Ausgabe 
9.1.1936
 
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Nr. 7 Erster Blatt

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186. Jahrgang

Donnerstag, y. Januar 1956

Eichener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Starke Kloiienkonzeniraiion um Gibraltar.

Ltebungsfahrten" britischer und französischer Geschwader im Augenblick des Zusammen­tritts der Genfer Sanktionskonferenz zur Beratung der Oelfperre gegen Italien.

fen hätten.Morning Post" meldet, daß die Mittei­lung von den französischen Flottenbewegungen in London als außerordentlich bedeutungsvoll ange­sehen werde. Man sei der Ansicht, daß sie als ein Zeichen der neuen englisch-französi­schen Zusammenarbeit aufgefaßt werden könnten. Frankreich beurteile jetzt die Sühnepolitik günstiger. Es sei tatsächlich sehr wohl möglich, daß Laval einer Oelfperre nicht wider­sprechen würde, wenn sie vom Achtzehner-Aus­schuß empfohlen würden. Andererseits würde es auch für die britische Negierung sehr schwierig sein, nicht für die Sperre zu stimmen, nachdem der Mangel an Unter st ützung im Mittel­meer beseitigt sei. Es könne keine Zweifel bestehen, daß die französischen Generälstäbe in den

Für und wider die Oelfperre.

Furcht vor den Folgen energischen Vorgehens.

Paris, 9. Ian. (DNB. Funkspruch.)Oeuvre" spricht den französischen Flottenübungen jede poli­tische Bedeutung im Zusammenhang mit dem ita- linenisch-abessinischen Kriege ab. Auch die englischen Flottenoerschiebungen im Mittelmeer hätten ledig­lich den Zweck einer Auswechslung der Ein­heiten, wobei sogar zu berücksichtigen sei, daß die neuen Einheiten, weniger stark seien, als die alten.

Die Erklärung der englischen Presse, daß es sich bei den französischen Manövern um die erste Aus­wirkung der französisch-englischen Zusammenarbeit handele, seien aus der Luft gegriffen; denn leider beschränke sich diese Zusammenarbeit in Wirklichkeit auf r e ch t w e n i g. Es scheine sogar, als ob man jetzt auch auf englischer Seite von der Ausdehnung.d e r--»S ü 6 ne maßnah - men a u f Erdöl Ab st and genommen habe, und es sei äußerst wahrscheinlich, daß man in Genf am 20.Januar diese Frage noch einmal ver­tagen werde unter dem Vorwand, daß der amerikanische. Kongreß noch nicht den endgültigen Wortlaut des Neutralitätsgesetzes ver­abschiedet habe.

Man sehe aber auch die schwerwiegenden Folgen, die ein Erdölausfuhroerbot nach sich zie-

britische Lage der Flottenkonferenz.

Oie Japaner beharren auf der Flottengleichheit.

Abkommen mit England einen wertvollen Schulfall für eine gegenseitige U n - t e r st ü tz u n gbei einer zukünftigen ernsteren Gelegenheit" sehen. Diese Erwägung spiele eine immer wichtigere Rolle.

Italiener aus Malta ausgewiesen.

London, 9. Jan. (DNB. Funkspruch.) In Malta hat die Polizei in den Häusern von 14 Personen, von denen die meisten Italiener sind, Haus­suchungen vorgenommen. Alle 14 Personen wur­den fe st genommen und sechs von ihnen, sämt­lich Italiener, werden heute ausgewiesen wer­den. Es handelt sich um einen italienischen Professor, einen faschistischen Leutnant, einen Konsulatsbeam­ten und drei Kaufleute.

hen könnte, und zwar aus folgenden Gründen: Man sei auf der einen Seite davon überzeugt, daß sich Italien inzwischen für mehrere Monate mit Erdöl eingedeckt habe, außerdem befürchte man, daß die Ausdehnung der Sühnemaßnahmen den Abbruch der diplomatischen Be­ziehungen nach sich ziehen könne. Man be­fürchte aber ganz besonders, daß ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen notgedrungen eine A n - naherung Italiens an Japan, Deutsch­land und Ungarn herbeiführen werde.

