Ausgabe 
7.11.1936
 
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lir. 262 Erster Blatt

186. Jahrgang

Samstag, r. November 1936

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Europäische Gespräche.

Die Diskussion der besten Methode einer Stabi­lisierung des Friedens in Europa hat durch die Mailänder Rede Mussolinis und die Antwort, die der britische Außenminister darauf vorgestern im Unterhaus erteilt hat, einen starken Antrieb erhal­ten. Der Duce hatte hart und nüchtern Italiens Auffassung zu den Problemen unmißverständlich dargelegt, die in den vergangenen Jahrzehnten die europäische Politik wie Irrlichter in den Sumpf rettungsloser Verstrickung von Ideal und Wirklich­keit, von Menschheitsbeglückung und nackter Jnter- essenpolitik gelockt hat. Mussolini hatte zu diesen Illusionen, die man als solche erkannt hat, weil sie beim Uebergang aus der stickigen Luft der Kon­ferenzsäle in die rauhe Atmosphäre machtpolitischer Wirklichkeit geplatzt sind wie Seifenblasen, in erster Linie den Gedanken der A b r ü st u n g gerechnet. Er hatte gesagt, niemand wolle zuerst abrüsten, und die gleichzeitige Abrüstung aller sei unmöglich. Bleibt also die Aufrüstung, so haben ihm die britischen Staatsmäner in ihrer Antwort sekun­diert und die fieberhaft betriebene eigene Aufrüstung vor sich selbst und dem grundsätzlichen Pazifismus der Opposition damit begründet, daß England nicht stark genug gerüstet sein könne, um seine inter­nationalen Verpflichtungen aus der Völkerbunds­satzung zu erfüllen, ja Eden prägte den Satz, je Parker England heute sei, um so größer sei die Gewißheit des Friedens. In diesem Punkt besteht also Einigkeit, wobei uns Deutschen nur die Frage erlaubt sei, warum man denn auch in England die Angleichung der deutschen Rüstung an den allge­meinen Rüstungsstand als angebliche Störung des Friedens und Hindernis einer Verständigung hinzu­stellen beliebte, wenn man in London selbst davon überzeugt ist, daß wie ja der deutsche Reichs­kanzler immer wieder an dem mitteleuropäischen Gefahrenherd erläutert hatte, ohne freilich damals auf Verständnis zu stoßen nur starke Mächte echte Garanten des Friedens sind, die Schwäche eines Staates aber geradezu zu Friedensbruch und Gewalttat reizt.

Mussolini wünscht nicht den Betrug, der darin lag, daß man in Ausführung des Diktats von Ver­sailles zwar die Unterlegenen bis zur letzten Ka­none entwaffnete, selbst nun aber sich um die Durchführung der in Versailles feierlich übernom­menen Abrüstungsverpflichtung unter immer wie­der neu erfundenen Vorwänden herumdrückte, durch neue Abrüstungsversprechen zu verlängern. Er sieht keine Möglichkeit einer gleichzeitigen und gleich­mäßigen Abrüstung aller und lehnt es ab, den Ernst der politischen Lage, wie sie sich ihm dar­stellt, durch neue Illusionen zu vernebeln. Englän­der und Franzosen halten dagegen roenigens im Grundsatz an der Möglichkeit fest, daß es einmal zu einem brauchbaren und wirksamen Abrüstungs­oder zumindest Rüstungsbeschränkungsabkommen kommen könnte. Die Franzosen haben sogar den längst in Vergessenheit geratenen Abrüstungsaus­schuß des Völkerbundes in Genf wieder angekur­belt, aber wie wenig sie selber von irgendwelchem Ergebnis ihrer Aktion in absehbarer Zeit überzeugt, ja wie wenig sie selber gewillt sind, das ihrige dazu zu tun, zeigt ja gerade eben die Rüstungsvor- läge des Kabinetts Blum. Sie will mit Rücksicht auf die Anforderungen, die ein Zukunfts­krieg an die technische Vorbildung des Soldaten stellt, wie auch im Hinblick auf den vermehrten Be- oarf an Unterführern im Kriege das Element bes Berufssoldaten im Rahmen des auf der all­gemeinen Wehrpflicht beruhenden stehenden Heeres zahlenmäßig stärken, daneben aber noch ein Spe­zi a l k o r p s auffteöen, das namentlich mit den kamplizierteren technischen Waffen ausgerüstet werden wird. Der Plan wird begründet abge­sehen natürlich von der deutschen Aufrüstung, die heute in Frankreich sowohl wie in England immer herhalten muß, um dem wenig bewilligungsfreudi­gen Parlament neue Rüstungsausgaben schmack­haft zu machen mit dem Jnaussichtstehen von rekrutenschwachen Jahrgängen. Dies Problem trifft das an sich schon nachwuchsarme Frankreich be­sonders empfindlich. Da eine nochmalige Erhöhung der Dienstzeit bei den regierenden Parteien der Linken auf keine Sympathien stoßen würde, ist man auf den Ausweg einer Verstärkung des lang dienen­den Berufssoldatentums verfallen. Man wird dabei vermutlich mehr Erfolg haben als die Engländer, die zwar mit aller Energie an die Durchführung eines Riesenaufrüstungsprogramms gehen aber vorerst keine Möglichkeit sehen, die neuen Forma­tionen in der geplanten Stärke auch tatsächlich auf­zustellen, wenigstens soweit das Landheer in Be­tracht kommt, weil einmal trotz immer noch vor­handener beträchtlicher Arbeitslosigkeit auch die verlockendsten Anpreisungen der Werber nicht im­stande sind, die überkommene Scheu des jungen Engländers vor dem Militärdienst zu überwinden und weil zum anderen von den Angeworbenen ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz sich als körperlich für den Militärdienst untauglich erweist. Deshalb auch in der Thronrede König Eduards rote m allen Erklärungen der Minister der nachdrückliche Hin­weis auf die Notwendigkeit einer planmäßigen kör­perlichen Ertüchtigung der englischen Jugend.

