Ausgabe 
8.5.1936
 
Einzelbild herunterladen

Nr.M Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Zreitag, 8. Mai (yztz

Ale Krau undMutter im nationalsozialistischen Staat

Die Reichsfrauenführerin berichtet auf der Münchener Kührertagung der NSDAP.

Berlin, 8. Mai. (DNB.) Im alten Münchener Rathaussaal fand am Donnerstag unter dem Vor­sitz des Stellvertreters des Führers Rudolf Heß und in Anwesenheit der Reichsleiter eine Tagung der gesamten Führerschaft der NSDAP, statt, an der die Führer aller Gliederungen teilnahmen.

Nie Leiterin der NG.-Zrauenschast $rau Scholz-Klink

erstattete Bericht über Aufbau und Arbeit der na- tionalso^Llistsschen Fr a u e n or g a n i s at i on. Der Vortrag vermittelte der Führerschaft der Partei ein anschauliches Bild von der großen Aufgabe und Leistung, die gesamten Frauen der Nation im na­tionalsozialistischen Deutschland unter einheit­licher Führung zusammenzufassen, aus­zurichten und damit die Kräfte der Frauen auf allen Gebieten nach bestem Vermögen dem Auf­bauwerk des Führers dien ft bar zu ma­chen. Daß diese Aufgabe die Anerkennung und Pflege der besonderen Interessen der Frau und ihre Förderung in sich schließt, wird dabei betont.

Die Reichsfrauenführerin gab einen umfassenden Ueberblick über die geleistete Arbeit der N S. - Frauenschaft und des Deutschen Frauen­werks auf dem Gebiete der Sozialpolitik, der Wohlfahrtspflege, der Gesundheitsführung, der Hauswirtschaft und Mütterschulungsarbeit. Was hier bisher geleistet wurde, zeigt ein Beispiel auf einem einzigen Arbeitsgebiet: Bei der Machtüber­nahme durch den Nationalsozialismus gab es in S Deutschland zwei Mütterschulen, eine , rlische und eine evangelische. Heute sind b e - reits 136 nationalsozialistische Müt­ter s ch u l e n in den Großstädten errichtet. Dazu kommen noch die zahlreichen Wanderlehr­kurse für die Kleinstädte und auf dem Lande.

Besonders eingehend befaßte sich die Reichsfrauen­führerin mit der geistigen Mitarbeit der Frau im nationalsozialistischen Staate und dem Arbeitsethos, mit dem der Nationalsozialismus die schaffende deutsche Frau zu erfüllen bestrebt ist. Es gelte, immer stärker auch in der Frau das Bewußt­sein zu wecken, daß sie innerhalb einer großen Gemeinschaft lebt, die ihr hilft und für sie da ist. Wir verrichten eine hervorragende Leistung der Frau, aber wir wollen, daß sie dabei immer hundertprozentigFrau bleibt.

Die Leiterin der NS.-Frauenschaft schloß ihre mit großem Interesse aufgenommenen Ausführungen mit dem Dank an die Führung der Par­tei für das Vertrauen, das ihrer Arbeit entgegen­gebracht worden ist, und mit der Versicherung, daß das, was die deutsche Frau in diesem Jahre ge­leistet habe, gewachsen sei aus dem eigenen Emp­finden der Frau für die Aufgaben dieser Zeit.

Ner Stellvertreter des Führers Rudolf Heß

sprach den Dank und die Anerkennung der Partei aus und unterstrich den Willen und die Notwendig­keit zur Mitarbeit und Mithilfe aller National­sozialisten an dem großen Werk der deutschen Frauenarbeit.

