jenes kollektive Sicherheitssystem, dem auch die Regierung der Volksfront die Treue halten will Das ist die berühmte Kontinuität der französischen Außenpolitik. Auch die Doktrinäre der Zweiten Internationale zollen ihr jetzt, in merkwürdigem Gegensatz zu ihrem innerpolitischen ©rneuerungsbrang, wie selbstverständlich ihren Tribut. Herr Blum hat sich damit zu einem System bekannt, das beim ersten ernsthaften Zusammenstoß mit der Wirklichkeit sich in Nebel aufgelöst hat, weil es der Grenze n nicht achtete, die der rechtlichen Behandlung und Rege-
Trotz her Einigung nur geringes Abflauen der Gireiklage in Frankreich.
Paris, 9. Juni. (DNB. Funkspruch.) Trotz des in der Nacht zum Montag erzielten grundsätzlichen UebereinEommens ist keineswegs einheit - lich ein Abflauender Streikbewegung festzustellen. Zwar ist vor allem in Pans eine Entspannung eingetreten, dieRückkehHan d i e Arbeitsplätze erfolgte aber trotzdem nur sehr zögernd. Wenn man am Montag in Regierungskreisen sicher gehofft hatte, daß am Dienstag die Arbeit im allgemeinen wieder ausgenommen werden würde, spricht man jetzt bereits vom Ende der Woche. Der Arbeitgeberverband von Frankreich erklärt, daß sich in den Verhandlungen mit den Arbeitern im allgemeinen über die durch Gesetz noch ZU regelnden arbeitspolitischen, arbeitszeitlichen und sozialen Fragen eine Einigung erzielen lasse, daß aber d i e Frage der Lohnerhöhung Schwierigkeiten mache. Es werde daher notwendig sein, die Regierung als Schlichtungsinstanz anzurufen.
Die Z a h l d e r S t r e i k e n d e n hat sich in Pa- •ris um 200 000 Bauarbeiter und in Nordfrankreich um die Bergleute erhöht. Dort wird die Gesamtzahl der Streikenden auf 400 000 geschätzt. Während im Bezirk von Belfort fast eine völlige Einigung zwischen den Streikenden und den Arbeitgebern erzielt werden konnte, brechen in anderen Provinzstädten immer wieder neue Streiks aus. In Paris wurde besonders in zahlreichen kleineren Betrieben rasch eine Einigung erzielt, so daß die Arbeit wieder ausgenommen wurde. Eine Beunruhigung des Finanzlebens ist durch ein Abkommen zwischen den Banken und ihren Angestellten vermieden worden. Hingegen sind 10 000 Versicherungsangestellte am Montag in den Streik getreten und haben die Geschäftshäuser ihrer Firmen besetzt. Auch die Pariser Schneider beabsichtigen, am Dienstag in den Streik zu treten. Bei der großen ZeitungsvertriebsgesellschaftHa- chette konnte noch keine Einigung erzielt werden, so daß die Zustellung der Pariser 3eitungen in die Provinz nach wie vor unterbunden bleibt. Obwohl die Lebensmittelversorgung von Paris während des ganzen Streiks niemals ernstlich gefährdet erschien, haben die Preise so stark angezogen, daß die Polizeibehörden bereits in 200 Fällen mit Strafbefehlen eingreifen mußten.
In Dünkirchen ist ein Dockarbeiterstreik ausgebrochen. Die Dockarbeiter haben die Tore der Hafenanlagen geschlossen und verhindern den Ein- und Ausgang. Sämtliche Züge, Last- und Privatwagen, die bei Ausbruch des Streiks in den Hafenanlagen verkehrten, werden zurückbehalten.
Aus Le Havre und Umgegend liegen sieben neue Streikmeldungen mit rund 3000 Arbeitern vor, in 9t e i m s und der Champagne stehen sämtliche Betriebe still. Rund 8000 Arbeiter sind am Montag in den Streik getreten. In Saint Omer sind Malzfabriken und Brauereien besetzt worden, und in Port bou haben 850 Werftarbeiter ebenfalls ihre Werkstätten besetzt. In Boulogne-sur- M e r haben am Montagnachmittag eine Anzahl von Transportgesellschaften und Kohlenfirmen mit der Arbeit ausgesetzt.
