Ausgabe 
8.2.1936
 
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Nr. 33 Erster Blatt

M. Jahrgang

Samstag, 8 Zebruar 1936

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Belgien verlängert die Militärdienstzeit.

Folgen -es Militärbündnisies mit Frankreich.-Die Besatzungsiruppen für -en einseitig gegen -ie deutsche Grenze gerichteten Befestigungsgürtel.

Brüssel, 7. Febr. (DNB.) Unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten van Zeeland fand eine Kabinettssitzung statt, in der nach einem Bericht des Kriegsministers Devöze die Vorlage über die Verlängerung der Dien st zeit im belgischen Heer angenommen wurde. Die Regierung wird diese Vorlage in der nächsten Woche im Parlament einbringen. Ferner hat der Ministerrat einen Gesetzentwurf verabschiedet, wo­nach die Neuwahlen zur Kammer und zum Senat am 21. Juni und die Prooinzial- wahlen am 28. Juni ftattfinben sollen.

Unter dem Eindruck des Weltkrieges schloffen am 7. September 1920 Belgien und Frankreich einen Militärvertrag, der in seinen Grundzügen, aber nicht mit seinen sämtlichen Bestimmungen ver­öffentlicht wurde. Dieser Militärvertrag band Bel­gien an Frankreich. Er wurde abgeschlossen durch ein belgisches Kriegsministerium, das ausschließ­lich von Wallonen besetzt war, die Belgiens Rüstun­gen bereits in den Jahren vor dem Kriege in den Dienst Frankreichs gestellt haben. Jetzt hat die neue Wehrvorlage des Kriegsministers Deveze zu innerpolitischen Kämpfen geführt, in denen die Flamen behaupten, die neue belgische Aufrüstung fei einseitig gegen Deutschland gerichtet, sie sei ein Ausfluß jener Einkesselungspolitik, die sich in allen außenpolitischen Bestrebungen Frank­reichs und Englands bemerkbar mache, und Bel­gien würde dadurch derart an Frankreich gebunden, daß es bedingungslos mitmarschieren müße, wenn Frankreich Deutschland mit Krieg überzöge, also auch dann, wenn es Deutschland gar nicht einfiele, die belgische Grenze anzugreifen. Die flämische Majorität der Bevölkerung verlangt daher die Rückkehr zur striktesten Neutralität und die Kün­digung des französisch-belgischen Militäroertrages. In den Parlamentsausschüssen hat der Kriegs­minister die ihm immer wieder vorgelegte Frage, ob Belgien marschieren müsse, auch wenn Deutsch­land Belgien gegenüber neutral bliebe, höchst un­klar beantwortet und dadurch die Besorgnisse der Flamen noch vermehrt.

Ein Blick auf die militärpolitisch-geographische Lage zeigt, daß Belgiens Rüstungen nur der O st grenze gelten, also gegen Deutschland gerich­tet sind, während an der französischen Grenze keinerlei Befestigungen vorgenommen worden sind. Nach dem französischen Vorbild hat Belgien die Grenze gegen Deutschland mit einem F e - ftungsgurtel versehen. In enger Verbindung mit dem französischen Festungsgürtel läuft die Front der belgischen Befestigungen von Lcmgwy über Ar- lon Bastogne, das Hohe Venn, die Hochebene von Herve bis Henry Chapelle. Von dort aus geht sie nördlich Lüttich bis Maeseyk und biegt dann nach Nordwesten auf Turnhout um. Schließlich kommt noch eine Front von Nordwesten auf T chckj noch eine Front von Antwerpen über Gent bis zur Schelde hmzu. Diese ganze Umwallung ist mit Forts und Kasematten angelegt.

Das 1931 verstärkte Befestigimgssystem galt, wie ein Blatt des Kriegsministeriums, derSoir", aus­

führte, seit 1935 als vollendet. Trotzdem wird jetzt ein weiterer Ausbau gefordert, es sollen durch Verlängerung der Dien st zeit neue Truppen aufgebracht werden, um die schon bestehen­den und künftig noch zu errichtenden Befestigungen auch mit den nötigen Mannschaften zu versehen. Bereits im Vorjahre erhöhte Belgien trotz der schlechten Wirtschaftslage seinen Heeres-Etat um 119 Millionen auf 886 Millionen Franken; gleich­zeitig wurde das Rekruten-Kontingent verstärkt. Jetzt fordert die belgische Regierung von der Kam­mer neue erhebliche Kredite.