*

In der Nachmittagssitzung fand die enge Ver­bundenheit der deutschen Wehrmacht mit der NSDAP, und ihrer Führerschaft ihren Ausdruck in einem Vortrag, den der Chef des All­gemeinen Heeresamtes des Reichskriegsministeriums General Fromm im Auftrag des Reichskriegs­ministers Generalfeldmarschall von Blomberg über Probleme des Heeres hielt. Dem Vortrag wohnte auch der Kommandierende General des VII. Armee­korps Generalleutnant von Reichenau bei. Die außerordentlich instruktiven und interessanten mili­tärischen Ausführungen fanden stärksten Widerhall

r

V

\

> X

>-v

Die Mütter sind die Hüterinnen der Gesundheit unseres Volkes. Der Reichsmütterdienst erblickt deshalb eine seiner Hauptaufgaben in der Schulung und Betreuung der Mütter, um sie für ihren hohen Beruf vorzubereiten und in der Erfüllung ihrer Pflichten zu unterstützen. (Scherl-Bilderdienst-M.)

bei der Führerschaft der NSDAP. Das Gelöbnis des Vertreters des Heeres, die deutsche Jugend, die das Heer aus der Hand der nationalsozialistischen Bewegung empfängt, zu Soldaten und harten wehrtüchtigen Männern auszubilden, erwiderte der Stellvertreter des Führers im Namen der anwesenden nationalsozialistischen Füh­rerschaft mit der Versicherung, in treuer Kamerad­schaft mit der Wehrmacht zusammenzuarbeiten. Rudolf Heß gedachte in dieser Stunde des Füh­

rers als des Mannes, der durch die Umwandlung des deutschen Menschen, der deutschen Jugend und der deutschen Arbeiterschaft die Vorarbeit für das deutsche Heer geleistet habe, und schloß mit den Worten:Wir politischen Soldaten grüßen die Soldaten der neuen deutschen Wehrmacht. Wir grüßen den Mann, der an der Spitze der politischen Soldaten und zugleich an der Spitze der Wehrmacht als ihr oberster Befehlshaber steht. Der Führer Adolf Hitler Sieg-Heil!"

Helft unserer Lugend wandern!

Die Bedeutung der deutschen Jugendherberge.

Im Deutschen Reich gibt es gegenwärtig etwa 2000 Jugendherbergen. 1933 wurden 4,2 Millionen Uebernachtungen gezählt, 1935 waren es 6,5 Mil­lionen, 1937 wird d i e siebente Million weit überschritten werden. Diese Zahlen beweisen, wie stark das Jugendwandern bei uns Wurzel ge­schlagen hat. Es versteht sich von selbst, daß der Nationalsozialismus nach der Machtübernahme das Jugendwandern unter seine Obhut nahm, zumal es sich hier um einen sehr wesentlichen Ausschnitt aus der Jugenderziehung handelt. Einen Grund­pfeiler des Wanderns bilden die Herbergen. Sie sind heute in einem Reichsverband zufammen- gefaßt, so daß jede Herberge durch den Verband betreut und beaufsichtigt werden kann und jede Herberge restlos ihre Pflichten der wandernden Jugend gegenüber erfüllt. Innerhalb von drei Jahren konnten natürlich nicht alle Herbergen in einen Jdealzustand versetzt und so ausgebaut wer­den, daß sie mit den neuerrichteten Herbergen (seit der Machtübernahme etwa 175 Jugendburgen) wetteifern können. Aber in der Zusammenfassung des Herbergswesens unter nationalsozialistischer

Führung ergab sich von selbst ein Zusammenfließen aller finanziellen Kräfte, was, um nur eine Zahl zu nennen, bereits dahin geführt hat, daß jähr­lich drei bis vier Millionen Mark für den Neu- und Ausbau von Herbergen aufgewandt werden. So ergibt sich ganz nebenbei noch, daß die wandernde Jugend auch zum Arbeitgeber gewor­den ist und Tausende von arbeitslosen Volksgenossen einer Beschäftigung zugeführt hat. Allerdings rei­chen die Mittel, die aus den Uebernachtungsgebüh- ren (für Gruppenwanderer 20 Pfennig mit Früh­stück), dem Entgelt für die Mahlzeiten (Mittag­essen von 40 bis 70 Pfennig und Abendessen etwa 50 Pfennig) sowie einigen sonstigen kleineren Ein­nahmen bei weitem nicht aus, um das große Jugendherbergswerk zu erhalten, es zu erweitern und vorbildlich auszubauen. Es muß also schon die Allgemeinheit mit einspringen. Darum geht von Zeit zu Zeit an alle Volksgenossen der Ruf, ihr Scherflein beizutragen, so auch jetzt am 15. und 16. Mai. Die Groschen, die gegeben wer­den, dienen der Jugend, ihrer Gesundheit, ihrem Frohsinn, Leistungsfähigkeit und ihrer Feierstunde.