Fühlungnahme mit England.
Paris, 9. Juni. (DNB. Funkspruch.) Außenminister D e l b o 5 plant, sämtliche diplomatischen Vertreter Frankreichs in Europa in den nächsten Tagen nacheinander nach Paris zu berufen, um sich von ihnen über die gegenwärtige europäische Lage unterrichten zu lassen. Am
26. Juni wird er sich, wahrscheinlich von Ministerpräsident Leon Blum begleitet, zur Ratstagung nach Genf begeben. Vorher wird jedoch eine persönliche Fühlungnahme mit dem britischen Außenminister Eden stattftnden, der um so größere Bedeutung beigemessen wird, als im Außenministerium in Uebereinstimmung mit Leon Blum die Absicht zu bestehen scheint, in der Frage des italienisch-abessinischen Streitfalles in engster Uebereinstimmung mit Großbritannien zu handeln. Das „Oeuvre" glaubt, daß diese Zusammenkunft möglicherweise in Folkestone oder Boulogne stattfinden werde, während andere Blätter Paris als Treffpunkt nennen, weil auch L 6 on Blum sich mit dem britischen Außenminister besprechen möchte, aber vorläufig nicht die Hauptstadt verlassen könne. Der „Petit Parisien" glaubt, daß die Zusammenkunft für den 20. Juni in Paris vorgesehen sei.
Gin „ständiger Ausschuß ' für die Landesverteidigung.
Paris, 9. Juni. (DNB. Funkspruch.) Im Zuge einer gewissen Regierungsreform, die ein engeres Zusammenarbeiten der für die Landesverteidigung tätigen Ministerien vorsieht, ist vom Ministerpräsidenten veranlaßt worden, die Arbeiten des Wehrministeriums, des Marineministeriums und des Luftfahrtministeriums in Uebereinstimmung zu bringen. Mit der Zusammenlegung dieses Ressorts ist der Minister für Landesverteidigung, D a ■ lädier, beauftragt worden. — Es wird ein ständiger Ausschuß für d i e Landesverteidigung geschaffen, der unter feinem Vorsitz den Kriegsminister, den Luftfahrtminister, Marschall Petain und die Chefs der Generalftäbe der Armee und der Luftwaffe sowie den Chef des Ad- miralstabs umfaßt.
2iur noch weniger als A?k Millionen Arbeitslose.
Oer Tiefstand des Vorjahres erheblich unterschritten.
Berlin, 8. Juni. (DJIB.) wie die Reichsanstatt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung mitteilt, hat der Monat Mai — ähnlich wie im Vorjahre — einen weit kräftigeren Rückgang der Arbeitslosigkeit als der April gebracht, und zwar in einem Umfang, wie er feit Jahren nicht beobachtet werden konnte. Die Zahl der Arbeitslosen nahm im 2Uai 1936 um rund 272 000 ab und betrug Ende dieses Monats nur noch 1 491 201. Die im Winter 1935/36 eingetretene Belastung des Arbeitseinsatzes ist damit weit mehr als
ausgeglichen und zugleich der Tiefstand der Arbeitslosigkeit im Vorjahre, der mit rd. 1 706 000 Arbeitslosen auf den 31. August fiel, schon erheblich unterschritten. Dieses günstige Ergebnis gewinnt noch dadurch an Bedeutung, daß die Zahl der Rotstandsarbeiter im gleichen Zeitraum um rund 39 000 planmäßig gesenkt werden konnte. 3m übrigen wird auf den in den nächsten Tagen erscheinenden Gesamtbericht der Reichsanstatt verwiesen, der auch die Entwickl i in den wichtigsten Berufsgruppen enthält.
Oer Verband für Kriegsgräberfürsorge tagt in London.
London, 9. Juni. (DNB. Funkspruch.) Am Montagnachmittag fand die erste Sitzuna des deutsch-englisch-französischen Ausschusses über gemeinsame Kriegsgräberfürsorge in London statt.