Die französische Rüstungsvorlage 3ei.F a^$ Frankreichs Entschlossenheit, sich auch Milttansch der durch die belgische Neutralitätserklä­rung veränderten Lage anzupassen. Line halbe Milliarde Franken ist für die Verlängerung der Maginotlinie nach Norden entlang der belgisch- französifchen Grenze vorgesehen, die man bislang im Vertrauen auf das Militärabkommen mit Bel­gien so gut wie unbefestigt gelassen hatte. Weder die englische Thronrede noch die Erklärungen Edens und Neville Chamberlains sind auf die Erklärung des Königs der Belgier naher eingegangen. Man

Oie Feier -es 9. November in München.

Das Programm für die Feierlichkeiten in -er Hauptsta-t -er Bewegung.

München, 6. Nov. (DNB.) Das offizielle Pro­gramm für die Begehung des 8. und 9. November in der Hauptstadt der Bewegung liegt vor. Danach beginnen die Feierlichkeiten am Sonntag, den 8. November, um 19 Uhr, mit dem Treffen der alten Kämpfer imBürgerbräu- feiler, wo der Führer zu feinen alten Kämpfern an dieser historischen Stätte sprechen wird. Es spielt der Musikzug und der Spielmannszug der Stan­darte Adolf Hitler. Die Teilnehmer dieser Versamm­lung sind: die alten Kämpfer, die Hinterbliebenen der 16 Ermordeten, die Gäste des Führers, die Reichsleiter und Gauleiter, die Obergruppenführer und Gruppenführer, SA., SS., NSKK., die Ober­gebietsführer und Gebietsführer, die Hauptdienst­leiter der Reichsleitung und die Arbeitsgauführer des Reichsarbeitsdienstes.

Um 23 Uhr erfolgt dann der Einmarsch der Standarten durch das Siegestor zur Feldherrnhalle. An ihm beteiligen sich: der Musikzug der SS.-StandarteDeutschland", der den Aufmarsch eröffnet. Ihm folgen zwei Ehren- ftürme der SS.-StandarteDeutschland", hinter denen die Blutfahne getragen wird, an die sich die Standarten der SA., SS. und des NSKK. reihen. Anschließend tragen alte Kämpfer die 16 Kränze, die der Führer den ersten Blutopfern der Be­wegung widmet. Ehrenstürme der SA., des NSKK., der Politischen Leiter, des Reichsarbeitsdienstes unö der SS. beschließen den mitternächtlichenZug, der sei­nen Weg durch die Ludwigstraße zum Odeons- p l a tz nimmt. An dessen beiden Seiten nehmen die Standarten Aufstellung. Kampfgenossen von 1923 legen unter den Klängen des Präsentiermarsches die 16 Kränze des Führers an den in der Feld« herrnhalle aufgestellten Flammen-Pylonen nieder, deren jede den Namen eines der Ermordeten trägt. Nunmehr bezieht Hitlerjugend die Ehrenwache. Die Ehrenstürme der SA., des NSKK., der Politischen Leiter, des Reichsarbeits­dienstes und der SS. ziehen am Mahnmal vorbei.

