Ausgabe 
8.5.1936
 
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186. Jahrgang

Metzener Anzeiger

Itr.107 erstes Blatt 186. Jahrgang Stettag, 8. Mal 1956

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Keine Initiative Englands in Genf für sofortige Aufhebung der Sanktionen. Verstimmung in der konservativen Partei gegen die Politik Baldwins und Edens.

London, 'S. Mai. (DNB. Funkspruch.) Eine Meldung, wonach Italien beabsichtige, in Abessinien eine schwarze Armee aufzustellen, wurde, wie dieMorning poff mitteilt, durch eine Erklärung dementiert, die der italienische Botschaf­ter in London der britischen Regierung über­mittelte. Die britische Regierung sei offiziell davon verständigt worden, daß die Garnisonen in Abes­sinien so beschränkt werden würden, daß sie ledig­lich zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung ausreichten. Es würde vielleicht zu diesem Zwecke eine Anzahl Eingeborener einge­stellt werden. Line Aushebung von Eingeborenen zur Verstärkung des italienischen Heeres komme nicht in Frage, hinsichtlich der Belange Großbritanniens am Tanasee und an den abessinischen Zuflüssen zum Nil

lendeten Tatsachen ansehe. Die Grundlage des Völkerbundes, der Grundsatz der kollek­tiven Sicherheit, habe keine festere Stütze als Paul-Boncour. Er werde nachdrücklich die Auf­fassung einer Völkerbundslösung des abes- jinischen Falles verteidigen.

Nach Mitteilungen desDaily Herold" wird Frankreich vor Mitte des nächsten Monats noch keine Entscheidung in der Sanktionsfrage treffen. Der britische Botschafter sei in Paris dahin unterrichtet worden, daß Frankreich die Verta­gung der Sanktionsfragen bis nach der Bil­dung eines neuen Kabinetts beantragen werde, was nicht vor dem 1. Juni erfolgen könne. Die bestehenden Sanktionen würden infolgedessen in den kommenden Wochen in Kraft bleiben. In französischen Kreisen werde der 13. Juni für eine neue Ratssitzung genannt.

Achtung der englischen Interessen.

Eine italienische Erklärung in London über Abessinien.

Der deulsche Friedensplan-die große Gelegenheit

Oeuffch-französischeZusammenarbeit dieVoraussehung eines europäischen Friedens

London, 8. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die Morgenblätter bringen übereinstimmend, anschei­nend offiziös beeinflußt, zum Ausdruck, daß von England nichts zur sofortigen Aufhebung der Suhnemaßnahmen gegen Italien unternommen werde. Wie derDaily Telegraph" erfährt, dürsten die vom Völkerbund verhängten Sühnemaßnahmen gegen Italien augenblicklich in Kraft bleiben, obwohl zugegeben werde, daß sie ihren Hauptzweck verfehlt haben. Der Völkerbundsrat habe sich mit den Sanktionen niemals beschäftigt. Sie seien vielmehr von einem Ausschuß von Staaten dem Achtzehner-Ausschuß beschlossen worden, der vom Gesamtvölkerbund bestimmt worden sei. Entscheidungen über die Sühnemaßnahmen könnten daher nur durch den Achtzehner-Aus- schuß getroffen werden. Es werde dem britischen Außenminister überlassen bleiben, sich als Richtlinie für seine Entscheidung die allgemeine An­sicht der in Genf vertretenen Staaten zu nehmen. Großbritannien werde wahrscheinlich nicht die Ini­tiative zu dem Vorschlag ergreifen, die Sanktionen aufzuheben. Man habe den Eindruck, daß Musso­lini zur Beratung seiner Pläne mit Kolonialfach­leuten anderer Großmächte bereit sei. In diesem Falle werde sich ein Weg finden, um die Be­ziehungen zwischen Italien und dem Völkerbund zu verbessern und die Sühnemaßnahmen aufzuheben.