Lord Trenchard eröffnete als Ehrenmitglied des Ausschusses die Tagung und begrüßte den General von Seekt, den französischen General G u i l l a u m a t und andere hervorragende deutsche und französische Ausschußmitglieder. Er gab dabei der Hoffnung Ausdruck, daß die Bildung dieses Ausschusses ein Wendepunkt in den gegenseitigen Beziehungen sein möge und daß die gemeinsame Erinnerung an den Heldenmut der Kriegsopfer den Weg zum Frieden weisen müßte. Nachdem General von Seekt und der französische General die Begrüßungsansprache erwidert hatten, nahm der Ausschuß eine vom Präsidenten Sir Fabian Ware formulierte und von General Guillaumat unterstützte Erklärung an, in der der schwere Verlust zum Ausdruck kommt, den der Ausschuß durch den Tod des deutschen Botschafters in London, Herrn von Hoesch, der eines der ersten Ehrenmitglieder des Ausschusses war, erlitten habe.
Nach Ernennung Sir Fabian Wares zum Vorsitzenden der Tagung wurde der Besuch der deutschen Kriegs gröber in England und Schottland besprochen. Ferner wurde beschlossen, Vorbereitungen für die baldige Errichtung von Grab st einen für deutsche Kriegergräber auf britischen Kriegerfriedhöfen in Frankreich zu treffen. Ein weiterer Gegenstand der Beratungen biloete der Wortlaut einer Inschrift, die am Eingang der britischen Friedhöfe in Deutschland angebracht werden soll. Diese Inschrift soll den Dank an das deutsche Volk Ausdruck verleihen, daß diese Friedhöfe nach englischem Brauch angelegt und von englischen Staatsangehörigen betreut werden dürfen.
Am Sockel des Cenotaph, des englischen Ehrenmals, wurde am Montagnachmittag ein Lorbeerkranz mit weißen Lilien und einer Hakenkreuzschleife Seite an Seite mit einem von der französischen Trikolore umwundenen Kranz im Auftrage des Generals von Seekt bzw. des Generals Guillaumat niedergelegt.
hing internationaler Verhältnisse nun einmal gesetzt sind.
Die Friedwilligkeit Frankreichs in allen Ehren. Sie ist beim französischen Volk nicht minder vorhanden als beim deutschen. Aber wie ist diese Friedensbereitschaft für Europa nutzbar $u machen, wenn die französische Staatsführung sie immer noch in Formen und Formeln erstarren lassen will, die ebenso unfruchtbar wie gefährlich sind? Einen neuen Anfang müsse man machen, schrieb die- er Tage die „Times" in einem beachtlichen Aufsatz. Die Erklärungen Blums lassen nur den Schluß zu, daß Frankreich statt dessen weiterhin an einem System festhalten will, durch das nur das Chaosverewigt werden könnte. Dieses System ist nicht nur verhängnisvoll für ein friedliches europäisches Gemeinschaftsleben. Es kann auch die Feststellung nicht unterdrückt werden, daß Frankreich selbst sich der Tyrannei, die seine sture Anwendung zur Folge haben muß, stets zu entziehen verstand, wenn seine eigenen Interessen in anderer Richtung liefen.
Die „Heiligkeit" der Verträge hat ja die ehemaligen Siegermächte von Anfang an gehindert, ich von den eigenen Verpflichtungen, beginnend mit der Abrüstungsklnufel, freizusprechen. Frankreich war es auch, das mit dem Abschluß des Ruffen- paktes sich einer weiteren Eigenmächtigkeit schuldig machte und damit das ganze kollektive Sicherheitsystem vollends in Frage stellte. Auch die Minder- heitenschutzbestimmungen stnd ein Teil des internationalen Rechts. Wo aber ist die Heiligkeit geblieben? Wer so mit verschränkten Armen Rechtsverletzungen und Derttagsbrüche ansehen kann, weil und wenn sie ihn nicht interessieren, der darf ich nicht wundern, wenn sein Bekenntnis zur Achtung vor dem Recht wenig überzeugend wirkt. Er wird sich sagen lassen müssen, daß er nicht eine
allgemeine Rechtsidee, sondern ein eigennütziges machtpolitisches Ziel, unter Mißbrauch hoher Menschheitsgedanken, verfolgt.
