Nr. 108 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Samstag, 9. Mai (936
Dankopfer Ser Nation.
Alle deutschen Volksgenossen tragen sich in die Spenderlisten für das Dankopfer der Nation ein!
Die Einzeichnungsstellen:
Sturmbann 11/116 (ließen).
Sturm 5/116 Gießen, Senckenbergstraße 1 (Fahnensaal der SA.-Standarte).
Sturm 6/116 Großen-Linden, Gasthof (Zur Linde) am Bahnhof.
Sturm 7/116 Lang - Göns, Bürgermeisterei, Neugasse 1.
Sturm 8/116 (früher Sturm 12/116) Gießen, Damm- straße 29.
Sturm 45/116 Gießen, Ludwigstraße 55.
Sturm 46/116 Gießen, Ludwigstraße 64.
Sturm 47/116 Gießen, Sonnenstraße 29.
Nachrichten-Sturm Gießen, Neuenweg 28.
Sturmbann III./116.
Sturm 9/116:
Sturmgeschäftsstelle Großen-Buseck, altes Rathaus.
In Trohe: bei Obertruppführer Rühl;
in Rödgen: bei Scharführer Hartung;
in Alten-Buseck: bei Truppführer Körber;
in Oppenrod: bei Rottenführer Pitsch;
in Burkhardsfelden: bei Scharführer Brück.
Sturm 10/116:
Sturmgeschäftsstelle in Steinbach (Schule).
In Garbenteich: auf der Bürgermeisterei;
in Hausen: bei SA.-Mann Fink;
in Dorf-Güll: bei Scharführer Weitz;
in Annerod: bei Oberscharführer Engelhardt und Wallbott;
in Albach: bei Sturmmann Zimmer.
Sturm 11/116:
Sturmgefchäftsstelle Steinheim, Oberstrahe 16.
In Hungen: bei Sturmmann Schmidt, Kaiserstr. 26;
in Rodheim: bei Oberscharführer Koch;
in Langd: bei Obertruppführer Schäfer;
in Nonnenroth: bei Oberscharführer Jakobi;
in Langsdorf: bei Oberscharführer Bausch;
in Muschenheim: bei Oberscharführer Alles;
in Bettenhausen: bei Oberscharführer Müller;
in Bellersheim: bei Rottenführer Kammer;
in Obbornhofen: bei Oberscharführer Schneider;
in Utphe: bei Obertruppführer Rühl;
in Inheiden: bei Oberscharführer Junker;
in Trais-Horloff: bei Rottenführer Schreiber.
Sturm 12/112: Sturmgeschäftsstelle Lich, Bahnhofstraße 40.
in Birklar: bei Scharführer Müller;
in Rieder-Bessingen: bei Sturmmann Maul;
in Eberstadt (bet Lich): bei Oberscharführer Riede- mann;
in Ober-Hörgern: bei Sturmmann Seib.
Sturmbann IV./116.
Sturm 15/116: in Heuchelheim (Gemeindekasse); in Wieseck, Reutersche Wirtschaft.
Sturm 16/116: Sturmlokal in Gießen, Sonnenstr. 29 (Auerhahn);
in Gießen, Gartenstr. 2, Stadtkasse;
in Gießen, Deutsche Bank;
in Gießen, Handels-u. Gewerbebank;
Sturmdienstzimmer: Gießen, Schanzenstraße 18.
Ganitätssturm 147.
Sturmlokal: „Bayrischer Hof" in Gießen, Bahnhofstraße;
in Gießen: Frauenklinik, Klinikstraße 32 C.
Sturmbann I./116 (Allendorf Lda ).
Sturm 1/116: Allendorf a. Lda., im Rathaus.
