Ausgabe 
7.5.1936
 
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Jugendorganisationen an. Damit ist die Voraussetzung für das Hissen der HI.- und der Jungvolk-Fahne auf dem Schulgebäude gegeben, ein entsprechender Antrag ist bereits gestellt. Der Jiefige Bahnhofsmeister Ludwig Schmulbach begeht am Freitag, 8. Mai, fein 40jähriges Arbeits­jubiläum im Dienste der Reichsbahn. Seit 1919 ist er am hiesigen Bahnhof tätig. Die hiesige S A - Reserve eröffnet am kommenden Sonntag auf dem neuen Schießstand ein öffentliches Preis- schießen, das mehrere Sonntage andauern wird und für das gute Schießpreise ausgesetzt find.

CO Klein-Linden, 7. Mai. Am gestrigen Mittwochnachmiltag ereignete sich an der Straßen­gabelung Frankfurter Straße und Wetzlarer Straße, der sogenannten Todesfälle, ein schwerer Ver­kehrsunfall. Ein aus der Richtung Großen- Linden kommender besetzter Personenautobus rannte ein aus der Wetzlarer Straße kommendes Lastkraftfahrzeug von hinten an. Der Autobus Lahn-Perle" gehört dem Fuhrunternehmer Rein­hold Grebe aus Wilhelmshütte, Kreis Bieden­kopf, und wollte Arbeiter nach ihrem Heimatort Holzhausen bei Biedenkopf zurückbefördern. Das Lastauto gehörte einem Unternehmer aus Wetzlar, war mit Tonröhren voll beladen und wollte in die Frankfurter Straße einbiegen. Der Autobus wurde an seinem Vorderteil stark beschädigt. Durch den starken Anprall wurden die Insassen mitsamt ihren Sitzen nach vorn geschleudert, sämtliche Sitze waren aus den Schrauben gerissen. Wie durch ein Wunder wurde niemand ernstlich verletzt.

y Watzenborn-Steinberg, 6. April. Am kommenden Samstag unternimmt der hiesige G e - s a n g v e r e i nGermania" einen Ausflug nach Eichen in Westfalen, um dem befreundeten MännergesangvereinTreue" einen Gegenbesuch abzustatten. Der Verein unter Leitung seines Ehren­dirigenten Georg Harnisch (Steinberg) gibt in Eichen ein Konzert.

= Steinbach, 6. Mai. Wie bereits berichtet, feierte der Landwirt Friedrich W a l b dieser Tage des Fest der Silbernen Hochzeit. Schon am Vorabend hatten Mitglieder des Gesangvereins Eintracht", dessen Führer Herr Walb seit elf Jah­ren ist, das Haus mit einem Maibaum und mit Kränzen geschmückt. Am Abend der Silbernen Hochzeit brachte der Verein seinem verdienten Füh­rer ein Ständchen. Das Vorstandsmitglied Karl Keßler feierte in einer Ansprache den Vereins­leiter und betonte die Verbundenheit des Vereins mit seinem Führer. Auch der Dirigent Sommer (Watzenborn-Steinberg) feierte den Silberbräutigam. Der Verein folgte dann einer Einladung feines Leiters in das Vereinslokal.

D L i ch , 6. Mai. Zwei verdiente Volksgenossen unserer Stadt konnten am 1. Mai auf ihr 2 5 j ä h - riges Arbeitsjubiläum an derselben Ar­beitsstelle zurückblicken. An diesem Tage waren 25 Jahre verflossen, seitdem der Kaufmann Fritz Sch i m m e l bei der Großhandelsfirma Konrad Köhler, dahier, in Stellung ist. Fräulein Marie Ruppel konnte an demselben Tage auf ihr 25- jähriges Arbeitsjubiläum als Köchin im Fürstlich Lich'schen Schloß zurückblicken.

^Bellersheim, 6. Mai. Der Lein wurde hier in diesem Frühjahre in verstärktem Maße an­gebaut. Alle in Betracht kommenden Bauern und Landwirte haben ihren Anteil Lein ausgestellt, dessen Ertrag als Adolf-Hitler -Flachs- spende gelegentlich des Reichsbauerntages im Herbst dem Führer zur Verfügung gestellt werden soll. Das Saatgut wurde durch die hiesige Bezugs­und Absatzgenossenschaft den Anbauern unentgeltlich geliefert.

ch Lauter, 6. Mai. Da das Wetter in den letz­ten Tagen gut war, ist man jetzt eifrig mit dem Kartoffelsetzen beschäftigt. Wenn das gute Wetter einige Tage anhält, wird diese Arbeit bald beendet sein. Nächsten Mittwoch zeigt die Gau­fi l m st e l l e hier den TonfilmDer alte und der junge König".