Durch Feld und Flur streifen, über Berge klet­tern, von hohen Wipfeln ins Land hinabsehen, durch weite Täler wandern, Flüsse und Bäche überqueren, dann wieder im Schatten eines Bau­mes rasten das ist die Freude unserer Jugend, die heute in immer größer werdenden Scharen hin­auszieht, um die Heimat mit ihren Naturschön­heiten und ihren historischen Denkmälern kennen­zulernen. Diese Jugend aber ist die Zukunft und das Schicksal Deutschlands. Wer ihr nicht hilft, der versündigt sich an der Hoffnung unserer Nation. Darum sind auch die Jugend­herbergen in die besondere Obhut der national­sozialistischen Bewegung genommen worden. Hier findet der junge Wanderer alles, was er nach fröhlicher Fahrt wünscht: eine gute Mahlzeit, eine Bade- oder Brauseeinrichtung, ein gutes Bettlager mit Polstern und Decken und eine muntere Ge­selligkeit. Aus der Geselligkeit aber erwächst die weltanschauliche Schulung, die Pflege des Gedan­kens der Volksgemeinschaft, sie dient der Vertie­fung der Lehre des Nationalsozialismus in der denkbar einfachsten Form, wie ja überhaupt das ganze Jugendwandern der Lehre des Führers voll und ganz entspricht. Denn bei diesem Wandern erlebt der Junge wie das Mädel die Volksgemein­schaft in ihren besten Formen, erlebt gleichzeitig seine Heimat mit ihren grünenden weit aus­gedehnten Aeckern, mit ihren Bergen und dunklen Wäldern, ihren alten Schlössern, die übrigens in immer größerer Zahl in Jugendherbergen umge­wandelt werden, damit sie erhalten bleiben. Er sieht auf seinen Tageswanderungen oder auf der Ferienfahrt durch die Gaue unseres Vaterlandes außerdem noch vieles, was ihm in der Stadt ver­borgen bleibt, aber sein Herz höher schlagen läßt. Gerade Jungens und Mädels find für solche Ein­drücke empfänglich und dankbar.

So ist denn das Jugendherbergswerk auch dazu übergegangen, die jungen Wanderer mit der prak­tischen Landwirtschaft vertraut zu machen, also dem Städter zu zeigen, wie hart der Bauer zuzupacken hat, damit dem Volksgenossen ein Stück Brot auf den Tisch gelegt werden kann. Und umgekehrt sorgt das Jugendherbergswerk dafür, daß der Jung­wanderer aus dem Dorf auch einmal in die finste­ren Winkel der engen Städte hineinblickt, um zu verstehen, wie und warum der Klassenkampf empor­wuchern konnte und wie notwendig es ist, durch gemeinsame Anstrengungen langsam auch in die Hinterhöfe der Städte Licht hineinzubringen. Viele, viele unserer Jungwanderer kommen aus diesen übervölkerten, keinen Strauch und keinen Baum kennenden Wohnvierteln. Für sie ist jedes Hinaus­pilgern vor die Tore ihrer Heimatstadt ein Erleb­nis. Diefes Erlebnis ist aber wieder ein Stück aus dem Fundament der nationalsozialistischen Jugend­erziehung. Um dieses Erlebnis zu erhalten und zu vertiefen, sind den Jugendherbergen Aufgaben ge­stellt worden, die weit über ihren ursprünglichen Zweck, eine Uebernachtungsstätte zu sein, hinaus­gehen. Sie sind Hochburgen des Nationalsozialis­mus, sie sind Stätten nationaler Erziehung, sie sind die Sammelpunkte unserer Jugend, die, bevor ihr das Leben ernstere Aufgaben stellt, Volk und Va­terland kennen lernt, um dann aus ihren Erleb­nissen und Erkenntnissen am Reiche weiter auf­bauen zu können.