Londorf: Dienststelle des Sturmes, Steinstrahe;
Treis a. d. Lda.: bei Rottenführer K. Leineweber;
Climbach: im Schulhaus;
Allertshausen: bei Rottenführer Wilh. Ranft, Lon- dorfer Straße;
Kesselbach: bei Scharführer Fritz Schäfer, Mittelgasse;
Odenhausen: bei Sturmmann Hans Schweitzer;
Geilshausen: bei Oberscharführer Wilh. Ranft;
Rüddingshausen: bei SA.-Mann Muth, Wermertsh.
Straße;
Weitershain: bei Sturmmann Theis.
Sturm 2/116: Dienststelle im Rathaus zu Lollar.
Staufenbera: bei Rottenführer Kraft;
Ruttershausen: bei Rottenführer Wicke;
Daubringen: bei Scharführer Ranft; Mainzlar: bei Rottenführer Töppler.
Sturm 3/116: Dienststelle im Rathaus zu Grünberg.
Lauter: bei Sturmmann Möbus;
Ettingshausen: bei Sturmmann Fuchs;
Queckborn: bei Sturmmann Karl Knöß;
Ober-Bessingen: bei Rottenführer Karl Römer;
Beltershain: bei Truppführer Karl Ganz;
Lumda: bei Oberscharführer Karl Starck;
Stangenrod: bei Scharführer Erb;
Weickartshain: bei Scharführer Theiß;
Stockhausen: bei SA.-Mann Jochim;
Göbelnrod: bei Sturmmann Karl Noll.
Sturm 4/116:
Dienststelle in Winnerod (Posthilfsstelle).
Beuern: bei Scharf. Schwalb, Gr.^Busecker Straße; Reinhardshain: bei Scharführer Sehrt;
Bersrod: bei Oberscharführer Hofmann;
Reiskirchen: bei Scharf. K. Hahn, Gießener Straße;
Hattenrod: bei Oberscharführer Karl Rink; Saasen: bei Sanitäts-Scharführer Münch.
Oie Einzeichnungsstellen sind geöffnet:
Werktags von 18 bis 21 Uhr, Sonntags von 8 bis 18 Uhr.
Aus der Provinzialhauptstadt.
Muttertag.
Von Lit Or. Hans Hartmann.
Es gibt ein feines, verstecktes Wort von Goethe aus „Hermann und Dorothea":
„Die Mutter fürwahr bedarf der Tugenden alle ... Zwanzig Männer verbunden ertrügen nicht diese Beschwerde, und sie sollen es nicht, doch sollen sie dankbar es einsehn."
In diesen Worten ist alles ausgesprochen, was man zum Muttertage sagen kann. Es gibt keinen „Datertag", und mancher von uns Vätern mag sich — mehr ärgerlich oder mehr nachdenklich — gefragt haben, warum denn die Väter so sehr hinter den Müttern zurückstehen sollen.
Goethe gibt die Antwort: was eine einzige Mutter leistet und erträgt, läßt sich nicht mit dem vergleichen, was viele Männer auf sich zu nehmen bereit wären. In vielen schlaflosen Nächten sorgl sie sich um das Ergehen ihres Kindes, und wie oft geschieht es, daß nicht nur der Säugling, sondern auch die älteren Kinder besonderer Pflege bedürfen. Da wachsen die Kräfte der liebenden Mutter in einer Weise an, die dem Verstände unvorstellbar bleibt. Es kann in dieser wahren und reinen Mutterliebe ein Glanz des Ueberirdischen und einer göttlichen, schrankenlosen Hingabe liegen. Gewiß: auch der Vater kann ein sehr nahes Verhältnis zu seinen Kindern haben. Es ist aber nicht so sehr das Sich-Mühen, das Sich-Sorgen, die Unruhe des Herzens wie bei der Mutter, die von Anfang an ihren eigenen Herzschlag dem Herzschlag des Kindes gab. Das Kind ist für den Vater eher ein Gegenstand des Stolzes, der Hoffnung auf die Zukunft des Geschlechtes, der Mehrer des Ansehens oder des Ruhmes der Familie.