Die Blätter des Kriegsministeriums, die franzö­sisch geschriebenen liberalen Gazetten, machen in Rüstungspsychose gegen Deutschland, und der Kriegsminister selbst hat sich dem angeschlossen. Das Märchen von der deutschen Gefahr wird breit ausgewälzt, um die Kammer bewilligungsreif zu machen. Dabei ist es Tatsache, wie Lloyd George noch kürzlich im englischen Unterhaus feststellte, daß die europäischen Staaten aufrüsteten, o h n e daß Deutschland auch nur ein Bajonett mehr geschlissen hätte. Während Deutschland waffenlos war, wurde die Abrüstung sabotiert, die Wieder­gewinnung der deutschen Wehrhoheit ist nicht etwa die Ursache der neuen Aufrüstung, sondern die Wir­kung, denn selbst das friedliebendste Land muß dar­auf bedacht sein, seine Sicherheit in seiner eigenen Kraft zu suchen, wenn die anderen Nationen ihre Rüstungen entgegen ihrem Versprechen ftanoig

Die belgischen Flamen, die die Mehrheit der Be­völkerung bilden, aber im Parlament und im H von den'französisch gesinnten und sp^n^Wa - lonen majorisiert werden, haben die neueste Ru- stunqsvorlaqe zum Anlaß genommen um d.e G - abr einer Bindung der belgischen an bie französi­sche Politik klar zu stellen. Sie haben auf ihre frraae ob Belgien neutral bliebe, wenn Deutsch- Fanb ®=lqien nicht angreife nicht nur keine Ant­wort bekommen, sondern >hr V-r angen nach L°- hng des französisch-belgischen MMarvertrages ist unerfüllt geblieben. Das kleine Land, das soviel f ir seine Aufrüstung tat, kann nur unter den größ­te Schwierigkeiten die jetzigen Opfer für das Heer

aufbringen, zumal Belgien als Industrieland von den Einwirkungen der Weltwirtschaftskrise beson­ders hart getroffen wurde, sogar den lange ver­teidigten Goldstandard seiner Belga aufgeben und sie um 26 v. H. abwerten mußte, ohne daß die da­mit erhofften Wirkungen eingetreten wären. Daß Deveze als Kriegsminister in französischem Fahr­wasser schwimmt, daß die neueste Rüstungsvorlage noch mehr auf Gedeih oder Verderb Belgien an alle Abenteuer der französischen Politik knüpft, ist der Hauptvorwurf, den die Männer erheben, die für eine wirklich unabhängiges Belgien sind.

Das englische Aufrüstungsprogramm bis 1939 durchgeführt.

London, 8. Febr. (DRV. Funkspr.) Das neue englische Au'rüstungsprogramm dürfte, wieDaily Telegraph" b [tätigt, eine Gesamtsumme von nicht weniger als 3 0 0 Millionen Pfund Sterlin­gen fordern. Die Regierung habe eine weitere

Beschleunigung der Aufrüstung beschlossen, so daß der größte Teil des Programms bis 1939 durchgeführt sein werde. Der 1. Teil des Vier- Jahres-Programms werde mit Schatzwechseln finan­ziert werden. Nach etwa 1% Jahren werde jedoch die Auflegung einer Rüstungsanleihe er­forderlich sein.

Amerikanische Geschwaderflüge.

Neuyork, 7. Febr. (DNB.) 31 Marineflug­zeuge traten von Cocosolo (Panamakanalzone) einen Geschwaderflug nach den 1200 Meilen ent­fernten Galapagosinseln an. Sie nehmen an einwöchigen Luftmanövern teil. Gleichzeitig gab das Kriegsamt bekannt, daß 24 Bomben- und Jagd­flugzeuge am 21. Februar von Bronxville (Texas) aus zu einem 1900 Meilen langen Geschwaderflug nach der Panamakanalzone über Mexiko, Guatemala und Nicaragua starten werden. Die Flugzeuge werden den bereits in der Kanalzone stationierten Luftstreitkräften zugeteilt.

,,Frankreichs Kriegsflotte hat seine alte Kraft wiedergefunden." Kriegsmarineminister piStri kündigt vor französischen Kriegsveteranen die Indienststellung der vier mächtigsten Kriegsschiffe der Weit an.