Der liberaleNews L h r o n i c l e glaubt in der Spaltung der konservati­ven in für und gegen die Sanktionen ein­gestellte Gruppen eine wachsende Einstellung gegen den Ministerpräsidenten Baldwin zu sehen. Das schließliche Ergeb­nis der Meinungsverschiedenheiten könne nicht nur den Rücktritt Baldwins, sondern auch derjenigen kabinettsmitglieder notwendig machen, die die Völkerbundspolitik weiter be­günstigten. hierzu gehöre auch der Außen­minister Eden; die Stärke derjenigen, die hinter Austen Lhamberlain, Churchill, Winter­ton und anderen Konservativen stehe, sei sehr bedeutsam. Die Bewegung, eine neue Regie­rung durchzusehen, gehe weit über das hin­aus, was aus den Reden der genannten kon­servativen Politiker erkennbar sei. Baldwin, der die Gefahr für fein Kabinett sehe, habe wissen lassen, daß er den Wunsch habe, Sir Samuel Hoare wieder ins Kabinett hinein­zunehmen.News Lhronicle" meint aber, daß es kaum genügen dürfte, um die wach­sende Auflehnung gegen Baldwin aufzuhalten. Austen Lhamberlain wünsche persönlich nicht, Minister zu werden, sondern würde sich als Berater der Regierung zur Verfü­gung stellen.

Nach Auffassung desDaily Telegraph" nimmt auch in Kreisen der konservativen Abgeordneten, die hinter der Regierung stehen, die Opposi­tion gegen die Sanktionen zu. Auch in dem Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten, in dem alle Vertreter der Regierungsparteien vertreten sind, sei die Mehrzahl gegen die Fortsetzung von Sanktionen gegen Italien. Auch die Arbeiterzeitung Daily Harald" berichtet, daß die Mehrheit der Konservativen für die Beendigung der Sanktions­politik eintrete. Diese Mehrheit versuche auf Bald­win und andere Minister einen Druck auszuüben, um durch eine Kabinettsentscheidung Eden ent­weder zum Einlenken oder zum Rück­tritt zu zwingen, hinter dem Widerstand gegen die Sanktionspolitik liege eine wachsende Auflehnung gegen den Völkerbund selbst und alle Kollektivmaßnahmen. Die Konser­vative Partei kehre zur Isolationspolitik zurück, die in einer ftarfen Aufrüstung ihren Rückhalt habe. Eine unerwartete Unterstützung der Forde­rung weiter politischer Kreise nach Beendigung der Sanktionspolitik kommt auch noch von dem Organ der National Labour PartyThe News Let- t e r", das schreibt, Großbritannien solle offen das Versagen der Sanktionspolitik zugeben.

Zwiespältige Meinung in Paris.

Paris, 8. Mai. (DNB. Funkspruch.) Angesichts der Entwicklung der Lage in Abessinien wird in der französischen Presse immer deutlicher der Ruf nach Aushebung der nunmehr hinfällig gewor­denen Sanktionen laut, zumal man erwartet, daß Mussolini die einfache Aneignung des abes­sinischen Reiches verkünden wird.Journal" schreibt, daß noch die Regierung Sarraut im Na­men Frankreichs in Genf die Aufhebung der Sank­tionen gegen Italien beantragen und durchsetzen solle. DerMatin" warnt Frankreich, nicht die Stunde zu verpassen und nicht erst abzuwar­ten, bis England sich mit Italien aus­söhne.Excelsior" schreibt über die Haltung Paul-Boncours, der als Minister des Ka­binetts Sarraut den erkrankten Außenminister Flandin in Genf vertreten werde, und vermutlich auch im kommenden Volksfront-Kabinett das Außenministerium übernehmen werde. Paul-Boncour könne gewiß nicht als ein Sank­tionsfanatiker gelten. Man würde sich aber täu­schen, wenn man ihn als einen Anhänger der vol­

Englands Ausgabe.

London, 7. Mai. (DNB.) Im Oberhaus fragte der Arbeitervertreter Lord P o n s o n b y die Regierung, ob sie dem Völkerbund eine grundsätz­liche Revision des kollektiven Sicher­heitssystems vorschlagen wolle. Die geaenwär- tige Auffassung der kollektiven Sicherheit fei voll­kommen überlebt. Sie sei weder kollektiv, noch fei es eine Sicherheit. Der Artikel 16 müsse aus den Völkerbundssatzungen entfernt werden.