Die Mutter hat, von ihrem Gefühl aus gesehen, recht. Und doch darf man ihr raten, sich einmal die Goethesche Weisheit zu überlegen, die in dem Satze liegt: „ ... und sie sollen es nicht, doch sollen sie dankbar es einsehen." Das heißt doch: die Männer haben andere Aufgaben als die Mütter, und was man von ihnen ihrer Veranlagung nach verlangen kann, ist nicht, daß sie alles wie die Frauen empfinden, deren natürliche Lebensgrundlage ganz anders ist. Vielmebr sollen sie mit einfühlendem Verständnis dem Wirken der Mütter zusehen, ihnen alles auf ihrem schweren Wege wegzuräumen versuchen, was sie an der Erfüllung ihrer Aufgabe hemmt, und ihnen für das große und heilige Werk, das sie tun, von Herzen danken. Wenn sie so die Wahrheit des Goetheschen Sinnspruches erfüllen, dann erschließt sich beiden, Müttern und Vätern, eine sehr tiefe Lebensweisheit; das ist die Weisheit, daß jeder Mensch, jeder Stand und jedes Geschlecht — Mütter und Väter — ihre vorgezeichneten Aufgaben haben. Sie zu erkennen und zu erfüllen wird zum eigentlichen Lebensinhalt.
Der Mann muß hinaus ins feindliche Leben — so war es je und je. Sehen wir ab von den noch nicht völlig ergründeten uralten Epochen, wo das Mutterrecht und nicht das Vaterrecht herrschte, so hat in geschichtlicher Zeit der Mann den Wagemut verbunden mit der Sorge um seine Familie. Er hat Länder erobert, Staaten geschaffen, hat sich vorgewagt ins Unbekannte, auch ins Reich neuer Gedanken, er hat schöpferisch alle Anlagen entwickelt. Die Mutter aber hat die innerlichen Kräfte des Gemütes gepflegt, sie lebt und webt unmittelbar mit den Kindern und wird so zur betreuenden Gestalt im Hause und in der Gemeinschaft.
- Diese Wahrheit gilt auch für die, die am Muttertage verzichtend glauben abseits stehen zu müssen, weil ihnen Mutterglück versagt ist. Es wäre nicht richtig, wollten sie sich lähmenden Gedanken hingeben. In der göttlichen Schöpfungsordnung ist Raum für viele Lebensgestaltungen. Und jeder, der seinem Leben einen großen Glauben gibt, hat Wert und Berechtigung im Ganzen.
Sie alle aber, voran die Väter, werden eine besinnliche Stunde des heutigen Tages ausklingen lassen in die Mahnung, die zu einem inneren Versprechen wird: Ehret und schonet die Mütter; sie tun ein hohes Werk, von dem alles Dasein, alles Gute und alles Heilige abhängt!
Vornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater (Ring Deutsche Bühne): 20 bis 22.30 Uhr, „Die unvollkommene Ehe". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Arzt aus Leidenschaft". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Im Trommelfeuer der Westfront". — Landschaftsbund Volkstum und Heimat, Ortsring Gießen: 20 Uhr in der Aula des Gymnasiums Vortrag von Fräulein D i e f f e n b a ch „Hessische Trachten und bäuerliche Nadelarbeitskunst". — Gleibergverein: 16 Uhr auf der Burg Gleiberg Generalversammlung. — Kameradschaft ehemal. 116er Gießen: 25jähr. Gründungsfeier; 18.30 Uhr, Kranzniederlegung am 116er Denkmal; 20 Uhr im Caf6 Leib Kameradschaftsabend mit Familie. — Sparerbund, Ortsgruppe Gießen: 20.15 Uhr im Hotel „Hindenburg", Vortrag von Ministerpräsident a. D. Professor Dr. Werner: „Der Sparerbund im Dritten
Reich". — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 17 bis 18 Uhr, Ausstellung von Werken von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden).
Tageskalender für Sonntag.
