Nr. 184 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samttag, 8. August 1936
XL OLYMPISCHE SPIELE W
Wieder errangen die deutschen Olympia-Kämpfer drei Goldene Medaillen. Toni Merkens besiegte im 1-km-Mal- fahren seinen alten Rivalen van Vliet-Holland und wurde damit Olympiasieger. Für zwei weitere Goldene Medaillen sorgten die Kanufahrer. Im 10000-m-Kanurennen gewann im Kajak-Zweier Wevers-Landen und im Kajak-Einer siegte Ernst Krebs. Außerdem wurden gestern zwei Silberne und eine Bronzene Medaille für Deutschland errungen.
BERLIN 1936
Gedanken
um Olympische Leistungen.
Don unserem £)r. ®. St-Sonderbenchterstatter
Berlin, den 7. August 1936.
Im Trubel des Verkehrs, im Durcheinander aufgeregter Menschen, die eilig nach dem Reichssportfeld hinausfahren wollten, sah ich einen Mann, der sich ruhig in seine Zeitung vertiefte, der mitunter kopfschüttelnd aufblickte und die Blätter umwendete und der geflissentlich alles das nicht las, was mir den Olympischen Spielen irgendwie in Zusammenhang zu bringen war. Diesen Mann mußte ich keNnenlernen.
Er wollte n i ch t zu den Wettkämpfen fahren, er wollte von dem ganzen Betrieb einfach nichts wissen, und er wurde ungemütlich, als man ihn über diese Fragen ms Gespräch zog. Er war nicht so albern.
richten lesende Europäer von dieser Rechnung überzeugen läßt, aber man sollte viel mehr noch Durchschnittsleistungen zum Vergleich heranziehen, wenn man Spitzenleistungen unserer Olympia-Kämpfer mißt und würdigt. Denken wir noch an Hans W o e l l k e , den Olympiasieger im Kugelstoßen und frischgebackenen Polizeileutnant. Er stieß die 15 Pfund schwere Kugel über 16 Meter weit. Heben Sie einmal beim Spaziergang einen 15 Pfund schweren Stein auf, überwinden Sie stöhnend die Last und werfen dann den Stein so weit, wie Sie nur können. Die Augen werden Ihnen übergehen vor Staunen über Jyre Leistung. Zu den Reichssportabzeichen-Prüfungen, zu denen sich viele junge Deutsche melden, die sportlich ein gewisses Leistungsvermögen haben, werden im Kugelstoßen „nur" 8 Meter verlangt, und da versagen noch viele gute Durchschnittsathleten. Und Hans Woellke stieß dieselbe Kugel von 15 Pfund Gewicht gerade noch einmal so weit. —
Der Olympiasieger Sfötf im kreise seiner Schüler.
Großer Jubel herrschte in dem Berliner Goethe-Gymnasium, als der Olympiasieg Gerhard Stücks bekannt wurde. Stöck ist als Studienreferendar am Goethe-Gymnasium tätig; er wurde am Freitag von seinen begeisterten Schulern, die anläßlich des Sieges schulfrei hatten, auf dem Reichssportfeld besucht.
Hier sieht man den glückstrahlenden Sieger im Kreise seiner Schüler. — (Scherl-Bilderdienst-M.)
zu behaupten, daß beim Wettlauf ja immer einer da sein muß, der zuerst durch das Ziel geht, aber er verstand nicht, was man für Aufhebens davon machen könnte, weil der eine Läufer die 100-Me- ter-Strecke in 10.3 Sekunden durchläuft, während der andere 10,4 Sekunden braucht. Diese lächerliche eine Zehntel-Sekunde hat es dem Mann angetan. Man kann ihm darum nicht böse sein, denn was wissen wir schon von der Zehntel-Sekunde? Man muß aber anders rechnen. .
Wenn ein Hundertmeter-Läufer die vorgeschrie- bene Strecke in 10.4 Sekunden durchläuft, dann braucht er für 10 Meter 1,4 Sekunden. Angenommen also, daß unser unliebenswürdiger Freund als Herr „in den besten Jahren" eine Strecke von 100 Meter in 17,4 Sekunden läuft, wenn man ihn ganz mächtig dazu aushetzt, dann würde ihn ein Mann wie Jesse Owens noch einholen, wenn sein Gegner 30 Meter vor dem Ziel ist. Owens kann also 7 Sekunden später losrennen und 7 Sekunden sind eine stattliche Zeit.
Run standen die schnellsten Läufer der Welt am Start und hier lief der Erste 10,3 und der nächste Mann kam in 10,4 Sekunden durchs Ziel. Dieser Zeitunterschied macht also immerhin 1,5 bis 1,7 Meter aus, eine ganz stattliche Entfernung und doch nur die berühmte kleine Zehntel-Sekunde. 2ch weih nicht, ob sich der dickköpfig keine Olympia-Rach-
Der Flieger-Oberleutnant H a n d r i ck hat die Olympische Goldmedaille errungen. Man muß sch'on darüber nachdenken, wenn man ermessen will, was uns dieser Sieg bedeutet. Seit Bestehen des Modernen Fünfkampfes waren die Sieger immer nur Schweden, und sie wollten sich den 6. Sieg zu diesen Olympischen Spielen wieder nicht entgehen lassen. Im Jahre 1928 gelang es zum ersten Male einem Deutschen, dem Polizeihauptmann Kahl, eine Bronzene Medaille zu erringen. 1932 in Amerika waren die Schweden wieder besser.