Paris, 8. Febr. (DNB. Funkspruch.) Auf einer Versammlung ehemaliger französischer Marinesol­daten wies der französische Kriegsmarineminister Pietri auf die Bedeutung der Kriegsmarine hin. Diejenigen, die ihr Leben für das Vaterland ge­geben hätten, erklärte er u. a., forderten mehr, als daß man ihren Verlust lediglich beweine. Die Vele- ranen der französischen Kriegsmarine müßten in der Jugend das notwendige Vertrauen erwecken. Die französische Jugend leide heute schwer. Eine Welle der Melancholie und der Miß- g e st i m m t h e i t werde sie ersticken, wenn nicht die ältere Generation sich.ihrer annehme und ihr das notwendige Vertrauen wieder gebe. Dazu genüge aber nicht, daß man sich der eigenen Taten rühme. Sicherlich hätten dieKriegs- Ichiffsbesatzungen den Krieg mit all seinen Schrecken miterlebt, aber sie hätten nicht die Arbeitslosigkeit, das Elend und jene furchtbare Ungewißheit über den kommenden Tag gekannt, und es sei nicht sicher, ob das Pfeifen der Granaten schlimmer sei, als hiese Beunruhigung.

Ihre Aufgabe sei es daher, der französischen Ju­gend zu verstehen zu geben, daß, wenn Frankreich gerade in den Zeiten einen 21 b ft i e g er­litten habe, in denen seine militärische Stärke den Höchststand erreichte, dies darauf zurückzufübren sei, weil es s i ch nicht g e - n.ügend um seine Flottenmacht geküm­mert habe, die als eine Vorbedingung für die Lebenserhaltung Frankreichs an­gesehen werden müsse. Die ehemaligen Kriegsteilneh­mer müßten jedoch wissen, daß das mächtige Kriegs­instrument, die französische Flotte, das. sie gekannt hätten und das trotz ihrer Tapferkeit gebrochen und verbraucht aus dem Kriege hervorgegangen sei, in weniger als zwölf Jahren seine ganze Frische und Wider st andskraft wieder gefun­den habe. Wenn demnächst die vier neuen Panzerkreuzer in Dien ft gestellt wür­den, werde Frankreich die mächtigsten Kriegsschiffe der Welt besitzen. Er persön­lich werde dann annehmen können, daß er leine Lauf­bahn als Mann im öffentlichen Leben eyrlich aus- genützt habe.

Eine tolle Fälschung der französischen Rüstungspropaganda.

Paris, 7. Febr. (DNB.) Die politische Wochen­schriftVendredi" und die bekannte franzö­sische SportzeitungL'Auto" decken eine uner­hörte Fälschung auf, die voraussichtlich noch em Nachspiel haben wird. Der Berichterstatter des Luftfahrthaushalts, Abgeordneter B e r n i e r, hatte während der Beratung des Haushaltsplanes m der Kammer in feinem Bericht fünf Seiten einer Denk­schrift gewidmet, die angeblich v a m G roh e n Deutschen General st ab verof, en11 i ch t sein sollte und in derder deutsche Generalstabschef, General R e u ß", sich mit der N o t w e n d i g k e it einer ft arten Luftflotte auseinander^! und den Willen Deutschlands zum Ausdruck bringt, diese Luftwaffe so auszubauen, daß sie m der Lage ist jede Operation des Gegners auf dem Lande zu neutralisieren. Diese Veröffentlichung sollte offen­bar dazu dienen, die V rabschiedung der hohen Kre­dite für die französische Militärluftfahrt sicherzu­stellen. Französische Kreise, die über die Zusam­mensetzung des deutschen Generalstabes einiger­maßen unterrichtet find, gingen den Dingen nach und haben folgendes feftgeftellt:

Der inzwischen verstorbene italienische General Douhet hat in seinem Buch Der Luftkrieg" die Entwicklung eines Zukunftskrieges zwischen zwei Groh, machten behandelt und in diesem Zusammen­hang der militärischen Organisation Frank­reichs und Deutschlands ein besonderes Kapitel gewidmet. Die darin enthaltenen Aus­führungen waren dem Zweck und dem Sinn des Buches entsprechend theoretische An­nahmen des Verfassers, der absicht­lich Zukunftsmöglichkeiten behandelte. General Douhet hat zu diesem Zweck einen deutschen Generalftab erfunden und an feine Spitze die ebenso fiktive Persönlichkeit des Generals Reuh gestellt, der dem deutschen Reichskanzler angeblich einen Plan unterbreitet habe. Dieser Plan ist natürlich ebenso eine freie Annahme wie die Figur des Gene­rals Reuh. Den Berichterstatter des franzö­sischen Lufthaushalts hat dies aber nicht daran