Dem Montag, dem 9. November, gibt sein Ge­präge der Marsch des 9. November. Um 10.30 Uhr erfolgt die Aufstellung des Zuges am Bürgerbräukeller. Als erster nimmt Julius Streicher Aufstellung, hinter dem die Blutfahne getragen wird. Es reihen sich an, die Führergruppe, die alten Kämpfer, die Reichsleiter, Gauleiter, Obergruppenführer und Gruppenführer, SA., SS., NSKK., Obergebietsführer und Gebietsführer, Hauptdienstleiter der Reichsleitung, Arbeitsgau­führer des Reichsarbeitsdienftes. Dahinter stellen sich auf: zwei Stürme SA., ein Sturm NSKK., eine Abteilung Politische Leiter, eine Abteilung Reichsarbeitsdienst und ein Sturm SS. Für die alten Kämpfer ist als Marschanzug Uniformmantel und Mütze ohne Rang- und Dienstabzeichen vorge­sehen.

Um 12.10 Uhr beginnt dann der Marsch des Zuges durch die Straßen des 9. November 1923 zur Feldherrnhalle. Dort findet das Gedenken am Mahnmal statt. Sechzehn Salutschüsse kün­den an, daß vor 13 Jahren 16 Männer ihr Leben für Deutschland geopfert haben.

Nach diesem Weiheakt zum Gedächtnis und zur Ehrung der ersten Blutzeugen der nationalsozia­listischen Bewegung erfolgt der Marsch von der Feldherrnhalle zur Ewigen Wache. Auf dem Königlichen Platz sind um 13.10 Uhr angetreten zum Appell vor den Toten der Bewe­gung Marschblöcke der SA., des NSKK., der Politischen Leiter, des Reichsarbeitsdienftes und der Hitler-Jugend, die Rekruten der SS.-Stan- darte Adolf Hitler und SS.-Standarte Deutsch­land. Nach dem Eintreffen des Zuges des 9. No­vember nehmen die alten Kämpfer vor der Ewigen

Wache Aufstellung. Adolf Hitler steht bei den Helden der Bewegung. Danach ruft der Sprecher der Partei, Adolf Wagner, zum Appell, die Wachparade zieht auf, worauf der Sprecher der Partei den Appell beendet.

Die Fahnen des Sieges heraus!*

Aufruf des Reichspropagandaleiters zum 9. November 1936.

Berlin, 6. Nov. (DNB.) Reichspropaganda- leiler Dr. Goebbels gibt bekannt: Alljährlich am 9. November gedenkt die nationalsozialistische Bewegung und mit ihr die ganze Nation in stol- 3 er Trauer ihrer Toten. Aeberall im Reiche ziehen an den Gräbern unserer ermordeten Kameraden die Ehrenwachen der nationalsozialisti­schen Formationen auf. 3 n der hauptstadt der Bewegung schart der Führer seine ältesten Mitkämpfer um sich. Zu ihnen spricht er am Vorabend des 9. November in dem gleichen

Saal, von dem die schicksalhaften Ereignisse des Jahres 1923 ihren Ausgang nahmen. Mit ihnen tritt er jedes 3ahr von neuem den historischen Marsch zur Feldherrnhalle an. Zu der­selben Minute, da am 9. November 1923 die ersten 16 Blutzeugen der nationalsozialistischen 3dee in den Salven eines heimtückischen Verrates zusam­menbrachen, donnern nun jedes 3ahr 16 Schuß Salut an der Feldherrnhalle auf als Zeichen des Auszugs der 16 Gefallenen am 9. November 1923 zur Ewigen UJadje auf dem königlichen platz. So wird jedes Jahr von neuem der Totengedenktag der nationalsozialistischen Bewegung zu einem Feiertag des Sieges und der Auf­erstehung für das ganze deutsche Volk. Und deshalb hissen wir auch am 9. November d i e Fahnen des neuen Reiches an allen öffent­lichen Gebäuden, Arbeitsstätten und Wohnhäusern als Siegesbanner der deutschen Revo­lution.

London in Erwartung des polnischen Außenministers.

Warschau, 6. Nov. (DNB.) Der polnische Außenminister Beck wird sich mit Frau Beck auf Einladung der englischen Regierung zu einem offiziellen Besuch nach London begeben, um den Besuch zu erwidern, den Außenminister Eden 1935 in Warschau gemacht hatte. Minister Beck wird von dem Kabinettsdirektor im Außenmini­sterium Graf Lubienski, dem Chef der West­abteilung des Außenministeriums Graf P o - tocki und feinem persönlichen Sekretär Sied­le ck i begleitet. Minister Beck, der am Sonntag­mittag in London eintrifft, wird am Dienstag vom König empfangen werden. Am Don­nerstagnachmittag verläßt Minister Beck London und fährt direkt nach Warschau zurück.