Kreis Büdingen.

O Nidda, 5. Mai. Gestern verstarb auf dem benachbarten Hofgut Schleifeld nach kurzer Krankheit der im 81. Lebensjahr stehende Pächter, Oberamtmann Schuch, eine weit und breit ge­schätzte Persönlichkeit. Da der Verstorbene das dem Grafen Stolberg-Wernigerode gehörige Hofgut im Jahre 1885 übernahm, so konnte er noch im vori­gen Jahre das 50jährige Pächterjubiläum begehen.

8 Bad Salzhausen, 6. Mai. Seit kurzer Zeit herrscht wieder Leben in unserem Bade. Bade­gäste haben sowohl im staatlichen Kurhaus, als auch |

m den Privatgaststätten schon für längere Zeit Aufenthalt genommen. Der Badebetrieb ist voll ausgenommen worden. Das Kinder- erholungsheim des Noten Kreuzes beherbergt schon seit Beginn des vorigen Monats abwechselnd je vier Wochen immer etwa 15 Kinder. Auch das Jugendfamilienheim für Fürsorgezöglinge mit durchschnittlich 15 Kindern hat seinen Betrieb ausgenommen. Im Reichsblinden- und Kaufmanns-Erholungsheim haben sich ebenfalls schon ziemlich viele Gäste eingefunden.

Kreis Friedberg.

pb. Butzbach, 5. Mai. In der Schuhfabrik Jakob Rumps & Sohn konnten die Arbeiter Heinrich Mandler, Jakob Math. Wilhelm und Konrad Mandler auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Firma zurückblicken. Die Arbeitskameraüen wurden von der Betriebsführung in besonderer Weise geehrt, indem ihnen mit Geld­geschenken künstlerisch ausgeführte Diplome über­reicht wurden.

Kreis Alsfeld.

w Alsfeld, 6. Mai. In einer unter dem Vor­sitz des Stadtbaumeisters M a l k m u s abgehaltenen Sitzung des Verschönerungsausschusses

des hiesigen Verkehrs- und Verschöne­rungsoereins befaßte man sich eingehend mit der Instandsetzung und Erweiterung der städtischen Anlagen. Es wurde eine zweckdienliche Ausgestal­tung der Anlagen amVölsingsberg", in denEr­len" und in derSteinkaute" beschlossen. Der Gar­ten des früheren Kasinoanwesens, das in städtischen Besitz übergegangen ist, soll als Erholungsplatz in­mitten der Stadt als Volksgarten hergerichtet wer­den, in welchem gelegentlich Konzerte und ähnliche Veranstaltungen abgehalten werden sollen. Dem­nächst wird Gartenbauarchitekt Schwarz (Gießen) über die Anlage von Zier- und Vorgärten, sowie über Fensterblumenschmuck einen öffentlichen Vor­trag halten. Außerdem ist demnächst ein Vor­trag des Landschaftsgestalters der Reichsautobahn, Gartenbauarchitekt Hirsch (Wiesbaden), in Aus­sicht genommen über die Ausgestaltung des Land­schaftsbildes im Zusammenhang mit der Reichsauto­bahn unter besonderer Berücksichtigung der Anlagen in denErlen", die durch Hinzukauf von Gelände und im Wege der Zusammenlegung im Feldbereini­gungsverfahren eine wesentliche Erweiterung und Neugestaltung erfahren sollen. Für den Wettbewerb im Fensterblumenschmuck ist vom Verein ein ansehn­licher Betrag in diesem Jahre vorgesehen.

Kunstturn ° Länderkampf Italien Deutschland ein­gesunden. Die deutschen Turner schlugen sich ganz ausgezeichnet. Sie konnten den am Nachmittag er­rungenen knappen Vorsprung nicht nur halten, sondern noch weiter ausdehnen und in der Gesamt- Wertung mit 340,500:336,325 Punkten gewinnen. Der erste Kunstturn-Länderkampf zwischen beiden Nationen hat also den deutschen Turnern einen schönen Sieg gebracht.