Oie Flucht aus dem Franc.

Paris, 7. Mai. (DNB.) Mit dem Goldverlust von 1,160 Milliarden Franks, den die Bank von Frankreich allein in der Woche vom 24. April bis zum 1. Mai aufzuweisen hat, ist der Abzug des Goldes noch keineswegs zum Stillstand gekommen. Die WirtschaftszeitungL'Jnformation" erwartet für die laufende Woche einen noch höheren Mil­liardenverlust, obwohl die Diskonterhöhung die Flucht aus dem Frank fühlbar gehemmt hat. Die großen Transaktionen haben aufgehört, wäh­rend die kleinen Sparer ihre Frankenscheine an schwarzen Börsen zu sehr ungünstigen Bedingun­gen gegen Goldstücke und Devisen verkaufen. Die im letzten Ausweis der Bank von Frankreich be­kanntgegebene Verminderung der Gold­deckung des Frank von 66,47 v. H. auf 64,85

Otto von Guericke.

Iu seinem 250 Todestage am 11. Mai.

In diesen Tagen gedenkt die deutsche Wissenschaft und Technik in einer Reihe von Erinnerungsfeiern des ersten großen deut­schen Physikers Otto von Guericke.

Magdeburg 1631. Der große Krieg, der nun schon dreizehn Jahre lang Deutschland mit Mord, Pesti­lenz und Brandfackel in eine blutige Wüste ver­wandelt, brandet seit zwei Monaten wider die Mauern und Wälle der Elbestadt. Schwer ist die Not der Belagerten. Aber ihre Zuversicht ist un­gebrochen. Der Schwedenkönig wird bald Hilfe bringen, und die Bastionen halten jedem Sturm der Tillyschen stand. Ratmann Otto Guericke, mit seinen 24 Jahren schon Vorsteher des städtischen Bauwesens, hat die Festungsanlagen trefflich in Schuß gebracht. Sie scheinen uneinnehmbar. Auch dem schwedischen Obristen von Falkenberg, der drinnen das Kommando führt und deshalb die Tore nicht mehr so scharf bewachen läßt. Das ist das Verhängnis. Tillys Mannen überrumpeln die Verteidiger. Plündernd ziehen die Kroaten durch die Straßen. Bis auf wenige Häuser und Fischer­hütten frißt der Feuerbrand die alte Bischofsstadt. Buchstäblich nur das nackte Leben hat auch Guericke mit den Seinen gerettet. Durch die Hilfe des Für­sten von Anhalt-Köthen bekommt die Familie erst wieder einmal Kleider. Schon ein paar Wochen später steht Guericke im Dienst Gustaf Adolfs. Er baut die Festung Erfurt aus, und als die Pappen­heimer wieder aus Magdeburg abgezogen sind, leitet er im Auftrage des Statthalters des Schweden­königs den Neuaufbau feiner Heimatstadt.

Aber Guericke ist mehr als ein hervorragender Bautechniker. Er wird auch Kämmerer der Stadt Magdeburg, wie es auch sein Vater gewesen war. Er reist mitten durch die Kriegswirren als außer­ordentlicher Gesandter zum schwedischen Genera­lissimus, zu Fürsten und Kabinetten. Er wird Bür­germeister auf Lebenszeit und vertritt die Vater­stadt auf dem Friedenskongreß zu Osnabrück, er kämpft einen verzweifelten Kampf um die Rettung der alten Reichsfreiheiten für die Stadt Magdeburg, nach der Sachsen und Brandenburg die Hand aus- ftrecken. Guericke erfährt in Wien die Schwache des Kaiserlichen Schutzes, nachdem er schon den Rück­halt an Schweden durch Königin Christines Thron­verzicht verloren hat. Guericke erkennt die Zukunft der deutschen Machtbildung eher als die Diplo­