In diesem Jahre endlich hat die mühevolle Arbeit im Reichsheer zur Vorbereitung unserer Fünfkämpfer den schönsten Lohn gefunden. Oberleutnant Handrick ist im Sport kein Unbekannter mehr. Er betreibt den Fünfkampf seit fünf Jahren und er trainiert seit der Europameisterschaft 1934 für die Olympischen Spiele. Damals gelang es Handrick in Budapest, gegen stärkste internationale Konkurrenz siegreich zu bestehen und seitdem hat sich der Deutsche in einigen Hebungen des Fünfkampfes noch vervollkommnet. Im Schwimmen über 300 Meter ist er schneller geworden und im Fechten gehört Handrick nach mehreren Siegen auf großen Turnieren zur deutschen Spitzenklasse unserer Degenfechter. Sein Erfolg im Modernen Fünfkampf ist also das letzte Ergebnis zielbewußten sportlichen (Strebens.
Im Gewichtheben war der Freisinger Man-
Am Freifaa begannen die Vorkämpfe der Degenfechter auf dem Gelände des Hauses des Deutschen Sports. Um beider enormen Schnelligkeit des Kampfes genaue Ergebnisse feststellen zu können haben sich die Punkttichter mit allen technischen Apparaten versehen. Hier verfolgen sie an Hand des eleftr djen Signalgeräts die Treffer der Gegner. Im Hintergrund die Anzeigentafel, die die Punktzahl dem Publikum bekanntgibt. — (Preste-Bild-Zentrale-M.)
ger der stärkste Mann. Er brachte 410 Kilogramm zur Hochstrecke. Wie? 410 Kilogramm werden von einem Mann gehoben? Rein, so ist das nun auch wieder nicht. Das Gewichtheben besteht eigentlich aus drei getrennten Konkurrenzen, die am Schluß insgesamt gewertet werden. Man unterscheidet Drücken, Reißen und Stoßen. Alle Hebungen werden beidarmig ausgeführt. Beim Drücken muß das Gewicht frei zur Brust gehoben werden, dort zwei Sekunden liegen bleiben, bis der Kampfrichter das Zeichen zur weiteren Aufwärtsbewegung gibt. Die Knie müssen durchgedrückt sein, und die Füße haben fest zu stehen.
Ich habe versucht, in den Friesenhof zu kommen, ein Unterfangen, das der Mühe wert ist. Vor den Toren dieses schönen Hauses am Sportforum kommt man sich vor wie ein Primaner, der vor dem Lyzeum auf seine Tanzstundenliebe wartet. Es warten eine ganze Reihe solcher „Primaner" dort. Die Mädel im Friesenhof dürfen felbstoer- ständlich ausgehen, wann und wohin sie wollen. Und sie machen von der Erlaubnis natürlich auch Gebrauch. Sie treffen sich mit ihren Landsleuten, und da niemand in den Friesenhof hinein darf, warten sie eben vor dem eisernen Gittertor.
Mal schleicht man hinten herum, um vielleicht durch einen Kücheneingang hineinzuwischen und mal erzählt man sich nebensächliche Dinge mit dienstbaren Geistern im kleinen Friesenhof-Restaurant, das man gerade noch betreten darf. Aber zur Hauptsache kommt man nicht, und das ist trostlos.
Ein Mordsdusel, daß die Olympia-Siegerin Gisela Mauermeyer kommt, und mit diesem netten Mädel aus München kann man schon einmal ein paar Worte sprechen. Erkundigen wir uns, wie die Olympiasiegerin Gisela Mauermeyer trainiert. Sie läuft, treibt Gymnastik und — macht gerne einen Handstand im Training. Sie sagt lächelnd, daß ein Handstand ein feines Ergänzungstraining wäre. Gisela Mauermeyer treibt selbstverständlich noch anderen Sport mit Eifer und Erfolg. Als Münchnerin weiß sie in den Bergen ausgezeichnet Bescheid, und wenn sie im Winter auf gut gewachsten Schiern im Pulverschnee in Schußfahrt einen Hang hinabfausen kann, dann ist sie in ihrem Element.
Im Friesenhof-Restaurant habe ich mich noch nach Helene Stephens erkundigt, der Amerikanerin, die in langen Schritten so unbekümmert die
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Bei den Olympischen Schießwettbewerben stellte der Schwede Torsten Ullmann im Scheibenpistolenschießen einen neuen Weltrekord auf. Hier sieht man ihn mit seinem Pistolenkasten. — (Scherl-M.)
