Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefsen)
Nr. ZZ viertes Blatt
Somstög, 8. Februar fyztz
i
flppgcyt
W
er zum lebendigen Tier als dem eigentlichen Gegenstand dieser Wissenschaft zurückgeführt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Einrichtung und Haltung eines Aquariums ist eine Aufgabe, die der Student hier testiert bekommt wie anderwärts ein Kolleg, und überall im Institut, verstreut auf den Arbeitstischen, sehen wir die viereckigen Glaskästen mit ihren Fischen, Schnecken und leuchtend grünen Pflanzen stehen. Ein Seewasseraquarium allerdings, das bis vor einigen Jahren Tiere der Nord- und
Zu unseren Bildern:
Links oben: Mikroskop zur Zählung kleinster Wussertiere - Daneben: Am Mikrotom, mit dem tui ste Schnitt tierischen Gewebes hergestellt werden.
Mitte links oben: Koralle (Tierkolome); du. unter: Koralle. — Daneben: Der Präparator matt eine Tafel. , r
R e ct) t 5 oben: Schädel eines Gamals (Echsen- ari), darunter: Skelett eines Kiwi (australischer Zwergstrauß); darunter: Skelett einer Schildkröte oben links: Apparat für Unter. |un)uncen im ultravioletten Licht (Spektrograph) i daneben: Arbeit am Polarisationsmikroskop; unten links: Sammlung mikroskopischer Präparate für den Unterricht: daneben: Ausschnitt aus der Präparaten- sammlunq
(Aufnahmen (12]: Neuner, Gießener Anzeiger.)
Ostsee lebend zeigte und das sich zu einer kleinen Gießener Sehenswürdigkeit hätte auswachsen können, hat das Institut aus Ersparnisgründen stilllegen müssen.
Aquarien gab es auch schon zu Leuckarts Zeiten — was würde er aber wohl sagen, wenn er jetzt den Raum beträte, der hinter der Stirnwand des Hörsaals gelegen ist? Hier wird mit einem Male klar, wie Fortschritt von Forschung und Technik sich gegenseitig bedingen, wie sie sich gegenseitig steigern und wie auch die Lehre dadurch in ganz neue Ebenen der Darstellung hineingerissen wird. Mit den vier verschiedenen Projektionsapparaten, die hier so eine Art von Strahlenwerferbatterie bilden, lassen sich nicht nur Papier- und Glasbilder wiedergeben und Filme zeigen — wer findet da heute schon etwas dabei, — sondern hier kann man kleinste lebende Tiere in riesiger Vergrößerung allen Insassen des Hörsaals sichtbar machen. Lassen Sie uns rasch aus diesem Glas einen Flohkrebs fangen, der kaum einen Millimeter lang ist! Wir bringen ihn unter die Linse des Projektionsmikroskops — jetzt erscheint er als 1,50 Meter großes Ungeheuer auf dem durchsichtigen Schirm, der den Durchbruch zum Hörsaal überkleidet: das Herz schlägt, die Blutzellen eilen durch den Körper, das Auge wendet sich, und der durchsichtige Darm fördert vor unseren Augen sein Geschäft. Das alles hat Leuckart in stiller Stube für sich allein auch schon gesehen, heute aber können wir es hundert Studenten zugleich zeigen und erklären. Sie erleben es, und deswegen vergessen sie es nicht.
Hier diese Tafel an der Wand zeigt denselben Flohkrebs noch einmal und in derselben riesigen Vergrößerung, aber mit bunten Farben gemalt. An die hundert solcher Tafeln sind im Laufe der letzten sechs Jahre aus der Hand des Jnstituts- präparators hervorgegangen. Wozu ein solcher Aufwand von Zeit und Arbeit? Gewiß, es gibt auch Abbildungen in den Lehrbüchern, und an ihrer Stelle sind sie gut und notwendig. Diese handgemalten Tafeln aber sind keineswegs einfache Vergrößerungen solcher Lehrbuchfiguren, sondern in ihnen ist alles verdichtet, was an persönlicher For- schungs- und Lehrerfahrung von den Dozenten des Instituts über das betreffende Tier erarbeitet worden ist, und Genauigkeit ist zugleich mit Einprägsamkeit erstrebt. Hier hat der Geist und, man könnte sagen, der Stil der Arbeitsgemeinschaft seinen Niederschlag gefunden, die ein solches Institut sein muß, wenn es mehr sein möchte als eine Zapfstelle für Lehrbuchwissenschaft.