maten. Er hält zu Brandenburg, als die Reichs­freiheit doch verloren ist. Aber er versteht es dabei, die Gunst des Kaisers zu erhalten. So ernennt ihn der Kurfürst von Brandenburg zum Rat, der Kaiser erhebt ihn in den Reichsadel. Otto von Guericke so steht es im Adelsbrief weigert sich schließlich, vierundsiebzig Jahre alt, den Vovsitz des Rates der Stadt wieder zu übernehmen, für die er wahr­haftig genug geleistet hat. Mehr, als die Bürger

(Scherl-Bilderdienst-M.)

WM

wissen: Er hat auch eine außerordentlich gründliche Sammlung aller ihrer alten Privilegien seit Kaiser Otto I. angelegt und in drei umfangreichen Bän­den ihre Geschichte niederaeschrieben! Aber diese Werke ruhen in seinem Arbeitszimmer. Als schließ­lich die Pest im Jahre 1680 Magdeburg bedroht, siedelt der Altbürgermeister von Guericke zu seinem Sohn nach Hamburg über, der dort diplomatischer Vertreter des Großen Kurfürsten ist. Sechs Jahre später, am 11. Mai 1686, stirbt Otto von Guericke im Alter von 84 Jahren. Sein Leichnam wurde in der Hamburger Nicolaikirche beigesetzt und sollte später nach Magdeburg übergeführt werden. Das ist wohl nie geschehen. Der Grabstein in Magde­

burg, den man lange auf ihn gedeutet hat, gehört einem Verwandten des gleichen Namens. Otto von Guerickes Grabmal kennen wir nicht.

Aber Otto von Guericke hat sich selbst ein Denk­mal gesetzt, wie es selten ein Mensch erhält: Sein Überragendes wissenschaftliches Werk! Dieser Mann, der als Bürgermeister einer heiß umstrittenen Stadt, als Festungs- und Städtebauer, als Di­plomat in Deutschlands schwersten Jahren ein Uebermaß von Arbeitslast zu tragen hatte, fand noch die Zeit, der Naturerkenntnis neue Wege zu weisen, die für unsere gesamte Wissenschaft und Technik wesentliche Grundlagen gaben! Schon als Student in Leipzig, Helmstädt, Jena und Leyden besaß Otto von Guericke eine lebhafte Neigung für die Fragen der Physik. Freilich war das, was ihm die Wissenschaft darüber berichten konnte, kläglich genug. Noch herrschte die mittelalterliche Gedanken­spielerei, noch der sture Glaube an den alten Aristo­teles. Selbst ein Bahnbrecher des Geistes, Galilei, hielt noch an dessen Vorstellung fest, es könne nirgends einen luftleeren Raum geben. Deshalb, aus diesemhorror vacui, aus solcher Abscheu vor der Leere folge das Wasser dem Kolben der Pumpe. Der Bürgermeister von Magdeburg gibt sich mit solcher Anschauung, auch wenn sie der große Galilei teilte, nicht zufrieden. Er erkennt in der Naturerforschung nur Ansichten an, die durch einwandfreien Versuch belegt sind.Die Erfahrung allein ist die Löserin aller Zweifel, die Beraterin in allen Schwierigkeiten, die einzige Lehrerin der Wahrheit", schreibt er, oder:Ein Beweis, der auf Erfahrung beruht, ist jedem aus Vernunftschlüssen gezogenen vorzuziehen."