Hundertmetergerade herunterrannte und überlegen Olympiasiegerin wurde. Um dieses Mädel spinnen sich sagenhafte Dinae. So soll sie eine tiefe Baßstimme haben und Allüren wie ein grobschlächtiger Kerl. Kein Wort ist wahr davon. Sie, ein 17jähriges richtiges Mädel, das sich im Friesenhof größter Beliebtheit erfreut, sie stammt „vom Lande" und hat bis zum Jahre 1934 überhaupt nicht gewußt, was Leichtathletik ist. Sie spielte mit Lausejungen Baseball und ärgerte sie immer aufs neue, weil sie schneller laufen konnte, bis dann eines Tages — ganz wie im Märchen — der „Prinz" kam und sie entdeckte ...
Ein fesselnd schönes Bild von dem 80-Meter-Hürdenlauf der Frauen, bei dem erst die Zielphotographie entschied, daß die Weltrekordlerin V a l l a, Italien (Zweite von rechts) vor der hervorragenden Deutschen Anny Steuer (Erste von rechts) eingekommen war. — (Schirner-M.)
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Der Zehnkamps-Krone der Leichlathlelik.
Die Amerikaner führen.
Roch nie in der Geschichte der Olympischen Spiele haben die Zehnkämpfer das weite Rund eines Olympiastadions fo beherrscht, wie in Berlin. Roch in Los Angeles mußten sie ihre ersten Wettbewerbe entweder in frühester Morgenstunde austragen, oder sie wickelten ihre Konkurrenz auf einem Rebenfelde vor wenigen Zuschauern ab. In Berlin hat endlich auch der Zehnkampf, die „Krone der Leichtachletik", die ihm gebührende Anerkennung gefunden.
Die 40 000 Zuschauer folgten den spannenden Kämpfen auf der Aschenbahn und an den Sprunggruben mit größtem Interesse. Dank dieser Anteilnahme und des guten Wetters befanden sich denn auch die 28 Männer, die in diesem schwersten aller Wettbewerbe um den hohen Sieg kämpfen, in denkbar bester Laune.
Mit großem Bedauern wurde die Mitteilung ausgenommen, daß unser Gerhard Stöck, der Gewinner des Speerwerfens und Dritte im Kugelstoßen nicht am Start erscheint. Eine Zerrung am Oberschenkel und das Wiederauftreten seiner alten Rückenoerletzung haben den Athleten gezwungen, auf den Start zu verzichten.
100=Sieter=£auf — Weitsprung
28 prächtig gebaute Athleten stellten sich zur ersten Hebung: dem 100-Meter-Lauf. Robert Clark- LJSA. lief mit 10,9 Sek. die beste Zeit. Glenn E. Morris, Amerikas junger Weltrekordmann, kam im zweiten Lauf auf 11,1 und verwies den vorjährigen deutschen Meister Erwin Huber mit 11,5 Sek. auf den zweiten Platz. Helmut Bon- n e t gehörte zu der siebenköpfigen Gruppe, die für die 100 Meter 11,6 Sek. gebrauchte.
Die zw"ite Hebung, der Weitsprunq, wurde in zwei Gruppen ausgetragen. Zwölf Mann spran
gen mit durchweg besseren Leistungen vor der Ehrentribüne, während die übrigen 16 Zehnkämpfer in der Nordgeraden ihre Hebung erledigten. Robert Clark baute seine Führung mit einem Sprung von 7,62 Meter weiter aus und führte mit insgesamt 1849 Punkten vor feinem Landsmann Jack Parker, der 7,35 Meter sprang, mit 1634 Punkten und Weltrekordmann Glenn E. Morris- USA. mit 1610 Punkten. Der Weltrekordler erreichte im Weitsprung 6,97 Meter und erhielt dafür 796 Punkte. Sehr gut hielt sich der Deutsche Huber, der mit 6,89 Meter den sechstbesten Sprung hatte und mit insgesamt 1485 Punkten den sechsten Platz erreichte. Der Deutsche Meister Bonnet kam auf 6,60 Meter und erhielt dafür 716 Punkte.
Kugelstoßen
Dann wurden die Kämpfe mit dem Kugelstoßen fortgesetzt. Die Leistungen blieben im allgemeinen hinter den Erwartungen zurück, die größte Weite erzielte Glenn Morris mit 14,10 Meter im zweiten Durchgang. Mit genau 14 Meter holte sich der Ungar Csany wertvolle Punkte und behauptete sich vor dem Letten Dimsa mit 13,66 Meter. Der Schwede Bexell folgte mit 13,54 Meter vor dem Amerikaner Parker mit 13,52 Meter. Dann kam der Deutsche Bonnet mit 13,50 Meter, ferner der sich überraschend gut haltende Holländer Brasser mit 13,49 Meter. Huber erreichte nur 12,70 Meter.
Hochtpt-una.
Auch nach dem Hochsprung, der vierten Zehnkampf-Hebung, veränderte sich auf den ersten drei Plätzen die Reihenfolge nicht. Aber Glenn Morris hatte den Rückstand auf seinen Landsmann Clark