gehindert, die Seifen 124 bis 127 der Ab­handlung des Generals Douhet über den Zu­kunftskrieg in feinen Bericht zu übernehmen und ihm einen amtlichen Anstrich zu geben. 3n feinem Bericht heißt es u. a.:Um die deutsche Auffassung besser zu verdeutlichen, halten wir es für zweckmähig. auszugsweise ein Schriftstück wiederzugeben, das von dem Grohen Deutschen General st ab veröffentlicht worden iff.(!!)

L'Auto" verlangt, daß man die Verant­wortlichen zur Rechenschaft ziehe. Wenn der Berichterstatter das Buch des Generals Douhet selbst nicht gelesen habe, so habe augenscheinlich ein Beamter des Luftfahrtministeriums das Werk des italienischen Generals geschickt zerschnitten, um den Erklärungen des Pseudo-Generals Reuß den Anschein der Echtheit zu geben. Eine Untersuchung sei auf alle Fälle notwendig, denn das französische Parlament habe diese neue Schä­digung feines Ansehens wirklich nicht nötig.

Oie (Soivjelflieger über Estland.

Reval, 7. Febr. (DNB.) Wie sich nachträglich herausstellt, beruht die Meldung, drei sowjet- russische Militärflugzeuge hätten am Donnerstag die Stadt Dorpat* überflogen, auf einem Irrtum, es handelt sich vielmehr um die Stadt Narwa, die zweimal überflogen wurde. Ergänzend wird berichtet, daß die sowjet- russischen Flieger über dem Peipus-See gerade in dem Augenblick erschienen, als die ge­mischte estländisch-sowjetrusfische Grenz- ko m mi ff i o n auf dem Eise eine Beratung ab­hielt. Sowohl die fowjetruffischen, als auch die est- ländifchen Mitglieder der Kommifsion eröffne­ten das Feuer auf die Flugzeuge, in der Meinung, es mit denen des Nachbar ft aates zu tun zu haben.

Wohin geht England?

Die diplomatische Betriebsamkeit, die sich an die Begräbnisfeierlichkeiten in London anschloß und in langen Besprechungen mehrerer Staatsober­häupter und fast aller europäischen Außenminister in den beiden westlichen Hauptstädten ausdrückte, bringt, obwohl unendlich viel darüber berichtet und geschrieben wurde, doch bei näherer Betrach­tung kaum eine neue Note in das verwirrte und disharmonische Konzert der internationalen Politik. Weder ist die abessinische Frage auch nur um einen Schimmer Heller und klarer geworden, noch sind die andern europäischen Probleme, von denen wirklich oder angeblich gesprochen wurde, von der Eigenschwere befreit, die ihnen anhaftet und die bisher ihre Lösung verhinderte. Dies gilt sowohl von der allgemeinen Frage der sogenannten kol­lektiven Sicherheit, solange man das Mit­tel nicht gefunden hat, die deutschen Bedenken und auch die Polens, die erneut in aller Deutlichkeit geltend gemacht morden sind, glaubhaft und durch praktische Beweise zu zerstreuen; es gilt auch von den Projekten des Donau- und Mittelmeer­paktes, bei denen der vorläufig unbekannte Größenwert Italien nicht einfach als nicht vor­handen betrachtet werden kann. Jedenfalls wäre es mehr als ein Wunder, wenn einer zufälligen Häufung diplomatischen Zusammentreffens das ge­lungen fein sollte, was sich bisher bei eigens dafür angesetzten Konferenzen und Staatsbesuchen als zu schwierig und eigenwillig gezeigt hatte.