NSG. „Kraft durch Freude": 8 bis 9 Uhr und 9 bis 10 Uhr, Tennis. — Stadttheater: 11.15 bis 12.15 Uhr, Abschiehskonzert des Städt. Orchesters; 19 bis 21.30 Uhr „Schwarze Husaren". — Gloria- Palalt, Seltersweg: „Arzt aus Leidenschaft". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Im Trommelfeuer der Westfront". — Kameradschaft ehemal. 116er Gießen: 25jährige Gründungsfeier; 9 Uhr im Hotel „Hindenburg" Besprechung; 10.30: Uhr, Besichtigung der neuen Kasernen; 15 Uhr, kameradschaftliches Beisammensein mit den Gießener Soldaten- Kameradschaften auf dem Schützenhaus. — Großdeutsche Feuerbestattung, Geschäftsstelle Gießen: 14.30 Uhr, Führung durch das Krematorium in Gie
ßen. — Oberhessischer Kunstverein (Turmhaus am Brandplatz): 11 bis 13 Uhr, Ausstellung von Wer« Een von Fritz Heidingsfeld (Danzig) und P. A. Böckstiegel (Dresden).
Sladtlheater Gießen.
Heute von 20 bis 22.30 Uhr zum letzten Mal als Vorstellung der Deutschen Bühne die Operette „Die unvollkommene Ehe", musikalisches Lustspiel von A. Nehring. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Paul W r e d e. Freier Kartenverkauf zu Tagespreisen an der Abendkasse.
Stadttheater-Spielplan vorn 10. bis 17.2Hai.
Aus dem Stadttheater-Büro wird uns geschrieben: Sonntag, 10. Mai, von 11.30 bis 12,30 Uhr, 5. (letzte) Morgenfeier. Abschiedskonzert des Städtischen Orchesters. Werke von Johann Strauß. Leitung: Paul Walter. Für Stammabonnenten ist der Eintritt frei! Von 19 bis 21.30 Uhr außer Abonnement die letzte Operettenvvrstellung der Spielzeit „Schwarze Husaren" von W. W. Goetze. Musikalische Leitung: Ernst Bräuer. Spielleitung: Der Intendant. — Dienstag, 12. Mai, von 20 bis 23 Uhr, als 30. Vorstellung im Dienstag-Abonnement ein heiterer Opernabend: „Der Apotheker", komische Oper von Joseph Haydn. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul W r e d e. Hierauf „Susannes Geheimnis", Oper von E. Wolf- Ferrari. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Paul W r e d e. — Mittwoch, 13. Mai, von 19.30 bis 22.30 Uhr, „Der Apotheker", komische Oper von Joseph Haydn. Hierauf „Susannes Geheimnis", Oper in 1 Akt von E. Wolf-Ferrari. 30. Vorstellung im Mittwoch-Abonnement. — Freitag, 15. Mai, von 20 bis 22.30 Uhr, das Matrosenstück „In Luv und Lee die Liebe", Lustspiel von Friedrich Lindemann. Spielleitung: Kurt Lüpke. 30. Vorstellung im Freitag-Abonnement. Sonntag, 17. Mai, von 19 bis 21.30 Uhr, das geistreichwitzige Curt-Goetz-Lustspiel „Towarisch", Komödie von I. Deval; bearbeitet von Curt Goetz. Spielleitung: Wolfgang Kühne. Die Vorstellung ist außer Abonnement.
Dorträge im Sparerbund Gießen.
Die Ortsgruppe Gießen des Sparerbundes veranstaltet am heutigen Samstagabend im Gasthaus „Hindenburg" eine öffentliche Versammlung, in der Ministerpräsident a. D. Professor Dr. Werner über das Thema „Der Sparerbund im Dritten Reich" sprechen wird. Anschließend hält Missionar Walther (Gießen) einen Lichtbilder-Dortrag über seine Erlebnisse in französischer Kriegsgefangenschaft in Dahome. (Siehe gestrige Anzeige.)