Der Konservative Lord Renn eil erklärte: Das Haupthindernis der Wirksamkeit des Völkerbundes sei das beinahe unüberwindbare Mißtrauen zwischen Frankreich und Deutschland. Wenn Frankreich und Deutschland auf eine Linie gebracht werden könnte, dann würde jene starke Solidarität in Europa Zustandekommen, die die westliche Zivilisation und den wirtschaftlichen Wie­deraufschwung sichern würde. Das englische Volk habe sich endgültig dafür entschieden, daß die vom deutschen Kanzler als Grundlage eines 25- jährigen Friedens und einer freundschaftlichen Zu­sammenarbeit vorgebrachten Vorschläge eine große Gelegenheit bieten, deren Ablehnung bekla­genswert wäre. Diejenigen, die zu einem Besuch Deutschlands Gelegenheit gehabt hätten, hätten einen großen Eindruck von der neuen Demokratisierung des deutschen Volkes und der neuen sozialen Einigkeit davon- getragen, die Hitler zustandegebracht habe. Er glaube, daß das englische Volk bereit sei, die aus­gestreckte Hand zu ergreifen. Auch in Frank­reich gebe es eine große und wachsende Anzahl von Leuten, die in freundschaftlichen Beziehungen zu Deutschland leben wollen. In Deutschland sei kaum ein Mensch vorhanden, der dies nicht auch wünsche. Der Deutsche wünsche nichts von Frank­reich als guten Willen und wirtschaft­liche Zusammenarbeit. Das französische Volk wünsche nur die Sicherung des Friedens. Die englische Garantie für Frankreich sei unverletzbar und erwecke keine Befürchtungen in Deutschland. England fjabe eine große Rolle als Ver­mittler und versuche, eine Versöhnung herbei­zuführen.

Die englischen Rückfragen in Berlin überreicht.

Berlin. 7. Mai. (DNB.) Der britische Bot­schafter Sir Eric phipps suchte am Donnerr- lagvormittag den Reichsmini st er des Aus­wärtigen Freiherrn von Neurath auf und überbrachte ihm die Rückfragen der

Der Aegirs in Haifa eingeiroffen.

Jerusalem, 8. Mai. (DNB. Funkspruch.) Der Kaiser von Abessinien traf am Freitagvormittag in Begleitung seiner Familie an Bord des englischen KreuzersEnterprise" in Haifa ein. Zu seinem Empfang war eine Kompanie britischer Infanterie angetreten, die den Kaiser beim Betreten des bri­tischen Mandatgebietes militärische Ehren erwies. Um 11 Uhr erfolgt die Weiterfahrt nach Je­rusalem. Die Kaiserin soll den Wunsch haben, in einem abessinischen Kloster am Jor­dan, .in der Nähe der Stätte der Auferstehung Christi, Wohnung zu nehmen. Die abessinische Ko­lonie in Jerusalem ist nur hundert Seelen stark und sehr arm. In der Gefolgschaft der Kaiserin ist auch ihre deutsche Hofdame, Fräulein Christine hall.

fei Italien bereit, freundschaftliche Vereinbarungen auszuhandeln. Die Frage des Staudammes am Tanasee, die feit Jahren zwischen dem Negus und der ägyptischen Regierung verhandelt worden fei, betrachteten die Italiener vom rein geschäft­lichen Standpunkt. Sie seien überzeugt, daß ein Abkommen erreicht werden könne, das die eng­lisch-ägyptischen Belange befriedigen würde. Wahr­scheinlich würde der Bau des Dammes italienischen Ingenieuren überlassen werden. Die britische Regie­rung fei dahin unterrichtet worden, daß die aus­wärtigen Gesandtfchaften in Addis Abeba vorläufig in der bisherigen Weife weiter arbeiten könnten. Es fei jedoch anzunehmen, daß sie im Laufe der Zeit abberufen werden wür­den, da der abessinische Staat kein Oberhaupt besitze, bei dem sie beglaubigt seien.

englischen Regierung zu den deutschen Friedensvorschlägen.

Das deutsche VoSksheer und der Frrede

Italienische Erkenntnis.