Deutschland stellte in Schwarzmann mit 58,75 Punkten und Stangl mit 57,83 Punkten auch die besten Einzelturner. Auf den nächsten Plätzen in der Gesamtwertung folgten der ita­lienische Olympiasieger Neri mit 57,50 Punkten und dessen Landsmann C a p u z z o mit 56,48 Punkten.

Bei den Hebungen am Reck wiesen die deutschen Vertreter eine klare Ueberlegenheit über die Italiener auf. Ihre Vorführungen waren aus­gezeichnet, weitaus schwieriger, beherrschter und auch eleganter vorgetragen als die der Italiener. Durch den ganzen Länderkampf hindurch zog sich die klare Scheidung in der Auffassung. Die Italiener bevor­zugten den Schwung, während die deutschen Turner ihre Hebungen mehr auf Kraft und Stärke auf­bauten.

Die Barrenübungen waren bei beiden Mannschaften ziemlich ausgeglichen, an den Rin­gen gab es wieder wie schon am Nachmittag bei den Pferdsprüngen Meinungsverscksieden- heiten bei den Kampfrichtern über die Art der Bewertung. Am Querpferd hatte Stadel Pech und fiel dadurch auf den letzten Platz zurück.

(Sportler auf Briefmarken.

OJl.-'Sport

Handball: ÜnivekW Gießen-llniverW Halle.

!lm die Deutsche Hochschulmeisterschast im Handball.

Arn Freitagmittag treffen die Mannschaften der Universitäten Gießen und Halle im Vorschluß­rundenspiel um die Deutsche Hochschulmeisterschaft im Handball auf dem hiesigen Unioersitätssportplatz aufeinander. Für die Gießener, die sich im letzten Semester durch eindrucksvolle Siege gegen Darm­stadt und Heidelberg zu diesem Spiel qualifizierten, hängt vom Ausgang des Treffens sehr viel ab. Gilt es doch, mit einem etwaigen Siege sich die An­wartschaft auf den stolzen Titel eines Deut­schen H o ch s ch u l m e i st e r s zu sichern. Dies scheint nicht unmöglich, denn die Gießener Studen­ten bilden eine geschlossene, durchschlagskräftige Ein­heit, die neben technisch gutem Spiel auch zu kämp­fen versteht.

Die Mannschaft spielt am kommenden Samstag in folgender Aufstellung:

Grünig Winter, Seipp Eckert, Volz, Wenzel Barth, Weigand, Hüfner, Watz, Grund.

Mit Grünig im Tor, den beiden Verteidigern und dem Mittelläufer Volz ist eine Hintermann­schaft vorhanden, die sich so leicht nicht überrum­peln lassen wird. Die beiden Außenläufer sollten ihren Mann stehen, und wenn im Sturm Hüfner sich mit seinen Nebenleuten so gut versteht, wie in den letzten Spielen, dann können Torerfolge nicht ausbleiben.

Heber die Mannschast der Hniversität Halle ist nichts bekannt, sie wird aber jedenfalls alles tun, den Gießenern das Leben so sauer wie möglich zu machen. Das Gießener Handballpublikum sollte sich diesen Kampf nicht entgehen lassen.

Die hiesige Hniversitätsmannschaft erwartet außerdem die höchst ehrenvolle Ausgabe, neben Bonn und Aachen als einzige auswärtige Mann­schaft an dem Handballturnier anläßlich der 550- Jahrfeier der Hniversität Heidelberg im Juni dort teilzunehmen.

Weitere Großkä'mpse um die Meisterschasten.

Vorentscheidungen im Fußball.

Der vorletzte Spieltag in den vier Gaugruppen zur Deutschen Meisterschaft wird nicht nur acht große Spiele, sondern vielleicht auch schon die ersten Gruppensieger bringen.

3n der Gaugruppe IV kann Fortuna Düssel­dorf endgültiger Inhaber des ersten Platzes wer­den, wenn sie in Kassel dem 1. FC. Hanau 93 beide Punkte abnimmt. In Bonn stehen sich der Kölner CfR. und SV. Waldhof gegenüber. Der Ausgang dieses Spieles ist nur noch im Falle eines Punkt­verlustes der Düsseldorfer von Bedeutung.

In der G a u g r u p p e III hat der 1. FC. Nürn­berg die Chance, Endsieger zu werden. Dazu müßte er allerdings bei den Stuttgarter Kickers gewinnen oder unentschieden spielen und Wormatia Worms in Jena gegen den dortigen 1. SV. unentschieden kämpfen bzw. verlieren.