Deutsche Arbeitsfront.
Verwaltungsstelle 19 Gießen.
Bekanntmachung.
Die Mitgliedsbuch - Umschreibestelle wird am 1. Juni 1936 aufgelöst. Wir bitten daher diejenigen Volksgenossen, welche ihr Mitgliedsbuch- bzw. Karte noch nicht zur Umschreibung abgegeben haben, dies bis zum 20. Mai 1936 nachzuholen. Bücher, welche nach diesem Termin eingehen, können nicht mehr umgeschrieben werden.
Für die Mitglieder der ehemaligen Deutschen Angestelltenschaft ergeht noch nähere Anweisung.
NE.-Gemeinschast„Krast durch Sreufre'
Omnibusfahrt am 17. 7Nai.
Am Sonntag, 17. Mai, findet eine Omnibusfahrt nach Braubach a. Rh. über Bad Ems statt. Die Fahrt geht von Klein-Linden aus, den Gießener Teilnehmern ist die Möglichkeit gegeben, schon in Gießen einzusteigen. Die Fahrtkosten einschließlich Mittagessen betragen 6,60 Mk. Wir bitten alle Interessenten, sich umgehend bei dem Ortswart „KdF." Klein-Linden, Hügelstraße (Neußer), ober auf der Kreisdienststelle, Gießen, Schanzenstraße 18, anzumelden.
Der Sonderzug nach Heidelberg mußte leider auf Sonntag, 7. Juni, verschoben werden. Weitere Anmeldungen werden auf der Kreisdienststelle, Gießen, Schanzenstraße 18, und bei allen Orts- und Betriebswarten entgegengenom»
■ Bei rauher Witterung EÜ™ Creme 30 Pfg.
MMMWAiMk
Roman von Marlise Kölling.
Urheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.
H. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Benedikte sah Hans-Hermann ernst an. Der schlug die Augen nieder. Er konnte Benedikte nicht anschauen und auch plötzlich Josua nicht.
Nun war alles verstaut. Benedikte und Fräulein Giesecke sahen im Wagen, Hans Hermann ihnen Gegenüber. Das Gepäck hatte ein Fischerjunge auf feinen Karren gepackt und versprach, es bald ins „Endlich allein" zu bringen. Auf dem Bock des Wagens aber saß Josua und knallte fröhlich mit der Peitsche.
Benedikte saß still und sah mit strahlenden Augen um sich. Wie schön war dies Land! Wie unendlich groß und weit der Himmel. Zeitweise wurde der Wiesenweg so schmal, daß man glaubte, das Wasser müßte zusammenfließen, so eng kamen Außenmeer und Bodden zusammen.
Der klapprige Wagen fuhr lautlos auf dem weichen Wiesengrund dahin. Eine Windmühle drüben im Dorf drehte sich langsam und geruhig. Kinder liefen am Wege vorbei, schauten neugierig hinauf zu den Passagieren. Jetzt kam das zweite Dorf mit seinen niedrigen Häusern.
„Sie können schon unser Häuschen sehen", sagte Fräulein Giesecke. Sie wies mit der Hand auf ein Heines Anwesen.
„HÜ, guter Ebenezer", rief Josua und brachte m elegantem Bogen den Wagen vor „Endlich allem" zum Stehen.
Benedikte war es geradezu ehrfürchtig zumute, als sie durch die Gartenpforte auf ihr eigenes Gelände trat. Das sollte nun ihre Heimat werden? War es wirklich der Boden, in dem sie endlich, endlich Wurzeln schlagen sollte?
Breit und festgefügt lag das Haus da. Das tief« gezogene graue Dach legte sich beschützend über die Mauern. Die Wände waren aus Klinkern schön gebildet, die Fenster lugten niedrig und breit, die Tür von altem Eichenholz schimmerte tief braun und war mit einer schönen handgeschmiedeten Klinke versehen. Ein Gewinde von Tannengrün,
mit rosa Papierrosen verziert, schlang sich um die Eingangspforte. Ein rotes Schild „Herzlich willkommen" wehte im Winde hin und her.