In Paris und London sei man sich heute auch dar­über klar, daß Mussolini es lebhaft be­dauere, die Pariser Vorschläge a b g e l e h n t zu haben. Man glaube zu wissen, daß Italien diese Haltung deshalb eingenommen hat, weil es ange­nommen hat, einflußreiche abessinische Für­st e n mit Geld von etwa 125 Millionen Franken für sich zu gewinnen und Abessinien in eini­gen Monaten ohne die Einmischung des Völkerbun­des erobern zu können. Diese Rechnung war jedoch falsch gewesen. Auf alle Fälle werde man jetzt damit rechnen müssen, daß sowohl Paris als auch London den Dreizehner-Ausschuß veranlassen würden, neue Vorschläge auszuarbeiten.

Verstärkung der britischen See- streitkräste um Gibraltar.

Weitere Teile der Heimatflotte Mitte Januar auf Kreuzfahrt.

London, 8. Januar (DNB.) Wie die eng­lische Admiralität mitteilt, werden von der Heimat flotte die SchlachtschiffeNel­son" (das Flaggschiff des Admirals Backhouse, Kom­mandanten der Heimatflotte) undRodney", der FlugzeugträgerFurious", der KreuzerCairo" und die 21. Zerstörerflottille in Uebereinftimmung mit dem alljährlichen Brauch etwa Mitte Januar eine Frühjahrskreuzfahrt antreten. Gleichzeitig werden die jetzt in Gibraltar befindlichen Ein­heiten der Heimatflotte, nämlich die Schlachtschiffe Hood" undRamillies" und die KreuzerOrion" undNeptune" nach England zurückkehren. Die Flottenbewegung bedeutet eine beträchtliche Verstärkung der britischen Flotten- streitkräfte in der Nähe von Gibral­tar.

Die Einheiten der Heimatflotte, die sich an den Frühjahrsübungen beteiligen, werden ihre Manöver voraussichtlich wie in den beiden vorhergehenden Jahren südwestlich von Gibraltar durch­führen. WieDaily Telegraph" meldet, werden auch die zur Zeit in Gibraltar liegenden Kriegs­schiffe der Heimatflotte, die nur vorüber­gehend nach England zurückkehren, ebenfalls an den Frühjahrsübungen in derNähe von Gibraltar teilnehmen. Ihre Rück­fahrt nach England habe lediglich den Zweck, den Schiffsbesatzungen ihren überfälligen Weih­nachtsurlaub zukommen zu lassen.

Das französische Mantik- geschwaderlanstnachMarokkoaus

Admiralstabsbesprechung in Brest.

Paris, 9. Jan. (DNB. Funkspruch.) Das Ma­rineministerium hat am Mittwochabend bekannt­gegeben, daß das 2. Geschwader eine für mehrere Wochen vorgesehene Uebungsfahrt an die Westküste Afrikas unternehmen werde. Unter dem Kommando des Admirals Dar- lan wollen die Schiffe des Geschwaders die Heimat­station Brest am 14. Januar in Richtung Casablanca verlassen, wo sie am 18. Januar eintreffen werden. Von Casablanca aus sollen die Schiffseinheiten weiter Kurs auf Dakkar neh­men und vom 26. Januar bis 6. Februar in Dakkar liegen, wo die FlottilleEmile Berlin", die sich auf der Heimreise befindet, zu ihnen stoßen soll. Am 26. Februar wird das 2. Geschwader wieder in Brest einlaufen, nachdem es vom 1. bis 14. Februar erneut Aufenthalt in Casa­blanca genommen hat.

Zu einem großen zweitägigenFlotten­manöver" am Kartentisch hat der Gene­ralinspektor der nördlichen Flotte, Vizeadmiral Dubois, sämtliche Admirale und Kriegsschiff- kommandanten des zweiten Geschwaders und die Leiter der Marinedienststellen des II. Wehrbezirks in Brest zusammenberufen. Thema des Manö­vers ist das plötzliche Auftauchen eines feindlichen Geschwaders. Es soll die Ent­schlußkraft der leitenden Seeoffiziere geprüft und festgestellt werden, wie schnell deren Befehl im Falle der Verteidigung ober bei einer Seeschlacht den Kriegsschiffeinheiten übermittelt werden können.

Reuter weist darauf hin, daß über 90 fran­zösische Kriegsschiffe aller Klaffen am 20. Januar im Mittelmeer ober in dessen Nähe kreuzen werben. An biesem Tage trete der Genfer Achtzehner-Ausschuß zusammen, von dem man annehme, daß er über bas Oelaus- fuhrverbot gegen Italien beraten werbe. Das Auf­treten zweier weiterer französischer Geschwader werde in Paris als ein Zeichen dafür ausgelegt, daß die kürzlichen Besprechungen zwischen den bri­tischen und den französischen Flottensachoerständigen Früchte getragen hätten.