Das einzige, was man als ein Symptom von allerdings größter Bedeutung aus den Ereignis­sen der letzten Tage ablesen kann, dürfte die ent­schiedene Neigung der englischen Politik fein, in ihre europäischen und internationalen Kombi­nationen ein sehr pofititioes und freundschaftliches Verhältnis z u Sowjetrußland einzu- ftellen. Es ist zwar nicht so, daß es derverführe­rischen Persönlichkeit" des russischen Außenkommis- sars Litwinow in seinen Aussprachen mit dem jungen englischen König und seinen Ministern ge­lungen wäre, den Kurs der englischen Politik plötz­lich in eine neue Richtung zu drehen; die Anzei­chen dafür, daß die Londoner führenden Kreise die vielerlei und gewichtigen Gründe, die gegen eine politische Zusammenarbeit mit Moskau spre­chen, zurückzustellen begannen, liegen weiter zu­rück und lassen sich mit zunehmender Deutlichkeit seit der Reise verfolgen, die vor etwa einem Jahre den jetzigen englischen Außenminister Eden von Berlin zu der üppigen und eindrucksvollen bolsche­wistischen Gastlichkeit nach Moskau führte. Seit jener Zeit hat man sich in London sichtlich be­müht, das konservative und wohlerzogene Grauen vor den blutigen Händen der Zarenmörder zu überwinden und die realen Interessen der eng­lischen Politik voranzustellen, so wie sie sich zur Zeit dem über die ganze Erde schweifenden Blick eines Empire-Mannes zeigen. Dieser Blick ruht nicht erst seit heute und gestern, sondern schon lange mit zunehmender Sorge auf der Entwicklung in 0 ft a f i e n. Sie hat sich im letzten Jahre, be­sonders aber in den letzten Monaten so sehr akzen­tuiert, daß England ernstlich fürchten muß, ent­weder eines Tages feine enormen wirtschaftlichen Interessen von den machtpolitischen ganz zu schweigen in Mi11elchina als wertlos li­quidieren zu müssen oder sich zu einem offenen Kampf auf Leben und Tod mit seinem einstigen Verbündeten, Japan, zu entschließen.

Die Geschichte des chinesischen Reiches in den letzten 100 Jahren ist eine Geschichte ständiger Auf­lösung und Absplitterung. Den ersten Vorstotz in das festgefügte, vielleicht seit Menschengedenken am höch­sten kultivierte und zivilisierte Land, das weit über seine heutigen Grenzen hinaus reichte, Tibet, Sin- kiang, die Aeußere und Innere Mongolei, die Mandschurei und Korea umfaßte, machten d i e Engländer, als sie die Mandschukaiser im fer­nen Peking zu einem Vertrag mit Waffengewalt zwangen, ihnen weitgehende Sonderrechte einzu­räumen. Bis dahin, bis zum Jahre 1842 also, ist es Ausländern verwehrt gewesen, in China Handel zu treiben. Das Privileg für den Außenhandel lag in den Händen der Kantoneser Kaufmannschaft. Dies Privileg wurde durchbrochen, als sich England 1842 in Hongkong festsetzte und dort eine eigene Kolonie errichtete. 1854 dann erzwangen England und die Vereinigten Staaten zusammen die Inter­nationale Konzession in Schanghai, der sich 1862 Frankreich anschloß. 1887 setzten sich die Portu­giesen in Macao fest; 1898 die Franzosen in Kwangchowan; 1895 ergriffen die Japaner von der Insel Formosa und von den dieser Insel vorge­lagerten Pescadores Besitz. 1907 stößt Japan gegen die Südmandschurei vor und bemächtigt sich Liao- tungs. 1910 hört Korea auf. ein selbständiges Kai­serreich zu fein und wird Japan eingegliedert. In jüngster Erinnerung noch find die Loslösung der Mandschurei und ihre Umwandlung in ein Kaiser­reich Mandschukuo (1932), die Besitzergreifung der Provinz Jehol (1933) und schließlich Die Ausdeh­nung der japanischen Einflußsphäre auf die Pro­vinzen Chahar, Suiyan, Shansi, Hopei und Shang- tung (1935).

Bereits aus diesen kurzen geschichtlichen Angaben ergibt sich, daß der starke englische Einfluß immer mehr an Bedeutung gegenüber den japanischen Bestrebungen verlor. Der Herr Chinos ist heute nicht mehr, wie noch zur Jahrhundertwende, Eng­land, sondern Japan. Fast scheint es so, als ob sich die britische Politik bis zu einem gewissen Grade mit dieser ungünstigen Entwicklung abgefunden hat. Erst vor wenigen Monaten schrieb dieTimes", daß sich England nicht dagegen wehren würde, wenn sich der japanische Einfluß über ganz Nordchina erstreckte und daß es England nur darauf ankäme, seine Han­delsinteressen im Stromtal des Jang tse