„Möge Ihnen der Eintritt in dies Haus viel Glück bringen", sagte Fräulein Giesecke. Sie war etwas umständlich von dem Wagen heruntergeklettert und stand nun neben Benedikte.
Hans-Hermann betrachtete das Haus. Es war besser, als er erwartet hatte. Nun kam Josua und öffnete die Tür. Strahlend ließ er Benedikte und ihren Vetter eintreten.
Eine angenehme Wärme kam ihnen entgegen. In der Küche bullerte es leise in dem großen Herd. Alle Türen zu den Zimmern waren geöffnet. Benedikte konnte Besitz nehmen von ihrem Eigentum.
Wie von einem schönen, glücklichen Traum befangen, ging sie an Fräulein Gieseckes Seite durch Die Zimmer. Josua wagte nicht zu folgen, das hätte der Respekt verboten, aber sein brauner Wollkopf schaute ihnen erwartungsvoll aus der Küchentür nach.
Das Haus war innen so schön wie außen. E>ne große Diele gab es, bunt angestrichen, eine schöne helle Holztreppe führte von der Diele aus in den oberen Stock. Unten befanden sich außer der Küche noch zwei Räume. Ein Wohnzimmer mit schönen alten Bauernmöbeln ausgeftattet, dahinter ein Raum, der, wie Fräulein Giesecke erklärte, das „afrikanische Zimmer genannt wurde.
Hier hatte Hubert Zedlitz einen großen Teil seiner aus Ueberfee mitgebrachten Schätze aufgeftapelt. Die Wände waren mit bunten Matten bedeckt. Eigentümliche Wappen und Schilder, absonderliche Gerätschaften und Ketten waren wie ein Fries oberhalb der Matten anaeorbnet. Bunte, handgeknüpfte Teppiche deckten den Boden. Bizarr geschnitzte Hocker und ein großer Tisch mit merkwürdigen eingeritzten Tierzeichnungen bildeten das Mobiliar. Eine Ecke um den Kamin herum war ganz von der großen Bibliothek eingenommen.
„Hier konnte er im Winter Tag für Tag sitzen, studieren, überlegen und schreiben, hat Josua mir erzählt", berichtete Fräulein Giesecke. „Ich bin ja erst im letzten Winter hierhergekommen, als er so schwerkrank war Aber auch da kostete es Mühe, ihn zum Schlafen zu bringen. Er müßte noch vieles fertig schaffen, sagte er immer, wenn ich mitten in der Nacht noch Licht sah und ihn mahnen kam. Er schrieb an irgendeinem großen Werk. Ich weiß
nicht, was daraus geworden ist. Vielleicht finden Sie es noch hier irgendwo in den Schubladen."
Sinnend stand Benedikte in diesen Räumen, die einst der Tote geschaffen, in denen er gelebt und die nun ihre Heimat werden sollten.
„Sie werden mir viel von Onkel Hubert erzählen, nicht wahr, Fräulein Giesecke?" bat sie. „Es ift ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich ein so großes Geschenk von jemanden zu bekommen, von dem man gar nichts weiß."
Das alte Fräulein lächelte.
„Da müssen Sie sich vor allen Dingen mit Josua anfreunden. Josua kannte Hubert Zedlitz, glaube ich, bis in die letzte Falte seiner Seele. Josua war sein Vertrauter, ja, ich mochte meinen, er war ihm beinahe ein Freund."
„Auch ich denke, ich werde gut Freund mit Josua werden, nicht wahr, Josua?" fragte Benedikte freundlich.
Denn Jofua war jetzt in die Tür getreten, um zu melden, daß das Abendbrot angerichtet wäre.
Jofua strahlte über sein ganzes zerknittertes Gesicht.