In London wird allerdings erklärt, daß die fran­zösischen Flottenbewegungen nicht die Folge der technischen Besprechungen zwischen den britischen und den französischen Stäben über die Frage einer gegenseitigen Hilfeleistung seien. Die Bewegung der französischen Flotte sei auf französische Ini­tiative zurückzuführen.

Alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen.

Die größte Flottenzusammenziehung im Mittelmeer seit dem Weltkrieg.

London, 9. Jan. (DNB. Funkspruch.>.Daily Herald" weist in einer groß aufgemachten Mel­dung daraufhin, daß die Folge dieser britischen Maßnahmen und der französischen Flottenbewe­gungen die größte Flottenzusammen­ziehung feit öem Weltkriege im Mit­telmeer und auf der Höhe von Gibraltar vor­handen fein werde, wenn der Völkerbunds­rat am 20. Januar zufammentrete. Tatsache sei, daß die Völkerbundsstaaten nunmehr alle wichtigen Vorsichtsmaßnahmen für ein gemeinsamesNor gehen im Falle eines italienischen Angriffes im Mittelmeer ergrif-

London, 9. Jan. (DNB. Funkspr.) Die Aus­sichten der Flottenkonferenz werden von den heuti­gen Morgenblättern außerordentlich pessi- m i ft i f <±) beurteilt, nachdem d i e japanische Abordnung am Mittwoch die Erörterung der britischen, französischen und italienischen Vorschläge für einen Austausch von Mitteilungen über die Flottenbauprogramme abgelehnt hat.Daily Telegraph" meldet, die japanische Abordnung habe auf der gestrigen Sitzung ein Ultimatum ge­stellt, daß sie kein neues Begrenzungs­abkommen weder mengen- noch wertmäßiger Art erwägen wolle, bevor Japan eine vollstän­dige Flottengleichheit mit dem Bri­tischen Reich und den Vereinigten Staaten erreicht habe. Man befürchtet, daß die Konferenz möglicherweise schon in dieser Woche vertagt werde. Immerhin werde vielleicht zwi­schen England, Amerika, Frankreich und Italien ein Abkommen über die Begrenzung der Kriegsschiff- Tonnage, das sehr wichtig für die Steuerzahler fei, erzielt werden.

In Kreisen der amerikanischen Abordnung sei man am Mittwochabend über die japanische Un­nachgiebigkeit besonders betrübt gewesen, um so mehr als eine weitgehende Einigkeit über alle Nebenpunkte zwischen den bri­tischen, amerikanischen und italienischen Delegierten bereits erreicht worden sei. Die Konferenz ist vorläufig bis Freitag vertagt worden und zwar in der Absicht, die Konferenz vor einem Zusammen­bruch zu retten. Am heutigen Donnerstag finden private Zusammenkünfte zwischen den Abordnungen statt, um noch in letzter Stunde auf eine Aenderung der japanischen Haltung hinzuwirken.

Tokio rechnet mit dem Zusammenbruch der Konferenz.

T o k i o , 9. Jan. (DNB. Funkspruch.) Die gesamte japanische Presse rechnet mit dem bevorstehenden Zusammenbruch der Londoner Flottenkonse­renz. Die Blätter weisen jedoch scharf den Versuch zurück, Japan für das Scheitern verantwortlich zu machen. Diplomatische Kreise bezeichnen die Ab­sicht, Japan etwa aus dem Fünfmächte-Kreis aus­zuschließen, für unbillig und undenkbar. Japanische Marinekreise halten ein Vier­mächte - A b k o m m e n ohne Japan für wertlos, da Japan eine .Flottengroßmacht fei, die bei jedem internationalen Flottenabkommen notwendigerweise hinzugezogen wer­den müsse. Im übrigen sieht man keinen Anlaß zu irgendeiner Beunruhigung, da die japanische Flot­tenpolitik für einen etwaigen vertragslosen Zustand bereits f e ft g e l e g t ift

Das BlattTokio Asahi Schirnbun" meldet aus Neuyork, daß die englisch-amerikanische Flottenpolitik schon vor der Konferenz von Washington im geheimen fe st gelegt ge­wesen sei mit dem Ziel einer Zusammenarbeit gegen Japan und der Aufrechterhaltung des Verhältnisses der Flottenstärke. Das erste Ergebnis einer Zusammenarbeit sei damals schon die Kündi­gung des englisch-japanischen Bündnisses gewesen.