Der Besuch des Außenministers Beck findet i n London starke Beachtung. In unterrichteten Kreisen rechnet man damit, daß sich die Unterhal­tungen, die Oberst Beck mit dem englischen Außen­minister Eden haben wird, in der Hauptsache auf drei Punkte erstrecken: 1. Das polnische Interesse an den Westpakt Verhandlungen, 2. die Dan­ziger Frage, für die Eden Berichterstatter in Genf ist, 3 wirtschaftliche Fragen, wozu auch die Frage der Einwanderung polnischer Ju­den nach Palästina zu rechnen ist. Für die Verhandlungen zwischen der englischen und der polnischen Regierung sind zunächst drei Tage vor­gesehen.

Der stets gut unterrichtete Londoner Berichterstat­ter desScotsman" formuliert anscheinend auf Grund von Informationen von polnischer Seite d i e polnischen Ansichten wie folgt:

Polens Außenpolitik sei vor allem von dem Be­streben geleitet, den europäischen Frieden 3U sichern. Sie sei weder gegen Deutsch­land gerichtet, mit dem Polen eine nicht hoch genug einzuschätzende Verständigung habe, noch gegen Sowjetrußland, dessen Regime Po­len ablehne, mit dem es aber doch ausschließlich freundschaftliche Beziehungen zu unterhalten wün­sche. Warschau sei der Ansicht, daß das fran­zösisch-polnische Bündnis, das in feiner gegenwärtigen abgeänderten Form darauf berech­net fei, den deutschen Verdacht einer Angriffsabsicht

zu beseitigen, für den Frieden sorge. Polen habe nicht den Wunsch, einvoll eingeschalteter Teilhaber" in dem neuen W e st p a k t zu werden, aber es verlange, daß kein Problem des Westpaktes, das feine osteuropäischen Interessen berühre, geregelt werde, ohne daß Polen gefragt werde. Hierin werde zweifellos der Kernpukt der Bespre­chungen Oberst Becks mit den britischen Ministern zu suchen sein.

Außenminister Beck erklärte dem Vertreter' des Reuter-Büros in Warschau u. a.:Ganz abgesehen von der erheblichen Verschiedenheit der po­litischen Belange Englands und Polens glaube ich doch, daß die Grundlage zu einem ersprießlichen Meinungsaustausch über Angelegenheiten des europäischen Kontinents gegeben ist, da die Politik Londons und Warschaus sich dadurch kennzeichnet, daß sie sich bemüht, d i e Beziehungen der Staaten unterein­ander zu stabilisieren und Schwierigkeiten auszuräumen."

Oer Wunsch nach Verständigung.

Die britische Gesandtschastswache in Addis Abeba wird zurückgezogen.

Rom, 6. Nov. (DNB.) Der englische Botschafter hat dem italienischen Außenminister den Beschluß feiner Regierung mitgeteilt, die zum Schuhe der englischen Gesandtschaft in Addis Abeba stehende Abteilung indischer Truppen zurückzuziehen und die italienischen Behörden zu er­suchen, den Schuh der Beamten der Gesandt­schaft zu übernehmen. Vom italienischen Außenmi­nister Graf E i a n o wurden entsprechende Zu­sicherungen gegeben, worauf der englische Botschaf­ter erklärte, daß der Beschluß schnell zur Durchfüh­rung gebracht werden solle. Graf Eiano hat darauf­hin zum Ausdruck gebracht, daß seine Regierung den Beschluß zu schätzen wisse.

begnügte sich mit der lakonischen Feststellung, daß man eine Versicherung erhalten habe, daß Belgien an feinen bestehenden Verpflichtungen festhalte. Belgien wird wohl bei den kommenden Verhand­lungen über den Westpakt feinen neugewählten Standpunkt genauer präzisieren. Man wird dann klarer sehen können, welche Verpflichtungen Belgien künftighin für sich als bindend erachten wird. Der Westpakt ist nach englischer Auffassung ein Glied in einem System der kollektiven Sicher­heit, das Neville Chamberlain in seiner Unter­hausrede als die einzige Hoffnung der Welt be­zeichnete, den Frieden aufrechtzuerhalten, während Mussolini es unter die konventionellen Lügen und Illusionen einreihte. Niemals werde, so sagte der Duce in Mailand, ein männlich starkes Volk seine Sicherheit und sein Schicksal den unsicheren Händen Dritter anvertrauen. Ebenso scharf lehnte er die Auffassung vomunteilbaren Frieden" ab. Dieser Phrase bolschewistischen Ursprungs, die namentlich in Gens und Paris schon soviel Ver­wirrung in den Köpfen der Diplomaten angerichtet hat, stellte der Duce die Warnung vor demun­teilbaren Krieg" entgegen und lehnte es in voller Uebereinstimmung nut den auch von den deutschen Staatsmännern immer wieder aufgestellten Grund­sätzen mit aller Entschiedenheit ab, sich für anderer Leute Interessen zu schlagen.