In der Gaugruppe II dürfte Vorwärts Rasensport Gleiwitz die Anwartschaft auf den Gruppensieg zuhause gegen den Tobd. Eimsbüttel bewahren können. Werder Bremen müßte bei Viktoria Stolp knapp gewinnen.

In der Gruppe I wird dagegen kaum eine Aenderung der Lage eintreten, da kaum anzuneh­men ist, daß Schalke 04 in Berlin gegen den BSV. 92 und Polizei Chemnitz in Allenstein gegen die Soldatenmannschaft Hindenburg Punkte ein­büßen.

3m Handball.

Die an den Gruppenspielen zur Deutschen Meister­schaft beteiligten Handball-Mannschaften absolvieren am Sonntag die ersten Spiele der Rückrunde.

In der Gruppe IV ist man darauf gespannt, wie der Kampf in Darmstadt zwischen dem deut­schen Exmeister MSV. Darmstadt und dem vor­aussichtlichen Gruppensieger Rasensport Mülheim enden wird. Der SV. Waldhof trifft nun zuhause auf Kurhessen Kassel, das von dem badischen Meister erst am vergangenen Sonntag so hoch geschlagen wurde. In der Gruppe III dürfte Hindenburg Minden auch beim To. Obermendig ohne Punkt- verlust bleiben. In Altenstadt stehen sich To. Alten­stadt und die Spogg. Fürth gegenüber.

Die Spiele der beiden übrigen Gruppen heißen: Gruppe II: To. Oberalster Hamburg KTV. Stettin in Hamburg, MSV. Magdeburg Post Hannover in Magdeburg; Gruppe I Post Oppeln gegen Berliner SV. 92 in Oppeln, MTSA. Leipzig gegen Hindenburg Bischossburg in Leipzig.

Deutscher Turnersieg über Italien.

Kunsliurn-Länderkampf ItalienDeutschland in Mailand 336,325 :340,500 Punkte.

Trotz der zahlreichen Siegesfeiern in ganz Italien hatten sich zu den restlichen vier Hebungen im Teatro Lirico in Mailand zahlreiche Zuschauer zum

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Zu den Olympischen Spielen in Berlin gibt die Reichspost eine Reihe von Sonderwertzeichen heraus, die vom 9. Mai ab verkauft werden. Die Marken, die , Entwürfe des Münchener Künstlers Max Eschle sind, zeigen die verschiedensten Sport­darstellungen. Die Werte sind in den Farben der üblichen Briefmarken gehalten, haben jedoch Zu­schläge, die den Olympischen Spielen zufließen. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Hamstern SieSonne"!

Sonne ist Kraft und Energie. Sie können gar nicht genügend davon in sich aufnehmen! Aber Vorsicht vor Sonnenbrand! Nivea erlaubt Ihnen, in Sonne zu schwelgen, wenn Sie sich vorher immer gründlich und nach Bedarf wiederholt damit einreiben.

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Roman von Marlise Kölling.

Hrheberrechtsschutz: Verlag Oskar Meister, Werdau.

9. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Daß sie sich aber auch noch gar keine Gedanken über die Einzelheiten der Zukunft gemacht hatte! Doch dazu war schließlich alles viel zu schnell vor sich gegangen die Tage waren ihr wie im Wir­bel dahingeschwunden: Die Auseinandersetzung mit der Mutter, die es nicht begreifen konnte, wie man diesen Wahnsinn begehen und sich aufs Land ver­graben konnte. Die Hnterredung mit dem Per­sonalchef und ihre Bitte um Entlassung heute, wo sofort andere zur Stelle waren, wenn jemand seinen Arbeitsplatz aufgab.

Warum kündigst du denn so voreilig", hatte Mutter gejammert,sieh dir die Geschichte doch erst mal an, vielleicht findest du selbst, daß es unmöglich ist, dann bist du die schöne Stellung los." '

Schöne Stellung auf einmal zitterte Mutter um diese Stellung, von der sie sonst nicht wegwer­fend genug sprechen konnte. Aber sie hatte doch ge­kündigt sie wollte alle Brücken hinter sich ab­gebrochen haben. Vielleicht würde das neue Le­ben schwer sein. Aber ob schwer, ob leicht, es war wirkliches Leben, wie sie es brauchte. In der großen Stadt ging sie auf die Dauer zugrunde, das fühlte sie mit jedem Tag mehr.

Auf die Zukunft, Benedikte!" Hans-Hermann riß sie aus ihrem Sinnen, er hob das Glas mit dem funkelnden Wein.Auf unsere Zukunft, Benedikte!"