Ende des Generalstreiks in Buenos Aires.

Kommunistische Umtriebe in der Provinz Santa Fe.

Buenos Aires, 9. Jan. (DNB. Funkspr.) Der Generalstreik in Buenos Aires dauerte bis Mittwoch 18 Uhr, doch wird die Beendigung des Streifs sich erst am heutigen Donnerstag früh tat­sächlich auswirken. Neue Gewalttaten wur­den hauptsächlich im Stadtteil Villa De­vot o verübt, wo Fuhrwerke verbrannt und stellenweise Bahnschienen zerstört wurden. Hervorzuheben ist, daß der Streik den gestrigen Tag hindurch andauerte, ohne daß sich die Streikenden auf irgendeinen Befehl der Streik­leitung beriefen. Die Stadtverwaltung in Buenos Aires befahl den Angestellten der Kleinomnibusfe, den Verkehr um Mitternacht wieder aufzunehmen, widrigenfalls die Verträge als verfallen gelten soll­ten und die Wagen beschlagnahmt und von neu eingestellten Lenkern gefahren werden sollten. Im übrigen herrschte gegen Mitternacht Ruhe und die Lage ist offenbar wieder normal. Aus der Provinz Santa Fe wird von Umtrieben unter den Landarbeitern berichtet. Dort wurden kom­munistische Agitatoren unter der Führung eines gewissen Isaac Libenson festgestellt.

Aufstände in Ostsibirien?

Tokio, 8. Jan. (DNB.) Großes Aufsehen er­regen hier Nachrichten aus H s i n k i n g, der Haupt­stadt von Mandschukuo, über zahlreiche sowjet- russische Verschwörungen in Ostfibi- r i e n. In etwa 200 Fällen sollen Bombenan­schläge auf Eisenbahnen und m i l i t ä = rische Anlagen verübt worden sein. Auch wird berichtet, daß es im Baikal-Gebiet zu E r - Hebungen der Bauern gekommen sei. In Nerchinsk, Chabarowsk und Wladiwostok sollen ebenfalls Aufstände und schwere Zusammenstöße erfolgt sein, bei denen insgesamt im letzten Jahr über 3 0 0 Tote zu verzeichnen gewesen seien. Mehrere hundert Personen seinen verhaftet und durch Giftgas hingLaichtet worbe&

Aegyptens verwundbare Flanke.

Von Or. Paul Rohrbach.

Es ist merkwürdig, wie sich jetzt zwifchenEng- land und Italien, mit umgekehrten Vorzei­chen, eine Lage wiederholt, wie sie 1914 bei Sius« bruch des Weltkrieges zwischen Eng- land und der Türkei als Bundesgenossin Deutschlands bestand. Jahrelang hatten die Wenigen, die über die geographisch-strategischen Verhältnisse im Orient aus eigener Anschauung unterrichtet waren, (ich spreche hier aus eigner bitterer Erfahrung) dar­auf gedrungen, den Bau der Bagdadbahn so weit zu beschleunigen, daß zwischen den fertigen Bahnsystemen in Kleinasien und Syrien die Verbin­dung durch die Gebirgsstrecken im Taurus und Ama- nus hergestellt würde. Wäre das rechtzeitig ge­schehen, so hätte gleich zu Beginn des Krieges ein schwerer Druck zu Lande auf Englands Stellung in Aegypten und damit auf den Suezkanal ausgeübt werden können. Die Nor­malspurverbindung wurde aber erst fertig, als der Krieg schon zu Ende war, und sie konnte gerade noch für den Rücktransport der Trümmer der deutsch- türkischen Armeen nach dem Zusammenbruch der Palästinafront benutzt werden.

Eine Druckstsllung gegenüber Aegypten, so wie sie uns im Weltkriege fehlte, besitzen jetzt einiger­maßen die Italiener, nur nicht von der öst­lichen, asiatischen, sondern von der westlichen,l i» byschen" Seite her. Libyen nennen die Ita­liener ihren nordafrikanischen Besitz als Ganzes; der westliche, an Tunis grenzende Teil ist Tripoli- tanien, der östliche, Aegypten benachbarte, ist die Kyrenaika, deren antiker Name jetzt wieder an die Stelle der früheren türkischen Benennung Barka ge­treten ist.