Und er liefert solche Beweise. Mit der von ihm erfundenen Luftpumpe beweist er, daß die Luft ein Körper von Gewicht ist, das sich verdichten und verdünnen läßt. Er zeigt vor Kaiser Ferdinand und den Fürsten auf dem Reichstage zu Regensburg 1654, daß 16 Pferde nicht imstande sind, zwei metallene Halbkugeln, aus deren Jnnenraum die Luft ausgepumpt ist, auseinanderzureißen. Das Erstaunen ist gewaltig, als ein Knädlein den Hahn der Kugel öffnet und sie kraftlos in ihre Hälften auseinanderklappt. Guericke lehrt, daß die Luft den Schall leitet, daß sie durch Erwärmen leichter wird, ja daß es möglich fein müsse, sie zu verflüssigen! In Guerickes Haus steht ein riesiges Rohr, an Dem man sich überzeugen kann, daß der Lustdruck tat­sächlich wie der Bürgermeister behauptet einer 20 Maadeburgische Ellen hohen Wassersäule ent­spricht. An diesem Wasserbarometer erforscht er den Zusammenhang von Luftdruck und Wetterbildung,

sagt Stürme voraus und wird zum Begründer der wissenschaftlichen Wetterkunde! Es tut seinem Verdienst keinen Abbruch, daß gleichzeitig Torri - celli in Italien das Quecksilberbarometer erfand und damit ebenfalls wesentliche Eigenschaften der Luft entdeckte. In einem grundlegenden Werk Nova Experimenta, ut vocantur Magdeburgica hat Guericke seine Versuche beschrieben. Immer neue Verfahren denkt sich der Magdeburger Bürger­meister aus. Er baut eine Schwefelkugel, die von einer Kurbel gedreht werden kann, während man die Hand dagegen hält: Die erste Elektrisier­maschine, überhaupt die erste elektrische Ma­schine der Welt! Er entdeckt, daß die geriebene Kugel leicht Gegenstände, aber auch Dampf an­zieht. Er beobachtet, daß eine Flaumfeder, die mit der Kugel in Berührung kam, anderen Körpern zustrebt. Ist aber eine Flamme in der Nähe, so kehrt die Feder zur Kugel zurück. Guericke versucht auch die geheimnisvolle Kraft der Kugel weiter­zuleiten. Er läßt einen Leinenfaden von der Kugel herabhängen. Auch der Faden zieht andere Körper an! Guericke bemerkt auch Lichterscheinungen im Dunkeln an der Kugel, nimmt leises Knacken bei ihrem Entstehen wahr: Der elektrische Funke ist entdeckt!

Lange Zeit blieben die Arbeiten Otto v. Guerickes, die eine Umwälzung unserer Naturwissenschaften und Technik bedeuteten, vergessen. Erst 1743 erfand der Leipziger Professor Hausen wieder die Elek­trisiermaschine: erst 1729 entdeckte Gray in Lon­don die Leitfähigkeit der Elektrizität und ihre Mit- teilbarkeit wieder. Du Fay fand 1737 in Paris die Influenz von neuem, Professor Bose in Halle etwas später die elektrische Spitzenwirkung. Das Knacken und Funken der elektrischen Entladung be­obachtete zuerst der Engländer Wall am Bern­steingriff eines Spazierstockes, und die Academia del Cimento in Florenz beschrieb später die ent­ladende Wirkung der Flamme. Jahrzehntelange Forscherarbeit in den verschiedensten Ländern Euro­pas gewann also der Wissenschaft erst die Kenntnis der grundlegenden elektrischen Erscheinungen zurück, die ein deutscher Bürgermeister des 17. Jahrhun­derts längst entdeckt und genau beschrieben hatte. Wie Dampfmaschine und Verbrennungsmotor zu­letzt auf Guerickes Arbeiten mit der Luftpumpe zurückgehen, so findet auch unsere Elektrotechnik und vor allem das Funkwesen ihre ersten ©runfr» lagen im Schaffen jenes Mannes, der die Natur­erkenntnis allein auf dem festen Grunde des über­zeugenden Versuches aufbaute: Otto v. Guericke!

Dr. W o 1 f g a n g M e j e r.