Sie stieß mit ihm an, aber sie wich seinem werbenden Blick aus, obwohl sie fühlte, wie Trau­rigkeit sein hübsches, etwas weiches Gesicht über­schattete. Eine Ahnung kam ihr, daß das zukünf­tige Leben vielleicht noch in einem ganz anderen Sinne schwierig werden würde ---

Plötzlich fuhr sie zusammen. Eine größere Gesell­schaft kam mit Lachen und lebendiger Fröhlichkeit in das Lokal, ein paar sehr gutgekleidete Herren in offenen Automänteln, die Brillen über die Stirn ge­schoben. Sie sprachen eine Sprache, die Benedikte als skandinavisch empfand, vielleicht schwedisch.

Der eine der beiden Herren schien hier im Lokal sehr bekannt zu sein, denn der Geschäftsführer eilte mit großer Beflissenheit auf ihn zu.

Guten Tag, Herr Brendel", sagte der große blonde Herr mit etwas fremdartigem Deutsch,wie geht es denn? Ja, nun sind wir auch wieder mal da, wollen den Sommer auf unsererBurg" ver­bringen. Ach, Steffens, kommen Sie doch mal her."

Der Betreffende näherte sich und wurde in aller Form dem Geschäftsführer vorgestellt:Das ist mein Freund Steffens, ein Verehrer guten Rot­spons, Herr Brendel, also legen Sie einmal Ehre ein.

Wollen wir diesen Tisch nehmen, Ena?" wandte er sich jetzt an eine sehr elegante schlanke Frau mit leidenschaftlichem, dunklem Gesicht, in dem die vollen Lippen sehr rot standen. Bitte, Peggy, hier"

Ein zierliches rothaariges Geschöpfchen mit fun­kelnden braunen Augen war hinter der großen Dunklen aufgetaucht. Die Gesellschaft nahm lachend und plaudernd an einem runden Tisch in der Ecke des Speiseraumes Platz.

Benedikte rückte hastig so, daß der Kleiderständer sie verbarg.

Was hast du denn, stört dich die Sonne?" fragte Hans-Hermann, willst du den Platz mit mir tauschen?"

Nein, nein, danke, ist schon gut", erwiderte Be­nedikte unterdrückt. Wie gerne hätte sie den Platz des Vetters genommen, aber sie wagte sich nicht zu rühren. Sie hatte den einen der Herren erkannt. Das war jener unverschämte Mensch aus Berlin. Hoffentlich hatte er sie nicht erkannt.

Jetzt wandte der Herr sich um und rief den Kell­ner. Dabei streifte fein Bl'ck gleichgültig über Be­nedikte. Er stutzte, etwas wie ein Erkennen schien in seinen Augen aufzublitzen, aber gleich darauf machte er wieder ein völlig unbeteiligtes Gesicht.

Hat er mich nun erkannt oder nicht?" dachte Benedikte bei sich. Aber dann stieg Aerger in ihr hoch über ihre eigene Aengstlichkeit. Mochte dieser unverschämte Mensch tun und lassen, was er wollte, schließlich würde er ja nicht immer ihren Weg kreuzen. Hnd wenn dann war sie ja be­stimmt imstande, sich seiner zu erwehren.

Als sie mit Hans-Hermann das Hotel verließ, schaute der Fremde nicht auf. Hnd doch hatte sie es ganz sicher im Gefühl, er beschäftigte sich in Gedan­ken mit ihr.

Ob er am Ende auf dem Dampfer sein würde? Der große blonde Herr schien ja hier in der Gegend daheim, der andere dagegen fremd zu sein. Vielleicht hielt er sich nur besuchsweise hier auf.

Und wirklich, ihre Bestürzung erwies sich als grundlos. Denn als sie mit Hans-Hermann den kleinen Dampfer bestieg, der die Verbindung zwi­schen dem Festland und der Insel herstellte, war niemand von der Gesellschaft aus demGoldenen Löwen" zu sehen.

Bald hatte sie alles vergessen vor der unendlichen Schönheit der Fahrt. Mit Hans-Hermann zusam- men saß sie vorn am Bug des kleinen Dampfers. Es waren wenig Fahrgäste an Bord. Die Jah­reszeit war für die Binnenländer noch nicht ver­lockend, und Fremde kamen um diese Vorfrüh- lingszeit noch nicht auf die Insel. In der zweiten Kajüte saßen noch einige Inselbewohner, sonst aber war der Dampfer fast leer.