Englands Schatzkanzler Neville Chamber­lain, der in diesem Punkt erheblich ausführlicher wurde, als sein Kollege Eden, will das System der kollektiven Sicherheit, wie es uns von Moskau und Paris mit Hilfe der Phrase vomunteilbaren

Frieden" als Allheilmittel zur Aufrechterhaltung des Friedens angepriesen wird, wesentlich beschränkt wissen. Denn auch England wünscht ebensowenig wie Deutschland und Italien seine Knochen für eine Sache zu Markte zu tragen, die kein englisches Lebensinteresse berührt. Das A und O der eng- lischen Außenpolitik ist zwar nach wie vor der Völkerbund, und mit eiserner Konsequenz hält England deshalb auch, wie ja aus den Unter­hausreden Edens und Chamberlains hervorging, an der Fiktion fest, daß der Abessinienkonflikt niemals ein englisch-italienischer Streitfall gewesen sei, daß vielmehr England lediglich sich bemüht habe, seine Verpflichtungen aus Der Völkerbunds­satzung zu erfüllen. Aber die Frage ist oft gestellt und niemals beantwortet worden, ob England sich auch dann mit einem solchen Aufwand an Energie für die Erfüllung seiner Völkerbundsoerpflichtungen eingesetzt hätte, wenn diese zufällig weniger ein­deutig mit den machtpolitischen Interessen des Empire übereingestimmt hätten als im Abessinien­konflikt. Jedenfalls sieht England auf Grund seiner eben gemachten Erfahrungen im Sanktionskrieg gegen Italien das Heil in einer Untermauerung des Völkerbundes durch Regionalpakte, die für besonders gefährdete Teile der Erde unter den daran vor allem interessierten Mächten abgeschlossen werden sollen mit der Verpflichtung, gegen einen Friedensbrecher in diesem regional begrenzten Be­zirk zum Kriege zu schreiten. Mussolini stellt da­gegen den Grundsatz des direkten Ausgleichs der Interessen in zweiseitigen Ver­trägen, wie sie Italien mit Oesterreich und

Ungarn in den römischen Protokollen, Deutschland mit Polen und Oesterreich und im Flottenabkom­men auch mit England abgeschlossen hat und wie schließlich ohne ausdrückliche Derttagsform dem Sinne nach auch der deutsch-italienische Ausgleich in diese Reihe gehört. Hier ist also eine sehr er­hebliche Meinungsverschiedenheit im Grundsätzlichen zwischen der englischen Auffassung, ganz abgesehen von den mit Absicht verschwommen und nebel­haft gehaltenen Sicherheitsplänen Frankreichs und der Sowjetunion, und der durch die praktische Er­fahrung wohl begründeten Auffassung Deutsch­lands und Italiens, die beide es strikt ablehnen, irgendwelche Verpflichtungen zu übernehmen, die sie eines schönen Tages zwingen könnten, für Interessen das Schwert zu ziehen, die sie nicht als lebenswichtig für ihre Völker betrachten können. Sie wollen in keiner Weise sich ihr Selbstbestim­mungsrecht einengen lassen durch automatisch in Gang kommende Verpflichtungen, soweit nicht eigene lebenswichtige Interessen in Frage gestellt sind.

Diese Auffassung, die anscheinend auch Belgien teilt, wird in den Besprechungen der an einem West­pakt interessierten fünf Mächte zur Debatte stehen. Er wird aber auch eine Rolle spielen, falls es zwi­schen England und Italien zu Verhandlungen über das Mi11elmeer kommen sollte. In den Reden dieser Woche ist ja auch darüber schon der beider­seitige Standpunkt sorgsam abgetastet worden. Mus- folini hat in Mailand erklärt, daß das Mittelmeer für England eine Verkehrsstraße sei, die Italien keineswegs bedrohen wolle, für Italien [el es aber