Rom, 7. Mai. (DNB.)Eine Nation, die ein Heer ist", überschreibt der Sonderberichterstatter des G io rnale d'Italia" seinen Aufsatz. Das neue deutsche Volksheer sei gleichsam der Angel­punkt, um den das gesamte Leben des national­sozialistischen Deutschlands kreise,hätte Hitler", so heißt es weiter,in seinem Leben weiter nichts ge­tan als Deutschland diesen inneren Angelpunkt, dieseSeele" wiederzugeben, so wär« schon dadurch allein sein Ruhm in den Blättern der Geschichte des deutschen Volkes gesichert." Der Führer habe jedoch noch mehr getan: Das Volksheer fei im Aufbau des deutschen Volkes als die Spitze des Kegels anzusehen, der von einer breiten Basis aufsteige. Das ganze nationale Leben habe eine militärische Aufgabe. Die zahlenmäßige Stärke der einzelnen Waffengattungen stehe an zweiter Stelle. Das Wesentliche sei die Betonung der mili­tärischen Leistungsfähigkeit des ganzen Landes, die Kraft des ganzen gesunden Körpers, nicht die Stärke der bewaffneten Macht. Es wird jedoch nachdrücklich betont, daß diese militärische Ertüchtigung des nationalsozialistischen Deutschlands in keiner Weise einem Kriegswillen des deutschen Volkes gleich zusetzen sei. Gegenüber den Behauptungen, nach denen die eng­lischen und französischen Rüstungen nur Verteidi­gungszwecken dienten, während die deutschen eine Bedrohung für die anderen Nationen seien, habe der oft geäußerte Standpunkt der deutschen Regie­rung,daß ein schwaches, entwaffnetes Deutsch­land eine Gefahr darstelle", vieles für sich.

Ser Führer in Dresden.

Dresden, 7. Mai. (DNB.) Der Führer stattete am Mittwoch der Stadt Dresden einen Besuch ab'unö unternahm in Begleitung des Reichs- statthalters und Gauleiters Mutschmann, des 621.« Gruppenführers Schepmann, der Brigadeführer Berkelmann und Schlegel und feines persönlichen Stabes auf dem Dampfervon Hindenburg" eine Besichtigung der Dresdener Elbufer und eine Fahrt ins (Elbfanbfteingebirge nach Schandau. Auf der ganzen Fahrt wurden dem Führer aus der Bevölkerung spontane Begei- fterungsftürme entgegengebracht.

Um Donau und Balkan.

In der jugoslawischen Hauptstadt sind zur Zeit die Außenmini st er der Kleinen En­tente und des Balkanbundes versammelt, der beiden politisch-diplomatischen Konstruktionen, die zunächst für die Bedürfnisse der sogenannten Nachfolgestaaten aus dem Zusammenbruch der Do­naumonarchie, also der Tschechoslowakei, Jugo­slawiens und Rumäniens, sowie für die gemein­samen Interessen der Balkanstaaten Rumänien, Ju­goslawien, Griechenland, Türkei, mit einem weite­ren Zweck aber für die Verstärkung des Gewichts dieser Mittelstaaten in der gesamten europäischen Politik geschaffen wurden. Die Kleine Entente ist das ältere dieser beiden Gebilde; sie wurde schon bald nach dem Kriege gegründet, und als ihr Vater kann der heutige tschechoslowakische Präsident Dr. B e n e s ch gelten, der jetzt zum ersten Male nicht an der Sitzung des von ihm geschossenen ständigen Rats der Außenminister der Kleinen Entente teil­nimmt. Rumänien und Jugoslawien ge­hören beiden Ententen an, da sie sowohl Balkan- ftaaten, als Interessenten an Mitteleuropa und Donauraum sind. Die Tschechoslowakei ist am Balkan geographisch nicht interessiert, Grie­chenland nicht am Donauraum. Dem Balkan­bund gehört auch die Türkei an, was nicht allein eine historische Erinnerung an ihre einst beherr­schende Stellung auf dem Balkan, sondern ein Aus­druck der Tatsache ist, daß der Balkan als Brücke zum nahen Orient politisch schon in die außer­europäischen Zonen des östlichen Mittelmeers und Kleinasiens hineinragt.