Warm eingehüllt in ihren Mantel, eine weiche Mütze tief über das blonde Haar gezogen, saß Benedikte und schaute mit glückseligen Augen hin­aus in die blauen Fluten und das Schäumen des Boddens. Soweit das Auge reichte, nur Blau und Gold und Himmel. Dazu ein herrlicher Wind, der alle Stadtmüdigkeit aus den Gliedern herausblies. Benediktes blasses Gesicht zeigte eine sanfte Röte, als pulste das Blut schneller durch den Körper. Eine Strähne des lockeren Haares hatte sich unter dem Mützchen heroorgestohlen und leuchtete in goldenem Wehen.

Hans-Hermann sah Benedikte an. Wie schön sie war mit dem erhobenen Kopf, den leicht geöffneten Lippen, bre die Klarheit und Herbe der Luft in sich hineinzutrinken schienen. Wie schön sie war und wie er sie lieb hatte! Er drückte ihre Hand und sie, glücklich, selbstvergessen, erwiderte den Druck.

Ach, ich bin froh", sagte sie plötzlich aus tieffter Seele,mir ist, als wäre die große Stadt schon nicht mehr wahr, Hans-Hermann, ein schlimmer Traum, als käme jetzt etwas ganz Wundervolles und ganz Neues für mich."

Für uns, Sena", sagte Hans-Hermann leise. Aber der Wind nahm die Worte und verwehte sie in den leuchtenden Vorfrühlingstag, verwehte sie in das Knattern und Rauschen einer großen schmucken Motorjacht, die jetzt an ihnen vörüber- glitt.

Das dunkle Mahagoniholz des schnittigen Boots

leuchtete in der letzten Abendsonne glühend rot auf. Die Wellen schäumten, ein glänzender Lichtstreifen floß hinter der Jacht her.

Hans-Hermann war aufgesprungen. Bei seiner Leidenschaft für jeden Sport begeisterte ihn der Bau und die Schnelligkeit dieser Rennjacht.

Hast du gesehen, Bena? Prachtvoll! Wer doch auch so etwas besitzen könnte!"

Benedikte schüttelte den Kopf:

Hermännle, Hermännle, nicht immer so hoch hinaus mit den Wünschen. Wenn wir nur einen richtigen gemütlichen Schifferkahn haben und nach Feierabend einmal schön hinausrudern können, will ich schon ganz zufrieden sein."

Unruhe stand in Hans-Hermanns Gesicht:

Zufriedenheit immer Zufriedenheit ich hasse dies genügsame Sich-selbst-bescheiden! Damit kommt man im Leben nicht weiter."

Benedikte stellte sich neben ihn. Sie hatte die Hand über die Augen gelegt und spähte hinaus in öie Ferne, dorthin, wo sich an der Kimmung wie eine zarte blaue Linie die Insel abzeichnete.

Braucht man viel weiter zu kommen, als zur Heimat", fragte sie halb für sich.Braucht man mehr als ein Stückchen Erde--?"

Du bist sehr anspruchslos, Benedikte", antwortete der Vetter etwas trotzig.

Benedikte schaute ihn ruhig an:

Oder anspruchsvoll, Hans-Hermann. Denn ich wünsch' mir das Kostbarste: Irgendwo in der deut­schen Heimat wirklich daheim sein zu dürfen--!"

Hans-Hermann schwieg. Das unruhig-traurige Gefühl in ihm verstärkte sich. Was alles hatte er von diesen Wochen mit Benedikte erhofft! Nun war es ihm, als gäbe es bei ihnen gänzlich verschiedene Schwingungen, als verständen sie sich plötzlich nicht mehr so gut wie früher. Aber das bildete er sich vielleicht auch nur ein. Vermutlich war er nerpäo. Es war ja auch keine Kleinigkeit, sich für-vcke unab­sehbare Zeit auf ein ganz anderes Sieben umzu­stellen. Es dünkte ihn schon so unepMich lange her, feit er hatte Landwirt werden women. Damals war er doch Volontär auf dem Guue feiner Freunde Kerssows gewesen, aus der R^fhe der anderen Vo­lontäre und Angestellten hercmsgehoben durch seins Freundschaft mit Diether Kerssow. War da die Ar­beit beendet gewesen, bann' hatte man doch dio Möglichkeit gehabt, sich wieder in feinem Kreise zu bewegen. ; (Fortsetzung folgt.)