Unversehens sind wir damit an den Kern der Frage herangekommen, was in einem solchen Zoologischen Institut eigentlich gearbeitet wird und wie hier gearbeitet wird. Wenn irgendwo, so sind an diesem Ort die Lebensspender deutscher Wissenschaft, Forschung und Lehre, die beiden Wurzeln, die nur gemeinsam den gesunden Stamm zu tragen vermögen Könnte einer von unseren Dozenten Ihnen so erschöpfende Auskunft über das Auge des Flohkrebses geben, wenn er nicht selbst dieses Auge daraufhin geprüft hätte, ob es das — dem Menschen unsichtbare — ultraviolette Licht wahrnimmt? Oder, vermöchte ein anderer die Studenten von den groben Teilen, die wir mit Messer und Schere dem tierischen Körper entnehmen, über die Zwischenstufe des mikroskopisch Sichtbaren schließlich in die unsichtbaren, aber doch zu erschließenden Bereiche zu führen, in denen Atome und Moleküle die lebende Substanz aufbauen — wenn er nicht selbst die Anwendung des sog P o l a r i s a t i o n s m i k r o s k o p e s bis zu solchen einzigartigen Ergebnissen gefördert und für tierische Gewebe erstmalig ausgebaut hätte? Die auf eigenen Forschungen aufgebaute Kenntnis der verwickelten Vorgänge schließlich, die in den Keimzellen der Lebewesen sich vollziehen und die die Grundlagen derVererbungsgesetze bilden, ermöglichen dem Dozenten erst eine Darstellung dieses so wichtigen Teilbereiches der Zoologie, hinter der die Autorität und die Wärme des eigenen wissenschaftlichen Erlebnisses steht, das allein wirkliche Einsicht verschaffen kann.
Alles also, lieber staunender Besucher, was hier außer dem Lehrgerät an geheimnisvollen Apparaten, an Mikroskopen, Hebeln und Schrauben die Räume füllt, dient der Forschung in den angedeuteten
verschiedenen und doch zuletzt wieder gleichem Ziel zusteuernden Richtungen. Hier wird polarisiertes, hier wird ultraviolettes Licht erzeugt, hier werden Gewebe in feinste Schnitte zerlegt, gefärbt und im Mikroskop betrachtet oder photographiert, hier werden Taufliegen, die Lieblingstiere der Vererbungsforscher, gezüchtet, die Fortpflanzung oder der Gehäusebau von Meeresschnecken untersucht. Und all das dient nur der einen Aufgabe, das Leben auf der Erde immer klarer und doch zugleich auch im-
Bei den Gießener Zoologen.
Ein interessanter Hundgang im Zoologischen Institut der Landes-Universität.
Tiere oder anatomisch vorbereitete Organe eindrucksvoll aufgestellt sind.
Das freilich bliebe eine höchst unvollkommene Zoologie, die sich mit dem Zerschneiden, dem Zergliedern und mit dem „Einmachen" begnügen wollte. Zwar wird auch der Student in den einführenden Kursen zur Zergliederung gründlich und systematisch angeleitet, immer wieder aber wird
Jeder Gießener kennt die „A n a t o m i e", das stattliche, braune Gebäude in der Bahnhofstraße, der Post schräg gegenüber. Wie viele aber mögen wissen, daß es, außer dem Anatomischen Jnstitüt im Erdgeschoß, im ersten Stockwerk das „Z o o l o - gische und Vergleichend-Anatomische Institut der Universität" beherbergt? Und sagt man es jemandem, so heißt es stets: „Zoolo
gisches Institut? Was machen Sie denn da eigentlich?"
Zoologie — da denkt man an Schmetterlingssammlungen, an Skelette und ausgestopfte Tiere, und in der Tat war eine solche Sammlung auch einmal die Keimzelle unseres Zoologischen Instituts. Aber das ist jetzt bald hundert Jahre her, daß es ein „Großherzoglich Hessisches Zoologisches Cabinet" gab. Unterdessen haben in den einfachen, hohen Räumen des Hauses zwischen Bahndamm, Garten und Straße Männer wie Leuckart, Ludwig, Spengel und Becher gearbeitet und nicht das schlechteste Stück im Bauwerk deutscher Zoologie geschaffen.
Wie hat sich unter ihren Händen und denen ihrer Zeit- und Fachgenossen das Bild und die Ausdehnung der zoologischen Wissenschaft seitdem gewandelt? Was ist aus dem Zoologischen Cabinet geworden seit den Tagen, in denen die Entdeckung einer neuen Art, ihre kunstgerechte Beschreibung und Abbildung den Zoologen befriedigen konnte?
Bitte, machen Sie mit uns einen Gang durch das Gießener Zoologische Institut, wir wollen Ihnen darauf Antwort geben.
Sammlungen — das zeigt schon ein Blick auf die gefüllten und, im sehr beschränkten Raum, ein wenig mühsam untergebrachten Schränke — sind auch für ein modernes Zoologisches Institut ganz unentbehrlich. Bilden sie doch die Grundlage jeden Unterrichts, der zunächst einmal einen lieber» blick über die Formenmannigfaltigkeit des Tierreiches vermitteln muß. Hier find nun zwar die „Affen mit Schafsköpfen und Ziegenleibern", über die Leuckart sich beim Antritt feines Amtes bitter beklagte, verschwunden, aber manch schönes und auch manch seltenes vergleichend-anatomisches Präparat dient heute noch uns, wie damals ihm und seinen Schülern. Unentwegt wird überdies an die- fer Sammlung gesichtet, ergänzt und weiter gebaut, und die modernen Methoden der Aufbewahrung unter konservierenden Flüssigkeiten haben einen Schatz von Gläsern entstehen lassen, in denen ganze