Die beiden politischen Systeme bilden also zwei geographisch sich schneidende Kreise, die den größten Teil des Raumes der Donau und des Balkans um­schlingen, nicht den ganzen, denn in beiden Kreisen liegen wie Inseln die Staaten, gegen die die Konstruktion aufgerichtet ist, im Donauraum Oesterreich und Ungarn, auf dem Balkan Bulgarien von dem unter dem Protektorat Italiens stehenden Albanien kann dabei abge­sehen werden. Der geographischen Ueberschneidung der beiden Ententen entspricht eine vielfache Kreu­zung der vorwiegenden politischen Interessen: die Kleine Entente der Nachfolgestaaten hat die Hauptaufgabe, die namentlich von Ungarn, uner­müdlich erstrebte territoriale Aenderung der^Frie- densverträge von 1919 und eine Veränderung im politischen Zustand Oesterreichs zu verhindern: sie ist deswegen, um in einer gesamteuropäischen Aus- drucksform zu sprechen, antirevisionistisch, gegen den Anschluß Oesterreichs an Deutschland, gegen eine habsburgische Restauration, und sie stünde damit voll in der Linie der französischen Europapolitik, auch wenn die ihr angehörenden drei Staaten nicht jeder für sich durch eigene diploma­tische und militärische Vereinbarungen mit Frank­reich verbunden wären. Die Mächte des Balkan­bundes sind durch das gemeinsame Ziel zusam­mengeführt worden, Bulgarien in den Grenzen der Verträge zu halten und den Balkan zu einer ge­meintem auszuspielenden Karte in Europa zu machen; dagegen haben Griechenland und die Tür­kei kein unmittelbares Interesse bei einer etwaigen Neuordnung im Donauraum, und das erstere folgt in der Linie feiner Gesamtpolitik mehr den Lon- doner, als den Pariser Direktiven, während die Türkei an sich und durch ihr Bündnis mit Sowjet- rußland mehr asiatischen, als europäischen Inter­essen zugewandt ist.

DiesesGründungsschema" der beiden Ententen hat durch die politische Entwicklung der letzten Zeit gewisse wichtige, wenn auch noch nicht abgeschlossene Veränderungen erfahren. Die bedeutendste hängt zusammen mit der neuen Rolle, die Sowjet­rußland in den Kombinationen der europäischen Politik spielt. Im Gefolge Frankreichs hat auch die Tschechoslowakei mit dem Rätestaat einen politischen und militärischen Beistandspakt abge­schlossen und bemüht sich, wenn auch bisher ohne Erfolg, Rumänien und Jugoslawien auf diesem Wege nut sich zu ziehen, dessen Endziel sich ohne weiteres aus der Vorkriegsgeschichte ergibt. Ein eifriger Förderer dieser Pläne ist der rumänische Außenminister Titulescu, der unbedingte Ver­trauensmann des Pariser Quai d'Orsay, der seit einem Jahr den Widerstand des Königs und der um das Schicksal Bessarabiens besorgten Kreise zu überwinden sucht.

Das größte Hindernis aber für die Wiederauf« nckstung eines russischen Patronats über die west- unb südslawischen Länder und den Balkan liegt in Belgrad. Der serbische Hof ist mit der Zaren­familie verwandt und unbeirrbar sowjetfeindlich. 3n einer kleinen Kirche in Belgrad ist, umgeben von Hunderten von alten zaristischen Fahnen der russische General Wränge! beigesetzt; viele An­gehörige feiner von den Sowjets geflogenen Armee haben in Jugoslawien Ausnahme gesunden und spielen dort eine bedeutende Rolle in Staat und Gesellschaft. Belgrad ist die einzige Hauptstadt, in der das Zarenreich in der Person des Herrn Stradmann noch einen diplomatischen Vertreter hat.

Als Folge der Annäherung der Tschechoslowakei an Sowjetrußland sind die Beziehungen zwi­schen Prag und Warschau gespannt, die zwischen Warschau und Budapest enger geworden. Ungarn ist durch Vertrag mit Italien politisch und durch den Pakt von Rom wirtschaft­lich mit Italien und Wien verbunden. Das D e ft e r« reich Schuschniggs, durch die militärische Festle» gung Italiens außerhalb Europas erschreckt, sucht neuerdings Anschluß an die Tschechoslowakei und dient damit den Wünschen Frankreichs, die Interes­sen der Kleinen Entente und die Italiens in Mittel- europa auf einen Nenner zu bringen, was jedoch nur unter Preisgabe Ungarns durch Italien mög­lich wäre. Die Frage der Habsburger Re»