„Haben Master Zedlitz gesagt zu Josua: Josua, du werden es gut haben bei junge Herrin. Haben oft so gesagt, ehe er sein gestorben. Und ich glauben, er recht haben." Dann riß er mit einem Schwung die Tür zu dem Eßzimmer auf.
„Wie hübsch", sagte Benedikte unwillkürlich, als sie den Tisch in dem bunten, behaglichen Bauernzimmer sah. Eine Lampe aus getupftem Holz, ein vielfarbiger Bauernkranz, sandte mildes Licht über den gedeckten Tisch. Ein blauweiß gewebtes schönes Tuch deckte die Platte. Blaukariertes Geschirr stand da in einfachen, schönen Formen. Auf einer schneeweiß gescheuerten runden Holzplatte lag Schinken und derbe Wurst, braunes, lockeres Brot duftete herb.
„Alles eigene Erzeugnisse", erklärte Fräulein Giesecke, „das Brot ist aus unserem Getreide gebacken, der Schinken und die Wurst stammen von dem Schwein Isabella."
Benedikte lachte:
„Vorhin hat sich Hans-Hermann über den Namen des Pferdes gewundert. Was für eine Erklärung haben Sie nun für diese wunderliche Benennung?"
„Eine Idee von Josua, Fräulein Benedikte. Er war nämlich im vorigen Sommer einmal in Stral
sund und hat dort einen Wanderzirkus mit einer Riesendame gesehen. Die hat ihm mächtig imponiert. Und als er horte, daß die Riesendame lebend zwei Zentner wog, was vielleicht nicht übertrieben war, schwor er, unser Ferkelchen müßte mindestens dasselbe Gewicht bekommen. Auf alle Fälle hat er ihm zu beiderseitiger Aneiferung den Namen der Riesendame gegeben ..."
Hans-Hermann lächelte:
„Ein sonderbarer Kauz! Josua ist einzig in seiner Art."
Da schüttelte Fräulein Giesecke den Kopf: „Sie werden noch mehr sonderbare Käuze hier auf der Insel finden, auch unter den Eingeborenen. Da kann Ihnen wieder einmal Josua mancherlei erzählen."
Es war für Benedikte ein eigentümliches Gefühl, als sie zum ersten Male von dem Brot aß, das hier auf ihrem eigenen Grund und Boden gewachsen war. Locker und doch fest, würzig und doch zart schmeckte es. Ganz anders wie das Brot, das man in der Stadt kaufte.
Sie schloß einen Augenblick die Augen. Sie sah das Gut ihrer Verwandten, vor sich die Ernte, braungebrannte Menschen, Arme, die die blitzende Sense durch das Feld führten. Sie horte das Singen der Mähmaschine, sah die Schnitter heimkehren, müde, aber doch froh des vollbrachten, gesegneten Tagewerks. Sie sah den Erntekranz hoch auf dem Wagen schwanken, horte die alten Lieder und das fröhliche Getümmel des Erntefestes. Sie atmete in Gedanken den Geruch der Tenne, auf der das (Betreibe gedroschen wurde, diesen heißen, etwas staubigen und doch so würzigen Geruch. Sie roch den Brotteig, wenn er gelb in den bastgeflochtenen Korben in der Brotküche stand. Sie sah sich als Kind mit neugierigen Augen vor dem Ofen stehen, aus dem die gebackenen Brote herauskamen, braun und glänzend, duftend von Frische, in ihrem goldenen Braun an die Erdkrume erinnernd, aus der das Korn gesprossen war.
Alles das sah sie in diesem ahnungsvollen Augenblick, Freude und Sorge, Mühe und Arbeit, Ernte und frommen Dank. Und dies alles würde sie nun Jahre hindurch miterleben auf ihrem eigenen Boden! Ihm würden ihre Sorgen gelten, ihre Mühe, ihre Freude und ihre Hoffnung. Es war ihr wie eine heilige Handlung, als sie dies Brot brach.
(Fortsetzung folgt!)