Der Fortschritt Europas, die Ueberwindung der schweren Krisis in die dieser Erdteil durch Unverstand und Verblendung 1919 gestürzt worden ist, wird durch solche Programme gewiß nicht ermöglicht. Es ist kein Zeichen von Weitblick, für die Geltung von Verpflichtungen einzutreten, die aus den Irrtümern jener Zeit, aus einer Vermengung von Rachsucht und verstiegenem pazifistischen Wahn geboren worden sind und es ist zugleich eine Zumutung, weil man sich selbst bedenkenlos über diese Verpflichtungen hinwegsetzt, sobald sie als unbequem empfunden werden. Weit davon entfernt eine wahrhafte Friedensbemühung darzustellen, kann man darin nur die Absicht sehen, das europäische Leben weiter unter Ausnahmegesetzen zu halten, denen sich ein Teil der Nationen unterwerfen soll.
Es ist ein Lichtblick, daß man in England d i e innere Unmöglichkeit solcher Bestrebungen mehr und mehr erkennt. Es könnte in der Tat nichts schlimmeres geben, als wenn die Mächte, die jetzt hinter den Kulissen nur nach Maßgabe ihrer eigenen Interessen einen Ausweg aus der Genfer Sackgasse suchen, nach außen so tun würden, als ob nichts geschehen und das Genfer Gesetz — als Verpflichtung für die anderen — noch vorhanden fei. Die kritische Selbstbesinnung und mißtrauische Aufmerksamkeit der mittleren und kleinen Mächte, ist ein warnendes Zeichen, daß die heutige gespannte Lage derartige Zumutungen nicht' mehr verträgt. Notwendig ist vielmehr der Entschluß, in weiser Erkenntnis der Gegebenheiten das Völkerleben von den Fesseln zu befreien, in die es im Namen des Friedens und des Rechts einst geschlagen worden istt
Kein Wort gegen die Achtung und Beachtung der Verträge. Kein Leben, auch das zwischenstaatliche nicht, kann der Ordnung und Regelung entbehren. Aber dann muß diese Ordnung zunächst einmal selber sinnvoll, vernünftig und gerecht sein. Aus der Organisierung des Widerstandes gegen Vertragsbrüche wird solange kein Heil erwachsen, wie die Vertragsinhalte selbst nicht den Erfordernissen der Gerechtigkeit entsprechen. Die „Times" hat kürzlich daran erinnert, daß zum Frieden mehr gehört als die Organisierung des Krieges gegen den Krieg, daß auf der anderen Seite eine vorbeugende, rechtzeitig ausgleichende Politik notwendig ist. Manches, was zur Zeit in England an Reformideen erörter wird, kann durchaus nützliches Baumaterial abgeben. Ein Blick nach Paris zeigt indessen, wo die Hemmnisse liegen, und das außenpolitische Programm Blums, weit davon entfernt, ermutigend zu wirken, ist eher dazu angetan, das Ausmaß der Schwierigkeiten eines europäischen Ausgleichs deutlich zu machen.
Aus der letzten Rede Edens ist das starke Interesse Englands an diesem Ausgleich zu entnehmen, und manches, was der englische Außenminister in diesem Zusammenhang gesagt hat, könnte für das Werk der Stabilisierung der Verhältnisse im Westen durchaus nützlich werden. Um so bedauerlicher ist es und läßt sich sachlich auch nicht rechtfertigen, daß Eden auch diesmal wieder die Neuordnung (Europas als eine Frage des guten deutschen Willens darzustellen versuchte. Wer bisher den Abschluß eines Luftpaktes verhindert hat, dürfte Herrn Eden genau bekannt sein, und statt auf Publikumswirkung berechnete Frage nach der deutschen Vertragsfähigkeit aufzuwerfen, sollte er lieber dahin wirken, daß Frankreich sich zum Abschluß echter Verträge breitfindet. Dies allein ist die für die Zukunft Europas entscheidende Frage.