Die letzten Berichte besagen, daß Italien seine Truppenmacht in der Kyrenaika auf 80 000 Mann verstärkt habe, d. h. etwa auf das Dreifache der in Aegypten vorhandenen englischen und ägyptischen Streitkräfte. Im ersten Augenblick könnte deren Schwäche verwunderlich erscheinen, aber die ägyp­tische Armee ist klein, sie zählt nur wenig über 10 000 Mann und ist überdies arm an Spezialwaffen. Eng­land hat in früheren Jahren absichtlich dafür gesorgt, daß Aegypten militärisch nicht stärker würde. Die englische Besatzung ist ungefähr ebenso stark, aber durch Flugzeuge und motorisierte Kräfte besonders leistungsfähig gemacht.

Die Kyrenaika ist d a s beste Stück von Jtalie- nisch-Nordafrika, viel wertvoller als Tripolitanien. Sie war im Altertum ein blühendes griechisches Ko­lonialgebiet; von den fünf Städten, die es zählte, war Kyrene die größte und reichste; nach dem Um­fang ihrer Ruinen, die jetzt allmählich ausgegraben werden, mag sie 100 000 Einwohner gezählt haben. Kyrenes Reichtum beruhte zum großen Teil auf dem Export einer dort wachsenden, im Altertum hochgeschätzten Gemüsepflanze, das S i l p h k u m. Man weiß nicht, was für ein Kraut es war, gegen­wärtig wächst nichts Aehnliches mehr in der Kyre­naika. Die sogenannte Arkesilas-Schale, eins der be­rühmtesten im Altertum gearbeiteten Gefäße, aus dem 6. Jahrhundert v. Ehr., zeigt in schwarzfiguriger Malerei auf weißem Grunde den König Arkesilas II. von Kyrene, wie er das Abwiegen und Verfrachten von Silphium im Hafen beaufsichtigt.

Die klimatischen und Bodenverhältnisse in der Kyrenaika würden auch ohne das Silphium eine recht ausgiebige italienische Kolonisation in der Kyrenaika erlauben; man begreift es daher nicht recht, warum Italien nicht mehr Mühe auf die Ent­wicklung dieses besten Stücks feiner afrikanischen Mittelmeerbesitzungen verwendet. Der Regenfall ist in großen Teilen der Kyrenaika nicht schlechter als in Sizilien; auf dem Dfchebel el-Achdar, dem Grü­nen Gebirge", gibt es sogar ganz ansehnliche Wälder, und das Hochplateau erhält in den Monaten No­vember bis März über 400 Millimeter Regen. Das reicht sogar für den Getreidebau; für die Kultur des Delbaums find die Verhältnisse glänzend, besser als im französischen Tunis, wo die Olivenkultur große Fortschritte gemacht hat.

Die Kyrenaika hat gute Häfen. Der beste ist Tobruk, keine 150 Kilometer von der ägyptischen Grenze bei S o 11 u m entfernt. Tobruk ist der Haupt- ausfchiffungsplatz für die italienischen, in der Kyre­naika massierten Truppen. Von Sollum bis Alexandrien beträgt die Entfernung auf der outen, von Aegypten gebauten Küstenstraße rund 500 Kilometer Keine unbedeutende Strecke, aber für motorisierte Truppen rasch zurückzulegen. Gefährlich ist die Nähe des Meeres, denn die Straße kann von dort kreuzenden Schiffen beschossen werden. Die Marschroute weiter landeinwärts zu verlegen, ist darum schwierig, weil eine Menge aus dem Innern herabkommender Trockentäler gekreuzt werden müssen. Um motorisierte Kräfte in Sicherheit vor der Beschießung von See aus vorwärts zu brin­gen, müßte nach dem Ueberschreiten der lybisch-ägyp- tischen Grenze erst ein behelfsmäßiger Transport­weg angelegt werden.

Natürlich würden auf der Linie zwischen Sollum und Alexandria im Angriff wie in der Abwehr auch Flugzeuge eine große Rolle spielen, von denen die Italiener dort eine stärkere Macht ver­sammeln können als die Engländer. Für einen Vor­marsch auf der Küstenstraße könnte auch, wie es jetzt die Abessinier bei ihren Angriffen tun, bis zu einem acmiffen Grade die natürliche Deckung der Nacht benutzt werden. Auch gegen die Beschießung motori­siert vorrückender Truppen von der See aus können Bombenflugzeuge eingesetzt werden. Im einzelnen lassen sich die Chancen für und wider einen Land­angriff auf Aegnpten von der Kyrenaika her schwer im voraus detaillieren, aber im ganzen sind sie we­niger ungünstig als Jur Zeit des Weltkrieges vos